Der Verein Aktives Museum setzt seinen Ausstellungszyklus zum Thema Exil mit einem neuen Projekt fort. Nach »1945: Jetzt wohin? – Exil und Rückkehr« (1995) und »Leben im Wartesaal – Exil in Shanghai 1938–1947« (1997) bereiten wir nun eine Ausstellung zum Exil in der Türkei vor. Sie wird vom 8. Januar bis 12. Februar 2000 erstmalig in Deutschland in der Berliner Akademie der Künste präsentiert. Auf 35 zweisprachigen Ausstellungstafeln behandelt sie einzelne Fragestellungen des türkischen Exils und stellt bekannte und weniger bekannte Personen vor, die in den dreißiger und vierziger Jahren Zuflucht vor antisemitischer und politischer Verfolgung in der Türkei fanden. Ein erster Ausstellungsteil – in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut 1998 erarbeitet – konnte bereits im Herbst/Winter 1998/99 anläßlich des 75. Jahrestages der türkischen Republik in den Goethe-Instituten in Istanbul, Bursa und Izmir gezeigt werden. Die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John unterstützt unser Projekt und hat die Schirmherrschaft übernommen.
Bisher ist das Thema »Exil in der Türkei« mehr oder weniger auf die Emigration deutscher Wissenschaftler und Experten in der Türkei beschränkt worden. Wir möchten nun zusätzlich darstellen, daß die Türkei auch Emigrationsziel einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von mittelständischen Familien – Juden oder jüdischer Herkunft – war, die sich in der Türkei als Vertreter, Kaufleute, Ärzte, Ingenieure, Fremdsprachenkorrespondenten, Fotografen etc. durchschlugen. Wir kennen bisher die Namen von 1000 deutschsprachigen Flüchtlingen, die nach 1933 für einige Zeit in der Türkei lebten. Einige blieben für immer, viele wanderten aber schon während des Krieges oder nach seinem Ende weiter, vor allem nach Palästina/Israel und in die USA. Unter denen, die nach Deutschland zurückkehrten, ist Ernst Reuter der bekannteste.
Der Titel der Ausstellung übernimmt eine eigentümliche Wortschöpfung der türkischen Bürokratie. Als 1941 viele deutschsprachige Flüchtlinge wegen ihrer jüdischen Herkunft vom Dritten Reich ausgebürgert wurden, wurden sie in den türkischen Fremdenpässen als Yahudi haymatloz (staatenlose/r Jude/Jüdin) bezeichnet. Das Wort haymatloz ging damals als Lehnwort in die türkische Sprache ein.
Die Ausstellung »Haymatloz – Exil in der Türkei« erinnert an die aus Mitteleuropa durch die Nazis Vertriebenen. Sie verdeutlicht gleichzeitig, daß das deutschsprachige Exil in der Türkei durch die Reform-Politik von Atatürk und Inönü begünstigt wurde, die sich eine Reform der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei zum Ziel gesetzt hatte und sich durch große Offenheit gegenüber Westeuropa auszeichnete. Im Vergleich mit anderen Ländern in ähnlich wirtschaftlich schwieriger Lage hat sich die Türkei gegenüber den Flüchtlingen vor der NS-Diktatur großzügig verhalten. Daß die Türkei für viele der Flüchtlinge wegen klimatischer, gesellschaftlicher und Mentalitäts-Unterschieden ein schwieriges Exilland war, zeigen Äußerungen der Flüchtlinge. So war das Exilland Türkei nicht nur ein sicherer Hafen. 1943 wurden beispielsweise haymatloze Flüchtlinge, deren Arbeitsverträge ausgelaufen waren, mit ihren Familien ausgewiesen. Und nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Deutschen Reich Anfang August 1944 wurden zahlreiche der Flüchtlinge, die noch deutsche Staatsbürger waren, im östlichen Anatolien interniert. Auch das Verhalten der Türkei zu den Deportationen und dem Massenmord an den europäischen Juden und Sinti und Roma war widersprüchlich und wird ebenfalls in der Ausstellung thematisiert. Einerseits konnten über die Türkei, obwohl sie mit dem Großdeutschen Reich in einem Freundschaftsvertrag verbunden war, Zehntausende von Juden nach Palästina gelangen. Andererseits hat die Türkei zugelassen, daß schon länger in Westeuropa lebende Juden und Roma türkischer Herkunft deportiert und ermordet wurden.
Die Ausstellung erzählt aber vor allem die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten von in die Türkei geflüchteten Personen und Familien.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, in dem sie vollständig dokumentiert und durch Aufsätze zu Themen, die sich auf Austellungstafeln nicht darstellen lassen, ergänzt wird. Der Katalog wird allerdings nur in deutscher Sprache erscheinen können, da Übersetzung und Druck einer türkischen Fassung für uns nicht finanzierbar ist.
Die Ausstellung »Haymatloz – Exil in der Türkei« eignet sich für alle Städte mit einer geschichtsinteressierten Öffentlichkeit und mit einer starken türkischen Minderheit. Wir bieten die Ausstellung an zum Preis von DM 200,— pro Ausstellungswoche zuzüglich Transport vom vorigen Ausstellungsort und Versicherung. Der Katalog wird in Kommission gegeben.
Informationen: Verein Aktives Museum, Chausseestraße 8, 10115 Berlin, Telefon und Fax 030/2815198