Die Tätigkeit des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln (NS-DOK), das sich in den letzten Jahren als Einheit aus Gedenkort, Lernort und Forschungsort profiliert hat, ist in einem hohen Maße forschungsbasiert.[1] Die fundamentale Bedeutung von Forschung in der Gedenkstättenarbeit wird in den periodisch wiederkehrenden Debatten um Funktion und Positionierung »der« NS-Gedenkstätten in der Bundesrepublik allzu oft übersehen. Am Beispiel der Deportation von Köln nach Trostenez bei Minsk möchten wir aufzeigen, dass in personell und materiell entsprechend ausgestatteten Gedenkstätten eine Grundlagenforschung geleistet wird, die universitäre Forschungseinrichtungen aufgrund ihrer anders gelagerten Forschungsinteressen und -strukturen nicht durchführen können.
Im Juni 2014 wurde nach jahrelangem Engagement verschiedener Organisationen und zivilgesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure in Trostenez bei Minsk der Grundstein für eine Gedenkstätte gelegt.[2] An dem in der Nähe des Ortes Maly Trostenez gelegenen Waldgebiet wurden etwa 60 000 Menschen ermordet, vornehmlich Juden und Jüdinnen aus Belarus, aber auch eine hohe Anzahl aus dem Deutschen Reich mit der »Ostmark« und dem Protektorat Böhmen und Mähren, die über das Ghetto Minsk, das Ghetto Theresienstadt oder direkt dorthin verbracht worden waren.
Ein Bestandteil des von dem Architekten Leonid Lewin (1936–2014) entworfenen Ensembles sind Außentafeln, auf denen die Namen der Opfer eingraviert werden sollen. Die namentliche Erinnerung an die Toten ist in vielen Kulturen ein wichtiger Bestandteil von Trauerriten, hat in der jüdischen Tradition einen besonders hohen Stellenwert und ist heutzutage ein wesentliches Element von Holocaust-Gedenkpraktiken. Als problematisch erweist es sich dabei, dass nur wenige Namen der belarussischen Opfer bekannt sind. Weitaus besser dokumentiert sind die Namen der rund 7 000 jüdischen Deportierten, die von November bis Dezember 1941 aus Berlin, Bremen, Brünn, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg und Wien in das Minsker Ghetto eingeliefert wurden und von denen die meisten im Ghetto selbst, nicht wenige aber auch in Trostenez um ihr Leben gebracht wurden. Gleiches gilt für die etwa 16 000 Opfer, die zwischen Mai und September 1942 aus Köln, Königsberg, Wien und dem Ghetto Theresienstadt direkt an die Mordstätte herangefahren und von denen fast alle unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Alfred Gottwaldt und Diana Schulle haben in ihrer Übersicht zu »Judendeportationen« aus dem Deutschen Reich 1941–1945 zwar zahlreiche frühere Fehlannahmen in Bezug auf die Anzahl der Züge und die Zielorte korrigieren können. Dennoch konnte für einige der Deportationen nach Minsk und Trostenez die Anzahl der Deportierten nur näherungsweise angegeben werden.[3]
Die Namen dieser 23 000 Deportationsopfer sind in der Regel allein deshalb bekannt, weil sie auf zeitgenössischen Deportationslisten vermerkt sind. Dies gilt für fast alle genannten Städte ebenso wie für die Opfer, die über Theresienstadt deportiert wurden. Deportationslisten sind als zentrale Quellen in die im Internet zugänglichen personenbezogenen Datenbanken über Holocaustopfer, die das Bundesarchiv und Yad Vashem bereithalten[4], eingegangen, und sie sind zum Teil auf der Internetseite eines Privatforschers veröffentlicht[5], sodass von einer hohen Publizität gesprochen werden kann. Sie dienen als Primärquellen für Gedenkbücher, Stolpersteine und Gedenkveranstaltungen und werden für viele Fragen der Holocaust-Forschung konsultiert: Wie hoch war die Anzahl der Deportierten? Nach welchen Kriterien wurden die Opfer ausgewählt? Wie verlief der Prozess der Segregation? Gibt es einen Zusammenhang von Stadtplanung[6] und Deportation? Welche Wechselwirkungen gab es zwischen der antijüdischen Politik im Reich und in den besetzten Ländern? Bei allen diesen Fragen wird der Quellenwert von Deportationslisten in der Regel als hoch eingeschätzt. Doch wie verlässlich sind die Angaben auf den Listen?
Die Rekonstruktion der Verfolgungsgeschichte der jüdischen Bevölkerung zählt zu den zentralen Arbeitsbereichen des NS-DOK. Die zerstörten Biografien sollen möglichst umfassend rekonstruiert werden. Das heißt, nicht nur die Personalien, sondern auch die privaten und beruflichen Lebensverhältnisse sollen so anschaulich wie möglich nachvollzogen werden, etwa durch Fotografien und Selbstzeugnisse. Dabei interessiert das Leben vor der Verfolgung ebenso wie die Verfolgungserfahrung. Dies ist für die individuelle Erinnerung an die NS-Opfer von zentraler Bedeutung. Angesichts der Vielzahl der Opfer und der bruchstückhaften Überlieferung ist diese Rekonstruktion eine Daueraufgabe des Hauses.
Am 20. Juli 1942 wurden, so war der Wissensstand bis zum Jahr 2008, 1 164 jüdische Männer, Frauen und Kinder von der Kölner Messe aus nach Minsk deportiert, wo sie unmittelbar bei ihrer Ankunft am 24. Juli 1942 in ein Waldgebiet in der Nähe des Lagers Trostenez umgeleitet und ermordet wurden. Etwa die Hälfte der Deportierten hatte zuvor in Köln gelebt, die übrigen stammten aus der Region.[7] Bevor am 22. Oktober 2008 ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer dieser Deportation auf dem ehemaligen Ghettofriedhof in Minsk eingeweiht wurde, begannen im NS-DOK intensive Recherchen zur Geschichte dieser Opfergruppe. Anders als in das Gedenkbuch von 1995 wurden nun nicht nur die in Köln wohnhaft gewesenen, sondern alle von Köln aus Deportierten in eine Datenbank aufgenommen. Die wichtigste Quelle hierfür war eine im Stadtarchiv Witten überlieferte Kartei der nach Minsk deportierten Personen. Bei dieser sogenannten »Wittener Liste« handelt es sich um Unterlagen des ehemaligen »Rheinischen Provinzialinstitutes für Sippen- und Volkskörperforschung an der Universität Köln/Rheinische Landeszentrale für sippenkundliche Bestandsaufnahme«, dessen Bestände der damalige Leiter Dr. Karl Wülfrath nach 1945 an sich nahm und im Jahr 1949 der Stadt Witten, wohin er gezogen war, zur Sicherung einer Darlehensforderung übereignete. In den für die NS-Rassenforschung angelegten Unterlagen befinden sich unter anderem diese Karteikarten, die augenscheinlich anhand in der NS-Zeit vorhanden gewesenen Listen über die jüdischen Deportierten aus Köln und Umgebung angelegt worden sind.[8] Die Angaben auf diesen Karteikarten, die es außer für Minsk/Trostenez auch für die Deportationen in die Ghettos Litzmannstadt, Riga und Theresienstadt gibt, sind in der Regel die Grundlage für Darstellungen über die großen Deportationen aus Köln in den Jahren 1941 und 1942 und fanden über das erste, 1995 vom NS-DOK veröffentlichte Gedenkbuch Eingang in die Gedenkbücher des Bundesarchivs. Dieter Corbach druckte eine Abschrift der »Wittener Listen« 1999 in dem Buch »6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945« vollständig ab. Dadurch sind sie für die Forschung leicht zugänglich und werden bis heute weithin rezipiert.
Die Aufnahme aller Personendaten zu Minsk aus der entsprechenden »Wittener Liste« wurde im NS-DOK 2009 umgesetzt. Parallel dazu begann die Auswertung von mehr als 20 000 Akten der Oberfinanzdirektion Köln, die sich im Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) in Berlin befinden. Diese Akten aus Rückerstattungsverfahren erwiesen sich als ergiebige Quelle nicht nur für die Rekonstruktion von Personalien, Wohnorten und Verwandtschaftsverhältnissen und die Klärung von Schicksalen, sie geben mit protokollierten Zeugenaussagen und Erinnerungsberichten immer wieder auch anschauliche Einblicke in Lebensverhältnisse und konkrete Verfolgungssituationen.[9] Weitere Primärquellen, etwa aus dem Archiv der Synagogen-Gemeinde Köln und dem Internationalen Suchdienst in Arolsen, wurden ebenfalls systematisch über mehrere Jahre hinweg ausgewertet. Erst damit war die Quellenbasis für die Erarbeitung eines namentlichen Verzeichnisses geschaffen, das im Rahmen der Grundsteinlegung im Juni 2014 in Minsk übergeben wurde.[10]
Für die Erstellung dieses Verzeichnisses bearbeiteten wir mit Unterstützung von Aaron Knappstein Daten zu mehr als 1 500 Personen, bei denen »Minsk« oder »Trostenez«, manchmal aber auch nur »in den Osten« als Deportationsziele angegeben waren. In einem ersten Schritt wurden die Daten der so genannten »Wittener Liste« mit den vorhandenen Datensätzen abgeglichen, dabei offensichtliche Verschreibungen korrigiert und widersprüchliche Personenangaben markiert. Sofern es verschiedene Schreibweisen von Personennamen oder zweifelhafte Angaben zu Geburtsdaten und Geburtsorten gab, wurde in jedem Einzelfall eine Geburtsurkunde beschafft – insgesamt 485 (Stand: 18. Mai 2016). Mehrere Hundert Namen und Angaben zu den Geburtsdaten wurden auf diese Weise korrigiert.
Damit zeigt sich, dass alle bisherigen Gedenkbücher, die sich auf die »Wittener Liste« beziehen, stark fehlerbehaftet sind. In der Publikation bei Corbach, für die die Karteikarten per Hand abgetippt wurden, sind weitere Schreib- und Übertragungsfehler hinzugekommen, sodass der Quellenwert der ohnehin schon fehlerhaften Originalquelle nochmals vermindert wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: Für Arthur Anspach steht in der »Wittener Liste« – und damit auch bei Corbach – ein falsches Geburtsdatum (statt 24. 10. 1910 muss es 4. 2. 1910 heißen). In dem Corbach-Band wird zusätzlich statt des richtigen Wohnortes Köln als letzter Wohnort »Gymnich« angegeben. Es liegt auf der Hand, dass mit solchen Informationen die Geschichte der Opfer nur sehr schwer zu rekonstruieren ist.
Die eindeutige Identifizierung dient dazu, herauszufinden, welcher realen Person die in den Quellen aufgeführten Personalien entsprechen; auch soll mit dem richtigen Namen an die Opfer erinnert werden. Nur anhand des richtigen Namens kann außerdem mehr über den persönlichen Hintergrund und die familiären Verhältnisse in Erfahrung gebracht werden. In einem zweiten Schritt wurden die Plausibilität der Deportationsangaben überprüft und die Familienzusammenhänge so weit wie möglich rekonstruiert. Oft ergaben sich darüber neue Anhaltspunkte, wenn beispielsweise einem deportierten und ermordeten Ehepaar die emigrierten Kinder zugeordnet werden konnten. Nicht selten gab es bereits Kontakte zwischen dem NS-DOK und den Angehörigen, die sich durch Emigration hatten retten können. Auch über diesen Weg konnten in vielen Fällen wichtige biografische Hinweise ergänzt werden. Hilfreich war in diesem Zusammenhang auch die Datenbank von Yad Vashem, und zwar insbesondere dann, wenn sich dort Gedenkblätter (»A Page of Testimony«) fanden, die von nahen Angehörigen hinterlegt worden waren. Auch die Auswertung von Akten der Oberfinanzdirektion Köln im BADV erbrachte in vielen Fällen weitere Informationen zu Familienangehörigen und Lebensverhältnissen vor der Deportation.
Personenstandsrecherchen sind nicht nur für die Korrektur von Namen und Geburtsdaten und die Rekonstruktion von Familienverhältnissen von zentraler Bedeutung, sondern helfen mitunter, die Zahl der tatsächlich deportierten Personen zu bestimmen. Eine genaue Durchsicht der Sterbeurkunden aller Kölner Standesämter für die Wochen vor der Deportation am 20. Juli 1942 ergab, dass zwei Frauen und zwei Männer, die für die Deportation vorgesehen waren, am 18. oder 19. Juli 1942 noch in Köln den Freitod wählten. Dass in solchen Fällen Deportationslisten nicht oder nicht in jedem Fall aktualisiert wurden, ist auch für die Deportationen in das Ghetto Litzmannstadt im Oktober 1941 belegt. Für eine Mutter mit ihren zwei Töchtern konnten wir anhand der Randvermerke auf den Geburtsurkunden ermitteln, dass sie überlebt haben – sie waren, anders als der geschiedene jüdische Ehemann – weder nach Minsk noch in ein anderes Lager deportiert worden, da sie katholisch waren und als »arisch« galten. Die Aufnahme der drei Personen in das Gedenkbuch von 1995 basierte auf einer 1962 von der Stadtverwaltung Köln erstellten und an den Internationalen Suchdienst Arolsen übermittelten Liste »Deportierte Kölner Juden«, wo für die ganze Familie als Deportationsort Minsk angegeben ist.
Viele der Personenrecherchen waren aufwendig und mit umfangreichem Schriftverkehr verbunden, aber notwendig, um bei den recht häufig widersprüchlichen Angaben in den Quellen zu einem validen Ergebnis zu gelangen. Hierfür sollen zwei Beispiele genügen. In der »Wittener Liste« werden zwei Männer mit dem Namen »Joseph Geisel« aufgeführt, beide 1882 und 1887 in Rheinbach geboren. Handelte es sich hier um die gleiche Person oder doch um zwei Personen? Anhand von Geburtsurkunden und Nachfragen in Rheinbach konnte geklärt werden, dass es sich bei dem einen um Hermann Josef Geisel handelte, der mit seiner Familie in Rheinbach lebte und von dort deportiert wurde. Der andere war zwar ebenfalls in Rheinbach unter dem Namen Josef Geisel geboren, allerdings hatte er seinen Geburtsort schon zu einem früheren Zeitpunkt verlassen und wurde über Köln deportiert.
Nicht selten ist es bei Frauen aufgrund des Namenswechsels bei Eheschließungen problematisch, Quellen einer bestimmten Person zuzuordnen. Solch ein Beispiel sind Betty Heli, Karoline Neumann und Lina Reli. Erst nach zahlreichen Anfragen und mithilfe der Kollegin Dr. Claudia Arndt in der Gedenkstätte Rosbach an der Sieg konnte geklärt werden, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte: Sie wurde unter dem Namen Karoline Heli geboren, trug als Ruf- bzw. Kosenamen die Vornamen »Lina« oder »Betty« und war mit einem Albert Neumann verheiratet. Auf den Wittener Listen ist sie zweimal vermerkt: für die Deportation nach Minsk am 20. Juli 1942 und für die Deportation nach Theresienstadt am 27. Juli 1942 – ein weiterer Beleg dafür, dass ein Abgleich aller Listeneinträge mit Personenstandsurkunden und Melderegisterdaten unverzichtbar ist.
Zusätzlich zu den Listen aus verschiedenen Archiven wurde die Lokal- und Regionalliteratur ausgewertet. Eine weitere Informationsquelle waren die Archive in der Region, außerdem einige Lokalforscherinnen und -forscher, mit denen das NS-DOK zum Teil seit vielen Jahren in einem Austausch steht. Auf diese Weise eröffneten sich vielfältige neue Zugänge.
Als letztes Beispiel sei hier die Geschichte des damals 15-jährigen Mädchens Cyra Pinkus erzählt. Auch von ihr waren nur die Daten aus der »Wittener Liste« bekannt: »ledig, geboren am 2. Juli 1926, aus der Heilanstalt Marsberg«. Ohne den Geburtsort ließ sich keinerlei familiäre Verbindung herstellen. Über eine Anfrage beim Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, wo eine Patientenakte gefunden wurde, führte eine Spur nach Hamburg, und dank der Hilfe der Kollegin Dr. Linde Apel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte ließ sich ein Stück der Lebensgeschichte dieses Mädchens rekonstruieren. Cyra Lotte Pinkus wurde am 2. Juli 1926 im brasilianischen Sao Paulo geboren, wohin Vater und Mutter im Jahr 1923 aus Hamburg eingewandert waren. 1928 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Die Mutter verstarb im Jahr 1929. Auf Kosten des »Jüdischen Religionsverbandes Hamburg« wurde das Kind in verschiedenen Heimen untergebracht. Der Verbleib des Vaters ist ungeklärt, schon im Herbst 1941 fehlte jede Spur von ihm. Am 20. Juli 1942 wurde das Mädchen von einem Beamten der Kölner Gestapo aus der Provinzialheilanstalt Marsberg im Sauerland abgeholt, um auch sie nach Minsk zu deportieren.
Als komplexes Problem stellte sich die Feststellung des letzten Wohnortes heraus. Die Deportation vom 20. Juli 1942 betraf Menschen, die schon seit geraumer Zeit in zwangsweisen Wohnverhältnissen leben mussten, entweder in Ghettohäusern oder Sammellagern, und die dabei mehrfach ihren Wohnort hatten wechseln müssen. In den »Wittener Listen« ist daher sehr oft als letzter Wohnort eines der Sammellager (Much, Bardenberg, Bonn-Endenich, Köln-Müngersdorf) oder eines der Ghettohäuser genannt. Uns interessiert aber der Wohnort, den die Menschen zuletzt selbst frei gewählt hatten. Das sind in der Regel die Orte, wo sie zur Schule gegangen sind, wo sie geheiratet und Kinder bekommen haben. Weil Meldedaten zu Köln für die NS-Zeit nicht erhalten geblieben sind, musste die Recherche nochmals erweitert werden. Ausgewertet und in die Datenbank aufgenommen wurden die beim Internationalen Suchdienst vorhandenen Gemeindelisten über jüdische Residenten[11] im Rheinland, von denen aus der zahlenmäßig größte Zuzug nach Köln erfolgt war. Darunter befand sich beispielsweise auch eine Meldeliste des Bonner Sammellagers Endenich mit rund 470 Personenangaben.[12] Anhand dieser Quellen konnten in den meisten Fällen die Wohnorte ermittelt werden, in denen die Internierten vor ihrer Einweisung in Ghettohäuser und Sammellager gelebt hatten. Damit lässt sich nun auch die Zwangsmigration der jüdischen Bevölkerung in der Region genauer nachzeichnen: Seit 1933 waren viele Familien und Einzelpersonen angesichts einer aggressiven Enteignungs- und Vertreibungspolitik vom Land in größere Ortschaften oder Städte gezogen, teils um weiteren Diskriminierungen oder auch offener Gewalt zu entgehen, teils, um eine Emigration vorzubereiten. Seit 1941 wiederum wurden viele Juden in Vorbereitung der im Herbst 1941 einsetzenden Deportationen aus dem großstädtischen Zentrum in Sammellager an die Peripherie verbracht.
Eine Auswertung der früheren Wohnorte zeigt, dass etwa die Hälfte der Deportierten über einen längeren Zeitraum in Köln gelebt hatte, die übrigen in Bonn (126 Personen) sowie im Rhein-Sieg-Kreis (206 Personen), dem Kreis Euskirchen (115 Personen), dem Rhein-Erft-Kreis (79 Personen) und dem Oberbergischen Kreis (10 Personen). Bis auf zwölf Personen hatten alle in rund 50 Städten und Gemeinden innerhalb des Stapobezirks Köln gelebt. Die Deportation nach Minsk hatte weit mehr als alle bis dahin erfolgten Verschleppungsaktionen augenscheinlich die Funktion, die weitläufigeren ländlichen Gebiete von der noch verbliebenen jüdischen Bevölkerung zu »räumen«. Die statistische Übersicht erbrachte außerdem die Erkenntnis, dass der Anteil der Deportierten aus dem Rhein-Sieg-Kreis bislang unterschätzt, der Anteil der jüdischen Bürger und Bürgerinnen aus Bonn überschätzt worden war.
Aufgrund der detaillierten Rekonstruktion des Deportationsgeschehens können nun verschiedene Quellen neu bewertet werden. Ein Beispiel dafür sind Fotografien, die bislang noch nicht in den Zusammenhang mit der Deportation nach Minsk gebracht worden sind. Fotografien von dem Ablauf der Deportation aus dem Bereich der Messe oder auch auf Kölner Stadtgebiet sind nicht bekannt. Es gibt aber Fotografien aus Kerpen und Siegburg, die im Sommer 1942 entstanden sind und zeigen, wie die Deportationsopfer aus der Region zum Kölner Sammellager gebracht wurden. Eine dieser Fotografien zeigt, wie am 18. Juli 1942 die letzten 31 noch in Kerpen lebenden Juden aus dem Ghettohaus in der Straße Filzengraben mit einem Viehtransporter weggeschafft werden. Wir wissen nun, dass 25 dieser Männer, Frauen und Kinder zwei Tage später von Köln aus Richtung Minsk deportiert wurden und nicht überlebten. Die sehr seltene, 13-teilige Bilderserie einer Deportation, die aus Siegburg überliefert ist, zeigt ebenfalls die Verschleppung nach Minsk. Die Serie wurde für die Kriegschronik der Stadt Siegburg aufgenommen und dokumentiert die Räumung des Ghettohauses Brandstraße 44 am 18. Juli 1942.
Dank der langjährigen Forschungstätigkeit kann nun erstmals der Quellenwert der »Wittener Liste« und ihrer Reproduktion in dem von Dieter Corbach herausgegebenen Band beurteilt werden. Die Daten erwiesen sich als in einem hohen Maße fehlerhaft. Dies betrifft die Personalien und Wohnorte der Opfer, die in signifikanter Anzahl zu korrigieren waren. Die neu ermittelten Herkunftsorte der Opfer weisen eine wesentlich breitere Streuung im Bereich der Staatspolizeistelle Köln auf als bislang angenommen. Zu ähnlichen Befunden in Bezug auf die Zuverlässigkeit der Angaben in Deportationslisten kamen wir bei einem Forschungsprojekt über die Deportationen aus Köln in das Ghetto Litzmannstadt. Dies unterstreicht, dass die Quellengattung »Deportationsliste« generell so fehlerbehaftet ist, dass jede einzelne einer wissenschaftlichen Aufbereitung bedarf. Dafür ist es notwendig, alle erreichbaren Quellen auszuwerten und für jeden einzelnen Menschen in einem wissenschaftlichen, quellenkritischen Verfahren zusammenzuführen. Neben Quellen in in- und ausländischen Archiven sind es vor allem Quellen aus privater Hand (wie Briefe, Tagebücher, Fotografien), die bislang unbekannte oder unverständliche Zusammenhänge erkennbar werden lassen und damit neue Aufschlüsse über den Verfolgungsprozess geben können. Eine solche Aufgabe kann nur über einen langen Zeitraum in einer Institution geleistet werden, die dauerhaft solche Forschungsanstrengungen zu unternehmen in der Lage ist. Die zeitliche Beschränkung universitärer Forschungsprojekte macht oftmals eine exemplarische Herangehensweise erforderlich; eine über Jahrzehnte fortgesetzte, biografisch angelegte Forschung ist nicht intendiert.
Die Forschungstätigkeit in Gedenkstätten unterscheidet sich in einem weiteren Punkt entscheidend von universitärer Forschung. Während das an Universitäten zusammengetragene Material nach der Publikation von Forschungsergebnissen meist in den Händen der Forschenden verbleibt und irgendwann einmal mehr oder weniger zufällig den Weg in ein Archiv oder einen Müllcontainer findet, betreiben Gedenkstätten eine aktive Sammlungstätigkeit. Alle Detailinformationen und Quellen, die im Zuge unserer Forschungsprojekte zusammengetragen werden, finden Eingang in den Archivbereich (in Form von Datenbanken sowie Archivgut) und werden damit für zukünftige Forschungen bereitgehalten. Darüber hinaus steht das Material – auch dies anders als bei universitären Projekten – unter Berücksichtigung archivrechtlicher Auflagen auch Außenstehenden zur Verfügung. Der Wissenstransfer erfolgt über direkten Kontakt mit Angehörigen, in Form von zum Teil umfassenden Auskünften, die an auswärtige Forschende weitergegeben werden, durch Datentransfers an das Bundesarchiv zur Aktualisierung des Online-Gedenkbuches sowie in Form einer Neuauflage des Gedenkbuchs auf der Internetseite des NS-DOK. Zudem werden die Forschungsergebnisse und Materialien für eigene Publikationen, für die Dauerausstellung, für Sonderausstellungen oder auch Veranstaltungen wie Vorträge oder Stadtführungen genutzt.
In dieser breiten Sammlungstätigkeit und einer nachhaltigen Ergebnissicherung zeigt sich die besondere Stärke von Gedenkstätten wie dem NS-DOK. Als Forschungsstätte und Anlaufstelle für Überlebende und deren Angehörige sowie als Institutionen von langer Dauer können sie auch solche Forschungsaufgaben in Angriff nehmen, die unabhängig von geschichtspolitischen Trends und Förderkonjunkturen sind und die nicht darauf angewiesen sind, spektakuläre Forschungsergebnisse erzielen zu müssen. Nicht selten wird damit erst die Grundlage für neue Forschungsfragen geschaffen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Gedenkstätten personell und finanziell für solche komplexen Aufgaben ausreichend ausgestattet sind.
Dr. Karola Fings, Historikerin, ist seit 2003 stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln.
Nina Matuszewski, wissenschaftliche Dokumentarin, arbeitet seit 2007 im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und leitet den Bereich Dokumentation und Sammlungen.
[1] Vgl. Werner Jung, Ausgebaut – erweitert – erneuert. Erfolgreiche Entwicklung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln in den letzten Jahren, in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 175 (9/2014), S. 21–25.
[2] Vgl. Anja Reuss / Kristin Schneider, Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte Maly Trostenez – Vergessene Orte der »Endlösung« in Deutschland und Belarus, in: Ebd., Nr. 174 (6/2014), S. 19–25. Zum Entwurf siehe ibb-d.de/erinnern/gedenkstaette-trostenez (Zugriff 17. 5. 2016).
[3] Vgl. Alfred Gottwaldt / Diana Schulle, Die »Judendeportationen« aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden 2005, S. 84–97 und S. 230–247.
[4] www.bundesarchiv.de/gedenkbuch (Zugriff 9. 2. 2016); yvng.yadvashem.org (Zugriff 9. 2. 2016).
[5] www.statistik-des-holocaust.de (Zugriff 5. 2. 2016).
[6] Vgl. für Berlin Susanne Willems, Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau, Berlin 2002.
[7] Dieter Corbach: 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945. Köln 1999, S. 171, nennt 1 164 Personen (laut Zählung der SS, vgl. Bundesarchiv R 70/39). Horst Matzerath, Der Weg der Kölner Juden in den Holocaust. Versuch einer Rekonstruktion, in: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Hrsg.), Die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Köln. Gedenkbuch, Köln 1995, S. 530–553, hier S. 540, gibt die Zahl mit »über 1 160 Personen« an.
[8] »Liste der am 20. 7. 1942 von Köln nach Minsk deportierten rheinischen Juden«, Stadtarchiv Witten, Sammlung Wülfrath 1, Signatur 005a und 005b (Altsignatur: 739).
[9] Christiane Hoss wertete im Auftrag des NS-DOK seit 2007 ca. 20 000 Rückerstattungsakten der Oberfinanzdirektion Köln aus.
[10] Gedenkbuch für die in Trostenez ermordeten jüdischen Bürger/innen aus den Städten Köln und Bonn sowie den Städten und Gemeinden aus dem Kreis Euskirchen, dem Oberbergischen Kreis, dem Rhein-Erft-Kreis und dem Rhein-Sieg-Kreis« im Jahresbericht des NS-Dokumentationszentrums 2014, S. 87 ff. (online unter www.museenkoeln.de/Downloads/nsd/EL-DE-Jahresb_2014.pdf, dort S. 45 von 99).
[11] Zu diesem Bestand vgl. Jahresbericht des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln 2012, S. 77f.
[12] Gemeindelisten über jüdische Residenten, Stadtkreis Bonn, 1.2.5.1/ ITS Digital Archive, Bad Arolsen.