Das Lager war im Verlaufe der 12 Jahre der NS-Herrschaft eine alltägliche, fast unvermeidbare Erscheinung. Allein die Lager für die erwerbslosen Arbeiter im »Reichsarbeitsdienst« ebenso wie die Lager der Arbeiter, welche zunächst die Reichsautobahnen, dann den so genannten »Westwall« an der Grenze zu Frankreich errichteten, beherbergten bereits hunderttausende von jungen Männern. Damit verbunden war offenbar die Vorstellung, dass sich die Widrigkeiten und Herausforderungen des modernen Lebens am ehesten durch militärische Organisation, durch Militarisierung der Arbeit und des Lebens meistern ließen. Sogar Fortbildungskurse und Lehrgänge für Studenten, Ärzte oder Rechtsanwälte wurden nun »lagermäßig« organisiert, Schüler fuhren im Sommer ins Ferienlager, Sportler ins Sportlager – und immer sollte sich darin das Provisorische, das Kollektive, das Militärische ausdrücken. Für jede Form der zivilen Unterbringung wurde mit dem Lager das militärische Gegenstück geliefert, durchweg mit interner Lagerorganisation, Lagerältesten, Aufsehern, festem Reglement, Appellen und »Essenfassen« und verbunden mit einer Ideologie des Naturnahen, Unverbrauchten, Kollektiven, Gesunden im Gegensatz zu den individualistischen Bequemlichkeiten, die das zivile Leben und die Moderne insgesamt boten.
Während des Krieges stieg die Zahl der Lager in Deutschland wie in dem von ihm beherrschten Europa ins schier Unermessliche. Die Millionen ausländischen Arbeiter lebten in Lagern, deren Bandbreite von der eines Arbeiterlagers des Reichsarbeitsdienstes bis in die Nähe der Konzentrationslager reichte. Verstießen sie gegen die Arbeitsbestimmungen, und dazu reichte schon mangelhafte Arbeitsleistung, wurden sie in Arbeitserziehungslager gesteckt, Bestrafungsinstitutionen mit KZ-artigen Bedingungen. Die Millionen Kriegsgefangenen aus Frankreich und Polen, aus Nord– und Südeuropa, schließlich vor allem aus der Sowjetunion, lebten in Massenlagern – wenn sie diese denn erreichten, denn ein Großteil der sowjetischen Kriegsgefangenen starb vor Erreichen des Reichsgebiets im Hinterland der Ostfront an Hunger und an Seuchen. Die so genannten Volksdeutschen, die im gerade besetzten Polen die Bauernhöfe und Häuser der zu vertreibenden Juden und Polen übernehmen sollten, wurden vorübergehend in Auffanglagern untergebracht. Die deutschen Mädchen und Jungen, die als Erntehelfer in der Landwirtschaft »eingesetzt« wurden, kamen in Erntehelferlagern unter. In Nazi-Deutschland wurde das Lager zur Lebensform, zum Ausdruck unentwegter Mobilisierung. Zum Symbol des permanenten Ausnahmezustands.[1]
Ich möchte meine Überlegungen dazu in zwei Teile gliedern. Im ersten versuche ich, einen Überblick über den Stand der Forschung zur Geschichte der Konzentrationslager zu gewinnen und dabei die verschiedenen Phasen der Entwicklung und die ihnen jeweils zugehörigen Varianten und Radikalisierungen des NS-Lagersystems herauszuarbeiten.[2] In einem zweiten Schritt will ich versuchen, die nationalsozialistischen Konzentrationslager und darüber hinaus den nationalsozialistischen Lagerkosmos insgesamt historisch einzuordnen und seine verschiedenen Funktionen zu systematisieren – zum einen zeitlich, indem ich die Bedeutung des NS-Lagersystems in der Perspektive vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu beleuchten versuche. Zum anderen räumlich, indem ich die Lager im nationalsozialistischen Deutschland mit Lagern und Lagersystemen in anderen Ländern vergleiche.
Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager war nicht durch eine von vornherein festgelegte Konzeption gekennzeichnet, sondern stellt sich als ein rapider Prozess der Entwicklung, Veränderung, Ausweitung und Radikalisierung dar, verbunden mit einem allmählichen und tief greifenden Funktionswandel. Das riesige Netz der Konzentrationslager, in dem in der letzten Kriegsphase mehr als eine halbe Million Gefangene inhaftiert waren, scheint mit der Situation während der Frühphase des Regimes, als einige tausend politische Häftlinge zunächst in »wilden«, dann in zentral organisierten Konzentrationslagern eingesperrt waren, nurmehr wenig gemein zu haben.
Um diese rasende Entwicklung, die sich noch dazu in einem so kurzen Zeitraum von weniger als zwölf Jahren vollzog, knapp veranschaulichen und charakterisieren zu können, sollen fünf Phasen unterschieden werden: 1933/34, 1935/36, 1936 bis 1939, 1939 bis 1941/42 sowie 1942 bis 1945.[3] Unter »Konzentrationslager« verstand die Weltöffentlichkeit bald und vor allem nach dem Krieg jedes Lager, in dem die Deutschen ihre Gegner oder rassische Minderheiten einsperrten, quälten und umbrachten. Und in der Tat gab es eine unübersehbare Zahl von deutschen Behörden und Institutionen, die für kurze oder längere Zeit Straflager welcher Form auch immer einrichteten, manchmal mit, manchmal ohne Mitwirkungen von Polizei und Gestapo. Das Folgende bezieht sich jedoch allein auf die Lager, die der »Inspektion der Konzentrationslager« der SS bzw. (seit 1942) der Amtsgruppe D des Wirtschafts– und Verwaltungshauptamts der SS unterstanden und explizit »Konzentrationslager« genannt wurden.[4] Nach dem bisherigen Stand der Forschung lassen sich bis 1945 22 Haupt– und über 1 200 Nebenlager nachweisen.
In der ersten Phase entstanden überall in Deutschland kleinere und größere Lager oder andere gefängnisähnliche Einrichtungen, um die politischen Gegner der Nationalsozialisten einzusperren. Sie wurden von unterschiedlichen Institutionen organisiert und errichtet: von der SA, von den neuen nationalsozialistischen Polizeichefs in den Ländern und Städten oder von der SS.[5] Im Sommer 1933 wurden mehr als 26 000 Menschen (die überwiegende Mehrheit Männer) in diesen Haftstätten gefangen gehalten; sie waren den schnell zusammengestellten, meist aus SA, SS oder Hilfspolizeiverbänden gebildeten Wachmannschaften weitgehend hilflos ausgeliefert. Die Orgie der Gewalt, die die Unterdrückung der Gegner des Nationalsozialismus in dieser Phase begleitete, traf die deutsche, aber auch die internationale Öffentlichkeit wie ein Schock, weil ein so exzessives und brutales Vorgehen in einem zivilisierten Land wie Deutschland vordem nicht für möglich gehalten worden war.[6] Diese Beurteilung kannte noch die Relationen eines demokratischen Landes, obwohl auch in der Weimarer Zeit das öffentliche Leben durch ein hohes Maß an Gewalttätigkeit geprägt gewesen war. Aber verglichen mit der Entwicklung der Konzentrationslager seit Kriegsbeginn und vor allem seit 1941/42 wirken die Ereignisse von 1933/34 im Rückblick doch anders: Sie bezeichnen die Gewalttätigkeit eines sich etablierenden diktatorialen Systems, aber es unterschied sich von anderen Diktaturen zu diesem Zeitpunkt noch nicht grundlegend.
Die Ernennung Himmlers zum Leiter des preußischen Geheimen Staatspolizeiamts als Nachfolger von Rudolf Diels im April und die Ermordung der SA-Führung im Juni 1934 markierten den Sieg der bayerischen Gruppe der SS-Führung um Himmler und Reinhard Heydrich im Kampf um die Politische Polizei und die Konzentrationslager über die rivalisierende SA um Ernst Röhm und die neuen Länder– und Gauadministrationen. Der einheitlichen Ausrichtung der verschiedenen Konzentrationslager nach dem Modell des von Theodor Eicke geleiteten Konzentrationslagers Dachau entsprach in dieser Zeit die Vereinheitlichung der Politischen Polizei im gesamten Reichsgebiet unter Himmler, Heydrich und Best.[7] Die Phase zwischen 1934 und 1936 ist daher gekennzeichnet durch die Reorganisation der Konzentrationslager durch Eicke mit Hilfe der »Inspektion der Konzentrationslager« und den Versuch, die Konzentrationslager jeglichen Einflusses anderer Behörden zu entziehen. Mit der Ernennung Himmlers zum Chef der deutschen Polizei, dem dritten Gestapo-Gesetz und der Zusammenführung von Politischer Polizei und Kriminalpolizei unter dem Dach der »Sicherheitspolizei« war diese Phase im Frühsommer 1936 abgeschlossen. Die traditionellen Behörden hatten nun innerhalb der Konzentrationslager keinerlei Befugnisse mehr.
Die Zahl der KZ-Häftlinge war in dieser Phase auf den niedrigsten Stand gefallen: Im Sommer 1935 waren weniger als 4 000 Häftlinge in den Lagern des Reichsgebiets eingesperrt – Ausdruck der Tatsache, dass sich der Nationalsozialismus in Deutschland vollständig etabliert und seine Gegner politisch isoliert, eingesperrt oder umgebracht hatte.
Die Zeit von 1936 bis Ende 1938 kann man zusammenfassend mit dem Begriff »Von der Gegnerbekämpfung zur rassischen Generalprävention« überschreiben. Die damit verbundene Ausweitung des Gegnerbegriffs war verknüpft mit der Neugründung einer Reihe von Konzentrationslagern, darunter die in Sachsenhausen und Buchenwald, und dem Anstieg der Häftlingszahlen. Nachdem das NS-Regime es in relativ kurzer Zeit erreicht hatte, seine politischen Gegner nahezu vollständig auszuschalten, erweiterte sich jetzt die Perspektive: Nun waren die Bedingungen gegeben, um, wie es in der Sprache der völkisch-rassistischen Ideologen hieß, diejenigen Elemente innerhalb des deutschen Volkes zu bekämpfen, die die »gesunde Substanz« dieses Volkes schädigten. Ausgangspunkt dieses Gedankens war es, dass die als Abweichung vom Gesunden und Normalen verstandenen Verhaltensweisen (von Kriminalität über »Asozialität« bis hin zu Trunksucht oder Arbeitsscheu) entweder als erworben anzusehen waren – dann mussten sie durch Erziehung, Strafe und Disziplin korrigiert werden. Oder aber sie waren als Ausdruck des Erbguts, der Veranlagung des Einzelnen anzusehen – dann musste dieser durch Isolierung und »Ausmerze« vom gesunden Teil des deutschen Volkskörpers abgetrennt werden. Ziel dieses Vorgehens war es, auf der Grundlage eines gesellschaftsbiologischen Programms den rassischen Wert des deutschen Volkes durch scharfe Auslese insgesamt zu erhöhen bzw. wiederherzustellen.[8]
Im Sommer 1936 wurde mit der Errichtung des Lagers Sachsenhausen bei Berlin begonnen. Nachdem zuvor eine Reihe kleinerer Konzentrationslager geschlossen worden war, wiesen nun bereits die Größenordnungen der auch im Hinblick auf den zu erwartenden Krieg in Sachsenhausen und dann in Buchenwald neu errichteten Lager auf die Dimensionen der anvisierten Zahlen von Neueinweisungen in die Konzentrationslager hin. Am Beispiel des KL Sachsenhausen und seines Außenlagers Neuengamme bei Hamburg, das 1940 selbständiges Konzentrationslager wurde, wird auch die gewandelte Bedeutung der Häftlingsarbeit offenbar. In beiden Lagern wurden SS-eigene Klinkerwerke zur Ziegeleiproduktion errichtet und die Häftlinge unter schrecklichen Bedingungen zur Arbeit in den Tongruben und Klinkerwerken herangezogen.[9] Die Produktion diente aber vor allem den zu dieser Zeit grassierenden gigantischen städtebaulichen Projekten der NS-Führung und war nicht unmittelbar rüstungsbezogen. Die denkbar schlechten Arbeitsbedingungen, welche bald hohe Todesraten nach sich zogen, und die geringe Produktivität der Werke in beiden Konzentrationslager zeigen jedoch, dass die Behandlung der KZ-Häftlinge nach wie vor nicht in erster Linie von Rentabilitätsgesichtspunkten geprägt war. Das Prinzip der Unterdrückung, Erniedrigung – und gegenüber bestimmten Verfolgtengruppen auch des Vernichtungswillens – blieb vorrangig.[10]
Seit 1937/38 veränderte sich die Häftlingsstruktur. Der Anteil der nicht wegen politischer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, sondern aus »gesellschaftsbiologischen« Gründen Eingesperrten wurde nun größer: In verschiedenen Razzien und »Aktionen« von Gestapo und Kriminalpolizei wurden in diesen Jahren vor allem so genannte Arbeitsscheue, Asoziale und Berufsverbrecher festgesetzt und in die Lager eingeliefert.[11]
Durch die Pogrome der »Reichskristallnacht« im November 1938 wurde ein weiterer eskalierender Schritt getan. Bis dahin waren Gestapo und die Konzentrationslager bei der antijüdischen Politik des Regimes nicht führend beteiligt gewesen. Nachdem die Ausschreitungen während des Pogroms gegen die Juden in der deutschen Öffentlichkeit und innerhalb des Regimes selbst auf scharfe Kritik gestoßen waren, wurde die Federführung bei den weiteren Maßnahmen gegen die Juden der Sicherheitspolizei und ihrem Chef Heydrich übertragen. Um die »Ausreisewilligkeit« der Juden zu erhöhen, ließ Heydrich mehr als 25 000 jüdische Männer festnehmen und in die Konzentrationslager, vor allem nach Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau, bringen. Gegenüber der von SA und Teilen der Partei bis dahin betriebenen Politik des Straßen– oder Radauantisemitismus hatte sich die in legalistische Formen gekleidete, besser organisierte, ohne Öffentlichkeit durchgeführte, zugleich aber radikalere antijüdische Politik der Führung von SS und Sicherheitspolizei durchgesetzt. Am Ende des Jahres 1938 befanden sich beinahe 60 000 Häftlinge in den Konzentrationslagern, die meisten von ihnen (vor allem die nach dem Pogrom inhaftierten Juden) allerdings nur für kurze Zeit. Die Errichtung weiterer Konzentrationslager war nun eine offenkundige Notwendigkeit.[12]
Am Vorabend des Kriegsausbruchs lag die Zahl der inhaftierten KZ-Insassen bei über 21 000, wobei der Anteil der »Politischen« unter ihnen – bezogen auf das gesamte Lagersystem und die Spezifika der einzelnen Konzentrationslager bewusst ausklammernd – bei etwa einem Drittel lag.
Die Entwicklung zwischen 1939 und 1941/42 ist durch vier Faktoren gekennzeichnet:
1 • Die Häftlingszahlen schnellten nach Kriegsbeginn hoch und verdoppelten sich binnen kurzem. Zugleich wurden die Konzentrationslager in drei Kategorien geteilt, welche die Härte der Behandlung und der Lebensbedingungen anzeigten.
2 • Dies rührte zum einen von der Inhaftierungswelle in Deutschland nach Kriegsbeginn her: Insbesondere potentielle politische Gegner wurden eingesperrt. Der bei weitem überwiegende Teil der Konzentrationslagerhäftlinge setzte sich seither aber aus Einwohnern der von Deutschland besetzten Länder zusammen, vor allem Polen, Franzosen, Tschechen, Jugoslawen, Holländer, Belgier; darunter auch viele Juden und so genannte Zigeuner.[13] Seit 1940 waren die deutschen Häftlinge in den Lagern in der Minderheit. Zugleich nahm die Zahl der in den besetzten Gebieten von den Organen der deutschen Sicherheitspolizei – die bei Kriegsbeginn mit dem Sicherheitsdienst (SD) der SS organisatorisch zum Reichssicherheitshauptamt der SS (Reichssicherheitshauptamt )vereinigt worden war – errichteten Lager und Haftstätten erheblich zu, und bald waren mehr Häftlinge in diesen Lagern eingesperrt als in den Konzentrationslagern des Reichsgebiets.
3 • Die Bedeutung der Häftlingsarbeit stieg weiter an; die Konzentrationslager blieben jedoch Produktionsstätten der SS, die zur Herstellung von Baugrundstoffen (insbesondere Ziegel) für den geplanten nationalsozialistischen Städtebau genutzt wurden. Eine rüstungsbezogene Produktion fand in den Konzentrationslagern in dieser Phase nach wie vor nicht statt. Zudem blieb die Produktivität äußerst gering. Die wirtschaftlichen Ziele der Häftlingsausbeutung sind – allen entgegengesetzten Bekundungen der SS-Führung zum Trotz – als sekundär anzusehen.
4 • Die Todeszahlen stiegen in dieser Phase in enorme Höhen: im KZ Dachau von vier Prozent im Jahre 1938 auf 36 Prozent 1942, in Buchenwald von zehn Prozent 1938 auf 19 Prozent 1941. Im KZ Sachsenhausen starben 1938 229 Menschen (am 31. Dezember 1938 befanden sich dort 8 309 Menschen in Haft), 1941 bereits 1 816 (von Ende 1941 11 111 inhaftierten KZ-Häftlingen). In Mauthausen, dem schlimmsten aller im Reichsgebiet gelegenen Lager und dem einzigen der Kategorie III, stieg die Sterblichkeitsrate von 24 Prozent (1939) auf 76 Prozent (1940).[14]
Zweite Kriegsphase: Herbst 1941 bis Kriegsende
Der Übergang zur letzten Phase war durch drei Ereignisse zwischen Mitte 1941 und dem Frühjahr 1942 gekennzeichnet: den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941, den Beginn der planmäßigen Deportation und Ermordung der europäischen Judenschaft durch die Einsatzgruppen in der Sowjetunion und die Errichtung der Vernichtungslager auf polnischem Gebiet sowie die Errichtung des Wirtschafts– und Verwaltungs-Hauptamts der SS (WVHA) als neue zentrale Befehlsstelle der Konzentrationslager.
Die zwischen dem Herbst 1941 und Kriegsende in Gang gekommenen Entwicklungen und insbesondere die begangenen Massenverbrechen in den Konzentrations– und Vernichtungslagern oder im Zusammenhang mit ihnen sind im Rahmen einer solchen kurzen Skizze nicht beschreibbar. Zum Verständnis des in diesem Zusammenhang hier Besprochenen seien nur vier Trends hervorgehoben:
1 • Die Zahl der KZ-Häftlinge stieg auf 203 000 (April 1943) und 524 000 (August 1944); am Ende des Krieges waren nach dem bisherigen Stand der Forschung mehr als 700 000 Menschen in den Konzentrationslagern inhaftiert. Der Anteil der Nichtdeutschen stieg in dieser Zeit auf über 90 Prozent, die deutschen Häftlinge waren seither eine sehr kleine, aber innerhalb der Lager einflussreiche Minderheit.[15] Die Zahl der KZ-Insassen bezeichnet zudem Ist-Stände an Stichtagen. Durch die hohen Todesraten ist die Gesamtzahl der für kürzere oder längere Zeit in den Konzentrationslagern Inhaftierten kaum seriös schätzbar.
2 • Die Errichtung der Vernichtungslager auf dem Gebiet des zerstückelten Polens bezeichnete den Beginn des systematischen Genozids an den Juden und den so genannten Zigeunern sowie der massenhaften Ermordung vor allem von Polen und Russen. Diejenigen, die in den Konzentrationslagern überhaupt als Häftlinge registriert wurden, hatten dabei die Selektionen bereits überstanden. Nur ein geringer Teil der deportierten Juden erreichte überhaupt die Konzentrationslager. In den Lagern, die auf dem Territorium des Deutschen Reiches lagen, stiegen die Todesraten vor allem durch Verhungernlassen und durch überschwere Arbeit hervorgerufene Auszehrung sowie in geringerem Umfang durch Erschießen und andere Hinrichtungsarten oder in Folge pseudomedizinischer Versuche.
3 • Parallel zum Amtsantritt Albert Speers als neuem Cheflenker der deutschen Rüstungswirtschaft und Fritz Sauckel als Organisator des Zwangsarbeitereinsatzes entstand mit dem WVHA unter Pohl die neue Organisationszentrale der SS zur mit großem Aufwand betriebenen Umstellung des Häftlingseinsatzes auf die Bedürfnisse der Rüstungsindustrie. Es gelang der SS jedoch nicht, innerhalb der Rüstungswirtschaft mit ihren KZ-eigenen Produktionsstätten über eine unbedeutende Randstellung hinaus zu gelangen. Die Produktivität der Konzentrationslager-Arbeit lag bei unter 15 Prozent im Vergleich zur privaten Industrie; der Produktionsausstoß bei unter 0,01 Prozent. Erst durch die Umstellung von der Produktion in KZ-eigenen Betrieben zur Errichtung von KZ-Außenlagern in der Nähe von bestehenden Privatunternehmen änderte sich dies, insbesondere seit Mitte 1943. Die Zahl dieser Außenlager stieg – vor allem seit Beginn des Jahres 1944 – über tausend, die Liste der daran beteiligten Firmen umfasst beinahe alle renommierten deutschen Industrieunternehmen.[16] Zwangsarbeit wurde zum bestimmenden Faktor im Leben und Leiden der KZ-Häftlinge. Aus der Perspektive der Rüstungswirtschaft aber blieb die Zwangsarbeit der KZ-Insassen, etwa im Vergleich zu dem »Arbeitseinsatz« der ausländischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen, eine quantitativ wie qualitativ zu vernachlässigende Nebenentwicklung.
4 • In der letzten Kriegsphase wurden KZ-Häftlinge vorzugsweise bei der Verlagerung von Fabriken in unterirdische Produktionsstätten verwendet, wo die durchschnittliche Überlebenszeit der Häftlinge auf einige Wochen und Monate sank. Vor allem in dieser letzten Phase kam es zu einer überaus engen und im Sinne des Regimes auch sehr erfolgreichen Kooperation zwischen SS und privater Industrie. Um die Kriegsproduktion in den vor Bombenangriffen sicheren Stollen und Höhlen, mehr aber die Sicherung der teuren Produktionsanlagen für die Zeit nach dem Kriege zu gewährleisten, wurden Zehntausende von Häftlingen eingesetzt, die aufgrund der Arbeitsbedingungen nur wenige Wochen überlebten. Hier wurden Arbeit und Vernichtung zu Synonymen.[17]
In Bezug auf die hier in Rede stehende Thematik sind zusammenfassend drei Aspekte noch einmal hervorzuheben:
1 • Die weitaus meisten Insassen und Opfer des nationalsozialistischen Konzentrationslager-Systems waren nicht Deutsche, sondern Angehörige der europäischen Nachbarländer. Der Anteil der Deutschen unter den KZ-Häftlingen war bei Kriegsende marginal; unter ihnen überwogen zudem die aus sozialen und rassischen Gründen Inhaftierten, der Anteil der deutschen politischen Häftlinge dürfte bei Kriegsende unter einem Prozent gelegen haben. Unter den ausländischen Häftlingen waren diejenigen aus der Sowjetunion und aus Polen die bei weitem größten Gruppen. Mehr als die Hälfte von diesen waren vordem als Zivilarbeiter oder Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit ins Reich gebracht worden und wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Vergehen von der Gestapo in die Konzentrationslager eingeliefert worden.
2 • Die Größenordnung der Zahl derjenigen Häftlinge, die im Verlaufe ihrer Haft in einem der im Reichsgebiet liegenden Konzentrationslager umgekommen sind, liegt nach unseren Schätzungen bei etwa 450 000, wobei mehr als ein Drittel dieser Todesfälle auf die letzten Kriegsmonate entfiel. Die weit überwiegende Zahl der zur Ermordung bestimmten Juden aus ganz Europa hat hingegen ein Lager von innen nie gesehen. Sie wurden in reine Vernichtungszentren wie Belzec oder Sobibor gebracht, auf der Rampe vor den Lagern Auschwitz oder Majdanek selektiert und in die Gaskammern geschickt – oder sie wurden, wie die Mehrzahl der sowjetischen Juden, von deutschen Einheiten oder von einheimischen Truppen auf deutschen Befehl bei Massenerschießungen getötet.
3 • Die Behandlung der Häftlinge in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern folgte durchweg politischen, ideologischen und später auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten; sie entsprach den Zielen und Vorstellungen der nationalsozialistischen Machthaber in Partei und Reichssicherheitshauptamt und war, sieht man von den letzten Tagen und Wochen des Krieges ab, nicht das Ergebnis schlechter Organisation oder zu geringer zur Verfügung stehender Ressourcen. Die (auf die Unterdrückung der politischen Gegner aufbauende) Isolation und schließlich systematische Vernichtung von Millionen als »minderwertig« angesehenen Gruppen, vor allem der Juden, ist nicht als Mittel zur Erreichung anderer, etwa militärischer oder wirtschaftlicher Ziele, sondern selbst als erstrangiges politisches Ziel des Nationalsozialismus anzusehen.[18]
Bei aller Dysfunktionalität im einzelnen waren die nationalsozialistischen Konzentrationslager doch unübersehbar auf klar zu benennende politische Ziele gerichtet und auf eine politische Konzeption bezogen, die in differenzierter Form nicht von vornherein festgelegt und formuliert, in den politischen und weltanschaulichen Überzeugungen der Regimeführung und vor allem der Führung des nationalsozialistischen Sicherheitsapparates aber doch angelegt war.
Die nationalsozialistischen Konzentrationslager waren ein Instrument zunächst zur Sicherung der Macht, dann zur Ausgrenzung und »Ausmerzung« der als »minderwertig« angesehenen Gruppen von Deutschen, schließlich zur Umsetzung der »völkischen Neuordnung« in Europa auf der Grundlage der deutschen Vorherrschaft.
Gegenwärtig dürfte die Zahl derjenigen Menschen, die in Lagern zu leben gezwungen sind – die Fälle der Freiwilligkeit sind eher Randphänomene – bei mehreren 10 Millionen liegen: In Lagern für Kriegsgefangene in den Krisengebieten der Welt, in Flüchtlingslagern, insbesondere in Nordost– und Zentralafrika und im Nahen Osten, in Lagern für Saison– und Wanderarbeiter in fast allen Armutsregionen der Welt, in Straf– und Besserungslagern in Diktaturen, insbesondere in China und Nordkorea.[19]
Das Lager als provisorisches, schnell zu errichtendes Massenquartier finden wir auch in der Zeit vor der Industrialisierung, vor allem zur Unterbringung von Soldaten und Kriegsgefangenen. Zum Massenphänomen auch des zivilen Lebens aber hat sich das Lager erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Fünf Faktoren erweisen sich dabei als besonders prägend: Krieg – Migration – ethnische Flurbereinigung – Repression – soziales Experiment. Darauf soll im Folgenden etwas näher eingegangen werden.
Gegenüber der vormodernen Entwicklung unterscheidet sich die moderne Kriegführung vor allem durch die Ausweitung des Kriegsgeschehens auf die Zivilbevölkerung. In dem Maße, in dem die kriegerischen Auseinandersetzungen sich nicht mehr auf die Kombattanten begrenzen und die Zivilbevölkerung im Zuge der Totalisierung des Krieges zu einem wichtigen, und sei es nur störenden, Faktor wird, wird die vorübergehende Unterbringung großer Menschenmassen in organisierten und bewachten Behelfsunterkünften zu einem an Bedeutung zunehmenden Phänomen. So begegnet uns das Lager vor allem im Kontext von Kolonialkriegen – in Südafrika, in Kuba, in Deutsch-Südwest und anderswo, um dann durch die Internierung von Angehörigen der Feindstaaten im Ersten Weltkrieg weltweit bekannt und verbreitet zu werden. Andererseits verändert sich durch die Entstehung der modernen Massenheere auch das Problem der Kriegsgefangenschaft. Es waren nun nicht mehr einige Tausend Männer für einige Monate behelfsmäßig unterzubringen, sondern hunderttausende oder gar Millionen für viele Jahre. Als erste Beispiele für die Neuartigkeit und Massenhaftigkeit dieses Phänomens können der amerikanische Bürgerkrieg und der Krimkrieg gelten; und im Ersten Weltkrieg erfuhr diese neue Form der Kriegsgefangenschaft einen ersten Höhepunkt, auf den sich die weiteren Entwicklungen nach 1918 in der Regel bezogen. Allein in Deutschland waren während des Ersten Weltkrieges mehr als eine Million Kriegsgefangener langfristig in Lagern untergebracht. Sie waren zudem, und dies bezeichnete eine in vieler Hinsicht zukunftsträchtige Entwicklung, als Arbeitskräfte für die deutsche Kriegswirtschaft eingesetzt und – etwa im Bergbau – unersetzlich.[20]
Dies verweist bereits auf den zweiten Faktor bei der Herausbildung des Lagers als Kennzeichen der Epoche: die seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzende Erwerbsmigration insbesondere in Europa.[21] Die unmittelbare Nachbarschaft von Staaten mit hoher industriewirtschaftlicher Entwicklung und Dynamik und strukturellen oder vorübergehenden Arbeitskräftedefiziten zu solchen mit geringer Industriewirtschaft und erheblichen Arbeitskräfteüberschüssen sowie die damit verbundenen Unterschiede in Lebenshaltungsniveau und Löhnen führte insbesondere in Westmitteleuropa und namentlich Deutschland und den USA zur Heranziehung von ausländischen Arbeitskräften in großer Zahl. Deutschland war seit Beginn der Hochindustrialisierung vor mehr als 100 Jahren Anziehungspunkt für Arbeiter aus den wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern des Ostens und des Südens. In ganz ähnlicher Weise entwickelte sich die Heranziehung und Beschäftigung von chinesischen Hilfsarbeitern in den USA, insbesondere bei den großen Eisenbahn– und Kanalbauprojekten in den 50 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.[22]
Von Beginn an aber zeigte sich, dass die genannten wirtschaftlichen Vorteile der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte aus ökonomisch und sozial weniger entwickelten Ländern an die Voraussetzung gebunden war, dass die ausländischen Arbeiter im Hinblick auf Löhne und soziale Standards weiterhin die Verhältnisse in ihrem Heimatland zum Maßstab nahmen. Schon aus diesem Grund wurde in Deutschland wie in anderen Ländern darauf geachtet, die ausländischen Saisonarbeiter möglichst nicht sesshaft werden zu lassen. Ihr Aufenthalt sollte ein vorübergehender Zustand, ein Provisorium bleiben; und zu diesem Zwecke blieb es das Bestreben der Behörden, die Arbeiter in provisorischen Unterkünften, in Lagern zu beherbergen.
Aber dies sind die gewissermaßen zivilen Varianten der Erwerbsmigration. Ihre Zuspitzung fand die Unterbringung in Lagern vor allem in den um die Jahrhundertmitte gehäuft auftretenden Fällen von massenhafter Zwangsarbeit, vor allem in den großen totalitären Diktaturen dieses Jahrhunderts: im nationalsozialistischen Deutschland und dem von ihm während des Zweiten Weltkriegs beherrschten Europa, in China seit dem Sieg der Kommunisten sowie vor allem in der Sowjetunion und dem von ihr beherrschten Teil der Welt. Alle diese Fälle haben zu wahren Kosmen von Lagersystemen geführt. Diese Lager sind durchweg Provisorien, was auf den vorübergehenden Charakter des Arbeitseinsatzes verweist; sie reduzieren das Leben der darin lebenden Menschen auf die Reproduktion ihrer Arbeitskraft; ein Leben außerhalb der Arbeit gibt es nicht. Die Lager dienen der Abschirmung vom normalen Leben, das selbst in Diktaturen ja Bereiche des Privaten kennt; auch der Abschirmung vom System des Arbeitslohns und der selbständigen Reproduktion. Ein weiteres kommt hinzu: vor allem in den Lagern der Sowjetunion, bis zu einem gewissen Ausmaß aber auch in Deutschland, sollten mithilfe von riesigen Zwangsarbeitssystemen und den dabei entstehenden Lagerarchipelen bestimmte, als politisch notwendig angesehene Projekte unabhängig von den volkswirtschaftliche Kosten durchgesetzt werden. Ähnliches findet sich in offenbar noch extremerer Form in China, wo der Verzicht auf Rationalisierung und der Einsatz von Zwangsarbeitssystemen auf denkbar niedriger Produktivitätsstufe bei Großbauprojekten sogar ideologisch überhöht wurde.
In Deutschland schließlich muss man den Zweiten Weltkrieg insgesamt auf dieser Grundlage betrachten: Nur mithilfe der im Herbst 1944 im Rahmen des so genannten »Ausländereinsatzes« fast acht, insgesamt aber wohl mehr als zehn Millionen Zwangsarbeiter in Deutschland, die nahezu ausschließlich in Lagern lebten, war dieser Krieg wirtschaftlich überhaupt führbar; ohne sie wäre der Krieg bereits 1940 oder 1941 zu Ende gewesen.[23] Das »Lager« wurde vor allem in den Kriegsjahren zur Signatur des Jahrhunderts, in dem von Deutschland beherrschten Europa ebenso wie in der Sowjetunion.
Aber es gibt doch auch wichtige Unterschiede zwischen diesen Zwangsarbeits– und Lagersystemen. In Deutschland ist dabei vor allem zwischen den Konzentrationslagern der SS und dem System des »Ausländereinsatzes« zu unterscheiden. Die Grundlage des Zwangsarbeitssystems des »Ausländereinsatzes« war das wirtschaftliche Kalkül: Die Arbeitskräfte wurden gebraucht und sollten arbeiten; dazu war eine entsprechende Behandlung und Versorgung notwendig. Je länger der Krieg dauerte, desto stärker setzte sich dieses Prinzip durch; allerdings in einer spezifischen, durch die rassistische Ideologie des NS-Staats geprägten und gegenüber den Angehörigen der einzelnen Völker sehr unterschiedlichen Weise. Demgegenüber war der Arbeitseinsatz der KZ-Gefangenen und vor allem der Juden aus Sicht der nationalsozialistischen Regimeführung nur eine vorübergehende, kriegsbedingte Maßnahme. Das Hauptziel gegenüber den KZ-Häftlingen blieb deren Ausschaltung und Erniedrigung; gegenüber den Juden deren Ermordung. Die Ausbeutung eines Teiles der europäischen Juden bei der Zwangsarbeit (meist nur für eine kurze Zeit) war für die Nationalsozialisten kein Ziel, sondern ein kriegsbedingtes Zugeständnis, ein Umweg vor ihrer Ermordung.[24]
Demgegenüber lag das Zwangsarbeitssystem des sowjetischen GuLag auf der Linie der stalinistischen »Kampagnenpolitik«. Ohne Rücksicht auf Verluste und Todeszahlen wurden hier bestimmte Projekte durchgeführt, auch wenn dies volkswirtschaftlich noch so unsinnig war – der »Verbrauch« an Arbeitskraft konnte jederzeit nachgeliefert werden. Zu einer effizienteren und v.a. produktiveren Verwendung der einzelnen Arbeitskräfte war das stalinistische System, jedenfalls in Bezug auf die Zwangsarbeitslager, offenbar nicht willens, vor allem aber nicht fähig. Der millionenfache Tod der Häftlinge war im stalinistischen GuLag eine hingenommene Begleiterscheinung ihrer Verwendung als jederzeit ersetzbare Zwangsarbeiter; nicht Ausdruck einer angestrengt verfolgten politischen Zielsetzung; zynisch formuliert könnte man sagen: noch nicht einmal dies. Der Massentod der Lagerinsassen des GuLag entsprang dem vollständigen Desinteresse der übergeordneten Behörden am Zustand, am Leben oder Tod der Lagerinsassen.[25]
Vergleicht man aber die Binnenstruktur des GuLag-Systems und der nationalsozialistischen Konzentrationslager, so können die Verhältnisse in den Anfangsjahren nicht unterschiedlicher gedacht werden. In Deutschland die inkarnierte Ordnungshölle, in der selbst das schlimmste der vor dem Kriege errichteten KZs, Mauthausen, mit rechtwinklig angelegten Blumenrabatten in Reih‘ und Glied ausstaffiert war. In der Sowjetunion demgegenüber ein Inferno der Willkür, der Verwahrlosung und des normenlosen Zufalls. Vor allem seit der zweiten Kriegshälfte aber veränderte sich die Lage in den deutschen KZs rapide; Überbelegung, Unterversorgung, Vernachlässigung, Sterberaten von über 30% der Häftlingsbelegschaft pro Jahr waren hier kennzeichnend. Die Verhältnisse, notierte Margarete Buber-Neumann, näherten sich denen, die sie in den Lagern der Sowjetunion kennen gelernt hatte, immer mehr an.[26]
Der dritte Aspekt: Die »Ethnische Flurbereinigung«. Mit der Durchsetzung des modernen Nationalstaats in Europa im 19. Jahrhundert entstand ein Problem, das diesen Kontinent in diesem Jahrhundert vielleicht mehr als alles andere erschütterte: die Diskrepanz zwischen dem Postulat des monoethnischen Nationalstaats und der Realität der ethnischen Vielfalt großer Regionen insbesondere in einer breiten Zone zwischen Ostsee und Mittelmeer. Die dadurch hervorgerufenen Konflikte zwischen Mehrheitsbevölkerungen und Minderheiten, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu scharfen und gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt hatten und ja durch die Tat von Sarajewo auch den Anlass zu diesem Krieg boten, sollten im Friedenswerk von Versailles und Paris durch ein System des Minderheitenschutzes und der Etablierung supranationaler Clearing-Stellen, nicht zuletzt des Völkerbunds, entschärft werden. Tatsächlich gelang dies zu keinem Zeitpunkt; vielmehr trat als Lösung bereits früh eine Alternative auf den Plan: die gewaltsame Homogenisierung der Nationalstaaten durch Vertreibung oder Umsiedlung (was nur einen unterschiedlichen Grad der Unfreiwilligkeit ausdrückt) der Minderheiten.
Dieses Prinzip hatte bereits den so genannten griechisch-türkischen Bevölkerungsausgleich beherrscht; der Genozid an den Armeniern durch die Türken während des Ersten Weltkriegs allerdings hatte bereits angedeutet, welche Dynamik in der gewalttätigen Lösung von Nationalitätenkonflikten enthalten war.27 Das Prinzip der »Völkischen Flurbereinigung« bot die Grundlage der deutschen Eroberungs– und Siedlungspolitik in Mittel– und Osteuropa seit Beginn des Zweiten Weltkrieges; der unmittelbare Zusammenhang zwischen den riesigen Deportations– und »Umsiedlungsprojekten« – von den so genannten Volksdeutschen in der Sowjetunion über die Polen bis zu den Juden – zur Ingangsetzung der Völkermordpolitik wurde in den letzten Jahren von der Forschung herausgearbeitet.[28]
In dem hier beschriebenen Zusammenhang sei dabei ein Aspekt besonders betont: die zwangsweise Enthausung der jüdischen Bevölkerung im Zuge der Umsiedlung, ihr Einsperren in Lagern und Ghettos, die offenkundig als Provisorium, als vorübergehende Zwischenlösung dienten, schuf erst die Probleme, deren Lösung schließlich in der Ermordung der polnischen, dann der europäischen Juden bestand. Die Sachzwang-Argumente, mit denen die Entfernung der Juden begründet wurde – Seuchen, Schwarzmarkt, Wohnungsmangel – konnten erst dadurch überhaupt entstehen, dass die jüdische Bevölkerung aus ihren Wohnungen, Arbeitsplätzen und ihrem Milieu heraus und in die Lager und Gettos hineindeportiert worden war. Zugleich war mit der Lagerisierung der Juden deren Entindividualisierung verbunden, ihre Herauslösung aus der tradierten, sich weitgehend selbst steuernden Umwelt. Die Einweisung in Lager und Ghettos reduzierte sie zu kollektiven Objekten der deutschen Besatzungsverwaltung.
Die Flucht und Vertreibung von Millionen Deutscher aus den deutschen Ostgebieten am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach muss als direkte Folge dieser Umsiedlungs– und Mordpolitik der Deutschen angesehen werden; als reziproker Versuch nun der Alliierten, das Problem der Inhomogenität der Nationalstaaten Ostmitteleuropas durch Land– und Bevölkerungsverschiebungen auf Kosten der Deutschen sowie der Polen zu regeln. Und ebenfalls in diesem Zusammenhang stehen die gigantischen Umsiedlungsprojekte missliebiger nationaler Minderheiten vor und während des Krieges in der Sowjetunion, wobei hier allerdings nicht der Versuch zur Schaffung eines homogenen Nationalstaats handlungsleitend war, sondern die Sicherung der Herrschaft des stalinistischen Kommunismus, aber auch der russischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber als gefährlich oder aufsässig angesehenen nationalen Minderheiten. Die Politik der »Völkerverschiebung« zur Herstellung monoethnischer Nationalstaaten und zur Machtsicherung der Mehrheits– gegenüber den Minderheitsgesellschaften hat in diesem Jahrhundert vermutlich mehr als die anderen genannten Faktoren zur Bildung von Massenlagern geführt; zumal auch andere Faktoren, der Arbeitseinsatz von Ausländern zum Beispiel, dazu in direkter Verbindung stehen.
Der vierte Faktor, durch den in diesem Jahrhundert die Lager als Massenphänomen konstituiert wurden, ist durch Strafe und Unterdrückung gekennzeichnet und eine direkte Folge der Etablierung radikaler diktatorialer Systeme. In ihrer Gesamtheit sind sie als Ausdruck eines außernormativen Strafsystems zu verstehen, oder doch eines zweiten Strafsystems, das von der tradierten und im zivilen Leben gültigen Rechtsnorm unterschieden war. Dies kann man anhand des NS-Systems genauer betrachten: die Konzentrations– und Straflager für tatsächliche und vermeintliche Reichsfeinde vor dem Kriege waren v.a. die spezifisch nationalsozialistische Ergänzung zu den Gefängnissen, die bereits der Justiz und anderen staatlichen Organen zugeordnet und mit einem tradierten und differenzierten Reglement ausgestattet waren, während in den KZ-Lagern ein dem Willen der Nationalsozialisten bzw. der SS jeweils angemessenes Reglement neu und voraussetzungslos geschaffen werden konnte. In dieser Form waren die Lager vor allem als Ausdruck der Bürgerkriegsphase des Regimes anzusehen, während der tatsächliche und potentielle NS-Gegner isoliert, unterdrückt und erniedrigt wurde. In dem Maße allerdings wie sich das Regime etabliert hatte und ein vernehmbarer Widerstand nicht mehr bestand, begann diese Funktion der Lager an Bedeutung zu verlieren.
Die hier deutlich werdende Funktion der Machtsicherung sich etablierender Diktaturen jenseits des traditionellen Justiz– und Repressionsapparats ist auch für andere totalitäre Regimes kennzeichnend, wobei insbesondere in den kommunistischen Diktaturen eine Tendenz zur Perpetuierung des Bürgerkriegs zu beobachten ist, wie sie in den Säuberungen während der 30er Jahre in der Sowjetunion oder in der so genannten Kulturrevolution in China der späten 60er und frühen 70er Jahre ihren Ausdruck fanden. Die Perpetuierung des Terrors und damit auch die Kontinuität und Ausweitung des Lagersystems ist hier ganz im klassischen Sinne des »terreurs« zu verstehen. Die Diktatur der Bolschewiki oder der Kommunistischen Partei Chinas konnte das Stadium einer Minderheitendiktatur nie überwinden. In diesem Sinne war die Einrichtung der Lagersysteme Ausdruck eines einfachen Machtkalküls zur Einschüchterung der den Regimes überwiegend ablehnend eingestellten Bevölkerung – mit der Tendenz zur Verselbständigung und Entgrenzung von Strafmotiv, Strafmaß und Strafform.
Hier wird schließlich fünftens auch ein weiterer Aspekt sichtbar, mit demjenigen von Strafe und Unterdrückung eng verwandt, der die Einrichtung von Lagern motivierte: die Tendenz zur Erziehung und zum sozialen Experiment in Weltanschauungs-Diktaturen. Die Revolutionierung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Individuen war für die Protagonisten der Weltanschauungs-Diktaturen erheblich einfacher zu bewerkstelligen, wenn sie nicht in der Hülle der tradierten bürgerlichen Verkehrsformen stattfand, sondern daraus gelöst wurde. Als Vorbild tritt hierbei die militärische Erziehung in den Vordergrund, aber auch davon abgelöst begegnet uns das Lager als Umerziehungsinstitution an vielen Stationen in diesem Jahrhundert. Auch hier mag der Gedanke der Beschleunigung eine Rolle spielen: nicht erst auf langwierige Veränderungen warten zu müssen, sondern die für notwendig gehaltene Veränderung des Verhaltens und Denkens der Einzelnen in kurzer Zeit, auf Kommando durchführen zu können, war das hier angestrebte Ideal. Dem kam, um auch hierbei wieder in Deutschland zu beginnen, ein verbreiteter antistädtischer Eskapismus, eine Begeisterung fürs unbürgerlich Militärische vor allem in der bürgerlichen Jugend seit der Jahrhundertwende sehr entgegen; und wenn man sie denn sucht, so sind hier die Verbindungen zwischen dem Jugendlager und dem Zwangslager zu entdecken. In den die Militarisierung des Volkes befördernden Lagersystemen von HJ und Reichsarbeitsdienst mischte sich beides: die Begeisterung für das dem herkömmlichen Leben ferne »Lager« in der freien Natur – und die Konformisierung der Gesellschaft durch Drill und quasimilitärische Verkehrsformen. Im Vergleich zu dem, was sich in den kommunistischen Diktaturen herausbildete, waren dies jedoch nur Ansätze; wobei mir allerdings scheint, dass das Postulat von Erziehung und sozialem Experiment weniger für die einzelnen Lagerinsassen galt als für die Verfasstheit der Gesellschaft insgesamt. Das Lager bot sich als Paradigma der Gleichheit, allerdings der entrechteten Gleichheit, förmlich an; und die Symbiose von Hierarchie und Egalitarismus im Lager bot eine Widerspiegelung des Verhältnisses von Partei und Gesellschaft, der Diktatur des Proletariats, das ja auch totale Herrschaft und Gleichheitspostulat miteinander verknüpfte. Die extremsten Beispiele für diese Tendenz finden sich in den kommunistischen Diktaturen in Asien; insbesondere in Kambodscha. Der Versuch der vollständigen Neustrukturierung der Gesellschaft basierte hier auf der Lagerisierung und Umerziehung mehr als der Hälfte und der Ermordung von fast einem Drittel der Bevölkerung.[29]
Abschließend bleibt zu fragen: Ist das Lager denn nun das Kennzeichen der Epoche und zukünftig an Bedeutung eher noch wachsendes denn abnehmendes Signum der Moderne? Ist es nur zugespitzter Ausdruck und extreme Erscheinungsform des modernen, disziplinierenden Alltags? Und welche Bedeutung kommt dabei der extremen Erfahrung mit den Lagersystemen der NS-Diktatur zu? Folgt man Foucault oder auch Zygmunt Baumann, dann spiegeln Lager ebenso wie Genozid die Normalität der Moderne, sind die Regel, nicht die Ausnahme.[30] Betrachtet man dies jedoch in historischer Perspektive, kommen doch Zweifel an solchen geschichtspessimistischen Menetekeln auf, und es wird deutlich, dass eine phänomenologische Gleichsetzung dieser verschiedenen Formen unter dem Rubrum »Lager« eher in die Irre führt. Die Verhältnisse in einem Konzentrationslager der Nazis und in einem Gastarbeiterlager der 60er Jahre phänomenologisch als zwei Varianten der gleichen Grundstruktur anzusehen, ist offenkundig abwegig. Und schon ein kurzer Blick auf die Unterschiede zwischen einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten und einem Kriegsgefangenenlager der deutschen Wehrmacht für russische Soldaten im gleichen Zeitraum bestätigt dies: Im einen Fall ein Leben zwar in Enge und unter Bewachung, aber doch unter Bedingungen, die von vielen ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in ihren Erinnerungen als im Vergleich zu dem vorher Erlebten geradezu paradiesisch beschrieben wurden. Im anderen Fall apokalyptische Szenen von Mangel, Unterernährung, Seuchen, Massensterben und vollständiger Ausweglosigkeit. Kurz: das Leben in Lagern war und ist in erster Linie abhängig vom politischen Willen und den wirtschaftlichen Kapazitäten derjenigen, die es beherrschen. Eine Eigendynamik der »totalen Institution« als Gegensatzbegriff zur »gewachsenen Lebenswelt«, wie dies in Zusammenhang mit den Theorien Foucaults und Goffmans eine Zeitlang propagiert worden ist, verkennt diesen spezifisch politischen Charakter der Lager.[31]
Die beschriebenen Phänomene und Entwicklungen sind vielmehr, so halte ich dagegen, durchweg als Ausdruck von akzelerierter Entwicklungsdynamik zu verstehen; als Transformationsphänomene der krisenhaften Zone zwischen der Errichtung der modernen industrialisierten Nationalstaaten und ihrer Saturierung. Wir finden Lager in den Krisenzonen der Welt und als Ausdruck von wirtschaftlichen, sozialen, ethnischen Spannungen; und insbesondere finden wir sie in Diktaturen. Das sichert nicht vor neuen Entwicklungen, aber es widerspricht jenem zukunftsgewissen Fatalismus, der uns einreden möchte, das beispiellos Schreckliche sei das Normale und die Entwicklung hin zur Zivilgesellschaft nichts weiter als eine Chimäre naiver Fortschrittsoptimisten.
Das Jahrhundert der Lager ist das Jahrhundert der umfassendsten und tiefgreifendsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte. Hier, in den Prozessen der Industrialisierung und der Nationenbildung, der Kriege und der Weltanschauungsdiktaturen, liegen die Ursachen dafür, dass Millionen von Menschen für lange Zeit unter schrecklichen Bedingungen in Lagern leben mussten. Das nationalsozialistische Lagersystem war, jedenfalls in Europa, die extremste Form der hier beschriebenen Phänomene. Der Versuch, die tradierte Welt umzustülpen, die Machtverhältnisse in Europa und der Welt neu zu definieren und ein System auf der Grundlage einer rassischen Neuordnung des Kontinents und eines Krieges, wie es ihn bis dahin nicht gegeben hatte, zu errichten, versetzten einige Jahre lang den halben Kontinent in ein Laboratorium des Rassismus und der Militarisierung des zivilen Lebens. Der Ort dieses Laboratoriums war das Lager.[32]
Prof. Dr. Ulrich Herbert ist Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Er hat Standardwerke zur Geschichte der NS-Zeit verfasst und durch seine Beratungstätigkeit in zahlreichen Gremien die Arbeit von Gedenkstätten befördert.
[1] Vgl. Ulrich Herbert: Das »Jahrhundert der Lager«. Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen, in: Peter Reif-Spirek/Bodo Ritscher (Hg.): Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit »doppelter Vergangenheit«, Berlin 1999, S. 11–27; Kiran Klaus Patel: »Soldaten der Arbeit«. Arbeitsdienste in Deutschland und den USA 1933 – 1945, Göttingen 2003; Andreas Kraas: Lehrerlager 1932–1945.
Politische Funktion und pädagogische Gestaltung, Bad Heilbrunn/Obb. 2004; Manfred Hettling: Zivile Lager im Nationalsozialismus, in: Martin Sabrow (Hg.). Zeiträume. Potsdamer Almanach für Zeithistorische Forschung 2005, Potsdam 2005, S. 37–48; zeitgenössisch vgl. Günter Kaufmann: Das Kommende Deutschland. Die Erziehung der Jugend im Reich Adolf Hitlers, Berlin 1940; Claus Dörner: Freude, Zucht, Glaube. Handbuch für die kulturelle Arbeit im Lager, Reichsjugendführung der NSDAP, Potsdam 1941.
[2] Überblick über die Konzentrationslager in den verschiedenen Phasen s. Ulrich Herbert/Christoph Dieckmann/Karin Orth: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, 2 Bde., Göttingen 1998; zur Historiographie der Konzentrationslager vgl. Nikolaus Wachsmann: Looking into the Abyss: Historians and the Nazi Concentration Camps, in: European History Quarterly, 36 (2006), S. 247–278.
[3] Phasen nach Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsgeschichte, Hamburg 1999.
[4] Johannes Tuchel: Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der »Inspektion der Konzentrationslager« 1934‑1938, Boppard 1991; ders.: Die »Inspektion der Konzentrationslager«, in: Dietrich Eichholtz (Hg.): Brandenburg in der NS‑Zeit. Studien und Dokumente, Berlin 1993, S. 273–302; ders. (Hg.): Die Inspektion der Konzentrationslager 1938-1945. Das System des Terrors. Eine Dokumentation, Berlin 1994.
[5] Zur Entstehung der frühen Lager neben Orth, Herbert/Dieckmann/Orth und Tuchel: Konzentrationslager v.a. Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Terror ohne System. Die ersten Konzentrationslager im Nationalsozialismus 1933–1935, Berlin 2001; diess. (Hg.): Herrschaft und Gewalt. Frühe Konzentrations–lager 1933–1939, Berlin 2002; diess. (Hg.): Instrumentarium der Macht. Frühe Konzentrationslager 1933–1937, Berlin 2003.
[6] Vgl. Norbert Frei: »Wir waren blind, ungläubig und langsam«. Buchenwald, Dachau und die amerikanischen Medien im Frühjahr 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 35 (1987), S. 385–401; Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, München 2004.
[7] Vgl. Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Frühe Lager: Dachau, Emslandlager, München 2005; Harold Marcuse: Legacies of Dachau: the uses and abuses of a concentration camp, 1933–2001, Cambridge 2001; zur Vereinheitlichung der Polizei s. Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989, Bonn 1996, S. 170–177.
[8] Vgl. Ulrich Herbert: Von der Gegnerbekämpfung zur »rassischen Generalprävention«. »Schutzhaft« und Konzentrationslager in der Konzeption der Gestapo-Führung 1933 bis 1939, in: Herbert/Orth/Dieckmann (Hg.): Konzentrationslager, S. 60–81.
[9] Vgl. Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006; David A. Hackett: Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 2002; Hermann Kaienburg: »Vernichtung durch Arbeit«. Der Fall Neuengamme. Die Wirtschaftsbestrebungen der SS und ihre Auswirkungen auf die Existenzbedingungen der KZ‑Gefangenen, Bonn 1990.
[10] Vgl. Ulrich Herbert: Arbeit und Vernichtung, Ökonomisches Interesse und Primat der »Weltanschauung« im Nationalsozialismus, in: ders. (Hg.): Europa und der »Reichseinsatz«, Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ‑Häftlinge in Deutschland 1938–1945, Essen 1991, S. 384–426.
[11] Vgl. Wolfgang Ayaß: »Asoziale« im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995.
[12] Vgl. Walter H. Pehle (Hg.): Der Judenpogrom 1938: Von der »Reichskristallnacht« zum Völkermord. Frankfurt am Main 1988; darin v.a. Uwe Dietrich Adam: Wie spontan war der Pogrom?, S. 74–93; ders.: Judenpolitik im Dritten Reich, Düsseldorf 1972, S. 204 ff.; s.a. Wolfgang Benz: Der November-Pogrom 1938, in ders. (Hg.): Die Juden in Deutschland 1933–1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1988. S. 499–544.
[13] Zu den »Zigeunern« s. Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid: Die nationalsozialistische »Lösung der Zigeunerfrage«, Hamburg 1996.
[14] Zahlen nach Orth: System der Konzentrationslager, S. 345–350.
[15] Zu den problematischen Aspekten dieser Entwicklung s. Karin Hartewig: Wolf unter Wölfen? Die prekäre Macht der kommunistischen Kapos im Konzentrationslager Buchenwald, in: Herbert/Orth/ Dieckmann(Hg.): Konzentrationslager, S. 939–958.
[16] Vgl. Wolfgang Benz: KZ-Außenlager: Geschichte und Erinnerung, Dachau 1999.
[17] Vgl. Jens‑Christian Wagner: Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau‑Dora, Göttingen 2001; Florian Freund/Bertrand Perz: Das KZ in der Serbenhalle. Zur Kriegsindustrie in Wiener Neustadt, Wien 1987; Florian Freund: Arbeitslager Zement. Das Konzentrationslager Ebensee und die Raketenrüstung, Wien 1989; Rainer Fröbe: Der Arbeitseinsatz von KZ‑Häftlingen und die Perspektiven der Industrie 1943–1945, in: Herbert (Hg.): Europa, S. 351–383;
[18] Vgl. Herbert: Arbeit und Vernichtung; Wagner: Produktion des Todes.
[19] Vgl. United Nations – High Commissioner for Refugees: Refugees and others of concern to UNHCR: 1996 statistical overview, Geneva 1996; ders.: Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. UNHCR-Report, Bonn 1994; Jochen Franzke (Hg.): Migration: Flucht und Wanderungen am Ende des 20. Jahrhunderts, Berlin 1994; Franz Nuscheler: Internationale Migration – Flucht und Asyl, Opladen 1995.
[20] Vgl. Uta Hinz: Gefangen im Großen Krieg: Kriegsgefangenschaft in Deutschland 1914–1921, Essen 2006; Jochen Oltmer (Hg.): Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs, Paderborn 2006; Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland: Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001.
[21] Vgl. Herbert, Ausländerpolitik; Klaus J. Bade: Vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland? Deutschland 1880–1980, Berlin 1983; Jeremy Eades (Hg.): Migrants, Workers, and the Social Order, London 1987; Lesley Page Moch: Moving Europeans. Migration in Western Europe since 1650, Bloomington 1992; Franzke, Migration
[22] Vgl. Susan Sinnott: Chinese railroad workers, New York 1994; Jackie Sheehan: Chinese workers: a new history, London/New York 1998.
[23] Vgl. Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985; ders. (Hg.): Europa; Herbert/Orth/Dieckmann (Hg.): Konzentrationslager; Mark Spoerer: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz: ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939–1945, Stuttgart/München 2001; Walter Naasner: Neue Machtzentren in der deutschen Kriegswirtschaft 1942–1945, Boppard 1994.
[24] Vgl. Michael Thad Allen: The Business of Genocide. The SS, Slave Labor, and the Concentration Camps, Chapel Hill 2002; Jan Erik Schulte: Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS, Paderborn 2001.
[25] Vgl. Anne Applebaum: Der Gulag, Berlin 2003; Oleg V. Chlevnjuk: The history of the Gulag: from collectivization to the great terror, New Haven 2004; zu China s. Jean-Luc Domenach: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China, Hamburg 1995.
[26] Vgl. Margarete Buber‑Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler, München 1949; zum Vergleich beider Lagersysteme s. Ulrich Herbert: Nazismo e stalinismo: possibilità e limiti di un confronto, in: Marcello Flores (Hg.): Nazismo, fascismo, comunismo. Totalitarismi a confronto, Milano 1998, S. 37–66; Jörg Baberowski, Anselm Doering-Manteuffel: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und stalinistischen Imperium, Bonn 2006.
[27] Vgl. Norman M. Naimark: Flammender Haß: Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert, München 2004; Taner Akçam: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung, Hamburg 1996.
[28] Vgl. Götz Aly: »Endlösung«: Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main 1995; vgl. Ulrich Herbert: La politique d‹extermination: nouvelles réponses, nouvelles questions sur l‹histoire de l‹Holocauste, in: Revue d‹histoire moderne et contemporaine 47-2, Paris 2000, S. 233–264.
[29] Vgl. Ben Kiernan: The Pol Pot regime: race, power, and genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–1979, New Haven 1996; Ariane Barth: Holocaust in Kambodscha, Reinbek bei Hamburg 1980.
[30] Vgl. Zygmunt Baumann: Das Jahrhundert der Lager, in: Die Neue Gesellschaft, 41 (1994), S. 28–37; ders.: ›A Century of Camps?‹, in: Peter Beilharz (Hg.): The Bauman Reader, Oxford 2001, S. 266–80; Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1976.
[31] Vgl. Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main 1984.
[32] Es handelt sich um die schriftliche Fassung des Vortrags von Prof. Dr. Ulrich Herbert während des 48. bundesweiten Gedenkstättenseminars im September 2007 in Oranienburg.