Bade-Württemberg verfügt heute, im Jahr 2008, über eine vielfältige Gedenkstättenlandschaft. Vom Ort des individuellen Aufbegehrens gegen den Nationalsozialismus bis zum organisierten Widerstand, vom Überblick über die Vielfalt jüdischer Lebensformen und deren langsame Auslöschung bis zu Neuansätzen nach der NS-Zeit, von Lagern für KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter bis zur Ermordung »unwerten Lebens« als Auftakt zur industriellen Tötung von Millionen – alle diese Orte finden sich in Baden-Württemberg.
Sie bieten Erinnerung und pädagogische Angebote. In ihrer Breite und bürgerschaftlichen Verfasstheit sind die baden-württembergischen Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland einzigartig. Die Verfolgung von Menschen aus ganz Europa spiegelt sich vor Ort wider und führt zu Kontakten mit den Herkunftsländern der Verfolgten, deren Familien und Institutionen. Die Gedenkorte knüpfen auch kulturpolitisch Verbindungen mit anderen Nationen und strahlen international aus. Gedenkstätten werden im Ausland sehr positiv wahrgenommen.
Nach ersten Initiativen in den sechziger Jahren und deren lokaler Zunahme in den 80ern entstand das Bedürfnis, sich landesweit zu vernetzen und für übergreifende Ziele gemeinsam einzutreten. 1995 gründete sich die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen (LAGG); der Landtag beschloss, die Arbeit finanziell zu fördern. Die LAGG arbeitet eng mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) zusammen. Von 17 wuchs die LAGG auf über 50 Mitglieder. Sie ist durch 4 Auflagen des »Gedenkstättenführers« sowie die Publikation der LpB »Orte des Gedenkens in Baden-Württemberg« einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 10 Jahre nach ihrer Gründung zog die LAGG in einem großen, von der Landesstiftung unterstützten Kongress folgendes Fazit:
Die Gedenkstätten in Baden-Württemberg
• sind farbig, differenziert, qualitätvoll und pädagogisch wirksam
• erreichen über 150 000 Menschen pro Jahr, darunter sehr viele Jugendliche
• arbeiten basisnah, bürgerschaftlich und fast ausschließlich ehrenamtlich
• bieten ein flächendeckendes Angebot in einem Land, das keine »große« Gedenkstätte aufweist.
Authentizität • Die Gedenkstätten ermöglichen Lernen an authentischen Orten. Sie machen den Alltag des Terrors nachvollziehbar. Lernen macht sich an vertrauten Orten und nahe gerückten Personen und deren Schicksalen fest.
Außerschulisches Lernen • Gedenkstätten wenden sich an alle Altersgruppen. Sie sind außerschulische Lernorte, die schulisches Lernen vertiefen und ergänzen.
Grund-Werte • Die Gedenkstätten sind historische Orte der Wertezerstörung. In ihnen findet exemplarisch die Auseinandersetzung über grundlegende Werte und Maßstäbe zivilisatorischen Zusammenlebens statt.
Alternative Handlungsmöglichkeiten • Die Gedenkstätten sind oft Orte des Widerstandes gegen den Terror. Sie belegen Zivilcourage und stellen Spielräume menschlichen Verhaltens dar. Dies gilt auch für Gegenwart und Zukunft – besonders im Hinblick auf rechtsradikale Tendenzen.
Methodenlernen • Die Gedenkstätten gehen sorgfältig mit sensiblem Quellenmaterial um. Gleichzeitig machen sie diesen Umgang für die Besucher/innen durchschaubar. Damit sind Gedenkstätten – auch modellhafte – Orte methodischen und medialen Lernens.
Glaubwürdigkeit • Gedenkstätten sind Orte einer »abgerungenen Geschichte«. Sie behandeln auch die Geschichte des Erinnerns in der Nachkriegszeit und sind selbst-reflexiv. Die Glaubwürdigkeit des Ortes und die der handelnden Personen sind eng verknüpft. Diese wird von den Besuchern erwartet, wahrgenommen und geschätzt.
Das dichte Netzwerk der baden-württembergischen Gedenkstätten und der größte Teil der Erinnerungsarbeit werden derzeit ehrenamtlich gewährleistet.
Aber: an vielen Gedenkstätten wird in den nächsten Jahren die erste Generation der dort Tätigen altersbedingt ausscheiden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Die Bildungspläne sehen Gedenkstättenbesuche und verstärkt selbständiges Arbeiten von Schülern an solchen Orten vor. Immer mehr junge Leute müssen begleitet und betreut werden. Rechte Tendenzen bilden eine große Herausforderung. Auch in der außerschulischen Jugendarbeit werden die Gedenkstätten immer mehr gefragt. Die Beanspruchbarkeit der Ehrenamtlichen stößt an ihre Grenze.
Jede Gedenkstätte braucht einen professionellen Kern; nur so können Kontinuität, Qualität und breite Verfügbarkeit des Angebots gesichert werden. Zu den Aufgaben gehört, einen Kreis von Ehrenamtlichen zur Selbstorganisation zu stärken. Darauf beruht ein Teil der hohen Glaubwürdigkeit.
Dabei sind viele Modelle denkbar:
• Deputatsstunden für Lehrer
• Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen oder Körperschaften: Kommunen, Kreise, Land, Hochschulen, Museen, Jugendeinrichtungen….
• Verstärkte Netzwerkbildungen, Abbau von Kirchturm-Denken
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Man muss jetzt anfangen. Und es geht nicht ohne Geld. Dies müssen alle Verantwortlichen jetzt erkennen.
Bei der LpB scheiden im Jahr 2011 die jetzigen AkteurInnen der Abteilung »Geschichte und Verantwortung« aus. Die Stellen müssen über diesen Zeitpunkt hinaus erhalten bleiben, um die Gedenkstätten bei ihrem Weg in die Zukunft qualifiziert zu begleiten. Neue gesellschaftliche Herausforderungen erfordern die Stärkung des Angebots in Umfang und Tiefe.
Weitere Informationen: www.gedenkstaetten-bw.de