In der Gedenkstätte Buchenwald ist mehr möglich, als viele wahrnehmen

Anmerkungen zu dem Artikel von Annette Leo und Peter Reif-Spirek
02/1999Gedenkstättenrundbrief 87, S. 21-24
Daniel Gaede

»Jedesmal, wenn ich mit Gruppen herkomme, erfahre ich etwas Neues«, haben mir öfters Betreuer von Gruppen oder von Schulklassen gesagt – so tragen fortgesetzte Forschung, persönliches Interesse und Weiterbildung der MitarbeiterInnen ihre Früchte. Allerdings gibt es auch diejenigen, die gar keine Fragen mehr haben und am liebsten nur wieder das sehen und hören möchten, was sie selbst vor Jahren mitbekamen und von daher einen anderen Film, eine neue Ausstellung nicht als Bereicherung, sondern als Störfaktor in ihrem starren Weltbild erleben. Bei solchen Erwartungen geraten die MitarbeiterInnen der Gedenkstätte in die Rolle, bestimmte Buchenwalder Geschichten (»Erzählen Sie doch noch was über Ilse Koch und die Lampenschirme«) wie Abziehbilder an vorpräparierte Stellen in den Köpfen der Schüler kleben zu sollen – und das hat mit unseren Vorstellungen von Pädagogik nichts mehr zu tun.

Meiner Erfahrung nach sind nicht ins Bild passende, neue Fragen provozierende Erkenntnisse wichtiger als abgesicherte Standardprogramme – was viel persönliches Engagement und Offenheit für die immer neuen Gruppenkonstellationen bei Gedenkstättenbesuchen erfordert – auch für uns als Betreuer ist die Zeit abgelaufen, wenn wir keine Fragen mehr offen haben. In diesem Kontext liefert die Analyse von Annette Leo und Peter Reif-Spirek wichtige Hinweise, wobei aus meiner Erfahrung einige Schlußfolgerungen anders ausfallen.

Die Analyse von Peter Reif-Spirek und Annette Leo ist nicht ohne Folgen geblieben: Die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen fördert keine Kurzbesuche in den Gedenkstätten mehr und hat die Gelder umgewidmet für zumindest eintägige Veranstaltungen. Dies ist einerseits gut so, weil das Nachdenken über die Zielsetzung von Gedenkstättenbesuchen (gleich welcher Dauer) befördert wird und die Gedenkstätte Buchenwald die Angebote für ein- und mehrtägige Programme ausbaut: Ab April 1999 wird die Jugendbegegnungsstätte über ein weiteres, komplett saniertes Gebäude mit zusätzlichen dreißig Betten und entsprechende Seminarräume verfügen. Andererseits werden von Annette Leo und Peter Reif-Spirek aus den Berichten von LehrerInnen über Führungen und Kurzbesuche Schlüsse gezogen, die deutlich über den Untersuchungsgegenstand und die benutzten Unterlagen hinausgehen. Die Berichte belegen eben nicht »die strukturellen Defizite der Kurzzeitpädagogik« oder die These, daß »die Themen Konzentrationslager und Speziallager im Rahmen eines eintägigen Besuchs nicht zu bearbeiten [sind], schon gar nicht innerhalb von zwei bis drei Stunden«. In jeder Überblicksführung von 90 Minuten wird von uns deutlich gemacht, daß es am selben Ort das Konzentrationslager und das Speziallager gab, daß heute zuerst die Veränderungen des Geländes seit 1950 ins Auge fallen und das Konzentrationslager eben nicht mehr existiert. (»Ich möchte gern meine Schüler einmal das KZ live erleben lassen«, sagte ein Lehrer unbedacht am Telefon – solche insgeheimen Wünsche sind eben seit mehr als 50 Jahren nicht mehr zu erfüllen). Die Resonanz auf diese Führungen ist weitgehend positiv, weil wir auch nicht den Eindruck erwecken, daß diese erste Begegnung alles abdecken könne. Wenn aus diesem benannten Defizit der Wunsch nach ausführlicherem Umgang mit dem Ort erwächst, gibt es entsprechende Angebote, aber wir erwarten nicht, daß jeder mindestens einen Tag in der Gedenkstätte verbringt.

Genau genommen enthalten die analysierten Lehrer-Berichte überzogene Erwartungen und Enttäuschungen hinsichtlich der Ausstellung und des Geländes sowie eine Fixierung bei der Vorbereitung mit Literatur auf Bruno Apitz sowie den Wunsch, im Krematorium oder auch in der Ausstellung schockierende oder »grausame« Dinge zu finden (meist sind Lampenschirme aus angeblicher Menschenhaut gemeint – diese Exponate der DDR-Ausstellung waren Nachahmungen aus Schweinehaut, was offensichtlich nicht allgemein bekannt ist). Aus den Berichten lassen sich eher Rückschlüsse auf die pädagogischen Vorstellungen der Autoren ziehen als auf die Führungen selbst und die Möglichkeiten, die auch im Rahmen von drei- bis vierstündigen Besuchen liegen: Film, Führung, Museumsbesuche und Zeit zur individuellen Reflexion als Bausteine des Aufenthalts können in Reihenfolge und Themenschwerpunkten unterschiedlich gestaltet werden, wobei der Sinn solcher Veranstaltungen entscheidend davon abhängt, wie sie eingebettet werden.

Insofern halte ich es für verkürzt, von diesen Berichten ausgehend die »Kurzzeitpädagogik« komplett abzulehnen. Diese Einschätzung blendet die Erfahrung aus, daß manchmal nach Führung und Ausstellung die Gruppen auch erst einmal genug hatten und ihre Eindrücke verarbeiten wollten, obwohl die Führungen nicht als emotionaler Horrortrip, sondern als sensibles Angebot zur Erschließung der vielschichtigen Ortsgeschichte angelegt sind. In so einem Kontext kann ein Satz, eine Frage, eine Geste oder ein kurzes Gespräch langfristig mehr Bedeutung gewinnen als tagelange Programme – es sind letztlich diese Momente, die einen dauerhaft prägen. Solche Momente unter den Beteiligten zu ermöglichen, scheint mir persönlich mindestens so wichtig zu sein wie die angebotene Information.

Die Hoffnung, daß längere Aufenthalte per se einen intensiveren, differenzierten Umgang mit der komplexen Geschichte Buchenwalds garantieren könnten, ist unrealistisch, wie die folgenden Beispiele illustrieren: Eine Gruppe von SchülerInnen eines hessischen Gymnasiums hatte sich fast ein Jahr lang außerhalb der Schulzeit abends und an Wochenenden auf ein sechstägiges Programm in der Jugendbegegnungsstätte vorbereitet – dennoch hielten es die begleitenden Lehrerinnen nicht für sinnvoll, auch das Speziallager II zu thematisieren. Eine ganze Zeitungsseite über die Projektwoche, die von den SchülerInnen geschrieben wurde, enthielt praktisch keinen Hinweis auf die Zeit nach 1945. Aus Duisburg kamen SchülerInnen mehrerer Klassen für einen Tag in die Gedenkstätte, um sich (angeblich) mit dem Speziallager II auseinanderzusetzen: Zwei Zeitzeugen waren geladen, nach einem Rundgang und dem Besuch der Ausstellungen über die beiden Lager kam es in der letzten Gesprächsrunde zutage: Es ging den Lehrern weder um das KZ noch um eine detaillierte Geschichte des Speziallagers II, sondern schlicht um die Illustrierung der Thesen, daß der Kommunismus seit 1917 ein einziges Verbrechen darstelle, die DDR von Anfang an nichts anderes war als ein Gefängnis und die Gedenkstätte durch ihre Darstellung des Speziallagers II den Kommunismus beschönige. Umgekehrt hat der halbtägige Besuch einer Studentengruppe der TU Darmstadt gereicht, um ihre Auseinandersetzung mit den beiden Lagergeschichten im Rahmen ihres Seminars zu unterstützen. Ebenso gibt es Programme mit Soldaten oder deutsch-israelischen Schülergruppen, die innerhalb von drei bis vier Stunden sehr intensive und vielschichtige Auseinandersetzungen mit dem Ort, der Gruppe und der eigenen Person bewirken; auch hier ist weniger die Dauer des Besuchs als vielmehr sein Charakter und der dazugehörige Rahmen entscheidend.

Kurz gesagt: Einseitigkeiten, Ausblendungen und Projektionen existieren unabhängig von der Verweildauer in Buchenwald, und eingeschränkte Sichtweisen sind ebenfalls keine Spezialität Thüringer Lehrer, sondern weit verbreitet. (Dies läßt sich übrigens auch an den Eintragungen in den Besucherbüchern ablesen.) Insofern gibt es eine ganz andere Teilung unter den BesucherInnen: Während die einen froh sind über die Angebote zur differenzierten Auseinandersetzung mit allen Aspekten der hier präsenten Geschichte, möchten die anderen doch nur ihre wie immer gearteten Vorstellungen kurz und schlicht bestätigt sehen – eben »aufklärungsresistent«, wie Volkhard Knigge diese Gruppe einmal beschrieben hat. Mit diesen Grundmustern haben wir zu tun, egal, wie lange die Gäste bleiben, und es versteht sich von selbst, daß wir der ersten Gruppe zu-, der zweiten entgegenarbeiten.

Führungen, Tagesprojekte und mehrtägige Veranstaltungen sind je nach Zielgruppe, Intention und Kontext pädagogische Angebote, die sich ergänzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. In allen Betreuungsformen gehen wir darauf ein, daß die Erinnerung an Geschichte immer selektiv und von Interessen geleitet ist. Neben der Geschichte des Konzentrationslagers, die zentral steht, geht es um weitere Ereignisse an diesem Ort und mehrere Perspektiven – dies ist durch die Gestaltung des Geländes und die Einrichtung mehrerer selbständiger, bewußt voneinander abgesetzter Ausstellungen für die BesucherInnen kenntlich gemacht worden.

In unserem Prospekt »Pädagogische Angebote der Gedenkstätte Buchenwald« heißt es dazu: »Jetzt ist Buchenwald Gedenkstätte und zeithistorisches Museum. Für die meisten Menschen erinnert der Ort an eine Vergangenheit, die nicht mehr Teil ihrer persönlichen Erfahrung ist. Eine Vergangenheit, die jedoch immer noch Fragen aufwirft, die für die Gegenwart von Bedeutung sind.« Pointiert gesagt: Wäre Buchenwald ein Ort abgeschlossener Geschichte, könnten wir aufatmen – tatsächlich sind die hier immer neu aufgeworfenen Fragen eher existentieller Natur als allein von historischer Bedeutung. Dies ist spürbar bei fast allen Gästen: Die Frage z.B., ob wir selbst wohl eher hinter oder vor dem Zaun gestanden hätten, irritiert, fordert dazu heraus, nicht historisch zu spekulieren, sondern selbstkritisch die eigene Position und Verantwortung in gegenwärtigen und aufkommenden Konflikten aufzuspüren – so lassen sich Wegmarken ausmachen, die um einer anderen Zukunft willen von der Vergangenheit wegführen, wobei die Erinnerung notwendigerweise ein wichtiger Begleiter bleibt. Diese potentiellen Möglichkeiten werden allerdings nicht ausgeschöpft, wenn der Buchenwald-Besuch lediglich zur Vertiefung des Schulstoffs angesetzt wird. Tatsächlich ist das Angebot in den letzten zehn Jahren beträchtlich ausgeweitet worden: Seit 1990 ist durch intensive Forschungsarbeiten, den systematischen Ausbau der Bibliothek, des Archivs und der Kunstsammlung sowie durch umfangreiche Freilegungen im Gelände und das Bergen von Fundstücken die komplexe Geschichte von Buchenwald sichtbar und zugänglich gemacht worden. Drei vollständig neu erarbeitete, separate Ausstellungen (zur KZ-Geschichte, zum sowjetischen Speziallager und zu Kunst, die im KZ und danach entstand) sind seit 1995 eröffnet worden, Bibliothek und Archiv sind in großzügige Räume umgezogen, so daß auch Schulklassen dort recherchieren können. Zusätzlich gibt es ein Kino sowie eine umfassende Fachbuchhandlung mit aktuellen Titeln aus dem In- und Ausland. Die pädagogischen Konzepte sollen die Nutzung dieser umfangreichen Angebote erleichtern und enthalten folgende Aspekte:

a)  Information über die Geschichte des Ortes, vor allem über das KZ

b)    Empathie (mit den Opfern, dann Tätern und anderen Beteiligten)

c)    Perspektivenwechsel (andere Verfolgte, Täter, Bevölkerung der Umgebung)

d)    Angebote für verschiedene Wahrnehmungs- und Erklärungsmuster

e)    Reflexion der eigenen Wahrnehmung und Position

f)    Auseinandersetzung mit dem Ort, mit den anderen am Ort und mit sich selbst

Wer hier weiterhin ein Defizit an Anschaulichkeit beklagt, ist offensichtlich eher an einer oberflächlichen Abhandlung interessiert als an der komplexen Vielschichtigkeit, die sich nur erschließt, wenn man in die Tiefe geht. Bleibt zu hoffen, daß die Betreuungs-, Seminar- und Materialangebote der Gedenkstätte, der Lehrerfortbildungseinrichtungen sowie der Landeszentrale auch von Schulen verstärkt genutzt werden – bevor die Bundeswehr mit ihrem Wunsch nach vielen differenzierten Programmen die Kapazitäten der Gedenkstätte vollends in Beschlag nimmt.