»Man könnte sagen: Wenn du hier vorbei gehst, hörst du Schreie. Oder: Wenn du an diesem Gebäude vorbei gehst, das du nicht sehen kennst, da die Mauer so hoch ist – hörst du Schreie. Oder: Wenn du hier vorbei gehst, auf dem Weg zum Bahnhof, hörst du Schreie.« Dieses Zitat stammt aus dem Film »The View from our House«, der im Rahmen des Veranstaltungsprogramms des Gedenkortes SA-Gefängnis Papestraße im Oktober 2013 zu sehen war.[1] Zentraler Inhalt des Films ist die Geschichte der jungen Fotografin Erika Koch, die 1933 in der Nähe des in einem ehemaligen Militärgebäude untergebrachten SA-Gefängnisses wohnte. Ihr Weg zum S-Bahnhof führte an dem Kasernengelände vorbei. Weil ihre Familie jüdisch war, musste Erika Koch bereits 1933 die Schule verlassen. Auch ein Ausbildungsplatz als Fotografin wurde ihr verwehrt. Sie assistierte daraufhin bei den Berliner Fotografen Otto Umbehr und Hein Gorny und flüchtete schließlich 1936 gemeinsam mit ihrer Familie nach England. Erst im Jahr 2008 erzählt Erika Koch ihrer Nichte, der Filmemacherin Anthea Kennedy, dass sie 1933 auf dem Weg zum S-Bahnhof die Schreie der Häftlinge aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager hatte hören können. Anthea Kennedy versuchte anschließend, der Aussage ihrer Tante nachzugehen und entdeckte während eines Besuchs in Berlin den Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße. Die Geschichte ihrer Tante und der erhaltene historische Ort inspirierten sie zu dem Filmvorhaben. Die Aussage von Erika Koch ist heute eines der wenigen Zeugnisse, die darüber berichten, dass die Schreie der Gefangenen für vorbeigehende Passanten zu hören waren.
Die Geschichte von Erika Koch ist nicht die einzige, die seit der Eröffnung der Dauerausstellung im März 2013 zum ersten Mal am historischen Ort erzählt werden kann. Das im Gedenkort ansässige Archiv kann ebenso um das Schicksal des Reichsbannermannes und SPD-Funktionärs Kurt Schubert ergänzt werden. Kurt Schubert war gelernter Industriekaufmann und absolvierte 1933 neben seiner Berufstätigkeit ein Abendstudium an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin. Sein berufliches Ziel war eine Karriere in der SPD. Im Juni 1933 verschleppten ihn SA-Männer in das SA-Lokal Lübars und misshandelten ihn schwer. SPD-Genossen intervenierten gegen diese Verhaftung bei dem Polizei-Revier in Hermsdorf, woraufhin der zuständige Polizeihauptmann die Freilassung Kurt Schuberts verlangte. Anstatt Kurt Schubert der Polizei zu übergeben, überstellten die SA-Männern ihn an die SA-Feldpolizei in der General-Pape-Straße, wo er für zehn Tage Verhören und Misshandlungen ausgesetzt war. Die Reinickendorfer SA-Männer durchsuchten währenddessen seine damalige Wohnung, beschlagnahmten seine Literatur und seine Aufzeichnungen und verbrannten alle Unterlagen.
Kurt Schubert konnte nach seiner Freilassung sein Studium durch den Verlust aller Unterlagen nicht fortsetzen und arbeitete bis zu seiner Einberufung bei der Wehrmacht weiter als Industriekaufmann. Seinem Sohn erzählte er Mitte der 60er Jahre nur ein einziges Mal über seine Haft. Der erschütternde Bericht des Vaters begleitete den Sohn jahrzehntelang. 2013 bemühte sich der Sohn erneut, die Erzählungen zu verifizieren und stieß bei einer Suche im Internet schließlich auf den Gedenkort. Nach anschließenden Recherchen von Mitarbeitern des Gedenkortes konnte die Verfolgung und Inhaftierung Kurt Schuberts anhand historischer Dokumente eindeutig belegt werden.[2] Sie ergaben auch, dass der für die Verhaftung verantwortliche SA-Mann Axel Leyke und der Sohn von Kurt Schubert sich kannten und Mitglieder in demselben Hermsdorfer Tennisklub waren. Der ehemalige SA-Mann hat sich dem Sohn allerdings nie zu erkennen gegeben.
Im August 2013 besuchte Prof. Dr. Benjamin Gidron aus Tel Aviv den Gedenkort auf der Suche nach der Geschichte seines Großvaters Sally Gottfeld. Um die Familiengeschichte zu vervollständigen, wollte er herauszufinden, was seinem Großvater im Jahr 1933 in Berlin wiederfahren war und was der Grund für die Emigration der Familie nach Palästina im Dezember desselben Jahres war. Sally Gottfeld hatte seiner Familie in den Nachkriegsjahren mehrfach von einem »Haftkeller« erzählt, ohne jedoch den Ort exakt zu benennen. Auch in diesem Fall ergab eine historische Recherche neue Erkenntnisse.[3] Wie sich herausstellte wurde Sally Gottfeld einzig und allein aus dem Grund weil er Jude war, im Mai 1933 in seiner Wohnung in Moabit von SA-Männern aus dem Bezirk verhaftet. Sie brachten ihn erst in ein nahe gelegenes SA-Sturmlokal in der Huttenstraße und anschließend gemeinsam mit 20 weiteren inhaftierten Personen in das frühe KZ am Universum-Landes-Ausstellungs-Park (Ulap) in Tiergarten.[4] Von hier überstellte man ihn in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, um herauszufinden, ob Sally Gottfeld sich nicht doch politisch für die KPD engagierte. Anschließend nahmen ihn SA-Feldpolizisten in das SA-Gefängnis Papestraße mit. Hier wurde er während seiner Haft schwer misshandelt. Die SA-Männer brachen ihm den Unterkiefer und traten ihn in den nackten Unterleib. Auch durchsuchten sie seine Wohnung und beschlagnahmten – nachdem sie keine politischen Schriften oder Waffen hatten finden können – ein Paar Stiefel, welche Sally Gottfeld den SA-Männern überlassen musste. Ein ihn vernehmender Gerichtsassessor veranlasste schließlich am 22. Juni 1933 seine Entlassung und die Überführung in eine Rettungsstation. Für die folgenden vier Monate war es Sally Gottfeld aufgrund der zahlreichen Verletzungen nicht möglich, seinen Beruf als Klempner auszuüben. Auch die Suche nach einem behandelnden Arzt erwies sich als schwierig, da einige der von ihm aufgesuchten Ärzte Angst hatten, ihn als ehemaligen Häftling der SA-Feldpolizei zu behandeln. Vollkommen mittellos und aus Angst vor weiteren Übergriffen beantragt er im September 1933 ein Visum für Palästina. Im Dezember 1933 verließen das Ehepaar Gottfeld und ihre fünf Kinder Berlin in Richtung Haifa und überlebten so den Holocaust.
Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße ist heute der einzige öffentlich zugängliche historische Ort des frühen NS-Terrors in Berlin, in welchem noch Spuren aus dem Jahr 1933 zu finden sind. In dem ursprünglich als Wirtschaftsgebäude für die Preußischen Eisenbahnregimenter errichteten Haus unterhielt die SA-Feldpolizei, eine im Februar 1933 aufgestellte Sonderformation der SA, von März bis Dezember 1933 ein frühes Konzentrationslager. Die SA-Männer inhaftierten, verhörten und folterten an diesem Ort vor allem politisch Andersdenkende und andere vom NS-Regime verfolgte Gruppen aus dem gesamten Berliner Stadtgebiet und der Provinz Brandenburg. Zu den hier inhaftierten Personen gehörten unter anderem Kommunisten, Sozialdemokraten, aber auch Gewerkschafter, Freidenker und Juden.
Die Haftbedingungen waren katastrophal. Die inhaftierten Personen mussten in den unbeheizten Hafträumen im Keller des Gebäudes entweder stehen oder auf dem Boden sitzen. Die wenigen vorhandenen Pritschen waren für Schwerverletzte vorgesehen. Die hygienischen und sanitären Verhältnisse waren vollkommen unzureichend und auch die Versorgung mit dünnem Kaffee, zum Teil verschmutztem Wasser sowie Brot oder Suppe war ungenügend und unregelmäßig. Jederzeit musste mit Gewalt und Quälereien vonseiten der verantwortlichen SA-Männer gerechnet werden. Exerzierübungen bis zur Erschöpfung und körperliche Arbeiten bestimmten den Tagesablauf ebenso wie gewaltsame Verhöre. Die Dauer der Haft variierte zwischen wenigen Tagen, mehreren Wochen oder Monaten. Eine Entlassung oder eine Überstellung in ein anderes frühes KZ oder ein Polizeigefängnis war im Gegensatz zu den späteren Konzentrationslagern noch üblich. Bislang sind knapp 500 Personen, die in der Papestraße in Haft waren, namentlich bekannt. Es wird vermutet, dass die Gesamtzahl der Häftlinge deutlich größer ist. Die Fälle von Kurt Schubert und Sally Gottfeld bestätigen diese Annahme, aber 80 Jahre nach den Geschehnissen ist eine umfangreiche historische Aufarbeitung nur sehr schwer möglich. Rund 30 Personen kamen während der Haft oder in unmittelbarer Folge der Haft ums Leben.[5]
Auch über die Einheit der SA-Feldpolizei (Fepo) ist noch vieles im Unklaren. Die Einheit war eine unmittelbar nach der Aufstellung der preußischen Hilfspolizei im Februar 1933 gebildete Polizeitruppe, die ausschließlich von der SA kontrollierte wurde. Sie bestand aus ca. 120 kasernierten SA-Männern mit eigenen Uniformen. Im Oktober 1933 wurde das Berliner Vorbild auf ganz Preußen ausgeweitet und in SA-Feldjägerkorps (FJK) umbenannt. Obwohl die Feldpolizei und das Feldjägerkorps übergeordneten SA-Dienststellen unterstanden, wurden sie vom preußischen Innenministerium ausgerüstet und finanziert und konnten die Versorgungsmöglichkeiten der Polizei in Anspruch nehmen.
Offiziell war es die Aufgabe von Fepo und FJK, die Disziplin in der SA zu überwachen. Tatsächlich aber führten sie polizeilich-geheimdienstliche Maßnahmen gegen Gegner des Nationalsozialismus durch. Schon seit spätestens 1932 hatte die SA systematisch politische Gegner ausgespäht und die Informationen in einem eigenen Nachrichtendienst, der »Abteilung Ic«, gesammelt. 1933/34 konnten SA-Feldpolizei und FJK von dieser Vorarbeit profitieren; sie waren integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Terrorapparats und wirkten an entscheidender Stelle bei der Zerschlagung der Opposition mit. Als politische Polizeitruppe der SA arbeiteten Fepo und FJK eng mit staatlichen Stellen zusammen, insbesondere mit der regulären Polizei und der Gestapo. Über den SA-Apparat und die »SA-Verbindungsführer« war die Feldpolizei darüber hinaus mit anderen Teilen der staatlichen Verwaltung vernetzt.
Mit der Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes verlor das FJK seine Funktion. Die Aufgaben der politischen Polizei waren von der SS und der Gestapo monopolisiert worden, und mit der Entmachtung der SA ab 1934 bestand kein Bedarf mehr an einer SA-eigenen Polizeitruppe. Dazu kamen Missstände innerhalb des FJK, sodass die Einheit am 1. April 1935 aufgelöst und in die Schutzpolizei eingegliedert wurde.[6]
Obwohl das ehemalige Kasernengebäude weitestgehend von Kriegszerstörungen verschont blieb, schien die Geschichte des frühen Konzentrationslagers in der Öffentlichkeit in Vergessenheit zu geraten. Erst ein Antrag der CDU-Fraktion an die Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof führte dazu, dass seit 1981 eine Gedenktafel auf dem Gelände an die »Opfer des frühen Naziterrors« erinnert.
Die Gedenktafel gab den Anstoß für historische Nachforschungen interessierter Anwohner. 1991 gründeten die Soziologin Sylvia Walleczek, der Bildhauer Rolf Scholz und der Historiker Kurt Schilde die »Geschichtswerkstatt Papestraße«. Ein Jahr später gelang es ihnen, den heutigen Gedenkort eindeutig als die ehemalige Haftstätte zu identifizieren. Der entscheidende Hinweis kam von einem ehemaligen Wurstverkäufer, zu dessen Kundschaft 1933 auch SA-Feldpolizisten gehörten. Seitdem haben sich Mitglieder der Geschichtswerkstatt und des Fördervereins für die Aufarbeitung der Geschichte des Ortes engagiert. Sie veröffentlichten 1996 eine umfangreiche Publikation und organisierten Ausstellungen, Lesungen, Führungen sowie Zeitzeugengespräche.
Im Jahr 2003 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg, die bis dahin privat vermieteten Kellerräume als Gedenk- und Begegnungsstätte für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im April 2011 wurde der Gedenkort eröffnet. Seit März 2013 informieren eine Ausstellung und ein Archiv über die Geschichte des Ortes.
Das pädagogische Angebot im Gedenkort ist eng mit dem Jugend Museum in Berlin-Schöneberg verknüpft und profitiert so von der jahrzehntelangen Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen. Die Bildungsangebote im Gedenkort sind als Lernwerkstätten aufgebaut. Sie bieten den Jugendlichen ausreichend Raum und Zeit, um sich Schritt für Schritt der Geschichte des frühen NS-Terrors zu nähern und sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen.
Die Lernwerkstätten sind ein- oder mehrtägig konzipiert und es gibt verschiedene miteinander kombinierbare Module. Die Angebote beinhalten eine Vorbereitung auf das historische Thema, eine begleitete Spurensuche im Gedenkort, eine Führung durch die Ausstellung, Vertiefungs- und Recherchemöglichkeiten im Archiv des Gedenkorts zu Themen wie Häftlingsbiografien, Haftbedingungen oder juristische Aufarbeitung. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Jugendlichen Gespräche mit Familienangehörigen ehemaliger Häftlinge führen. Ebenfalls angeboten werden ein Kooperationsworkshop mit der Stiftung Topographie des Terrors sowie Fortbildungsseminare für Erwachsenengruppen zu individuellen Themenschwerpunkten.
Dr. phil. Irene von Götz ist Historikerin und Ausstellungskuratorin. Am Zentrum für Antisemitismusforschung promovierte sie über die Geschichte der frühen Berliner Konzentrationslager. 2013 bereitete sie die Dauerausstellung im Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße vor.
Besucherinformationen
Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße
Werner-Voß-Damm 54a | 12101 Berlin
www.gedenkort-papestrasse.de,
Telefon: (030 90277-6163
Öffnungszeiten: Di, Mi, Do+Sa 14–18 Uhr
und nach telefonischer Vereinbarung.
Eintritt frei
Kostenlose Führungen werden jeden Sonntag um 14 Uhr angeboten.
[1] Mehr Informationen über den Film unter: www.view-from-our-house.info
[2] Entschädigungsakte von Kurt Schubert, Entschädigungsamt Berlin.
[3] Entschädigungsakte von Sally Gottfeld, Entschädigungsamt Berlin.
[4] Weitere Informationen über des frühe Konzentrationslager auf dem Ulap-Gelände befinden sich in: Irene Mayer-von Götz, Terror im Zentrum der Macht. Die frühen Konzentrationslager in Berlin 1933/ 34–1936, Berlin 2008, S. 66–69.
[5] Ausführliche Informationen finden sich in: Irene von Götz/Petra Zwaka (Hrsg.), SA-Gefängnis Papestraße. Ein frühes Konzentrationslager in Berlin, Berlin 2013.
[6] Ausführlicher hierzu: Martin Schuster, SA-Feldpolizei und SA-Feldjägerkorps, in: von Götz/Zwaka, SA‑Gefängnis Papestraße, S. 69–79.