Inventarisierung und digitale Verzeichnung eines Sammlungsbestandes historischer Fotografien

Datenbankenprojekt der Gedenkstätte Buchenwald
04/2006Gedenkstättenrundbrief 130, S. 31-34
Holm Kirsten

Ausgangslage

Als Ergebnis einer über dreißigjährigen Sammlungstätigkeit verfügt das Archiv der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora über einen Bestand von ca. 10 000 historischen Fotografien. Die Fotos dokumentieren die Vorgeschichte und Geschichte der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora, die Situation nach der Befreiung der Lager 1945, Aspekte der Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 sowie den Aufbau, die Gestaltung und die Nutzung der «Nationalen Mahn- und Gedenkstätte» der DDR (1945–1990) und die Neugestaltung ab 1990. Der Bestand umfaßt, bislang noch nicht differenziert, Negative, zeitgenössische Abzüge vom Negativ (Originalabzüge), spätere Abzüge vom Negativ sowie Reproduktionen von Abzügen. Ihrer Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte nach handelt es sich um Reproduktionen aus anderen Archiven, Museen und Bildagenturen, um Übergaben von bekannten und unbekannten Personen, um Erwerbungen sowie um den amtlichen Provenienzbestand des Verwaltungsarchivs der Gedenkstätte Buchenwald. Bis 1990 ist die Fotosammlung in einer Kartei (7 791 Karteikarten) inventarisiert und, der Dezimalklassifikation des Archivs folgend, inhaltlich geordnet worden. Eine Revision im Hinblick auf die Provenienz der Fotos konnte nur eingeschränkt, unter dem Aspekt des Aufbaus neuer Ausstellungen, stattfinden.

Der Zustand der Fotosammlung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora stellt im Archivwesen keinen Einzelfall dar. Das hat die öffentliche Debatte um die Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« des Hamburger Instituts für Sozialforschung gezeigt. In der Kritik stand vor allem die Praxis der Benutzung und Archivierung historischer Fotografien. Viele Archive, so vermerkt der Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung, sammeln, ordnen und erschließen ihre Fotobestände nicht nach dem Provenienzprinzip, und selbst die Findhilfen für Provenienzbestände enthalten in der Regel allenfalls Basisinformationen. Allgemeine Praxis sei es, die vorhandenen Abzüge in großen Serien neu zu ordnen und sie über chronologische oder alphabetische Zugänge zu erschließen. Gesichertes Wissen über die Provenienz der Fotos sowie die Herkunft der Bildlegenden sei gering, die Materialität der aufbewahrten Negative oder Abzüge häufig ungeklärt. Das charakterisiert, wie das Ausstellungsprojekt »Mémoire des camps: photographies des camps de concentration et d'extermination nazis (1933–1999)« (Paris 2001) nahelegt, die Situation in Deutschland im internationalen Vergleich in besonderem Maße.

Um den Gesamtbestand an Fotografien der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora entsprechend den Empfehlungen der Konferenz »Das Photo als historische Quelle« für den Umgang mit fotografischem Archivgut, die im Juni 1999 in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv vom Hamburger Institut für Sozialforschung ausgerichtet wurde, nach wissenschaftlichen Aspekten zu ordnen bzw. zu ergänzen, wurde im Sommer 2004 unter dem Titel »Inventarisierung und digitale Verzeichnung eines Sammlungsbestandes von historischen Fotografien und dessen Publikation als Katalog im World Wide Web« ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora begonnen.

Vorarbeiten

Während der Erarbeitung der drei neuen, ständigen historischen Ausstellungen in der Gedenkstätte Buchenwald – Geschichte des KZ Buchenwald, Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2, Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald – hat sich nicht allein der Umfang der Fotosammlung wesentlich erweitert, es konnten auch grundlegende Recherchen zur Entstehungs-, Überlieferungs- und Publikationsgeschichte einzelner Fotografien durchgeführt werden und damit Erfahrungen hinsichtlich der Provenienzbestimmung und Methoden der Quellenkritik gemacht werden. Die von der Stiftung 2002/2003 erarbeitete Ausstellung »Schwarz auf Weiß. Die ersten Fotos aus dem befreiten KZ Buchenwald«, die in der Gedenkstätte Buchenwald gezeigt wird, ist innerhalb der deutschen Gedenkstätten das erste Projekt, das dezidiert die Provenienz der Fotografien, ihre Überlieferungs- und Publikationsgeschichte in den Mittelpunkt stellt und damit neue Kontexte und ungewohnte Zugänge zu teilweise längst bekannten Fotografien eröffnet.

Seit 2001 haben sich die Rahmenbedingungen des Fotoarchivs der Stiftung grundsätzlich verbessert. Die derzeitige Ausstattung erlaubt sowohl die räumliche Trennung der Fotografien vom übrigen Archivgut als auch die separate Aufbewahrung der fotografischen Überlieferung in einem ruhenden Archiv und einem Arbeitsarchiv unter optimalen Bedingungen. Seit 2002 wurde der Bestand der aktuellen Fotografien der Stiftung im Rahmen einer auf drei Jahre befristeten Strukturanpassungsmaßnahme durch eine technische Hilfskraft weitergeführt.

Ziele

Das Projekt versteht sich als praxisbezogener Beitrag zu der im Umfeld der »Wehrmachtsausstellung« intensiv geführten theoretischen Debatte über den Umgang mit historischen Fotografien. Sie hat gezeigt, daß nicht nur in den Gedenkstätten, sondern im deutschen Archivwesen überhaupt, eine gründliche Revision der Fotobestände ansteht. Besondere Verantwortung haben dabei diejenigen Archive, wie das der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, die fotografische Zeugnisse von NS-Verbrechen sammeln und für Ausstellungen, pädagogische Zwecke u.a. zur Verfügung stellen.

Maßgebliches Ziel des Projektes ist neben der wissenschaftlichen Erarbeitung von Informationen zur Provenienz, der Überlieferungsgeschichte, der Materialität, der Urheberrechte und, soweit wie möglich, auch der Verwendungs- und Wirkungsgeschichte die Neuordnung des fotografischen Bestandes nach dem Provenienzprinzip, die Digitalisierung sowie die digitale Erschließung der Bilder nach einem einheitlichen Klassifizierungsschema. In der Perspektive ist beabsichtigt, den gesamten Bestand, soweit urheber- oder lizenzrechtliche Belange es erlauben, als dynamisch ergänzbare, digitale Datenbank mit personellem Zugang über das World Wide Web für Fachleute, Pädagogen oder interessierte Laien zur Verfügung zu stellen.

Erreichte Ziele

Nach einem reichlichen Jahr intensiver Arbeit an dem Projekt sind wesentliche Arbeitsschritte weitgehend abgeschlossen. Zunächst wurden die in den Archivbeständen der Gedenkstätte Buchenwald vorhandenen Fotografien gesichtet und Dubletten aussortiert. In einem weiteren Arbeitsgang wurden die Fotografien nach Provenienzen zusammengefasst, in einem provisorischen Inventarbuch erfasst und mit Inventarnummern versehen. Eine weitere Aufgabe bestand in der Sichtung von Nachlässen ehemaliger Häftlinge, da sie teilweise auch Fotos enthielten. Zeitgleich wurde begonnen, ein vorläufiges Verzeichnis der bereits erfassten bzw. gesichteten Provenienzen zu erstellen. Parallel zu den genannten Arbeiten wurden entlang des im Antrag vorgestellten Klassifikationsschemas Kategorien für die zu erstellende Datenbank präzisiert bzw. modifiziert. Dies geschah auf der Grundlage bisherig gemachter Erfahrungen und sich daraus ergebender Problemlagen sowie nach Absprache mit dem Informatiker der Stiftung.

Im Rahmen eines weiteren Arbeitsschrittes wurden konzentrierte Sichtungen der Originalbestände in verschiedenen ausländischen und deutschen Archiven durchgeführt. Ergebnis einer dreiwöchigen Recherche in den National Archives, Washington D.C., sowie des US Holocaust Memorial Museums, Washington D.C., war neben der Sichtung relevanter Bestände das Einscannen von über 1 500 größtenteils noch unbekannter Fotos, hauptsächlich aus den Beständen der U.S. Signal Corps. Insbesondere das Interesse, zum Originalabzug der Bilder vorzudringen, führte zu bislang nicht bekannten Beständen bei internationalen Bildagenturen. So konnten neben der Beschaffung von Originalabzügen, die im Gegensatz zu den schon vorliegenden Fotografien deutlich mehr Bildinformationen enthielten, auch wichtige Fragen zur Provenienz mehrerer Fotoserien sowie einzelner Bilder geklärt werden. Darüber hinaus wurde eine Reihe teils bestimmte Provenienzen ergänzender, teils bislang völlig unbekannter Bilder entdeckt, die inzwischen in den Gesamtbestand eingearbeitet wurden. Dies betrifft hauptsächlich die Bildbestände der Agenturen ASSOCIATED PRESS und CORBIS/BETTMANN. Ebenfalls recherchiert wurde in den Beständen der Bildagenturen AFP, GETTY IMAGES und TIME & LIFE PICTURES. Diese Arbeiten sind noch nicht gänzlich abgeschlossen.

Geplante historiografische Recherchen zu verschiedenen Provenienzen in Thüringer Archiven (Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Meiningen, Stadtarchiv Weimar, Museum der Stadt Arnstadt, Stadtmuseum Weimar) sowie im Militärarchiv Freiburg wurden inzwischen abgeschlossen.

Als wichtige Bestandsergänzung konnten aus Nachlässen mehrere kleinere Bestände sowie ein größerer Fotobestand, der ca. 250 Bilder umfasst, für die Sammlung der Gedenkstätte angeschafft werden. Einzelne für unseren Bestand überaus wertvolle Fotografien wurden aus den USA beschafft bzw. in Polen angekauft. Alle im Zeitraum ergänzend zum Bestand hinzugekommenen Fotografien wurden in bestehende Provenienzen eingearbeitet bzw. in neugebildeten Provenienzen zusammengefasst und mit Inventarnummern versehen. Bislang sind ca. 4 000 Fotos auf diesem Wege erfasst worden. Das vorläufige Verzeichnis der bereits gebildeten Provenienzen umfasst derzeit ca. 300 Provenienzgruppen und -untergruppen.

Die Datenbank

Inzwischen steht die in der Gedenkstätte Buchenwald entwickelte Datenbank in ihrer endgültigen Struktur zur Verfügung. Für die Entwicklung der vorliegenden Version wurde die objektorientierte Programmiersprache Delphi unter Nutzung von dBase-Datenbank-Komponenten verwendet. Die Datenbank gliedert sich je Datensatz in vier Ebenen. Während die ersten beiden Ebenen der objektbezogenen Klassifikation des Bildes dienen, wurden die Ebenen 3 und 4 zur historischen Klassifikation des Fotos angelegt.

Ebene 1 • Bildinformation

Neben internen Arbeitsvermerken wie Inventarnummer, Eingangsdatum und Provenienzzuordnung werden auf dieser Ebene Basisinformationen zum Bild (Fotograf, Original-Bildlegende, sonstige Beschriftungen auf der Bildrückseite) vermerkt. Angegeben wird weiterhin, ob das Bild ein Einzelfoto oder Teil einer Serie ist bzw. einem Konvolut (z.B. einem Album) entstammt. Ebenfalls auf dieser Ebene enthalten sind Angaben zur Herkunft des Fotos, alte und neue Signatur sowie Informationen zu den Bildrechten.

Ebene 2 • Materialität

Diese Ebene enthält technische Informationen zur Beschaffenheit des vorliegenden Abzuges (Farbigkeit, Papierart, Maße, Angaben zu vorliegenden Negativen). Weiterhin vermerkt sind Angaben zur vorliegenden Scan-Datei. Das unterste Feld enthält den Pfadnamen, der eine Verknüpfung zwischen dem Datensatz und dem dazugehörigen Bild herstellt. Mittels eines Bildbetrachters ist es möglich, auf allen Ebenen des jeweiligen Datensatzes das entsprechende Foto aufzurufen.

Ebene 3 • Kommentar

Hier gibt es drei Eingabefelder zu subjektiven Beschreibung des Bildes (Ort, Motiv, Datierung). Weiterhin enthält diese Ebene die Möglichkeit, biografische Informationen zum Bildautor einzutragen. Die Felder »Kommentar zur Provenienz« und »Kommentar zur Bildlegende« geben die Möglichkeit, Informationen zur Überlieferungsgeschichte, zur Entstehung der Fotos sowie konkretisierende, mitunter auch korrigierende Angaben zur Bildlegende zu machen. Mittels der Einträge im untersten Feld ist eine Sacherschließung der Datenbankeinträge möglich. Die verwendeten Fachtermini speisen sich aus einem eigens für das Projekt angelegten dynamischen Spezialthesaurus.

Ebene 4 • Wirkungsgeschichte

Diese Ebene ermöglicht die Eintragung von Informationen zur Rezeptionsgeschichte des jeweiligen Fotos. Unterschieden wird hierbei nach »Publikationen«, »Ausstellungen« und »Literatur«.
 

Holm Kirsten, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.