Geschlechterspezifische Aspekte in der Gedenkstättenpädagogik

08/2004Gedenkstättenrundbrief 120, S. 14-21
Pia Frohwein und Leonie Wagner

In der politischen Bildung ist in den vergangen Jahren durchgängig davon ausgegangen worden, dass an den Alltagserfahrungen der Jugendlichen angeknüpft werden muss, wenn sinnvolle und nachhaltige Lernprozesse erreicht werden sollen. Gleichzeitig wird in vielen Theorien und Konzepten zum (historisch-)politischen Lernen die Notwendigkeit eines aktuellen und personellen Bezugs betont.1

Alltagsrelevante Erfahrungen von Jugendlichen sind insbesondere in der Adoleszenz von einer intensiven Auseinandersetzung mit Geschlechterkonzepten geprägt. Nimmt man die Erkenntnisse der (politischen) Jugend- und Erwachsenenbildung zum Ausgangspunkt, ist hier nachgewiesen worden, dass sowohl hinsichtlich thematischer Angebote als insbesondere bezogen auf gruppendynamische Prozesse koedukative Verfahren nicht in jedem Fall für beide Geschlechter lernfördernd sind. Gerade in sensiblen Bereichen mit hohen emotionalen Anteilen kann eine zeitweise geschlechterspezifische Trennung von Gruppen, geschlechterreflektierte Methoden oder auch spezifische Angebote für Mädchen/Frauen bzw. Jungen/Männer sinnvoll sein.2

Ohne hier im einzelnen auf diese Ergebnisse eingehen zu können, sei doch zusammengefasst darauf hingewiesen, dass weitgehend übereinstimmend von folgenden Differenzen und Spezifika ausgegangen wird:

• Vorstellungen von »weiblicher» und »männlicher« Geschichte bzw. von Politik und privatem (Interessenebene)

• thematische Interessen (ausgehend von persönlichem Bezug).n Umgangsweisen und Rezeptionsverhalten (z.B. technische Detailfragen bei Jungen)

• Kommunikationsverhalten (im Plenum wie in Arbeitsgruppen)

• Methodenpräferenz und -akzeptanz

• Selbstdarstellung der männlichen und weiblichen Teilnehmenden im Seminar sowie bei der Orientierung im Raum und bei den Sitzordnungen

• Bedeutung des Geschlechts der TeamerInnen (u.a. unterschiedliche Förderung von Mädchen und Jungen, Unterschiede in der Selbstdarstellung, Hierarchiebildung in gemischten Teams).

Daraus resultieren verschiedene Forderungen an eine geschlechtersensible Bildungsarbeit, in denen vor allem folgende Voraussetzungen formuliert wurden:

• Bewusstmachung geschlechterspezifischer Verhaltensweisen

• Hinterfragung von geschlechterspezifischen Leitbildern (auch bei den TeamerInnen).

Während in der (politischen) Jugend- und Erwachsenenbildung seit einigen Jahren geschlechterdifferenzierte Ansätze der pädagogischen Arbeit diskutiert, erarbeitet und erprobt wurden, steht eine Auseinandersetzung mit solchen Konzepten in der Gedenkstättenpädagogik noch aus. So liegen zwar inzwischen verschiedene historische Untersuchungen zu Frauen als Täterinnen und Opfer in Konzentrationslagern sowie über geschlechtsspezifische Symbolisierungen in Deutungs- und Wahrnehmungsmustern und in Gedenkstättengestaltungen vor3, die pädagogische Seite der Gedenkstättenarbeit erscheint hingegen noch weitgehend geschlechtsblind.

Diese Überlegungen zum Ausgangspunkt nehmend, haben Pia Frohwein (Pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Buchenwald), Christa Schikorra (FU Berlin) und Leonie Wagner (FH Erfurt) anlässlich des 38. Bundesweiten Gedenkstättenseminars im Mai 2002 einen Workshop zu geschlechterspezifischen Ansätzen in der Gedenkstättenpädagogik angeboten. Ein Ergebnis dieses Workshops war, dass auch jenseits veröffentlichter Berichte, Texte, Konzepte etc. bislang anscheinend keine geschlechterspezifischen Konzeptionen erarbeitet oder gar umgesetzt wurden.

Zur Absicherung dieser Informationen wurde von Pia Frohwein und Leonie Wagner im Jahr 2003 eine schriftliche Befragung von Gedenkstätten4 und Bildungseinrichtungen durchgeführt. In diese Untersuchung wurden Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen einbezogen, die eigene pädagogische Angebote der historisch-politischen Bildung in Gedenkstätten entwickelt haben.

In der Untersuchung wurde sowohl nach vorhandenen Ansätzen, Angeboten und Konzeptionen als auch nach dem von den pädagogischen MitarbeiterInnen und der Leitung der Einrichtungen gesehenen Bedarf solcher Konzepte gefragt. Der Fragebogen wurde an 84 Gedenkstätten und 14 Bildungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum versandt. Von 84 angeschriebenen Gedenkstätten in Deutschland haben insgesamt 39 geantwortet (46%), davon haben 37 einen ausgefüllten Fragebogen zurückgesandt (45%). Von den 14 Bildungseinrichtungen haben insgesamt fünf einen ausgefüllten Fragebogen zurückgesandt.

Dies ist einerseits ein ausgesprochen guter Rücklauf, andererseits liegen uns aber insgesamt nur geringe Fallzahlen vor. Damit und auch bedingt durch die Anlage des Fragebogens befindet sich die Untersuchung in einer Grauzone zwischen quantitativer und qualitativer Methode. Zum einen haben wir versucht, quantifizierbare Daten zu erheben, was jedoch aufgrund der geringen »Fallzahl« nicht zu einem absolut repräsentativen Ergebnis führt. Zum anderen haben wir hinsichtlich der zentralen Bereiche einige offene Fragen formuliert, die wir im wesentlichen qualitativ auswerten. Hierunter sind vor allem Beschreibungen, Beobachtungen und Anmerkungen zu verstehen, die Aufschluss über den Stand der Diskussion, die Sensibilisierung für Geschlechterdifferenzen und die daraus gezogenen Konsequenzen für die pädagogische Arbeit geben.

Zur Bedeutung des Geschlechts der TeilnehmerInnen

Die Wahrnehmung und Thematisierung geschlechterspezifischer Unterschiede bei den TeilnehmerInnen durch die GedenkstättenmitarbeiterInnen ist nach den vorliegenden Fragebögen nicht geschlechtsspezifisch bedingt. Eine Ost-West-Differenz konnte in dieser Hinsicht ebenfalls nicht festgestellt werden. Ob z.B. das Kriterium Alter der ausfüllenden Person/pädagogischen MitarbeiterInnen hier eine Rolle spielt, ist aufgrund nicht vorliegender Daten nicht zu ermitteln. So beschreiben jeweils acht Frauen und acht Männer in den Fragebögen Beobachtungen in dieser Hinsicht, zehn Männer und sechs Frauen geben an, dass keine Unterschiede wahrgenommen werden, drei machten keine Angaben zu dieser Frage. Bei zwei weiteren wurden keine Angaben zum Geschlecht der ausfüllenden Person gemacht. Insofern werden insgesamt in 18 Fragebögen geschlechterspezifische Differenzen in Verhalten, Interesse, Themen- und Methodenorientierung genannt.

Was unterscheidet die Umgangs- und Rezeptionsweisen von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen (aufgrund der hohen Anteile Jugendlicher beziehen sich die meisten Angaben auf Mädchen/Jungen). Wir werden hier die wesentlichen Ergebnisse kurz zusammenfassen, wobei darauf hinzuweisen ist, dass damit lediglich Tendenzen geschlechterspezifischer Unterschiede beschrieben werden, d.h. nicht jedes Mädchen/ jeder Junge reagiert in gleicher Weise.

Auffallend ist zunächst, dass weitaus mehr Beobachtungen zu Mädchen geäußert wurden als zu Jungen.

Auf der emotionalen Ebene wurden unterschiedliche identifikatorische Anteilnahmen beobachtet, wobei Jungen (nach außen hin) weniger betroffen reagieren. Dies setzt sich auch hinsichtlich der Übernahme von Verantwortung für die Geschichte fort, beispielsweise in der Frage nach der Legitimität von Entschädigungen.

Hinsichtlich des thematischen Zugangs zeigen Jungen ein stärkeres Interesse an Technik bzw. technischen Details und Abläufen, während Mädchen größeres Interesse für Personen – insbesondere Opfer der Verfolgung – zum Ausdruck bringen. Dies kann auch eine unterschiedliche Bezugnahme zu ZeitzeugInnen zur Folge haben, d.h. hier findet u.U. eine stärkere gleichgeschlechtliche Identifikation statt.

Bezogen auf das kommunikative Verhalten bzw. den pädagogischen Prozess zeigen Mädchen sich meist interessierter und engagierter. Sie haben größeres Interesse an langfristigen Projekten und an forschendem Lernen. Über Jungen fehlen hier konkrete Aussagen.

Hinsichtlich des thematischen Interesses zeigt sich bezogen auf Opfer/TäterInnen, dass die Täterseite von Mädchen/Frauen nicht (oder selten), von Jungen eher, aber unter dem Aspekt der Macht(-ausübung) betrachtet wird. Hierin könnte sich eine geschlechterspezifische gesellschaftliche Arbeitsteilung spiegeln, die etwas zugespitzt formuliert Opferidentifikation als weibliche, Macht bzw. Mechanismen der Herrschaft sowie Technik als männliche Domäne ausweist.

Ohne hier auf der Grundlage der Untersuchung gesicherte Schlüsse zu formulieren, möchten wir doch zumindest einige Fragen zu diesen Phänomenen aufwerfen: Zielt die Pädagogik in Gedenkstätten auf Lernprozesse ab, an die eher Mädchen anknüpfen und in denen sie sich eher wiederfinden können? Ist es möglich, dass Gedenkstättenpädagogik Zugänge ins Zentrum stellt, die vor allem von Frauen/Mädchen präferiert werden (z.B. ZeitzeugInnengespräche, Empathie mit den Opfern, Selbstreflexion), während die nicht selten anzutreffende Faszination von Jungen/Männern vor Macht, Gewalt, SS, Technikabläufen eher moralisch sanktioniert, abgebrochen und damit nicht aufgegriffen wird? Dass solche expliziten oder impliziten Äußerungen als moralisch unangemessen und pädagogisch verunsichernd unbeantwortet bleiben und folglich tendenziell tabuisiert werden? Dass also Jungen/Männer mit ihren eigenen Zugängen pädagogisch »abgehängt« und alleine gelassen werden?

Wir behaupten mit unserer These, dass Gedenkstättenpädagogik zunehmend feminisiert wurde. Demnach richten sich Zugänge, Lernprozesse, Methoden vorrangig an Mädchen/Frauen, die diese als ihre verstehen, aufgreifen und bearbeiten können. In dem Maße jedoch, in dem jungenspezifische Zugänge unbeantwortet bleiben, werden sie auf sich selbst zurück geworfen. Gedenkstättenarbeit scheint folglich vorhandene geschlechterdifferente Zugänge eher zu zementieren als aufzubrechen, in Frage zu stellen und in einem diskursiven Aushandlungsprozess zu modifizieren.

Im Sinne einer geschlechterreflektierten pädagogischen Arbeit wären deshalb sowohl die methodischen Konzepte als auch die thematischen Angebote dahingehend zu überprüfen, ob sie Geschlechterstereotypen stützen und damit den Anspruch der Gedenkstättenpädagogik, Differenzerfahrungen zu ermöglichen, unterlaufen. Ein besonderer Entwicklungsbedarf scheint hier zum einen hinsichtlich der Angebote für Jungen zu bestehen, zum anderen ginge es darum, Konzepte und Angebote zu entwickeln, die es ermöglichen, stereotype Orientierungen aufzubrechen und damit andere Erfahrungsdimensionen zu eröffnen.

 

 

Geschlechterspezifische Angebote

Mit der Befragung wollten wir weiterhin untersuchen, ob und wenn ja welche geschlechterspezifischen Angebote bereits existieren. Den Spitzenplatz nehmen in dieser Hinsicht thematische Angebote ein, z.B. Führungen zu Frauen im Lager (sechs Nennungen). Eher selten werden geschlechtergetrennte oder auch teilgetrennte Angebote genannt (jeweils drei). Angebote, in denen geschlechterspezifische Umgangsweisen in historischer oder aktueller Perspektive Gegenstand sind wurden insgesamt vier mal genannt.

In den meisten Fällen haben diese Angebote Erprobungsstatus, lediglich in drei Gedenkstätten ist geschlechterspezifische Arbeit bereits konzeptionell ausformuliert bzw. Teil der Konzeption. Inzwischen wird Geschlecht offenbar in einigen Gedenkstätten als relevante Kategorie in der pädagogischen Arbeit zur Kenntnis genommen wird. Auffallend ist trotz dieser erfreulichen Entwicklung, dass sich dies überwiegend auf Mädchen/Frauen beschränkt. Lediglich bei zwei Nennungen wird eine Auseinandersetzung mit Männerbildern oder ein Angebot, dass sich explizit an Jungen richtet, angegeben. Die Angebote, in denen Geschlecht als Kategorie genannt wird, sind also meist thematisch oder auch speziell zielgruppenorientiert an Mädchen/Frauen gerichtet. So wurden häufig im Kontext der Angebote Themen wie »Frauen in…« genannt, darauf hingewiesen, dass in X keine Frauen inhaftiert waren.

Von einigen wurde das Nichtvorhandensein von Angeboten, die geschlechterspezifisch ausgerichtet sind, mit der schlechten Personalausstattung begründet. Wenn wir diejenigen Gedenkstätten, die solche Angebote machen, hinsichtlich des vorhandenen Personals betrachten, ergibt sich jedoch das Bild, dass einige kleinere Einrichtungen, z.T. ohne explizite pädagogische Abteilung und entsprechende feste MitarbeiterInnen in diesem Bereich zumindest frauenspezifische Angebote entwickelt haben. Dies trifft hingegen nicht für alle »Großeinrichtungen« zu. Ohne hierzu genauere Angaben aus den Fragebögen entnehmen zu können, könnte bei einigen weniger die Personaldecke, als vielmehr die Sensibilisierung bzw. pädagogische Einsicht in die Relevanz geschlechterspezifischer Angebote ausschlaggebend sein.

Trotz nicht gegebener Repräsentativität im Rücklauf der Bildungseinrichtungen zeigt sich ein vergleichsweise eindeutigeres Bild. Von den fünf eingegangenen ausgefüllten Fragebögen geben immerhin vier an, geschlechtsspezifische Angebote entwickelt bzw. durchgeführt zu haben. Auch hier dominieren die thematisch ausgerichteten Angebote (Frauen in…). zwei Einrichtungen nennen darüber hinaus auch geschlechtergetrennte Angebote, in zwei Fällen werden geschlechtsspezifische Umgangsweisen thematisiert. Eine Bildungseinrichtung gab an, geschlechtsspezfische Angebote als Teil der pädagogischen Konzeption verankert zu haben. In zwei weiteren Fällen haben sie Erprobungsstatus.

Ob sich diese Ergebnisse verallgemeinern lassen und damit repräsentativ sind, müsste überprüft werden. Auffällig ist jedoch im Vergleich zu den Aussagen seitens der Gedenkstätten, dass die Bildungseinrichtungen, die der Bedeutung der Kategorie Geschlecht einen zumindest mittleren Stellenwert einräumen, überwiegend bereits Angebote im Bereich Geschlechtsspezifik gemacht haben.

Geschlechterspezifische Unterschiede bei den Teamenden

Hinsichtlich der Bedeutung geschlechterspezifischer Unterschiede bei den TeamerInnen in pädagogischer, didaktischer oder thematischer Hinsicht werden kaum Angaben gemacht. Lediglich vier Einrichtungen bejahten die Wahrnehmung solcher Unterschiede, 22 verneinten, drei machten keine Angaben und neun sonstige Angaben (z.T. Wiederholung der Antworten aus der Frage nach den Differenzen bei den Teilnehmenden).

Aus unserer Sicht deutet dieses Ergebnis darauf hin, dass die pädagogischen MitarbeiterInnen bzw. diejenigen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, sich selbst als geschlechtsneutrale Personen wahrnehmen. Die Wahrnehmung von Geschlecht als Kategorie in der Gedenkstättenpädagogik wäre damit – entsprechend der anders gelagerten Ergebnisse hinsichtlich der Beobachtung bei den TeilnehmerInnen – auf die Teilnehmenden begrenzt. Die Bedeutung des eigenen Geschlechts in der Interaktion – wie Geschlecht überhaupt in der Interaktion – wird dabei offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Folglich können unbemerkt Geschlechterverhältnisse und Stereotypisierungen auf die TeilnehmerInnen übertragen und damit reproduziert werden.

Stellenwert des Themas im Arbeitszusammenhang (Team und Leitung)

Aufschluss über die Bedeutung, die dem Thema von MitarbeiterInnen der Gedenkstätten beigemessen wird, erhofften wir uns über die Frage, ob geschlechterspezifische Differenzen oder Methoden in den Teamsitzungen zum Gegenstand gemacht worden sind und welche Bedeutung diesem Thema sowohl von den Teams als auch von der Leitung gegeben wird.

Gegenstand von Teamsitzungen war das Thema »Geschlecht« in insgesamt 12 Gedenkstätten, wobei dies in drei Einrichtungen einmalig, in fünf mehrmals und in zwei kontinuierlich der Fall ist. Die Bedeutung, die dem Thema von diesen 12 beigemessen wird, rangiert bei neun Gedenkstätten zwischen mittel (4) und hoch (5). Zwei Einrichtungen gaben an, dass dem Thema keine Bedeutung zugemessen wird.5 Hinsichtlich der Bedeutung, die dem Thema von der Leitung zugemessen wird, ergibt sich ein ähnliches Bild: vier hoch, vier mittel, eine keine, drei keine Angaben.

Was aber sind die Konsequenzen, die aus den Diskussionen gezogen wurden: Vier der Einrichtungen gaben an, dass Konsequenzen gezogen wurden. Diese bestehen aus einem heterogenen Spektrum, das von Diskussionen bei Fortbildungsveranstaltungen über die Erarbeitung themenspezifischer Angebote (z.B. Führungen) bis hin zu konzeptionellen Überlegungen reichen, die jedoch in den Fragebögen nicht spezifiziert wurden.

Auch in diesem Bereich lassen die Angaben der Bildungseinrichtungen im Vergleich mit denen der Gedenkstätten vermuten, dass den Diskussionen insgesamt ein höherer Status beigemessen wird (in drei Fällen wurde das Thema bereits in Teamsitzungen – zweimal mehrmalig und einmal kontinuierlich – angesprochen; von drei Einrichtungen wird die Relevanz für das Team als mittel und für die Leitung in einem Fall als hoch, in einem Fall als mittel angegeben). Außerdem nennen immerhin vier von fünf Einrichtungen konkrete Konsequenzen aus den Diskussionen. Diese beziehen sich v.a. auf Angebote und Konzepte sowie auf die Teambesetzung.

Interesse an einem weitergehenden fachlichen Austausch haben in den Fragebögen 20 Gedenkstätten sowie vier Bildungseinrichtungen bekundet, über die Ergebnisse des Projekts möchten 31 Gedenkstätten sowie vier Bildungseinrichtungen informiert werden. Nur in wenigen Fällen drängt sich der Eindruck auf, dass das Thema Geschlecht in der Gedenkstättenpädagogik für gänzlich unrelevant gehalten wird. So erhielten wir lediglich einmal die Antwort, dass die Fragestellung unklar sei, da Männer und Frauen vom NS gleichermaßen betroffen gewesen seien. Das bedeutet, dass in einigen Einrichtungen die Erkenntnisse aus der Frauen- und Geschlechterforschung in historischer und pädagogischer Hinsicht zur Kenntnis genommen worden sind. Dennoch – darauf haben wir bereits weiter oben hingewiesen – wird der Begriff »Geschlecht« in einem sehr hohen Ausmaß mit dem Begriff »Frau« gleichgesetzt. Zu Jungen oder Männern finden sich in den Antworten bis auf wenige Ausnahmen keine Aussagen oder Hinweise.

Was ist zu tun?

Die Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht auch in der Gedenkstättenpädagogik ist unserer Ansicht nach dringend geboten. Dabei kann es jedoch nicht allein darum gehen, »Spezialangebote« vor allem für Mädchen/Frauen zu entwickeln. Eine geschlechtersensible und –reflektierte Pädagogik müsste mehrere Ebenen berücksichtigen und einbeziehen.

Wir haben aus diesem Grund ein Vorhaben entwickelt, in dem geschlechterspezifische Module für die Bildungsarbeit in Gedenkstätten erarbeitet werden sollen. Da Jugendliche die größte Anzahl der BesucherInnen von Gedenkstätten darstellen und insbesondere die pädagogischen Angebote in hohem Maße nutzen, sollen diese Module für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen (9.–13. Klasse) konzipiert und in Erprobungsphasen weiterentwickelt werden. Daneben sind Workshops für MultiplikatorInnen und MitarbeiterInnen von Gedenkstätten geplant. Das Vorhaben befindet sich zur Zeit noch in der Bewilligungsphase. Wir möchten hier aber die zentralen Überlegungen für die Modulentwicklung bereits vorstellen.

In einem ersten Schritt geht es hierbei um die thematisch-didaktische Ebene. Angesichts der feststellbaren geschlechterspezifischen Interessen für unterschiedliche Themenbereiche ergibt sich zunächst, dass in den Angeboten entsprechende Fokussierungen vorgenommen werden (z.B. Mädchen: Alltag im Konzentrationslager; Jungen: Technik, Strukturen). Unter Berücksichtigung des Problems, dass gegenwärtig offenbar eher Frauen/Mädchen von den vorhandenen Angeboten angesprochen werden, wäre hier auch eine stärkere Berücksichtigung jungenspezifischer Interessen und Zugänge notwendig.

Im Sinne einer emanzipatorischen und geschlechterreflektierten Bildungsarbeit sollen diese Stereotype aber nicht verfestigt werden. Deshalb müssen gleichzeitig Irritationen der scheinbar festgefügten Geschlechterdichotomie einbezogen werden. Damit können andere und weitergehende Erfahrungsmöglichkeiten eröffnet werden, beispielsweise eine Reflexion der eigenen geschlechtsspezifischen Interessenlage, Motivation und Rezeptionsweise. Damit können dem Geschlechterkonzept scheinbar widersprechende Themen und Interessen sowie ungewohnte Sichtweisen erschlossen werden und sowohl kognitive als auch emotionale und soziale Lernprozesse initiiert werden. In historischer Hinsicht gab es nicht nur eine Geschlechtertrennung in den Lagern, sondern auch Orte, in denen Geschlechterverhältnisse zum Ausdruck kommen. Insgesamt stellt etwa die männerbündische Tradition und das NS-Männlichkeitsideal eine wichtige Auseinandersetzungsebene dar. Diese ist gleichzeitig mit einem spezifischen Familien- und damit Frauenideal verknüpft.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Betrachtung des Ortes. Gedenkstätten repräsentieren neben dem historischen Geschehen auch verschiedene Rezeptionsweisen der NS-Geschichte. Die architektonische und gestalterische Anlage ist von gesellschaftlichen und politischen Sichtweisen auf den NS überformt.6 Hier ist darauf hinzuweisen, dass Geschlecht auch auf der Ebene der historischen und aktuellen Repräsentation, d.h. in der inhaltlichen Gestaltung der Ausstellungen, Denkmale, Texttafeln etc., in der didaktischen Gestaltung der Ausstellungen eine Rolle spielt.

Bei der Planung und Umsetzung von geschlechtersensiblen Angeboten sind insofern solche historischen und gestalterischen Aspekte zu berücksichtigen. Die in ihnen präsentierten Geschlechtermodelle sind aufzuzeigen und in die jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte einzubinden. Damit können sowohl historische Konstellationen der Geschlechterverhältnisse aufgezeigt als auch die Vorstellungen der Jugendlichen hinterfragt werden.

Auf der methodischen Ebene gilt es zunächst zwischen Methoden, die im Zusammenhang des Zugangs zum historischen Ort angewandt werden und solchen, die eine Reflexion des Erfahrenen anregen, zu unterscheiden. Für beide Formen wären die unterschiedlichen Rezeptions- und Umgangsweisen von Mädchen und Jungen zu beachten. Wie bereits hinsichtlich der didaktischen Konzeption ausgeführt, sollte bei den Angeboten zunächst auf diese Präferenzen eingegangen werden, die Orientierungen dann aber reflektiert und so Veränderungsprozesse initiiert werden.

Nach geschlechterhomogenen Arbeitseinheiten sollte eine Zusammenführung der erzielten Ergebnisse und Erfahrungen vorgenommen werden. Dabei geht es darum, unterschiedliche Perspektiven vorzustellen und durch Perspektivwechsel ein vertieftes Verständnis sowohl des historischen Themas als auch möglicher Umgangs- und Rezeptionsweisen zu erlangen. Damit wird eine Veränderung der inhaltlichen Bewertung des historischen und aktuellen Geschlechterverhältnisses ermöglicht.

In den oben angeführten Ergebnissen aus verschiedenen Bereichen der Bildungsarbeit ist wiederholt auf die Notwendigkeit der Reflektion der Geschlechterkonzepte der TeamerInnen hingewiesen worden. Insofern sollte die Entwicklung und Durchführung von geschlechtersensiblen Angeboten von einer Auseinandersetzung mit diesen Vorstellungen und einer Sensibilisierung für die Bedeutung geschlechterspezifischer Kommunikations-, Verhaltens- und Rezeptionsweisen begleitet werden.

Wir würden uns freuen, wenn unsere Überlegungen zu weiteren Entwicklungen in der historisch-politischen Bildung in Gedenkstätten anregen. Wir laden ein, in einen gemeinsamen Austausch- und Diskussionsprozess zu treten und würden uns über Reaktionen und Anregungen freuen.

1 Vgl. u.a. Borries 1995, Georgi 2000, Kaiser 1995, Knigge 1988, Kößler 2000, Krause-Vilmar 1997, Rürup 1992.

2 Vgl. u.a. Derichs-Kunstmann 1993.

3 Insbesondere: Eschebach u.a. 2002, Füllberg-Stolberg 1994.

4 Unter Gedenkstätten werden in diesem Zusammenhang diejenigen Gedenkorte verstanden, die einen Bezug auf die NS-Geschichte haben und am historischen Ort platziert sind.

5 Zwei Gedenkstätten machten hierzu keine Angaben.

6 Vgl. dazu u.a. Hoffmann 1998, Reichel 1995.

Literatur

Boeser, Christian (2002): »Bei Sozialkunde denke ich nur an dieses Trockene …«. Relevanz geschlechterspezifischer Aspekte in der politischen Bildung. Opladen

Borries, Bodo von (1999): Geschlechtsspezifisches Geschichtsbewusstsein und koedukativer Geschichtsunterricht. In: Udo Arnold, Peter Meyers, Uta C. Schmidt (Hrsg.): Stationen eines Hochschullebens. Festschrift für Annette Kuhn zum 65. Geburtstag. Dortmund, S. 89–111

Ders. (1995): Das Geschichtsbewußtsein Jugendlicher. Erste repräsentative Untersuchung über Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartswahrnehmungen und Zukunftserwartungen in Ost- und Westdeutschland, Weinheim und München

Derichs-Kunstmann, Karin (Hrsg.) (1993): Frauen lernen anders: Theorie und Praxis der Weiterbildung für Frauen. Dokumentation der Fachtagung am 15.–16. Juni 1992 in Recklinghausen. Bielefeld

Derichs-Kunstmann, Karin (1996): Von der alltäglichen Inszenierung des Geschlechterverhältnisses in der Erwachsenenbildung. Anlage, Verlauf und Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Koedukation in der Bildungsarbeit mit Erwachsenen. In: Jahrbuch Arbeit – Bildung – Kultur, S. 9–26

Eschebach, Insa/Jacobeit, Sigrid/Wenk, Silke (Hrsg.) (2002): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids. Frankfurt am Main

Füllberg-Stolberg u.a. (Hrsg.) (1994): Frauen in Konzentrationslagern. Bergen-Belsen. Ravensbrück. Bremen

Georgi, Viola (2000): Wem gehört deutsche Geschichte? Bikulturelle Jugendliche und die Geschichte des Nationalsozialismus, in: Fechler/Kößler/Liebertz-Groß (Hg): »Erziehung nach Auschwitz« in der multikulturellen Gesellschaft. Pädagogische und soziologische Annäherungen, Weinheim und München

Glücks, Elisabeth/Ottomeier-Glücks, Franz-Gerd (Hrsg.) (1996): Geschlechtsbezogene Pädagogik. Ein Bildungskonzept zur Qualifizierung koedukativer Praxis durch parteiliche Mädchenarbeit und antisexistische Jungenarbeit. Münster

Hoffmann, Detlef (Hrsg.) (1998): Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995. Frankfurt/New York

Kaiser, Wolf (1995): Studientage für Schülerinnen und Schüler im Haus der Wannsee-Konferenz, in: Ehmann/Kaiser/Lutz/Rathenau/vom Stein/Weber (Hg): Praxis der Gedenkstättenpädagogik. Erfahrungen und Perspektiven, Opladen

Knigge, Volkhard (2001): Abschied von der Erinnerung. Zum notwendigen Wandel der Arbeit in KZ-Gedenkstätten, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 100.Ders. (1988): »Triviales« Geschichtsbewusstsein und verstehender Geschichtsunterricht. Pfaffenweiler

Kößler, Gottfried (2000): Perspektivenwechsel. Vorschläge für die Unterrichtspraxis zur Geschichte . und Wirkung des Holocaust, in: Fechler et al. (Hg): »Erziehung nach Auschwitz« in der multikulturellen Gesellschaft. Pädagogische und soziologische Annäherungen, Weinheim und München

Krause-Vilmar, Dietfrid (1997): Überlegungen zum Verständnis des Lehrens und Lernens, in: Kiesel/Kößler/Nickolai/Wittmeier (Hg.): Pädagogik der Erinnerung. Didaktische Aspekte der Gedenkstättenarbeit, Frankfurt am Main

Reichel, Peter (1995): Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit. München/Wien

Richter, Dagmar (1991): Geschlechtsspezifische Sozialisation und Politische Bildung. Hamburg

Rürup, Reinhard (1992): Gegen eine Instrumentalisierung der Verfolgten, in: Brandenburgische Gedenkstätten für die Verfolgten des NS-Regimes. Perspektiven, Kontroversen und internationale Vergleiche, hrsg. vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg in Zusammenarbeit mit der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Berlin

Rüsen, Jörn (Hrsg.) (2001): Geschichtsbewusstsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde. Köln [u.a.]

Scheurich, Imke (1998): Aktuelle Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen historisch-politischer Bildung in KZ-Gedenkstätten. Unveröffentlichte Diplomarbeit. FU Berlin, FB Politische Wissenschaft.

Pia Frohwein arbeitet seit 1996 als Pädagogische Mitarbeiterin in der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora.

S. Leonie Wagner, Diplom Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin arbeitet z.Zt. als Vertretungsprofessorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Erfurt.