Geschichte der Judenverfolgung und Engagement für Denkmale in Polen heute

„Unter den Juden, die beim ersten Massaker im besetzten Polen ermordet wurden, war auch mein Vater, Hayim.”
10/2003Gedenkstättenrundbrief 115, S. 36-41
David Shachar

Die Geschichte der Juden von Krasnosielc im Zweiten Weltkrieg

1939 lebte meine Familie, die Himmelfarbs, in der kleinen Stadt Krasnosielc, die sich ungefähr 100 Kilometer nordöstlich von Warschau, am dem Fluß Orzec befand.

Insgesamt bestand sie aus zwölf Personen, meinem Vater, meiner Mutter und deren zehn Kinder (sieben Jungen und drei Mädchen). Mein Vater Hayim wurde 1892 in der Stadt Kopszewnica, in der Umgebung von Sandomierz, an der Weichsel geboren. Er studierte an der Gur Yeshiva, war ein Gur Hasid, und übte den Beruf eines rituellen Schlächters aus (Shochet). Sein Vater arbeitete in einer Molkerei. Am 5. September 1939 kam er im ersten von den Nazis im besetzten Polen verübten Massaker um.

Meine Mutter, Hinda, ein Mitglied der Kuropatwa Familie, wurde in Gniewoszow, einer Stadt nahe Lublin geboren. Ihr Vater, Ephraim Yitzhak war ebenso wie mein Vater, ein ritueller Schlächter. Sie starb 1981, in Haifa.

Nachdem meine Eltern 1910 geheiratet hatten, zogen sie von Stadt zu Stadt, um ihr Auskommen zu finden. 1924 schließlich kamen sie nach Krasnosielc, wo mein Vater von der jüdischen Gemeinde als »Shochet« anerkannt wurde. Insgesamt hatten meine Eltern vierzehn Kinder, von denen jedoch vier an Kinderkrankheiten starben, die zur damaligen Zeit weit verbreitet waren. Als der Krieg ausbrach lebten noch zehn ihrer Kinder. Vier meiner Brüder dienten in verschiedenen Armeen: in der polnischen, britischen und sowjetischen. Mein Bruder Hershel starb in einer Schlacht im Juni 1941, am Beginn der Operation Barbarossa. Vier meiner anderen Brüder kämpften später im israelischen Unabhängigkeitskrieg, in der Negev-Palmach Brigade, in der Alexandroni Brigade und in Jerusalem.

Der erste Tag des Krieges

Am Freitag, den 1. September 1939, ungefähr um 3.00 Uhr nachts hörten wir Artilleriefeuer. Die deutschen Truppen hatten die polnische Grenze, die sich nur 35 Kilometer von unserer Stadt entfernt befand, bereits überschritten. Ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung, die in etwa die Häfte der ingesamt 4000 Stadt-Bewohner ausmachte, flüchtete am Freitag und Samstag in nahe gelegene Orte, von denen sie hofften, dass sie ihnen mehr Schutz bieten würden.

Am Samstag verließ auch meine Familie die Stadt, jedoch verstreut. Mein Vater, zwei meiner Brüder und ich gingen zur 25 Kilometer entfernt gelegenen Stadt Makow Mazowiecki.

Am Sonntag, den 3. September kamen schließlich die ersten deutschen Truppen in unsere Stadt. Sie suchten den rituellen Schlächter, da sie aus hygienischen Gründen Fleisch wollten, das koscher war. Also schickten sie jemanden nach Makow, um meinen Vater zur Rückkehr zu bewegen. Am Dienstag kamen mein Vater, mein zwei Jahre älterer Bruder und ich zurück in unsere Stadt. Auf dem Weg kamen wir an vielen deutschen Truppen und Militär-Patrouillen vorbei, die sich auf dem Vorstoß nach Warschau befanden. Sie hielten uns auf und durchsuchten meinen Vater, wobei sie sein Arbeitswerkzeug fanden: das Halaf, das Messer für das rituelle Schlachten sowie das Shofar. Sie wollten eine Anleitung wie das Shofar zu benützen sei, doch die Erklärungen meines Vaters reichten ihnen nicht und sie kamen zu dem Schluss, dass es sich um ein Instrument handeln müsse, um mit der sich zurückziehenden polnischen Armee zu kommunizieren.

Sie brachten uns zu einem Baum und knieten nieder, in Schußposition. Auf einmal tauchte ein Offizier auf einem Motorrad auf und nach einem kurzen Wortwechsel mit den Soldaten, befahl er uns, sofort zu verschwinden. Noch am selben Abend kamen wir wieder zu Hause an, wo wir auch unsere Mutter antrafen, die sich große Sorgen gemacht hatte.

Am Dienstag, den 5. September trieben die Deutschen alle Männer, Juden als auch Polen, zusammen und brachten sie zu jener Brücke, die die polnische Armee bei ihrem Rückzug noch sprengen konnte. Sie verlangten von den Männern Holz herbeizuschleppen und unter Anleitung des Militär-Technikers die Brücke zu reparieren und einen Übergang für gepanzerte Fahrzeuge zu schaffen.

Während der Arbeit beschimpften die Deutschen die Juden und machten sich über die älteren lustig, die traditionell gekleidet waren und damit für die Deutschen ungewöhnlich aussahen.

Um zwölf Uhr Mittags wurden mein Vater und andere Juden weggeschickt, um Essen für alle zu holen. Sollten sie nicht zurückkommen, drohten die Deutschen, würden sie alle anderen erschießen. Nach kurzer Zeit kehrte mein Vater mit einer Mahlzeit, die meine Mutter zubereitet hatte, zurück und ich half ihm beim Tragen.

Als wir den Armeeposten an der Brücke erreichten, befahlen mir die Soldaten, sofort zurückzugehen. Mein Vater küsste mich und umarmte mich fest, er sagte zu mir auf Yiddish: »Sie spucken auf uns, sie schlagen uns, ich weiss nicht was passieren wird, pass auf deine Mutter auf«. Diese letzten Worte, die ich aus dem Mund meines Vaters vernahm, habe ich nie vergessen und ich werde sie nie vergessen, insbesondere seine letzte Bitte, auf meine Mutter aufzupassen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich vollkommen von meinen Eltern abhängig gewesen.

Am Abend (nach Beginn der Sperrstunde) warteten wir auf die Rückkehr der Männer, Stunde für Stunde verging aber sie kamen nicht nach Hause. Die Frauen waren voller Angst und Besorgnis und manche wagten es trotz Sperrstunde, das Haus zu verlassen um nach ihren Männern zu suchen. Diejenigen, welche in der Nähe der Synagoge wohnten, erzählten uns später, dass sie in der Nacht Schüsse aus Richtung der Synagoge hörten.

Am nächsten Morgen, es war der Donnerstag, liefen einige Frauen, darunter auch meine Mutter, zur Synagoge, um herauszufinden, ob an den schrecklichen Gerüchten tatsächlich etwas dran war. Die deutschen Wachen, die vor der Synagoge postiert waren, ließen sie jedoch nicht passieren. Sie wandten sich an den befehlshabenden Offizier, welcher ihnen sagte, dass die Männer zu anderen Orten gebracht wurden, um Reparaturarbeiten auszuführen.

Als die Posten zwei Tage später abgezogen wurden, stürmten die Frauen in die Kirche.

Die schlimmsten Befürchtungen erwiesen sich als wahr. Die Wände waren voller Einschusslöcher und am Boden befanden sich Blutlachen, Tische und Bänke lagen umgeworfen herum. Obwohl die Deutschen versucht hatten, sauber zu machen und alle Beweise zu vernichten, waren die Spuren ihres Verbrechens deutlich zu erkennen.

Trotz all dieser Hinweise konnten die Frauen nicht glauben, dass hier tatsächlich ein Massaker stattgefunden hatte, vor allem weil es keine direkten Beweise gab und weil sie so etwas noch nie erlebt hatten. Sie konnten es sich ganz einfach nicht vorstellen.

Am Ende des Monats September, am Abend des Sukkot-Festmahls, wurde allen Juden befohlen, die Stadt innerhalb von zwei Stunden zu verlassen und in Richtung der russischen Besatzungszone zu ziehen. Dieser Befehl kam vom Kommandeur der deutschen Truppen und von Herrn Richter, jenem Volksdeutschen, der vorübergehend als Bürgermeister unserer Stadt eingesetzt wurde.

Man erlaubte uns, die Dienste der örtlichen Kutscher in Anspruch zu nehmen, um unser Hab und Gut transportieren zu können, und zusammen mit anderen Familien machten wir uns auf den Weg in Richtung Osten.

Wir kamen nach Bialystok, in die russische Zone. Dort blieben wir und viele andere jüdische Flüchtlinge für einige Monate. Wir hatten die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, unseren Vater lebend wiederzusehen, obwohl die Gerüchte dagegen sprachen.

Der erste Zeugenbericht über ein Massaker

An einem Tag im November 1939 kam mein Bruder Hershel nach Bialystok zurück, nachdem er einen Ausflug nach Lomza unternommen hatte. Er erzählte uns, dass er einen Juden namens Mosze Szkopf getroffen hatte, der damals am ersten Tag des Krieges bei jener Gruppe dabei war, die die zerstörte Brücke reparieren musste. Er erzählte meinem Bruder die schreckliche Geschichte, die wir alle nicht glauben konnten (später wurde sie bestätigt durch Yitzhak Galant aus Minneapolis, Minnesota, USA, der die Aussagen seines Vaters Abraham Galant, eines Überlebenden des Massakers, aufgezeichnet hatte).

An jenem furchtbaren, bitteren Tag hatten die Deutschen alle Männer zusammengerufen, um beim Wiederaufbau der von der flüchtenden polnischen Armee zerstörten Brücke zu helfen.

Auf ihrem Weg zur Brücke hatten die Männer schwere Holzklötze zu tragen. Zwei oder drei ältere Männer stolperten und fielen. Die deutschen Soldaten erschossen sie an Ort und Stelle und warfen ihre Körper in den Fluß. Die anderen beschimpften und schlugen sie.

Am Ende des Tages wurden Juden und Polen voneinander getrennt, und man bildete zwei Gruppen. Ein paar Juden, die keine Kopfbedeckung trugen oder sonst nicht irgendwie traditionell gekleidet waren, denen man also äußerlich nicht unbedingt ansah, dass sie Juden waren, schafften es, sich in die Gruppe der Polen zu schmuggeln und entgingen so dem Schicksal, das die anderen erwartete.

Die Juden wurden in die Synagoge getrieben und man befahl ihnen auf den Bänken Platz zu nehmen, nahe des Torah-Schreins. Die Deutschen spotteten: »Wenn Euer Gott allmächtig ist, dann betet zu ihm, und wir werden sehen ob er Euch retten kann«, sie zerrten an ihren Bärten und peinigten sie. Die gequälten Juden schrien: »Shema Israel« und sofort fielen die ersten Schüsse. Nachdem die Soldaten nachsahen, wieviele Juden sie getötet hatten, schossen sie erneut.

Plötzlich kam eine weitere deutsche Einheit, angeführt von einem Offizier in weisser Uniform, herein und der Offizier schrie: »halt«. Er näherte sich den Juden, sagte er sei Arzt und sie sollen keine Angst haben. Dann kümmerte er sich um die sieben Überlebenden, die durch die, auf sie fallenden Körper der anderen vor den Kugeln geschützt worden waren, unter ihnen Mosze Szkopf. Der deutsche Offizier befahl seinen Untergebenen, Erste Hilfe für die Verwundeten zu leisten und sie sofort mit der Ambulanz in das Krankenhaus in Olstein, Prussia zu bringen. Mein Bruder Hershel sagte uns, er hätte Mosze Szkopf gefragt, ob auch unser Vater unter den Überlebenden gewesen sei. Die Antwort war negativ.

Es war nicht einfach, diese Geschichte zu glauben. Einige Details erschienen zu absurd. Warum hatten die Deutschen jüdische Menschen getötet, die ihnen nichts getan haben. Warum beendeten sie dann die Erschießung so abrupt und brachten die Verletzten in ein deutsches Krankenhaus, wo man sich um sie kümmerte. Im tiefsten Inneren unserer Herzen wollten wir es nicht glauben.

Viele Jahre später erfuhr ich, dass meine Mutter 1940 einen Brief von Bialystok an meinen Bruder Yosef, der 1936 nach Eretz Israel ausgewandert war, geschickt hatte. Sie erzählte ihm von dem Bericht von Mosze Szkopf. Yosef gab den Brief an die Presse weiter und später wurde er in einem Buch veröffentlicht, dessen Autor Shlomo Karmel aus unserer Stadt war.

Die Nachforschungen über das Massaker und das Denkmal für die Opfer

Von dem Moment an, wo ich meinen Vater das letzte Mal gesehen hatte, bis zu dem Zeitpunkt, als ich die grauenhafte Aussage über die Ermordung hörte, fühlte ich mich unaufhörlich getrieben herauszufinden, was mit meinem Vater passiert war.

1965 stieß ich durch Zufall auf das Buch »The Rise and the Fall of the Third Reich« (1960) von William Shirer, das zu dieser Zeit ins Hebräische übersetzt worden war. Ich las es mit großem Interesse und zu meiner großen Verwunderung fand ich ein Kapitel mit der Überschrift »The Fall of Poland«, das die Ermordung von 50 Juden durch deutsche Soldaten in einem kleinen Ort unweit der Grenze schilderte. Shirer gab den genauen Ortsnamen zwar nicht an, doch die Einzelheiten seiner Beschreibung stimmten verblüffend genau mit den Erzählungen Szkopfs überein. Eine Passage weckte besondere Aufmerksamkeit in mir.

Shirer schrieb, dass die Mörder vor ein Kriegsgericht kamen und die Ankläger die Todesstrafe forderten, jedoch im Endeffekt nur eine Haftstrafe verhängt wurde.

Weiters sagte er, dass die Informationen über die Kriegsgericht-Prozesse an die deutsche Presse durchsickerten und veröffentlicht wurden.

Als der Kommunismus auch in Polen zusammenbrach und die Grenzen nach Osteuropa für Besucher aus dem Westen weiter geöffnet wurden, fuhr ich das erste Mal seit meiner Vertreibung nach Polen. Meine Frau und ich verließen die Reisegruppe, mit der wir bisher unterwegs waren, besorgten uns einen Fremden-Führer und fuhren mit dem Taxi nach Krasnosielc.

Es war unbeschreiblich bewegend, wieder an meinen Geburtsort zurückzukommen, in die Stadt, die ich mit neun Jahren verlassen hatte.

Ich traf niemanden, den ich kannte, aber ich war erstaunt darüber, wie wenig sich verändert hatte. Die meisten Häuser standen noch, jedoch nicht mehr von Juden, sondern von Polen bewohnt.

Ich erkannte den Ort wieder, wo ich mir damals Eis kaufte und entdeckte auch die Häuser vieler Freunde und Bekannte. Unser Haus indessen war kurz nach dem Krieg niedergebrannt worden. Ich rannte zu der Stelle, wo ich von meinem Vater getrennt worden war. Sie ist mir in all den Jahren in Erinnerung geblieben. Danach suchten wir das Gebäude auf, das damals die Synagoge war. In der Zwischenzeit wurde es als Warenhaus für landwirtschaftliche Produkte verwendet.

An diesem Tag war es uns nicht gestattet, die Synagoge zu betreten, aber ich gab nicht auf und scheute keine Anstrengungen, um das Massengrab zu finden und ein Denkmal für meinen Vater und all die anderen Opfer des Massakers zu errichten.

Es ist schwierig im Rahmen dieses Artikels die verschiedenen Stationen meiner Bemühungen zu beschreiben, aber kurz gesagt habe ich mit Hilfe einiger ortsansässiger Polen, die sehr hilfsbereit waren, das Massengrab auf dem Hof der Synagoge, ungefähr 50 Meter entfernt vom Gebäude, entdeckt.

Der Militär-Attaché Jürgen Knoppe und die Kultur-Attaché Dr. Susanna Reiner von der Deutschen Botschaft in Tel Aviv und Stephan Steinlein von der Deutschen Botschaft in Warschau halfen mir an relevantes Material in deutschen Archiven heranzukommen.

Das deutsche Auswärtige Amt stellte uns Gelder zur Verfügung, die es mir zusammen mit Spenden ehemaliger jüdischer Bewohner, die heute in Israel und den USA wohnen, und eigener Geldmittel ermöglichten, das Denkmal für meinen Vater und die anderen Opfer des Massakers aufzubauen.

An der äußeren Wand der Synagoge brachten wir vier Gedenktafeln an, auf denen – in vier Sprachen (Hebräisch, Polnisch, Englisch und Yiddisch) – eine Inschrift eingraviert war. Sie beschrieb die jüdische Gemeinschaft und das bittere Schicksal ihrer Mitglieder während des Zweiten Weltkrieges.

Das Grab-Denkmal wurde von der »Va’ad Lehantzahat Hahayal« – jener israelischen Kommission die für die Erhaltung des Gedenkens an gefallene Soldaten zuständig ist – gebaut und von der polnischen Fluglinie LOT nach Polen transportiert.

Einunddreißig Namen, die ich mit großem Aufwand in den USA und Israel herausfand, sind auf polnisch und hebräisch im Denkmal eingraviert.

Am 5. Juni 1996 konnte die Enthüllung des Denkmals stattfinden, in Anwesenheit der Repräsentanten der Israelischen Botschaft in Warschau, der Deutschen Botschaft und der polnischen Regierung. Ebenso anwesend waren die örtlichen Einwohner und Besucher aus Israel. Das Monument wurde mit Kränzen geschmückt, in der Stadt wurden Flaggen von Polen und Israel aufgehängt, und das örtliche Feuerwehrorchester spielte die Nationalhymnen. Mein Bruder Michael leitete die religiöse Zeremonie und wir beide hatten das heilige Privileg, nach fünfundsiebzig Jahren, die Kadish am Begräbnis-Ort unseres Vaters vorzutragen, auf das sein Andenken gesegnet sei.