Gedenkstätte oder Museum?

Dauerausstellung des Jüdischen Museums Creglingen
04/2005Gedenkstättenrundbrief 124, S. 3-8
Myrah Adams

Creglingen, das im Jahr 1349 sein Stadtrecht erhielt und heute eine Verbandsgemeinde mit ca. 5 000 Einwohnern ist, liegt zwischen Rothenburg ob der Tauber und BadMergentheim im romantischen Taubertal. Der Ort war bislang vor allem durch seinen einzigartigen Riemenschneider-Altar in der Herrgottskirche bekannt. Nun hat sich der Ort auf seine jüdische Geschichte besonnen.

Seit Beginn des 17. Jahrhunderts bestand in Creglingen kontinuierlich eine jüdische Gemeinde. Die jüdischen Familien lebten nicht in einem Getto, sondern über den Ort verstreut. Enge Beziehungen bestanden über Jahrhunderte zu der jüdischen Nachbargemeinde im fünf Kilometer entfernten Archshofen, die seit 1695 belegt ist. Beide Gemeinden hatten jeweils ihre eigene Synagoge und ein Ritualbad, zusammen benutzten sie den in der Nähe von Creglingen gelegenen jüdischen Friedhof. Ihre größte Ausdehnung erreichte die Creglinger Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts mit etwa 130 Personen.

Ein früher Pogrom

Aus Creglingen wird in der NS-Zeit niemand deportiert, denn bereits im Jahre 1939 gilt der Ort als »judenrein«, während aus dem Nachbarort Archshofen die letzten Juden im August 1942 deportiert werden. Das mehr oder weniger harmonische Zusammenleben zwischen Juden und Protestanten wird in Creglingen bereits Anfang 1933 abrupt beendet.

Am 25. März 1933 werden in Niederstetten, Creglingen, Bad Mergentheim und Weikersheim jüdische Männer bei einer »Polizeiaktion« von Polizisten und SA-Leuten brutal misshandelt. In Creglingen werden unter Leitung des dortigen Ortsgruppenleiters Karl Stahl 16 jüdische Männer ins damalige Rathaus geschleppt und mit Stahlruten geschlagen. Zwei jüdische Viehhändler, Hermann Stern und Arnold Rosenfeld, sterben an den unmittelbaren Folgen. Sie zählen zu den ersten jüdischen Todesopfern nach der »Machtergreifung«. Die Ereignisse in Creglingen und im Oberen Taubertal gehören in eine Reihe pogromartiger Ausschreitungen in der Anfangszeit des NS-Regimes, bei denen unter dem Vorwand, »Staat und Volk schützen« zu wollen, der lange geschürte Hass gegen die Juden ausgelebt wird. Dem wird durch die unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nazis erlassenen Gesetze Vorschub geleistet. Die Übergriffe der als »Hilfspolizei« eingesetzten SA-Leute sowohl gegen Juden als auch gegen Kommunisten offenbaren einen Mangel an Kontrolle. »Revolutionärer Eifer« und persönliche Rachegelüste lassen staatlich gelenkte Polizeiaktionen aus dem Ruder laufen. Die Ventilfunktion der Ausschreitungen und deren einschüchternde Wirkung passen jedoch ins Konzept staatlichen Terrors. Der Mangel an Zivilcourage der Zeugen bestärkt die repressive Rassenpolitik des Regimes.

Erinnerung und Verdrängung

In seinem in Amsterdam erschienenen Roman »Die Geschwister Oppermann« griff der Exilschriftsteller Lion Feuchtwanger die Creglinger Ereignisse noch im gleichen Jahr 1933 auf. 1947 wurde im Creglinger Rathaus eine Gedenktafel für die Pogromopfer angebracht. Danach aber wurden die Vorgänge von 1933 nahezu totgeschwiegen.     

Während schon Anfang der sechziger Jahre Erich Bauer die jüdische Geschichte von Archshofen dokumentierte, wurde in Creglingen zusammen mit dem Pogrom auch die Erinnerung an das Zusammenleben in den Jahrhunderten davor weitgehend verdrängt.

Nach vereinzelten Artikeln in der Lokalpresse seit Mitte der achziger Jahre, die bezeichnenderweise von Zugewanderten verfasst wurden, erschienen im Jahr 1999 zwei umfangreiche Publikationen zur Geschichte der Juden in Creglingen. In beiden wurden auch der Pogrom und die NS-Zeit ausführlich thematisiert. Trotz der wohl auch vorhandenen Scham, damals tatenlos zugesehen zu haben, überwog nun bei der Creglinger Bevölkerung das Gefühl, zu Unrecht an den Pranger gestellt zu werden, wo doch die Täter größtenteils aus Heilbronn gekommen seien.

Museumsgebäude, Initiator und Projektgeschichte

Die Gründung des Jüdischen Museums stand zunächst in keinerlei inhaltlichem Zusammenhang mit den Bemühungen um eine angemessene Aufarbeitung des Pogroms, dieses »düstersten Kapitels der lokalen Geschichte«. Sie beruht vielmehr auf der Initiative eines US-Amerikaners deutsch-jüdischer Abstammung. Arthur S. Obermayer, ein erfolgreicher Unternehmer und passionierter Familienforscher, dessen Vorfahren mütterlicherseits aus Creglingen und Archshofen stammen, knüpfte auf der Suche nach seinen deutsch-jüdischen Wurzeln Kontakte nach Creglingen. Sein Großvater Josef Sinsheimer hatte 1885 als 16-jähriger Europa verlassen und in den Vereinigten Staaten ein erfolgreiches Unternehmen gegründet. In Creglingen erfuhr Obermayer von Simson aus Reinsbronn, seinem direkten Vorfahren vor 12 Generationen. Dieser hatte sich im Jahre 1618 als einer der ersten Juden mit einem Schutzbrief dauerhaft in Creglingen niedergelassen und in der Badgasse ein Haus erworben. Simson war einer der Stammväter der jüdischen Bevölkerung Creglingens. Über Jahrhunderte wohnte seine Familie in der Badgasse. In der Zeit vor der Errichtung der im Jahr 1 800 eingeweihten Creglinger Synagoge befand sich in diesem Wohnhaus eine der ersten Betstuben und damit das religiöse und geistige Zentrum der jüdischen Gemeinde.

Im Jahre 1879 wurde das inzwischen baufällige Haus verkauft und abgerissen. An seiner Stelle wurde 1880 ein Stall- und Scheunengebäude errichtet. Dieses befand sich im Jahre 1933 im Besitz des Viehhändlers Hermann Sterns, der bei dem Pogrom ermordet wurde. Seine Frau Zilly, geborene Blumenfeld, die 1942 über Theresienstadt nach Maly Trostinec deportiert wurde, stammte von Simson ab.

Das inzwischen heruntergekommene Gebäude stand im Jahre 1998 zum Kauf. Arthur S. Obermayer erkannte die historische Bedeutung der Stätte, die einst die Wohnstatt seiner Vorfahren, war und mit Anfang und Ende des jüdischen Lebens in Creglingen eng verknüpft ist. Kurz entschlossen erwarb er das Haus, um es sanieren zu lassen und darin ein Museum einzurichten. Zu diesem Zweck wurde am 4. November 1999 eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen, an der sich Deutsche und Amerikaner, Christen und Juden beteiligten. Der Creglinger Bürgermeister Hartmut Holzwarth übernahm den Vorsitz des Vorstandes. Seit der Eröffnung des restaurierten Gebäudes am 19. September 2000 fanden dort Wechselausstellungen, Vorträge und Diskussionsabende zum Thema Judentum in Geschichte und Gegenwart statt. Die behutsame Bausanierung durch den Bad Mergentheimer Architekten Rolf Klärle wurde mehrfach ausgezeichnet.

Streit um das Jüdische Museum

Obschon zunächst keinerlei Museumsbestände existierten, war von Anfang an geplant, in dem Museum eine historische Dauerausstellung einzurichten. Einig war man sich, dass die Einrichtung dem gegenseitigen Austausch und der Verständigung dienen und eine Sensibilisierung für Bedingungen von Zivilcourage sowie von Toleranz bzw. Akzeptanz gegenüber Minderheiten auch in der Gegenwart bewirken sollte. Doch über das Konzept der Ausstellung entbrannte bald eine heftige Kontroverse.

Die Mehrheit des Vorstandes, darunter der Museumsinitiator, war der Auffassung, dass das Museum umfassend an die gesamte Geschichte der Juden in der Region erinnern sollte. Nur so werde der Verlust, die Lücke, die durch die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Nachbarn entstand, deutlich.

Für Obermayer, dessen Großonkel Rudolf Sinsheimer bei dem Pogrom misshandelt wurde und der andere Verwandte durch den Holocaust verlor, ist trotzdem »das Leben wichtiger als der Tod«. Er wollte die NS-Zeit und den Pogrom keineswegs ausblenden, aber vor allem die Schicksale und Leistungen jüdischer Menschen in den Jahrhunderten davor und danach würdigen.

»Wo der Holocaust begann«

Es gab aber auch eine Fraktion, die der Meinung war, dass der Pogrom Creglingen zu dem Ort machte, »wo der Holocaust begann«. Deshalb sollte dieses Ereignis nach ihrer Auffassung zentraler Gegenstand des Museums sein. Man war sogar der Meinung, dass allein der Pogrom Veranlassung gebe, dort ein Museum einzurichten. Im Vorstand wurde diese Fraktion vertreten durch den Würzburger Theologieprofessor Horst Rupp. Als Enkel von Karl Stahl, dem am Pogrom beteiligten Creglinger Ortsgruppenleiter der NSDAP, fühlte er sich emotional stark betroffen. Die Forderung, an die Opfer des Pogroms zu erinnern, wurde überlagert von seinem Bedürfnis nach demonstrativem Schuldbekenntnis. Sein fast trotziges Beharren auf Sühne ließ ihn auf der Gegenseite nur »Verharmloser« und »Ewiggestrige« erkennen, denen er unterstellte, statt einer Gedenkstätte ein harmloses »Heimatmuseum« für jüdische Folklore zu planen, das natürlich beim lokalen Publikum auf größere Akzeptanz hoffen könne.

Wie in vielen anderen Gedenkstätten und jüdischen Museen ging es also darum, welchen Stellenwert in der musealen Präsentation die NS-Zeit haben sollte; ob primär ein Museum oder eher eine Gedenkstätte entstehen sollte. Dabei kreiste in Creglingen der Konflikt vor allem um die Frage, ob und in welcher Weise der Pogrom vom 25. März 1933 darzustellen sei.

Anders als beispielsweise im Jüdischen Museum Franken in Fürth, wo die dortige jüdische Gemeinde reklamierte, dass der Holocaust nicht ausreichend berücksichtigt sei, bestand in Creglingen gerade die jüdische Seite darauf, Juden nicht nur als Opfer zu sehen. Vereinfachend lässt sich der Creglinger Konflikt als Konfrontation zwischen einem auf Sühne bestehenden Täternachkommen und einem Juden, der die Opferrolle ablehnt, beschreiben.

Die öffentlich ausgetragene Kontroverse, die sogar im Ausland Aufmerksamkeit erregte, eskalierte, bis es schließlich zum Ausschluss Rupps aus dem Vorstand kam. Sein erst Ende 2004 erschienener Band »Streit um das jüdische Museum«, der die Auseinandersetzung anhand von Presseberichten nachzeichnet, geht nicht auf die damals kurz vor der Eröffnung stehende Ausstellung ein.

»Gedenktopographie Creglingen«

Die Übertragung der konzeptionellen Planung an eine professionelle Fachkraft und die Beratung durch ein landesweit besetztes Expertengremium halfen, die festgefahrene Diskussion wieder zu versachlichen. Inzwischen hatte Bürgermeister Holzwarth mit der Idee einer »Gedenktopographie Creglingen« den Rahmen für eine langfristige Planung abgesteckt. Diese Gedenktopographie soll aus drei Komponenten bestehen: dem Museum, dem vollständig dokumentierten jüdischen Friedhof und einer Gedenkstätte im Sitzungssaal des Alten Rathauses, dem authentischen Ort, an dem am 25. März 1933 der Pogrom stattfand. Eine von Studenten der Stuttgarter Kunstakademie entwickelte künstlerische Installation für den Raum, in dem die Opfer vor und nach den Misshandlungen warten mussten und zusätzlich gedemütigt wurden, befindet sich im Planungsstadium. Während die Gedenkstätte aus Finanzmangel vorläufig noch nicht realisiert wurde, konnte die Dauerausstellung im Museum am 8. November 2004 eröffnet werden.

»Wurzeln und Wege«

Das Ausstellungskonzept »Wurzeln und Wege« stellt drei Themenkomplexe in den Vordergrund: die regionalen Wurzeln und Besonderheiten jüdischen Lebens in Creglingen, die Wege und Schicksale, die Juden aus der tauberfränkischen Heimat in die Fremde führten, und das Weiterleben der Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit bei den Menschen in der Region wie auch bei deutsch-jüdischen Menschen mit tauberfränkischen Wurzeln im Ausland.

Im Erdgeschoss des Museums wird die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Creglingen von deren Anfängen zu Beginn des 17. Jahrhunderts bis zu ihrem Ende in der NS-Zeit anhand von Familien- und Hausgeschichten dargestellt. Außerdem erläutert die Ausstellung die Einrichtungen der religiösen Gemeinde. Dabei werden nicht nur die tiefe Verwurzelung in der Taubertalregion und die engen familiären Verflechtungen der jüdischen Familien untereinander deutlich, sondern auch die Schwierigkeiten der Koexistenz von jüdischer Minderheit und protestantischer Mehrheit.

Im ersten Stock liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf Einzelbiographien. Diese waren in unterschiedlicher Weise von freiwilliger oder erzwungener Mobilität geprägt. Der Pogrom vom 25. März 1933 bildet dabei eine markante Zäsur: Während vor diesem Datum die Lebenswege jüdischer Menschen von dem Wunsch bestimmt waren, sich ein besseres Leben zu sichern, ging es danach bald nur noch um das nackte Überleben.

Wanderhändler und Hausierer, Übersiedler und Auswanderer machten sich auf in benachbarte Territorien und größere Städte oder in die Vereinigten Staaten von Amerika. Ihnen gegenübergestellt sind Emigranten, die auf der Flucht vor NS-Terror und Vernichtung in Palästina, Südamerika oder in den Vereinigten Staaten Zuflucht fanden. Ein »Memorbuch« für die 16 Opfer des Pogroms vom 25. März 1933 sowie die medial dokumentierte Geschichte einer jüdischen Schulklasse zeigen eindringlich, welche Auswirkungen der nationalsozialistische Rassenwahn auf die Schicksale einzelner Menschen hatte.

Im zweiten Obergeschoss werden am Computer Objektgeschichten zu Originalen vermittelt. Indem ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung, aber auch die Umstände der Erhaltung und Überlieferung dargestellt werden, werden verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit der prekären und belastenden Vergangenheit deutlich.

Konzeption, Gestaltung, Finanzierung

Das Konzept wurde in zweijähriger Arbeit im Rahmen einer ABM-Stelle von der Ulmer Ausstellungskuratorin Myrah Adams in enger Kooperation mit Stiftungsvorstand und beratenden Gremien entwickelt und von Braun Engels Gestaltung, Ulm zusammen mit den Architekten Meier & Gerstenberg und den Mediendesignern i-interface aus Biberach umgesetzt. Die überwiegend kultur- und sozialhistorisch ausgerichtete Ausstellung fügt Relikte, die als Originale in der Region oder im Besitz ausgewanderter bzw. emigrierter jüdischer Familien erhalten blieben, Reproduktionen von Dokumenten und Fotos sowie Quellenzitate und erläuternde Texte zu Familienschicksalen und Einzelbiografien zusammen. Das facettenreiche Mosaik lässt die Geschichte zweier jüdischer Landgemeinden lebendig werden.

Die Gesamtkosten der neuen Dauerausstellung beliefen sich ohne Personalkosten auf etwa 130 000 Euro. Zum überwiegenden Teil wurde dieser Betrag aus Mitteln der Landesstiftung Baden-Württemberg aufgebracht. Daneben flossen erhebliche private Spenden in das Projekt. Auf private Förderung wird das Museum, das in Zukunft ehrenamtlich betreut wird, auch für den Dauerbetrieb angewiesen sein. Inzwischen wurde ein Internationaler Freundeskreis gegründet, der das Museum u. a. durch Mitgliederbeiträge und Spenden unterstützen soll.

Öffnungszeiten

Das Museum ist sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Der Eintritt ist kostenlos. Führungen für Schulklassen und Gruppen nach Vereinbarung.

Anschrift: Badgasse 3, 97993 Creglingen

Informationen: Torstraße 2, 97993 Creglingen

Tel. (079 33) 701-0 | Fax (079 33) 701 30 | jmc@stiftung-jmc.de