Gedenkstätte KZ-Außenlager Braunschweig Schillstraße

Braunschweig - Eine Stadt in Deutschland erinnert sich
08/2000Gedenkstättenrundbrief 96, S. 35-39
Kulturinstitut Braunschweig

Im Jahr 1837 wurde das sogenannte »Schill-Denkmal« vom Baukondukteur Heinrich Friedrich Uhlmann (1807–1880) erbaut. Zur alten Denkmalanlage gehört auch das Invalidenhaus von 1840, das früher einmal ein kleines Museum beherbergte. Das »Schill-Denkmal« erinnert an den im Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht getöteten preußischen Major Ferdinand von Schill und an 14 Soldaten seines Freikorps, die in Braunschweig hingerichtet wurden. 1955 ist das »Schill-Denkmal« – ein Denkmal patriotisch-nationalistischer Prägung – neu geweiht worden, um der im Zweiten Weltkrieg getöteten oder vermißten Soldaten Braunschweiger Truppenteile zu gedenken. Es ist in seiner Gestalt mit den Bronzetafeln, die 1955 in Zusammenhang mit der Umwidmung des Denkmals angebracht wurden, unverändert geblieben.

Demonstrationen und Auseinandersetzungen am »Schill-Denkmal« zu den Volkstrauertagen 1994/95 zeigten Defizite in der Aufarbeitung Braunschweigischer

NS-Vergangenheit auf. Forschungen ergaben, dass sich in den Jahren 1944/45 in Braunschweig an der Schillstraße in unmittelbarer räumlicher Nähe zum Schill-Denkmal ein Außenlager des Hamburger KZ-Neuengamme befunden hatte. In diesem Lager waren Zwangsarbeiter inhaftiert, die bei der Firma Büssing eingesetzt wurden. Es handelte sich bei diesen Häftlingen überwiegend um polnische Juden, die aus dem KZ Auschwitz nach Braunschweig überstellt wurden. Harte Arbeit in den Werken und menschenverachtende Lebensbedingungen in den Lagern bedeuteten für viele KZ-Häftlinge die physische und psychische Vernichtung. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht zu ermitteln, von 300 bis 500 Toten ist nach derzeitiger Quellenkenntnis auszugehen.

Nach einer Diskussion über die Geschehnisse im Lager Schillstraße wurde seitens der Stadt Braunschweig im Dezember 1995 entschieden, einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Gedenkstätte für die Opfer des Lagers auszuschreiben. Zwei eigens berufene Gremien, ein historischer Beirat und eine kunstsachverständige Jury, nahmen ihre Arbeit auf. Sechs Künstlerinnen und Künstler mit nationalem und internationalem Renommee wurden schließlich gebeten, einen Entwurf zu erarbeiten.

Die international renommierte Künstlerin Sigrid Sigurdsson konnte den Wettbewerb für sich entscheiden. Ihr Konzept enthält neben einer künstlerischen Installation das Projekt »Braunschweig – eine Stadt in Deutschland erinnert sich«, aus dem sich ein »Offenes Archiv« entwickelt. Sigrid Sigurdssons Installation gibt am authentischen Ort Raum für das Nachdenken und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Februar 1997 wurden die ersten ausgewählten Institutionen und Einzelpersonen zur Mitarbeit an der Gedenkstätte aufgefordert. An Zeitzeugen, die Bürger Braunschweigs und Institutionen wurden Kassetten mit leerem Papier mit der Bitte überreicht, ihre Gedanken und Erinnerungen festzuhalten, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Es ist der Versuch, das Schweigen zu brechen und der Erinnerung zu begegnen. Aufgrund der überwältigenden Resonanz auf das Projekt wurde der Kreis der Beteiligten ständig erweitert.

Im Laufe der Zeit ist das so entstandene »Offene Archiv« auf 70 Kassetten angewachsen. 1998 wurde in der Burg Dankwarderode eine Ausstellung mit den Beiträgen der am »Offenen Archiv« beteiligten Personen eröffnet, die im Laufe eines Monats fast 6000 Besucher zählte.

Die künstlerische Installation von Sigrid Sigurdsson, als Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des KZ-Außenlagers Schillstraße, hatte die Stadt Braunschweig schon im November 1997 der Öffentlichkeit übergeben. Von einem mehrstufigen Podest kann der Besucher auf das ehemalige Lagergelände blicken. Dort befindet sich heute ein Teil der Hauptpost. Auf einem Gebäude des Postgeländes ist in blauer Leuchtschrift der Satz »Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit – Rabbinische Weisheit« angebracht. Dieser Schriftzug wurde von der Post finanziert, die sich damit zu der Geschichte des Grundstücks bekennt, auf dem sie in den 60er Jahren ihr Betriebsgelände, teilweise auf dem Areal des früheren Lagers, errichtete.

An der Mauer, die das Post- und frühere Lagergelände abgrenzt, sind mehr als 200 Metalltafeln angebracht. Einige der Tafeln enthalten von dem Historiker Dr. Karl Liedke verfaßte Informationen über die Geschichte des KZ-Außenlagers und das Schicksal der Häftlinge. Die meisten der Tafeln waren zunächst leer und symbolisierten den »blinden Fleck«, den diese Thematik in Braunschweig so lange gebildet hatte.

Bis zum Mai 2 000 sanierte und renovierte die Stadt Braunschweig das auf dem Gelände der Gedenkstätte gelegene frühere »Invalidenhaus«. Dieses Haus beherbergt nun die wachsende Sammlung des »Offenen Archivs«. Am 7. Mai 2000 übergab der Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig diesen »Ort des Erinnerns« der Öffentlichkeit. Zugleich waren die ersten 50 Tafeln mit ausgewählten Erinnerungstexten der am Offenen Archiv beteiligten Institutionen und Einzelpersonen beschriftet. Zug um Zug wird die Auswahl der Texte und die Beschriftung der Tafeln fortgesetzt.

Das »Offene Archiv« ist darauf angelegt, in der Zukunft fortgeschrieben zu werden und so die Erinnerung an das ehemalige Außenlager des KZ Neuengamme an der Schillstraße wachzuhalten.

Der Arbeitskreis Andere Geschichte e.V. hat im Auftrag der Stadt Braunschweig die Betreuung der Einrichtung übernommen. Zu seinen Aufgaben gehört die Fortführung des Archivs, die Beratung der Benutzerinnen und Benutzer, Führungen und pädagogische Angebote an diesem Ort sowie die Pflege des Kontaktes zu in Braunschweig Verfolgten des NS-Regimes.

Die Öffnungszeiten des Archivs sind:

Dienstag und Mittwoch 14–17 Uhr

Donnerstag 16–19 Uhr

Jeden ersten Samstag im Monat 14–17 Uhr

Weitere Nutzungen sind nach telefonischer Absprache möglich.

Ansprache zur Eröffnung der Gedenkstätte

Anläßlich der Übergabe der neuen Gedenkstätte KZ-Außenlager Braunschweig Schillstraße waren durch den Arbeitskreis Andere Geschichte e.V. und die Stadt Braunschweig zehn Überlebende des Lagers aus Israel und Frankreich eingeladen worden. Neben dem Braunschweiger Oberbürgermeister Werner Steffens sprachen auf der Eröffnungsveranstaltung am 7. Mai die Künstlerin Sigrid Sigurdsson, der frühere Häftling Boleslaw Olomucki, und Reinhard Bein, Vorsitzender des Arbeitskreises Andere Geschichte e.V.. Wir dokumentieren im folgenden einen Auszug aus seiner Ansprache, die auf den Umgang mit dem Ort eingeht, an dem 165 Jahre Denkmalgeschichte und die Erinnerung an ein KZ-Außenlager aufeinandertreffen.

Historisches Bewusstsein ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Sichtbares Ergebnis dieser Bewusstseinsbildung sind Denkmäler, die an Personen und historische Ereignisse erinnern und als Orte des Lernens verstanden werden sollen.

An dieser Stelle, an der wir heute stehen, befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine Sandkuhle. 1835 stieß ein Fuhrmann, der Sand aus der Grube holte, auf menschliche Knochen. Es stellte sich heraus, dass dies der Ort war, an dem die französische Besatzungsmacht 1809 14 deutsche Soldaten erschossen hatte. Sie hatten unter dem preußischen Major von Schill für die Freiheit ihrer Heimat gekämpft. Nach dem Sieg über Napoleon war dieser Gedenkort bald in Vergessenheit geraten. Wohl auch aus Enttäuschung darüber, dass die Einheit nicht erreicht worden war und dass Freiheit von den Landesfürsten nur als Befreiung von Fremdherrschaft interpretiert worden war, nicht als demokratisches Recht aller Bürger.

Jetzt im Jahr 1835, als eine neue Generation gegen fürstliche Unterdrückung zu rebellieren begann, bedurfte es nur dieses einen Impulses, um den Freiheitskämpfern gegen Napoleon ein Denkmal zu errichten. Aber nur vorsichtig heißt es auf dem Denkmalschaft: »Sie fochten und fielen für Deutschlands Freiheit.« Welche Freiheit war gemeint?

Nationale Denkmäler wurden in diesen Jahren überall errichtet, für die Nachgeborenen, als Orte des Erinnerns und Gedenkens. Nationale Ereignisse und Personen, die mit den Ereignissen in Verbindung standen, sollten so vor dem Vergessen bewahrt werden und das Nationalgefühl stärken. Gleichzeitig mit dem Erinnern wurden sie also belegt mit einer politischen Botschaft. War es in unserem Fall der Aufruf zur Schaffung der Einheit in Freiheit?

Als Ort des Lernens durch Anschauung entstand dem Denkmal gegenüber 1840 das Invalidenhaus, das heute eine neue Funktion erhalten wird.

Betreut wurde es durch einen Veteranen der Schillschen Partisanen. Hier erfuhren die Schulkinder aus berufenem Munde vom Freiheitskampf gegen Napoleon und man zeigte ihnen Erinnerungsstücke an die Helden von damals. Dass die Freiheit eines Landes mit der persönlichen Freiheit der Bürger korrespondieren muss, erfuhren die Kinder durch diese Erinnerungsstücke wohl nicht.

Das gewachsene Nationalbewusstsein mündete in die Revolution von 1848. Diese Revolution der Bürger scheiterte an den deutschen Landesfürsten, und die verwirklichten 1871 ihre eigene Vorstellung von Einheit und Freiheit. Das Ergebnis war der militaristische Obrigkeitsstaat.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Denkmal für dessen Rechtfertigung missbraucht. 1909 traf sich die Braunschweiger Obrigkeit am Schilldenkmal zur 100-Jahr-Feier der Erschießung der Schillschen Soldaten. Die deutsche Einheit war nicht durch den Bürgerwillen, sondern durch eine Abfolge von Kriegen verwirklicht worden, und folglich hatten das Denkmal und seine Helden eine neue Interpretation erhalten. Sie hatten gegen den französischen Erbfeind gekämpft, das war nun ihre eigene Leistung. Und die Nationalsozialisten fügten bei ihren Feiern an diesem Denkmal ihre Helden hinzu, den Attentäter Schlageter und die Braunschweiger SA- und SS-Männer Schaffeld und Landmann. Ein Denkmal mit einer so unklaren Definition von Freiheit musste sich diese Vereinnahmungen gefallen lassen.

Im September 1944 wurde direkt neben der Denkmalsanlage ein Außenlager des KZ Neuengamme errichtet. Auschwitzhäftlinge lebten hier unter katastrophalen Bedingungen, arbeiteten für die deutsche Rüstungsindustrie und viele starben an den Folgen von Misshandlungen und Unterernährung.

Nach Kriegsende dauerte es nur wenige Jahre, dann war dieses Lager vergessen. Zwar errichteten die Stadt bzw. die verschiedenen Opfergruppen in den Nachkriegsjahren eine Reihe von Denkmälern. Seit 1951 erinnert ein Denkmal an den im KZ Bergen Belsen umgekommenen braunschweigischen Ministerpräsidenten Heinrich Jasper. 1958 weihte die Stadt auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein für die Opfer des Holocaust ein, 1958 ein Denkmalsensemble für die Riesebergopfer und 1962 auf dem Städtischen Friedhof ein Mahnmal für die Toten des Krieges, der Gewaltherrschaft und der Vertreibung.

Aber sie ließ es zu und förderte es finanziell, dass das Schilldenkmal 1955 von Braunschweiger Traditionsregimentern  »umgewidmet« wurde, wie man es nannte. Neben der Inschrift »Sie fochten und fielen für Deutschlands Freiheit« steht seither zu lesen: »Dem Gedächtnis tausender Soldaten neu geweiht – Söhne aller deutschen Stämme – welche den hier aufgezeichneten Truppenteilen angehörten, an den Fronten des Krieges 1939–1945 gekämpft haben, gefallen, vermisst sind oder aus Gefangenschaft nicht zurückkehrten.«

Wenn diese Verknüpfung zweier Inschriften schon eine bemerkenswerte Fehlleistung war, so mutet es geradezu ungeheuerlich an, dass offenbar niemand peinlich berührt war, hier jährlich der gefallenen Angehörigen der Wehrmacht und auch der Waffen-SS zu gedenken, angesichts der noch vorhandenen Steinbaracken eines

KZ-Außenlagers. Dies zeigt, dass die Trauerfeiern an den verschiedenen Denkmälern der Stadt, die an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern und mahnen sollten, für viele der Beteiligten bloße Rituale waren. Eine ehrliche mitmenschliche Anerkennung aller Opfer und ihrer Leiden fehlte.

Es dauerte bis Anfang der 90er Jahre, ehe den Verantwortlichen dieser Stadt ihre Teilnahme an den offiziellen Veranstaltungen zum Volkstrauertag am Schilldenkmal peinlich bewusst wurde. Und sie kamen nicht von alleine darauf. Erst als es am Volkstrauertag 1994 und 1995 zu gewalttätigen Gegendemonstrationen engagierter Jugendlicher kam, beschlossen sie die Umwandlung dieses Ortes zu einer Gedenkstätte für die Opfer des ehemaligen Außenlagers des Konzentrationslagers Neuengamme.

Wie unser Beispiel zeigt, sind Denkmäler zwar Orte des Erinnerns, aber nicht in jedem Falle Orte bewussten historischen Lernens.

Um diesem historischen Ort gerecht zu werden, tat die Stadt 1996 dann einen mutigen Schritt: Sie entschied sich für das Konzept des »Offenen Archivs der kollektiven Erinnerung«, das die Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson entwickelt hat. Frau Sigurdsson konnte zudem eine Gedenkstätte konzipieren, die mit diesem »Offenen Archiv« in Korrespondenz steht. Die Stadt bestimmte deshalb das Invalidenhaus am Schilldenkmal zum Ort für dieses »Offene Archiv«. Mit der heutigen Übergabe des Invalidenhauses an den Arbeitskreis Andere Geschichte e.V. geht die Stadt nun den neuen Weg, eine Gedenkstätte und ein »Offenes Archiv« zum Ort des Lernens zu machen. Dieser Ort bietet in Zukunft den Lernenden außerdem die Möglichkeit, sich mit dem umstrittenen Schilldenkmal und seinen jeweiligen Zweckbestimmungen produktiv auseinanderzusetzen.

Der Arbeitskreis Andere Geschichte e.V. betrachtet den Schriftzug am Rande der Gedenkstätte »Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit« als Motto seiner Arbeit.