Gedenkstättenpädagogik in Deutschland – Ergebnisse einer Umfrage

08/2006Gedenkstättenrundbrief 132, S. 21-28
Ulrike Schneider

In den letzten Jahren ist eine Bewegung innerhalb der Gedenkstättenlandschaft zu beobachten, die sowohl eine Neugestaltung des Geländes der NS-Gedenkstätten als auch eine Neukonzeption der Ausstellungen umfasst. Beispiele dafür bilden die Eröffnung der neuen Dauerausstellung »Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden« in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz im Januar 2006, die Eröffnung der neu gestalteten KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Mai 2005 sowie das dezentrale Museumskonzept der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Der Historisierungsprozess der NS-Vergangenheit bestimmt dabei die Formen des Gedenkens und der Auseinandersetzung in den Gedenkstätten. Die Aufgabe von Gedenkstätten umfasst immer mehr die eines historischen Museums, in dem Ausstellungen, Sammlungen, Archive und Bibliotheken enthalten sind. Gleichzeitig sind Gedenkstätten Friedhöfe, die die Namen der Toten aufbewahren und Orte des Gedenkens bilden, sie sind »Denkmale aus der Zeit« sowie Forschungsstätten. Änderungen in der Gedenkstättenlandschaft betreffen somit nicht nur den Ort selbst, sondern auch die Vermittlung der Geschichte des Ortes. Eine wichtige Funktion kommt dabei der Gedenkstättenpädagogik zu, die sich seit den 1980er Jahren herausgebildet hat und mit Elementen aus Schule, Erwachsenenbildung, Museumspädagogik und politischer Bildung arbeitet. Pädagogische Abteilungen und Internationale Jugendbegegnungsstätten bilden heute einen wichtigen Bestandteil in der Gedenkstättenarbeit.

Die Bildungsarbeit in den Gedenkstätten und die Erwartungshaltungen, die an sie gestellt werden, stehen im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen, die die Erfahrungen und Zielstellungen von Gedenkstättenpädagogen aufnehmen. Das umfasst zum einen Fragestellungen nach den pädagogischen Konzepten der Gedenkstätten und ob sich aus ihnen eine gemeinsame übergeordnete Struktur für die pädagogische Arbeit ableiten lässt. Dies bezieht auch Fragen nach der Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern, an die Anforderungen der Wissensvermittlung und zum Verlauf der Gedenkstättenbesuche ein. Zum anderen wird nach der Funktion der Gedenkstätte als Ort des Gedenkens und als Ort des Lernens gefragt. Inwieweit fungieren Gedenkstätten in ihrer Vermittlung der NS-Geschichte heute noch als Gedenkort? Lässt sich eine Verschiebung des Begriffs Gedenkort zum Begriff Lernort aufgrund eines »Verschiebungsprozesses der Erinnerungsgenerationen« feststellen?[1]

Grundlage der Untersuchung bildet die Auswertung von qualitativen Interviews mit pädagogischen Mitarbeitern von sieben NS-Gedenkstätten, die im März und April 2005 geführt wurden.2 Für die Interviews wurden Gedenkstätten mit nationaler, internationaler oder regionaler Bedeutung ausgewählt, die in den letzten Jahren neue Formen in der Bildungsarbeit entwickelt haben. Einbezogen in die Auswahl wurden ebenso Kriterien wie Besucherzahl und die historische Bedeutung des Ortes. Die Auswahl kann allerdings nur als beispielhaft gelten. Befragt wurden die pädagogischen Mitarbeiter der NS-Gedenkstätten Breitenau: Dr. Gunnar Richter; Dachau: Peter Koch; Düsseldorf: Astrid Wolters und Hildegard Jakobs; Flossenbürg: Dr. Alexander Schmidt; Hadamar: Regine Gabriel; Haus der Wannsee-Konferenz: Elke Gryglewski; Neuengamme: Dr. Frank Jürgensen und Sachsenhausen: Andreas Hoffmann. Zur Vorbereitung der Interviews bekamen die Pädagogen einen Fragebogen zugeschickt. Die Entwicklung des Fragebogens erfolgte in Bezug zum Adressaten. Dabei wurden die pädagogischen Konzepte der jeweiligen Gedenkstätten berücksichtigt und versucht, sich in den Fragen auf diese zu beziehen. Die Interviews erfolgten per Telefon und bewegten sich in einem Zeitrahmen von dreißig Minuten bis zu zwei Stunden.

Ziele der Gedenkstättenpädagogik

Vermittlung von Geschichtswissen

Das wichtigste Ziel der Gedenkstättenarbeit besteht für alle Befragten in der Vermittlung von Geschichtsverständnis und -wissen zur NS-Zeit. Eine Differenzierung in Bezug auf die Vermittlung des geschichtlichen Wissens lässt sich zwischen Gedenkstätten mit regionaler und überregionaler Bedeutung wahrnehmen. Die Gedenkstätten mit großer nationaler und internationaler Bedeutung, wie Dachau, Flossenbürg, Neuengamme und Sachsenhausen, sehen ihre Rolle vor allem in der Vermittlung der allgemeinen Strukturen und Geschichte des Konzentrationslagers, in der die Opfergruppen in ihrer Gesamtheit dargestellt werden. Betont wird der Anspruch, dass bei den Schülern »ankommen sollte, was ein KZ gewesen ist und ein differenzierter Zugang zu dieser Thematik« (A. Schmidt) geschaffen wird. Die Gedenkstätten mit hauptsächlich regionalem Publikum, z.B. Breitenau, Düsseldorf, Hadamar fokussieren dagegen einen individuelleren Zugang zur Thematik durch einen biographiegeschichtlichen Ansatz mit regionalem Bezug. Aufgrund der geringeren Besucherzahlen in diesen Gedenkstätten ist eine individuellere Vorbereitung der Gedenkstättenbesuche von Schulklassen wesentlich besser möglich. Dies versuchen allerdings auch die größeren Gedenkstätten zu leisten, indem durch persönliche Absprachen der Besuch im Vorfeld vorbereitet wird.

Im Vordergrund steht dabei das entdeckende Forschen und Lernen durch eigenständiges Arbeiten, das einen individuellen Auseinandersetzungsprozess anregen soll. So möchte die Gedenkstätte Düsseldorf durch Zeitzeugengespräche und dem Konzept der Spurensuche die Verfolgung von Opfergruppen am Beispiel der Stadt Düsseldorf aufzeigen und daran deutlich machen, dass »die NS-Zeit gleichzeitig in allen deutschen Städten stattgefunden hat« (A. Wolters). Für die Gedenkstätte Breitenau steht die Vermittlung des regionalen Bezugs zur NS-Geschichte im Vordergrund, die an einzelnen Verfolgten- und Opfergruppen dargestellt wird und »darüber den Opfern und Verfolgten eine Würdigung« (G. Richter) zukommen lassen will. Anhand der gut erhaltenen Aktenlage soll auch aufgezeigt werden, welche Behörden, Institutionen und Organisationen in den »bürokratischen Verfolgungsapparat« (G. Richter) eingebunden waren. Zudem ist ein individueller Zugang für Schülergruppen durch die Bereitstellung von Aktenmaterial zu bestimmten regionalen Orten in Hessen gegeben. Das »Informieren über NS-Euthanasieverbrechen« sieht die Gedenkstätte Hadamar als ihr wichtigstes Ziel an. Dies schließt das Gedenken und die Beschäftigung mit der Opfergruppe der Behinderten ein und ist »mit vielen Gefühlen besetzt«. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, dass »die Opfergruppe, über die wir reden, auch eine Besuchergruppe ist, die ihr eigenes Schicksal erfährt« (R. Gabriel).

Vermittlung von Quellen

In allen Gedenkstätten rückt die Arbeit mit historischen Quellen aufgrund des zunehmenden zeitlichen Abstands immer mehr in den Mittelpunkt. Die Arbeit mit Zeitzeugen gestaltet sich in den befragten Gedenkstätten unterschiedlich. In der Hälfte der Gedenkstätten ist die Arbeit mit Zeitzeugen aufgrund der geographischen Gegebenheiten (zu große Entfernung zu nächst größeren Städten), der Funktion des Ortes während des Nationalsozialismus (Haftdurchgangslager, Polizeigefängnis, »Euthanasie«-Anstalt) und der heutigen Arbeitsbedingungen in der Gedenkstätte nur bedingt oder gar nicht möglich. Diese Gedenkstätten haben in ihrer pädagogischen Arbeit seit jeher verstärkt auf den Einsatz von historischen Quellen, Video- und Audioaufnahmen von Zeitzeugeninterviews sowie Schriftdokumenten zurückgegriffen. Die Gedenkstätten, in denen regelmäßig Zeitzeugengespräche in Form von Informationsabenden, Veranstaltungen oder nach Rundgängen stattfinden, arbeiten ebenfalls mit historischen Quellen und Dokumenten. Das Fehlen der direkten Erzählung von Zeitzeugen wird von allen Befragten als Verlust wahrgenommen. Die direkte Begegnung zwischen Zeitzeugen und Schülern während des Besuchs in Gedenkstätten stellt einen hohen Wert für die Bildungsarbeit dar. In den pädagogischen Konzepten wird versucht, das Fehlen der Zeitzeugen durch die Arbeit mit Biographien zu kompensieren. E. Gryglewski stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass »Zeitzeugenarbeit weiterhin in Zusammenhang mit Quellenmaterial möglich« ist. F. Jürgensen spricht von einer »Verlängerung der Erzählung«, die von den Zeitzeugen auf die Museumspädagogen übergehe. Anzumerken ist nach Jürgensen aber auch, dass die heutige Entwicklung dahin verläuft, »dass es eine Rückdatierung in die Zeit gibt, wo von einem Einsatz von Zeitzeugen die Rede war«.

Innerhalb der pädagogischen Arbeit nimmt das eigenständige Arbeiten mit historischen Quellen wie Aktenmappen und Dokumenten sowie Biographien einen immer größeren Raum ein. Im Vordergrund steht dabei der Ansatz, »durch individuelle Biographien Geschichte zu vermitteln, die eine Allgemeingültigkeit für alle Opfer hat« (E. Gryglewski). Bei den Schülern besteht nach Aussage der Befragten auch ein großes Interesse an einzelnen Personen und Verfolgtengruppen sowie ihren Biographien. Damit soll bei ihnen ein Auseinandersetzungsprozess angeregt und Interesse geweckt werden, was soweit führen kann, dass auch »ihre eigene Rolle im zeitgeschichtlichen Prozess in Frage« gestellt wird. H. Jakobs und A. Wolters heben in der Quellenarbeit den Umgang mit konkreten Orten (wie Häusern, Straßen) und die »Aktivierung und Zusammensetzung von einzelnen Geschichtselementen« hervor, die zu einer »Überbrückung des zeitlichen Abstands« beitragen können.

Gedenken

Als weiteres großes Ziel sehen dreiviertel der Gedenkstätten die Vermittlung von Empathie und Anteilnahme mit den Opfern, die aber nicht in »eine Betroffenheitspädagogik« (E. Gryglewski) übergehen soll. Man möchte viel mehr mit seiner Arbeit zur Anteilnahme appellieren, »versuchen, darüber zu informieren, was die Menschen erlebt haben« (F. Jürgensen) und »vermitteln, dass Schüler sich vorstellen können, was die Verfolgung, Entrechtung für die Menschen bedeutet hat« (E. Gryglewski). In Düsseldorf ist die Initiierung von Projekten mit Schulen für Gedenkveranstaltungen, z.B. für den 9. November, den 27. Januar, ein wichtiges Element der Gedenkstättenarbeit. Ebenso wird in Hadamar auf das Gedenken an die Opfer verwiesen, dass durch verschiedene Rituale, wie Friedhofsbesuche, geprägt wird. Damit hebt R. Gabriel auch die Bedeutung von Gedenkstätten als Friedhöfen hervor. Der Besuch des Friedhofs durch die Schüler bildet den Abschluss der Studientage in Hadamar und ist bewusst als Abschlussritual gesetzt, dass neben Gedenken und Erinnern auch deutlich machen soll, »dass der Ort (der Gedenkstätte) verlassen wird und mein Leben weiter geht«. In der Gedenkstätte Dachau weist P. Koch dagegen darauf hin, dass »das bisherige Konzept des Gedenkortes zunehmend in ein Konzept des Lern- und Gedenkortes umgewandelt werden« muss, da die »Reduktion nur auf das Gedenken wenig hilfreich« ist und sich »die Relevanz erst aus der Frage [ergibt]: was, wem man hier eigentlich gedenken« soll. Auch A. Schmidt plädiert dafür, den Begriff des Gedenkens zu hinterfragen durch »das Vermitteln der Eingebundenheit von Gedenken an den Ort und an Gedenktagen«. Anhand von »Modellen des Gedenkens« sollte nach der Thematik gefragt werden, eine »persönliche Betroffenheit« sollte den Schülern dagegen nicht abverlangt werden.

Die Bedeutung des historischen Ortes

Hervorgehoben wird von allen Befragten die Bedeutung, die der historische Ort für die Arbeitszielstellung besitzt. Unter dem Begriff historischer Ort wird der Ort des Geschehens verstanden, »als Ort, der ein bestimmtes geschichtliches Ereignis darstellt, das an diesem Ort stattgefunden hat« (E. Gryglewski). Aufgrund der Überformung und Umnutzung dieser »authentischen Orte« in der Nachkriegszeit wird heute zunehmend der Begriff »historischer Ort« gebraucht. A. Schmidt hebt die zentrale Bedeutung des Terminus hervor, »da Authentizität nicht mehr gegeben sein kann«. A. Hoffmann von der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen sieht in der Vermittlung des historischen Ortes »den Hauptbeitrag zum Nachdenken über die Zeit«.

In Verbindung mit dem Terminus »historischer Ort« fällt bei drei Befragten der Begriff der Spurensuche, die als pädagogisches Angebot für Schulklassen innerhalb der Führungen bzw. Projekttage eine große Rolle spielt, da nur über die »Erfahrung der Spurensuche eine sinnliche Erfahrung des Ortes« (R. Gabriel) stattfinden kann. Anhand der vorhandenen Relikte und Überreste soll der Ort durch entdeckendes Lernen wahrgenommen werden. Dabei kommen dem Ort und den Räumen »so etwas wie Beweiskraft zu«, die über die »rein schriftlichen Quellen« (G. Richter) hinausgeht. Sie heben die Bedeutung des historischen Ortes in Zusammenhang mit einer sinnlichen Erfahrung hervor, die »durch den Rundgang durch das Gelände und die Hafträume« (G. Richter) entsteht.

Fünf Befragte sehen in dem Begriff historischer Ort auch eine Auseinandersetzung mit der Nachgeschichte und der Historisierung des Ortes. Die Entwicklung der Gedenkstätte, die von der Erhaltung der Originalräume bis zur Überbauung und Neugestaltung reichen kann, muss in der Vermittlung des Ortes mit berücksichtigt werden, da »die Topographie des Ortes immer eine Funktionalisierung in sich birgt und darüber die Wahrnehmung des Ortes« (P. Koch) geschieht und der heutige Ort nicht losgelöst von dieser betrachtet werden kann. A. Schmidt weist auf die notwendige Betreuung vor Ort in Flossenbürg hin, »um die Ortsschichten zu verstehen«, da »der historische Ort vollkommen überbaut wurde und man nicht mehr so ohne weiteres sehen kann, wo das Lager gestanden haben könnte«.

Pädagogische Angebote der Gedenkstätten

Die Gedenkstätten bieten eine breite Palette von pädagogischen Angeboten an. Diese reichen je nach Größe und Ausstattung der Gedenkstätten von Führungen über Projekt- und Studientage bis zu Jugendbegegnungsstätten und Lehrerfortbildungsprogrammen. Erste Informationen zu den pädagogischen Angeboten kann man bei allen Gedenkstätten über die Homepage sowie über Infomaterialien, Broschüren und Programme erhalten. Die Besuchergruppen der Gedenkstätten erstrecken sich vom Einzelbesucher über Schul- und Ausbildungsklassen sowie Studienseminaren bis zu Erwachsenengruppen. Im Vorfeld eines Besuchs von Schulklassen bieten alle Gedenkstätten ein oder mehrere Beratungsgespräche am Telefon oder vor Ort an. Diese sind für einen Besuch in der Gedenkstätte unerlässlich und werden von allen Mitarbeitern gefordert, da während des Gesprächs abgeklärt wird, in welchem Rahmen der Besuch stattfindet, was bisher an Wissen vermittelt wurde, sowie um über die spezifischen Möglichkeiten des Besuchs zu informieren. Das persönliche Gespräch – in der Gedenkstätte Dachau gibt es zudem einen Besucherfragebogen – ist für alle Gedenkstättenmitarbeiter das wichtigste Mittel für die Vorbereitung des Besuchs, da erst aus diesem heraus die Wahl der Methode und, insbesondere bei den regional orientierten Gedenkstätten, eine individuelle Betreuung möglich wird.

Die Wahl des Angebots hängt vom Alter der Schulkassen ab. Bis auf zwei Gedenkstätten weisen alle darauf hin, dass der Besuch frühestens ab der achten, teilweise neunten Jahrgangsstufe erwünscht ist, da zu diesem Zeitpunkt die NS-Geschichte im Unterricht behandelt wird. Die Gedenkstätten Hadamar und Düsseldorf arbeiten auch mit Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Hadamar setzt in dieser Arbeit vor allem kreativ-künstlerische Methoden ein, um »eine Lernatmosphäre herzustellen, in der die Kinder sich ihren Lernort selbst erobern« (R. Gabriel), Düsseldorf bietet das Konzept der Spurensuche an.

Die Führung ist nach wie vor die meist gewählte Form des Gedenkstättenbesuchs. Sie beinhaltet einen Rundgang über das Gelände und durch die Ausstellungen und dauert in der Regel zwei bis drei Stunden. Die Mehrheit der Mitarbeiter hebt hervor, dass die Führung auf einen Dialog mit den Schülern ausgerichtet ist und kein Monolog des Pädagogen sein soll, da die »Arbeit mit den Schülern am problematischsten ist, wenn man lange Vorträge hält« (G. Richter). Mehrere Mitarbeiter nehmen allerdings eine Veränderung in der Wahl der pädagogischen Methoden, weg von den Führungen hin zu den Projekttagen, wahr. Die Wahl des Projekttages erfolgt meist von Lehrern, die die Gedenkstätte zum zweiten Mal besuchen und eine ausführlichere Beschäftigung mit der Thematik anstreben oder von Lehrern, die dem »selbständigen Arbeitsanteil mehr Zeit widmen möchten« (G. Richter). Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang, dass das »Projektorientierte Arbeiten von den Schülern und Lehrern sehr positiv aufgenommen wird, da sie da etwas Eigenständiges tun können, ein eigenständiges Produkt« entsteht (G. Richter). Die Themenschwerpunkte der Projekttage sind von der spezifischen Ausrichtung der jeweiligen Gedenkstätte abhängig und umfassen neben Informationen zu den Opfergruppen und dem Lageralltag beispielsweise Wissen zu den Thematiken Zwangsarbeit, Außenlager, Todesmärsche und Nachkriegsgeschichte. Projekttage dauern in der Regel fünf Stunden und werden vor allem für Schüler ab der 10. Jahrgangsstufe empfohlen. Neben diesen Angeboten führen einige Gedenkstätten, z.B. Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, NS-Gedenkstätte Dachau, noch Lehrerfortbildungsprogramme und Work-Camps für Schüler durch, die mehrere Tage dauern und die Arbeit mit Archivmaterialien sowie die Erarbeitung eines eigenen Projektes vor Ort umfassen.

Erwartungen der Gedenkstättenpädagogen an die Zusammenarbeit mit Lehrern

Nach den Erfahrungen der Gedenkstättenpädagogen liegt die Hauptmotivation für einen Gedenkstättenbesuch bei den Lehrern nach wie vor darin, mehr über die NS-Zeit zu erfahren. Die Gedenkstätte ist Ort der Information zur NS-Geschichte. »Dinge, die im Schulunterricht allgemeiner bearbeitet werden« (G. Richter), sollen hier differenzierter wahrgenommen werden. Schüler und Lehrer erhoffen, »etwas über die Nazizeit, Entwicklung, Verfolgung und Widerstand in der eigenen Region zu erfahren«. In der Zusammenarbeit mit den Lehrern zur Vorbereitung des Gedenkstättenbesuchs ist für die Gedenkstättenpädagogen von besonderer Bedeutung, dass die Lehrer »wissen, was eine Gedenkstätte ist und was sie leisten kann« (A. Hoffmann) und dass sie eine »Vorstellung davon haben, was sie in der [jeweiligen] Gedenkstätte erwartet« (F. Jürgensen). Weiterhin wird erwartet, dass der Besuch in der Schule vorbereitet wird. Dabei sollte Grundlagenwissen zur NS-Geschichte vermittelt werden. Alle Gedenkstättenmitarbeiter fordern dabei, die »Einbettung des Besuchs in eine Unterrichtseinheit«, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, »das Erleben des Ortes auf einer Wissensfolie ablagern zu können« (P. Koch). Dazu gehört auch die Vermittlung von Wissen zur deutschen Geschichte im Allgemeinen sowie zur Nachkriegszeit. Es wird nicht erwartet, dass die Schüler Faktenwissen reproduzieren, sondern vielmehr »Zusammenhänge innerhalb der Geschichte erkennen« und motiviert sind, »sich mit der Thematik auseinander zu setzen« (E. Gryglewski).

Die Zusammenarbeit mit Lehrern während des Gedenkstättenbesuchs wird von allen Gedenkstättenmitarbeitern mehrheitlich als »unproblematisch«, »angenehm« und »gut bis sehr gut« empfunden. Abhängig ist dies vor allem bei den Lehrern »von der eigenen Einstellung und der Bereitschaft zur Kooperation«. Es wird erwartet, dass die »Lehrer sich während des Besuchs aufmerksam, aber zurückhaltend verhalten« und »den Schülern während der Gespräche den Vorrang lassen« (F. Jürgensen). Wichtig für die Gedenkstättenpädagogen ist, dass die Lehrer sich auf die Konzepte und Methoden einlassen und ihnen bewusst ist, dass »kein Schulunterricht in der Gedenkstätte stattfindet« (A. Schmidt). Dies beinhaltet auch, dass die Lehrer den Gedenkstättenbesuch nicht durch Noten bewerten, sondern die Gedenkstätte als »außerschulischen Lernort begreifen«, dessen »Inhalt für die Schule verwendbar ist« (A. Wolters).

Problematisch gestaltet sich die Arbeit mit Lehrern, die während des Besuchs selbst referieren, sich nicht vorbereitet haben und ein Desinteresse äußern.

Erwartungen der Gedenkstättenpädagogen an die Zusammenarbeit mit Schülern

Die Zusammenarbeit mit den Schülern wird zu einem großen Teil von der Vorbereitung durch die Lehrer geprägt. Wenn möglich sollten die Schüler im Vorfeld des Besuchs an der Vorbereitung dessen, was in der Gedenkstätte stattfindet, mitwirken (E. Gryglewski). So ist nach F. Jürgensen in den letzten Jahren ein größeres Interesse von Schülern ablesbar, die Gedenkstätte zu besuchen.

Die Gedenkstättenmitarbeiter erwarten, dass die Schüler eine »Offenheit für den Ort«, aber auch »Respekt vor dem Ort« haben. Sie sollten »darüber informiert sein, was es bedeutet, wenn man an einem solchen Ort ist« und das eine »Gedenkstätte gleichzeitig auch [einen] Friedhof« darstellt (A. Schmidt). Die Einführung in den Rundgang über das Gelände und die Ausstellung oder den Projekttag ist für die Mehrheit der Pädagogen das wichtigste Moment, da hier neben der »Vermittlung von Basisinformationen« (F. Jürgensen), die Erwartungshaltung aufgenommen, Eindrücke erfragt und das Grundwissen wahrgenommen wird. Es geht darum, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, die »Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie reagieren die Gruppen, wie bekomme ich Kontakt« (P. Koch), um eine Aufmerksamkeit füreinander herstellen zu können. Mehrere Pädagogen äußern die Beobachtung, dass aufgrund der Lehrplankonzeptionen bei einigen Schulformen, z.B. in den Gesamtschulen und Gymnasien in Nordrhein Westfalen und Brandenburg, weniger Zeit für die Vermittlung der NS-Geschichte besteht. Folge dessen ist, dass weniger Besuche in Gedenkstätten stattfinden und das Wissen zur NS-Geschichte nachlässt und »die Gedenkstätte immer mehr zur Serviceeinrichtung werden muss, die das historische Wissen vermittelt« (A. Schmidt). Dies gestaltet die pädagogische Arbeit in den Gedenkstätten selbst schwieriger, da die Wissensvermittlung komplexer wird.

Von vielen Gedenkstättenpädagogen wird festgestellt, dass das Hintergrundwissen zur NS-Geschichte nachlässt und von Schülern wiederholt die Frage auftaucht, »was hat das mit uns zu tun?« (P. Koch). Es ist eine »allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema zu spüren«, die von Vorstellungen aus Spielfilmen, dass man in der Gedenkstätte Gaskammern, Krematorien und Stacheldrahtzäune vorfindet, begleitet wird. A. Schmidt hebt hervor, dass es diese »immergleichen Erwartungshaltungen sind, dass es um Juden geht, dass es eine Gaskammer gab, Bilder von Leid und Leichen«, die man innerhalb des Gedenkstättenbesuchs wahrnehmen und kritisch hinterfragen muss. Es fällt den Mitarbeitern auf, dass viele Schüler äußern, »dass das eine Geschichte sei, die sie nichts mehr angeht« (E. Gryglewski). Zwar setzen sie sich mit den Inhalten auseinander, aber von emotionalen Reaktionen ist dies nicht begleitet. Eine Veränderung ist nach Meinung der Hälfte der Befragten auch dahingehend abzulesen, dass es in den Fragestellungen zur NS-Geschichte eine Orientierung an politischen Debatten, z.B. der Thematik der Menschenrechtsfragen, dem Völkermord in Ruanda, zu Antisemitismus und Rechtsextremismus und zu tagesaktuellen Fragestellungen, z.B. zum Holocaustmahnmal, den Folterungen in Abu Ghraib, gibt. Fragen der gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Entwicklung nehmen somit innerhalb der Besuche von Schülergruppen einen immer größeren Raum ein. P. Koch weist in diesem Zusammenhang auf die »Historisierung der NS-Geschichte« hin. Die Gedenkstätte wird durch diese Fragestellungen in Zukunft immer mehr die Funktion eines Ortes der politischen Bildung einnehmen und die Definition als Lernort wahrzunehmen haben. Verbunden damit weisen einige Gedenkstättenmitarbeiter auf die Notwendigkeit von neuen und überarbeiteten Ausstellungskonzeptionen hin, da vor allem Schülergruppen einen hohen medialen Anspruch an die Präsentation von Geschichte haben.

Alle Mitarbeiter heben in ihrer Arbeit mit den Schülern hervor, dass es »nicht der Anspruch von Gedenkstätten sein [sollte], Einstellungen ändern zu wollen« (A. Schmidt). Man möchte vielmehr den Schülern einen Anstoß geben, »sich eigene Fragen zu stellen«, einen Wissenstransfer anregen: »wenn sie Wissen erwerben, ist das Spannende der Transfer, was machen sie mit dem Wissen« (H. Jakobs). Einige formulieren die Beobachtung, »dass sich bei den Besuchen etwas verändert, dass die Besuche nichts mehr mit den Voreinstellungen zu tun haben, mit denen man hierher gekommen ist«. So stellt P. Koch fest, dass schon etwas erreicht wird, wenn die Schüler während des Besuchs von ihren »voyeuristischen Aufnahmen, die in der Frage nach Gaskammern und Verbrennungsöfen bestehen, wegkommen und verstehen, dass es nicht darum geht, Highlights abzulaufen.« Dieser Prozess kann in der Gedenkstätte allerdings nur in Gang gesetzt werden. Eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit weiteren Fragestellungen sowie die Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins muss in der Schule stattfinden.

Resümee

Die Pädagogen der befragten Gedenkstätten sehen ihre Hauptaufgabe vor allem in der Vermittlung der Geschichte des historischen Ortes, der Verfolgungsgeschichte der Opfer und der Herstellung der Zusammenhänge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Des Weiteren schließt die Beschäftigung mit der NS-Geschichte die Würdigung und Empathie mit den Opfern ein. Trotz einer Verschiebung der Erinnerungsgenerationen spielt somit die Frage des Gedenkens in den Gedenkstätten nach wie vor eine wichtige Rolle. Überlegt werden muss in diesem Zusammenhang allerdings, welche Erinnerungsformen gewählt werden, um »den Schülern das Gedenken nicht abzuverlangen«, sondern ihnen eine »Spannbreite von Modellen des Gedenkens« (A. Schmidt) aufzuzeigen, die im Zusammenhang mit ihren eigenen Auseinandersetzungsprozessen stehen. Dabei erhalten Fragestellungen nach aktuellen politischen Debatten eine immer größere Bedeutung und werden in die Vermittlung von Geschichtswissen einbezogen. Die Anforderung an die Gedenkstättenpädagogik nicht nur die NS-Geschichte zu vermitteln, sondern sich auch mit der Zeitgeschichte auseinanderzusetzen, wird innerhalb der Gedenkstättenarbeit in Zukunft einen wichtigen Parameter bilden. Parallel dazu gewinnt das eigenständige Arbeiten von Schülergruppen, vor allem während der Projekttage, immer mehr an Bedeutung. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Gedenkstättenmitarbeitern und Lehrern muss aufgrund der neuen Lehrplankonzeptionen angestrebt werden, die weniger Zeit für die Vermittlung der NS-Geschichte zulassen. Die Gedenkstättenpädagogik kann den fehlenden Geschichtsunterricht zwar nicht kompensieren, aber durch differenzierte Absprachen mit den Lehrern können individuelle Zugänge geschaffen werden, die den Schülern einen Zugriff auf das Wissen während des Gedenkstättenbesuchs ermöglichen.

Gedenkstätten nehmen aufgrund dieser Aufgaben und neuen Anforderungen die Funktion des Lernortes und des Ortes der politischen Bildung immer mehr wahr. Die Umsetzung dieses Prozesses muss sowohl Eingang in die Ausstellungskonzeptionen als auch in die pädagogischen Konzepte finden. Die Gedenkstättenpädagogik ist dabei auf eine enge Kooperation mit den Kuratoren der Ausstellungen angewiesen, da sie nur durch konzeptionelle Zusammenarbeit die Anforderungen erfüllen kann, die seitens der Besuchergruppen an sie gestellt werden.
 

Der Aufsatz von Ulrike Schneider ist während eines sechsmonatigen Hochschulpraktikums bei der Stiftung Topographie des Terrors entstanden. Seit Dezember 2006 ist Ulrike Schneider Stipendiatin beim Graduiertenkolleg Makom an der Universität Potsdam. Das Thema ihrer Dissertation lautet »Heimatkonstruktionen in der deutsch-jüdischen Erinnerungsliteratur«.
 

[1] Knigge, Volkhard: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002.

[2] Die Untersuchung ist während eines Hochschulpraktikums bei der Stiftung Topographie des Terrors/ Bereich Gedenkstättenreferat unter der Betreuung von Thomas Lutz im Frühling 2005 entstanden. Angeregt wurde die Arbeit durch die Erhebung »Pädagogik in Gedenkstätten der Bundesrepublik Deutschland – Erfahrungen« von Prof. Hanns-Fred Rathenow und Marco Parizek, die 2000 durchgeführt und auf der Tagung »Pädagogik in Gedenkstätten« im Herbst 2000 in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz vorgestellt wurde. www.ghwk.de/deut/tagung/rathenow.htm (8. 3. 2005)