In der Überzeugung, »dass den Millionen Menschen, die während des zweiten Weltkrieges in Deutschland (…) Zwangsarbeit haben leisten müssen, schweres Unrecht zugefügt worden ist.« (Senatsdrucksache 16/4945) haben der Senat und die Bürgerschaft der Stadt Hamburg 2001 ein Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa eingerichtet. Der »Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V.« wurde damit beauftragt, das Besuchsprogramm durchzuführen. Etwa 130 ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Russland und Weißrussland sowie Polen haben in vergangenen drei Jahren die Möglichkeit erhalten, die Stadt, in der sie während des Krieges Zwangsarbeit leisten mussten, noch einmal als willkommene Gäste zu besuchen.
Der erste Brief aus Hamburg kommt für die alten Menschen sehr überraschend und die meisten von ihnen reagieren sehr positiv auf diese Kontaktaufnahme von deutscher Seite: »Ihr Brief hat mich sehr überrascht, ich bin sehr berührt. Ich habe vor Glück und Freude geweint. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Arbeit und Ihre Aufmerksamkeit. Ich hätte nie gedacht, dass es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die an mich denken. Heutzutage sind solche Brief einfach ein Wunder«, schreibt Stanislaw Georijewitsch Lasutkin aus Russland (Jahrgang 1937) und Victor Wassiljewitsch Buto aus Weißrussland (Jahrgang 1930) teilt mit: »Ich war sehr aufgeregt, als ich Ihren Brief bekam. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Aufmerksamkeit zu mir. Ich hätte nie gedacht, dass solche Beziehungen des deutschen Volkes zu uns möglich sein könnten.«
Unabhängig davon, ob die Angeschriebenen eine Einladung nach Hamburg noch annehmen können, äußern sich fast durchweg erfreut und dankbar darüber, dass Hamburg »seine« früheren Zwangsarbeiter nicht vergisst. Viele schreiben darüber hinaus noch lange Briefe, in denen sie all das, was sie bewegt, mitteilen. Vor allem werden die Probleme des alltäglichen Lebens beschrieben, häufig verbunden mit der Bitte nach Medikamenten oder finanzieller Unterstützung. Es wird Unverständnis in Hinsicht auf die Entschädigungspraxis geäußert sowie um Hilfe bei der Beschaffung von Bescheinigungen für die Zwangsarbeit gebeten. Einige äußern den Wunsch, Gräber von Familienangehörigen zu finden oder aber frühere deutsche Arbeitskollegen zu treffen, die durch ihr menschliches Verhalten den Zwangsarbeitern gegenüber positiv in Erinnerung geblieben waren.
»Könnten Sie mir vielleicht finanziell helfen?«
Die materielle Lage der ehemaligen Zwangsarbeiter und ihrer Familien ist häufig prekär. Die Lebenshaltungskosten steigen beständig, die Renten sind klein. Für die alten, von Krankheiten geplagten Menschen besonders fatal: in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gibt es keine Krankenversicherung, Medikamente und Krankenhausaufenthalte müssen bar bezahlt werden. So schreibt Emilija Ignatjewna Barkowa aus Weißrussland (Jahrgang 1927): »Ich bin allein, es ist sehr schwer für mich. Mein Mann, Invalide 2. Grades, Kriegsveteran, ist 2000 verstorben. So lebe ich ganz allein. Für einen kranken Menschen, der alleine ist, ist das Leben sehr schwer, keiner hilft einem. Ich brauche viel Geld für Arznei, günstige Arznei bekommt man nicht so leicht. Ich bin im Magen krank, das sind Folgen vom Hunger und den schweren Arbeitsbedingungen.« Ähnlich äußert sich, stellvertretend für viele, auch Wassilij Wassiljewitsch Sserednizkij aus der Ukraine (Jahrgang 1906): »Ich bin ein alter Mensch. Bis jetzt haben wir noch keine Entschädigung bekommen, meine Rente ist klein und davon kann man schwer leben. Könnten Sie mir vielleicht finanziell helfen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden.«
»Ich brauche unbedingt eine Bestätigung, dass ich im Lager war.«
Insbesondere in den 2001 und 2002 eingegangenen Briefen wird die Entschädigung für Zwangsarbeit und die damit verbundenen Antragsverfahren thematisiert. Viele ehemalige Zwangsarbeiter sind erleichtert, dass die Entschädigungszahlungen nun endlich beschlossene Sache sind, andererseits herrscht große Verunsicherung über das Antragsverfahren. Den eigenen Behörden, zu denen auch die Nationalen Stiftungen zählen, bei denen die Anträge eingereicht und bearbeitet werden, wird großes Misstrauen entgegengebracht. Ein immer wiederkehrendes Problem sind fehlende oder unvollständige Bescheinigungen für die Zwangsarbeit. »Ich möchte Sie inständig bitten, mir bei der Suche nach meinen Dokumenten zu helfen, auch nach Angaben zu meiner Tochter, Onischtschenko Nadezhda Fedotowna, geboren am 17. Dezember 1944 (in Hamburg). Wohin wir bis jetzt geschrieben haben, wir haben keine positive Antwort bekommen«, bittet Anna Iwanowna Onischtschenko aus der Ukraine (Jahrgang 1923). Leonid Petrowitsch Kossogor aus der Ukraine (Jahrgang 1926) äußert die Angst vieler ehemaliger Zwangsarbeiter, nämlich als solcher nicht anerkannt zu werden und damit keinen Anspruch auf das so dringend benötigte Geld zu haben: »Ich brauche unbedingt eine Bestätigung, dass ich wirklich im Lager war. Ohne diese Bescheinigung kann ich keine Entschädigung bekommen.«
In vielen Fällen konnten die Anfragen der ehemaligen Zwangsarbeiter an die zuständigen Archive in Hamburg oder auch außerhalb weitergeleitet werden. Briefe künden davon, dass die gewünschten Bescheinigungen ausgestellt wurden. »Ich bedanke mich für Ihre Hilfe: Sie haben meinen Brief an das Archiv der Stadt Mölln weitergeleitet. Ich habe die Antwort aus dem Archiv und vom Bürgermeister der Stadt Mölln bekommen: Sie haben mir bestätigt, dass ich und meine Eltern Zwangsarbeit im Dorf Anker beim Bauern Brandt ab Juni 1942 bis Mai 1945 geleistet haben. Auf Grund dieser Bescheinigung habe ich die erste Rate der Entschädigung bekommen«, schreibt dankbar Walentina Afanasjewna Belokopytowa aus Russland (Jahrgang 1933).
Häufig wird geklagt, dass die Auszahlung auf sich warten lässt und zudem in zwei Raten erfolgt – nicht zu Unrecht befürchten viele, so wie Uljana Jewsejewna Drobuschkowa aus Weißrussland, die Auszahlung der 2. Rate nicht mehr zu erleben: »Warum wird uns das Geld in Raten ausgezahlt? Wir sind schon alt und wir schaffen es nicht, das Geld zu bekommen.«
Von den Informationen, die die ehemaligen Zwangsarbeiter vom Freundeskreis bekommen, profitieren nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Verwandten und manchmal, wie bei Iwan Trifonowitsch Zhuromskij aus der Ukraine, das gesamte Dorf: »Nochmals vielen Dank für Ihren Brief, dort war alles kurz und verständlich geschrieben. Wenn ich einen Brief von Ihnen bekommen habe, dann weiß davon das ganze Dorf. Und wenn ich im Zentrum bin, dann werde ich gefragt, ob ich Neuigkeiten über die Auszahlung der Entschädigung habe. Und ich antworte: ›Nichts Neues.‹«
»Ich möchte gerne die Gräber finden…«
Nicht wenige der ehemaligen Zwangsarbeiter nutzen die Gelegenheit, sich nach dem weiteren Werdegang der Firma zu erkundigen, für die sie gearbeitet haben oder nach Personen zu fragen, die sie in guter Erinnerung behalten haben, weil sie den Zwangsarbeitern damals menschlich begegnet sind und ihnen geholfen haben. Ebenfalls wird der Wunsch geäußert, Gräber von Familienangehörigen aufzusuchen. »Ich möchte gerne die Gräber finden von meinem Vater Dymkowez, Andrej Iwanowitsch und meiner Schwester Dymkowez, Sinaida Andrejewna, die in Hamburg gestorben sind. Vater ist bei der Arbeit verunglückt, die Schwester wurde bei einer Bombardierung getötet. Sie wurden in Hamburg begraben. Ich kann selbst leider nicht nach Hamburg kommen, da ich krank bin«, schreibt Nina Andrejewna Akulitsch aus Weißrussland. Rada Nikolajewna Masalewskaja aus der Ukraine (Jahrgang) äußert den lang gehegten »Traum, nach Hamburg zu kommen und Blumen auf dem Grabstein meiner Schwiegermutter Ewgenija Masalewskaja niederzulegen. Sie hat es geschafft, ihren Sohn und mich kurz vor ihrem Tod zu segnen. Leider kann mein Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen.«
Auf dem zentralen Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg befinden sich mehrere Tausend Gräber von Ausländern, die während des Krieges gestorben sind, sie werden nach dem deutschen Kriegsgräbergesetz erhalten und gepflegt. Über 55 Jahre nach Kriegsende ist es nun möglich, den Angehörigen Fotos von diesen Gräbern zu schicken oder sie bei einem Besuch in Hamburg dorthin zu führen. Auch die Gräber der Angehörigen von Frau Akulitsch und Frau Masalewskaja sind auf dem Ohlsdorfer Friedhof noch vorhanden.
»…für dieses Geld kann ich mir einen neuen Mantel leisten.«
Ein immer wiederkehrendes Thema in den Briefen ist die Entschädigung. »Ich habe die erste Rate der Entschädigung in Höhe von 268,- Euro bekommen. Natürlich ist es nicht viel, aber für dieses Geld kann ich mir einen neuen Mantel leisten. Für mehr reicht es einfach nicht«, teilte Walentina Afanasjewna Belokopytowa aus Russland (Jahrgang 1933) im Februar 2003 mit. Angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten reicht das Geld jedoch meist nicht weit.
Jekaterina Andrejewna Kosenko aus der Ukraine hat schon alles verplant: »Sobald ich die zweite Rate der Entschädigung bekomme, kaufe ich mir einen Farbfernseher und etwas neues für mich, vielleicht Schuhe oder Kleidung. Den Rest gebe ich für die Renovierung meines Hauses und für die Reparatur der Wasserleitung im Hof meines Hauses aus.«
Große Sorge bereitet das unbestimmte Datum der Auszahlung der zweiten Rate: »Die Entschädigung ist mir nicht in voller Höhe ausgezahlt worden. Die zweite Rate wird später in unbekannter Zeit ausgezahlt. Wie müde bin ich von diesem Warten und Bangen«, klagt Anna Ssaweljewna Belokopytowa aus der Ukraine (Jahrgang 1925). Iwan Trifonowitsch Zhuromskij aus der Ukraine bringt zum Ausdruck, dass nicht nur die ehemaligen Zwangsarbeiter, sondern die gesamte Familie auf das Geld wartet: »Sie schreiben, dass man in diesem Jahr den zweiten Teil der Entschädigung bekommt. Gott sei Dank. Mit unserer bescheidenen Rente ist es schwer zu überleben, und wir müssen noch zwei unserer arbeitslosen Söhne und ihren Familien helfen. Ich möchte nicht jammern, aber es ist schade, wie man mit Menschen bei uns umgeht.«
»…diese Stadt ist für mich wie eine Heimatstadt.« – Ehemalige Zwangsarbeiter besuchen Hamburg
»Ja, ich möchte sehr gern Hamburg besuchen. Diese Stadt ist für mich wie eine Heimatstadt, obwohl ich dort ein schweres Leben hatte: ich war hungrig, ich aß Kohl, wurde aber nicht satt, dazu noch einen Becher Tee und ein Stück Brot mit Margarine; es war kalt in den Holzschuhen mit nackten Füßen. Trotzdem waren die Deutschen sehr nett… Am Arbeitsplatz wurde ich gut behandelt. Ich weinte oft, dann trösteten mich die deutschen Frauen… Ab und zu gaben sie mir ein Stück Brot.« So erinnert sich Olga Filippowa Burzewa aus der Ukraine.
Zweimal jährlich werden Gruppen von jeweils 25 ehemaligen Zwangsarbeitern nach Hamburg eingeladen. Der Besuch der Orte der Zwangsarbeit steht im Zentrum jeder Besuchsreise. Wie dieses Wiedersehen auf die ehemaligen Zwangsarbeiter wirkt, ist sehr davon abhängig, ob es im Vorfeld gelingt, die Firmen und/oder Lager genau zu lokalisieren und wie es heute dort aussieht. Soweit die Zwangsarbeiter in Barackenlagern untergebracht waren, sind heute kaum noch Spuren zu entdecken. Desgleichen bei Firmen, die heute nicht mehr existieren oder aber ihre Firmenanlagen an anderem Ort nach modernen Standards neu aufgebaut haben. Viele große Unternehmen, in denen während des Krieges Hunderte von Zwangsarbeitern eingesetzt waren, gibt es heute nicht mehr – so z.B. im Bereich des Hafens, wo sich zum einen der Warenumschlag in den letzten Jahrzehnten fundamental gewandelt hat, aber auch die meisten der großen Werften verschwunden sind. Es ist schwer, einem ehemaligen Zwangsarbeiter, der auf der Stülcken-Werft gearbeitet hat, zu erklären, dass von dieser Werft heute kein einziger Stein mehr steht und sich auf dem Gelände statt dessen ein Musical-Theater befindet.
Oft ist die Erinnerung der ehemaligen Zwangsarbeiter so ungenau, dass es nicht möglich ist, genau zu bestimmen, wo sie damals gearbeitet und gelebt haben. In Hamburg gab es über 1 500 Lager und mehr als 1 000 Betriebe, die Zwangsarbeiter einsetzten, dazu kamen die vielen Privathaushalte und Bauernhöfe, in denen ebenfalls Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. Während des einwöchigen Aufenthaltes in Hamburg besteht nicht die Möglichkeit, mit jedem Einzelnen intensive Spurensuche zu betreiben, zumal das Aufsuchen der Orte der Zwangsarbeit nur ein Programmpunkt von vielen ist.
Besonders bewegend für alle Beteiligten ist es, wenn die Möglichkeit besteht, die Betriebe zu besichtigen. Es ist für die ehemaligen Zwangsarbeiter ein großer Moment, als »früherer Mitarbeiter« von einem Vertreter der Geschäftsführung begrüßt zu werden – wenn auch die Tragweite dessen, was das bedeutete, manchem Firmenrepräsentanten nicht ganz deutlich zu sein scheint. Die Reaktion der Betriebe auf die Anfrage, ob die ehemaligen Zwangsarbeiter den Betrieb besuchen könnten, ist sehr unterschiedlich: Einige antworten gar nicht, andere lehnen das Ansinnen ab (meist mit der Begründung, dass eine Begehung des Betriebsgeländes zu gefährlich sei), andere gehen bereitwillig auf das Anliegen ein. Im Gegensatz zu »normalen Betriebsbesichtigungen«, bei denen gezeigt wird, wie modern und leistungsfähig ein Betrieb ist, geht es den ehemaligen Zwangsarbeitern vor allem darum, die Gebäude und die Atmosphäre wiederzufinden, die ihnen nach fast 60 Jahren noch in Erinnerung geblieben ist. Da dies nur bedingt möglich ist, sind einige ehemalige Zwangsarbeiter nach einer Betriebsbesichtigung enttäuscht: das, was sie wiederzufinden hofften, gab es nicht mehr. Noch tiefer ist jedoch die Enttäuschung derjenigen, die vor einem verschlossenen Fabriktor stehen müssen, da die Unternehmensleitung einem Besuch nicht zugestimmt hat. Maria Karpowa Martschuk aus Weißrussland beschreibt die ambivalenten Gefühle, die die Konfrontation mit der Vergangenheit weckt: »Ich konnte während meines Besuches in Hamburg die Fabrik Conz nicht besuchen, in der ich mehr als zwei Jahre arbeitete. Daran bin ich vielleicht ein bisschen selbst schuld, ich habe darauf nicht bestanden. Ich habe gesehen, wie andere beim Besuch ihres Lagers oder des Orts, wo sie gearbeitet haben, nichts Wesentliches gesehen oder erkannt haben. Natürlich hat sich vieles im Laufe der Jahre verändert oder ist umgebaut worden… Aber für mich, in meinen Erinnerungen ist die Fabrik so wie in jenen längst vergangenen Jahren geblieben, als ich da gearbeitet habe. Sie bleibt für mich unverändert, solange ich lebe. Vielleicht ist es besser so, dass ich diese Veränderungen nicht gesehen habe.«
Neben dem Aufsuchen der Orten der Zwangsarbeit nimmt die humanitäre Hilfe viel Zeit in Anspruch. Viele der Gäste benötigen passende Brillen und Hörgeräte. Dank der Unterstützung durch zwei große Unternehmen gelingt es, innerhalb von wenigen Tagen ein halbes Dutzend Hörgeräte und bis zu zwanzig Brillen anzufertigen und anzupassen, so dass die ehemaligen Zwangsarbeiter die wertvollen Hilfen gleich mitnehmen können in die Heimat. Man muss selbst gesehen haben, wie überwältigt die alten Frauen und Männer sind, wenn sie die neuen Brillen aufsetzen und ihre Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes mit ganz anderen Augen wahrnehmen können. »Die Brille passt mir gut und dank ihr hat sich meine Sehkraft um 50% verbessert. Das ist für mich ein großes Geschenk, denn ich konnte kaum noch sehen«, freut sich Sinowij Lukitsch Oleksin aus der Ukraine, genauso wie Stanislaw Iossifowitsch Liss aus Weißrussland: »Mit dem Hörgerät habe ich bis jetzt keine Probleme. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, wie ich ohne dieses Gerät früher klar kommen konnte. Vielen, vielen Dank!«
»…in meiner Seele ist es wärmer geworden«,
schreibt Tamara Iwanowna Nassonowa aus Russland wenige Wochen nach ihrem Besuch in Hamburg. Die tiefe Bedeutung, die für viele der Eingeladenen der Besuch in Hamburg hat, wird unterschiedlich ausgedrückt, allen jedoch geht es um ein Gefühl der Zufriedenheit, durch die Rückkehr in die Stadt, in der sie mehrere Jahre ihrer Jugend verbrachten, den Lebenskreis geschlossen zu haben. Nicht zuletzt wird die Einladung auch als das wahrgenommen, was sie sein soll: Ein menschliches, persönliches Zeichen der Anerkennung Hamburgs den Menschen gegenüber, die als Zwangsarbeiter eine unmenschliche Zeit in dieser Stadt verbringen mussten. Tamara Ssemjonowna Scherstnewa aus Russland beschreibt, wie sich ihre Gefühle verändert haben: »Das Erlebte im Krieg ließ in mir lange Zeit einen bitteren Beigeschmack. Aber jetzt ist er endgültig verflüchtigt. Der Krieg geht nicht aus dem Gedächtnis, aber Ihr wunderbarer Verein half, das Eis in meinem Herzen für immer schmelzen zu lassen.« Ähnlich empfindet auch Maria Nikolajewna Oserowa aus der Ukraine: »Ich habe mich aufs neue an alles erinnert und alles aufs neue erlebt. Alles das, was ich in den längst vergangenen und schrecklichen Jahren ertragen musste. Nach meiner Reise nach Hamburg habe ich darüber nachgedacht und später ist auch die seelische Erleichterung gekommen. Ich habe gesehen, wie gut Ihr Leben ist, wie sich alles bei Ihnen positiv verändert hat. Ihr herzliches, warmes Verhältnis zu uns hat mich sehr berührt.« Wie für Maria Sstepanowna Anikuschina aus der Ukraine verbindet sich für viele der Anblick des nach dem Krieg wieder aufgebauten Hamburg und der persönliche Empfang in der Stadt zu einem tiefen Erlebnis: »Ich danke für den wunderschönen Empfang im Rathaus. Wir sahen alle Schönheiten Hamburgs der Nachkriegszeit. Ich danke für die Möglichkeit, den Friedhof besichtigen zu können mit den Gräbern unserer Landsleute. Eindrücke für mein ganzes Leben hinterließ in meinem Gedächtnis die Fahrt über die Elbe mit der Barkasse. Die Elbe ist sehr schön und groß, während des Krieges habe ich sie nicht gesehen, da unser Lager abseits lag.«
Die Familien, Freunde und Verwandten der ehemaligen Zwangsarbeiter nehmen meist regen Anteil an deren Korrespondenz mit dem Freundeskreis im fernen Hamburg und manchmal teilen auch sie ihre Eindrücke mit. So schreibt Sinaida, die Tochter eines ehemaligen Zwangsarbeiters aus der Ukraine: »Mein Vater war vom 6. bis 14. Oktober 2001 in Hamburg zu Besuch. In seinem Namen und von mir persönlich möchte ich Ihnen für die Arbeit, für die Aufmerksamkeit und Ihre Herzensgüte gegenüber den alten Menschen sehr danken. Mein Vater war mit seiner Reise sehr zufrieden. Er hat sich über Ihre Einladung sehr gefreut. Nach der Heimkehr ist er quasi wieder zum Leben erwacht. Er trifft sich mit Verwandten, Freunden und erzählt gern von seinen Eindrücken, vom Gesehenen, von Ihrer Betreuung und respektvoller Behandlung.«
Die tiefe Bedeutung, die der Kontakt nach Deutschland für die ehemaligen Zwangsarbeiter und ihre Familien hat, lässt sich aus ihren Briefen herauslesen. Beschämend wirkt die große Dankbarkeit, mit der sie auf das so spät und häufig nur unter Druck zustande gekommene Interesse an ihrem Schicksal reagieren. Niemand jedoch wird je genau sagen können, für wie viele der ehemaligen Zwangsarbeiter die Entschädigungszahlungen und Einladungen zu spät kommen – gezeichnet von den Jahren in Deutschland und der anschließenden Diskriminierung im eigenen Land sind sie gestorben, ohne je eine moralische oder finanzielle Anerkennung für ihr Schicksal erfahren zu haben.
Katja Hertz-Eichenrode organisiert als Mitarbeiterin des Freundeskreises KZ-Gedenkstätte Neuengamme das von der Freien und Hansestadt Hamburg finanzierte Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter.