Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es ein ganzes Netz historischer Orte und Erinnerungszeichen, welches durch die Arbeit des Politische Memoriale e.V. M-V mit vielen Partnern und im Auftrag des Landes nicht nur sichtbar gemacht wird, sondern dessen gesellschaftliche Wahrnehmung durch verschiedene regionale Initiativen und Strukturen und eine begleitende politische Bildung angeregt und unterstützt wird. So kann anschaulicher vermittelt und verinnerlicht werden, dass Geschichte in der eigenen Umgebung und der eigenen Familie beginnt und nicht nur mit vermeintlich entfernten Orten wie Buchenwald, Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Dachau oder Auschwitz zu tun hat und dass Geschichte auch vor Ort erlebt d.h., nicht nur verstanden, sondern auch empfunden werden kann.
So kommt es im Dezember 2001, initiiert durch den Politische Memoriale e.V. Mecklenburg-Vorpommern, zur Gründung des Förderkreises Cap-Arcona-Gedenken, dem der Landrat des Landkreises Nordwestmecklenburg seit dem vorsteht. Im Förderkreis werden Orte des Gedenkens an die Opfer der Cap-Arcona-Katastrophe in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zusammengeführt und die regionale Erinnerungsarbeit, Bildungsprojekte, Ausstellungen und thematische Forschungsarbeiten sowie Gedenkveranstaltungen gemeinsam entwickelt und koordiniert. Dabei wird der Förderkreis von Anfang an vom Politische Memoriale e.V. Mecklenburg-Vorpommern beraten und unterstützt.
Der 60. Jahrestag des Endes der NS-Diktatur stellt im Jahre 2005 einen Höhepunkt des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens dar. Die Generation der Überlebenden und die Überlebenden selbst, stehen immer seltener zur Verfügung, die Zeit zu bezeugen. Sie beauftragen uns Nachgeborene, die Opfer und die historischen Zusammenhänge nicht zu vergessen. Landesrabbiner Dr. William Wolff sagt auf einer Gedenkveranstaltung in Schwerin: »Vergessen ist die letzte Grausamkeit, die wir den Opfern antun können!« Und wir wissen, ohne die Erinnerung kann es auch keine friedliche und demokratische Zukunft geben.
Am 3. Mai 1945 sterben beim Untergang der KZ-Häftlingsschiffe Cap Arcona und Thielbek in der Lübecker Bucht – wenige Stunden vor Ende des Zweiten Weltkrieges – etwa 7 000 KZ-Häftlinge aus allen Teilen Europas. Entlang der Lübecker Bucht finden die angespülten sterblichen Überreste der Häftlinge ihre Ruhestätten in Schleswig-Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern.
Nahe dem mecklenburgischen Gutsdorf Groß Schwansee, werden zuerst ein Massengrab und eine Gedenkstätte für 407 Opfer errichtet und mit einem schlichten Birkenkreuz gekennzeichnet. Mitte der 50er Jahre wird dieses Massengrab in die Kreisstadt Grevesmühlen verlegt und dort am Tannenberg 1957 eine zentrale Gedenkstätte eingeweiht. In Groß Schwansee verschwinden somit für Jahrzehnte alle Zeichen der Erinnerung an diese Katastrophe und ihre Opfer. Bei der Beurteilung der Gründe für die Verlagerung des Massengrabes besteht noch weiterer Recherchebedarf. Sicher aber ist, dass die unmittelbare Grenznähe und Planungen für das spätere Grenzregime der DDR die Hauptmotive sind.
Im Einvernehmen mit der Gemeinde und mit Unterstützung der Kreisverwaltung wird dieser Ort des verlorenen Gedenkens am 3. Mai 2006 wieder markiert, auch deshalb, weil eine Zählung der Grablagen ergibt, dass für etwa 3000 Opfer keine Grabstätte vorhanden ist. So ist dies auch ein Gedenkort für die auf See gebliebenen Opfer.
Groß Schwansee als Gedenkort beinhaltet noch weitere thematische und praktische Anknüpfungspunkte. Dieses ehemalige Grenzgebiet wird nun immer mehr erschlossen und eine touristische Infrastruktur geschaffen. Das ehemalige Schloss Groß Schwansee ist ein Hotel und entwickelt sich zu einem kulturellen Zentrum. Der ehemalige Kolonnenweg ist Teil eines internationalen Radwanderweges, Reiterferien sind dort möglich und natürlich Erholung am Ostseestrand. Mit diesem Gedenkort werden die Besucher auf die Geschichte dieses Ortes und der Region aufmerksam gemacht und erhalten Hinweise, wo sie mehr darüber erfahren können, wenn sie es denn wollen.
Aus dem Taufspruch der Cap Arcona: »Mögest Du zur Ehre des geliebten deutschen Vaterlandes und zur Freude Deiner Gesellschaft die Meere durchfurchen und ein weiteres Bindeglied zwischen der alten und der neuen Welt sein.« Am 14. Mai 1927 läuft der Doppelschraubendampfer »Cap Arcona« in der Hamburger Werft Blohm & Voss vom Stapel. Es ist ein Luxusschiff: An Bord befinden sich Tennisplatz, Schwimmbad und Luxuswohnungen aus Mahagoni, Zeder und Palisander. Ein säulenfreier Speisesaal kann 450 Personen beherbergen. Über achtzig Köche verarbeiten etwa 25 000 Hühnereier pro Reise. Wo immer in der Welt die Cap Arcona vor Anker geht: Sie wird zur Attraktion. Die Reederei Hamburg-Süd schickt ihr Flagschiff im Liniendienst von Hamburg nach Südamerika. Fünfzehn Tage dauert die Überfahrt durch den Südatlantik nach Buenos Aires. Etwa 1 200 Passagiere finden hier Platz. Es sind gutbetuchte Weltreisende auf der Suche nach Zerstreuung oder Auswanderer auf ihrem Weg in die neue Welt. Bis 1939 fährt die Cap Arcona über neunzig Mal mit unbeschwertem Luxus über die Weltmeere.
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges endet die Traumwelt an Bord der Cap Arcona. Die Nationalsozialisten haben andere Pläne für die »Königin des Südatlantiks«.
Mit einem grauen Tarnanstrich versehen dient die Cap Arcona ab 1940 in Gotenhafen als Wohnschiff der Kriegsmarine. Erst zum Ende des Krieges kommt die Cap Arcona noch einmal zum Einsatz: Als Flüchtlingstransporter pendelt das Schiff drei Mal unbeschadet über die Ostsee nach Westen. Auf jeder Fahrt sind bis zu 9 000 Menschen an Bord. Danach liegt sie abgewirtschaftet und manövrierunfähig in der Lübecker Bucht vor Neustadt/Holstein auf Reede.
Im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg bereitet die SS unterdessen die Räumung vor. Niemand soll den herannahenden Alliierten als Zeuge von den Verbrechen der SS berichten können. Doch für lange Fußmärsche in andere Konzentrationslager ist es längst zu spät. Ab dem 20. April 1945 schafft die SS-Lagerführung die in Neuengamme verbliebenen 9 000 Häftlinge nach Lübeck. Dort werden neben der Cap Arcona die Frachter Thielbek und Athen beschlagnahmt und als KZ-Schiffe genutzt. Unter unbeschreiblichen Zuständen befinden sich am Morgen des 3. Mai 1945 etwa 10 000 Menschen auf den KZ-Schiffen in der Lübecker Bucht. Trotz Hunger, Krankheit und Tod an Bord hoffen die Häftlinge am Morgen dieses Tages auf das Ende des Krieges und die nahende Befreiung.
Was wir heute wissen: Am 3. Mai 1945 fliegt der britische Staffelkapitän M.T. Rumbold gegen 16.00 Uhr GMT mit seiner 263. Squadron die zweite Angriffswelle gegen das Passagierschiff Deutschland in der Neustädter Bucht, nachdem vier Stunden zuvor das 184. Squadron diesen mutmaßlichen Truppentransporter angegriffen hat. Das 197. Squadron führt dann gegen 16.08 Uhr GMT die endgültige Versenkung der Deutschland durch. Auf diesem Schiff befinden sich keine KZ-Häftlinge und die Rumpfbesatzung von 80 Personen ging bereits nach der ersten Angriffswelle von Bord.
In diesem Einsatzgebiet liegen – nur wenige Seemeilen entfernt – die schwimmenden KZ-Frachter Thielbek und Athen und das KZ-Passagierschiff Cap Arcona ungekennzeichnet auf Reede. Die Cap Arcona und die Thielbek sind gegen 15.00 Uhr GMT durch das 198. Squadron, geführt von J. Baldwin, vernichtend getroffen. Während die Thielbek nach 15 Minuten sinkt, dauert der Todeskampf auf der Cap Arcona wesentlich länger.
Der Staffelkapitän J. Baldwin (seit dem Koreakrieg vermisst), fliegt mit seinen Fliegerkameraden den Angriff auf die mutmaßlichen Truppentransporter Thielbek und Cap Arcona, ohne vorher eine vollständige und tatsachenorientierte Lagebeurteilung durch seine zuständige Dienststelle erhalten zu haben.
Hier erweist es sich als fatal, dass die am 2. Mai 1945 rechtzeitig durch das Internationale Rote Kreuz den Alliierten übermittelte Erkenntnis, dass ca. 8 000 KZ-Häftlinge durch die SS auf Schiffe in die Neustädter Bucht gebracht wurden und somit bei einem Angriff auf Ziele in dem genannten Seegebiet gefährdet sein würden, bei der zuständigen Stelle der Royal Air Force hängen bleibt.
Laut Forschungsstand ist die Weitergabe der heute so bedeutend erscheinenden Nachricht des Roten Kreuzes eventuell auf Abstimmungsschwierigkeiten zwischen der »2. Tactical Air Force« auf britischer Seite und der »9. Air Force« auf amerikanischer Seite zurückzuführen. Nach neueren Erkenntnissen und Rechercheergebnissen ist bekannt, dass auf der Thielbek etwa 2 800 Menschen und auf der Cap Arcona mindestens 5 000 Menschen waren. Nur rund 50 Menschen von der Thielbek und etwa 450 Menschen der Cap Arcona gelang es irgendwie dem Inferno lebend zu entkommen.
Viele Widersprüche bzw. widersprüchliche Berichte und Wertungen führen dennoch immer wieder zu Mythen um die Versenkung dieser Schiffe.
Am Abend des 3. Mai 1945 ist der Zweite Weltkrieg entlang der Lübecker Bucht zu Ende. Für die 7 000 Toten der untergegangenen KZ-Häftlingsschiffe »Cap Arcona« und »Thielbek« kommt das Kriegsende nur um Stunden zu spät.
Das Dorf Groß Schwansee ist Ende Juni 1945 noch von britischen Truppen besetzt. Im Gemeindebüro kommt die Nachricht von einem Polizeioberwachtmeister an, wonach unmittelbar hinter dem Dorf Leichen an Land getrieben worden sind. Ihre Kleidung besteht aus einer gestreiften Jacke und einer braunen Hose, an deren rechter Seite ein etwa 3 cm breiter Streifen mit einem Buchstaben und einer Nummer erkennbar ist. Unter der Nummer befindet sich ein farbiges Dreieck. Eine Nummer ist ebenfalls auf den linken Unterarm tätowiert, teilweise sogar eingebrannt, desgleichen im Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Täglich schwemmen neue und mehr Leichen an. Waren es zunächst fünf bis zehn, so sind es jetzt schon über sechzig. Bei den Leichen handelt es sich durchweg um Männer, die durchschnittlich 20 bis 40 Jahre alt gewesen sein können. Teilweise lassen sich Schusswunden bei ihnen erkennen. Auffallend groß ist die Anzahl derer, bei denen sich unter der Nummer auf der Kleidung gelbe und rote Winkel befinden. Die Buchstaben an den Ärmelstreifen lassen erkennen, dass Holländer, Belgier, Russen, Rumänen, Polen, Dänen, Franzosen und Deutsche als KZ-Häftlinge hier den Tod gefunden haben. Während des gesamten Sommers 1945 werden weitere Leichen und Leichenteile an die Strände der Lübecker Bucht in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gespült.
Die Identifizierung wird immer schwieriger. Die Besatzungsmächte der britischen und sowjetischen Zone verfügen aus Angst vor Seuchen die sofortige Beerdigung der Opfer. Dreißig Meter von der Küste entfernt werden sie in einem riesigen dreigeteilten Massengrab bestattet.
So entstand hier, nahe dem mecklenburgischen Gutsdorf Groß Schwansee, als erstes ein Massengrab für insgesamt 407 Opfer. Inzwischen sind Monate vergangen. Die neue Bürgermeisterin erstattete unverzüglich einen Bericht an das Landratsamt Schönberg und den Landesvorstand der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). Doch erst Mitte 1947 verspricht das Landratsamt auf weiteres Drängen des Kreisausschusses der OdF (Opfer des Faschismus), dass demnächst eine Kommission vor Ort die notwendigen Entscheidungen zur Errichtung eines würdigen Ehrenmales bzw. einer Grabstätte treffen wird. Es tut sich immer noch nichts. Erst im März 1948 bewirkt das Kreissekretariat der VVN, dass nun eine Regierungskommission gebildet wird, in der ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft, des Landesgesundheitsamtes, des Landeskriminalamtes, des Landesvorstandes der VVN und des Landratsamtes Schönberg vertreten sind, die am 20. August 1948 zum Massengrab bei Groß Schwansee kommen.
Bis Sonntag, den 12. September 1948 sind die drei Massengräber zu einer Gedenkstätte gestaltet. Am Gedenkort Groß Schwansee findet unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eine würdige Gedenkveranstaltung statt.
Kränze über Kränze werden herangetragen. Nach dem Schulkinder aus Groß Schwansee gesungen hatten, übergibt der Landrat Schreiber aus Schönberg die Gedenkstätte der Gemeinde. Ein Minister aus Schwerin, Alfred Starosson (SPD), legt namens der Hunderten von Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Gelöbnis ab, »… allzeit in Liebe und Hochachtung der Kämpfer zu gedenken, die ihr Leben für die Freiheit und für ein neues, besseres Deutschland gaben.« Danach sprechen der FDJ-Jugendleiter Rossow aus Schönberg, Major Tischenkow von der Kreiskommandantur und der Landtagsabgeordnete Koch aus Schönberg für das Präsidium des Mecklenburgischen Landtages. (Landes-Zeitung, Nr. 214 v. 19. 9.1948)
In den darauf folgenden Jahren wurde immer am zweiten Sonntag im September, dem »Tag der Opfer des Faschismus« am Gedenkort bei Groß Schwansee auch den Opfern einer der größten Schiffskatastrophen der Menschheit gedacht.
Zunehmend gibt es aber auch immer wieder Debatten um den Verbleib des Denkmals. Zunächst heißt es, der Wind weht immer wieder Sand von den Dünen auf die Gedenkstätte, außerdem liegt sie so weit ab vom Dorf. Es könnte eine Umbettung an einen neuen Ort am unmittelbaren Dorfrand vorgenommen werden. Es sind auch andere Stimmen zu hören: Das wäre wegen Seuchengefahr in Dorfnähe nicht zu verantworten.
Eigentlich sollte die Gedenkstätte bei Groß Schwansee ein größeres Ehrenmal erhalten und mit einer niedrigen Mauer umgeben werden, erinnerte sich eine Frau aus dem Nachbarort Kalkhorst an diese Diskussionen. Eine Kommission beim Kreis wird gebildet, die festlegt: Im Gebiet der Kreisstadt Grevesmühlen ist ein würdiges Ehrenmal zu schaffen. Künstler werden aufgefordert, Pläne dafür zu entwerfen und der Kommission zur Prüfung vorzulegen. Der Bildhauer Rolf Lange aus Schwerin kann sich freuen, einer seiner beiden eingereichten Entwürfe wurde von der Kommission ausgewählt.
In den Jahren 1954/55 vollzieht sich der Bau der Gedenkstätte auf dem Tannenberg, einem der schönsten Orte in der Kreisstadt. Bildhauer Rolf Lange hat über vier Monate mit sechs Hilfskräften daran gearbeitet. Das Gestein, Löbejüner Porphyr, wird aus dem Bezirk Halle herangeschafft. Die Kosten von 50 000 DDR-Mark trägt der Rat der Stadt.
Mitte April 2005 besichtigen Mitglieder einer vom Verein Politische Memoriale e.V. Mecklenburg-Vorpommern gebildeten Arbeitsgruppe zur neuen Markierung des Gedenkortes die vermutete Region bei Groß Schwansee. Die neu erstellten digitalen Fotos werden mit den historischen Aufnahmen und alten Flurkarten verglichen. Die Natur hat in fast fünfzig Jahren dort am Strand bei Groß Schwansee hinter den Dünen viel verändert. Doch nach den Bodendenkmalpflegern und Denkmalschützern des Kreises hat auch ein Zeitzeuge, der sowohl den Beschuss und Untergang der Schiffe, als auch die Errichtung des ersten Mahnmals und die Umbettung miterlebt hatte, aus seiner Erinnerung den Standort bestätigen können.
Am 3. Mai 2006 wird dieser Ort des verlorenen Gedenkens wieder ein Gedenkort. In einem Grußwort zu Beginn der Gedenkveranstaltung würdigt Ministerpräsident Dr. Harald Ringsdorff diese Initiative. Vor über dreihundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Überlebende, ehemalige Kameraden und Angehörige der Opfer aus verschiedenen europäischen Ländern sowie vielen Jugendlichen aus der Region und Gäste aus Neustadt in Holstein erinnern der Belgier Victor Malbecq, Vizepräsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme und Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ Gedenkstätte Neuengamme, an die Ereignisse vor 61 Jahren. Victor Malbecq dankt in bewegenden Worten den Initiatoren im Namen seiner toten Kameraden, der Überlebenden und aller ihrer Angehörigen für diese »große Geste«, wie er es nennt. Landrat Erhard Bräunig ruft dazu auf, die Erinnerung wach zu halten, denn ohne Erinnern gibt es keine Zukunft, sagte er mit Blick auf den ebenfalls anwesenden Landesrabbiner Dr. William Wolff.
Auf einer Metallstele ist ein Erläuterungstext in deutscher und englischer Sprache und mit weiteren Hinweisen zu sehen. In diesem Text sind die Worte des Rabbiners über das Vergessen zu lesen. Durch eine Öffnung in der Stele hat man einen Blick auf das historische Foto von der Gedenkveranstaltung vom September 1949 an genau diesem Ort.
Ein einsames und schlichtes Birkenkreuz mit einer Erläuterungstafel am Rande eines inzwischen internationalen Radwanderweges, eine Informationsstele aus Metall mit Sicht auf ein historisches Foto hinter den Dünen am Strand nahe dem mecklenburgischen Dorf Groß Schwansee an der Lübecker Bucht. So beschreibt sich nüchtern betrachtet dieser Gedenkort. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der oben beschriebenen Gedenkveranstaltung haben die Geschichte dieses Ortes nicht nur verstanden, wie Victor Malbecq es sagte, sie haben an diesem Ort auch empfunden. Dieser geschleifte Ort, die verwehten Spuren der Erinnerung sind nun wieder sichtbar.
Bis hierher ist es ein langer Weg. Neben den weiteren historischen Recherchen zum Mythos und zur Wirklichkeit der Cap-Arcona-Katastrophe und ihren regionalen Bezügen, geht es zunächst um
1 eine Willensbildung und -entwicklung, dort wieder einen Gedenkort zu gestalten,
2 die Spurensuche, Orts- und Zeitzeugenfindung,
3 die Gestaltung des Ortes und Finanzierung,
4 die Planung, Organisation und Sicherung des Ablaufes der Gedenkveranstaltung.
Dabei sind verschiedene politische und verwaltungspolitische, fachliche, kulturelle und logistische Partner einzubeziehen, wie u.a. Gemeindevertretung, Bürgermeister, Kreisverwaltung, Kultusministerium, Staatskanzlei, verschiedene Ämter, Denkmalschutzbehörde und Bodendenkmalpflege, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Häftlingsorganisationen, Museen in Grevesmühlen und Neustadt/Holstein, Landesvorstand der jüdischen Gemeinden, Schulen in der Region, Busbetriebe, Feuerwehr, medizinischer Dienst, Musikschule sowie Heimat- und Regionalvereine.
Die Initiatoren und Veranstalter werden von über 30 verschiedenen Mitstreiterinnen und Mitstreitern unterstützt, von denen die überwiegende Mehrzahl, vor allem durch ihre aktive Einbeziehung und Mitwirkung, auch in Zukunft bewährte und neue Partner in der regionalen Erinnerungsarbeit sein werden.
Wer nach Groß Schwansee kommt und den Gedenkort aufsuchen möchte, findet ihn. Es gibt Wegweiser. Die Gemeinde und der Bürgermeister persönlich fühlen sich verantwortlich für diesen Ort, der Beachtung und Befürwortung bei den Einheimischen und den Touristen findet. Es gibt kaum Radwanderer, die nicht interessiert innehalten, wenn sie dort vorbeikommen. Angesprochen auf ihre Eindrücke und Gedanken gestehen etliche zwar entfernt von diesen Geschichten gehört zu haben, vor allem die Älteren von Ihnen, aber dennoch relativ wenig darüber zu wissen. Sie sind dankbar für die Informationen und begrüßen, häufig mit emotionalem Nachdruck, dass so etwas gegen das Vergessen der Geschichte und der Opfer getan wird.
Eine große Bereicherung ist es, wenn sich Zeitzeugen finden, die sowohl die Geschichte als auch den Umgang mit den Gedenkorten seit 1945 verfolgt haben. Ein solches Beispiel ist der Zeitzeuge Klaus, der seinen Nachnamen nicht genannt haben möchte. Er hat immer in dieser Region gelebt, bis heute. Seine Geschichten geben der Aufarbeitung der Geschichte eine sehr persönliche und damit eine emotionale Seite.
Klaus hat den Angriff auf die Schiffe in der Lübecker Bucht als 14-jähriger miterlebt. Er ist vom Inspektor des Guts Groß Schwansee zusammen mit dem serbischen Zwangsarbeiter Pawlicz zum Feldsteine sammeln eingeteilt. Kurz nach dem Mittagessen am 3. Mai ruhen sich die beiden bei einer Düne aus und schauen auf die Ostsee. Klaus schildert, wie sie Motorengeräusch vernehmen und vier Flieger auf die großen Schiffe in der Bucht zusteuern sehen. »Das sind die Tommies« meint Pawlicz und beide beobachteten, wie die Schiffe beschossen wurden.
In den Erinnerungen von Klaus beginnt ein Schiff, es war die Thielbek, sofort zu sinken. Auf der grau angestrichenen Cap Arcona waren Explosionen zu hören. Dieses Schiff brennt nun auf seiner ganzen Länge. Es fliegen weitere Jagdbomber auf die Deutschland zu, die umgehend kentert. Klaus hat aufgehört die Flieger zu zählen. Er meint Schreie zu hören. Nun merkte er, dass Pawlicz schon weggerannt ist. Als er auch wegrennen will, stolperte er über drei andere Beobachter. Sie sind aus seinem Dorf. Hinter einzelnen Sträuchern sieht er weitere Menschen. Er läuft voller Angst nach Hause und nicht zum Gut zurück.
Ende Juni 1945 sind noch die Briten Besatzungsmacht in dieser Region. Klaus geht immer noch täglich zur Arbeit zum Gut. Auch der Serbe Pawlicz ist noch da. Er wisse noch nicht, ob er in seine Heimat zurückkehre. Er ist immer noch Gutsarbeiter, nun aber ohne Zwang und der Verwalter, der auch noch geblieben ist, war ja immer gut zu ihm. Klaus und Pawlicz mussten mithelfen, die Leichen am Strand zu bergen und zu den Massengräbern zu bringen. Die Sommerhitze war schwer zu ertragen. Der Anblick der Leichen verursachte immer wieder ein Würgen im Hals. Vor allem aber den Geruch wird Klaus sein Leben lang nicht verdrängen können. Jetzt soll die tägliche Flasche Schnaps helfen, wie sie jeder für diese Arbeit bekommt.
Zu der Gedenkveranstaltung im September 1948 an den drei gestalteten Massengräbern hat Klaus ein frisches Hemd angezogen. Der Serbe Pawlicz ist nicht mehr da. Es heißt, er sei mit den ehemaligen Herrschaften ins Niedersächsische gegangen. Klaus wird von Pawlicz nie mehr hören. Klaus erinnert sich nicht mehr an die Gedenkreden. Ihm ist das schlichte Birkenkreuz in Erinnerung und der Gedanke: Hoffentlich wird das im Winter nicht von irgendwelchen Pietätlosen gebraucht. Die Bilder von den angeschwemmten Menschenteilen kommen ihm wieder in den Sinn, die offenen Massengräber, dieser Geruch!
Um sich abzulenken, betrachtet er die Menschen, die hier mit ihm stehen. Er sieht auch einige Gleichaltrige aus Boltenhagen, die er von der Arbeit auf den Feldern im Klützer Winkel kennt und vom Tanz im Lokal »Waterkant«.
Günter aus Redewisch hat ihm erzählt, dass auch am Strand von Boltenhagen Leichen und Leichenteile angeschwemmt werden. Die Erwachsenen versuchen die Kinder vom Ufer fernzuhalten, was natürlich nicht immer gelingt. Günter erinnert sich an die Reden der Erwachsenen und erzählte Klaus, dass seine Nachbarin leise schimpfte: »Diese KZler sind ja wohl nicht ohne Grund eingesperrt gewesen!« Und Günters Tante nickte wortlos. Nur wenige sprachen und wenn, dann nur offiziell, von Opfern.
Eine große Tafel wurde aufgestellt. Sie trägt den Text: »Ehre den Kämpfern, die um der Freiheit willen litten. Hier ruhen unbekannte KZ-Häftlinge verschiedener Nationen des KZ-Lagers Neuengamme. Sie wurden Opfer der Cap-Arcona-Katastrophe am 3. Mai 1945«.
Es ist ein nasskalter Apriltag im Jahre 2005. Nach einer Spurensuche am Ostseestrand besuchen wir Klaus zu Hause. Er ist inzwischen 74 Jahre alt geworden. An der Zimmerwand in der Ecke über der alten Singernähmaschine, auf der eine weiße gehäkelte Decke liegt, hängt ein Bild von einem Haus mit einem kleinen Garten. »Dieses Haus gibt es nicht mehr.« sagt Klaus, »Wir mussten es räumen, wegen der Grenze.« »Zum Glück konnten wir in der Gegend bleiben und dieses Haus hier mieten. Andere mussten wegziehen oder gingen noch schnell in den Westen. Es war Kalter Krieg und an der Grenze wurde es schärfer.« So wurden Bauerngehöfte und ganze Dörfer und eben auch Gedenkstätten zu »geschleiften Orten« deren Spuren verwehten.
Wir schauen uns unsere gerade mitgebrachten digitalen Fotos an und vergleichen sie mit den historischen Aufnahmen und alten Flurkarten. Die Natur hat in fast fünfzig Jahren dort am Strand bei Groß Schwansee hinter den Dünen viel verändert. Doch auch Klaus konnte aus seiner Erinnerung und dem ständigen Leben in diesem Gebiet bestätigen: »Ja, das ist die Stelle, an der die Gedenkstätte war.«
Zu der Veranstaltung im Mai 2007 wäre Klaus auch ohne Einladung gekommen. Wieder hat er ein frisches Hemd an und »mischt sich unter die vielen Leute«. »Du,« sagt er, »das ist ein sehr schöner Tag und weißt Du, ich habe diesen Geruch von damals nicht mehr in der Nase. Ich rieche hier jetzt auch den Frühling!«
Am 3. Mai 2007 gab es an der Cap-Arcona-Gedenkstätte in Neustadt in Holstein eine Gedenkveranstaltung, auf der dort zwei neue Informationsstelen mit Blick auf jeweils ein historisches Foto nach dem Beispiel von Groß Schwansee übergeben wurden. Anschließend fand eine Gedenkfahrt mit Hilfe der Bundesmarine zur Untergangsstelle der Cap Arcona statt.
In der Arbeit und Präsentationen des Förderkreises Cap-Arcona-Gedenken ist Groß Schwansee als Gedenkort nun integriert, ebenso bei Gedenkstättenexkursionen und z.B. vom Verein Politische Memoriale e.V. M-V konzipierten und veranstalteten seminaristischen Rundreisen durch Mecklenburg-Vorpommern unter dem Titel »Ein Land und seine Erinnerungszeichen«.
Die Einweihung der Cap-Arcona-Gedenkstätte in Grevesmühlen auf dem Tannenberg, nach der Umbettung der zunächst in Groß Schwansee beigesetzten Opfer, ist 2007 nun 50 Jahre her. Aus diesem Anlass und in Erinnerung, Würdigung und Mahnung, haben über achtzig Menschen verschiedener Generationen mit dem Fahrrad im Rahmen der 1. Cap-Arcona-Gedenktour am 5. Mai 2007 eine symbolische Brücke zwischen Grevesmühlen und Groß Schwansee geschlagen. Diese Tour wird nun zu einer traditionellen Gedenkveranstaltung werden, die im offiziellen Kalender des Radsportverbandes aufgenommen wurde und an der alle Interessierten teilnehmen können.
Dieses Beispiel soll zeigen, wie sich engagierte Bürgerinnen und Bürger, Initiativen, Gemeinden und Vereine in einer Region dem individuellen – und aus bekannten Gründen zunehmend dem kulturellen Erinnern – verpflichtet fühlen. Es geht in diesem Förderkreis, neben der historischen Forschung, um das Gedenken an die Geschehnisse und die Opfer der Cap-Arcona-Katastrophe, vor allem auch darum, zeitgemäße Formen, Methoden und Medien in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen und Traditionelles zu bewahren. Dabei werden auch ehemalige und aktuelle Grenzen überwunden.
Hugo Rübesamen, Diplompädagoge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Politische Memoriale e.V. Mecklenburg-Vorpommern. Er ist Mitbegründer und Berater des Förderkreises Cap-Arcona-Gedenken.
Literatur- und Quellenhinweise