Inmitten eines Naherholungsgebietes, umgeben von Sportstätten und kleineren und mittlerem Gewerbe liegt der Gedenkort »Arbeitserziehungslager Nordmark«. Er dürfte damit vermutlich bundesweit die einzige Erinnerungsstätte an die Verbrechen der Nationalsozialisten sein, auf der direkt neben einer Gedenkanlage Fußballspiele und Tennismatchs ausgefochten werden und wo sich Jogger und Spaziergänger am idyllischen Kieler Russee den Wanderweg teilen.[1]
Kann Gedenken tatsächlich unter solchen Umständen angemessen stattfinden? Sollte die Erinnerung an eine Haftstätte der Gestapo wirklich direkt am Ort des einzigen authentischen Überrests des ehemaligen Arbeitserziehungslagers, den Grundmauern des SS-Gästehauses am Kieler Russee stattfinden, wenn nebenan Fußball gespielt wird? Angesichts der Nachkriegsgeschichte und der Genese des Gedenkortes stellten sich diese Fragen für die Aktiven nicht, denn eine grundsätzliche Umwidmung stand nie zur Debatte bzw. hatte zu keinem Zeitpunkt ernsthafte Chancen auf eine Verwirklichung.
Im Folgenden soll zuerst etwas zur Geschichte des Lagers gesagt[2] und danach auf die Nachkriegsgeschichte und den Umgang der Landeshauptstadt Kiel mit dem Gedenken eingegangen werden. Abschließend folgen Hinweise zum Gedenkort und den Möglichkeiten, sich über ihn zu informieren.
Im Juni 1944 begannen am Ostufer des Kieler Russees die Bauarbeiten für das »Arbeitserziehungslager Nordmark« (AEL). Unter Aufsicht von zivilen Facharbeitern errichteten Gestapogefangene der nahe gelegenen Polizeibaracke »Drachensee« insgesamt über 20 Gebäude: Unterkünfte für Häftlinge und Wachmannschaften, Verwaltungsbaracken und Lagerschuppen, eine Küche, zwei Wachtürme, ein Gästehaus für Besucher aus der SS-Prominenz sowie den später im Lager sehr gefürchteten halb unterirdischen Arrestbunker.
Verantwortlich für die Errichtung des Lagers war der ab Februar 1944 eingesetzte Leiter der schleswig-holsteinischen Gestapo, Regierungsrat und SS-Sturmbannführer Fritz Schmidt. Als Kommandanten für das Lager setzte Schmidt einen Untergebenen ein: den Kriminalkommissar und SS-Sturmbannführer Johannes Post.
Das AEL war als Terrorinstrument gegenüber »Arbeitsvertragsbrüchigen« gedacht und diente vor allem der Unterdrückung ausländischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Zwei Drittel aller Häftlinge kamen aus der Sowjetunion und Polen, Deutsche und Österreicher stellten lediglich eine Minderheit unter den Lagerinsassen dar.
Die Einweisung erfolgte ohne gerichtliche Untersuchung auf Anweisung der Gestapo, die auf Anzeigen und Denunziationen von Arbeitgebern und Behörden reagierte. Die Anlässe waren »Arbeitsbummelei«, Fernbleiben von der Arbeitsstelle, Streit mit einem Vorgesetzten, versuchte Flucht in das Heimatland oder auch kleinere Diebstähle. Die meisten Taten stellten eine Reaktion auf die menschenunwürdigen Arbeits– und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter dar. Im NS-Staat galten »Arbeitsvertragsbrüchige« als Saboteure an der »Heimatfront«, doch das Regime brauchte jede Arbeitskraft, und begrenzte die Haftzeit in der Regel auf maximal 56 Tage. Danach sollte der Häftling dem Betrieb wieder zur Verfügung stehen und gleichzeitig den anderen Belegschaftsmitgliedern als abschreckendes Beispiel dienen.
Außer für die große Anzahl von »arbeitsvertragsbrüchigen« Häftlingen diente das Lager der schleswig-holsteinischen Gestapo auch als Haftstätte für »Schutzhäftlinge« und politische Gefangene: unter ihnen beispielsweise der 67-jährige Pastor Ewald Dittmann aus Dithmarschen und der Kieler Kommunist Bernhard Scoor der mit osteuropäischen Zwangsarbeitern zu einer Widerstandsgruppe gehörte. Von den etwa 5 000 Häftlingen, unter ihnen ungefähr 300 Frauen, des »AEL Nordmark« sind nachweislich 578 Menschen umgekommen oder ermordet worden.
Ende Juli 1944 waren die ersten Baracken bezugsfertig. Kurz darauf wurden Gefangene ins Lager eingeliefert. Sie mussten ihre Wertsachen abgeben und ihre Zivil– gegen Lagerkleidung tauschen. Später verzichtete man darauf, und die AEL-Häftlinge wurden einfach durch rote Kreuze auf ihrer Kleidung als solche gekennzeichnet. Sachen zum Wechseln gab es nicht, und aufgrund der überaus harten Arbeit verdreckte und verschliss die Kleidung der Inhaftierten schnell. Die Ernährung bestand aus einem Becher Ersatz-Kaffee, etwas trockenem Brot und einer dünnen Suppe pro Tag.
Die ungeheizten Baracken waren für je 200 Insassen ausgelegt. Geschlafen wurde auf nackten Brettern in doppelstöckigen Holzgestellen mit je nur einer Wolldecke pro Person. Die Waschräume wurden nicht mehr fertig gestellt, und als Toiletten dienten offene Kübel in den Baracken und einige Latrinen. Für die medizinische Versorgung war eine Krankenbaracke eingerichtet worden, in der ein zwangsverpflichteter Arzt, ein russischer Häftlingsarzt, eine Krankenschwester sowie der dänische Lagersanitäter Jensen Dienst taten. Aufgrund der häufigen Misshandlungen durch die SS, der mangelhaften Hygiene, des schlechten Essens und der unmenschlichen Härte der Arbeit war die Krankenbaracke häufig überfüllt. Die Häftlinge konnten hier nur völlig unzureichend versorgt werden, und außerdem drohte den Schwerkranken und den Schwerverletzten die Ermordung durch den dafür nach 1945 verurteilten Sanitäter Jensen.
Der Tag im Lager begann jeden Morgen um 5 Uhr. Getrennt nach Deutschen und Ausländern mussten die Häftlinge zum Appell antreten. Der stellvertretende Lagerkommandant Otto Baumann teilte dann die Arbeitskommandos ein. Rund zehn Stunden lang hatten die Häftlinge besonders schmutzige, schwere oder gefährliche Arbeiten zu verrichten: Im Lager bauten sie weitere Baracken, planierten Wege oder schaufelten bis zum Umfallen in der Kiesgrube auf dem Gelände. Außerhalb des Lagers wurden sie beim Bunkerbau in Schulensee und am Schützenwall eingesetzt, räumten Trümmer im zerbombten Kiel oder entschärften und bargen Blindgänger. Auch Kieler Firmen griffen auf die billigen Arbeitskräfte zurück: So die Holsten-Brauerei, die Land– und See-Leichtbau GmbH, die Betonbaufirma Ohle & Lovisa und die Nordland Fisch-Fabrik in Hassee.
Wer sich im Lager oder auf den Arbeitskommandos den Befehlen der Wachmannschaften widersetzte, erschöpft zusammenbrach oder anderweitig auffiel, wurde durch die SS willkürlich geschlagen, misshandelt oder erschossen.
Die wenigen Fluchtversuche endeten bis kurz vor Kriegsende immer mit dem Tod des Häftlings. Erst Ende April 1945 gelang es einigen Häftlingen, während der Arbeit zu fliehen.
Mitte April 1945 waren etwa 900 Gefangene im Lager. Durch »Evakuierungstransporte« (Todesmärsche) aus anderen Haftstätten verdoppelte sich die Zahl der Häftlinge innerhalb von zwei Tagen. Unter den Neuzugängen waren ein Transport deutscher Juden aus dem Rigaer Ghetto und einige Hundert Gefangene des Zuchthauses und Gestapogefängnisses Hamburg-Fuhlsbüttel.
Angesichts der herannahenden Front ermordete die Gestapo in den letzten zwei Wochen vor Kriegsende etwa 300 Häftlinge, unter ihnen mehr als 30 Schwerkranke aus der Krankenbaracke. Vor dem Eintreffen der britischen Truppen verbrannten die Wachmannschaften fast alle Akten, entließen einige Häftlinge und flohen in Zivilkleidung in Richtung Dänemark. Am 4. Mai 1945 befreiten britische Soldaten die letzten überlebenden Häftlinge des »Arbeitserziehungslager Nordmark«.
Am 3. September 1947 wurde der ehemalige Lagerkommandant Johannes Post vor einem britischen Militärgericht als Mitarbeiter der Gestapo wegen seiner Beteiligung an der Erschießung von britischen Royal-Air-Force-Piloten im März 1944 zum Tode verurteilt und gehängt.
Das ehemalige deutsche und ausländische Personal des Lagers stand von Herbst 1947 bis Frühjahr 1948 im Hamburger Curiohaus vor einem britischen Militärgericht (»Kiel-Hassee-Cases«). Von den 24 Personen, die wegen Mordes angeklagt worden waren, sprachen die Richter sieben – zumeist aus Mangel an Beweisen – frei und verurteilten 15 Männer zu Haftstrafen zwischen zwei und 20 Jahren Gefängnis. Der dänische Lagersanitäter Orla Eigil Jensen – dem die Ermordung kranker und schwerverletzter Häftlinge nachgewiesen werden konnte – sowie der einstige stellvertretende Kommandant Otto Baumann wurden zum Tode verurteilt. Jensens Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, Baumann 1948 hingerichtet. Alle anderen Verurteilten kamen bis 1956 aus den Gefängnissen frei.
Durch die deutsche Justiz wurden die Verbrechen im »Arbeitserziehungslager Nordmark” nicht gesühnt. Zwar ermittelten Staatsanwälte von 1946 bis 1967 mehrfach gegen Täter wegen Mord, Totschlag oder Beteiligung daran, doch wurde nur in wenige Fällen Anklage erhoben, verurteilt wurde niemand. Das galt auch für den erst 1963 verhafteten Hauptverantwortlichen für das Lager, dem ehemaligen schleswig-holsteinischen Gestapo-Chef Fritz Schmidt. Die Anklagebehörde konnte ihm keinen Mord mehr nachweisen, alle anderen Verbrechen waren inzwischen verjährt.
Nach Kriegsende dienten die Baracken als Unterkunft für ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter, so genannte Displaced-Persons. Nach Übergabe an die Stadt Kiel brachte diese seit November 1948 auf dem Gelände deutsche Flüchtlinge und Vertriebene unter. Anfang der 1960er Jahre wurde das Flüchtlingslager nicht mehr benötigt, die Holzbaracken wurden abgerissen, Gewerbebetriebe siedelten sich an und man baute Sportplätze auf dem Gelände.
Auch in Kiel gingen in der Nachkriegszeit die Initiativen zum Gedenken zuerst von den Überlebenden aus und die Erinnerung an die Ermordeten erfuhr Unterstützung durch die britischen Besatzungsbehörden. Die ersten sichtbaren Zeichen waren zwei Holzkreuze und zwei Gedenksteine, die in der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung des Lagers aufgestellt wurden wie ein Foto der Briten belegt. Zugeschrieben wird dieses frühe Gedenken heute ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern, die 1946/47 an ihre ermordeten Kameraden erinnern wollten.[3]
Mit der Übergabe des ehemaligen Lagers an die Kieler Stadtverwaltung verschwanden irgendwann diese Gedenksteine und Holzkreuze. Die neu untergebrachten Flüchtlinge wussten hingegen nichts von der Vorgeschichte ihres Wohnortes und erst Leichenfunde und Exhumierungen auf dem Gelände konfrontierten sie ab 1949 mit dem Geschehen in der NS-Zeit. Nach bisherigem Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass weder von den umliegenden Anwohnern noch von den direkt auf dem Gelände Lebenden sehr offen über die Geschichte der vorherigen Nutzung des Geländes als Haftstätte der Gestapo gesprochen worden ist.[4] Erst vor kurzem haben Zeitzeuginnen bestätigt, dass ihnen als Kind eine Erwähnung der Existenz des NS-Lagers verboten wurde und darüber nicht offen in der Familie gesprochen worden ist.[5]
Während die letzten Bewohner Anfang 1961 in eigenen Wohnraum umzogen, verfielen die letzten Holzbaracken bis zu ihrem Abbruch Ende der 1960er Jahre. Erst nach dem vollständigen Verschwinden der Originalüberreste des ehemaligen Lagers kam es durch das beharrliche Engagement und den Druck von Einzelpersonen zu einer ersten institutionalisierten Form der Erinnerung. Bezeichnenderweise ließ infolgedessen die Stadt Kiel am 17. Juni 1971, dem damaligen Tag der deutschen Einheit, einen Gedenkstein errichten. Dieser wurde bewusst am ehemaligen Nebeneingang des Lagers aufgestellt und bediente sich der damals üblichen Formen: in einer elysischen parkfriedhofsähnlichen Kleinanlage steht ein Findling, dessen Vorder– und Rückseiteninschriften lauteten:
»An dieser Stelle stand in den Jahren 1944–1945 das NS Arbeitserziehungslager Nordmark«, »Den Opfern des Nationalsozialismus«.
Damit übernahm man seitens der Stadt Kiel nicht nur unkritisch die NS-Terminologie, verschleierte den tödlichen Charakter des Lagers und ließ den Betrachter im unklaren über die konkreten Opfer und ihre Herkunft, sondern setzte bei der Einweihung darüber hinaus auch ein politisches Zeichen, in welcher Kontinuität man das Lager einzuordnen gedachte.[6]
Die Kritik an dieser Gedenkanlage nahm erst in Folge eines in Kiel laufenden Verfahrens wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen (NSG-Verfahren) wieder stärker öffentlichen Charakter an. Als 1980/81 gegen den ehemaligen belgischen »Judenreferenten« Kurt Asche ein Prozess vor dem Landgericht geführt wurde, schloß sich ein Kreis von Engagierten zusammen, der sich »Arbeitskreis Asche-Prozess« (AKAP) nannte. Zusammen mit Opferverbänden betreute man Zeugen, informierte die breite Öffentlichkeit und veranstaltete Themenabende über den Nationalsozialismus.[7] In der Folge veröffentlichte die VVN/BdA 1982/83 eine erste Broschüre, die die Geschichte des »AEL« anhand von Zeitungsartikeln aus der Nachkriegszeit und Zeitzeugenberichten beleuchtete.[8]
Im selben Jahr begann der AKAP mit seiner antifaschistischen Stadtrundfahrt in Kiel, deren Weg auch zum ehemaligen Lager am Russee führte. Damit wurden erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit Informationen zur Lagergeschichte präsentiert.[9] Der AKAP blieb auch nach Prozessende aktiv und entwickelte sich faktisch zu der Geschichtsinitiative in Kiel, die sich der Vermittlung der NS-Zeit widmete.
Im Herbst 1982 begann die kontinuierliche historische Erforschung seitens Detlef Korte, einem der aktivsten Mitglieder des AKAP und 1985 Mitbegründer des »Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein« (Akens), an deren Ende er 1991 seine Dissertation zum »AEL Nordmark« vorlegen konnte.[10]
Die vertiefende historische Aufarbeitung war verbunden mit der Freilegung der einzigen Überreste des Lagers durch den AKAP: die steinernen Grundmauern des ehemaligen SS-Gästehauses.
Die Aktivitäten des AKAP, das sich verändernde geschichtspolitische Klima und die öffentliche Kritik am Umgang der Stadt Kiel mit seiner NS-Vergangenheit beförderten im August 1984 die Aufstellung einer ersten Informationstafel durch die Projektgruppe »Drittes Reich – Lager am Russee«, die jedoch nach drei Monaten von Unbekannten zerstört wurde.[11]
Die Projektgruppe hatte sich gegründet, weil die Stadtverwaltung die Forderung der Bürger nach Aufstellung eines Gedenksteins mit besseren historischen Informationen nicht aufgegriffen hatte.
Anläßlich des 40. Jahrestags der Befreiung im Mai 1985 wurde dann doch seitens der Stadt Kiel ein neuer Gedenkstein gesetzt. Dieser wurde ebenfalls nicht am ehemaligen Haupteingang des Lagers errichtet, sondern westlich davon. Hinsichtlich der Inschrift stellte er einen großen Fortschritt dar. Neben der Wiedergabe des damaligen kartografischen Wissens um das Lager steht auf ihm folgende Inschrift:
»Hier errichteten die Nationalsozialisten – Gestapo Kiel – im Mai 1944 das »Arbeitserziehungslager Nordmark«. Hier waren insgesamt über 2 000 Menschen eingesperrt. Hier wurden mehr als 500 Menschen ermordet. Auch hier begegnet uns deutsche Geschichte.«
Der Text entstand in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe, wobei die Stadt Kiel zwei Sätze nicht verwenden wollte. Eingangs wurde »Hier stand ein KZ.« und abschließend »Dieses Lager mahnt uns, jedem Ansatz von Brutalität und Terror zu widerstehen und für eine menschenwürdige Zukunft einzutreten.« ersatzlos gestrichen.[12] Abgesehen von den später durch Detlev Korte korrigierten Häftlingszahlen kamen die knappen Formulierungen auf diesem Gedenkstein dem Forschungsstand zur Lagergeschichte nahe.
Für die Stadt Kiel und ihre politischen Vertreter war damit das Gedenken abgeschlossen und man bezog den neuen Gedenkstein bei den alljährlichen ritualisierten Feierlichkeiten zum Volkstrauertag im November mit ein.
Wiederum auf Initiative von Außen – der Pastor der Russee – Hammer Gemeinde, Klaus Niejahr, hatte sich deswegen an die Stadt gewandt – wurden zum Gedenken an die Ermordeten des »AEL« deren Namen im März 1990 in das Totenbuch der Stadt Kiel aufgenommen.[13]
Die politischen Initiativen zur Errichtung einer Dokumentations-, Forschungs– und Gedenkstätte am Russee – anfangs sogar durch die Ratsversammlung unterstützt –versandeten hingegen völlig. Lediglich 1989 konnte sich das Kommunalparlament noch dazu durchringen, erst einmal eine Erfassung aller Gedenkstätten und –steine in Kiel in Auftrag zu geben, die 1991 abgeschlossen und 1993 in erweiterter Form veröffentlicht wurde.[14] Die Idee einer Gedenk– und Forschungsstätte begrub man hingegen hinter der ungeklärten Finanzierungsfrage und niemand entwickelte die Durchsetzungsmacht, diesen Beschluss zu ändern.
Die 750 Jahr-Feier Kiels im Jahr 1992 nahm der Akens zum Anlass, den Umgang der Stadt mit der NS-Vergangenheit öffentlich zu kritisieren und eine eigene Veranstaltungsreihe zum Thema »Umgang mit den Nazi-Verbrechensorten« auf die Beine zu stellen. Trotz einer Veranstaltungsreihe »Die Geschichte Kiels im Dritten Reich – 12 verdrängte Jahre« blieb ein zählbarer Erfolg hinsichtlich der Erinnerung an das AEL aus.[15]
Die Stadt Kiel finanzierte eine Monographie zu ihrer Geschichte und eine Ausstellung im kleinen Kieler Stadtmuseum, die am Rande auch die NS-Zeit behandelte.[16]
Zeitgleich kam es zu der bis heute bemerkenswerten künstlerischen Aktion auf dem ehemaligen Lagergelände am Russee. Im Rahmen von stadtgeschichtlichen Spielszenen hatten Frauen aus einem ABM-Projekt von »Arbeit für Alle« im Mai 1992 das Stelenfeld »Appell« geschaffen. Dieses erinnerte an die Häftlinge des Lagers und versuchte mit Hilfe von blauen Bändern auf denen die Namen der Ermordeten geschrieben standen, ein individualisiertes Totengedenken vor Ort. Damit kam es zum ersten Mal zu einer Aktivität, die sich außerhalb der ritualisierten Formen der Stadtverwaltung und der Informationen seitens des AKAP auf seiner Stadtrundfahrt bewegte. Dieses Kunstwerk existierte bis zu seiner mutwilligen Demolierung im September 1992.[17]
Entgegen der weiteren Untätigkeit und des offensichtlichen Unwillens der Stadt Kiel sowie der politischen Vertreter in der Ratsversammlung, sich mit der NS-Vergangenheit intensiver zu beschäftigen, wurde anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung im Mai 1995 die bis dato größte öffentliche Erinnerung an das ehemalige AEL organisiert. Ein breites Bündnis aus linksautonomen, antifaschistischen, demokratischen und bürgerlichen Initiativen organisierte die Aktion »Spurensuche – Spurenlegen. Gedenkzug KZ am Russee«. Nach einer inhaltlichen Auftaktveranstaltung direkt am Gedenkstein von 1985 zogen mehrere Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Kieler Innenstadt. Auf dem Weg wurden Trauerbänder an mehreren Stellen ausgehängt und an verschiedenen Stationen kurze Erläuterungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Kiel gegeben. Auf dem Kieler Rathausmarkt erfolgte die Abschlusskundgebung, die Übergabe einer Forderung zur Errichtung einer Dokumentationsstätte an die Stadt sowie die öffentliche Auslegung von Steinen auf denen die Lebens– und Sterbedaten aller namentlich bekannten Opfer des »AEL Nordmark« verzeichnet waren.
Abgesehen davon, dass dies die letzte Aktivität war, bei der ein so breites Bündnis sich in Kiel für die Erinnerungspolitik der Stadt interessierte, soll an dieser Stelle ein Hinweis auf das damalige Klima gegeben werden: Das Bündnis ging in einer unausgesprochenen Gewissheit davon aus, dass man gar nicht mit der Stadt Kiel reden könne und hatte die Aktion zwar öffentlich angekündigt, doch war man mit Vertretern der Stadt nicht vorher ins Gespräch gekommen. Das führte dazu, dass die kleinen »Grabsteine« auf dem Rathausplatz im Rahmen der folgenden regulären Stadtreinigung entsorgt wurden. Weder von Seiten des Bündnisses noch von der Stadt Kiel gab es Überlegungen, die Installation eine Weile vor Ort zu belassen und eventuell anschließend einzusammeln und etwa am Russee selbst wieder auszulegen.
Ein Neben– und Gegeneinander bestimmte die damalige Situation und eine Zusammenarbeit wurde nicht versucht.
Erst die öffentlichen politischen Debatten um die Zwangsarbeiterentschädigung und der Fund von Überresten eines Gedenksteins, der wahrscheinlich 1946/47 von polnischen Zwangsarbeitern aufgestellt worden war und dann auf ungeklärte Weise abgebrochen wurde, eröffneten auch in Kiel neue Perspektiven.
Zum einen beschloß die Ratsversammlung im Januar 2000 eine ABM-Stelle im Rahmen eines Forschungsprojekts »Geschichte der Zwangsarbeitenden in Kiel 1939–1945« zu schaffen. Auch für die Geschichte des »AEL Nordmark« konnten in diesem Zusammenhang weitere historische Erkenntnisse recherchiert werden.[18]
Zum anderen war der freigelegte Gedenksteinüberrest der Anlaß, dass der Vorsitzende des Kieler Kulturausschusses, Ulrich Erdmann (SPD), sich für die Wiederaufstellung mit künstlerisch gestalteter Erläuterung engagierte und erstmalig die Stadt Kiel von sich aus die Initiative übernahm.
Im Frühjahr 2002 erklärten sich der Arbeitskreis Asche-Prozeß und der Akens bereit, die inhaltliche Ausgestaltung eines »Gedenkortes« zu übernehmen. Mit Finanzmitteln der Europäischen Union, der Stadt Kiel und des Akens wurden am 27. Januar 2003 ein neuer Gedenkstein, der den historischen Überrest von 1946/47 integriert, aufgestellt und am 4. Mai 2003 – 62 Jahre nach der Befreiung des Lagers – drei Informationstafeln am Kieler Russee der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Bis 2002 wurde das ehemalige Lagergelände am Volkstrauertag im November in das ritualisierte Gedenken eingebunden. Die Stadtverwaltung und die lokale Kirchengemeinde legten an diesem Gedenktag Kränze nieder und erinnerten durch eine kurze Rede an das Geschehen.
Unabhängig davon fanden die Stadtrundfahrten des AKAP statt, bei denen das »AEL Nordmark« traditionell die letzte Station darstellte.
Mit der Errichtung des Gedenkortes hat sich das ritualisierte Gedenken örtlich auf das ehemalige Lagergelände verschoben. Die letzten authentischen Überresten des Lagers und die freigelegten Grundmauern des SS-Gästehauses am Kieler Russee sind in die Gestaltung des Gedenkortes einbezogen. Ziel war es, das ehemalige Lagergelände selbst zu erschließen statt wie bisher an dessen Außengrenzen zu verbleiben.
Der neue Gedenkstein »wächst« quasi aus dem umgefallenen Sockel der Überreste des ersten Gedenksteins der Überlebenden und trägt auf seiner Vorderseite die Inschrift:
»Den 578 ermordeten Häftlingen des »Arbeitserziehungslagers Nordmark« 1944–1945 zum Gedenken«.
Auf der Rückseite sind stellvertretend für jede Nation namentlich ein Häftling genannt. Schräg hinter dem Gedenkstein sind die Grundmauern des ehemaligen SS-Gästehauses gelegen und davor – bewusst nicht »in« das Gebäude gestellt – befinden sich die drei Informationstafeln, die sich inhaltlich aufteilen in das Überblicksthema »Das »Arbeitserziehungslager Nordmark« 1944–1945« sowie die Kapitel »Lageralltag« und »Nachkriegszeit, Prozesse, Gedenken«.[19]
Zwar beteiligt sich der für die Ausgestaltung des Gedenkortes allein verantwortliche Akens auch an den durch die Stadt Kiel und den Kirchenkreis durchgeführten Gedenkveranstaltungen am 27. Januar und dem Volkstrauertag im November. Doch führt der Akens im Mai jeden Jahres einen Rundgang um das ehemalige Lagergelände durch, um an den Tag der Befreiung der Häftlinge durch die Briten zu erinnern. Beim Rundgang stehen neben der Vermittlung der historischen Fakten insbesondere Fragen nach der Nutzung in der Nachkriegszeit sowie des angemessenen Gedenkens und der Erinnerungskultur im Vordergrund.
Mit Hilfe der wenigen historischen Fotos des Lagers kann so sehr deutlich zum Ausdruck kommen, dass sich das gesamte Gelände durch Gewerbenutzung und Sportanlagenbau so massiv verändert hat, dass heute praktisch keine authentischen Spuren mehr zu sehen sind. Mit dem ritualisierten Gedenken am 27. Januar, im Mai und November sowie der Errichtung des Gedenkortes ist sowohl politisch wie öffentlich dasjenige getan worden, was aus Sicht des Akens am authentischen Ort mindestens notwendig ist, um an das Geschehene zu erinnern.
Bezogen auf den Gedenkort fehlt bisher noch eine angemessene Ausschilderung,[20] doch hält der Akens die Forderung nach einer Dokumentations– und Gedenkstätte heute nicht mehr aufrecht. Andere Formen – etwa eine stadtgeschichtliche Dauerausstellung oder Überlegungen für einen Gedenkstättenführer in Schleswig-Holstein – erscheinen aus unserer Sicht heute deutlich überlegenswerter zu sein.[21] Ob eine hauptamtliche Stelle im Sinne eines Referats für Bildungs– und Gedenkstättenarbeit tatsächlich ein gangbarer Weg wäre, muss die erst langsam anlaufende zukünftige Diskussion erweisen.[22]
Frank Omland, Sozialpädagoge, war von 1989 bis zu seiner Auflösung Mitglied des AK Asche-Prozeß in Kiel, engagierte sich bis 2001 bei den Alternativen Stadtrundfahrten des Landesjugendrings Hamburg (Stadtführungen zur NS-Zeit, Führungen über die Gedenkstätte Neuengamme) und ist seit Anfang der 1990er Jahre aktives Mitglied, seit 2003 im Vorstand des Akens e.V.
Literatur und Medienhinweise
Der ehemalige langjährige Vorsitzende des Akens, Eckhard Colmorgen, führt regelmäßig Interessierte um das Lagergelände (Kontakt: Tel. 0431-73 94 973).
[1] Dem Verfasser ist unbekannt, ob in der Bundesrepublik anderen ehemaligen Arbeitserziehungslagern ähnlich umfangreich gedacht wird wie in Kiel. Über Hinweise dazu würde ich mich freuen.
[2] Die geschichtlichen Informationen entstammen Detlef Korte: »Erziehung« ins Massengrab. Die Geschichte des »Arbeitserziehungslagers Nordmark« Kiel Russee 1944–1945. Kiel 1991 [vergriffen].
[3] Vgl. die Rede des damaligen Vorsitzenden des Akens, Eckhard Colmorgen bei der Einweihung des Gedenk-ortes. Abgedruckt in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschicht (ISHZ), Heft 43, S. 90–95.
[4] Vgl. Korte, S. 229, 251–256 und Uwe Carstens: Die »Wohnkolonie Rendsburger Landstraße«. Vom Arbeitserziehungslager zum Flüchtlingslager. In: Demokratische Geschichte, Band IX. Veröffentlichungen des Beirats für Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein. Brodersdorf 1995, S. 271 f. – Zum Wissen der Kieler Bevölkerung siehe die Aufzählung der Zeitzeugenberichte in Dokumentation zum Gedenkort »Arbeitserziehungslager Nordmark«. Materialien, Fotos und Dokumente zu einer Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo in Kiel 1944–1945. Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß und dem Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (Akens), Redaktion: Frank Omland, Kiel 2003, S. 63–65.
[5] Mündliche Mitteilung einer ehemaligen Bewohnerin, die als Flüchtlingskind vor Ort lebte. Mündliche Mitteilung einer Anwohnerin, die als Kind in der Schule nichts über das Lager sagen durfte. Aussagen beim Rundgang des Akens um den Gedenkort am 4. Mai 2008.
[6] Vgl. dazu die Kritik bei Korte, »Erziehung« ins Massengrab, S. 253f.
[7] Dokumente. Der Asche-Prozeß. Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß. Kiel 1985, S. 4. – Kiel. Antifaschistische Stadtrundfahrt. Begleitheft. Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß. Kiel 1983, S. 33–36.
[8] Fritz Bringmann: »Arbeitserziehungslager Nordmark« Berichte, Erlebnisse, Dokumente. Kiel ohne Datum [1982/1983].
[9] Kiel. Antifaschistische Stadtrundfahrt. Begleitheft. Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß. Kiel 1983. – 1994 und 1998 folgten zwei weitere Veröffentlichungen: Arbeitskreis Asche-Prozeß (Hrsg.): Kiel im Nationalsozialismus. Materialien und Dokumente, Kiel 1994. – Arbeitskreis Asche-Prozeß (Hrsg.): Antifaschistische Stadtführungen. Kiel 1933–1945. Stationen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Kiel. Kiel 1998.
[10] Korte, »Erziehung« ins Massengrab. – Zur Wahrnehmung durch die veröffentlichte Meinung siehe Kieler Nachrichten vom 11. 2. 1992: »Ein dunkles Kapitel Kieler Geschichte. Doktorarbeit über das Lager Nordmark«.
[11] Pastor Onasch und der Lehrer Dr. Ernst aus Kronshagen, einer Nachbargemeinde Kiels, engagierten sich für ein Gedenken am Russee. Sie gründeten die Projektgruppe, in der auch Konfirmanden von Pastor Onasch mitarbeiteten. Vgl. Korte, »Erziehung« ins Massengrab, S. 256.
[12] Zitiert nach Korte, »Erziehung« ins Massengrab, S. 256.
[13] Vgl. Kieler Nachrichten vom 10. März 1990: »Spätes Gedenken an Russeer KZ-Opfer«.
[14] Renate Dopheide: Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Kiel und Umgebung. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Bd. 77, Heft 4. Kiel 1993, S. 141–208.
[15] Der Akens veranstaltete drei Vorträge (Johannes Tuchel: Kieler Sozialisationen. Zur Biografie von Reinhard Heydrich und Oswald Pohl. – Detlev Korte: »Datenschutz« und Gestapo-Akten. Erfahrungen bei der Erforschung der Geschichte des »Arbeitserziehungslagers Nordmark in Kiel – Russee 1944/45. – Klaus Bästlein: Als Recht zu Unrecht wurde. Zur Tätigkeit des Sondergerichts Kiel 1937–1945) und die oben genannte abschließende Podiumsdiskussion. – Vgl. die Berichterstattung in den Kieler Nachrichten (KN) vom 17. 10. 1992: »Vorträge über zwölf vergessene Jahre Nationalsozialismus in Kiel« und KN vom 21. 10. 1992: »Ihre Nazi-Karriere begann in Kiel«.
[16] Geschichte der Stadt Kiel. Herausgegeben von Jürgen Jensen und Peter Wulf. Kiel 1991. (Zur Kritik daran siehe die Rezensionen in der ISHZ, Heft 23 und Heft 24) – Kiel im Industriezeitalter. Wandel und Wunden der Stadt– und Fördelandschaft. Herausgegeben vom Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof. Kiel 1992.
[17] Die Kieler Nachrichten berichteten 1992 über alle Aktivitäten zum Stadtjubiläum, doch bezeichnenderweise gab es keinen Artikel zum Stelenfeld »Appell«. Vgl. dazu den Artikel des Verfassers in einem monatlich erscheinenden Stadtmagazin: 750 Jahre Kiel. Anmerkungen zum Stadtjubiläum, den Berichten in den KN und der Ausstellung »Kiel im Industriezeitalter«. In: Station to station, September 1992, S. 43–45.
[18] Vgl. Jan Klußmann: Zwangsarbeit in der Kriegsmarinestadt Kiel 1939-1945, Bielefeld 2004.
[19] Vgl. zu den Texten die Abbildung der Tafeln auf www.akens.org bzw. die Dokumentation Gedenkort »Arbeitserziehungslager Nordmark«, zu beziehen über den Akens.
[20] Die Gedenkorte für die im I. Weltkrieg gefallenen U-Boot-Fahrer in Möltenort bei Kiel sowie zum Marine-Ehrenmal in Laboe im Nordosten der Kieler Förde sind dagegen exzellent ausgeschildert, womit deutlich wird, dass hier mit sehr unterschiedlichem Maß gemessen wird.
[21] Die 2005 und 2006 auch vom Akens mit organisierten Landesgedenkstättenseminare erbrachten hier bisher ebenso wenig einen inhaltlichen Fortschritt wie die bisherigen Aktivitäten der Bürgerstiftung, deren Hauptzweck die inhaltliche und finanzielle Absicherung der Gedenkstättenarbeit im Lande ist. Vgl. dazu die Bewertung bei Stephan Linck: Das Beispiel Kiel. 5. Landesgedenkstättentagung: Perspektiven und Konzepte. In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte, Heft 48, S. 116–121. (Ebenso dokumentiert auf der Website des Akens, www.akens.org).
[22] Vgl. dazu Frank Omland: Vom Umgang mit Geschichte: das Beispiel Gedenkort »AEL Nordmark«. In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte, Heft 50/51, Kiel 2008 (erscheint im Herbst/Winter)