Gedenkstätte und Museum Trutzhain in Schwalmstadt

Eröffnung der vierten NS-Gedenkstätte Hessens
06/2004Gedenkstättenrundbrief 119, S. 9-18
Waltraud Burger

Mit der feierlichen Eröffnung von Gedenkstätte und Museum Trutzhain am 27. Juni 2003 existiert die vierte zentrale NS-Gedenkstätte in Hessen. Sie erinntert an das Schicksal der Kriegsgefangenen unter dem NS-Regime.

Trutzhain, ein etwa 840 Einwohner zählender Stadtteil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, zirka 55 km südwestlich von Kassel gelegen, hat eine in Deutschland wohl einzigartige Geschichte: Trutzhain wurde 1951 auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers, dem STALAG IX A Ziegenhain, gegründet. Dieses von 1939 bis 1945 bestehende STALAG war eines von insgesamt 83 Stammlagern im damaligen Reichsgebiet und mit zeitweilig mehr als 10 000 Insassen und über 43 000 registrierten Kriegsgefangenen in externen Arbeitskommandos das größte auf dem Gebiet des Bundeslandes Hessen. Das STALAG IX A ist jedoch das einzige Kriegsgefangenenlager, dessen Gebäude und Struktur sich trotz verschiedener Umwidmungen und der heutigen Nutzung der Baracken als Wohnraum erhalten hat: Etwa 80 Prozent der in Holzständerbauweise auf Ziegelfundamenten errichteten Fachwerkbaracken bilden den Ortskern von Trutzhain, der seit 1985 unter Denkmalschutz steht.

Im STALAG IX A waren von 1939–1945 Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Holland, England, der Sowjetunion, Südosteuropa sowie auch italienische Militärinternierte und amerikanische Soldaten untergebracht. Ab Sommer 1940 stellten die Franzosen die größte Gruppe im Lager – unter ihnen der spätere französische Staatspräsident François Mitterand.

In der neuen, stark didaktisch erschlossenen Dauerausstellung werden neben der STALAG-Geschichte auch die Nachkriegsnutzungen des Areals dokumentiert: Im Frühjahr 1945 diente das Lager der amerikanischen Armee zunächst als Entlassungslager der befreiten Kriegsgefangenen, im Anschluss etwa ein Jahr lang zur Internierung von Mitgliedern der Waffen-SS, SS, SA, NSDAP und der Wehrmacht. Nach Auflösung dieses Civil Internment-Camps 95 im Sommer 1946 brachte die amerikanische Militärregierung ab August 1946 bis Ende November 1947 in den Baracken jüdische Displaced Persons aus Osteuropa unter. Durch die 1948 in den Baracken einquartierten Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Posen und dem Sudetenland kam es 1951 zur Gründung eines neuen Gemeinwesens mit dem Namen Trutzhain.

Wege zur Gründung der Gedenkstätte

Das »Museum für den Frieden« (1983 bis 2001)

Der museale Bestand der Gedenkstätte Trutzhain basiert auf der Sammlung des ehemaligen »Museums für den Frieden«, das 1983 in Privatinitiative in Räumen des Gemeinschaftshauses Trutzhain gegründet wurde und sich dort bis Dezember 2001 befand. Allerdings entbehrte die Präsentationsform des »Museums für den Frieden« aller Charakteristika eines Museums wie einordnende Texte, Exponatbeschriftungen, fundierte Quellennachweise oder eine didaktische Konzeption. Ausschlaggebend für die durch die Stadt Schwalmstadt beauftragte Neukonzeption war die problematische inhaltliche Gewichtung im »Museum für den Frieden«, in dem eine nachvollziehbare Abfolge der Geschichte des STALAGs und seiner Umnutzungen und speziell die angemessene Problematisierung der Unrechts- und Leidensgeschichte der verschiedenen Kriegsgefangenengruppen fehlten und das die Phase des jüdischen DP-Lagers vollkommen ausgeblendet ließ.

Die mit Unterstützung der Kyffhäuserkameradschaft Trutzhain und ehemaligen französischen Kriegsgefangenen, den Anciens du STALAG IX A zusammengetragene Sammlung beinhaltete etwa 1000 Exponate wie Kleidungsstücke, Essgeschirr aber auch Spielzeug oder Bastelarbeiten – Tauschobjekte, die zur Aufbesserung der kargen Essenrationen dienten. Daneben umfasst sie Erinnerungsstücke aus den Heimatländern der Trutzhainer Bürger sowie Exponate aus der Entstehungszeit der selbständigen Gemeinde Trutzhain (1951 bis 1971) und eine Dokumentation der seit 1969 organisierten Treffen der Anciens und von Mitgliedern der Trutzhainer Kyffhäuser Kameradschaft in Frankreich und Trutzhain.

Zentrales Anliegen der Protagonisten des ehemaligen »Museums« und der Treffen bildete die Versöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgefangenen und der Trutzhainer Bevölkerung, die sich – als Vertriebene und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – ebenso als Opfer des NS-Systems fühlten wie die ehemaligen französischen Kriegsgefangenen. Das in diesem Kontext eingebundene »Friedensmuseum« betonte sehr stark die positiven Erlebnisse und Erfahrungen der Kriegsgefangenen im Lager, wohingegen der Hunger, Übergriffe durch deutsche Wachleute und die katastrophalen Lebensbedingungen während des ersten Kriegsjahres sich in der alten Ausstellung nicht ablesen ließen. Die zahlreichen Originalfotografien, produziert von Propagandakompanien oder Angehörigen des deutschen Personals und die überwiegend Freizeitaktivitäten widerspiegelnden Exponate der französischen Kriegsgefangenen, manifestierten aufgrund fehlender Quellenkritik beim Betrachter den Eindruck eines vorbildlich, unter Einhaltung der Genfer Konvention geführten Lagers. Die Ausstellung des »Friedensmuseums« drückte, kurz gesagt, die Anliegen ehemaliger Kriegsteilnehmer nach Friedenserhalt und Völkerverständigung aus, die sich in der Forderung »Nie wieder Krieg!« und eines Beschweigens der Taten artikulierte.

Zwei Friedhöfe

Zum eigentlichen Gedenkort der genannten Verbände und der Trutzhainer Bevölkerung entwickelte sich der heutige Gemeindefriedhof, der ehemalige STALAG-Friedhof I, von 1939 bis 1945 Bestattungsort für die westalliierten, polnischen und jugoslawischen Toten des STALAGs. Das von dem Steinbildhauer Hervé Mhun und dem Architekten Réne Coucy1 1941 entworfene und 1943 gefertigte Mahnmal der trauernden Frau dominiert den Eingangsbereich. Aus etwa drei Metern Höhe blickt eine betende Frau auf Gräber herab – heute sind es diejenigen von verstorbenen Trutzhainer Bürgern, da die ursprünglich hier begrabenen Kriegsgefangenen exhumiert und – bis auf die polnischen und jugoslawischen Verstorbenen – in ihre Heimatländer überführt worden sind. Zwei Steinplatten zur Rechten des Mahnmals erinnern pauschal an die im STALAG verstorbenen französischen Toten. Ihre Namen und die Gräberlisten sind in einer publizierten Dokumentation enthalten. – Eine weitere Gedenkplatte nennt die verstorbenen Angehörigen der Trutzhainer Bürger/innen in ihren alten Heimatorten.2

Der Verbleib der polnischen und jugoslawischen Toten konnte erst im Jahr 2001 geklärt werden3: Auf Drängen der ersten Trutzhainer Generation, die den STALAG-Friedhof als Gemeindefriedhof beanspruchte, war 1954 ihre Umbettung auf die Kriegsgräberstätte Pfaffenwald4 bei Bad Hersfeld veranlasst worden. Eine Dokumentation ihrer Namen fand weder durch die Gemeinde noch durch die Trutzhainer Kirchen statt.5

Ostentative Verschwiegenheit herrschte im »Friedensmuseum« und im Dorf auch über das Schicksal der sowjetischen und serbischen Kriegsgefangenen. Der zweite, tief im Wald gelegene STALAG-Friedhof II, im November 1941 als Bestattungsort für die sowjetischen, serbischen und italienischen Kriegsgefangenen6 angelegt, erfuhr durch die Trutzhainer eine Umbenennung in »Interniertenfriedhof« eingedenk der hier ebenfalls bestatteten Verstorbenen des amerikanischen CI-Camps Ziegenhain. Bis Anfang der 1980er Jahre hielten zum Hohne der auf diesem Friedhof ruhenden Toten des STALAGs Vertreter der HIAG7 und der Kyffhäuser Kameradschaft Trutzhain revanchistische Gedenkfeiern zu Ehren der verstorbenen Internierten ab.8 Die Erinnerung an den »Russenfriedhof« verblasste im Dorf und in der Region zunehmend.

Der STALAG-Friedhof II war gemäß den Bestattungsvorschriften9 des NS-Systems mit dem Eintreffen der ersten sowjetischen Kriegsgefangenen notwendig geworden. Tief im Wald verscharrte man die sowjetischen und serbischen Toten in zum Teil mehrfach belegten Einzel- oder Massengräbern.10 Während die Beisetzung auf dem STALAG-Friedhof I nach internationalen Gepflogenheiten erfolgte, d.h., mit allen militärischen Ehren, unter Anwesenheit von Geistlichen, mit namentlicher Kennzeichnung der Gräber, waren die Ruhestätten der Sowjetbürger und Serben mit fortlaufend nummerierten Betonpflöcken markiert.

Erinnerungsarbeit und Weichenstellung zur Gründung der Gedenkstätte

Irritiert über die in Trutzhain vorherrschende selektive Erinnerungskultur machten sich Mitte der 1980er Jahre unabhängig voneinander der aus Trutzhain stammende Schriftsteller Martin Grzimek11 und der Arbeitskreis Spurensicherung im DGB Schwalm-Eder an die Erforschung der Lagergeschichte und des zweiten STALAG-Friedhofs. 1992 mündeten die Bemühungen des DGBs in die Umgestaltung des STALAG-Friedhofs II zur Mahn- und Gedenkstätte Waldfriedhof Trutzhain.12 Am 30. Juni 1995 fand anlässlich des Hessentages erstmalig ein ökumenischer Gottesdienst der russisch-orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirche auf dem Waldfriedhof statt und in den Jahren 1998 und 1999 konnten nach ausgedehnten Recherchen Namenstafeln für 59 sowjetische und drei serbische Kriegstote auf dem Friedhof angebracht werden.

Zuvor, im April 1995, hatte die Stadtverordnetenversammlung von Schwalmstadt – dem Antrag der CDU-Fraktion folgend – einstimmig den Beschluss gefasst, das bestehende »Friedensmuseum« mit einer wissenschaftlich, museal und didaktisch fundierten Konzeption sowie einer thematischen Erweitung in die ehemalige Wachbaracke des STALAGs zu verlegen. Der wichtigste Anschub zur Neukonzeption kam durch den damals neugewählten Bürgermeister Wilhelm Kröll (SPD), der ab 1995 zahlreiche Gespräche über das weitere Vorgehen mit verschiedenen Ministerien führte. Konkrete Formen nahmen die Planungen dank des Engagements der Museumsberaterin Dr. Ulrike Adamek vom Hessischen Museumsverband an. Sie skizzierte die folgenden, für die Konstituierung der Gedenkstätte unerlässlichen Maßnahmen, die ab 1997 umgesetzt wurden:

• Inventarisierung und wissenschaftliche Dokumentation der Museumsobjekte, Archivalien, Fotos etc. nach den Richtlinien des Hessischen Museumsverbandes (Realisierung: 1997–2002)

• Forschungen zu allen Lagerphasen (seit 1997)

• Aufstellung eines Finanzierungs- und Betreiberkonzepts; Entwicklung von museumspädagogischen Leitlinien unter Einbeziehung des Dorfes und der Friedhöfe13 (1998)

• Ausarbeitung eines a) Rahmen- und b) Feinkonzepts zur musealen Aufbereitung der Sammlung (1998 und 2001)

• Sanierung der ehemaligen Wache des STALAGs im Hinblick auf eine museale Nutzung (Herbst 2000 bis Mai 2002)

• Erstellung eines Gestaltungskonzepts durch einen Museumsgestalter (2002 durch das Architekturbüro crep D, Kassel)

• Realisierung der Ausstellung (2002/2003)

• Entwicklung pädagogischer Materialien (seit 2002).14

Projektrealisierung

Forschungen und Quellenlage

Systematische Forschungen15 zur Geschichte und Organisation des STALAGs, seiner topographischen Struktur, zur Architektur und zur Funktion einzelner Gebäude setzten 1997 nach den Vorgaben der Landesstellen durch die Marburger Kulturwissenschaftlerin Karin Brandes ein und werden kontinuierlich fortgeführt16. – Vor Ort, d.h. im Archiv der Stadt Schwalmstadt, lagen keinerlei Lagerakten vor, die Lagerkarteien müssen in den National- und Staatsarchiven, aus der Parallelüberlieferung bzw. dem Bestand der Deutschen Dienststelle recherchiert werden. Die Erfassung der Daten in einer Datenbank hat im Herbst 2003 begonnen.17

Dank der Förderung durch das Land Hessen konnten biographische Forschungen in Italien, Polen, Frankreich und Moskau durchgeführt werden, die ergänzende Erkenntnisse gewinnen ließen oder bekannte Quellen stützen. Die Intensivierung der Forschungen zum Interniertenlager Ziegenhain bildet dringliches Ziel der nächsten Jahre, denn die bisherigen Auswertungen der kleinen Bestände in den hessischen Archiven sind alles andere als zufriedenstellend.18 Die Phase des DP-Lagers Ziegenhain konnte hingegen mit Hilfe von Unterlagen und Fotos aus US-amerikanischen- und israelischen Archiven und des ITS Arolsen, die der Flüchtlingsgemeinde Trutzhain anhand der breiten Quellenbasis der Landes- und kommunalen Archive gut nachgezeichnet werden.

Zu allen Lagerphasen wurden ergänzende Exponate, insbesondere Fotografien und 100 Prozent der Dokumente in der Dauerausstellung recherchiert und Zeitzeugen befragt. Zeitzeugendokumente wurden z.T. original, zum Teil durch professionelle Sprecher nachgesprochen in die Ausstellung integriert.

Sanierung der ehemaligen Wache, des heutigen Ausstellungshauses

Die Realisierungsphase setzte im Herbst 2000 mit dem Beginn der Mittelzuweisung durch die Gedenkstättenförderung des Bundes ein.19 Den baulichen Maßnahmen und dem Präsentationskonzept gingen intensive bauhistorische und statische Untersuchungen durch Volker Umlauff und Hans-Werner Mämecke vom Architekturbüro crep D aus Kassel, des Bauingenieurbüros Archinal + Haberland + Zimmermann, Kassel und dem ortsansässigen Restaurator Manfred Lausmann voran. Den Architekten wurde gemeinsam mit der Verfasserin und der Architektin Ute Helwig vom städtischen Bauamt die Bauleitung übertragen. Die wissenschaftliche und finanzielle Projektleitung, die Erarbeitung der Feinkonzeption und der Ausstellungstexte lagen ebenfalls bei der Verfasserin. Mit der Innengestaltung und Wandabwicklung beauftragte die Stadt Schwalmstadt crep D, Kassel und das Graphikbüro EigenArt aus Marburg.20

Die Sanierung des ehemaligen, lange Jahre als Wohnhaus genutzten, in den 90er Jahren leerstehenden Wachlokals begann zunächst mit einem Rückbau unter Berücksichtigung der späteren Anforderungen für die museale und pädagogische Nutzung. Die in den 1960er Jahren eingezogenen Zwischenwände, Türen, Bäder und Küchen wurden beseitigt und die ursprüngliche Raumaufteilung wieder hergestellt, die verfaulten Hölzer der historischen Wände durch neue ergänzt, die originalen Steine weitgehend wieder in die Holzständer eingemauert.

Während der heutige Ausstellungstrakt der Raumgliederung aus den Lagerphasen entspricht, wurde der Eingangsbereich für die Anforderungen des Gedenkstättenbetriebs angepasst. Hier befinden sich die sanitären Anlagen, ein Büro- und der Seminarraum sowie das Stuhllager, in dem auch die Heizungsanlage untergebracht ist. Diese »Eingriffe« in das Haus wurden an der Außenfassade und im Innern durch unterschschiedliche Oberflächen markiert.

Der Dachstuhl und die Fenster blieben zu 80 Prozent erhalten, die schadhaften Fußböden mussten bis auf einen Rest, der heute im zweiten Ausstellungsraum zu sehen ist, aufgegeben werden. Nach langwierigen Diskussionen gab man zugunsten des dauerhaften Bestandschutzes der Zinkdachabdeckung den Vorzug vor dem historisch belegten Dach aus Teerpappe. Besonders problematisch erwies sich die Statik des Hauses aufgrund des tonhaltigen Bodens. Um ein Umstürzen zur Südseite zu verhindern, mussten Stahlbetonfundamente und Stahlträger im Seminarraum und in den historisch belegbaren Durchgängen zwischen den einzelnen Räumen eingebracht werden, die ablesbar präsentiert sind.

Präsentationskonzept

Eingedenk der großen Zahl materieller Erinnerungsstücke und dem Kontakt zu zahlreichen ehemaligen Lagerinsassen der verschiedenen Lagerphasen sollten die Zeitzeugen in der Ausstellung durch ihre Exponate und mittels audiovisueller Medien zum Besucher sprechen.

Auf diese Weise eignen sie sich den Ort der Erinnerung ein letztes Mal an, teilen aus ihrer Sicht dem Besucher ihre Geschichte mit, wodurch die Ausstellung selbst zu einem Ort der Erinnerung wird. Einordnende Bereichstexte strukturieren die Erinnerungsebenen, so dass das Präsentationskonzept von Trutzhain eine Kombination aus Erinnerungsort und Dokumentation darstellt, das um museale Gestaltungselemente ergänzt, aber frei von Inszenierungen ist.

Trotz des verhältnismäßig guten Erhaltungszustandes der Sammlung bestehen die aus den 30er und 40er Jahren des 20. Jhds. stammenden Objekte aus licht- und klimaempfindlichen Materialien. Aus diesem Grund erfolgte eine umfassende Isolierung des Hauses durch eine aufwendige Dämmung des Daches und des Fußbodens, der Einbau eines Wandheizungssystems und eine sorgfältige Lichtplanung.

Bedingt durch den Befund der Bauanalyse, wird die räumliche Gliederung durch vier Präsentationsräume bestimmt. Der eigentliche Rundgang beginnt im Uhrzeigersinn in einer chronologischen Abfolge, wobei jeder Ausstellungsraum in sich thematisch abgeschlossen ist. Im Foyer stoßen die Besucher zunächst auf ein Modell des Lagers, das die Lagerstruktur von 1941–1945 verdeutlicht. Im ersten, dem Uhrzeigersinn folgenden »blauen Raum« erfolgt die Einordnung des STALAGs in das Kriegsgefangenenlagersystem der NS-Zeit; hier befinden sich Übersichten über seine Verwaltung und Bewachung sowie über die verschiedenen Kriegsgefangenengruppen. Ein Tondokument mit der nachgesprochenen Schilderung einer Verwaltungsangestellten gibt einen Einblick in den Arbeitsalltag und Aufgaben der Dolmetscher im Lager und über die Behandlung der Kriegsgefangenen durch das deutsche Personal. Eine Vorstellung vom Innern einer Kriegsgefangenenunterkunft, von der drangvollen Enge und den katastrophalen Verhältnissen in den Baracken vermittelt das Querschnittmodell einer Unterkunftsbaracke.

Den Abschluss der Darstellung bildet die Dokumentation der Selektion von politischen Kommissaren unter den sowjetischen Kriegsgefangenen,21 ihre Überstellung an das KZ Buchenwald, wo viele von ihnen ermordet wurden.

Der Perspektivwechsel auf die Lebensbedingungen im Lager ist Gegenstand des zweiten, grauen Ausstellungsraums. Thematisch und räumlich zentral ist das »Sterben im Lager«, visualisiert durch die raumgreifendste Ausstellungseinheit, die ein Sargtuch, Grabsteine der französischen- und Nummernpflöcke der sowjetischen und serbischen Toten in der Raummitte zeigt. Im dritten ockerfarbenen Ausstellungsraum werden die Themen »Arbeitseinsätze der Kriegsgefangenen« ausserhalb des Lagers sowie Befreiung und Nutzung des STALAGs durch die amerikanische Armee dokumentiert. Der Touchscreen zum Abrufen der Einsatzorte der Arbeitskommandos, des Befreiungsfilms und zwei Arbeitstische mit Lesemappen, die Prozessunterlagen zu den Themen «Unerlaubter/ Verbotener Umgang von Deutschen mit Kriegsgefangenen« des Kriegsgerichts Marburg enthalten, laden zum Studium und Verweilen ein. Die anschließende Umnutzung als jüdisches DP- und Flüchtlingslager für heimatvertriebene Deutsche ist im letzten grünen Raum visualisiert. Aus Platzgründen sind die Ausstellungstexte einsprachig. Fremdsprachige Führer (Faltblätter) durch die Ausstellung werden zur Zeit erarbeitet.

Pädagogische Angebote

Filme

Der Vertiefung in die Ausstellung dient der 35minütige Zeitzeugenfilm, in welchem ehemalige Kriegsgefangene und STALAG-Personal aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft berichten. In Vorbereitung befindet sich ein Film über den Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen in der Industrie, in der Landwirtschaft und bei Kommunen. Der im Sommer 2003 fertiggestellte 45minütige Film »Erinnert und vergessen« handelt von der Flucht und Vertreibung der ersten Trutzhainer Generation und ihrem Neubeginn im Dorf Trutzhain. Das Hauptaugenmerk des Filmemachers galt jedoch der kollektiven Geschichtsverarbeitung der verschiedenen Generationen von Bewohnern des Dorfes.

Didaktische Angebote

• Führungen durch das weitläufige Gelände und zu den Friedhöfen

• Materialsammlungen/Bücherkisten zur Ausleihe

• Seminarraum für ausserschulischen Unterricht

• Ausstellungsfläche für Wechselausstellungen und zur Präsentation von Schülerarbeiten

• Filmvorführungen

• Archiv

• Bibliothek (im Aufbau)

In Vorbereitung (Realisierung in 2004/2005)

• Arbeitsmaterialien für Schulen (Sek. I und II)

• Historischer Lehrpfad durch das Gelände

• Begegnung mit Zeitzeugen (Einladungsprogramme)

• mehrsprachige Ausstellungsinformationen (in Arbeit)

• Ausstellungskatalog.

Anschrift

Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Seilerweg 1, 34613 Schwalmstadt-Trutzhain

Träger: Stadt Schwalmstadt

Leitung: Waltraud Burger, M.A.

Tel. (066 91) 71 06 62 | Fax 71 06 63

info@remove-this.gedenkstaette-trutzhain.de

 

 

Öffnungszeiten

Di, Mi, Do 9–13, 14–16 Uhr, Fr 9–13 Uhr, 2. und 4. Sonntag/Monat 14–17 Uhr

für auswärtige Gruppen sind auch Termine ausserhalb der Öffnungszeiten möglich.

1 Mhun und Coucy waren französische Kriegsgefangene im Ziegenhainer Lager.

2 Waltraud Burger, Zwei Friedhöfe. In: Trutzhain. Chronik 1951–2001, hrsg. vom Magistrat der Stadt Schwalmstadt, Schwalmstadt: Plag gGmbH, 2001, S. 74-80.

3 Archiv der Gedenkstätte Trutzhain: Schreiben des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vom 19. 06. 2001. – Auf dem Dachboden des Rathauses in Schwalmstadt-Treysa konnte aus Altakten der Vorgang, der zur Umbettung der polnischen und jugoslawischen Toten geführt hat, rekonstruiert werden. Die Unterlagen befinden sich gemeinsam mit einer fotografischen Dokumentation der Kriegsgräberstätte Pfaffenwald heute im Bestand »Friedhofsakten« der Gedenkstätte Trutzhain. In naher Zukunft ist am Trutzhainer Gemeindefriedhof die Anbringung einer Tafel mit den Rechercheergebnissen vorgesehen.

4 Es handelt sich um denselben Friedhof, auf dem während des zweiten Weltkrieges die Verstorbenen des Sterbe- und Geburtenlagers Pfaffenwald bestattet wurden. Siehe Susanne Hohlmann, Pfaffenwald. Sterbe- und Geburtenlager 1942–1945. Kassel 1984 (= Nationalsozialismus in Nordhessen – Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Jörg Kammler und Dietfried Krause-Vilmar, H.2).

5 Dies ist deshalb erwähnenswert, da diese Institutionen ab 1969 eng in das Versöhnungswerk mit den Franzosen eingebunden waren.

6 Im Dezember 1943 wurden auf dem STALAG-Friedhof II die ersten Gräber für italienische .Militärinternierte angelegt.

7 Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit – Bundesverband der ehemaligen Waffen-SS.

8 HStA Marburg, 401/13, Nr. 113: Überwachung innenpolitischer Veranstaltungen und Versammlungen.

9 HStA Marburg, LA 180 Marburg Nr. 3636.

10 Ab 1943 bestattete man auf dem »Russenfriedhof«, allerdings in einem benachbarten Gräberfeld, auch die verstorbenen italienischen Militärinternierten. Als »Verräter« gebrandmarkt, waren sie ebenfalls unter unmenschlichen Bedingungen im »Russenlager« interniert. Die Bestattungsvorschriften sahen für sie namentlich gekennzeichnete Einzelgräber vor. 1951 fand auf Wunsch des italienischen Staates die Umbettung der Toten auf den Zentralfriedhof für italienische Weltkriegsopfer nach Frankfurt statt.

11 Martin Grzimek, Trutzhain. Ein Dorf. München: Hanser, 1984, bes. S. 42ff.

12 Hans Gerstmann, Mahn- und Gedenkstätte Trutzhain. Rede anlässlich der Übergabe der Mahn- und Gedenkstätte Waldfriedhof Trutzhain am 1.9.1992 (Broschüre im Eigenverlag).

13 Aus: Bericht von Bürgermeister Kröll zur Verlegung des Museums im Stadtteil Trutzhain, o.Dat., Anfang August 1996. In: Dokumentation des Festaktes anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte und Museum Trutzhain am 27. 6. 2003 im Gemeinschaftshaus Trutzhain, hrsg. von Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Schwalmstadt 2004.

14 Seit 1997 standen Landesstellen beratend und fördernd dem Projekt zu Seite: Der Hessische Museumsverband übernahm in den ersten drei Jahren den Träger-Anteil an der AB-Maßnahme für die Konzepterstellung und Inventarisierung mit nahezu 90 Prozent, zudem die Erstellung der Architekten-Gutachten und förderte in hohem Maße die Restaurierung mehrer Exponate. Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung finanzierte Forschungsreisen, den Ankauf von Fachliteratur und die Reproduktion von Archivalien, die Teilnahme an Tagungen und Fortbildungen.

15 Die wichtigsten Informationen wurden in Beständen der Bundesarchive Berlin, Freiburg und .Aachen, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes und des Hessischen Staatsarchivs Marburg recherchiert.

16 Die erste fundierte Arbeit zum STALAG IX A erschien 1985 von Eva-Maria Krekel und Dieter .Nürnberger unter dem Titel »Lebensskizzen kriegsgefangener und zwangsverpflichteter Ausländer im Raum Fritzlar-Ziegenhain 1940–1943«, hrsg.: Gesamthochschule Kassel u. Kreisausschuss des Schwalm-Eder-Kreises. Kassel 1985 (Nationalsozialismus in Nordhessen. Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, H. 6).

17 Bislang konnte etwa 70 Prozent der Parallelüberlieferung in den Landratsamtsakten von nordhessischen Landkreisen gesichtet und ausgewertet werden. Stadt- und Gemeindearchive sind noch unberücksichtigt, außerdem steht die Auswertung der Kasseler Bestände und der umfassenden Überlieferung im HStA Darmstadt noch aus. – Sehr ergiebig zur Klärung des Themas »Unerlaubter Kontakt zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen« erwiesen sich die Prozessunterlagen des Kriegsgerichts Marburg im BA Aachen. Die wichtigsten Bestände zu den französischen Kriegsgefangenen liegen im Archive Nationale, Paris vor und beinhalten Befragungen von Kriegsgefangenen aus den 1950er Jahren zum Leben im Lager aber auch in den Arbeitskommandos. Seit kurzem ist dort die Lagerkartei der französischen Kriegsgefangenen des STALAG IX A zugänglich.

18 Im HHStA Wiesbaden haben sich die Lagerordnung, die Lagerbefehle und eine Insassenliste von August 1945 erhalten; in der Universitätsbibliothek Marburg ist die Lagerzeitung, im Krankenbuchlager Berlin ein Fragment des Krankenbuchs überliefert. Offen sind Recherchen in amerikanischen Archiven; notwendig erscheint die Auswertung der Unterlagen der War Crime Commission, der Dachauer Verfahren sowie der Memoirenliteratur.

19 Das gesamte Investionsvolumen betrug ohne Personalmittel 850 000 Euro, wovon der Bund 50% trug. Die Komplementärmittel des Landes teilten sich Denkmalpflege, Museumsverband, Hessische Landeszentrale für Politische Bildung und die Stadt Schwalmstadt. Die Personalkosten wurden .in jener Zeit durch die Stadt bzw. (im Jahr 2003) durch die Stadt und das Gedenkstättenreferat getragen.

20 Wissenschaftlich beratend standen dem Projekt Prof. Dr. Ditfried Krause-Vilmar (Universität Kassel), Dr. Reinhard Otto (Gedenkstätte Senne) und Rolf Keller (Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung) zur Seite.

21 BA-MA Freiburg, RH 2/v. 2082: Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare, 6. 6. 1941.

Waltraud Burger war für die Konzeption der neuen Ausstellung verantwortlich und leitet heute die Gedenkstätte und das Museum.