Vom 25.–29.10. 2006 befasste sich eine trinationale Tagung in Prades bei Perpignan mit der Erinnerungsarbeit in Gedenkstätten und Museen: »Auswege aus nationalen Krisen in Deutschland, Frankreich und Spanien im 20. Jahrhundert«.[1] In diesem Rahmen erfolgten auch Exkursionen zu Geschichtsorten der Region: Rivesaltes, Argelès-sur-Mer, Elne, Port Bou.
Christian Bourquin (Präsident des Conseil Général der Pyrénées-Orientales) und Robert Badinter (Schirmherr der Gedenkstätte Rivesaltes) eröffneten in Perpignan das Programm, in dessen Mittelpunkt die komplexen geschichtlichen Vorgänge in der französisch-spanischen Grenzregion Pyrénées-Orientales standen, sowie das diesbezüglich geplante »Mémorial du Camp de Rivesaltes«. Es wird auf einem Teilbereich des Militärareals »Camp Joffre« entstehen, das ab 1939 verschiedenen Internierungen diente. Nach schleppender Bewusstwerdung[2] sollen diese Vorgänge nun, mittels Gedenkstätte, in Frankreichs kollektivem Gedächtnis ihren Platz finden. Eine schwer zu lösende Aufgabe, angesichts der je unterschiedlichen Geschichte der Personengruppen, die hier zu repräsentieren sind sowie dorniger Behördenverfahren. Im Dezember 2005 wurde der Architekt Rudy Riccioti beauftragt, die Gedenkstätte zu realisieren.[3] Zum Auftakt der Tagung widmeten sich mehrere Vorträge den diffizilen Zeitschichten des »Camp Joffre«, das 1939 zum Auffanglager für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge geriet und 1941–42 Juden aus Österreich, Deutschland und Polen sowie Sinti und Roma »beherbergte«; 2 300 von ihnen wurden über Drancy nach Auschwitz deportiert. 1945 diente das Lager dann dem Gewahrsam deutscher Kriegsgefangener und französischer Kollaborateure.[4] Am Ende des Algerienkriegs 1962 war es Station für die so genannten »Harkis« und »Pieds noirs«. 1986 entstand dort schließlich ein Abschiebegefängnis für illegale Einwanderer.
Zunächst beschäftigten sich zwei Vorträge mit dem Spanischen Bürgerkrieg, dem Franco-Regime und Spaniens Übergang zur Demokratie, der so genannten »Transición«.
Jean-François Berda (Universität Toulouse) sieht in der verspäteten Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg ein Trauma am Werk. Konzise rekapitulierte er dieses wichtigste Ereignis der jüngeren Geschichte Spaniens, das in einen Exodus spanischer Republikaner mündete: sie strandeten in Gurs, Argelès, Barcarès und anderen Lagern. Bis in die 1960er Jahre fehlte jede kritische Analyse dieses Bürgerkriegs, während Franco den militärischen Staatsstreich ungehindert rechtfertigen konnte. Die Verlierer des Bürgerkriegs wurden als Barbaren diabolisiert und kraft einer »politica de extermino« grausam verfolgt. Rund 200 000 ermordete und in Massengräbern verscharrte Menschen, lautet die Bilanz. Bis zu Francos Tod 1975 blieb die republikanische Vergangenheit ein Tabu.
An Francos Geschichtsklitterung beteiligten sich auch französische und britische Historiker. Für erbitterte Kämpfe innerhalb der Geschichtsschreibung sorgten zudem kontroverse Standpunkte von Anarchisten und Kommunisten, die selbst im Exil der Spanier fortdauerten. Erst während der »Transición« wuchsen neue Historiker heran. Eine gründliche Gedächtnisarbeit entwickelte sich aber nur zögerlich, da Spaniens Weg in die Demokratie auf dem stummen Pakt der Parteien beruhte, die Bürgerkriegswunden politisch nicht auszuschlachten.
Wie wichtig dies für Spaniens Eintritt in die EU war, betonte J. Sobreques I Callico (Direktor des Geschichtsmuseums Barcelona). Im übrigen habe vor allem Schwäche die Oppositionsparteien zur Zusammenarbeit gezwungen. Die politischen Reformen der »Transición« sind unvollendet, Franco-Anhänger und Nachfahren der Bürgerkriegsverlierer stehen sich weiterhin gegenüber. Letztere rütteln am Schweigepakt, indem sie jüngst einen »Verband zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses« gründeten. Ein Wiedergutmachungsgesetz der Regierung Zapatero geht ihnen nicht weit genug.
Drei Vorträge analysierten im Fortgang der Tagung die algerisch-französische Geschichte.
Mohand Hamoumou (Soziologie/Lyon, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des »Mémorial de Rivesaltes«) diagnostizierte mit der Feststellung, »das Schweigen in der Geschichte ist ebenso bedeutend wie die Geschichte selbst«, das Schicksal der »Harkis«.[5] Geschwiegen wurde in Algerien, in Frankreich und von den Betroffenen. Als Harkis werden Algerier bezeichnet, die während des Algerischen Unabhängigkeitskrieges von 1957 bis 1962 als Hilfssoldaten in der französischen Armee dienten (etwa 300 000 Personen). Tausende von ihnen (etwa 50–80 000) wurden bei Kriegsende in Algerien als Verräter und Kollaborateure gebrandmarkt, gefoltert, hingerichtet oder noch Jahre verfolgt. Vielen gelang die Flucht nach Frankreich, wo sie in Lagern wie etwa Rivesaltes festsaßen, was ihre Integration in die französische Gesellschaft behinderte.
In Algerien gibt es zum Thema keine Literatur, in Frankreich nur wenig. 1972 erschien eine erste Recherche mit dem Verlegenheitstitel »Les oubliés de l’histoire«. Die Geschichte der Harkis stört, weil sie dem gängigen Klischee widerspricht, die algerische Bevölkerung habe sich gegen die »Befreiungsarmee« FLN nicht aufgelehnt. In Frankreich war das Thema unbeliebt, weil sich die französische Armee, die die pro-französischen Algerier im Stich gelassen hatte, gerne als verraten ansah. Ein harter Überlebenskampf und ideologische Verleumdung machten die Harkis mundtot; Solidarität erfuhren sie kaum. So nahm etwa die französische Linke nur die Beseitigung der Kolonialherren wahr, ignorierte aber die antidemokratische Position der FLN.
Gilles Manceron (Historiker, Vizepräsident der Liga für Menschenrechte/Paris) betonte, die Vokabel »Kollaborateur« sei für die Harkis untauglich und weise vielmehr auf ein Verständnisproblem der antikolonialistischen Linken. Manceron ging auf eine weitere Personengruppe ein, die aus Algerien floh, die so genannten »Pieds noirs«. Doch wie lassen sich deren Motive charakterisieren? Wurden sie vertrieben, umgesiedelt oder in die Heimat zurückgeführt? Die »Pieds-noirs« kannten Frankreich meist gar nicht, ihre Familien waren im 19. Jahrhundert immigriert, oft aus dem Elsass, aus Norddeutschland. Mit ihrem Los überkreuzt sich das der algerischen Juden.[6] Manceron warnte vor kurzsichtigen Urteilen. Die Geschichte sei über verschiedene Bevölkerungsgruppen in Algerien, zwischen denen auch Spannungen existierten, hinweggerollt.
François Xavier Hautreux (Universität Paris X) analysierte, dass der Begriff Harkis, soziologisch gesehen bäuerlicher Herkunft, keine ethnische Gruppe umschreibt. Im Zuge ihrer Migration ab 1962 schuf die französische Verwaltung für sie das Kürzel FMR (Français musulmans repatriés). Ab 1961 gab es in Militärkreisen Pläne, sie zu schützen; ökonomische Gründe und Machtmissbrauch vereitelten dies jedoch und viele Kriterien lähmten ihre Bewegungsfreiheit: Durften sie als Franzosen gelten, selbständig ins Mutterland aufbrechen?
Volkhard Knigge (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) skizzierte die Entwicklung der Erinnerungsarbeit in Deutschland: 1949 wurde auf Druck der Alliierten das Grundgesetz erlassen. Es basierte auf einem antinazistischen Konsens, der aber unthematisiert blieb; eine offene Debatte hätte den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. 1953 unterzeichneten die BRD und Israel ein Wiedergutmachungsabkommen, doch eine gründliche Ermittlung der NS-Verbrechen blieb aus. Bis in die 1960er Jahre distanzierte man sich vorwiegend moralisch und interpretierte die NS-Diktatur etwa als »Sittenverfall im Massenzeitalter«, statt Täter, Opfer und Ereignisse konkret zu benennen. Gedenktexte blieben vage und nivellierend: »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft«. Ehemalige Konzentrationslager wurden überbaut, Neuengamme z. B. wurde zum Jugendgefängnis, Dachau zur Wohnsiedlung.
Auch verschiedene Gesetze spiegeln die Abwehr von Schuld und Verantwortung. 1949 wird ein erstes Amnestiegesetz für »Kriegsverbrecher« erlassen, bereits im zweiten Amnestiegesetz (1953) heißen sie »Kriegsverurteilte«. Schon 1951 kehrten Beamte, einst im Zuge der Entnazifizierung entlassen, in ihre Ämter zurück (131er-Gesetz). Zur postfaschistischen Mentalität, die der Vergangenheit auswich, gehörte zudem, dass »der« Totalitarismus bekämpft wurde, gegenwärtig in Gestalt der DDR. BRD und DDR entlasteten sich jeweils, indem sie das Verwerfliche auf den Anderen projizierten.
Trotzdem stellte sich die BRD allmählich der NS-Vergangenheit, 1959 fand der Ulmer Einsatzgruppenprozess statt, 1961 der Eichmann-Prozess in Jerusalem, 1960 wurde der Strafbestand der Volksverhetzung eingeführt. Danach musste die NS-Zeit im Schulunterricht berücksichtigt werden. Deutsche Schriftsteller, etwa Böll, Grass und Hochhuth sowie die Studentenbewegung sorgten für entsprechende Debatten. Vor allem wurde das Schweigen deshalb gebrochen, weil die BRD in der Rechtsnachfolge des Dritten Reiches stand, d.h. Entschädigungsansprüche der NS-Opfer annehmen musste.
Die DDR sprach sich unterdessen mittels antifaschistischem Gründungsmythos von der NS-Diktatur frei, vollzog vermeintlich einen Bruch mit der Vergangenheit; eine Politik der Integration ehemaliger NSDAP-Mitglieder wurde jedoch auch hier praktiziert. Besonders gravierend war das starre, staatlich kontrollierte Geschichtsbild der SED mit antizio- nistischer Prägung. Dem folgte auch die Erinnerungspolitik, was sich an der ehemaligen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald zeigen lässt. Die ehemalige KZ-Anlage wurde mitsamt dem 1959 erbauten »Museum des Widerstands« unter dem Leitmotiv »Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg« als Läuterungspfad inszeniert, der von der »Nacht des Faschismus« zum »Turm der Freiheit« führt, zum neuen, besseren, sozialistischen Deutschland.
In beiden Gesellschaften sahen sich die Deutschen mehr als Opfer denn als Verantwortliche, was auf analoge Entlastungsmechanismen verweist, die sich nach dem Fall der Mauer oftmals summieren. Zu beobachten sei der Trend, so Knigge, den Abstand zwischen Vergangenheit und Gegenwart absolut, d.h. unkritisch, zu sehen. Dafür symptomatisch tauche die Frage auf: »Ist die Bundesrepublik aus dem Schatten der Vergangenheit herausgetreten«?
Anfang der 1990er Jahre wurde eine Enquete-Kommission zur »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur« eingesetzt, die Konsequenz war eine Neukonzipierung von Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück, was sich allgemein auf die Gedenkstättenlandschaft in Deutschland auswirkte. Die Bilanz der Gedächtnisarbeit sei nicht negativ, die Demokratie wurde substanziell verankert, betonte Knigge, doch die daran beteiligte kritische Generation stehe vor ihrem Ableben. Festzuhalten sei, dass Erinnerung differenzierte historische Bildung und entsprechendes Wissen erfordere. Statt unhistorisch die Schlechtigkeit von Leid zu beteuern, sei zu thematisieren, was nicht geschehen darf, warum und wie es dazu kam.
Marianne Petit (Projektleiterin »Mémorial de Rivesaltes«) führte über das Gelände und erläuterte den Plan der Gedenkstätte, die auf einem Bereich des 600 Hektar umfassenden Areals entstehen soll, auf den 42 Hektar des ehemaligen »Ilots F«. Besondere Spuren auf Mauern, etwa Zeichnungen sowie ein Lagerplan, wurden abgenommen und archiviert. Einige Gebäude werden konserviert, andere machen einem Dokumentationszentrum und einer Tagungsstätte Platz.
Der Zutritt zu dieser geplanten Anlage führt durch einen Tunnel. Vorgelagert ist ein Empfangsbereich, mit einem nicht betretbaren Ort der Sammlung sowie einer künstlerischen Installation.[7] Den Eingangsweg markiert eine quadratische Fläche mit vier alten Bäumen. Sie sollen jene Populationen symbolisieren, die hier den schwersten Tribut zollten: Spanier, Juden, Harkis sowie Sinti und Roma.
Der architektonische Duktus signalisiert Weite und deutet so das unermessliche Leid dieser Vergangenheit an. Denis Peschanski (Wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte) resümierte gegen Schluss der Veranstaltung, dass sie in der Abfolge verschiedener politischer Regime, rund 600 000 Menschen betraf. Auf dem langen Weg der Bewusstseinsbildung stellte die Konkurrenz der Erinnerungen ein Hindernis dar. Doch nun besteht der politische Wille, einen Gedächtnisort, einen »offiziellen Vektor«[8] für die verschiedenen Opfergruppen zu schaffen. Dem widmen sich bereits wissenschaftliche und pädagogische Kommissionen. Eine Datenbank wird aufgebaut, die Zugang zu Archiven in Spanien und den USA bietet; entsprechende Abkommen werden momentan realisiert. Ein bedeutender Themenkomplex des »Mémorial de Rivesaltes« wird die Humanitäre Hilfe und der Rettungswiderstand für Verfolgte sein, geleistet im Umkreis von Rivesaltes und in ganz Frankreich, oftmals mit Hilfe der Schweiz. Exkursionen verdeutlichten das Thema.
In Argelès erläuterte Serge Barba (Vertreter der Söhne und Töchter Spanischer Republikaner und Kinder des Exodus)[9] ein dortiges Mahnmal; danach wurden Gedenktafeln an jenem Strand entziffert, der ab Winter 1939 dramatische Vorgänge erlebte: »Tausende von spanisch-republikanischen Flüchtlingen, die dem Bürgerkrieg und dem militärischen Franco-Regime über die Pyrenäenpässe zu entkommen suchten«, gelangten völlig mittellos nach Argelès. Die »französischen Behörden errichteten direkt auf dem Strand Behelfslager« und eröffneten sodann weitere Lager, in St. Cyprien und Barcarès.[10] Viele dieser Flüchtlinge gelangten später nach Rivesaltes, manche in die rettende Maternité d’Elne. Zur Aufarbeitung des Themas kooperiert Argelès mit dem »Museum des Exils«, das derzeit in La Jonquera (Katalonien) entsteht. Enric Pujol stellte es im Rahmen der Tagung vor.
In den 1940er Jahren war die »Maternité d’Elne« eine Oase. Die heutige Dokumentations- und Gedenkstätte wird getragen von der Stadt Elne und den »Nachkommen und Freunden« der rund 1000 Kinder, die dort unter der Obhut der couragierten Krankenschwester Elisabeth Eidenbenz und ihrer Mitstreiterinnen zur Welt kamen. Unterstützt wurden sie von der »Schweizer Hilfe« (Ayuda Suiza), die bereits im Spanischen Bürgerkrieg vor allem bedrohte Kinder rettete, Lebensmittel und Kleider besorgte. Mittels Lastwagen evakuierte sie auch Flüchtlinge aus bedrohten Ortschaften. Am Ende des Spanischen Bürgerkriegs (1939) verlagerte sich die Schweizer Hilfstätigkeit nach Südfrankreich. Etwa 40 junge Helferinnen und Helfer betreuten Spanier, Juden, Roma, Sinti und politische Häftlinge in den Internierungslagern oder versuchten sie dort herauszuholen.[11] Sie gründeten Kinder- und Mütterheime, darunter die »Maternité d’Elne«, die Menschen aus Rivesaltes und anderen Lagern aufnahm.
Richard Jezierski, Direktor des « Centre de la Mémoire d’Oradour-sur-Glane », erläuterte die Situation der Gedenkstätte, die 1998, zum Gedächtnis an das von der Gestapo 1944 ausgelöschte Dorf Oradour, eröffnet wurde. Jezierski will sie als Interpretationszentrum verstanden wissen, das Erreichtes stetig in Frage stellt. Neben einer Dauerausstellung werden oft Wechselausstellungen gezeigt, zuletzt z.B. »Von Nürnberg nach Oradour«. Jezierskis befindet die meisten Ausstellungen als zu textlastig, weshalb er audio-visuelle Führungen anstrebt. Zudem ist er dabei eine Stiftung zu gründen, die bürgerschaftliches Engagement thematisiert; und er plant einen Bereich für Kinder (»espace enfant«), der nicht das historische Thema behandelt, sondern spielerisch ausgerichtet sein soll. Jezierski ging auch auf die Personalstruktur der Gedenkstätte ein. Er als Direktor arbeitet auf der Basis eines Zeitvertrags, umgeben von rund dreißig Beamten, deren Einsatz ihn nicht immer befriedigt. Oradour ist eine öffentliche Einrichtung, die ihren Etat zur Hälfte selbst erwirtschaften muss (300 000 Besucher pro Jahr).
Über die Dokumentations- und Kulturstätte Les Milles, die im Jahr 2008 neu eröffnet wird, berichtete Odile Boyer. Viele Kooperationspartner engagieren sich dafür, eine Ziegelfabrik bei Aix-en-Provence, die von 1939 bis 1942 Internierungslager war, dem Publikum endlich zugänglich zu machen. Lange blockierte die Konkurrenz der Erinnerungen dieses Vorhaben. Rund 10 000 Personen aus 27 Ländern passierten das Lager, 2500 wurden 1942 deportiert. Interniert waren Juden sowie verfolgte Künstler, die Bildwerke auf den Wänden hinterließen und den Ort in Autobiographien schildern.[12] Les Milles ist das einzige französische Internierungslager, das weitgehend erhalten geblieben ist. Die Gedenkstätte wird die historische Bausubstanz und die geschichtlichen Ereignisse dokumentieren; zudem ist ein pädagogischer Bereich vorgesehen, der für Fragen der Toleranz, Menschenwürde und Verantwortung sensibilisiert.
Angelika Meyer (»Aktives Museum Faschismus und Widerstand«/Berlin) präsentierte das Ausstellungsprojekt »Ohne zu zögern«. Es handelt von Varian Fry, einem amerikanischen Journalisten, der sich in Marseille während der NS-Zeit als Fluchthelfer betätigte, wobei er von mehreren Personen unterstützt wurde, etwa von Lisa Fittko. Berlin hat eine Straße nach ihm benannt, ansonsten wurde er in Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich und Israel, nicht geehrt.[13] Die Ausstellung konzentriert sich auf Bürger Berlins (Heinrich Mann, Alfred Döblin, Franz Hessel, Hannah Arendt, Leonhard Frank u.v.a.), die Fry gerettet hat, und wird ihre Lebensgeschichten, Fluchtwege und Netzwerke dokumentieren. Wichtigstes Zielland waren die USA. Doch wie gelangte man an Visa, an Bürgen in anderen Ländern, wie kam man aus den Lagern heraus? Wie verhielt sich die Zivilbevölkerung, die französische Verwaltung, das amerikanische Konsulat?
Im Blick auf die KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, die in ihrer tödlichen Brutalität mit einem Internierungslager in Frankreich nicht zu vergleichen sind, insistierte Volkhard Knigge darauf, dass Erinnern an sich kein Bildungskonzept sei und die pädagogische Arbeit in Gedenkstätten oftmals zu improvisiert bleibe.
Von 1937–1945 waren im KZ Buchenwald 270 000 Menschen aus ganz Europa interniert, darunter zahlreiche Spanier und Franzosen, 56 000 wurden ermordet.[14] In Buchenwald ist neben der menschenverachtenden Geschichte des Konzentrationslagers die Verbindung zum nahe gelegenen Weimar, dem Ort der deutschen Klassik, zu thematisieren. Das pädagogische Programm will einerseits die Verbrechen aufzeigen (negative Erinnerung) und andererseits anleiten, sich davon abgrenzen zu können (positives Ziel).
Da Erinnern in Deutschland gerne mit Pathos ausgestattet wird, sei es wichtig, nicht allgemein vom Genozid zu handeln, sondern von seiner spezifischen Ausprägung. Erinnern ohne geschichtswissenschaftliche Begründungen führe nicht zu Vernunft und Humanisierung. Reflexion und Urteilsvermögen hätten emotionaler Überwältigung entgegenzuwirken. Kenntnisse über politischen Widerstand und Hilfe für Verfolgte können den Sinn für Handlungsfreiheit stärken. Bei der Thematisierung des Zivilisationsbruchs, der völligen Zerstörung der Grundsolidarität zwischen Menschen, sei zu beachten, dass Jugendliche stets den Gegenwartsbezug suchten.
Jacques Limouzin (Vorsitzender der pädagogischen Kommission »Mémorial de Rivesaltes« und Schulamt Montpellier) stellte dar, wie in französischen Lehrplänen erstmals 1998 das Pflichtthema «Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg» auftaucht. Er resümierte die Ereignisse, die Frankreichs Identität seit 1940 erschütterten (Niederlage 1940, Vichy-Regime, Dekolonisierung); diese wurden nur schleppend rezipiert und bewusst gemacht.[15] Ab den 1980er Jahren begann sich Frankreich seiner Geschichte neu zu stellen. Öffentlichkeitswirksame Prozesse (Barbie, Touvier) fanden statt, Gesetze zur »Pflicht der Erinnerung« wurden erlassen und 1995 erkannte Jacques Chirac schließlich offiziell die Beteiligung des französischen Staates an Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Was ist für Pädagogen beim Umgang mit diesen »schwierigen Themen« zu beachten?
Jacques Limouzin hält das Unterscheiden von Erinnern und Geschichtsschreibung für wichtig. Ziel der letzteren ist Wissen und analytische Auslegung von Fakten. Erinnerung, die letztlich nur im Plural existiert, verfährt hingegen selektiv mit der Historie und zielt auf das symbolische Interesse und die Identität bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Die Schwierigkeit der Pädagogik bestehe darin, die Erinnerung der Anderen zu verstehen und diese akzeptieren zu lehren. Jacques Limouzin warnte indes vor den psychischen Folgen falscher Schuldübertragungen an die junge Generation. Wichtig sei vor allem, reflexive Distanz zur Vergangenheit zu erarbeiten und das Gedächtnis politischen Strategien zu entziehen.
Die Organisatoren der Tagung verlangten explizit nach Erfahrungen aus Gedenk- und Dokumentationsstätten, die schon länger im Aufbau begriffen sind. Thomas Lutz (Gedenkstättenreferat »Topographie des Terrors«) betonte, dass in Deutschland durchschnittlich zehn Jahre vergehen, bis der bürgerschaftlichen Forderung nach einer Gedenkstätte eine Realisierung mit öffentlichen Mitteln gelingt, was auf die beträchtlichen Komplikationen deutet, die damit oft verbunden sind.
Drei Arbeitsgruppen legten dar, was sich bei der Gedenkstättenarbeit als wichtig erwiesen hat:
Gruppe 1 (Lore Kleiber. Haus der Wannsee-Konferenz/Berlin und Claude Singer. Mémorial de la Shoa/Paris) fragte zunächst, ob das Dokumentationszentrum von Rivesaltes nicht eventuell vor der Architektur da sein solle. Eine Mehrzahl von Lernmethoden sei notwendig, da die Gedenkstätte unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anzusprechen habe.
Gruppe 2 (Philippe Barrière. Musée de la Résistance/Grenoble und Joachim König/ Gedenkstätte Buchenwald) wollte untersucht wissen, auf welches Publikum man sich in Rivesaltes vorbereiten müsse? Welche Werkzeuge sind notwendig, wie kann man sie analysieren? Was leisten traditionelle Mittel wie Dokumente, Archive, was neue Technologien? Welche Zugangsweisen entsprechen dem spezifischen Ort? Wie kann ein europäischer Austausch zu den so unterschiedlichen Themenbereichen zustande kommen?
Gruppe 3 (Jens Michelsen. KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Pascal Plas. Oradour-sur-Glane) bestand auf der Bedeutung von Quellen und der Wichtigkeit von Biographien und Zeitzeugen für die pädagogische Arbeit. Neben Geschichtsbüchern sollten Medien wie Literatur, Film und Kunst eine Rolle spielen. Um den Zugang zu den historischen Ereignisschichten zu gestalten, werden Informationstafeln, ein Parcourssystem, das Verständnis für den Ort und die Erklärung des Geländes als wichtig erachtet.
Sodann fasste Thomas Lutz als Moderator der Arbeitsgruppen seine Prioritäten zusammen: Die historischen Spuren des Ortes rekonstruieren, das Lager in der Geschichte Frankreichs situieren und den Besucher nicht architektonisch oder medial überwältigen. Wichtig ist ihm die Vernetzung der Erinnerungskulturen in Europa; einer »europäischen Erinnerungskultur« widersprächen die divergierenden Erfahrungen, die sich Frankreich, Spanien oder Deutschland jeweils aufdrängten. Mit Rivesaltes verbindet man aus deutscher Sicht zunächst das Schicksal verfolgter Emigranten und Juden sowie den Spanischen Bürgerkrieg, während für Frankreich die Geschichte der Harkis ungleich bedeutender ist.
Bei allem, was noch zu tun bleibt, plädierte Geneviève Erramuzpé (Maison d’Izieu) zu guter Letzt – neben gewissen Vorbehalten gegenüber der Institutionalisierung von Kolloquien – für die konkrete Zusammenarbeit kompetenter Köpfe. Selbstverständlich blieben Fragen offen und Vieles verharrte unvermittelt nebeneinander, in einem dicht gedrängten Programm.
Vor Abreise der Teilnehmer führte Madeleine Claus (Lehrerin in Perpignan) an den Gedenkort zu Ehren Walter Benjamins in der Grenzstadt Port Bou heran, wo der von den Nazis verfolgte Philosoph seinem Leben ein Ende setzte. Auf dem dortigen Friedhof ist er begraben. Der israelische Bildhauer Dani Karavan hat hier die begehbare Landschaftsskulptur »Passagen« geschaffen; sie umfasst mehrere Stationen und favorisiert nicht das ›memento mori‹, sondern fordert zur Erfahrung der eigenen Gegenwart auf. Eine Skulptur am Vorplatz des Friedhofs enthält auf einer Glasscheibe, die mit Blick auf das Meer zum Innehalten zwingt, das Benjamin-Zitat: »Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht«.
So könnte man auch die Tagung in Prades resümieren. Sie beschäftigte sich mit der schwierigen Erinnerung an Hunderttausende von Namenlosen und machte deutlich, dass sich in der Gedenkstättenarbeit eine Gegenwart erkennt, die Geschichte zum Gegenstand einer mit »Jetztzeit« geladenen Konstruktion macht, bevor »der Sieger auch noch das Andenken an die Toten«[16] vernichtet.
Um die Möglichkeit zu Historisieren ging es in Prades jedenfalls nicht.
Dr. Cornelia Frenkel lebt als Übersetzerin und Journalistin in Freiburg.
[1] Veranstalter waren: Conseil Général Pyrénées-Orientales, Mémorial du Camp de Rivesaltes, Stiftung Topographie des Terrors (Berlin).
[2] Vgl. dazu: Volkhard Knigge. Die südfranzösischen Lager. In: Hoffmann, Detlef (Hg.). Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler. Ffm 1998. S. 220 ff.
[3] Eine Broschüre des Conseil Général des Pyrénées-Orientales stellt den Entwurf vor, siehe: www.cg66.fr
[4] Vgl. G. Bischof/R. Overmans (Hg.). Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Verlag Gerhard Höller 1999
[5] Mohand Hamoumou. Les Harkis, une mémoire enfouie. Ed. Autrement 1998
[6] Benjamin Stora. Les trois exils. Juifs d’Algérie. Paris 2006
[7] Vgl. GedenkstättenRundbrief 132. 8/2006. S.10 ff.
[8] Henry Rousso. Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours. Paris 1990, p.252
[9] Vertreter der »Söhne und Töchter spanischer Republikaner und Kinder des Exodus«. Siehe: www.ffreee.org.
[10] Vgl. Anne Grynberg. Les camps de la honte. Paris 1991
[11] Antonia Schmidlin. Eine andere Schweiz. Helferinnen, Kriegskinder und humanitäre Politik 1933–1942. Zürich 1999 und Helena Kanyar Becker (Hg.). Die Humanitäre Schweiz 1933-1945. Basel und Bern 2004
[12] André Fontaine. Le camp d’étrangers des Milles 1939-1943. 1989. Angelika Gausmann. Deutschsprachige bildende Künstler im Internierungs- und Deportationslager Les Milles von 1939–1942. 1995
[13] Vgl. Varian Fry. Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41. München 1986. Varian Fry et les candidats à l’exil. Marseille 1940-1941. Actes Sud. Arles 1999. Lisa Fittko. Mein Weg über die Pyrenäen. München 1985
[14] Zur Geschichte der KZ-Gedenkstätte Buchenwald: www.buchenwald.de
[15] Vgl.: Henry Rousso. Vichy. L’événement, la mémoire, l’histoire. Paris 2001
[16] Vgl. dazu: Walter Benjamin. Über den Begriff der Geschichte. In: Illuminationen. Ffm 1992. S. 251 ff.