Gedenkbuch für die Juden in Wuppertal und im Bergischen Land

04/1999Gedenkstättenrundbrief 88, S. 37-39
Ulrike Schrader

Absichten

Das Bergische Land ist eine der größten Regionen Nordrhein-Westfalens. Seine früheren jüdischen Gemeinden Barmen, Elberfeld und Solingen umfaßten weitere Bergische Städte wie Remscheid, Velbert, Heiligenhaus und andere Ortschaften des Bergischen und Niederbergischen, die keine eigenen selbständigen Synagogengemeinden hatten (heute ist die jüdische Kultusgemeinde Wuppertal das religiöse Zentrum für alle Bergischen Juden).

Für das Bergische Land gab es bislang noch kein Gedenkbuch für die ermordeten Juden. Das Projekt, das von der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal initiiert und betreut wird, füllt damit eine Lücke in der mittlerweile in vielen Städten und Gemeinden der Bundesrepublik üblichen Vergangenheitspolitik und versucht, den sonstwo längst realisierten Standard zu erreichen. Vorbild des Projekts ist einerseits das Gedenkbuch der Alten Synagoge Essen, für das Essener Bürger und Bürgerinnen als »Paten« unter fachlicher Anleitung die Biographie eines oder einer Verfolgten zu rekonstruieren versuchen und schließlich im Rahmen eines sich selbst fortschreibenden Buches schriftlich formulieren. Andererseits soll auch der Gedanke des neueren Konzepts des Frankfurter Gedenkbuchs aufgenommen werden, das die gewonnenen Erkenntnisse durch einen Computer der Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Einsatz moderner Medien wie dem PC soll den Anreiz zur Projektbeteiligung vor allem jüngerer Menschen erhöhen. Durch das Gedenkbuchprojekt, dessen Grundlage eine umfangreiche und solide Datenerhebung bildet, können zum ersten Mal vollständige und gut gesicherte Erkenntnisse über die jüdische Bevölkerung und über jüdisches Leben im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 in unserer Region gewonnen werden.

Zahlen

Bislang sind 5200 Datensätze im Gedenkbuch-Computer erhoben worden. Dabei handelt es sich um Namen von Frauen, Männern und Kindern, die nach der nationalsozialistischen Definition der sogenannten »Nürnberger Gesetze« als Juden, aber auch als sogenannte »Mischlinge, Halbjuden« usw. verfolgt wurden. Auch die Namen christlicher Ehepartner sind aufgenommen worden. Etwa 3000 Menschen haben die unmittelbare Zeit der NS-Verfolgung überlebt, indem sie in sichere Länder emigrieren konnten, von alliierten Truppen aus Lagern und Gefängnissen befreit wurden, sich lange Zeit unter schwierigsten Bedingungen versteckt hielten oder durch Flucht ihren Verfolgern entkamen. Über 1800 Menschen sind in Ghettos und Konzentrations- oder Vernichtungslagern ermordet worden oder haben sich unter dem Druck der Verfolgung selbst das Leben genommen. Über 2000 Menschen wurden in den Osten deportiert, darunter 866 von Wuppertal aus mit Massentransporten nach Lodz, Minsk, Riga, Izbica und Theresienstadt, auch 200 Personen, polnische Juden, die im Rahmen der sogenannten »Polenaktion« im Oktober 1938 abgeschoben wurden.

»Aktives Gedenken«

Aber neben dem Wissenszuwachs über die Geschichte der Juden in Wuppertal und im Bergischen Land geht es bei dem Projekt vor allem um die persönliche Teilnahme an einem öffentlichen Prozeß, geht es um eine Form »aktiven Gedenkens«. Die Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal wird die individuelle Betreuung der interessierten Projektbeteiligten einerseits, der kontaktierten und befragten Zeitzeugen andererseits gewährleisten. Die Arbeit soll eine stabile und zukunftsweisende Basis für die kontinuierliche langfristige Weiterarbeit am Gedenkbuch bilden.

Ziel unser geplanten Arbeit ist, einen Beitrag zum würdigen Gedenken an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger des Bergischen Landes zu leisten, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sind. Ihr Leben soll durch das Gedenkbuch anschaulich und vorstellbar werden, ihre Namen aus der Anonymität geholt und die Tatsache ihres gewaltsamen Todes – die Katastrophe des jüdischen Volkes – nachhaltig ins Bewußtsein der Nachgeborenen, aber auch der Zeitgenossen gebracht werden. Aus diesem Grund sollen an der Erstellung des Gedenkbuches möglichst viele Bürgerinnen und Bürger, ältere und jüngere, beteiligt werden. Wenn dadurch Kontakte zwischen Nichtjuden und Juden, zwischen Deutschen und Emigranten entstehen, Gespräche geführt und Korrespondenzen in Gang gebracht werden, würde ein weiterer wichtiger Sinn dieser Idee erfüllt.

Idee, Konzeption, Öffentlichkeitsarbeit: Ulrike Schrader

Konzeption und Gestaltung: Hildegard Jakobs

Datenerhebung: Dirk Lindner

Technische Beratung: Lutz Stöcker

Gesamtleitung: Ulrike Schrader

Gefördert von der Landeszentrale für Politische Bildung des Landes NRW

und der Stadt Wuppertal