Gedenkstättenarbeit in Baden-Württemberg

Zusammenarbeit – Ausbau – Künftige Aufgaben
10/2015Gedenkstättenrundbrief 179, S. 15-24
Sibylle Thelen

Baden-Württemberg hat eine besondere Gedenkstättenlandschaft. Sie erstreckt sich über den gesamten Südwesten und führt vor Augen, wie allgegenwärtig das NS-Regime war. Mehr als siebzig Lern- und Gedenkorte sowie Gedenkstätteninitiativen verweisen auf diese Zeit. Dabei verankern sie die Geschichte im konkreten Umfeld, in Städten und Nachbarschaften, in der scheinbar entlegenen Provinz, und dokumentieren zugleich, wie umfassend die Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten waren. Die baden-württembergischen Gedenkstätten erinnern an politische Verfolgung, an Verbrechen an Juden, an Sinti und Roma, an Kranken und Behinderten, an politisch und weltanschaulich Andersdenkenden, an Homosexuellen und anderen. Sie verweisen auf Deportation und Völkermord, auf Zwangsarbeit und auf den Beginn der NS-»Euthanasie«-Verbrechen im Januar 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Sie halten zudem im Bewusstsein, dass es auch Menschen gab, die sich der Diktatur entgegenstellten. Georg Elser, den Stauffenbergs und den Geschwistern Scholl sind eigene Gedenkstätten gewidmet.

Noch etwas anderes charakterisiert die Gedenkstättenlandschaft im deutschen Südwesten. Sie ist weithin vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger getragen. Oftmals galt es Widerstände vor Ort zu überwinden, Ablehnung oder gar Anfeindungen auszuhalten, bevor die Einrichtungen gegründet werden konnten – zu den ersten zählten 1985 die KZ-Gedenkstätte am Oberen Kuhberg in Ulm, dem Standort eines frühen Konzentrationslagers in Württemberg, und das Pädagogisch Kulturelle Centrum Freudental in einer ehemaligen Synagoge, die den Novemberpogrom 1938 überstanden hatte, um dann in der jungen Bundesrepublik vom Abriss bedroht zu sein. Seitdem haben sich weitere Gedenkstätten etabliert: in einstigen Synagogen, die nach der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zu Werkstätten oder Lagerräumen umfunktioniert worden waren; bei Stollen, in Tunnelanlagen und Steinbrüchen, wo die Rüstungsindustrie in den letzten Kriegsmonaten KZ-Häftlinge ausgebeutet hatte. Zumeist sind es Ehrenamtliche gewesen, die diese Geschichte erforscht haben und denen es ein Anliegen gewesen ist, das Gespräch mit Überlebenden zu suchen.

Gedenkstättenarbeit und gerade auch das zivilgesellschaftliche Engagement auf dem Feld der Erinnerungskultur werden in Baden-Württemberg heute parteiübergreifend gewürdigt. »Gedenk- und Erinnerungsstätten sind Teil unserer politischen Kultur«, heißt es etwa in der 2011 einstimmig vom Landtag beschlossenen Konzeption »Kultur 2020«.[1] »Sie sind unverzichtbarer Bestand unseres Bildungswesens geworden«, antwortete die Landesregierung 2011 in ihrer Stellungnahme auf einen parteiübergreifenden Antrag.[2] Von »begehbaren Geschichtsbüchern« sprach die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die in ihrem Vortrag anlässlich der Gedenkstunde des Landtags am 27. Januar 2012 zugleich hervorhob, Erinnern sei ein demokratisches Anliegen und könne nicht allein Aufgabe des Staates sein.[3] »Gedenkstätten sind Orte produktiver Auseinandersetzung«, stellte Kultusminister Andreas Stoch (SPD) im November 2014 beim jährlichen Symposium der Elser-Gedenkstätte in Königsbronn fest und umriss ihr Wirkungsfeld »von der kognitiven Anschauung über Betroffenheit hin zu Partizipations- und Handlungsbereitschaft angesichts der Erkenntnis, dass Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt noch heute eine Gefahr für unser demokratisches Gemeinwesen sind«.[4]

Von den ersten Anfängen bis zur vernetzten Arbeit von heute ist es ein langer Weg gewesen. Im Oktober 1994 schlossen sich 17 Gedenkstätten zur Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten in Baden-Württemberg (LAG) zusammen. Darunter waren so unterschiedliche authentische historische Orte wie die Ehemalige Synagoge Sulzburg, das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm oder auch die KZ-Gedenkstätte Vaihin­gen/Enz, eines der rechtsrheinischen Außenlager des KZ-Komplexes Natzweiler. Im April 1995 verabschiedete die LAG die Vaihinger Präambel. Diese fasst zentrale Ziele zusammen: das Erinnern und Gedenken an die Opfer; das Gespräch mit Zeitzeugen und Nachlebenden; das Eintreten gegen Rassismus, Extremismus und Antisemitismus.[5] Heute zählen etwa 60 Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen zu dem Verbund, der seinen Namen entsprechend um die Gedenkstätteninitiativen erweitert hat. Ihre Akteure treffen sich einmal im Jahr zur LAGG-Delegiertenversammlung. Alle zwei Jahre wird der LAGG-Sprecherrat gewählt. Das derzeit achtköpfige Gremium kommt regelmäßig zu Sitzungen zusammen.

Parallel zu diesen Strukturen hat sich auch die Gedenkstättenförderung entwickelt. Ende 1995 beschloss der Landtag, die Gedenkstätten durch die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) fördern zu lassen.[6] Mit dieser Entscheidung entsprach er einem Wunsch der Gedenkstätten. Damals standen 70 000 Mark zur Verfügung. Die Mittel wurden aufgestockt und blieben von 2005 bis 2011 mit jährlich 200 200 Euro auf konstantem Niveau. Seitdem zeichnen sich deutliche Veränderungen ab. In drei Schritten sind die Fördermittel des Landes für Gedenkstättenarbeit der LAGG auf derzeit 496 900 Euro erhöht worden. 2016 wird eine weitere Aufstockung auf 621 900 Euro folgen. Auch für 2017 ist eine Verbesserung vorgesehen. Der Landtag hat diesen Prozess in mehreren Plenardebatten begleitet. Dabei brachten Abgeordnete präzise Kenntnisse der Gedenkstättenarbeit ein, etwa den Hinweis auf steigende Besucherzahlen[7], und würdigten parteiübergreifend die geleistete Arbeit vor Ort. Zu diesem Prozess zählten auch zahlreiche Gespräche von Gedenkstättenvertretern mit Entscheidungsträgern in der Politik. Seither haben sich Kontakte etabliert. Einmal im Jahr trifft sich ein Kreis von Abgeordneten aller Landtagsfraktionen mit dem LAGG-Sprecherrat sowie mit Vertretern der LpB und vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das für einige museale Gedenkstätten zuständig und Träger des künftigen Geschichtsorts im »Hotel Silber«, der früheren Gestapozentrale Württemberg, ist.

Die steigenden Besucherzahlen, die wachsenden Angebote der Gedenkstätten in der Bildungsarbeit ebenso wie die zunehmende Nachfrage von Schulen, aber auch die Mittelaufstockungen verbunden mit einer steigenden Wahrnehmung der Gedenkstättenarbeit in der Öffentlichkeit haben eine unübersehbare Dynamik erzeugt. Zum einen sind von der LAGG eigene Vorstellungen entwickelt worden, wie die Fördermittel verteilt werden können. Zum anderen haben die Gedenkstätten, unterstützt von der LAGG, gemeinsam größere Projekte auf den Weg gebracht. Diese Verbindung aus (erstens) struktureller und (zweitens) inhaltlicher Arbeit charakterisiert den Wachstumsprozess der vergangenen Jahre. Wie schon seit den Anfängen der Gedenkstättenförderung des Landes hat die LpB (drittens) diesen gestalterischen Prozess unterstützt und in enger Absprache mit der LAGG mit eigenen Angeboten begleitet. Zugleich haben (viertens) die Vorbereitungen für die zu erwartende Konsolidierungsphase begonnen, indem künftige Aufgabenfelder abgesteckt werden.

1 - Fördermittel und strukturelle Gestaltung der Gedenkstättenarbeit

Im Zuge der Mittelaufstockung sind die Förderarten ausgeweitet worden. In den vergangenen Jahren gab es zwei Förderarten: zum einen die institutionelle Förderung des Landes, die an zwei Gedenkstätten ging, an die Gedenkstätte Grafeneck und an das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg KZ-Gedenkstätte Ulm; zum anderen die klassische Projektförderung, die nachrangig und als Teilfinanzierung erfolgt. Beide Förderarten sind im Zuge der Mittelaufstockung schrittweise ausgeweitet worden. Zudem ist ein weiteres Förderinstrument hinzugekommen: die Basisförderung. Sie wurde vom LAGG-Sprecherrat gemeinsam mit der LpB entwickelt und zudem mit dem Förderbeirat, der paritätisch mit Vertretern der LpB und der LAGG besetzt ist, sowie mit der LAGG-Delegiertenversammlung abgestimmt. Diese Basisförderung ist inzwischen in den erweiterten Fördergrundsätzen als Sonderform der institutionellen Förderung verankert.[8] Die Basisförderung sieht jährliche Pauschalbeträge in bisher drei und von 2016 an in vier Kategorien vor:

Kategorie 1: 1000 Euro für Gedenkstätten, die ihre Gemeinnützigkeit nachweisen;

Kategorie 2: 1000 Euro für Gedenkstätten, die zudem eine bestimmte Anzahl von ehrenamtlich geleisteten Stunden, von Besuchern, Veranstaltungen oder Führungen nachweisen;

Kategorie 3: 1000 Euro für Gedenkstätten, die zudem Gebäude oder Außengelände erhalten müssen;

Kategorie 4: 6000 Euro können für Gedenkstätten, die zudem die Verstetigung ihrer ehrenamtlichen Arbeit durch einen Einstieg in Personalverantwortung planen, beantragt werden.

Ziel der Basisförderung ist es, die ehrenamtliche Arbeit an den Gedenkstätten zu festigen. Mit den Pauschalbeträgen sollen die Gedenkstätten in die Lage versetzt werden, Ausgaben abzudecken, die sich nicht über die Projektförderung finanzieren lassen. Die Kategorie 4 soll darüber hinaus auch auf personeller Ebene neue Spielräume eröffnen. Ehrenamtlich arbeitende Gedenkstätten haben die Möglichkeit, Minijobber einzustellen oder gemeinsam mit anderen Gedenkstätten feste Arbeitsverhältnisse zu begründen. Ziel ist es, einerseits die ehrenamtlichen Strukturen zu erhalten, denn Gedenkstättenarbeit lebt nicht zuletzt vom ebenso beharrlichen wie kritischen Engagement der Bürger. Andererseits ist der Generationswechsel an den Gedenkstätten unübersehbar. Wie für andere Vereine auch ist es schwierig, Nachwuchs dauerhaft zu binden. Deshalb wird es zu einer Zukunftsfrage, hauptamtliche Kerne zu schaffen. Je nach Bedarf können dabei Fachkompetenzen einbezogen werden: Historiker, Pädagogen, Internetexperten etc.

2 - Zusammenarbeit und inhaltliche Schwerpunkte

Die Gedenkstätten im Land wirken bei der konzeptionellen Weiterentwicklung der Gedenkstättenarbeit zusammen. Dazu zählt die Überlegung, den Ausbau von Verbünden voranzutreiben. Seit 2010 besteht der Gedenkstättenverbund Gäu Neckar Alb e.V., der von zehn Gedenkstätten in Südwürttemberg gegründet worden ist.[9] Er hat gemeinsame Vorhaben angestoßen, die Kontakte zu Schulen intensiviert, die Partizipation von Jugendlichen zum Thema gemacht – und setzt damit Impulse über die eigenen Reihen hinaus. In Südbaden haben sich sechs Gedenkstätten zu dem Verbund »Gedenkstätten südlicher Oberrhein« zusammengeschlossen.[10] In Oberschwaben wiederum bündelt das Denkstättenkuratorium NS-Dokumentation in Weingarten die unterschiedlichen Erinnerungsorte in der Region.11 All diese Strategien verfolgen als gemeinsames Ziel die Vertiefung der historisch-politischen Bildungsarbeit.

Darüber hinaus arbeiten die Gedenkstätten auch bei Projekten zusammen. Im Erinnerungsjahr 2014 haben sie vielerorts den Blick auf die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« (George F. Kennan), auf den Beginn des Ersten Weltkriegs gerichtet. Zugleich nutzten deutsche und französische Gedenkstättenmitarbeiter das Jahr, um Neuland zu betreten: Gemeinsam erarbeiteten sie die Ausstellung »Freiheit – so nah, so fern. Das doppelte Ende des Konzentrationslagers Natzweiler«. Beteiligt an dieser grenzüberschreitenden, einstmalige Kriegsgegner zusammenführenden Kooperation waren das Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) am ehemaligen Stammlager Natzweiler-Struthof in den Vogesen und zehn Gedenkstätten an Standorten früherer Außenlager des KZ-Komplexes Natzweiler im heutigen Baden-Württemberg. Die Federführung im Land hatte die KZ-Gedenkstätte Neckarelz.[12] Zunächst wurde die Ausstellung am CERD eröffnet – am 13. September 2014, dem 70. Jahrestag der Evakuierung des Lagers. Dann folgte die Eröffnung auf rechtsrheinischer Seite, wo die Lager erst 1945 befreit worden waren – am 27. Januar 2015 in Stuttgart anlässlich der Gedenkstunde des Landtags. Auch die Leiterin des CERD, Frau Dr. Fréderique Neau-Dufour, und viele Vertreter von Gedenkstätten im Land waren zugegen.[13] Insgesamt ist die Ausstellung 2014/15 an 40 Orten in Frankreich und Deutschland zu sehen.

Für die LAGG ist die Ausstellung ein wichtiges Gemeinschaftsprojekt. Es verortet historische Zusammenhänge, es schafft Anknüpfungspunkte für ein umfassendes Begleitprogramm vor Ort und es vernetzt die Gedenkstätten im Land. Auf diesem Prinzip der Vernetzung basiert auch die Bündelung der Gedenkfeiern, Veranstaltungen und Ausstellungen zu den NS-»Euthanasie«-Verbrechen in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo 1940 binnen eines Jahres 10 654 Personen ermordet wurden.[14] Das landesweite Veranstaltungsangebot verdeutlicht, dass die Ermordeten von Grafeneck aus allen Landkreisen, Städten und so gut wie allen Gemeinden im heutigen Baden-Württemberg stammten. Zu diesem Programm zählte auch die Tagung »Ideengeschichte – Täterschaft – Aufarbeitung«, eine Kooperation mehrerer Partner am 25. Juni 2015 im Haus der Geschichte, die aktuelle Forschungsergebnisse zu den NS-»Euthanasie«-Verbrechen in den badischen und württembergischen Anstalten vermittelte.

Auf ähnlich vernetzte Weise wird nun auch auf den Jahrestag der Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden im Oktober 1940 nach Gurs verwiesen werden. In diesem Fall reicht die Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg bis nach Rheinland-Pfalz.

3 - Unterstützende Maßnahmen der LpB Baden-Württemberg

Die LpB begleitet die Vorhaben der Gedenkstätten. Kernaufgabe des Fachbereichs sind die Verwaltung und Koordination der Fördermittel sowie die Vernetzung der Gedenkstättenarbeit im Land. Der Fachbereich Gedenkstättenarbeit nimmt an den Beratungen des Sprecherrats teil, richtet die LAGG-Delegiertenversammlung aus, bietet seit einiger Zeit auch Fortbildungen und Exkursionen für Gedenkstättenmitarbeiter an. So wurde die Aufstockung der Fördermittel soeben mit zwei Fortbildungen zur Auftragsvergabe und zur Begründung von Arbeitsverhältnissen flankiert. Im vergangenen Jahr führte eine Exkursion an den Hartmannsweilerkopf in den Vogesen, einem Ort intensiver Kämpfe im Ersten Weltkrieg. 2015 reiste eine Gruppe baden-württembergischer Gedenkstättenvertreter an die KZ-Gedenkstätte Auschwitz in Polen.

Darüber hinaus organisiert der Fachbereich Lehrerfortbildungen an Gedenkstätten, lädt unter dem Titel »Erinnerungskultur – Erinnerungskonflikte« zu Podiumsgesprächen, veranstaltet mit Kooperationspartnern Fachtagungen zu Themen wie Antisemitismus heute, Rechtsextremismus, Homophobie – jeweils unter Einbezug der historischen Dimension. Gemeinsam mit Gedenkstätten gibt der Fachbereich zudem Lese- und Arbeitshefte in der Reihe MATERIALIEN heraus, zuletzt gemeinsam mit der Gedenkstätte Königsbronn zu Georg Elser. Klassische Publikationen der LpB auf dem Feld der Gedenkstättenarbeit sind zudem das Verzeichnis der Gedenkstätten in Baden-Württemberg, der Band »Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg« oder auch die deutsch-französische Programmbroschüre zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur, die alljährlich gemeinsam mit Partnern im Elsass herausgegeben wird.

Die Arbeit des Fachbereichs ist ohne Partner und Kooperation nicht vorstellbar. Zusammengearbeitet wird auch mit anderen Fachbereichen innerhalb der LpB. So etwa mit der Redaktion der Schriftenreihe zur politischen Landeskunde: In dieser Reihe ist in Kooperation mit Historikern und Gedenkstätten im Land ein umfassender Band zur NS-Geschichte im deutschen Südwesten entstanden, der Ende 2015 erscheinen wird.[15] In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Extremismusprävention werden an einzelnen Gedenkstätten nun auch Angebote für Projekttage entwickelt, die historische und aktuelle Module verbinden, etwa zum Widerstand und zur Reflexion über Zivilcourage.

4 - Künftige Aufgabenfelder

Der Ausbau der Fördermittel, aber auch das umfangreiche Programm anlässlich wichtiger historischer Jahrestage hat viele Kräfte an den Gedenkstätten gebunden. Dennoch sind bereits erste Vorbereitungen getroffen worden, um für künftige Aufgaben gewappnet zu sein. So will man sich den Archiven zuwenden, die Partizipation von Jugendlichen stärken, und einmal ganz abgesehen davon, dass sich alle Gedenkstätten damit auseinandersetzen, dass sie es zunehmend mit heterogenen Besuchergruppen zu tun haben, ist nun auch die Inklusion zum Thema geworden.

Sammlungen und Archive: Das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg KZ-Gedenkstätte Ulm hat nach drei Jahren ein Pilotprojekt, finanziert aus Bundes- und Landesmitteln, zur Archivarbeit abgeschlossen. Zielsetzung war es, die Archivarbeit beispielhaft so zu modernisieren, dass die Quellen auch mit vergleichsweise geringen Mitteln und unter ehrenamtlicher Mitarbeit nachhaltig gesichert und erschlossen werden können. Das Projekt wies somit auch für andere, bürgerschaftlich getragene und kleinere Gedenkstätten Wege, wie sich die heterogenen Sammlungen professionell erschließen und für die Öffentlichkeit zugänglich machen lassen. Die Ergebnisse wurden beim Bundesgedenkstättenseminar der Stiftung Topographie des Terrors und der Bundeszentrale für politische Bildung im Juni 2014 in Bad Urach präsentiert. Gemeinsam wurden dort grundsätzliche Thesen zur Archivarbeit an Gedenkstätten formuliert.[16] Eine Handreichung bündelt nun die Ergebnisse.[17]

Partizipation von Jugendlichen: Innerhalb der LAGG hat sich der Arbeitskreis Jugend etabliert. Zunächst haben Vertreter der Gedenkstätten die unterschiedlichen Angebote ihrer Einrichtungen zusammengetragen. Dabei wurde deutlich, wie umfassend die Bandbreite dieser Angebote ist: Sie reicht von Jugendarbeit bis hin zu Mitarbeit von Jugendlichen an Gedenkstätten als sogenannte Jugendguides. Trotz unterschiedlicher Zielsetzungen gibt es verbindende Anforderungen. Der Arbeitskreis möchte ein Konzept ausarbeiten, um die Teilhabe von jungen Leuten an der Gedenkstättenarbeit zu stärken. Anstöße im bundesweiten Austausch gab dazu auch die Fachtagung »Aktives Erinnern«, die gemeinsam von der Bundeszentrale für politische Bildung, vom Anne-Frank-Zentrum in Berlin und anderen Partnern im Juni 2015 in Stuttgart veranstaltet wurde.[18]

Inklusion: Seit Januar 2014 läuft das Modellprojekt »Barrierefreie Gedenkstätte« an der Gedenkstätte Grafeneck. Ziel ist es, alle Angebote auch für Menschen mit geistiger Behinderung zugänglich zu machen. Gefördert wird das Projekt durch den Bund und das Land. Die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Dauerausstellung ist bereits um eine Hörversion in Leichter Sprache ergänzt worden. Außerdem arbeitet die Gedenkstätte an einem Orientierungssystem, das Besuchern auch außerhalb von Führungen die Gedenkstättenerkundung ermöglicht. In der Vergangenheit hatte man in Grafeneck immer wieder Anfragen nach Gruppenführungen erhalten, an denen auch Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen wollten. Bisherige Vermittlungskonzepte erwiesen sich als wenig geeignet.

Schlussbetrachtung

Gedenkstätten sind, wie der Historiker Peter Steinbach feststellt, »nicht nur Orte, an denen sich eine vergangene Wirklichkeit spiegelt, sondern sie sind Zeugnis einer geschichtspolitischen Selbstbehauptung, des Wunsches, im Nachdenken über die Vergangenheit auch gegenwärtige Positionen und möglicherweise sogar das eigene Verhalten zu reflektieren. Dafür stehen südwestdeutsche Gedenk- und Erinnerungsinitiativen, die nicht zuletzt Gedenkstätten als außerschulische Lernorte erschließen und versuchen, schulische Defizite aufzufangen, die nicht die Lehrer, sondern die Bildungspolitik verantwortet.«[19] Auf diesem weiten Feld stellen sich viele Aufgaben. Auch deshalb ist die Gedenkstättenlandschaft in Baden-Württemberg ständig in Bewegung. In den vergangenen Jahren sind neue Gedenkstätten hinzugekommen, etwa der jüdische Betsaal in Horb am Neckar. An anderen Orten bahnen sich Überlegungen an, die Erinnerung auch lokal zu verorten, etwa in Welzheim, wo von 1935 bis 1945 eines der Konzentrationslager Württembergs war, oder in Mössingen, wo am 31. Januar 1933 die Teilnehmer des Mössinger Generalstreiks ein frühes Zeichen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus setzten. Einige große Lern- und Geschichtsorte sind in Vorbereitung, etwa in Stuttgart im Hotel Silber, der ehemaligen Gestapozentrale Württembergs, oder auch am Standort des frühen badischen Konzentrationslagers Kislau, wo sich seit 2012 der Verein LernOrt Zivilcourage und Widerstand für den Aufbau einer neuen Einrichtung einsetzt und nun auch mit eigenen Landesmitteln ausgestattet worden ist. Anderswo sind weitere Gründungen im Gespräch.

Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur ist auch siebzig Jahre nach ihrem Ende ein Thema – vor Ort, vorangetrieben von Bürgerinnen und Bürgern, unterstützt von der Politik und zugleich vernetzt mit anderen Akteuren und Institutionen auf diesem Feld. So betrachtet ist die Gedenkstättenlandschaft in Baden-Württemberg zugleich ein Abbild dieser Teilhabe. Ihr großes Potenzial liegt in der Vielfalt der Kompetenzen der Beteiligten und in der Breite der gesellschaftlichen Verankerung.

 

Sibylle Thelen leitet die Abteilung »Demokratisches Engagement« der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und ist zugleich Fachreferentin für Gedenkstättenarbeit.

 

[1] Kultur 2020. Kunstpolitik für Baden-Württemberg, September 2010, S. 287.

[2] Landtag von Baden-Württemberg, Drucksache 15/534, 27. Juli 2011.

[3] Prof. Dr. Aleida Assmann: Die transformierende Kraft der Erinnerung, in: Landtag von Baden-Württemberg [Hrsg.]: Gedenkfeier zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag von Baden-Württemberg am 27. Januar 2012, Stuttgart 2012.

[4] Andreas Stoch, MdL, Minister für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg: Widerstand im NS-Staat und Gedenkstättenarbeit – Aufgabe und Herausforderung für den schulischen Unterricht. Königsbronn, 15. November 2014.

[5] Wortlaut der Präambel: siehe www.gedenkstaetten-bw.de unter Reiter LAGG-Gedenkstätten.

[6] Landtag von Baden-Württemberg, Änderungsantrag N45 der Drucksache 11/6863, 29. November 1995. Arbeitsauftrag des Fachbereichs Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: siehe Gedenkstättenportal www.gedenkstaetten-bw.de unter dem Reiter Fachbereich Gedenkstättenarbeit.

[7] Im Jahr 2014 besuchten etwa 309 000 Personen die Gedenkstätten in Baden-Württemberg. Siehe GedenkstättenRundbrief. Siehe: Svenja Bauer-Blaschkowski: 2014: Erneut Besucherrekord in den Gedenk- und Erinnerungsstätten in Baden-Württemberg, in: Gedenkstätten-Rundbrief, Nr. 178 6/2015, S. 25–30.

[8] Grundsätze für die Förderung der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen vom 1. Juli 2015 (FörderGr), siehe: www.gedenkstaetten-bw.de

[9] Siehe Webseite des Gedenkstättenverbunds Gäu Neckar Alb e.V.: www.gedenkstaettenverbund-gna.org

[10]  Siehe gemeinsame Webseite der sechs Gedenkstätten: www.gedenkstaetten-suedlicher-oberrhein.de

[11] Siehe Webseite des Denkstättenkuratoriums mit umfassenden Informationen zu den Gedenk- und Erinnerungsorten in der Region mit Biografien, Erinnerungswegen, Terminen etc.: www.dsk-nsdoku-oberschwaben.de

[12] CERD und KZ-Gedenkstätte Neckarelz [Hrsg.]: Bientôt la liberté nous reviendra. Freiheit – so nah, so fern, Katalog zur Ausstellung, 2015. Informationen zur Ausstellung, Stationen und Flyer: www.gedenkstaetten-bw.de

[13] Dr. Fréderique Neau-Dufour: »Das Ende des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof – Gedenken in Frankreich und Baden-Württemberg, in: Landtag von Baden-Württemberg [Hrsg.]: Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, Stuttgart 2015. https://www.landtag-bw.de/files/live/sites/LTBW/files/dokumente/informationsmaterial/LT_2015_01_27_Gedenkfeier_Stuttgart.pdf

[14] Siehe Webseite der Gedenkstätte Grafeneck www.gedenkstaette-grafeneck.de bzw. vernetztes Pro-gramm und Rückblick auf die wissenschaftliche Tagung auf dem Gedenkstättenportal www.gedenkstaetten-bw.de

[15] Peter Steinbach/Thomas Stöckle/Sibylle Thelen/Reinhold Weber [Hrsg.]: Entrechtet – Verfolgt – Vernichtet. NS-Geschichte und Erinnerungskultur im deutschen Südwesten, Stuttgart 2016.

[16] Nicola Wenge und Ulrike Holdt: Archivarbeit an Gedenkstätten, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 175 (9/2014), S. 3–11.

[17] Die Handreichung steht als PDF auf der Webseite des DZOK zum Download bereit: www.dzok-ulm.de

[18] Rückblick auf die Tagung siehe www.gedenkstaetten-bw.de

[19] Peter Steinbach: Gedenkstätten in Baden-Württemberg: Einladung zur kritischen Selbstreflexion, in: Hans Berkessel, Wolfgang Beutel [Hrsg.]: Jahrbuch Demokratiepädagogik 3. Demokratiepädagogik und Rechtsextremismus, Schwalbach am Taunus 2015, S. 119.