Aus Anlaß seines 90. Geburtstages wird am 5. April 1998 die Matthaikirchstraße in Berlin-Tiergarten nach dem Berliner Dirigenten Herbert von Karajan umbenannt. Karajan, der bereits in der NS-Zeit bei den Berliner Philharmonikern als Gast dirigierte, wurde 1955 Chefdirigent der Philharmoniker »auf Lebenszeit«. Seine Verdienste um das Orchester und seine künstlerische Meisterschaft sind unbestritten.
Fraglich ist jedoch seine politische Karriere: Bereits am 8. April 1933 trat Herbert von Karajan in Österreich der NSDAP bei, am 1. Mai 1933 wurde er in Ulm zum zweiten mal Mitglied derselben Partei. Während die meisten seiner Dirigenten-Kollegen nach 1933 emigrierten – so Bruno Walter, Erich Kleiber, Otto Klemperer, Fritz Stiedry, Fritz Busch und Leo Blech – machte Karajan in Deutschland Karriere. Im Zweiten Weltkrieg trat er in zahlreichen Propagandakonzerten in dem von Deutschen besetzten Frankreich auf. Nach 1945 spielte er seine Mitgliedschaft in der NSDAP als Zugeständnis an die Erwartungen seines Dienstherren herunter – und verschob das Datum damit auf 1935. Karajan wurde entnazifiziert – und allein der Staat Israel hielt am Boykott gegen ihn fest.
Mit unserem Hinweis-Schild protestieren wir, der Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin, nicht gegen die Umbenennung selbst – auch wenn sie gegen das Votum des zuständigen Bezirks Tiergarten vom Verkehrs-Senator eigenmächtig vollzogen wird. Wir schlagen vielmehr vor, diese Namensgebung kenntlich und durch zusätzliche Erläuterungen in ihrem historischen Kontext verständlich zu machen.
Und wir fragen: Wo sind die Straßen in Berlin, die an andere namhafte Dirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters erinnern, an Leo Blech, an Otto Klemperer, an Arthur Nikisch, an Leo Borchard, Hans von Bülow oder Hans Richter?
Deshalb bringt der Verein Aktives Museum am 4. April 1998 eine Zusatztafel mit folgendem Wortlaut an:
Herbert von Karajan (5.4.1908–16.7.1989)
Mitglied der NSDAP Nr. 3430914 seit 1. Mai 1933
»Es ist kein Geheimnis, ich war Parteimitglied, und zwar bin ich es 1935 in Aachen geworden, als ich Generalmusikdirektor werden sollte. Drei Tage vor meiner Ernennung, als ich das ersehnte Ziel dicht vor Augen hatte, ist der Stadtdirektor zu mir gekommen und hat gesagt: ›Hören Sie, da ist‹ – und das sind seine Worte gewesen: ›da ist noch eine Formalität zu erledigen. Sie sind noch nicht Parteimitglied. Nach Aussage des Kreisleiters können Sie aber einen Posten dieser Art nicht bekleiden, ohne Parteimitglied zu sein.‹ So unterzeichnete ich.«
Das Zitat entnahmen wir der Biographie von Ernst Haeussermann,
Herbert von Karajan, Wien 1978, S. 79.