Mehr als 10 000 Männer, Frauen und Kinder aus psychiatrischen Kliniken wurden 1940 und 1941 in der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb durch Gas ermordet. Abgeholt wurden sie von Omnibussen der Gekrat, der mit dem unverfänglichen Tarnnamen bezeichneten »Gemeinnützigen Krankentransport GmbH«, die im gesamten Deutschen Reich die Transporte von den Kliniken und Zwischenstationen in die »Euthanasie«-Mordzentren organisierte. Von diesen Omnibussen existieren nur wenige Fotos. Die ursprünglich roten Reichspost-Busse waren der Gekrat überlassen und Anfang 1940 mit einer grauen Tarnlackierung versehen worden. Die Fensterscheiben waren zugestrichen oder mit Gardinen verhängt, so dass viele Menschen auf die durch ihre Städte und Dörfer fahrenden »grauen Busse« aufmerksam wurden und Gerüchte über das Schicksal der Eingesperrten entstanden.
Mindestens 691 Patienten der »Heilanstalt Weißenau« im südwürttembergischen Ravensburg, nicht weit vom Bodensee entfernt, wurden in elf Transporten in den Tod geschickt. Weitere Patienten starben in der Weißenau selbst, wie in vielen anderen psychiatrischen Kliniken, noch nach der offiziellen Einstellung der »Euthanasie«-Aktion. Ihnen wurden gezielt überdosierte Medikamente verabreicht und die Nahrung entzogen.
Sechs Jahrzehnte später beschlossen das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Weißenau und die Stadt Ravensburg, mit einem Mahnmal an die Opfer der »Euthanasie« zu erinnern. Am 27. Januar 2007, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wurde das »Denkmal der grauen Busse« eingeweiht. Gestaltet wurde es von dem Künstler Horst Hoheisel (Kassel) und dem Architekten Andreas Knitz (Berg/Ravensburg). Sie schufen es für jene alte Pforte, durch die die grauen Busse damals die Weißenau zur Fahrt nach Grafeneck verlassen hatten.
»Wir hatten, als wir die Bilder der grauen Busse sahen, uns sehr schnell entschieden, mit diesem Werkzeug der Täter an die Ermordung der Patienten zu erinnern«, schrieben Hoheisel und Knitz. »Für uns waren die grauen Busse das stärkste Zeichen. Sie waren in den Dörfern und Städten bekannt gewesen. Keiner hielt sie auf, obwohl bald viele von den Todesfahrten wussten oder davon ahnten.« Mit dem Entwurf soll nicht nur der Opfer der »Euthanasie«-Aktion gedacht werden; auch Tat und Täter werden durch den Bus reflektiert, das bürokratische Fortschaffen der Patienten in die Tötungsstätten, unter Mitwirkung der Klinikangehörigen. Die Künstler nutzen die grauen Busse gewissermaßen als Transportmittel der Erinnerung.
Tatsächlich besteht das Denkmal aus zwei »grauen Bussen«. Sie sind in Originalgröße und Originalform aus Stahlbeton gegossen, computergesteuert in Form gebracht, skulpturale Repliken der damals verwendeten grauen Busse. Der eine steht dauerhaft an der ehemaligen Pforte des Klinikbereichs, der andere wird über die Jahre hinweg seinen Standort wechseln. Die Pforte in der Nähe des betriebsamen Haupteingangs ist in der gesamten Krankenhausanlage der einzige authentische Ort, der die bauliche Situation der »Euthanasie«-Transporte noch unverändert wiedergibt. Hoheisel und Knitz öffneten das jahrzehntelang verschlossene schmiedeeiserne Tor – jedoch um es dann zu blockieren, indem sie ihren Bus in den Durchgang stellten. Durch einen Mittelgang, der in den Betonkörper geschnitten ist, können Besucher, Patienten und Mitarbeiter der Klinik das Gelände betreten und verlassen. Das Tor, jahrzehntelang ein fast vergessener Ort, wurde durch das Denkmal zu einer Schnittstelle zwischen Klinik und Stadtraum. Der Verkehr in Weißenau läuft auf das Tor mit dem Denkmal zu und knickt unmittelbar davor nach beiden Seiten ab.
Die suggestive Wirkung dieses Kunstwerks erwächst aus seinem Doppelcharakter. Zum einen stellt es eine realistische, maßstabs- und äußerlich detailgetreue Nachbildung des damaligen Fahrzeugtyps dar, Baujahr 1938, mit Türen und Fenstern, mächtiger Motorhaube und altmodisch gewölbtem Dach, und appelliert damit an unser Bildgedächtnis, an einen vielleicht sogar nostalgischen Wiedererkennungs-Reflex. Zum anderen wird die Verfremdung ins Äußerste getrieben: durch die Materialität des grauen Betons, die auch alle Fensterscheiben und Attribute umfasst und den Bus, trotz des eingeschnittenen Mittelgangs, in ein hermetisch verschlossenes Objekt verwandelt, womit auch eine assoziative Anspielung auf die damalige Situation verbunden ist; Verfremdung auch durch die in den Boden eingesunkene Positionierung, die erkennen lässt, dass hier nichts mehr rollt, dass jeglicher Versuch, es zu bewegen oder zu versetzen, einen Kraftakt erfordert; und durch die Aufteilung des Bus-Objektes in Segmente, mit einem dramatisch-symbolhaften Längsschnitt entlang des Mittelgangs, der ein auf einen einzigen, bewegenden Satz konzentriertes Inneres offen legt.
Wie in Eis erstarrt oder unter Asche begraben ist dieses Kunstwerk als Gegenbild zur Mobilität eines Verkehrsmittels angelegt. Dass es trotz seiner statischen Erscheinung die enge Torsituation zu durchbrechen, ja zu sprengen scheint und dass sein Pendant, ein zweites, gleichermaßen betongegossenes, jedoch versetzbares Busobjekt die Botschaft des Denkmals über Land, durch Stadt und Region tragen soll, erscheint als weiteres Paradoxon von Gestalt und Formgebung. Irritationen auf allen Ebenen verknüpfen sich zu einem virtuellen Spannungsfeld. Der Eindruck von Monumentalität entsteht nicht durch kalkulierte Überhöhung, sondern durch Materialität und Positionierung. Unter dem Aspekt der Fernwirkung ist diese Monumentalität stadträumlich wirksam, indem sie Neugier auf einen Fremdkörper weckt, der innere Bilder anklingen lässt, sich dem schnellen Blick jedoch nicht entschlüsselt. In der Nahwirkung wird der Schnitt durch den Bus allein durch die in den Beton eingegossene Frage eines Patienten beherrscht, die dokumentarisch überliefert ist: »Wohin bringt ihr uns?« Betrachter, die den schmalen Gang durchschreiten, können die Angst dieses Menschen nachempfinden und zu ermessen versuchen, was jene Fürsorge-Verweigerung damals bedeutete. Näheres erfahren sie im Außenbereich auf einem Schild, das einem regulären Bushalte-Fahrplan ähnelt, sowie am inneren Ende des Durchgangs durch Text- und Bild-Informationen am historischen Pförtnerhaus.
Um den Prozess der Erinnerung weiter zu öffnen, soll der zweite Denkmals-Bus nach mehreren Monaten jeweils per Tieflader an einen neuen Ort gebracht und dort mit Hilfe eines Krans platziert werden. Der erste Standort liegt an der Stadtgrenze von Ravensburg vor einem Berufsschulzentrum; dort begann die historische Wegstrecke nach Grafeneck. Wesentlich an diesem zweiten Bus ist, dass die Bürger an der Erinnerungsarbeit teilnehmen, denn er wird erst bewegt, nachdem eine Gemeinde, eine Bürgerinitiative oder eine Institution aktiv geworden ist. Der Transport wird durch Spenden oder öffentliche Mittel finanziert. Die beiden Künstler begleiten ihn honorarfrei; der Anstoß zum Standortwechsel muss allerdings von anderer Seite kommen.
Wahrscheinlich macht der Bus auch bald in Berlin Station, am Ort der Planungszentrale für die »T4«-Morde in der Tiergartenstraße 4 neben der Philharmonie. Die Villa des »T4«-Stabes befand sich am Ort der jetzigen Bushaltestelle; ihr Grundriss überschneidet sich mit dem Foyer der Philharmonie. Am Standort der Villa befinden sich zur Zeit ein abstraktes Denkmal von Richard Serra, das – obwohl als »Euthanasie«-Mahnmal dort aufgestellt – meist als Kunst am Bau für die Philharmonie wahrgenommen wird, und eine Bodenplatte mit Widmung, die kaum wahrgenommen wird und der Bedeutung des Themas nicht annähernd gerecht wird. In Berlin hat sich bereits, unterstützt von der Stiftung Topographie des Terrors und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, eine Initiativgruppe gebildet, die den grauen Bus für eine gewisse Zeit hierher holen will, in der Hoffnung, dass dies als Anstoß dienen könnte, über die Zukunft dieses Erinnerungsortes gründlicher nachzudenken als bisher.
Eine besonders gute Erfahrung bei dem Ravensburger Denkmalsprojekt war das sorgsam organisierte, dialogisch angelegte Verfahren, betreut vom Kulturamt Ravensburg mit seinem Leiter Franz Schwarzbauer, koordiniert von der Kulturmanagerin Christina Schwarz. Zuvor hatte es eine schwierige Anfangs-Phase gegeben: Vorbereitungen für einen Wettbewerb in den Jahren 2000 und 2001; dann in der Hoffnung auf breitere Zustimmung die Idee einer »Stolperstein«-Aktion mit Gunter Demnig; diese wiederum nach intensiven Diskussionen als zu unspezifisch für die historische Situation der Weißenau verworfen. 2004 wurde schließlich ein Neuanfang gemacht mit einem Symposion zu unterschiedlichen Formen gegenwärtiger Memorialkunst. Eine Arbeitsgruppe, der zu gleichen Teilen Mitglieder des Stadtrats und Mitarbeiter der Weißenau angehörte, traf die Weichenstellungen für das weitere Vorgehen. Im zwölfköpfigen Entscheidungsgremium des Kunstwettbewerbs waren die Stadt Ravensburg, das ZfP Weißenau und Kunstsachverständige zu jeweils einem Drittel vertreten, außerdem ein Vertreter des Schülerrats. Dieses Gremium traf auch unter etwa 50 von verschiedenen Seiten aus vorgeschlagenen Künstlerinnen und Künstlern die Auswahl der acht Teilnehmer und bemühte sich mit großem Ernst, den Diskussionsprozess, den Mahnmale in der Öffentlichkeit auslösen, so weit wie möglich schon vorab und begleitend zu führen und alle Argumente zu bedenken.
Bemerkenswert war das große Engagement der Klinik. »Die Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg fördern seit Jahren die Beschäftigung mit diesem dunkelsten Kapitel der deutschen Psychiatriegeschichte«, schrieb Wolfgang Rieger, Geschäftsführer der Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie. »Mit ihrer institutionellen Vergangenheit stehen sie in der Verantwortung für die Opfer von damals und für die hilfsbedürftigen Menschen von heute. Diese Verantwortung wahrzunehmen ist daher kein bloßes Beiwerk unserer Arbeit, sondern ein fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen Auftrags.«
Erfreulich, weil nicht selbstverständlich, war zudem der ausdrückliche Wunsch der Klinikvertreter, sich bei der Auswahl der Wettbewerbsteilnehmer auf unkonventionelle künstlerische Formen und Materialien zu konzentrieren. So konnten in den Entwürfen acht spannungsvolle Positionen der zeitgenössischen Kunst zum Ausdruck kommen, die sich auf hohem Niveau mit der speziellen Aufgabe auseinandersetzten. Die Entscheidung für das zunächst verstörend wirkende Projekt von Hoheisel und Knitz wurde von den Klinkvertretern ausdrücklich befürwortet. »Die grauen Busse sind das erschütternde Kernsymbol für die Opfergruppe der psychisch Kranken und Behinderten«, schrieb Paul-Otto Schmidt-Michel, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Psychiatrie Die Weißenau. »Die authentische Wiedergabe dieses Symbols aus der NS-Zeit wird neue und junge Betrachter finden – ein Gewinn für die politische Kultur der Gegenwart und für das historische Bewusstsein der kommenden Generation.«
100 000 Euro standen für die Ausführung zur Verfügung. Die Juryempfehlung vom Januar 2006 wurde vom Gemeinderat Ravensburg und vom für Weißenau zuständigen Ortschaftsrat Eschach befürwortet. Die Einweihung zum Gedenktag 2007 im Festsaal des Klosters Weißenau mit einer Aufführung des »Berliner Requiems« von Kurt Weill und Bertold Brecht und dem anschließenden Gang zum neuen Mahnmal war eine eindrucksvolle Veranstaltung mit etwa 400 Teilnehmern.
Die Erinnerungskunst-Projekte von Horst Hoheisel und Andreas Knitz sind schon seit geraumer Zeit auch international bekannt. Hoheisel schuf 1985 mit der Negativ-Rekonstruktion des Aschrottbrunnens in Kassel eines der ersten jener viel diskutierten »Gegen-Denkmäler« (»Counter Monuments«, so der von James E. Young geprägte Begriff). Von beiden gemeinsam stammt das »Denkmal an ein Denkmal« (KZ-Gedenkstäte Buchenwald 1995) und das Projekt der »Zermahlenen Geschichte« (Weimar 1997–2002). Mit den »grauen Bussen« für Ravensburg-Weißenau haben sie ein Kunstwerk geschaffen, das viel Potential für die Erinnerungskultur birgt. In den Kontext der zahlreichen Denkmäler und Denkzeichen, die an den nationalsozialistischen Terror erinnern, bringt es ein eindringliches Motiv ein, das für das Thema »Euthanasie« stehen könnte.
Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Kunstpublizistin und war Vorsitzende der Jury im Mahnmalswettbewerb Ravensburg-Weißenau.
Andreas Schmauder, Paul-Otto Schmidt-Michel, Franz Schwarzbauer (Hrsg.):
Erinnern und Gedenken.
Das Mahnmal Weißenau und die Erinnerungskultur in Ravensburg
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007
(mit Beiträgen zum Wettbewerb und zu den Künstlern, zur Klinik Weißenau, zu Grafeneck und zur Psychiatrie im Nationalsozialismus).
Siehe auch: www.dasdenkmaldergrauenbusse.de