Homosexuelle in Konzentrationslagern

Ein Tagungsbericht
02/1998Gedenkstättenrundbrief 81, S. 37-41
Olaf Mußmann

Seitdem vor mehr als 20 Jahren ein Aufsatz1 erste Forschungsergebnisse über die Situation von als homosexuell kategorisierten KZ-Häftlingen referierte, ist der damals erreichte Forschungsstand nicht mehr ausgeweitet worden. Zwar ist die Geschichte der Verfolgung von Homosexuellen in den vergangenen Jahren mehrfach thematisiert worden – zuletzt in einem Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekt der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und in einer von der Bundeszentrale und der saarländischen Landeszentrale für politische Bildung veranstalteten Tagung in Saarbrücken. Was jedoch mit als homosexuell verfolgten Menschen nach ihrer Verhaftung, Aburteilung und Einweisung in ein KZ geschah, blieb weitgehend unbeachtet.

Nun – im Jahr 52 nach der Befreiung der KZ – wurde dieses Thema in einer Tagung aufgegriffen. Sie fand im Herbst 1997 als Kooperation der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und der Bundeszentrale für politische Bildung in Nordhausen statt.

Prof. Dr. Dr. Rüdiger Lautmann legte mit einem Grundsatzreferat die Tagungsgrundlage. Er stellte seine Sicht auf den derzeitigen Stand homosexueller Subkultur zur Diskussion und referierte den Forschungsstand zur NS-Verfolgungsgeschichte Homosexueller.

Lautmann hält Homophobie noch immer für ein starkes Movens unserer Gesellschaft und er hält eine Integration des Schwul-Lesbischen noch immer nicht für gegeben. Lautmann faßte die bisherigen Forschungsergebnisse zusammen, denen zufolge ca. 10000 als homosexuell verfolgte Gefangene in die Konzentrationslager eingeliefert worden waren. Anschließend stellte er Überlegungen zur Verfolgungsdynamik an. Lautmann kam zu dem Schluß, daß der NS-Staat die Instanzen sozialer Kontrolle ausweitete, und daß deshalb für die KZ-Haft von Homosexuellen und für ihren tausendfachen Mord nicht allein Einzeltäter verantwortlich gemacht werden könnten. Der Referent vermutet – in Anlehnung an Goldhagen – eliminatorische Homophobie und die Fortsetzung einer Verfolgungsgeschichte, die weit älter ist als der Nationalsozialismus und die ihre Traditionslinie bis in beide deutsche Staaten hinein fortsetzte. Die oft kolportierte These, Homosexuelle zählten zu den Hauptfeindkategorien, lehnt Lautmann ab. Er schätzt die Homosexuellenverfolgung als für den NS-Staat nachrangig ein. Seiner Meinung nach war sie lediglich routinemäßige Angelegenheit des NS-Alltages, nicht aber zentrales Anliegen nationalsozialistischer Ideologie. Lautmann plädiert für einen unemotionalen Umgang mit dieser spezifischen Verfolgungsgeschichte, für einen Abschied von Elitarismus und von einer aristokratischen Stilisierung der Opfer. Er rät zu einer nüchternen Sichtweise auf diese Verfolgungsstruktur, die nicht politisch oder rassebiologisch motiviert gewesen sei, sondern homophobisch und normativ. Emanzipatorische Tendenzen homosexueller Menschen, die auf die Etablierung schwul-lesbischer Lebensformen abzielten, gerieten damals in Konflikt mit einem repressiven und normierenden Staat, der kriminaljuristisch und terroristisch antwortete. Aus dieser Erkenntnis ergäbe sich aber, so Lautmann, erneut ein Problem. Viele Homosexuelle seien nicht, wie vielfach angenommen, mit einem besonderen rosa Winkel in die KZ eingewiesen worden, sondern sie wurden kriminalisiert und mit dem entsprechenden grünen Winkel kategorisiert. In der nachträglichen Bewertung entbehrt die Gruppe der als homosexuell kategorisierten Häftlinge deshalb eines Altruismus, der den politisch oder rassistisch verfolgten Häftlingen durchaus zugeschrieben wird. Dies hätte, so Lautmann, Auswirkung auf den Status von Homosexuellen als »vergessene Opfergruppe«: Vor dem Hintergrund von Verfolgungskontinuitäten bis in unsere Zeit hinein muß, so Lautmanns Vorschlag, von »verdrängten Opfern« gesprochen werden. In der anschließenden Diskussion wurde noch die Bewertungskategorie »Krankheit« eingeführt. Homosexualität wird bis heute vielfach pathologisiert, und Rassismus kann als Verfolgungsmovens nicht ausgeschlossen werden. Es wurde auch darauf verwiesen, daß die Berücksichtigung von Krankheit und der Topos der Seuche in der Homosexuellenforschung noch immer Desiderat sind.

Der zweite Tagungsblock faßte Referate über den aktuellen Forschungsstand zu den verschiedenen Konzentrationslagern zusammen. Im Anschluß an die Darstellung der frühen, mittleren und späten KZ – die das Problem als ein in erster Linie männliches aufzeigten – folgte in zwei Überblicksreferaten eine Schilderung der Situation von weiblichen homosexuellen Gefangenen und eine statistische Gesamtschau auf die KZ.

Zunächst zeichnete Jürgen Müller mit einem Beitrag zur Praxis polizeilicher Vorbeugehaft den Weg der als homosexuell verfolgten Menschen in die Konzentrationslager nach. In der Regel schloß sich die Einweisung an eine Strafhaft an. Als bemerkenswert führte er an, daß Haftunfähige nicht eingewiesen wurden, und daß einige Betroffene im Fall einer Einwilligung zur Sterilisation der Einweisung entgehen konnten. Anschließend gab er einen Überblick über die Vielzahl der Paragraphen, auf deren Grundlage verurteilt und eingewiesen wurde, und verwies darauf, daß dies eine Aufsplitterung der späteren Winkel-Kategorisierungen im KZ zur Folge hatte: Der rosa Winkel war deshalb nicht der einzige, mit dem als homosexuell Verfolgte in die KZ eingewiesen wurden. In der Regel seien exponierte, in der Öffentlichkeit wahrnehmbare oder mehrfach verurteilte Homosexuelle in die KZ eingewiesen worden. Unauffällig lebende Homosexuelle waren in nur geringem Maße von Einweisungen betroffen.

Carola von Bülow machte in ihrer Untersuchung über die Emslandlager deutlich, daß der Anteil von als Homosexuelle Eingelieferten dort vergleichsweise hoch war. Eine Winkel-Kennzeichnung der Häftlingsgruppen existierte noch nicht, obwohl die vorgeblichen Haftgründe wohl untereinander bekannt waren. Für Personen mit gleichartiger Haftbegründung ergab sich offensichtlich die Möglichkeit sozialer Gruppenbildung. Die Unterbringung erfolgte noch nicht in Isolierbaracken, sondern verteilt. Als homosexuell Kategorisierte hatten kaum Aussicht auf Lagerfunktionsposten, haben aber vereinzelt doch partizipiert. Ein erhöhter Vernichtungsdruck zeichnete sich für diese Gefangenengruppe in den Emslandlagern bereits ab, doch kam es – wie bei anderen Häftlingsgruppen dieses frühen Lagers auch – bis zur Auflösung des KZ noch vielfach zu Entlassungen.

Albert Knoll berichtete über den Forschungsstand zum KZ Dachau. Seinen Befunden zufolge waren Homosexuelle Häftlinge am unteren Rand der internen Lagerhierarchie angesiedelt. An ihnen wurden Zwangskastrationen durchgeführt, es gelang ihnen kaum, in mit Privilegien verbundenen Funktionspositionen zu gelangen. Sie waren überwiegend in den besonders harten Arbeitskommandos eingesetzt und blieben im Lager meist isoliert. Knoll wies ebenfalls auf das Problem der Erfassung homosexueller Häftlinge hin, die nicht mit dem rosa Winkel gekennzeichnet waren.

Den Forschungsstand zu den KZ Lichtenburg und Sachsenhausen stellte Joachim Müller vor. Im 1937 geschlossenen KZ Lichtenburg erfolgte die Kennzeichnung der Häftlingsgruppen zunächst durch Mützen, später durch am Bein befestigte Binden. Homosexuelle trugen darauf ein »A«, das zumindest lagerintern als Kürzel für »Arschficker« gedeutet wurde. Homosexuelle kamen in besonders schwere Arbeitskommandos und unterlagen einer isolierten Unterbringung. In Sachsenhausen sind als homosexuell verfolgte Menschen nicht nur mit dem rosa Winkel, sondern auch mit dem grünen oder schwarzen – als BV 175, Sch 175, SS 175, Jude 175 u.a. – gekennzeichnet worden. Sie waren in einem besonderen Block isoliert untergebracht und einige wurden Opfer von Zwangskastrationen.

Wolfgang Röll berichtet über das KZ Buchenwald, in dem homosexuelle Häftlinge nach zunächst differierender Kennzeichnung ab 1938 einheitlich den rosa Winkel trugen. Viele von ihnen waren nach Auflösung des KZ Lichtenburg nach Buchenwald überstellt worden, und der Bereich, aus dem diese Menschen nach Buchenwald eingewiesen wurden, erstreckte sich über Nordwestdeutschland und die Gebiete von Thüringen, Sachsen und Hessen. Sie unterlagen besonders schwierigen Lagerbedingungen, gelangten kaum in Funktionspositionen, und es wurden an ihnen medizinische Experimente durchgeführt. Ihre Todesrate stieg seit 1941 an, und ihr Anteil an den sogenannten Vernichtungstransporten war besonders hoch. Ab 1943 wurde ein erheblicher Anteil in das damals als Todeslager geltende Außenlager »Dora«, das spätere KZ »Mittelbau«, abgeschoben.

In seinem Referat über Auschwitz verwies Dr. Jörg Hutter zunächst auf die Differenz zwischen der rassistischen Massenvernichtung und der Behandlung homosexueller Häftlinge in den KZ-Bereichen von Auschwitz. Bislang liege kaum Forschung zur Situation homosexueller Häftlinge in Auschwitz vor. Es lasse sich aber konstatieren, daß als homosexuell Kategorisierte in der Regel durch die Kriminalpolizei eingeliefert wurden, daß ihre Situation im Lager vergleichsweise schlecht war und daß Angehörige dieser Häftlingsgruppe nur selten in Funktionspositionen gelangten.

Jens Michelsen verwies in seinem Bericht über das KZ Neuengamme zunächst auf den internationalen Charakter des Lagers und auf die besondere Situation von deutschen Gefangenen, die als Deutschsprachige durchaus in Funktionspositionen gelangen konnten. Die Kennzeichnung sei, so Michelsen, durch ein »Spiel mit den Winkeln«, durch einen häufigen Wechsel der verschiedenfarbigen Winkel, gekennzeichnet gewesen. Verschiedentlich konnten homosexuelle Häftlinge so einen der prestigeträchtigen roten Winkel erlangen und ihre lagerinterne Position verbessern. Eine isolierte Unterbringung gab es in Neuengamme nicht, doch unterlagen als homosexuell kategorisierte Häftlinge einer verschärften Kontrolle.

Dr. Olaf Mußmann ordnete das KZ-Mittelbau-Dora zunächst in den allgemeinen Funktionswandel des KZ-Systems ein und wies dem KZ-Mittelbau einen Platz in der letzten Phase des KZ-Systems zu, in der die Produktivität der Häftlinge den Prioritätenkanon der Lagerfunktionen anführte. Während des Lageraufbaus wurden besonders viele Homosexuelle in Baukommandos eingesetzt, deren Aufgabe die Herstellung einer unterirdischen Fabrikanlage zur Produktion von Kriegsgerät war. Diese Kommandos wiesen außergewöhnlich hohe Todesraten auf und homosexuelle Häftlinge unterlagen damit einem hohen Vernichtungsdruck. Dennoch war der Anteil von rosawinkligen Häftlingen an Funktionspositionen außergewöhnlich hoch. Dies basierte darauf, daß homosexuelle Häftlinge vom Stammlager Buchenwald in das erst 1944 selbständig gewordene KZ Mittelbau-Dora abgeschoben wurden. Hier bildeten sie zusammen mit den grünwinkligen Häftlingen eine deutschsprachige Personengruppe, aus der die SS ihre Kandidaten für Funktionsposten rekrutierte. Diejenigen Häftlinge, welche die Aufbauphase des Lagers überlebten, konnten sich anschließend in der Produktion vielfach bessere Positionen sichern, und die Todesraten sanken drastisch.

Im Anschluß an die Schilderung der Situation von als homosexuell verfolgten Menschen in den einzelnen Konzentrationslagern gab Dr. Claudia Schoppmann einen Überblick über die besonderen Bedingungen der homosexuellen Frauen in den KZ. Schoppmann führte aus, daß ein spezifisches Verfolgungsprogramm für homosexuelle Frauen nicht existierte. Die Situation homosexueller Frauen in den KZ – viele waren in Moringen und Ravensbrück untergebracht – sei durch Ausgrenzung geprägt gewesen. Einen rosa Winkel hätte es für Frauen offensichtlich nicht gegeben, viele hätten aufgrund des Ablaufs ihrer Einweisung aber einen schwarzen Winkel getragen. Die Referentin verwies auf die ambivalente Situation von KZ-Gefangenen, die – um ihr Überleben zu sichern – zuweilen auch mit der SS kollaboriert hätten. Der Befund, daß sich auch Frauen in solchen Fällen gewaltbereit gezeigt hätten, widerlege, so Schoppmann, die These von der biologisch angelegten Friedfertigkeit von Frauen.

Abschließend gab Rainer Hoffschild in einer statistischen Auswertung einen Überblick über als homosexuell verfolgte Menschen in den Konzentrationslagern. Er verwies eindringlich auf Lücken im Quellenmaterial – die durch einen Zugang zu den bislang für die Forschung gesperrten ITS-Akten in Arolsen weitgehend ausgeglichen werden könnten – und auf die sich daraus ergebende Vorläufigkeit seiner Befunde. Deutlich werde aber bereits jetzt, daß die seit Mitte der siebziger Jahre angenommene Schätzung von etwa 10000 in die KZ deportierten Homosexuellen mit einer Abweichung von 5000 nach oben oder unten zuträfe. Diese Zahl müsse jedoch eher am unteren Rand bei etwa 5000 bis 6000 angesiedelt werden, doch berücksichtige diese Zahl ausschließlich Häftlinge mit dem rosa Winkel. Sie sei deshalb, so Hoffschild, um die Zahl derjenigen homosexuell verfolgten Häftlinge zu erweitern, die unter anderen Winkelkategorien eingeliefert worden seien.

Nach diesem Forschungsüberblick folgten zwei Vorträge zur Rezeptionsgeschichte der Homosexuellenverfolgung und zur Praxis des Gedenkens. Dr. Thomas Rahe machte deutlich, daß in den Museen und Ausstellungen der Gedenkstätten – mit wenigen Ausnahmen – ein Verweis auf die Situation der als Homosexuelle eingewiesenen Gefangenen noch weitgehend fehlt. Gleiches gelte für Gedenksteine, die bislang nur in Dachau, Neuengamme und Sachsenhausen aufgestellt wurden. Den Grund dafür sah der Referent in einer Kriminalisierung von Homosexuellen, die bis weit in die siebziger Jahre anhielt, und die eine spezifische Forschung nachhaltig verhindert habe. Inzwischen glichen viele der KZ-Gedenkstätten das Präsentationsdefizit mit der Durchführung von Veranstaltungen aus, und es herrsche inzwischen Konsens darüber, daß die Situation homosexueller Häftlinge in den künftigen Ausstellungen zu berücksichtigen sei. Rahe machte darauf aufmerksam, daß den Gedenkstätten angesichts großer Besucherzahlen eine Vorreiterfunktion bei der Ausbildung von Geschichtsbildern und gesellschaftlichem Problembewußtsein zukomme.

Dr. Günter Grau konstatierte eine anhaltende Ausgrenzung von Homosexuellen in »Ost« und »West«, die ein »Totschweigen« der Homosexuellenverfolgung in beiden deutschen Staaten zur Folge hatte. Der Referent machte spezifische Topoi aus: Im »Westen« herrschte – angesichts anhaltender Kriminalisierung von Homosexualität – eine Vorstellung vor, die Verfolgung von Homosexuellen sei kein typisch nationalsozialistisches Unrecht gewesen, sondern sie seien zu Recht verurteilt worden. Letztlich lief dies auf eine Legitimierung von NS-Unrecht hinaus. In der DDR wurde die Homosexuellenverfolgung ebenfalls nicht rezipiert. In der offiziellen DDR-Historiographie war dieser Staat als »antifaschistisch« definiert und deshalb per se von NS-Schuld frei. Integraler Bestandteil dieses Geschichtsbildes war der Topos, Homosexuelle seien keine »Kämpfer« gegen den Nationalsozialismus gewesen und deshalb zu vernachlässigen. Konsequenterweise blieb den als homosexuell Verfolgten der Beitritt in die offiziellen Opferverbände der DDR verwehrt. Angesichts dieser Ausgrenzungsgeschichte in »Ost« und »West« müsse von einer »Zweiten Schuld« gesprochen werden.

Als Ergebnis der Tagung ist eine Verfolgungskontinuität zu konstatieren, die weit über das Jahr 1945 hinausreichte, die juristisch erst seit einigen Jahren beendet ist, und die nicht zuletzt dazu beitrug, daß die Forschung zur Situation von Homosexuellen in Konzentrationslagern nach wie vor tiefgreifende Defizite aufweist. Die These von Homosexuellen als einer »vergessenen« Opfergruppe läßt sich nicht mehr halten, sondern es muß von einem kollektiven Verdrängungsprozeß gesprochen werden. Forschungspraktisch erweist sich als Problem, daß betroffene Häftlinge wegen der fortwirkenden Homosexuellenausgrenzung bislang nur selten bereit waren, ihre Erinnerungen preiszugeben. Zeitzeugenberichte stammen fast ausschließlich von heterosexuellen Häftlingen und geben nur deren Perspektive wieder. Ein methodisches Dilemma stellt auch die Identifizierung homosexueller Häftlinge dar. Sie trugen nicht nur den rosa Winkel, sondern vielfach andere. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, daß sich das Sexualverhalten heterosexueller Häftlinge unter den Bedingungen im KZ änderte. Soweit überhaupt noch sexuelle Bedürfnisse vorhanden waren, wurde der Mangel an gegengeschlechtlichen Sexualpartnern nicht selten durch eine gleichgeschlechtliche Sexualpraxis kompensiert. Vor diesem Hintergrund erweist es sich schon als Problem, zu definieren, welche Personengruppe denn eigentlich von der Homosexuellenforschung untersucht werden soll. Deutlich wurde während der Tagung auch, daß sich die Bedingungen der als homosexuell kategorisierten KZ-Häftlinge während des Wandels des KZ-Systems änderten: Waren sie anfangs durchweg besonders harten Bedingungen ausgesetzt und unterlagen einem hohen Vernichtungsdruck, so eröffnete ihnen die späte Phase des KZ-Systems offensichtlich vereinzelt die Möglichkeit, in Funktionsposten aufzusteigen. Anscheinend gelang ihnen dies vorzugsweise in den spät gegründeten Lagern, die noch nicht über eine schon länger etablierte Funktionshäftlingselite verfügten. Schließlich wurde deutlich, daß den KZ-Gedenkstätten eine besondere Multiplikatorenfunktion hinsichtlich der Vermittlung eines Geschichtsbildes zukommt, das die Geschichte von homosexueller Subkultur und von Homosexuellenverfolgung integriert. In diesem Zusammenhang votierten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer für ein Aufstellen besonderer, den homosexuellen KZ-Opfern gewidmeten, Gedenksteine in den KZ-Gedenkstätten.

1 Lautmann, Rüdiger/Grikschat, Winfried/Schmidt, Egbert: »Der rosa Winkel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern«, in: Lautmann, Rüdiger (Hg.), Seminar: Gesellschaft und Homosexualität, Frankfurt/M. 1977, S. 325-365.