Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eröffnete am 17. Oktober 2004 in einem der acht ehemaligen Aufseherinnenhäuser die Ausstellung über das weibliche KZ-Personal. Im Mittelpunkt der Exposition stehen erstmals die Frauen, die als weibliches Gefolge der Waffen-SS in Ravensbrück eingesperrte Frauen aus ganz Europa drangsalierten und quälten. Über 3 500 Aufseherinnen, die zwischen 1939 und 1945 im KZ Ravensbrück ihren Dienst verrichteten, haben in ihren zumeist niederen Rängen das Lagersystem am Laufen gehalten, Verbrechen billigend in Kauf genommen oder waren selbst daran beteiligt.
Bis 1943 bewarb sich die Mehrheit der Aufseherinnen auf eigene Initiative in Ravensbrück. Mit dem Ausbau des KZ-Systems und der Arbeitsdienstverpflichtung wurden Aufseherinnen von den Arbeitsämtern oder von Rüstungsbetrieben, die KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit angefordert hatten, zur Ausbildung nach Ravensbrück geschickt. Zwischen 1942 und 1945 wurde Ravensbrück zum zentralen Ausbildungslager für weibliches Bewachungspersonal.
Aufgrund der Organisationsstruktur der Konzentrationslager stellten Aufseherinnen wahrscheinlich nie mehr als zehn Prozent des gesamten KZ-Personals. Der Ravensbrücker Kommandanturstab und die Wachtruppe bestanden durchweg aus Männern. Die SS setzte Frauen ausschließlich für die innere Bewachung des Häftlingslagers und zur Bewachung der Häftlinge ein, die außerhalb des Lagers arbeiten mussten. Dennoch war es das weibliche Bewachungspersonal, das täglich die unmittelbare Herrschaft über die weiblichen Gefangenen ausübte.
Wer waren diese Frauen, von denen nur eine Minderheit Mitglieder der NSDAP war? Aus welchen Gründen wurden junge Frauen zu SS-Aufseherinnen? Wie wurde ihre Beteiligung an Verbrechen nach 1945 juristisch geahndet? Wie sah die Auseinandersetzung in den Familien der ehemaligen KZ-Aufseherinnen aus?
Die Ausstellung versucht sich diesen Fragestellungen in zweifacher Hinsicht – sowohl historisch-dokumentarisch wie auch rezeptionsgeschichtlich – zu nähern: Zum einem wird exemplarisch die Geschichte der Ravensbrücker Aufseherinnen in der Zeit von 1939 bis 1945 dargestellt. Zum anderen wird gezeigt, wie der gesellschaftliche und insbesondere der juristische Umgang mit dem weiblichen Bewachungspersonal nach 1945 aussah. Biografien von 18 ehemaligen Aufseherinnen sind jeweils thematischen Aspekten zugeordnet.
Die Erkenntnis, dass die nationalsozialistischen Verbrechen ohne Beschäftigung mit den Tätern letztendlich nicht zu verstehen sind, hat sich in der vor 10 Jahren erneut einsetzenden historischen Grundlagenforschung zum Holocaust und seinen Tätern durchgesetzt.[1] Ein wachsendes Interesse an der Thematik ist auch in der Frauen- und Geschlechterforschung zum Nationalsozialismus zu verzeichnen.[2]
Ziel der Ausstellung ist es, die Besucher und Besucherinnen anzuregen, sich mit den Motiven, Handlungsmöglichkeiten und Taten von Aufseherinnen differenziert auseinanderzusetzen. Dies ist ein wichtiger Punkt der Vermittlung, denn bis heute haben sich die geschlechtsspezifischen Klischees von der blonden Bestie und der grausamen Frau konserviert.
Gerhard Paul verweist auf die gesellschaftspolitische Funktion solcher pathologischen Kategorien, die dazu dienen, die Täter bzw. Täterinnen aus der deutschen Gesellschaft hinaus zu interpretieren. Diese Distanzierung erübrigt dann eine Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Motiven.
Ehemalige KZ-Aufseherinnen betrachteten und betrachten sich keineswegs als außerhalb der Gesellschaft stehend – und de facto kamen sie aus der Mitte der Gesellschaft.[3] Mehr noch – Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges als Aufseherinnen dienstverpflichtet worden waren, erklärten mitunter, wenn sie sich geweigert hätten, Aufseherin zu werden, wären sie selbst ins KZ gekommen. Dabei bedienen sie sich eines populären Bildes: den behaupteten Befehlsnotstand. Diese Entschuldungsfigur beruht auf der Legende, es habe einen Zwang zum Mitmachen gegeben, im Falle einer Verweigerung wären Leib und Leben bedroht gewesen.[4]
Im Laufe der knapp zweijährigen Recherchezeit für die Ausstellung gab es nur wenige Hinweise darauf, dass sich dienstverpflichtete Frauen geweigert haben, den Dienst als Aufseherin anzutreten. Eine Frau, die 1944 in das SS-Ausbildungslager Ravensbrück dienstverpflichtet worden war, hatte sich jedoch verweigert. Sie berichtete, dass ihre Verweigerung keinerlei Repressionen nach sich zog. Die Entschuldungslegende, die bis in die Gegenwart hineinwirkt, soll für die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung als solche erkennbar gemacht werden.
Die wissenschaftliche Fachkommission und der Internationale Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten empfahlen 1996, eines der Aufseherinnenhäuser in der künftigen Konzeption der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zu berücksichtigen. Die Gedenkstätte hatte dies seit 1993 beabsichtigt und entsprechend Forschungsprojekte initiiert.
In den beratenden Gremien der Stiftung wurde das Ausstellungskonzept wiederholt zur Diskussion gestellt. Die Gremien begleiteten das Ausstellungsvorhaben in der gesamten konzeptionellen Phase. Zudem stand Insa Eschebach als wissenschaftliche Expertin beratend zur Seite, die bereits 1997 erste Überlegungen zur Musealisierung des Themas zur Diskussion gestellt hatte.5 Außerdem veranstaltete die Gedenkstätte Ravensbrück Ende Oktober 2003 einen Workshop, um mit Fachkollegen und -kolleginnen anderer KZ-Gedenkstätten darüber zu diskutieren, wie an Orten nationalsozialistischer Verbrechen SS-Personal museal präsentiert werden könnte.
Im Ergebnis fanden einige Diskussionsanstöße Eingang in die Konzeption: Es wurde entschieden, ausschließlich Faksimile und Reproduktionen in der Ausstellung zu präsentieren, um eine möglicherweise auratische Wirkung von SS-Originalen zu vermeiden. Zudem wurden Erfahrungen ehemaliger Häftlinge als eine wesentliche Perspektive im Narrativ der Ausstellung verankert. Auch die Veranstaltung anlässlich der Ausstellungseröffnung am 17. Oktober 2004 spiegelte diese konzeptionelle Ausrichtung wieder. Die ehemaligen Ravensbrücker Häftlinge Irma Trksak (Wien), Edith Sparmann (Dresden) und Batsheva Dagan (Holon bei Tel Aviv) sprachen über ihre Erinnerungen an die erlittene Erniedrigung und die Gewalt, der sie durch Aufseherinnen ausgesetzt waren.
■ Außen: Geschichte der Aufseherinnenhäuser
■ Erdgeschoss
Foyer: Stimmen von Überlebenden
Raum 1: Aufseherinnen in der SS-Hierarchie
Raum 2: Alltag und Gewalt
Raum 3: Beteilung an Verbrechen
Raum 4: Außenlager und Massentötung im Frauen-KZ Ravensbrück
Raum 5: Nach Dienstschluss
■ Obergeschoss
Foyer: Suche nach Täterinnen; Der erste Hamburger Ravensbrück-Prozess
Raum 6: Alliierte Nachkriegsprozesse
Raum 7: Deutsche Strafverfolgung
Raum 8: Presseberichterstattung und Versuche der Rehabilitierung
Raum 9: Aufseherinnen in der deutschsprachigen Rezeption
Raum 10: Die Gegenwart der Vergangenheit
Raum 11: Leere ehemalige Dienstwohnung
Das Berliner Ausstellungsbüro Frey & Aichele Team wurde mit der Gestaltung der Exposition beauftragt. Der Gestalter hat mit dem Einbau eines Wandsystems, das abrupte Wendungen und scharfe Kanten hat, eine Ausstellungsarchitektur realisiert, die die vorhandene Bau- und Raumgestalt des ehemaligen Aufseherinnenhauses deutlich konterkariert. Die Ausstellungswände durchkreuzen auf beiden Etagen in sternförmigen Zacken die Wände im Inneren des Gebäudes. An der Außentreppe ragt – deutlich sichtbar – eine Spitze bis zum oberen Stockwerk hinauf. Auf diese Weise wird eine Brechung zur reinen Wohnsituation in dem Originalgebäude erzeugt. Ein Gefühl von Behaglichkeit kann in dem beklemmenden Labyrinth nicht aufkommen.
Das Ausstellungsdesign unterscheidet drei Ebenen: Exponate der Überlebenden sind auf weißem Hintergrund in die Ausstellungswände eingelassen. Exponate der Aufseherinnen sind auf Blechtafeln direkt auf der Wand angebracht, während die
neutralen Texttafeln etwas von der Wand entfernt befestigt sind. Diese Unterscheidung ist für den Besucher und die Besucherin unmittelbar zu erkennen.Die Ausstellung ist zweisprachig (deutsch/englisch). Im Foyer im Erdgeschoss und im Obergeschoss befinden sich Haupttexte, die eine Übersicht geben, welche Themen in den jeweiligen Räumen dargestellt werden. Die Klammer zwischen der NS-Zeit im unteren Teil und der Nachkriegszeit im oberen Teil der Ausstellung bildet eine Installation mit insgesamt 48 Fotos von Aufseherinnen, die sich im Treppenauge über beide Etagen zieht. Zur thematischen Vertiefung ist die Ausstellung mit acht Filmstationen, sieben interaktiven Medienstationen und 10 Hörstationen ausgestattet.
Die Ausstellung konnte mit freundlicher Unterstützung des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; der ERTOMIS Stiftung Wuppertal, der Siemens AG, der STO AG und der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Wiesbaden- Potsdam- Babelsberg realisiert werden.
Für die Ausstellung wurden während der zweijährigen Vorbereitungszeit umfangreiche Recherchen in über 18 in- und ausländischen Archiven angestellt. Zwei ehemalige Aufseherinnen erklärten sich zu Gesprächen bereit und konnten interviewt werden. Rund 300 Exponate, darunter 19 Faksimiles werden in der Ausstellung präsentiert, wie das Propaganda-Album der SS mit 92 Fotos des KZ Ravensbrück aus der Zeit um 1941. Es ist aufgeschlagen in einer Vitrine ausgestellt. Darunter befindet sich ein Monitor, an dem der Besucher und die Besucherin sich digital durch das Album klicken können. Gezeigt werden Fotos, Dokumente, Zeichnungen sowie Film- und Tonaufnahmen. Einige Fotos und Dokumente stammen aus Privatbesitz und zeigen Aufseherinnen außerhalb ihrer Dienstzeit im Umfeld des KZ Ravensbrück. Es wird generell darauf verzichtet, Fotos und Dokumente »aufzublasen«. Stattdessen werden sie möglichst in Originalgröße präsentiert und ihre Objektgeschichte »erzählt«. Vieles wird erstmals zu sehen sein, wie eine vermutlich 1943 heimlich gedrehte Filmsequenz, die bewachte Häftlinge des KZ- Außenlagers Grüneberg zeigt.
Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück realisierte als erste KZ-Gedenkstätte in der Bundesrepublik eine Dauerausstellung über das weibliche Bewachungspersonal. »Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück« basiert auf aktuellen Forschungsergebnissen und vermittelt sie zeitnah an die Gedenkstättenbesucher und -besucherinnen. Ein wissenschaftlicher Begleitband zur Ausstellung ist geplant. Die Ausstellung wurde in der Presse und Öffentlichkeit positiv und mit Interesse aufgenommen. Die gedenkstättenpädagogische Arbeit mit der Ausstellung wird in Zukunft zeigen, wie Besucher und Besucherinnen sie aufnehmen.
1 Gerhard Paul, Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und »ganz gewöhnlichen Deutschen«. Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: Ders. (Hg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche, Göttingen 2002, S. 13–90, hier S. 17.
2 Eine ausführliche Darstellung des Forschungsstandes würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Neuere Veröffentlichung: Ulrike Weckel, Edgar Wolfrum (Hg.), »Bestien« und »Befehlsempfänger«, Frauen und Männer in NS-Prozessen nach 1945, Göttingen 2003.
3 Im Rahmen des Ausstellungsprojektes wurde eine Forschungsdatenbank aufgebaut. Sie enthält mittlerweile Angaben zu 3.342 SS-Aufseherinnen, die diesen Schluss zulassen.
4 Vgl. Paul, Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und »ganz gewöhnlichen Deutschen«, S.18f.
5 Insa Eschebach, Das Aufseherinnenhaus, Überlegungen zu einer Ausstellung über SS-Aufseherinnen in der Gedenkstätte Ravensbrück, in: Stiftung Topographie des Terrors (Hg.), Gedenkstättenrundbrief Nr. 75 3/1997, S. 1-11.