Mit dem "Kulturpreis Köln" werden Menschen ausgezeichnet, die einen bedeutenden Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt geleistet und in ihrem Schaffen auch über die Grenzen der Stadt hinaus Anerkennung gefunden haben. Es ist naheliegend, dabei in erster Linie an Künstlerinnen und Künstler zu denken oder an Personen, die sich besonders intensiv zugunsten der Förderung der Künste engagiert haben. Daß die Juroren sich in diesem Jahr für einen Historiker entschieden haben, ist ungewöhnlich, und daß es dabei um die Aufarbeitung und öffentliche Präsentation der Geschichte Kölns in der Zeit des Nationalsozialismus geht, macht die Sache noch bemerkenswerter. Ich möchte deshalb allen an der Preisverleihung Beteiligten zu dieser ebenso mutigen wie überzeugenden Entscheidung, die hoffentlich Schule machen wird, sehr herzlich gratulieren.
Mit dem Preis wird ein Lebenswerk gewürdigt, in dessen Zentrum die Schaffung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln im EL-DE-Haus (die Abkürzung ist inzwischen auch den Nicht-Kölnern ein Begriff) steht.2 1980, mitten in seinem Habilitationsverfahren für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, wurde Horst Matzerath auf die neugeschaffene Stelle für den Aufbau eines NS-Dokumentationszentrums im Kölner Stadtarchiv berufen. Im Mai 2002 ist er als Direktor des Zentrums, das Gedenkstätte und Ausstellungsort, Sammlungs- und Forschungseinrichtung, Bibliothek und Bildungsstätte ist, mit großen Ehren - und mindestens ebenso großem Bedauern - in den Ruhestand verabschiedet worden. Dazwischen liegen fast 22 Jahre intensiver wissenschaftlicher, aber auch organisatorischer und pädagogischer Arbeit, zu der immer auch das Wirken in der Öffentlichkeit, in Politik und Gesellschaft, gehörte. Schon früh ist ihm eine "enorme Arbeitsbelastung" bescheinigt worden,3 und es unterliegt keinem Zweifel, daß das heute so erfolgreiche Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus, für das sich viele Bürger dieser Stadt nachdrücklich eingesetzt haben, ohne seine Beharrlichkeit, seinen offensichtlich unerschütterlichen Optimismus, aber auch seine wissenschaftliche Kompetenz nicht entstanden wäre.
Blickt man auf die Geschichte und insbesondere die lange und mühsame Vorgeschichte des NS-Dokumentationszentrums in Köln, so wird rasch deutlich, daß es sich um ein Vorhaben handelt, das über weite Strecken typisch für das Ringen um eine kritische Aneignung der Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland ist. In der alten Bundesrepublik gab es Jahrzehnte lang ein nur geringes Interesse an der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Das galt für die großen Verbrechen des NS-Systems, und es galt erst recht für die Verhältnisse vor Ort, in den Städten und Gemeinden, den Kirchen und Betrieben, den Universitäten und Schulen, den Vereinen oder den Berufsgruppen. Die große Mehrheit der Bevölkerung beschäftigte sich mit den eigenen Leiden in den Bombennächten, auf der Flucht, in der Gefangenschaft und in den Hungerjahren. Das, was in der neueren Forschung die "Vergangenheitspolitik" der frühen Nachkriegszeit genannt worden ist, hatte nicht die Besserstellung der Opfer des NS-Regimes zum Ziel, sondern die Sicherung, materielle Versorgung und politisch-gesellschaftliche Integration der früheren Träger des Systems, die von den alliierten "Säuberungen", den Prozessen und Entnazifizierungsverfahren betroffen waren.4 Zwar gab es auf der normativen Ebene eine scharfe Abgrenzung der jungen Bundesrepublik gegenüber Nationalsozialismus und Antisemitismus, doch betätigte man sich im Alltag eindeutig im Sinne einer Verwischung dieser Grenzen.
Unter diesen Umständen fanden auch die Orte der nationalsozialistischen Verbrechen, die Stätten des Leidens und Sterbens, nur geringe Aufmerksamkeit. Die ersten Gedenkstätten wurden, häufig in provisorischer Form, von den Überlebenden der Verfolgung errichtet, von der großen Mehrheit aber wenig beachtet. Wo es sich nicht vermeiden ließ, wurden, wie in Bergen-Belsen oder Dachau, eher unauffällige, möglichst wenig provozierende, offizielle Gedenkanlagen geschaffen. Wichtige Orte des nationalsozialistischen Terrors, die an die Gestapo oder die SS erinnerten, blieben völlig unbeachtet und gerieten rasch in Vergessenheit, was selbst für die Zentralen der Gestapo und des Reichsicherheitshauptamtes, für den Sitz des Volksgerichtshofes, das Haus der Wannseekonferenz oder die Zentrale der "T 4-Aktion", d.h. der "Euthanasie"-Morde, in Berlin galt. Eine Geschichtspolitik, die auf Aufklärung und - so weit überhaupt möglich - auf Anschauung setzte, gab es nicht. Selbst die ersten großen Prozesse über NS-Gewaltverbrechen wie der Ulmer "Einsatzgruppen-Prozeß" ab 1958 und der Frankfurter Auschwitz-Prozeß ab 1963 beunruhigten nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung - an den deutschen Universitäten gab es beispielsweise kaum eine Reaktion. Nur sehr langsam änderte sich das Klima, wenn auch die Rebellion der Studenten und die Regierung Brandt erste Zeichen setzten und auf der Ebene der großen symbolischen Handlungen der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos gar nicht zu überschätzen ist.
Erst in den achtziger Jahren entwickelte sich im Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus eine neue gesellschaftliche Dynamik, deren Kraft sich bis heute nicht erschöpft hat. Das hing mit der sogenannten "Geschichtsbewegung" zusammen, die zuerst in Großbritannien und in Schweden zu beobachten war und der Devise folgte: "Grabe, wo du stehst", d.h. beschäftige dich mit der Geschichte "vor Ort", in deinem eigenen Lebens- und Erfahrungsbereich.5 In Deutschland galten die entsprechenden Aktivitäten aus naheliegenden Gründen vor allem der vergessenen und auch verdrängten Geschichte des Nationalsozialismus. Bürgerinitiativen unterschiedlichster Art spürten nun Orte der jüdischen Geschichte, KZ-Außenlager, Kriegsgefangenenlager, Zwangsarbeiterlager, Polizeigefängnisse und vieles andere mehr auf. Sie sicherten die Spuren der Geschichte und entdeckten zugleich die "vergessenen Opfer": die Opfer der Krankenmorde und der Zwangssterilisierungen, die Homosexuellen und diejenigen, die von den Nationalsozialisten als "Gemeinschaftsfremde" verfolgt wurden, die Sinti und Roma und die Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangenen und die Opfer der Wehrmachtsjustiz. Diese Geschichte sah anders aus als in den Geschichtsbüchern, sie wurde "von unten" in den Blick genommen, als ein Teil unserer Gesellschaftsgeschichte verstanden und in demokratischen Bildungsprozessen angeeignet.
So entstand in der alten Bundesrepublik in den achtziger Jahren eine überwiegend von lokalen und regionalen Bürgerinitiativen getragene Erinnerungslandschaft, die sich an den konkreten Orten des Geschehens orientierte, die man nun als "authentische Orte" bezeichnete. Diese Landschaft hatte, anders als in der DDR, wo es seit den späten fünfziger Jahren die drei großen "Nationalen Mahn- und Gedenkstätten" in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen gab, eine eindeutig dezentrale Struktur. In ihr spielte die Erinnerung an die Geschichte und die Verfolgung der Juden eine bedeutende Rolle, doch wurden, wie erwähnt, nun auch andere Opfergruppen berücksichtigt. Die dezentrale Struktur war und ist offen für neue Entdeckungen und neue Akzentsetzungen. Sie hat es auch möglich gemacht, die Orte der Täter, vor allem in Form von Gestapoquartieren, in das öffentliche Bewußtsein zurückzuholen. Neben das Gedenken ist so die kritische Selbstbefragung unserer Gesellschaft getreten: Wer waren die Täter? Was waren die Motive ihres Handelns? Unter welchen politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen werden Verbrechen, wie sie im Nationalsozialismus verübt wurden, möglich? Warum konnten viele der NS-Verbrecher möglich, nach 1945 ohne besondere Auffälligkeiten in eine bürgerliche Existenz zurückzukehren? Das sind Fragen, die immer wieder gestellt und möglichst präzise beantwortet werden müssen. Wir sind den Opfern des NS-Terrors gegenüber verpflichtet, sie und ihr Leiden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wir müssen ihrer öffentlich gedenken. Aber wir sind auch zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte, zur Aufklärung unserer eigenen Gesellschaft verpflichtet.
Dieser Klimawechsel erfaßte spätestens ab Mitte der achtziger Jahre auch die Politik in Deutschland. Die Spurensicherungen und Rekonstruktionen, die Denkmale und Gedenkstätten an den historischen Orten fanden die Unterstützung der kommunalen und regionalen Parlamente und Verwaltungen. Die Initiativen gingen in der Regel von den Bürgern aus, aber finanziert wurden die vielen erfolgreichen Projekte durchweg von der öffentlichen Hand. Entgegen manchen Befürchtungen haben das Ende der DDR und die Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht zu einem Abbruch der hier skizzierten Entwicklungen geführt. Die befürchtete "Normalisierung" im Sinne des sogenannten "Schlußstrichs" unter die Geschichte des Nationalsozialismus hat es nicht gegeben. Im Gegenteil: Unter den Bedingungen der unverhofften politischen Einheit erschien vielen Bürgern, vor allem aber der Politik und den Medien die konkrete Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit dringender denn je.
Richten wir nun den Blick auf die Entwicklungen in Köln, so unterscheidet sich die Ausgangssituation allenfalls in Nuancen von dem, was für die Frühgeschichte der Bundesrepublik allgemein festzustellen ist.6 Horst Matzerath hat in einem seiner wichtigen Aufsätze darauf aufmerksam gemacht, daß Konrad Adenauer im Juli 1945 in einer Adresse an die Bewohner Kölns die Schuldfrage in bemerkenswerter Klarheit beantwortete: "Wir tragen Schuld an unserem Unglück: wir müssen uns darüber klar werden. Die einen haben gesündigt durch die Tat, die anderen durch ihr teilnahmsloses Zusehen..."7 Doch schon am 1. Oktober 1945, bei der Eröffnung der Stadtverordnetenversammlung, wandte er sich mit den Worten an die Bürgerschaft: "Schuld an diesem namenlosen Jammer, an diesem unbeschreiblichen Elend sind jene Fluchwürdigen, die in dem unseligen Jahre 1933 an die Macht kamen, jene, die den deutschen Namen vor der ganzen zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt und geschändet haben, unser Reich zerstörten, die unser verführtes und gelähmtes Volk, als ihr eigener, mehr als verdienter Untergang gewiß war, planmäßig und bewußt in das tiefste Elend gestürzt haben. (...) Wir, Sie und ich, sind nicht die Schuldigen an diesem Elend."8 Damit war nicht nur die Leitlinie der deutschen Politik in den folgenden Jahren, sondern auch das weit verbreitete Selbstverständnis der deutschen Bevölkerung zum Ausdruck gebracht. Eine ehrliche, die lokalen Verhältnisse einbeziehende Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte war auch in Köln für lange Zeit blockiert. Bezeichnenderweise blieben die ersten konkreten, auch fordernden Hinweise auf die für den Regierungsbezirk Köln zuständige Gestapostelle und vor allem das Gestapogefängnis im EL-DE-Haus in den sechziger Jahren weitgehend folgenlos.
Erst von den späten siebziger Jahren an entwickelte sich eine von kritischen Bürgerinnen und Bürgern getragene Bewegung, die ihren Ausdruck u.a. in der Bildung einer "Initiative für ein Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus" im Jahre 1978 und seit Anfang 1979 (nach der Ausstrahlung des "Holocaust"-Fernsehfilms) in Aufsehen erregenden Demonstrationen fand. Nach intensiven öffentlichen Diskussionen beschloß die Stadtverordnetenversammlung im Dezember 1979 die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in den als Gefängnis genutzten Kellerräumen der Kölner Gestapozentrale und die "Einrichtung eines Dokumentationszentrums über die Zeit des Nationalsozialismus in Köln beim Historischen Archiv". Köln gehörte damit zu den ersten deutschen Großstädten, die bereit waren, das Gedenken und die öffentliche Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus zu einer Angelegenheit städtischer Politik zu machen - wenn auch in einem zunächst sehr bescheidenen Rahmen. Die Gedenkstätte im EL-DE-Haus - mit der Konservierung und Restaurierung von rund 1800 Wandbeschriftungen, die von Ende 1943 bis 1945 von russischen, ukrainischen, französischen, holländischen, auch deutschen Häftlingen verfaßt wurden - konnte rasch realisiert und schon im Dezember 1981 eröffnet werden, das "Zentrum" bestand dagegen für viele Jahre lediglich aus einer einzigen BAT IIa-Stelle im Stadtarchiv. Daß daraus trotzdem etwas geworden ist, was heute aus dem Leben der Stadt nicht mehr fortzudenken ist und darüber hinaus eine Modellfunktion für andere Städte hat, ist der Tatsache zu verdanken, daß man bei der Besetzung dieser Stelle einen Glücksgriff tat. Denn von diesem Zeitpunkt an ist die Entwicklung dieses Gedenk- und Lernortes untrennbar mit der Person von Horst Matzerath verbunden.
Der aus dem Rheinland stammende, fünfzehn Jahre lang in Berlin tätige Historiker konnte 1980 bereits auf ein umfangreiches wissenschaftliches Werk zurückblicken. Er hatte eine grundlegende Studie unter dem Titel "Nationalsozialismus und kommunale Selbstverwaltung" veröffentlicht, die von Wolfgang Hofmann mit Recht als "eine Pionierarbeit (...) der sich entfaltenden Stadt- und Kommnualgeschichte" bezeichnet worden ist und ihren Verfasser zugleich als einen vorzüglichen Kenner der NS-Geschichte auswies.9 Horst Matzerath war zunächst Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kommunalwissenschaftlichen Forschungszentrum, dem heutigen Deutschen Institut für Urbanistik, dann Wissenschaftlicher Assistent und Assistenzprofessor an der Freien Universität Berlin, wo er im Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und zugleich in einem interdisziplinären Forschungsprojekt "Historische Modernisierungsforschung" arbeitete. Er hatte bis zu seinem Wechsel nach Köln zahlreiche Fachaufsätze, u.a. über "Modernisierung und Nationalsozialismus" oder über "Die Selbstfinanzierung der NSDAP 1930-32" (mit Henry Turner von der Yale University)10, veröffentlicht, wichtige Sammelbände betreut und nicht zuletzt die "Informationen zur modernen Stadtgeschichte" mitbegründet, denen er drei Jahrzehnte lang als Redakteur verbunden geblieben ist11. Abgeschlossen war nicht zuletzt auch seine große Habilitationsschrift über den Prozeß der Urbanisierung in Preußen zwischen 1815 und 1914, die Mitte der achtziger Jahre als Buch erschien12.
Es war also ein ausgesprochener Kenner der modernen Stadtgeschichte und der Geschichte des Nationalsozialismus, der sich 1980 an den Aufbau des zunächst nur auf dem Papier existierenden Zentrums machte. "Die Aufgabe der NS-Dokumentation für Köln ist", formulierte er zwei Jahre später, die ersten Einsichten und Erfahrungen zusammenfassend, "vor allem die Frage nach Aufstieg und Entwicklungsbedingungen der Nationalsozialisten vor 1933 in Köln, nach Aufbau und Ausbau der nationalsozialistischen Herrschaft im lokalen Bereich nach 1933, nach Lebensbedingungen und Verhalten der Kölner Bevölkerung, nach wichtigen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen in diesem Zeitraum, nach den Auswirkungen von Bombenkrieg und Zerstörung." Und als erfahrener Historiker fügte er gleich hinzu: "Das Interesse gilt dabei auch solchen Entwicklungen, die nicht oder nicht auf den ersten Blick erkennbar als nationalsozialistisch anzusehen sind. Erst auf dieser Grundlage lassen sich die spezifischen Merkmale des Nationalsozialismus in Köln herausarbeiten und Erscheinungen wie die des Widerstandes als eine der unterschiedlichen Formen politischen Verhaltens genauer einordnen."13 Das war ein anspruchsvolles Programm, das weit über das hinauswies, was sonst im Rahmen von Gedenkstätten geleistet wird. Gemeint war von Anfang an eine kritische Stadtgeschichte der Jahre 1933 bis 1945, die nicht nur das Spektakuläre, sondern auch das Alltägliche in den Blick nimmt, die das Verständnis der nationalen und internationalen Zusammenhänge mit der Genauigkeit im lokalen Detail verbindet, die nach Handlungsspielräumen und individueller Verantwortung fragt, aber auch, wo immer nötig, das entschiedene Urteil nicht scheut.
Die Einsicht, daß eine solche Geschichte erst am Ende eines langen Prozesses stehen kann, wirkte erfreulicherweise nicht lähmend, sondern anspornend. So begannen die Arbeiten an einem "Quelleninventar Köln 1933-1945" und an einer "Ersatzdokumentation" für die zerstörten Akten der Stadt und vieler anderer Einrichtungen. Früher als anderswo wurde die Bedeutung von Zeitzeugenberichten erkannt, die in großer Zahl - inzwischen sind es über 500 - initiiert, gesammelt und auch ausgewertet wurden. Ähnliches gilt für die Sicherung der noch immer unterschätzten bildlichen Überlieferung zur NS-Geschichte, so daß das Dokumentationszentrum heute über mehr als 20.000 Fotos zur Geschichte Kölns in der NS-Zeit verfügt - eine Sammlung, um die die Stadt in vielen anderen Orten beneidet wird. Früh begonnen, wenn auch erst mit deutlichem Abstand abgeschlossen, wurde auch das wichtige Gedenkbuch für "Die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Köln".14 Daneben mußten in rasch wachsendem Umfang öffentliche Aufgaben wie die Betreuung von Gedenktafelprogrammen oder die Beratung der Stadt in Fragen des Umgangs mit der NS-Geschichte wahrgenommen werden - und das alles im "Ein-Mann-Betrieb" mit allenfalls temporärer Unterstützung im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
Da sich auch im Hinblick auf die gewünschte Nutzung des EL-DE-Hauses durch das Dokumentationszentrum nichts bewegte, spitzte sich die Situation ab Mitte der achtziger Jahre noch einmal zu. Die öffentlichen Diskussionen und Proteste gegen eine städtische Politik des Abwartens und Verzögerns gipfelten im März 1987 in einer Aktion, über die die "Kölnische Rundschau" unter der Überschrift "Das Rechtsamt gestürmt. Demonstranten fordern NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus" berichtete.15 Noch im Juni des gleichen Jahres kam es daraufhin zu dem eigentlichen Gründungsbeschluß des Rates der Stadt Köln für das Dokumentationszentrum, das nun auch mit Personal- und Sachmitteln ausgestattet und mit seinen Büros und der Bibliothek im EL-DE-Haus untergebracht wurde. Es dauerte weitere fünf Jahre, ehe man sich dazu durchringen konnte, das Dokumentationszentrum in vollem Umfang - d.h. vor allem mit der Dauerausstellung "Köln im Nationalsozialismus" und Raum für Sonderausstellungen - am historischen Ort zu realisieren, und noch einmal sechs Jahre wurden für die nötigen Umbauten und die konkreten Vorarbeiten benötigt, ehe schließlich im Juni 1997 die feierliche Eröffnung durch den Oberbürgermeister erfolgen konnte. Das war eine lange Zeit, und es war ein mühsamer Weg - aber am Ende war das erreicht, was all denen vorgeschwebt hatte, die sich fast zwei Jahrzehnte lang allen Widerständen zum Trotz für das Zentrum eingesetzt hatten. Ein Jahr nach der Eröffnung wurde das NS-Dokumentationszentrum zu einer eigenen Dienststelle der Stadt und damit aus der Obhut des Historischen Archivs entlassen, in dem es zuletzt eine Abteilung gebildet hatte. Es entsprach dieser Entwicklung, daß sich inzwischen auch die spontane Bürger-"Initiative" in einen eingetragenen "Förderverein des NS-Dokumentationszentrums" verwandelt hatte.
Es war zweifellos eine richtige Entscheidung, Gedenkstätte und Dokumentation im EL-DE-Haus unter einem Dach zusammenzuführen, sie zugleich aber deutlich von einander zu trennen. So ermöglicht die Gedenkstätte in den früheren Gefängnisräumen die unmittelbare Begegnung mit dem historischen Ort und und nicht zuletzt auch den handschriftlichen Hinterlassenschaften der dort inhaftierten Menschen. Es wird kaum einen Besucher unberührt lassen, wenn er die Zellen sieht und im Original oder in Übersetzungen die lapidare Feststellung liest: "Die Gestapo besteht aus lauter Sadisten." Oder einen Satz des Aufbegehrens und der Selbstbehauptung wie: "In diesem Gefängnis sitzt kein Gesindel, sondern Hollands Ruhm, verdammt noch mal!" Oder die hier geradezu beschwörend wirkende Volksweisheit: "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher." Demgegenüber setzt die Dauerausstellung in erster Linie auf Information und Argumentation. Auch hier lösen viele der Bild-und Textdokumente Emotionen aus, im Vordergrund aber steht die Vermittlung von Kenntnissen und Einsichten. Deshalb beschränkt man sich aus guten Gründen auch nicht auf die - in der früheren Gestapo-Dienststelle naheliegende - Darstellung des nationalsozialistischen Terrors, sondern entschied sich unter dem Titel "Köln im Nationalsozialismus" für eine weit aufgefächerte Darstellung der Geschichte der Stadt und ihrer Menschen unter nationalsozialistischer Herrschaft. Das schließt den sorgfältigen Umgang mit den in diesen Jahren verübten Verbrechen, mit den Opfern und den Tätern ein, klammert aber auch den Alltag und die Erfahrung des Krieges mit allen seinen Zerstörungen und Verstörungen nicht aus. Es ist eine ebenso material- wie perspektivenreiche Ausstellung, die nicht nur einen gegebenen Forschungsstand repräsentiert, sondern in beträchtlichem Umfang auch eigene Forschungsergebnisse zeigt.
Daß die Dauerausstellung den großen Erwartungen, die sich auf sie richten, gerecht wird, ist vor allen anderen das Verdienst von Horst Matzerath, der nicht nur der verantwortliche Leiter, sondern auch Motor und Herz des ganzen Unternehmens war. Hier war er als Historiker in seinem Element, hier konnte er aber auch die große Erfahrung einbringen, die er in nunmehr fast fünfzehn Jahren als Initiator, Autor und Organisator von Sonderausstellungen gewonnen hat. Das begann 1988 mit der Ausstellung "Jüdisches Schicksal in Köln 1918-1945", und es hat vor allem seit 1998 zu einer dichten Folge wichtiger Präsentationen geführt: von der "Wehrmachtsaustellung" zur "Kinderlandverschickung aus Köln und Umgebung 1941 bis 1945", von dem "Völkermord an den Sinti und Roma" bis zu "Betrifft: ‚Aktion 3': Deutsche verwerten jüdische Nachbarn (Aktenstücke der Oberfinanzdirektion Köln)" oder zu "Wessen Freund und Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus", um nur einige wenige Titel zu nennen. Das EL-DE-Haus ist inzwischen ein sehr begehrter Ausstellungsort für zeitgeschichtliche Dokumentationen, aber auch für künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus geworden. Das große Ansehen, das das Dokumentationszentrum heute als Museumseinrichtung genießt, hat vor zwei Jahren seinen Ausdruck auch in einer Auszeichnung durch den Europäischen Museums Rat, den European Museum Council, gefunden.
Beeindruckend ist die Zahl der von Horst Matzerath in seiner Funktion als Leiter des NS-Dokumentationszentrums bearbeiteten, betreuten und herausgegebenen Bände. Dabei handelt es sich teils um Kataloge zu den im Haus erarbeiteten Ausstellungen, teils um Dokumentationen und Sammelbände zur Kölner NS-Geschichte. Auch in der 1994 begründeten Schriftenreihe des Dokumentationszentrums ist inzwischen eine stattliche Reihe von Bänden erschienen.16 Darüber hinaus aber ist Horst Matzerath immer auch als ein Historiker in Erscheinung getreten, dessen Blick weit über die Kölner Stadtgeschichte und den Nationalsozialismus hinausreicht. Er hat regelmäßig als Privatdozent und später außerplanmäßiger Professor an der Universität Duisburg gelehrt und hat lange Jahre im Kuratorium für vergleichende Stadtgeschichte in Münster mitgearbeitet. Er hat einen wichtigen Sammelband über Stadt und Verkehr herausgegeben und war mit Christian Engeli auch Herausgeber eines Handbuchs zur "Modernen Stadtgeschichtsforschung in Europa, USA und Japan".17 Wer einen Blick in die Festschrift "Nationalsozialismus und Regionalgeschichte" wirft, die ihm anläßlich seines 65. Geburtstages gewidmet worden ist, wird mit Erstaunen und Respekt die Fülle gewichtiger Fachpublikationen registrieren, die Horst Matzerath der sogenannten "Freizeit" neben seinem full-time job im NS-Dokumentationszentrum abgerungen hat. Als letzter Beitrag ist in der Festschrift ein Vortrag wiederabgedruckt worden, den Horst Matzerath 1999 im Jahrbuch des Kölner Geschichtsvereins veröffentlicht hat. Er trägt den Titel "Kann man die Geschichte Kölns im Nationalsozialismus schreiben?", wobei der Verfasser gleich einräumt, daß diese Frage zumindest teilweise rein rhetorisch ist.18 Ich möchte hinzufügen: Er hat durch seine eigenen Arbeiten seit 1980 bewiesen, daß man sie schreiben kann, vor allem aber: daß er sie schreiben kann. Der Rückblick auf das bisher Geleistete mündet deshalb an dieser Stelle mit einer gewissen Notwendigkeit in den Wunsch, daß es ihm möglich sein wird, zumindest einen Teil der durch den Übergang in den Ruhestand gewonnenen Zeit für den erfolgreichen Abschluß dieses schon seit längerer Zeit geplanten Werkes zu nutzen, über dessen Wichtigkeit ich an dieser Stelle keine weiteren Worte zu verlieren brauche.
Wer sich kritisch mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt, wird stets den Schwankungen der öffentlichen Meinungen ausgesetzt sein. Selbst der unbestrittene Erfolg solcher Bemühungen schützt nicht immer zuverlässig vor plötzlichen Krisen, wie die glücklich überstandenen Diskussionen des vergangenen Sommers über eine Zusammenlegung des NS-Dokumentationszentrums mit dem Stadtmuseum beweisen. Andererseits ist nicht zu übersehen, daß das Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nicht ab-, sondern zugenommen hat. Das hat sicher mit Generationswechseln zu tun, aber auch damit, daß das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen erst in den letzten zwei Jahrzehnten in das Bewußtsein größerer Bevölkerungsgruppen eingedrungen ist. Und noch immer sind die Forschungen nicht an ihr Ende gelangt. Neue Bücher und die daraus resultierenden Diskussionen zeigen ständig aufs neue, daß alles noch viel schlimmer war, als man bis dahin angenommen hatte. Nur zögernd hat man die "vergessenen Opfer" des NS-Terrors wahrgenommen, nur widerwillig akzeptiert, daß "im Osten" ein Vernichtungskrieg geführt wurde, an dem große Teile der Wehrmachtführung und viele "ganz normale Deutsche" - d.h. Söhne, Ehemänner, Familienväter - beteiligt waren, und selbst im Hinblick auf die Juden ist nur sehr allmählich wahrgenommen worden, daß es sich bei dem Mordgeschehen nicht nur um einen arbeitsteiligen, scheinbar anonymen Prozeß handelte, sondern auch um Bluttaten eines bisher dahin unbekannten Ausmaßes, die im direkten Gegenüber zu den Opfern, auch Frauen und Kindern, verübt wurden. Und schließlich: Es ist gar nicht mehr zu bestreiten, daß der Kreis der Täter und der Mitwisser sehr viel größer war (und bis weit in die Mitte der deutschen Gesellschaft hineinreichte), als die ebenso verbreitete wie bequeme These wahrhaben will, daß es sich nur um eine kleine, deutlich abgrenzbare Zahl von SS- und Gestapo-Männern gehandelt habe.
Wir wissen noch immer nicht genau, welche Wirkung die Arbeit von Gedenkstätten und anderen Einrichtungen, die sich der Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus widmen, tatsächlich hat. Die Besucherforschung ist für den Bereich der zeitgeschichtlichen Dokumentationen noch weniger entwickelt, als es schon für die klassischen Museen der Fall ist. Dennoch gibt es gute Gründe, diese Arbeit in der gegenwärtigen Gesellschaft, aber auch in der Zukunft für wichtig zu halten. Man muß wissen, was eine rassistische Ideologie und eine menschenverachtende, totalitäre Diktatur bedeuten, um den Anfängen rechtzeitig wehren zu können. Es gibt meines Erachtens kaum ein stärkeres Argument für die Sicherung und den Ausbau einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung als den Blick auf ein politisches System, das einer auf die Menschen- und Bürgerrechte gegründeten Ordnung diametral entgegengesetzt ist. Wer einmal den Nationalsozialismus und seine Verbrechen wirklich zur Kenntnis genommen hat, wird nicht mehr leichtfertig auf die Sicherungen des Rechtsstaates, auf die Kontrolle der Macht durch freie Wahlen, auf das Prinzip der Gewaltenteilung oder auf den Pluralismus der Gesellschaft statt einer erzwungenen Homogenität verzichten wollen. Genau deshalb wird die kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus auch künftig grundlegend für das bürgerliche Engagement und für die demokratische Substanz unserer Gesellschaft sein. Und deshalb freue ich mich mit Ihnen darüber, daß der "Kulturpreis Köln" für das Jahr 2002 Horst Matzerath und mit ihm dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln verliehen wird.
1 Laudatio anläßlich der Verleihung des "Kulturpreises Köln" an Horst Matzerath, am 6. November 2002 im Festsaal des Wallraf-Richartz-Mueeums in Köln.
2 Die Abkürzung steht für die Initialen des Kölner Goldwaren- und Uhrengroßhändlers Leopold Dahmen, der am Appellhofplatz ein größeres Wohn- und Geschäftshaus errichten ließ, das seit seiner Fertigstellung im Dezember 1935 Sitz der Geheimen Staatspolizei für den Eegierungsbezirk Köln war.
3 So Ende Juni 1985 in einer Stellungnahme der Personalvertretung des Historischen Archivs der Stadt Köln an die Adresse der Kölner Verwaltung und Politik, vgl. Barbara Becker-Jákli u.a., Von der "Stelle" zum "Zentrum". Horst Matzerath und das NS-Dokumentationszentrum, in: dies. (Hg.), Nationalsozialismus und Regionalgeschichte. Festschrift für Horst Matzerath, Köln 2002, S 32-48, hier S.34.
4 Vgl. Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996.
5 Vgl. Hannes Heer und Volker Ullrich (Hg.), Geschichte entdecken. Erfahrungen und Projekte der neuen Geschichtsbewegung, Reinbek bei Hamburg 1985.
6 Vgl. hierzu vor allem den Band: Köln im Nationalsozialismus. Ein Kurzführer durch das EL-DE-Haus, hg. vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Köln 2001.
7 Zitiert nach Horst Matzerath, Kann man die Geschichte Kölns im Nationalsozialismus schreiben?", in: Nationalsozialismus und Regionalgeschichte (Anm. 3), S.320.
8 Zitiert ebenda.
9 Horst Matzerath, Nationalsozialismus und Kommunale Selbstverwaltung, Stuttgart 1970; vgl. Wolfgang Hofmann, Horst Matzeraths Beitrag zur neueren Stadtgeschichte, in: Nationalsozialismus und Regionalgeschichte (Anm. 3), S. 10-17, hier S. 12.
10 Horst Matzerath und Henry A. Turner, Die Selbstfinanzierung der NSDAP 1930-1932, in: Geschichte und Gesellschaft 3, 1977, S. 59-92.
11 Informationen zur modernen Stadtgeschichte, halbjährlich, Köln 1970 ff.
12 Horst Matzerath, Die Urbanisierung in Preußen 1815-1914, Stuttgart 1985.
13 Zitiert nach Barbara Becker-Jákli u.a., Von der "Stelle" zum "Zentrum" (Anm. 3), S. 33.
14 Die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Köln. Gedenkbuch, bearbeitet vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Köln 1995.
15 Kölnische Rundschau, 17. 3. 1987.
16 Siehe hierzu die Verzeichnisse in Nationalsozialismus und Regionalgeschichte (Anm. 3), S.342 ff., und in Köln im Nationalsozialismus (Anm. 6), S. 224 ff.
17 Horst Matzerath (Hg.), Stadt und Verkehr im Industriezeitalter, Köln 1996; Christian Engeli und Horst Matzerath (Hg.), Moderne Stadtgeschichtsforschung in Europa, USA und Japan. Ein Handbuch, Stuttgart 1989 (engl. Ausgabe, Oxford 1989).
18 Vgl. Anm. 7.
Prof. Dr. Reinhard Rürup, emeritierter Professor für neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin, hat das Ausstellungsprojekt "Topographie des Terrors" von Beginn an geleitet und ist wissenschaftlicher Direktor der gleichnamigen Stiftung.