Unter dem Titel »Räume der Erinnerung« widmete sich IC MEMO während der diesjährigen Generalver-sammlung von ICOM den Erinnerungskulturen in Österreich und Ungarn. Gastgeber und Mitveranstalter war das Jüdische Museum der Stadt Wien[1]. Die Kolleginnen und Kollegen, die sich buchstäblich vom frühen Morgen bis zur späten Nacht für die Konferenzteilnehmer einsetzten und denen auch noch einmal hier gedankt sei, hatten spannungsreiche Begegnungen organisiert. Das Jüdische Museum und das jüdische Wien in seinen gegenwärtigen und vergangenheitsbezogenen Dimensionen machten einen wichtigen Inhalt der Konferenz aus.
Ein Rundgang zu jüdischen Stätten war Bestandteil der Konferenz. Der 1826 eingeweihte »Stadttempel« steht sowohl für den Aufbruch der jüdischen Gemeinde in die Emanzipation als auch für die heutige Fortführung jüdischen Lebens am traditionsreichen Ort, macht aber auch – das war besonders für viele Teilnehmende aus Übersee einprägsam – durch die hohen Sicherheitsanforderungen die ständige Gefahr für die Juden in Österreich deutlich. Umso wohltuender war der anschließende Besuch im Gemeindezentrum »Esra«, das in seiner Arbeit zunehmend die psychosoziale Bearbeitung von Verfolgungstraumata hinter sich lassen kann und sich den alltäglichen Problemen der nachwachsenden Generationen widmet.
An die doppelte Auslöschung jüdischen Lebens erinnern dagegen das »Museum Judenplatz« und das dortige Mahnmal. Das 2000 eröffnete Museum befindet sich in einem Gebäude mit mittelalterlicher Bausub-stanz, von dem aus ein unterirdischer Zugang zu den Fundamenten der nach dem Pogrom von 1421 zer-störten ältesten Wiener Synagoge unter dem Judenplatz führt. Anhand eines Modells und einer aufwändi-gen digitalen Rekonstruktion werden die Besucher in das mittelalterliche jüdische Wien eingeführt, Funktion und Architektur der Synagoge werden dargestellt. Erst danach erleben die Besucher die – nur ganz spärlich erläuterten – Originalüberreste des Syna-gogengebäudes. Auf dem Platz darüber erhebt sich der weiße Kubus des von Rachel Whiteread entworfenen Mahnmals, das an die Vernichtung der Juden Wiens im »Dritten Reich« erinnert. Historische Zeugnisse und Mahnmal hinterließen einen starken Eindruck, während die Bewertung der – je nach Lebensalter offenbar mehr oder weniger dem fiktionalen Genre zugeordneten – 3d-Animation in diesem Kontext unterschiedlich ausfiel.
Das Jüdische Museum wartete außer mit seiner Dauerausstellung mit zwei Sonderausstellungen auf. Die Dauerausstellung verzichtet auf einen Rundgang durch die jüdische Geschichte Wiens. Sie bietet den Besuchern stattdessen drei Ansätze an: eine Kollektion jüdischer Sakralobjekte, gegliedert nach den Grundprinzipien jüdischen religiösen Selbstverständnisses, eine Sammlung von Hologrammen und ein begehbares Depot.
Am weitesten entfernt sich das Museum mit den 21 Hologrammen vom konven-tionellen Ausstellungsduktus. In ihnen sollen Eckpunkte jüdischer Geschichte in Österreich gebündelt werden. Sie sollen den Besuchern verdeutlichen, dass jede Form eines geschlossenen Narrativs ein Widerspruch zu der Radikali-tät sein würde, mit der die Kontinuität jüdischer Geschichte wiederholt von ihrer Mitwelt unterbrochen wurde. Sie sollen den Besuchern zugleich auch keine geschlossene Sachüberlieferung vortäuschen (viele Objekte wurden vernichtet), sondern ihnen die Mühe abverlangen, die Objekte sehen zu wollen (sie erscheinen nur aus einem Blickwinkel dreidimensional), die aber – trotz Dreidimensionalität – keine haptischen Qualitäten aufweisen. Leider konnten die Teilnehmer der Konferenz diese weithin bekannte, kühne Geste einer ungewöhnlichen Repräsentanz einer so außergewöhnlichen Geschichte wie der der Juden in der Diaspora nicht wirklich nachprüfbar erleben und diskutieren, da die »Erfahrungsseite« der Hologramme mit Archivkästen, die zur Sonderausstellung »Archiv der jüdischen Gemeinde« gehörten, verstellt war. Die letztgenannte Ausstellung entwickelte im Übrigen ihre Perspektiven auf ihr Material aus dem Format, wie-derum ein die Besucher sehr fordernder Ansatz. Demgegenüber ließ die nicht weniger anspruchsvoll, aber »konventioneller« erarbeitete Ausstellung »Beste aller Frauen. Die weibliche Dimension im Judentum« den Teilnehmenden ein wenig Raum zum Durchatmen und der Entdeckung ungewöhnlicher Dimensionen »herkömmlicher« Ausstellungsstücke.
Über ihren Informationswert als solchen hinaus erwiesen sich die beiden Vorträge der Konferenz als ausgezeichnete Vorbereitung der beiden Exkursionstage.
Dr. Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien) zeigte anhand von Monu-menten und Manifestationen auf, wie schwer es den Österreichern mehrheitlich fiel, eine realistische Einsicht in die Rolle der Mehrheit während der Zeit des NS zu gewinnen und ein enge Minderheitskollektive überwindendes, gesellschaftlich übergreifendes öffentliches Gedenken an die Opfer des NS zu entwickeln. Während bis in die 1960er Jahre hinein die Konservativen, aber zum Teil auch die SPÖ, Probleme mit einem öffentlichen Gedenken der NS-Opfer hatten, und nur die KPÖ kompromisslos für ein Gedenken – allerdings vor allem der eigenen politischen Opfer – eintrat, erfolgten ab da die ersten parteiübergreifenden Ehrungen für NS-Opfer unter dem – problematischen – Stichwort »Kämpfer für Österreichs Freiheit« (so die nationale Ausstellung in Auschwitz 1978: Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus). Erst ab dieser Zeit trat Mauthausen als Gedenkort in ein breites Bewusstsein. Ab dem » Fall Waldheim« 1988 setzte man sich verstärkt mit den Tätern aus den eigenen Reihen auseinander. Das Gedenken verbreiterte sich gesellschaftlich. Ab den 1990er Jahren entstanden eine Reihe ausdrucksvoller Monumente, so das Mahnmal von Hrdlicka auf dem Albertinerplatz in Wien.
Dr. Monika Kovacz (Eötvös Loránd Universität, Budapest) zeigte am ungarischen Beispiel eine Gesellschaft, in der das Gedenken noch sehr stark den Grenzlinien der politischen Lager folgt. In der Zeit der kommunistischen Diktatur spielte der Holocaust im Verhältnis zu den politischen Opfern des NS fast keine Rolle. In den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch des staatssozialistischen Systems, trafen zwei bislang verdrängte Traumata aufeinander: der unausgesprochene Holocaust und die bislang ebenfalls verschwiegene Verfolgung durch die staatssozialistischen Machthaber. In der gesellschaftlichen Umbruchpha-se existierten keine Maßstäbe zur Einordnung dieser Verfolgungen und ihrer Opfer. Trotz steigenden Wis-sens um die Sachverhalte wurden ab der Jahrtausendwende die Vergangenheitsdiskurse nicht zur Klärung von Mittäterschaft und Verantwortung, sondern zur politischen Verortung in der Gegenwart benutzt. Dabei erwiesen sich die Konservativen durchaus als Meinungsführer bei der Etablierung des Holocaust im öffentlichen Gedächtnis, behandelten ihn aber als ausländisch induziertes Phänomen, bei dem sich ein Blick auf ungarischen Antisemitismus und Mittäterschaft erübrigten, während die Linken sich als Erbe des moralischen Kapitals des Antifaschismus fühlten, ohne sich aber mit Verbrechen in der Zeit der staatssozialistischen Diktatur auseinanderzusetzen. Am Beispiel der beiden führenden zeitgeschichtlichen Gedenkorte in Budapest verdeutlichte die Referentin diese These: Das »Haus des Terrors« stelle zwar ein Identifikati-onsangebot für konservative Gegner des Kommunismus dar, erschwere aber durch die Emotionalisierung und Universalisierung des Staatssozialismus als Terrorismus den Weg zum Verständnis dieser Herr-schaftsordnung und vertiefe somit die bestehenden Gräben in der ungarischen Gesellschaft. Der Holocaust-Gedenkstätte fehle dagegen bei ihren Bemühungen um eine Analyse des Holocaust und um ein Ge-denken an die Opfer aus den Reihen der Juden und Roma ein gesellschaftlicher Ansprechpartner.
Am dritten Tag begaben sich die Mitglieder von IC MEMO auf eine Exkursion in die österreichischen Gedenkstätten von Mauthausen und Schloss Hartheim, zwei Orte in der Umgebung von Linz. Für die Fahrt dorthin hatte das Österreichische Bundesministerium für Inneres, der Träger der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, einen Bus zur Verfügung gestellt. In dem nationalsozialistischen Konzentrationslager und seinen zahlreichen Außenlagern waren von 1938 bis 1945 über 200 000 Menschen inhaftiert. Etwa die Hälfte von ihnen wurde ermordet oder ging an den unmenschlichen Bedingungen der Haft und der Zwangsarbeit vor allem in Steinbrüchen zu Grunde.
Der Besuch begann mit einer kurzen Besichtigung des 2003 eröffneten, architektonisch eigenwilligen Besucherzentrums. Es bildet das Zentrum der modularen Neugestaltung der Ausstellung der Gedenkstätte, an der seit einigen Jahren gearbeitet wird[2]. Leider war das inhaltlich, räumlich und technisch besonders ansprechend gestaltete Modul des ZeitzeugInnen-Projekts Mauthausen, die audiovisuelle Präsentation zahlreicher ZeitzeugInnen-Interviews in einer kreisrunden Anlage mehrerer Video-Kojen, wegen einer Son-derausstellung nicht in seiner eigentlichen Form zu benutzen. Herr Hans Peter Jeschke vom österreichi-schen Bundesministerium für Inneres führte in das Projekt einer umfassenden Dokumentation der Überre-ste des ehemaligen Lagersystems des KZ Mauthausen im Sinne des von der UNESCO entwickelten Kon-zepts einer »cultural heritage landscape« ein[3].
Unter der kundigen Führung eines jungen Mitarbeiters der Gedenkstätte machten die Exkursionsteil-nehmenden einen Rundgang durch das festungsartige Gelände des Konzentrationslagers sowie durch die vor dessen Mauern gelegene, in ihrer Form einzig-artige Erinnerungsstätte, in der über 20 Staaten und Völ-ker mit einem eigenen nationalen Denkmal für die Opfer des KZ Mauthausen vertreten sind. Deutschland ist sogar mit zwei Mahnmälern präsent: 1966 gestaltete die DDR einen Gedenkplatz, 1983 folgte die »alte« Bundesrepublik. In der Baracke des ehemaligen Krankenreviers konnte die aus dem Jahr 1970 stammende permanente Ausstellung zur Geschichte des KZ Mauthausen betrachtet werden. Diese Schau soll in Zukunft abgebaut werden. Unter den Teilnehmenden wurde jedoch die Frage diskutiert, ob die alte Exposition nicht zusätzlich zur neuen, modularen Ausstellung erhalten bleiben soll, da sie eine Fülle von Aspekten des Alltags im KZ anspricht, die in neuen, mehr auf Strukturen (zum Beispiel Täter, Lagerumfeld, etc.) zielenden KZ-Gedenkausstellungen oftmals weit weniger Beachtung finden.
Nach einer einstündigen Busfahrt erreichten die Exkursionsteilnehmenden Schloss Hartheim. Dort gedachten die anwesenden IC Memo-Mitglieder zunächst in einer Schweigeminute des im März 2007 verstorbenen langjährigen Leiters der Gedenkstätte und Komitee-Mitglieds, Dr. Hartmut Reese. Das Renaissance-Schloss Hartheim, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Pflegeanstalt für geistig und mehrfach Behinderte, wurde von den Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1944 als Euthanasie-Anstalt missbraucht. Rund 30 000 Menschen wurden in dieser Zeit hier umgebracht. Seit 2003 ist im Schloss ein Lern- und Gedenkort entstanden, der die Erinnerung an die hier Ermordeten und die Vorgänge, die zu ihrer Ermordung führten, wachruft[4]. Die neue Leiterin, Mag.a Irene Leitner, führte zuerst durch die Räume des Euthanasieverbrechens. Auf der Basis eines eindrucksvollen didaktischen Konzepts werden den Besuchern die Vorgänge von damals vermittelt. Der Ausstellungsgang folgt dem Weg, den die Opfer von ihrer Ankunft in Bussen bis zu ihrer Ermordung in der Gaskammer gehen mussten, und endet in den ehemaligen Leichen- und Krematoriumsräumen. Die Tötungsräume sind durch nachträgliche Einschnitte in den Wänden zu erreichen; der Weg führt jedoch über einen Steg, der die Räume zwar erfahrbar, aber nicht betretbar macht. Aus dieser Distanz heraus können die Besucher selbst entscheiden, wie nah sie das historische Geschehen an sich heranlassen.
Der Besuch endete mit der Besichtigung der zweiten Hartheimer Dauerausstellung unter dem Titel »Wert des Lebens«. Darin wird der Umgang westlicher Gesellschaften mit Behinderten und psychisch Kranken in der Neuzeit reflektiert. Die Ausstellung zeichnet die Entwicklungslinien der Diskriminierung nach: von der ökonomistischen Charakterisierung und Behandlung Behinderter als vermeintlich »Unbrauchbare« im Verlauf der Aufklärung und der Industrialisierung über die weitverbreiteten wissenschaftlichen und politischen Diskussionen zum Thema »Eugenik« im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zu den manipulativen Ein-griffsmöglichkeiten, die die modernen Biotechnologien, allen voran die Humangenetik, zu eröffnen schei-nen. Die Präsentation dieses weitgespannten Bogens am historischen Schauplatz einer mörderischen Extremform der ausgrenzenden Behandlung behinderter Menschen wurde von den anwesenden europäi-schen und außereuropäischen Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern als spannend und anregend empfunden.
Am Tag darauf fuhren einige IC MEMO-Mitglieder auf Privatinitiative mit dem Zug nach Buda-pest/Ungarn. Auf dem Programm standen die beiden sehr kontrastreichen Memorialeinrichtungen der unga-rischen Hauptstadt, das »Haus des Terrors« und die Holocaust-Gedenkstätte.
Das 2002 eröffnete »Haus des Terrors«[5] befindet sich in dem historischen Gebäude am bekannten An-drássy Boulevard, das von den ungarischen Nationalsozialisten, den so genannten Pfeilkreuzlern, bis 1945 als Hauptquartier und danach bis 1956 von der politischen Polizei der Kommunisten als zentrale Schaltstelle und Untersuchungsgefängnis genutzt wurde. Die von beiden Systemen als Zellen und Foltertrakte genutzten Kellerräume wurden zum Teil rekonstruiert und dienen als Gedenkstätte für die Opfer beider Diktaturen. Dem Museumskonzept liegt die Gleichsetzung des Nationalsozialismus und des Kommunismus hinsichtlich ihrer Unmenschlichkeit, der Allmacht des Staates, ihrer Gottlosigkeit und Amoralität zugrunde. Dieser vom Ansatz her bereits sehr fragwürdigen und in der Fachöffentlichkeit viel diskutierten Grundaus-sage zur Vergleichbarkeit von totali-tären Systemen wird die Ausstellung in ihrer Realisierung nicht gerecht. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung stellten die Exkursionsteilnehmer fest, dass der Darstellung des Nationalsozialismus in Ungarn und der damit verbundenen Deportation und Ermordung von Hunderttau-senden ungarischer Juden sowie der Herrschaft der Pfeilkreuzler lediglich zwei Ausstellungsräume gewidmet sind, der Dokumentation der stalinistischen Diktatur und Besatzung durch die sowjetische Armee in Ungarn, u.a. dem GuLag-System, der staatlichen Propaganda, dem Aufbau des Terrorsystems der kom-munistischen Staatssicherheit und schließlich dem ungarischen Volksaufstand von 1956 hingegen über 20 Räume. Diese ungleiche Aufteilung wird von den Ausstellungsmachern schlicht mit der unterschiedlichen Dauer der beiden Diktaturen begründet. Ein wirklicher Vergleich zwischen den strukturellen Ähnlichkeiten und eine Analyse der Zusammenhänge zwischen beiden Diktaturen werden nicht angestrebt. Vielmehr wird die Skrupellosigkeit und Ungerechtigkeit, das Terroristische der Diktatur nach sowjetischen Vorgaben in Ungarn anhand raumgreifender, zum Teil sehr einfallsreicher und eindrucksvoller Inszenierungen präsentiert: ein originaler sowjetischer Panzer im Eingangsbereich, eine verhängte schwarze Limousine als Symbol für Verschleppungen von ungarischen Regimegegnern, ein inszenierter Gerichtsaal als Ort von Schauprozessen, ein Labyrinth aus Butterstapeln als Zeichen für die Zerschlagung der ungarischen Landwirt-schaft. Die Beschriftung in der Ausstellung ist fehlerhaft und absolut unzureichend. Der Vorwurf der Museumsgegner, hier werde Geschichte verfälscht und wichtige historische Details zum Verständnis der ungarischen Rolle verschwiegen, konnte von den Exkursionsteilnehmern nicht entkräftet werden. Der emotionale Höhepunkt der Ausstellung erwartet den Besucher in den rekonstruierten Folterzellen des Kellergewölbes. Der zum Teil künstlich rekonstruiert anmutende Zellentrakt erfüllt seine Aufgabe, die Grausamkeit der Täter anzuklagen und an die Opfer zu erinnern. Er schießt aber sicherlich über das Ziel hinaus, wenn ein Exekutionsraum mit Galgen gezeigt wird, den es tatsächlich in diesem nicht Haus gegeben hat. Verstärkt wird dieser falsche Eindruck, dass im Keller auch Hinrichtungen stattgefunden haben, durch das Abspielen eines Zeitzeugenberichts über stattgefundene Hinrichtungen im Aufzug, der in den Keller führt. Die ständige Beschallung ist ein weiteres tragendes Ausstellungselement: »Bedeutungsschwere« orchestrale Musik begleitet den Besucher durch sämtliche Ausstellungsräume. Am Ende verlässt der Besucher das Museum mit dem verfälschenden Eindruck, dass sowohl die rechtsextreme als auch die staatssozialistische Diktatur ausschließlich von außen über die Ungarn gekommen seien. Der Terror sei nur von den Sowjets ausge-gangen. Der Holocaust an den ungarischen Juden erscheint nur als Werk der deutschen Besatzer. Ver-drängt wird dabei die Tatsache, dass es bereits vor dem Einfall der Nationalsozialisten antisemitische Tendenzen, Diskriminierungen, Rassengesetze und Deportationen von Juden und Roma gegeben hat.
Einen Kontrapunkt zu dieser Art der Geschichtsvermittlung setzt die Holocaust-Gedenkstätte, die 2004 eröffnet wurde[6]. Sie macht es sich zur Aufgabe, die gesamte Entwicklung der Entrechtung der Juden und Roma in Ungarn, die schließlich im Genozid (von dem nur die Juden des Kernbereichs der Hauptstadt verschont blieben) mündete, zu berücksichtigen. Die Ausstellung beginnt bei der Darstellung des jüdischen Lebens in Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts und schildert die schrittweise Entrechtung und eskalierende Verfolgung der ungarischen Juden über die Ghettoisierung bis hin zur Deportation in Konzentrationslager und die Ermordung in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Der Besucher kann über Filmstationen das Schicksal von vier jüdischen Familien und einer Roma-Familie verfolgen und dabei die Bandbreite der Verfolgungsmöglichkeiten ermessen. AV-Medienstationen und ausführliche Texttafeln in-formieren die Besucher über die historischen Entwicklungen. Die Ausstellung endet in einer ehemaligen Synagoge, die heute als Gedenkstätte an die Opfer des ungarischen Holocaust dient. Im bewussten Ge-gensatz zum Haus des Terrors beschränken sich die Ausstellungsmacher in ihrer Darstellung nicht auf die Zeit der deutschen Besatzung im Jahr 1944, in der die hunderttausendfache Ermordung der ungarischen Juden ihren grausamen Höhepunkt fand, sondern legen Wert darauf, die vorgehenden Jahre der ideologischen Vorbereitung und Legitimierung des Antisemitismus zu berücksichtigen und die Mitverantwortung der ungarischen Bevölkerung darzustellen. Auf Inszenierungen wurde – mit Ausnahme in der Synagoge – ver-zichtet, Objekte werden aus konzeptionellen Gründen kaum gezeigt. Die einzige Gemeinsamkeit zum Haus des Terrors liegt in der Nutzung von Musik als Ausstellungselement. Ebenso wie dort wirkt es in der Holocaust-Gedenkstätte zum Teil irritierend, zum Teil aber auch lästig und störend.
Insgesamt war es aufgrund ihrer Dichte und Kürze eine anstrengende Exkursion zu zwei kontrastreichen Museen, die intensive und lang anhaltende Diskussionen unter den Teilnehmern auslösten.
Die nächste IC MEMO-Jahrestagung findet vom 6. bis 8. Oktober 2008 in der Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau, Polen, statt. Im Mittelpunkt der zweieinhalbtägigen Konferenz stehen neben der Geschichte des Lagers Auschwitz und seiner Rolle im NS-System die Funktion von Kunst in Todeslagern und Bildungsarbeit in Gedenkstätten.
Nähere Informationen zum Programm:
Dr. Vojtech Blodig
Präsident von IC Memo
blodig@pamatnik.terezin.cz
Wulff E. Brebeck ist Leiter des Kreismuseums Wewelsburg (KMW) und Ehrenvorsitzender von IC ME-MO.
Kirsten John-Stucke ist stellvertretende Leiterin des KMW.
Markus Moors ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des KMW.
www.wewelsburg.de, kreismuseum.wewelsburg@t-online.de
[1] www.jmw.at
[2] www.Mauthausen-Memorial.at
[3] www.ncl.ac.uk/unescolandscapes/files/JESCHKEHansPeter.pdf
[5] Englischsprachiger Internetauftritt unter: www.terrorhaza.hu
[6] www.hdke.hu, auch englischsprachig