Lucyna Filip, Historikerin im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau w Oświecimiu) hat nach der 2003 erschienenen polnischen Ausgabe mit dem Titel »Zydzi w Oświcimiu 1918 – 1941« nun auch die deutsche Übersetzung ihres Werkes unter dem Titel »Juden in Oświęcim 1918–1941« vorgelegt. Schon der polnische Name »Oświęcim« im Titel verrät, dass es nicht um die jüdischen Opfer im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau geht – denn für dieses benutzt man in Polen weiterhin das deutsche Wort »Auschwitz«, um diese mörderische Einrichtung des nationalsozialistischen Deutschland eindeutig von der polnischen Stadt Oświęcim abzugrenzen. Das polnische Oświęcim wurde nach der Besetzung Polens im September 1939 als Auschwitz dem Deutschen Reich und hier dem neuen Regierungsbezirk Kattowitz zugeschlagen. Das Konzentrationslager Auschwitz lag also nach damaliger Nazi-Rechtslage auf deutschem Boden.
Lucyna Filip geht es in ihrer Arbeit primär um die jüdische Bevölkerung der Stadt Oswiecim, schwerpunktmäßig um die Zeit von 1918 bis 1939, also die Zeit des nach 125 Jahren neu erstandenen Staates Polen, den das NS-Deutschland und die stalinistische Sowjetunion mit ihrem Einmarsch im September 1939 endgültig zu zerstören trachteten.
Da sie als Historikerin nicht ohne den Rückblick auf Entwicklungslinien auskommt, beschreibt sie im ersten Kapitel zunächst sehr ausführlich die seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts untrennbar mit ihrer jüdischen Bevölkerung verbundenen Geschichte der Stadt Oświęcim. Kaziemierz der Große (1333–1370) hatte die in Westeuropa verfolgten Juden eingeladen, sich in seinem Königreich und vor allem in der Hauptstadt Krakau niederzulassen. Seit dieser Zeit entstanden in Polen prosperierende jüdische Gemeinden, von denen die in dem Krakau benachbarten Kazimierz (1335 von Kazimierz dem Großen gegründet) die bedeutendste war. Auch Oświęcim profitierte von diesem Zuzug jüdischer Menschen, die von dem im Vergleich zu Westeuropa liberalen Klima angezogen wurden, das die meisten polnischen Könige dieser Epoche ihnen gegenüber pflegten. König Kazimierz IV. Jagielonzyk (1447–1492), der das Fürstentum Oświęcim von der böhmischen Krone gekaufte hatte, bestätigte die Rechte der dort schon ansässigen jüdischen Bevölkerung. »Sie garantierten unter anderem die Unterstellung unter die fürstliche Gerichtsbarkeit, die Freiheit der Andachtsausübung und die Möglichkeit, sich in konfessionellen Selbstverwaltungsgemeinschaften zu organisieren.« (Filip 2005, S. 14) Diese Privilegien förderten die wirtschaftliche Kraft der jüdischen Gemeinde und darüber hinaus der ganzen Stadt und ihres Umlandes.
Damit beginnt für Oswiecim eine Zeit des kommunalen Miteinander, von dem beide Seiten – die jüdische wie die christliche – profitierten. Sicher gab es auch hier gegenseitige Vorurteile und Konflikte, aber Lucyna Filip berichtet an keiner Stelle von gewalttätigen Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung durch ihre christlichen Nachbarn. Deutlich wird in diesem Rückblick auch, dass die österreichisch-habsburgische Monarchie seit Josef II, dem Sohn, seit 1765 Mitregent und ab 1780 Nachfolger, Maria Theresias die Emanzipation der Juden zu gleichberechtigten Bürgern förderte – eine Entwicklung bis hin zum Verfassungsgesetz von 1867 (unter Kaiser Franz Josef II), das ihnen die uneingeschränkten Bürgerrechte sicherte. Die Juden wurden nun zu gleichberechtigten Staatsbürgern mit »israelitischer Religionszugehörigkeit.« Das hatte auch Konsequenzen für die jüdische Gemeinde. »Die Gemeinde wurde als konfessioneller Verband zur öffentlichen Rechtsinstitution erklärt, die zahlreiche Rechte besaß.« (ebenda S. 29)
Im Grunde waren damit alle formalen Voraussetzungen geschaffen, die sich die jüdische Aufklärung (Haskala) seit Moses Mendelsohn erträumt hatte, um die Assimilation, d.h. eine Integration der Juden in Staat und Gesellschaft unter Beibehaltung ihrer religiösen Identität, zu gewinnen.
Im zweiten Kapitel beschreibt Lucyna Filip, dass es in der jüdischen Gemeinde von Oświęcim, wie in allen anderen dieser Zeit – wir sind jetzt bei dem Zeitraum 1918 bis 1941 angelangt – eine Vielzahl von Unterschiedlichkeiten gab: Orthodoxe und Chassidim; Liberale, Assimilierte und Zionisten; Arme, Wohlhabende und Reiche. Aber sie waren sich – so Moses Weiss, ein orthodoxer Jude der Stadt – in einem einig: »alle waren wir Juden« (ebenda S. 52).
Die Gemeinde, im engeren Sinne die Gemeindebehörde (Kahal), war für die religiösen, pädagogischen und sozialen Angelegenheiten und die Kontakte mit der Staats- und Stadtverwaltung zuständig. Sie besaß auf der Basis von Rechtsvorschriften, die von 1918 bis 1927 mit denen der k.u.k.-Monarchie identisch waren, eine weitgehende religiös-kulturelle Autonomie. Ab 1927 galt eine neue Rechtsvorschrift. »Sie kam den Forderungen orthodoxer Kreise entgegen und beschränkte die Gemeinderechte hauptsächlich auf religiöse Aufgaben. Sie bezog sich auf die Erhaltung des Rabbinats, der Synagogen, der Ritualbäder und des Friedhofs, auf das Anliegen der religiösen Erziehung der Jugend und die Sicherung der Lieferung von koscherem Fleisch. Die Gemeinden konnten Wohltätigkeitsorganisationen unterhalten und karitative Stiftungen verwalten. Anfang der dreißiger Jahre wurde eine Verordnung über die Wahl der Rabbiner, die Gemeindewahl und die Finanzwirtschaft erlassen.« (ebd. S. 49 f.) Die Statuten der jüdischen Gemeinde sind im Anhang abgedruckt. Insgesamt hatten die Orthodoxen den größten Einfluss in der jüdischen Gemeinde von Oświęcim, was sich in den Wahlen zur Gemeindebehörde niederschlug. In den späten zwanziger Jahren nahm dann der zionistische Einfluss wesentlich zu.
Ich finde dieses zweite Kapitel auch deshalb spannend, weil es die Grundelemente der jüdischen Kultur und des mit ihr untrennbar verbundenen religiösen Lebens mit dem Blick auf eine einzige Gemeinde entrollt. Unter den Stichworten Kultusgemeinde, Synagoge, Ritualbad (Mykwe), Friedhof, koscheres Schlachthaus und Religionsschulen zeichnet die Autorin das tägliche jüdische Leben in einem modernen republikanischen Staat Osteuropas nach. Es wird deutlich, dass die grundlegenden Elemente dieses Lebens auch im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts noch ungebrochen in der Tradition einer zweitausendjährigen Religion, den ihr zugrundeliegenden mosaischen Gesetzen der Thora und deren vielfältigen Auslegungen im Talmud verankert waren. Deutlich wird auch, dass zumindest in Oswiecim – aber das wird wohl auf ganz Polen übertragbar sein – nicht die im späten 18. und im 19. Jahrhundert entwickelten Ideen einer Assimilation, sondern die einer weitgehenden religiös-kulturellen Differenz zur christlichen und säkularen Umwelt das Gemeindeleben bestimmten. Der polnische Staat trat dabei als rechtlicher Garant dieser Differenz auf. Diese ließ zwar vielfältige Beziehungen zwischen dem jüdischen und nichtjüdischen Teil der politischen Gemeinde zu, dennoch gab es im Alltag und der Lebenswelt einer Kommune wie Oświęcim klare Grenzen, die sich optisch (z.B. im Habitus der orthodoxen Juden), sozialräumlich (in den trotz aller Durchmischung noch abgrenzbaren Wohnquartieren und eigenen Versammlungsorten), kulturell (in einer Vielzahl eigener nur für den jüdischen Bevölkerungsteil existierenden Vereinen) und wirtschaftlich (einer Vielzahl von jüdischen Betrieben und Läden) ausmachen ließen. Andererseits gab es vielfältige kooperative Beziehungen auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene. Im Stadtrat besaß die jüdische Bevölkerungsgruppe etwa 35 % der Mandate und diese wurden z.T. von Vertretern des Rates der jüdischen Kultusgemeinde ausgeübt. 1926 befanden sich unter den fünf Assessoren der Stadtverwaltung drei Juden und immer bekleidete ein Jude das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters. Auch in den verschiedenen Kommissionen – wir würden vielleicht von Fachausschüssen des Stadtparlamentes sprechen – gab es jüdische Mitglieder, so dass über sie die Juden auch Einfluss auf das kommunale politische Leben und die Entwicklung der Infrastruktur nehmen konnten.
Schade, dass die Autorin nicht noch mehr über die Beziehungen zwischen jüdischen und christlichen bzw. säkularen Bevölkerungsgruppen in der Politik und im kommunikativen Alltag der Kommune schreibt. Vielleicht gibt hier die Quellenlage nicht mehr her, vielleicht wäre das aber auch ein zu weitreichendes Thema, um es noch innerhalb des vorliegenden Buches zu bearbeiten. Auf jeden Fall fände ich hier weitere Forschungen interessant.
Denn 1939 waren von den 12000 Einwohnern und Einwohnerinnen der Stadt 7 000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde; sie stellten die zahlenmäßige Mehrheit, was sich aber in den politischen Instanzen der Stadt nicht abbildete: im Stadtrat hatten sie nicht die Mehrheit und sie stellten auch nicht den ersten Bürgermeister.
Im vierten Kapitel erzählt uns die Autorin viel über die kulturellen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde – Religionsschulen (Chederschulen), allgemeinbildende Schulen mit Hebräisch als Unterrichtssprache (die vor allem von den an säkularer Bildung interessierten zionistischen Bewegungen gefördert wurden), Bildungseinrichtungen wie Leseraum, Theatergruppen, Sportvereine und eine Vielzahl von politischen Parteien, die sich meistens links und oder zionistisch verorteten.
Das fünfte Kapitel befasst sich mit dem wirtschaftlichen Leben der jüdischen Gemeinde in Oświęcim. Aus der reinen Zahl ihrer Mitglieder geht schon hervor, dass sie ein beherrschender Wirtschaftsfaktor der Stadt waren. »Sowohl in der Industrie als auch im Handwerk arbeiteten 22,5 % Juden, im Handel und den Versicherungen waren 46,5 % Juden beschäftigt. Mit 10,8 % stellten die Juden auch in der Landwirtschaft einen bedeutenden Anteil. In Transport und Verkehr fiel er dagegen mit 2,1 % gering aus. In den freien Berufen, also in der Anwaltschaft, im Sanitätswesen und im privaten Schulwesen waren 5,3 % der Beschäftigten Juden.« (ebd. S. 139) Gern hätte ich auch hier mehr darüber erfahren, ob es auch Betriebe gab, in denen jüdische und nichtjüdische Beschäftigte zusammenarbeiteten, und wenn ja, ob die Kooperation funktionierte. Eine andere Frage wäre, ob jüdische Betriebe auch nichtjüdische Mitarbeiter beschäftigten und ob umgekehrt auch Juden in nichtjüdischen Betrieben arbeiteten.
Lucyna Filip berichtet detailliert über die finanziellen Probleme der jüdischen Betriebe, die sich in den dreißiger Jahren auf Grund der allgemeinen Wirtschaftskrise verschärften, über gegen sie gerichtete staatliche Restriktionen und eine zunehmende antijüdische Stimmung, die viel mit der starken Stellung der Juden im Geschäftsleben und der daraus resultierenden Konkurrenz mit christlichen Unternehmern zu tun hatte. Die schlechte Wirtschaftslage verstärkte latent vorhandene antijüdische Stimmungen nach dem Motto »Wären die nicht, gäbe es weniger Konkurrenz um Arbeitsplätze, Löhne, Kunden und mehr Gewinnmöglichkeiten – auch in karger Zeit«.
Dass Lucyna Filip diese dunklen Seiten des Zusammenleben jüdischer und christlicher bzw. säkularer Polen und Polinnen anspricht, ehrt sie. Auch durch ihre lakonische Anmerkung auf Seite 161 erweist sie sich als mutige Frau, die sich dem Risiko aussetzt, in ihrem Heimat- und Wohnort Oświęcim als »Nestbeschmutzerin« beschimpft zu werden. Sie berichtet hier über eine ziemlich eindeutige antijüdische Aktion der Stadtverwaltung von Oświęcim aus dem Jahre 1998. Diese richtete sich gegen die Familie Haberfeld, die ihr während der deutschen Besatzungszeit enteignetes, 1946 in den Besitz des polnischen Staates und später der Stadt überführtes Haus zurückerhalten wollte. Die Stadtverwaltung sah keinen Grund, die Enteignung jüdischen Privateigentums durch die Nazis rückgängig zu machen, sondern definierte das Haus als städtisches Eigentum und bot der nach New York emigrierten Familie das Haus zum Rückkauf an – allerdings zu einem Preis, den die Familie nicht bezahlen konnte. Später verkaufte sie es um ein Vielfaches billiger an ein polnisches Konsortium, das es dann an zwei Privatpersonen weiter veräußerte. Der Familie Haberfeld gehörte bis 1939 eine Spirituosenfabrik, die sehr erfolgreich für den nationalen und internationalen Markt produzierte. Einige ihrer Mitglieder konnten sich dem Zugriff der Deutschen entziehen – unter Verlust eines großen Teils ihres Vermögens.
Im letzten Kapitel berichtet Lucyna Filip über die Jahre 1939–1941. Sie schreibt über die Repressionsmaßnahmen der deutschen Besatzung, die in der Deportation in umliegende Ghettos und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kulminierten. So wurden die Juden Oswiecims von den deutschen Mördern in die Gaskammern von Auschwitz getrieben.
Ich kann mich noch gut an einen Rundgang mit der Autorin durch das heutige Oswiecim erinnern, bei dem sie uns zu all den Stätten führte, die sie in ihrem Buch als Elemente des religiösen und kulturellen jüdischen Lebens dieser Stadt beschrieben hat. In dieser Verbindung von gelesenem Buch und dem erlebten Aufsuchen der Plätze und Gebäude wird das reiche Leben der jüdischen Gemeinde in Oświęcim deutlich, das durch die deutsche Besatzungsmacht mit einem Schlag zerstört wurde. Dabei wird auch an diesem doch sehr kleinen Ort auf der europäischen Landkarte deutlich, was das nationalsozialistische Deutschland nicht nur den einzelnen jüdischen Menschen und dem europäischen Judentum insgesamt angetan hat, sondern allen Europäern, indem es eine uns so bereichernde Kultur aus der Gesellschaft ausschloss und zerstörte. Ich kann mich noch gut an meine Gefühle erinnern, als ich zum ersten Mal in der renovierten und 1998 wieder eingeweihten orthodoxen Synagoge »Lomdei Misznajot« (die Synagoge des Vereins »der die Mischna Studierenden«) in Oświęcim saß – voll Trauer über diesen Verlust. Besonders gefreut habe ich mich deshalb über die vielen Fotos, unter anderem von der restaurierten Synagoge, welche dem Leser diese Orte vor Augen führen und den Text illustrieren. Ich erinnere mich auch, mit wie viel Wärme sie uns Haus und Grab von Szymon Kluger, dem letzten Juden in Oświęcim zeigte und uns über ihre vielen Begegnungen mit ihm berichtete. Er starb im Jahre 2000, und mit diesem Hinweis beschließt Lucyna Filip ihr Buch über die Juden in Oświęcim.
Lucyna Filips Buch ist ein notwendiges, ein interessantes, ein informatives, ein sprödes, ein bewegendes, und ein hervorragend recherchiertes Buch, das uns in einen jüdischen Mikrokosmos vor der Shoa zurückführt und damit zugleich einen Blick auf das Leben des osteuropäischen Judentums bis 1941 gestattet. Allen Besuchern und Besucherinnen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau kann dieses Buch noch eine andere Perspektive – jenseits von Verfolgung und Ermordung – eröffnen. Aber auch allen, die sich für die Geschichte des europäischen Judentums interessieren, kann ich es sehr empfehlen. Und es ist ein Erinnerungsbuch – für die aus Oświęcim stammenden überlebenden jüdischen Menschen, ihre Familien und für alle, welche sich der Mahnung dieser Menschheitskatastrophe nicht versagen wollen.
Lucyna Filip: Juden in Oświęcim 1918–1941,
Verlag Scientia Oswiecim 2005.
Dr. Wolf Ritscher ist Professor für Psychologie an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen. Er arbeitet u.a. an einem Projekt zur »Erziehung nach Auschwitz« sowie mehrgenerationale
Dynamik in Familien von Opfern und Tätern des Nationalsozialismus.