Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge

Neue Dauerausstellung
06/2002Gedenkstättenrundbrief 107, S. 15-22
Denise Wesenberg

Geschichte des Ortes

Seit 1943 geriet die berg- und höhlenreiche Vorharzregion um Halberstadt ins Visier verschiedener Dienststellen des Deutschen Reiches, die zunächst nach Höhlen für die Lagerung von Kulturgütern, dann nach Standorten zur Untertage-Verlagerung von Rüstungsindustrie suchten. Die südlich von Halberstadt gelegenen Thekenberge schienen zur Anlage eines unterirdischen Stollensystems besonders geeignet zu sein. Planungsunterlagen des – für die Verlagerung und Steigerung der Flugzeugproduktion zuständigen – Jägerstabes vom Frühjahr 1944 weisen aus, dass zunächst 60 000 Quadratmeter Produktionsfläche geschaffen und von den Junkers-Werken genutzt werden sollten.

Doch baute der Junkers-Konzern nicht selbst. Den verwaltungstechnischen Rahmen dafür bot der Erlass zur Gründung jenes Jägerstabes, in dem es hieß: »Soweit es sich um die Schaffung bombensicherer Fertigungsstätten in größeren Höhlen oder neuen Stollen handelt, zieht der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion den Reichsführer SS für die Durchführung der erforderlichen Baumaßnahmen zu. […] Der Reichsführer SS überträgt die Durchführung der erforderlichen Baumaßnahmen dem Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts – SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Pohl – und bestellt als verantwortlichen Leiter den SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS Dr. Ing. Kammler. Der Reichsführer SS stellt Schutzhäftlinge in ausreichendem Maße als Hilfskräfte für Bau und Fertigung.«1

Die Baustelle in den Thekenbergen gehörte zu jenen mehr als 20 Projekten, deren Durchführung dem Kammler-Stab übertragen wurde. Durch die SS erhielt sie die Tarnbezeichnung „B2“, in den Unterlagen des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion wurde sie unter dem Tarnnamen »Malachit« geführt.

Im April 1944 kam eine erste Gruppe »Schutzhäftlinge« aus Buchenwald an der künftigen Baustelle an und wurde in einem beschlagnahmten Gasthof, dem »Landhaus« untergebracht. Durch immer neue Zugänge war es rasch überfüllt, so dass auch eine Feldscheune als provisorische Häftlingsunterkunft hergerichtet wurde. In einer Entfernung von etwa 2 km zur Baustelle entstand dann das Barackenlager »B2« – heute nach dem Nachbarort und einer Hügelkette bekannt als »Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge«.

Bis zum April 1945 wurden in Langenstein-Zwieberge Deportierte aus ganz Europa bei schwerster Arbeit – insbesondere beim Bau der Tunnel – verschlissen. Dabei war die ausgegebene Nahrung so unzureichend, dass die Insassen sich mit Wehmut an Lager zurückerinnerten, die sie zuvor durchlitten hatten. Die »Einrichtung« der Blöcke beschränkte sich in einigen Fällen auf etwas gehäckseltes Stroh am Boden. Kennzeichnend für den Häftlingsalltag in Zwieberge waren darüber hinaus ständige Misshandlungen sowohl durch SS-Leute als auch durch Funktionshäftlinge und Zivilarbeiter.

Die Opfer dieser Behandlung ließ die SS zunächst durch einen Bauern per Pferdefuhrwerk zur Einäscherung in das nahe Quedlinburg bringen. Mehr als 900 Tote aus Langenstein-Zwieberge wurden dort registriert. Etwa ab März 1945 unterblieben die ohnehin nicht mehr ausreichenden Transporte jedoch. Etwa 1000 Häftlingsleichen wurden etwas außerhalb des Lagers in Massengräbern »bestattet«.

Im Mai 1944 hatte Gruppenführer Kammler während einer Beratung des Jägerstabes verkündet, die »B-Maßnahmen« – also auch die Bauarbeiten in den Thekenbergen – würden »voraussichtlich bis Ende des Jahres« abgeschlossen.2 Der in Langenstein tätige SS-Baustab scheute kein Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Dennoch war das Stollensystem im April 1945, als amerikanische Truppen auf Halberstadt vorstießen, lediglich zu etwa 60% fertig gestellt. Einen Teil der bezugsfertigen Fläche hatte das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion per Erlass vom 22.2.1945 den Bayerischen Motorenwerken Berlin-Spandau zugewiesen, diesen Bescheid jedoch bereits am 7. 3. 1945 widerrufen.3 Dessen ungeachtet versuchte der BMW-Konzern offenbar, seine Maschinen in den »Malachit«-Stollen unterzubringen. Aus Zittau wurde das Verlagerungsgut der Junkerswerke angeliefert: das dortige Zweigwerk mit dem Tarnnamen »Zittwerke AG« war seinerseits schon das Produkt einer Verlagerungsaktion gewesen. Das Entladen der Waggons hatte im Eilzugtempo zu erfolgen, für die beteiligten Häftlinge war es mit unsäglichen Qualen verbunden.

Der 9. April 1945 wurde für etwa 3000 Insassen des KZ Langenstein-Zwieberge zum Tag 1 des außerordentlich opferreichen Todesmarsches. Einzel- und Massengräber markieren die Marschstrecke, die in sechs Kolonnen im Wesentlichen über Quedlinburg, Bitterfeld, Wittenberg und schließlich Coswig führte. Große Verluste erlitt jedoch auch die Gruppe der etwa 1400 Häftlinge, die als Kranke im Barackenlager zurückgeblieben waren. Für die Toten dieser Gruppe und für jene, die noch nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen starben, wurde ein weiteres Massengrab angelegt.

Über den Massengräbern der NS-Zeit konnte – insbesondere aufgrund der Initiative der VVN – bereits 1949 ein Mahnmal eingeweiht werden. 1976 ließ die SED außerhalb des ehemaligen Lagergeländes ein »Funktionsgebäude« errichten, das unter anderem eine kleine Ausstellung zur Geschichte des KZ beherbergte.

In den Jahren 1995 – 2001 wurde dieses Gebäude durch den jetzigen Träger der Gedenkstätte, das Land Sachsen-Anhalt, umgebaut und saniert. Es entstand insbesondere eine deutlich vergrößerte Ausstellungsfläche. Zugleich hatten Forschungsarbeiten begonnen mit dem Ziel, die Geschichte des Ortes genauer dokumentieren zu können, als dies bisher möglich war.

Die Forschungsergebnisse bildeten schließlich die inhaltliche Grundlage für die Konzeption der neuen Dauerausstellung, die seit November 2001 der Öffentlichkeit zugänglich ist. Sie umfasst u.a. 40 Thementafeln, eine Hör- und vier Monitorstationen, 11 frei schwebende Vitrinen und ein Glasmodul zur symbolischen Darstellung der »Häftlingsgesellschaft«.

Die Gestaltung der neuen Dauerausstellung

Bedingt durch die reizvolle Landschaft des Vorharzes wird die Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge nicht nur von zielgerichteten Einzel- und Gruppenbesuchern aufgesucht: Häufig entdecken beispielsweise Radwanderer ein Stollenmundloch oder das Ausstellungsgebäude eher zufällig und sind dann daran interessiert, sich über die Zusammenhänge zu informieren. Daher schien es geboten, einen Ort zu schaffen, der Ankommende zunächst gedanklich auf die Ausstellung einstimmt. Diese Aufgabe übernimmt ein Foyerbereich, der mit großformatigen Landschaftsfotos der Umgebung das »Draußen« in das Gebäude holt, um dann durch weitere Bilder – vom Stollenmundloch über den Plan eines Tunnelsystems bis zur Darstellung ausgemergelter Häftlinge – für die Problematik der unterirdischen Verlagerung und der Ausbeutung von KZ-Häftlingen zu sensibilisieren.

Zur Darstellung der nationalsozialistischen Machtübernahme gibt es nach Auffassung der Organisatoren andere, geeignetere Orte als die Gedenkstätte. Daher setzt die Ausstellung dort ein, wo die unterirdische Verlagerung von Rüstungsindustrie – und die Entstehung von Konzentrationslagern bei Verlagerungsbaustellen – ihren unmittelbaren Ausgang nimmt: Bei der nationalsozialistischen Luftrüstung und bei den Folgen des Luftkrieges über Deutschland. Dargestellt werden diese Themen vor allem am Beispiel der Junkers-Werke und der Krupp-Gruson-Werke, da beide Konzerne bei der Verlagerung im Raum Langenstein eine wesentliche Rolle spielten.

Diese enge Verknüpfung zwischen Lokalgeschehen und allgemeiner Geschichte stellt ein tragendes Prinzip der Gestaltung dar. So wird beispielsweise auch auf den Tafeln, die die Entscheidungsträger der Untertageverlagerung vorstellen, immer wieder darauf Bezug genommen, welche Auswirkungen die Anordnungen dieser Gremien für die Vorgänge in Langenstein hatten.

Eine straffe Besucherführung ist nicht vorgesehen. Statt dessen werden die Besucher bereits vor Betreten des Ausstellungssaales eingeladen, sich mittels eines Faltblattes über die Platzierung der einzelnen Themenschwerpunkte im Raum zu informieren und bewusst zu entscheiden, welchen Inhalten sie sich in welcher Reihenfolge zuwenden und wie viel Zeit sie dafür aufbringen möchten.

Ziel der Organisatoren war es, eine Ausstellung zu etablieren, die keine »fertigen Wahrheiten« anbietet, sondern zur gedanklichen Auseinandersetzung auffordert und zur Mitarbeit einlädt. Dem geschuldet dominieren faksimilierte Originalquellen und Zitate aus Zeitzeugenberichten, die von wenigen strukturierenden Hilfen begleitet werden. Solche Hilfen sind beispielsweise die sogenannten »Leittexte«, die mit jeweils wenigen Sätzen an die verschiedenen Themen heranführen. Sie sind auch dem Faltblatt zu entnehmen.

Kenntnislücken in der historischen Forschung können einem Mangel an Überlieferung, aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass einander widersprechende Quellen vorliegen. Beide Phänomene wurden bei der Gestaltung der Ausstellung als Chance begriffen, bei den Besuchern Nachdenken und Nachfragen zu provozieren. Daher wurden Möglichkeiten gesucht, »weiße Flecken« in der Lagergeschichte hervorzukehren und einander widersprechende Quellen kontrastiv einzusetzen.

Kontrastiv gegenübergestellt werden häufig präskriptive und deskriptive Quellen: So stehen offiziellen Verlautbarungen zur Geheimhaltung aller mit der Verlagerung in Zusammenhang stehenden Vorgänge solche Dokumente gegenüber, aus denen hervorgeht, wie viele Zivilangestellte mit den Abläufen vertraut waren und wie gut auch die Alliierten über Details der Verlagerungsplanung Bescheid wussten.

Themenschwerpunkte der Ausstellung

U-Verlagerung und Baustelle »Malachit«

Im Rahmen der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitungen spielte die Luftrüstung eine große Rolle. Zur Fortführung des Krieges war der NS-Staat auf die Erzeugnisse der Flugzeug- und Motorenbauwerke angewiesen. Die zielgerichteten alliierten Luftangriffe führten jedoch gerade bei diesen zunehmend zu schweren Beeinträchtigungen im Produktionsprozess. Ein hektisches Bemühen um Regulierung der Schäden und um schnelle Verlagerung der gefährdeten Firmen in bombensichere Räume setzte ein und stärkte die Machtposition jener Kräfte, die für deren Organisation verantwortlich waren, insbesondere die des SS-Führers Hans Kammler.

Ohne grundlegende Kenntnisse über diese Zusammenhänge bleibt die Existenz des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge unverständlich, ein »Spuk«, der die Menschheit unvermittelt getroffen hat. Deshalb war es ein wichtiges Anliegen der Organisatoren, die Planung der unterirdischen Verlagerung in die Darstellung einzubeziehen und die entscheidungstragenden Personen und Institutionen vorzustellen, soweit der Forschungsstand dies zuließ. So findet der Besucher Informationen sowohl über das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion als auch über Kammler- und Jägerstab. Mit Sachkenntnis und Akribie verfügten gerade die Angehörigen dieses Stabes in einem Atemzug über die »Verwendung« von Tarnmatten und »KZ-Juden«. Einen Eindruck von der Arbeitsweise des Stabes vermittelt eine Hörstation, für die Auszüge aus seinen Schnellberichten behutsam szenisch bearbeitet wurden.

Parallel zu jenen Thementafeln, die die Planung der Untertageverlagerung auf höchster Ebene nachvollziehen, sind jene Aufsteller platziert, auf denen die Entstehung des »Malachit«-Stollensystems nachgezeichnet wird. Dabei werden in Gestalt der beiden vor Ort tätigen Baustäbe – des SS-Baustabes Lübeck und des Baustabes Heese – zugleich wesentliche lokale Entscheidungsträger vorgestellt. Es zeigt sich, dass insbesondere die Person des Architekten Klaus Heese sich einfachen Deutungsmustern entzieht. Heese, der zunächst freischaffend tätig gewesen war, hatte sich bei mehreren Bauvorhaben der Luftwaffe und der SS hervorgetan und konnte sich und seiner Familie dadurch offenbar einen vergleichsweise angenehmen Lebensstil sichern. Andererseits nutzte er seine Position, um Fachkräfte jüdischer Abstammung illegal zu beschäftigen und so vor der Deportation zu bewahren.

Ein Landschaft verändert ihr Gesicht

Diese Tafelgruppe thematisiert die schrittweise Umgestaltung der landwirtschaftlich geprägten Gegend, die Errichtung verschiedener Anlagen für die industrielle Produktion und der einzelnen Abschnitte des KZ. Zugleich wird der Versuch unternommen, in einer Gesamtschau auch das Kriegsende und den frühen Umgang mit den Hinterlassenschaften des Lagers in den Blick zu bekommen. Das vorläufige Ende der Betrachtungen bildet ein Zitat aus dem Aktenbestand der Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn. Die Bahn hatte das Anschlussgleis zur Baustelle betrieben und war bis 1947 bestrebt gewesen, damit im Zusammenhang stehende Schulden einzutreiben. Ihr Fazit: »Die Angelegenheit kann mit dem erfolgten Abbau des Anschlussgleises [… ] als erledigt betrachtet werden«4 steht stellvertretend für das Bestreben vieler Seiten, die Vergangenheit demonstrativ ruhen zu lassen. Abgebaute Miniaturschienen auf den Tafeln und das Zitat selbst stellen eine der vorgesehenen »Störungen« dar, mit denen die Gestalter das Ziel verfolgen, gewohnte Sehweisen in Frage zu stellen und zum Weiterdenken anzuregen.

Im Zentrum: Darstellung des Häftlingsalltages und 3D-Modell

Im Zentrum des Ausstellungssaales ziehen zunächst Objekte in frei schwebenden Vitrinen die Aufmerksamkeit auf sich. Allen voran laden zwei unterschiedliche Häftlingsschuhe – eine leichte Holzpantine mit rund gelaufener Sohle und ein gefütterter hoher Schuh – zum Vermuten und Nachfragen ein: Wer mag der Träger gewesen sein? Weshalb waren gleichzeitig gefütterte hohe Schuhe und Holzpantinen mit nur dünnem Oberleder in Gebrauch? Eine massive Porzellantasse gibt sich erst auf den zweiten Blick als ein für die SS gefertigtes Stück zu erkennen.

Als besonders aussagekräftig erweist sich ein unscheinbares Stück Papier: Einer der Häftlinge, der italienische Wissenschaftler Alberto Berti, hatte auf diesem ausgerissenen Stück Zementsack die Sterbedaten seiner Landsleute notiert, darunter auch das des Jugendlichen Attilo Pozzer.5 Dessen Totenschein auf einer Thementafel zeigt, wie genau Berti die Daten erfasst hatte.

Das erforderliche Wissen um Bedeutung und Verwendung der gezeigten Gebrauchsgegenstände und Dokumente vermitteln die jeweils umstehenden Tafeln. Das tägliche Grauen im Lager und an den Arbeitsplätzen lässt sich aus den Quellen der Lagerverwaltung nur sehr bedingt erschließen. Deshalb dominieren in diesem Bereich Zitate überlebender Häftlinge. Neben kollektiven Erfahrungen treten dabei auch höchst individuelle Erlebnisse hervor: der persönliche Kult um die tägliche Brotration, die Schuldgefühle gegenüber dem noch schwächeren Arbeitskameraden, dem die größten Steine zum Tragen übrig blieben. Dort, wo die gleichen Ereignisse von verschiedenen Personen unterschiedlich erlebt und gewertet wurden, kommt das Prinzip des kontrastiven Quelleneinsatzes zum Tragen. Insbesondere die Differenzen zwischen Selbst- und Fremddarstellung von Funktionshäftlingen lassen dabei auch Fragen nach der inneren Struktur jener Zwangsgemeinschaft und nach den Mechanismen des Sich-erinnern-Könnens und Sich-erinnern-Wollens aufkommen.

Auf weiteren Tafeln bilden Aussagen ehemaliger Zivilarbeiter und eines volksdeutschen SS-Aufsehers aus Jugoslawien über ihren Arbeitsalltag das Geschehen aus einer anderen Perspektive ab. Dennoch sind es vor allem die Reflexionen der ehemaligen Häftlinge, die verdeutlichen: »den« SS-Mann, »den» Zivilarbeiter und »die« guten Kameraden hat es nicht gegeben. Die »Fronten« zwischen »gut« und »böse« verliefen, so wird klar, immer wieder anders, als gemeinhin angenommen, und nicht selten mittig durch einen Menschen.

An einer Medienstation besteht die Möglichkeit, sich mittels eines 3D-Modells über räumliche Lage und Größe des Barackenlagers sowie der im Zusammenhang mit dem KZ stehenden Geländepunkte »Landhaus«, »Feldscheune« und Stolleneingang zu orientieren.

Der Einsatz der Animation stellt in vielerlei Hinsicht ein Experiment dar, bei dem auf reflektierte Erfahrungen im Umgang mit den Medien im gegebenen Kontext kaum zurückgegriffen werden konnte. Dass die Entscheidung dennoch zugunsten dieser Modell-Variante fiel, hatte seine Begründung vor allem in der bereits beschriebenen räumlichen Trennung der mit der Geschichte des KZ verbundenen Geländepunkte sowie im fast völligen Fehlen baulicher Überreste des Barackenlagers.

So wurde eine Darstellungsform gesucht, die es den Besuchern ermöglicht, sich in Vorbereitung einer eigenen Geländebegehung umfassend zu orientieren, und die zugleich in der Lage ist, die von den Häftlingen zurückgelegten Wege darzustellen. Die erheblichen Höhenunterschiede, deren Überwindung von den Lagerinsassen als zermürbend empfunden wurde, sollten dabei nicht durch die Draufsicht auf ein Modell nivelliert werden.

Der konzeptionelle Ansatz, Kenntnislücken hervorzukehren, statt sie zu verdecken, bestimmte auch die Gestaltung des Modells. Strukturen und Objekte, die durch die Auswertung historischer Luftbilder und die Aussagen Überlebender nicht näher spezifizierbar waren, sind als blass-graue Flecken deutlich erkennbar. Insofern erwies sich das Bemühen um Visualisierung gewissermaßen auch als »Zwischenprüfung« für die Forschung. Darüber hinaus waren sich jedoch alle an der Herstellung Beteiligten darin einig, dass auch im Hinblick auf gut erforschte Gebäude und Geländepunkte eine naturnahe oder gar fotorealistische Darstellungsform dem Anliegen nicht angemessen und daher abzulehnen sei.

Zusätzlich zu den Bildinformationen des Modells werden den Besuchern Aussagen Überlebender in Originalton mit Untertiteln angeboten, in denen diese ihre Erinnerungen an bestimmte Geländepunkte wiedergeben. Für die pädagogische Arbeit mit Gruppen kann das Modell – ohne Ton – im Seminarraum eingesetzt und für Erläuterungen jederzeit gestoppt werden.

Themenschwerpunkte April 1945 und Nachkriegsgeschichte

Die Situation vor der Räumung des Lagers, in der die Eingekerkerten fürchten mussten, von der SS im Stollen eingesprengt zu werden, wird auf einer Tafel thematisiert. Der Todesmarsch selbst, der ja ein Prozess war, ließ sich jedoch am angemessensten in einer DVD-Dokumentation darstellen. Die Marschrouten der Kolonnen erscheinen auf dem Bildschirm als laufende Linien, ein Kilometerzähler verdeutlicht, welche Entfernung bereits zurückgelegt wurde. Als Bild-Ton-Sequenz oder im Originalton mit Untertiteln sind auch hier ehemalige Häftlinge zu sehen bzw. zu hören. Ihre Schilderungen sind außerordentlich ergreifend. So erinnert sich Paul le Goupil an einen geschwächten Kameraden, der sich einen Teil des Weges auf seinen Arm gestützt hatte, dann jedoch das Tempo nicht mehr mithalten konnte. Weil es sich um einen Kriegsgefangenen handelte, erklärten sich die Begleitposten damit einverstanden, dass er in einem der Häuser am Straßenrand zurückgelassen würde. Die Bewohner waren jedoch nicht bereit, den Kranken aufzunehmen. Schließlich wurde der Kamerad erschossen.

Eine weitere Tafel zeigt die Außensicht der amerikanischen Truppen und des Langensteiner Ortspfarrers auf das von der SS verlassene Lager. Übereinstimmend beschreiben die Zeugen ein unvorstellbares Durcheinander, bestehend aus noch Lebenden und schon Toten, katastrophalen hygienischen Bedingungen, Mangel an allem Lebensnotwendigen.

Ein anlässlich des Besuches des amerikanischen Generals Mc Lain im April 1945 gedrehter Film unterstreicht diese Aussagen auf eindrucksvolle Weise.

In 56 Jahren Nachkriegsgeschichte wurde der authentische Ort des Lagers vielfach verändert. Der Entfernung der Baracken folgten gestalterische Eingriffe im Zusammenhang mit der Errichtung der Mahnmale, Natur eroberte Territorium zurück. Den Blick für diesen Wandel zu schärfen ist Anliegen einer Fotodokumentation innerhalb des Themenschwerpunktes Nachkriegsgeschichte. Hier finden die Besucher auch Informationen über den Umgang mit dem Stollensystem, beispielsweise über die militärische Nutzung durch die Nationale Volksarmee. Sie führte dazu, dass die Thekenberge wiederum zum Sperrgebiet und die Bewohner der umliegenden Ortschaften per definitionem zu »Geheimnisträgern« wurden. Den ehemaligen Häftlingen war es bis 1989 nicht möglich, die Stollen noch einmal zu betreten. Schlaglichtartig beleuchtet werden auch die Geschichte der Gedenkstätte und die Strafverfolgung der Täter von Langenstein-Zwieberge, doch bleibt hier für die Forschung noch viel zu tun.

Einladung zur Mitwirkung

Video-Infothek

Für die Video-Infothek, auf die die Besucher an einer Monitorstation individuell zugreifen können, wurden die Aussagen ehemaliger Häftlinge zu verschiedenen Themen digital aufbereitet und zu Kurzfilmen gebündelt. Eine Erweiterung des Angebotes wird angestrebt und soll vor allem in Zusammenarbeit mit Familienangehörigen und Freunden von Überlebenden realisiert werden.

Der »Trichter«

Die Erinnerung an das Leid der Opfer wach zu halten, ist eine der zentralen Aufgaben der Gedenkstätte. Sie kann ihr am besten gerecht werden, wenn sie es schafft, die Anonymität des Lageralltags – und oft auch der Überlieferung – aufzubrechen und hinter gestreifter Kluft und Häftlingsnummern Menschen mit ganz individuellen Zügen sichtbar zu machen. Dies zu tun bedeutet zugleich, den Opfern ein Stück Würde zurückzugeben.

Vor dieser Aufgabe stehen jedoch nicht nur Historikern und Gedenkstättenpädagogen. Gerade interessierte Besucher können durch ihre Arbeit zur Umsetzung dieses Anliegens beitragen. Diesem Gedanken ist der »Trichter« verpflichtet – ein langgestreckter Glaskörper, der, mit Notizen und Dokumenten zu möglichst jedem einzelnen Häftling gefüllt – die Lagergesellschaft symbolisieren soll. Gestalterisch wird mit dem »Trichter« Tucholskys Gedanke des »Menschentrichters« aufgegriffen, der, obgleich in einem anderen Zusammenhang gedacht, die Verhältnisse im Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge überaus zutreffend beschreibt.

Von außen ergibt sich ein Blick auf die Äußerlichkeiten der Häftlingsgesellschaft: Nummern und farbige Winkel sowie Nationalitätenkürzel sind erkennbar. Das leicht schräg hängende Objekt erlaubt jedoch, Materialien herauszugreifen und sich genauer mit Einzelschicksalen zu beschäftigen. Dabei »verschiebt« sich das Bild – der Blick auf andere Inhalte wird freigegeben.

Auch bei der Gestaltung dieses Ausstellungsbestandteiles stand die Überlegung Pate, dass Abstraktes, wie etwa die Kategorisierung von Häftlingen, am besten zu begreifen und am zuverlässigsten zu hinterfragen ist, wenn es mit konkreten Schicksalen verbunden wird.

Die zu leistende Arbeit besteht nun zunächst darin, das in der Gedenkstätte vorhandene Material – Videointerviews, Briefwechsel mit Überlebenden und Angehörigen von Opfern sowie Unterlagen der Lagerverwaltung – auf relevante Fakten zu einzelnen Häftlingen durchzusehen und für den „Trichter“ aufzubereiten, wobei es insbesondere darauf ankommt, den genannten Quellen Angaben zu »entlocken«, die Rückschlüsse auf individuelle Überzeugungen, Hoffnungen und Interessen zulassen. In einem weiteren Schritt könnten dann – beispielsweise im Rahmen von Projekten – darüber hinausgehende Informationen zu Einzelpersönlichkeiten eingeholt werden.

Dabei ist bereits abzusehen, dass es nicht möglich sein wird, über jeden Gefangenen gesicherte Informationen zu erlangen. Doch das Ziel, einen Prozess in Gang zu setzen und zu halten, bei dem heutige Gedenkstättenbesucher handelnd lernen und zugleich durch ihre Arbeit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass nach ihnen Kommende sich ein noch konkreteres Bild von der Geschichte des Lagers machen können, muss deshalb nicht aufgegeben werden.

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Gedenkstätte ständig zu besichtigen.

Öffnungszeiten Montag – Freitag, 9 –15.30 Uhr

Öffnungszeiten Wochenende (April – September) 14 –17 Uhr

(Oktober – März) 14–16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Telefon/Fax: 039 41/30 248

1          Hier zitiert nach dem Erlass des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches und Beauftragten für den Vierjahresplan vom 4.3.1944, BA Berlin, R 3101 alt R7/1173.

2          Vergl. Schnellbericht vom 26.5.1944 in BA Berlin R3/1756.

3          BA R7 / 31172.

4          LHA Magdeburg, Rep G5, Klb, Nr. 455.

5          Schreibweisen differieren.