Gedenk- und Informationsort Tiergartenstraße 4

06/2013Gedenkstättenrundbrief 170, S. 30-38
Stefanie Endlich

In einer Villa am Südrand des Berliner Tiergartens war seit Frühjahr 1940 die Planungs- und Verwaltungsbehörde für die »Euthanasie«-Morde untergebracht. Auf dem Baugrund dieses Hauses und der Nachbarhäuser steht heute die Philharmonie, erbaut von Hans Scharoun, eingeweiht 1963. Der Grundriss der historischen Villa überschneidet sich mit dem Foyer des weltberühmten Konzerthauses. Auf dem nordöstlichen Teil des Philharmonie-Vorplatzes, wo sich eine nach dem Fall der Berliner Grenzmauer stillgelegte Bushaltestelle befindet, wird ab Sommer 2013 der nationale »Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Morde« entstehen. Grundlage für die nationale Bedeutung ist ein Bundestagsbeschluss vom November 2011, in dem auch ein Kostenrahmen von 500 000 Euro für die Realisierung festgelegt ist. Im November 2012 wurde der Gestaltungswettbewerb abgeschlossen. Realisiert wird der Entwurf der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann.
Nach ihrer Adresse Tiergartenstraße 4 wurden sowohl die Behörde als auch das Mordprogramm selbst benannt. Die »Aktion T 4« richtete sich gegen Menschen, deren Dasein die Nationalsozialisten als »lebensunwert« ansahen, vor allem gegen Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen, aber auch gegen Menschen mit körperlichen Behinderungen, chronischen Krankheiten, gegen Menschen, die an Epilepsie, Alterssenilität, Geschlechtskrankheiten litten, gegen unangepasste »Asoziale« und gegen Menschen, die aus unterschiedlichen ideologischen Motiven als »minderwertig« angesehen wurden. Kranke Juden waren in besonderem Maße betroffen. Die Tötungen wurden in sechs Mordzentren mit Gaskammern vorgenommen.
Die beteiligten Ärzte und Bürokraten bezeichneten die Mordaktion beschönigend als »Euthanasie«. Mehr als 70 000 Menschen fielen ihr zum Opfer, bis sie im August 1941 aufgrund von kirchlichen Protesten und von Unruhen in der Bevölkerung offiziell eingestellt wurde. Das Morden, das bereits im August 1939 mit einer »Kindereuthanasie«-Aktion begonnen hatte, wurde jedoch nach dem August 1941 dezentral fortgesetzt, sowohl in den Kliniken durch Medikamente, Injektionen und Nahrungsentzug als auch in den besetzten Ländern durch »Freiräumen« der Anstalten für Wehrmacht und SS. Insgesamt starben mehr als 300 000 Menschen durch nationalsozialistische Krankenmorde. Dabei ist allerdings die europäische Dimension, speziell das Geschehen in Osteuropa, bisher noch wenig erforscht.
In beiden Teilen Deutschlands waren diese Opfer wie auch die Opfer der Zwangssterilisationen jahrzehntelang vom öffentlichen Gedenken ausgeschlossen. Die mangelhafte juristische Verfolgung und die verspätete gesellschaftliche Aufarbeitung zeigen, dass sich Ausgrenzung und Stigmatisierung auch nach 1945 fortsetzten. Die nationalsozialistischen Medizinverbrechen, das schlimmste Kapitel in der Geschichte der Medizin, galten als »nicht typisches NS-Unrecht«. Den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden wurden Anerkennung und Entschädigung jahrzehntelang verweigert. Auch die Erinnerung an die Rolle der Ärzte und Wissenschaftler als Mittäter und Nutznießer war lange ein Tabu. Bis heute sind die nationalsozialistischen Krankenmorde und Zwangssterilisationen ein schwieriges und in der breiteren Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommenes Thema. Erst seit Mitte der 1980er Jahre machten Bürgergruppen, Klinikmitarbeiter, Wissenschaftler und Angehörige der Opfer auf das Thema »Euthanasie« und auf die historischen Orte aufmerksam.
Der Ort der »T 4«-Villa war in besonderer Weise vergessen. Anders als bei der Gestapo-Zentrale, deren Adresse Prinz-Albrecht-Straße 8 in ganz Europa bekannt und gefürchtet war, stand die »T 4«-Adresse für Tarnorganisationen, deren mörderisches Wirken weitgehend geheim gehalten wurde. Auch bei den Familien der Ermordeten war sie in ihrer Bedeutung nicht bekannt. Nur wenige Dokumente sind erhalten, auf denen die Adresse »Tiergartenstraße 4« überhaupt vermerkt ist. Zum Kriegsende hatte die Villa im Kampf um Berlin starke Zerstörungen erlitten. 1950 wurde das Gebäude gesprengt, 1955 das Grundstück geräumt. Die Entscheidung, genau hier den Philharmonie-Neubau zu errichten, hatte 1959 das Berliner Abgeordnetenhaus getroffen, ausdrücklich auch im Blick auf die Teilung der Stadt und auf die Nähe des Standorts zur innerstädtischen Grenze entlang des Potsdamer Platzes und des Brandenburger Tores, über die hinweg das West-Berliner Konzerthaus gewissermaßen ein Zeichen nach Ost-Berlin aussenden sollte. In den Jahrzehnten seit 1963 entstand hier das Kulturforum mit Philharmonie, Kammermusiksaal, Musikinstrumenten-Museum, Neuer Nationalgalerie, Staatsbibliothek und Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, als West-Berliner Gegenstück zur Ost-Berliner Museums-Insel. Die Rolle der »T4«-Villa in den Jahren ab 1940 spielte dabei keine Rolle. Allerdings wurde damals in Zeitungen und Redebeiträgen auf Albert Speers gigantomanische Nord-Süd-Achse verwiesen, die in unmittelbarer Nähe zur Philharmonie hätte entstehen sollen. Dieser autoritären Planung, so wurde argumentiert, sollte mit dem Kulturforum das Leitbild einer demokratischen »Stadtlandschaft« entgegengesetzt werden. Keine Erwähnung fand damals hingegen, dass nach Hitlers und Speers »Welthauptstadt«-Planungen am Ort der »T 4«-Villa eine monumentale »Soldatenhalle« gebaut werden sollte, in Korrespondenz zu den geplanten Totenburgen in den besetzten Ländern des noch nicht einmal begonnenen Zweiten Weltkriegs.
Der Standort der »T4«-Villa am Nordrand dieses Bereichs war jahrzehntelang weder gekennzeichnet noch in Stadtführern erwähnt. 1987, im Jahr des Berliner Stadtjubiläums, organisierte eine Initiativgruppe eine erste Dokumentationsausstellung am historischen Ort. Die Aktion »Mobiles Museum«, betreut von der Berliner Geschichtswerkstatt, fand breite Unterstützung unter anderem von der Aktion Sühnezeichen, der Arbeitsgemeinschaft Geschichte an der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, der Ärztekammer Berlin und der Alternativen Liste. Die kleine Ausstellung mit historischen Informationen und Dokumenten wurde in einem ausrangierten und umgebauten DoppeldeckerBus gezeigt, von außen grau gestrichen wie jene »Grauen Busse«, die in der NS-Zeit die Patienten in die Tötungsstätten brachten. Erarbeitet wurde die Dokumentation von dem Historiker Götz Aly, der auch das Begleitbuch herausgab: »Aktion ›T4‹ 1939–1945. Die ›Euthanasie‹-Zentrale in der Tiergartenstraße 4« (Berlin 1987/1989).
Das »Mobile Museum« war eine temporäre Aktion, begleitet von Diskussionen und einer Spendensammlung für ein Denkmal. Der Senat von Berlin folgte jedoch dem Wunsch der Initiativgruppen nach einem Denkmalswettbewerb nicht. Stattdessen beschloss man, eine Skulptur des amerikanischen Bildhauers Richard Serra hier aufzustellen und sie zum Denkmal für die »Euthanasie«-Opfer zu erklären. Serra hatte diese Arbeit – zwei geschwungene Stahlplatten, die einen schluchtartigen Durchgang lassen – auf einer Kunstausstellung vor dem Martin-Gropius-Bau gezeigt und zum Kauf angeboten. Der Philharmonie-Standort gefiel ihm besonders gut; er lobte die Korrespondenz zwischen den geschwungenen Formen seiner abstrakten Stahl-Skulptur und den architektonischen Schwingungen des Konzerthaus-Daches.
Als die Skulptur im Januar 1988 dort aufgestellt wurde, war die Empörung unter den Initiativgruppen groß. Ihre Forderung, einen Denkmals-Wettbewerb für diesen speziellen Ort auszuschreiben, war zuvor abgelehnt worden. Um die Widmung für die »Euthanasie«-Opfer deutlich zu machen, ließ man neben Serras Skulptur eine Gedenktafel in den Boden ein, die an die »vergessenen Opfer« erinnert. Ihr Text wurde mit den Initiativgruppen der Aktion »Mobiles Museum« abgestimmt. Er weist auf die »Euthanasie«-Verbrechen und auf die Rolle des Ortes hin und endet mit dem Satz »Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter.« Richard Serra selbst sollte ursprünglich diese Tafel gestalten, überließ dies jedoch dem Berliner Bildhauer Volker Bartsch.
Seit der Einweihung am 1. September 1989 finden hier jährlich Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen statt. Die meisten Menschen sehen die Bronzetafel im Boden als eigentliches Gedenkzeichen an. Im Alltag kann man sie jedoch leicht übersehen. Sie ist immer wieder verschmutzt und von der Tiergartenstraße über parkende Autos hinweg kaum wahrnehmbar. Richard Serras Skulptur wiederum erscheint Besuchern und Passanten meist als Kunst am Bau für die Philharmonie, nicht als Denkmal für die »T4«-Opfer. Angesichts dieser schwierigen Gesamtsituation wurden seit 1989 immer wieder Ideen, Vorschläge, Forderungen entwickelt, den Erinnerungsort vor der Philharmonie so umzugestalten, dass er der Bedeutung des Themas gerecht wird und zur Aufklärung beiträgt.
Im Jahr 2007 bildete sich unter dem organisatorischen Dach der Stiftung »Topographie des Terrors« der »Runde Tisch T4«, ein Zusammenschluss von Gruppen, Verbänden, Verwaltungsvertretern und engagierten Einzelpersonen. Der Anstoß ging von Sigrid
Falkenstein aus, deren Tante Anna Lehnkering im März 1940 in Grafeneck ermordet worden war (siehe auch www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/anna.htm). Seither hat der Runde Tisch Aktivitäten initiiert oder unterstützt, die dazu beitrugen, den Ort
wieder stärker ins Bewusstsein der Stadt zu rücken (näheres dazu auf der Website www.gedenkort-t4.eu, unter: Gegenwart/Erinnerung im Stadtraum). So kam durch das Engagement von Mitgliedern des Runden Tisches im Januar 2008 für ein Jahr das Denkmal der Grauen Busse auf den Philharmonie-Vorplatz. Als »mobiles Denkmal« ist es der von Ort zu Ort »wandernde« Teil eines Erinnerungsprojektes, das Horst Hoheisel und Andreas Knitz 2007 für das Zentrum für Psychiatrie Weissenau im südbadischen Ravensburg realisiert hatten (siehe GedenkstättenRundbrief 137, 6/2007).
Als Hauptaufgabe sah es der »Runde Tisch T4« jedoch an, ein Profil für den zukünftigen Erinnerungsort zu entwickeln. Im Juni 2008 stellte die Stiftung Topographie des Terrors eine Informationstafel am Rand des Gehwegs auf, gestaltet von Helga Lieser. Die Tafel informiert über die Funktion der Villa in der NS-Zeit und über die Absicht, hier einen Gedenk- und Informationsort einzurichten. Längst hatte sich der einstige Ort der Täter mit seiner bronzenen Bodenplatte zum zentralen Gedenkort für die Opfer der »Euthanasie«-Morde entwickelt. Speziell an Jahrestagen finden hier Kundgebungen und Kranzniederlegungen statt. Dennoch gab es zunächst schwierige Auseinandersetzungen über seine zukünftige Rolle und Gestaltung. Manche Beteiligte argumentierten, aus Respekt vor den Opfern verbiete sich trauerndes Gedenken an diesem Ort; hier sollten höchstens einige Tafeln mit historischen Informationen aufgestellt werden. Stattdessen, so forderten sie, sollte getrennt davon ein Mahnmal im Kontext der nationalen
NS-Gedenkorte errichtet werden, also in unmittelbarer Nachbarschaft zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In einem Symposium zum »Umgang mit dem historischen Gelände Tiergartenstraße 4« konnte im Januar 2009 schließlich ein Konsens gefunden werden. Vereinbart wurde, dass man sich gemeinsam für einen »Gedenk- und Informationsort am historischen Standort in der Tiergartenstraße« einsetzen und die Berliner Verwaltungen für Kultur und Stadtentwicklung bitten wollte, »alle Anstrengungen zu bündeln«, um schnellstmöglich einen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung auszuloben. Dieser Wettbewerb sollte gewissermaßen als vorgezogener Teil der schon lange geplanten, aber immer noch nicht realisierten Freiraumgestaltung der Landschaftsarchitekten Valentien + Valentien für das Kulturforum behandelt werden.
Schon 2007 hatte sich Sigrid Falkenstein mit einer Petition zur Neugestaltung des Erinnerungsortes an den Deutschen Bundestag gewandt und daran erinnert, dass er 1999 in seinem Beschluss zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas versprochen hatte, auch »der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken«. Am 10. November 2011 kam schließlich der Bundestagsbeschluss für einen »Gedenkort für die Opfer der NS-›Euthanasie‹-Morde« zustande (Drucksache 17/5493). Er definiert die Erinnerung an diese Opfergruppe als eine Aufgabe von nationaler Bedeutung und gesamtstaatlicher Verantwortung. Die Bundesregierung sollte den Parlamentsauftrag gemeinsam mit dem Land Berlin umsetzen und dabei die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden sowie die Topographie des Terrors einbeziehen. Der Bundestagsbeschluss war einstimmig; die Linke enthielt sich, weil sie für die größere Lösung eines Dokumentationszentrums plädierte. Ein solches aktiv arbeitendes Haus hatten sich zunächst auch viele Mitglieder des Runden Tisches erhofft. Ein Neubau am Standort Kulturforum wäre jedoch kaum mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren. Im Rahmen der im Haushalt des Kulturstaatsministers eingestellten 500 000 Euro hatte dieses Vorhaben auch keine Chancen mehr. Klar war, dass mit dem Bundestagsbeschluss die Weichen für eine Open-Air-Gestaltung gestellt waren.
Aus der Definition »Gedenk- und Informationsort« und der stadträumlichen Situation des weltberühmten Philharmonie-Gebäudes und des Kulturforums im Umbruch ergab sich die besondere Aufgabenstellung für das Verfahren. Der Auslober entschied, nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2008) einen Gestaltungswettbewerb mit vorgeschaltetem internationalen Bewerberverfahren durchzuführen, also keinen reinen Kunstwettbewerb. Zugelassen waren ausschließlich Arbeitsgemeinschaften unter Federführung von Künstlern und/oder Gestaltern in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten. Erwartet wurde von ihnen hohe professionelle Qualifikation sowie besondere Sensibilität für das schwierige Thema. Ein Auswahlgremium suchte
aus 92 Bewerbungen 30 Teams zur Teilnahme aus.
Aufgabe war es, wie es in der Ausschreibung hieß, eine Gestaltungskonzeption zu entwickeln, die der »nationalen Bedeutung des Ortes im zeitgenössischen Gedenkkontext gerecht wird«. Anders als das »Holocaust«-Denkmal, anders auch als der Gedenkort für die verfolgten Homosexuellen und das im Oktober 2012 auf einer Tiergarten-Lichtung zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor eingeweihte Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma ist die »T 4«-Adresse ein authentischer Ort – nicht der
Massenmorde selbst, sondern ihrer verbrecherischen Planungsbürokratie. Ziel sollte es sein, »durch die künstlerische Gestaltung des Ortes vielfältige Ansätze zur gedanklichen und emotionalen Auseinandersetzung mit der Gesamtthematik zu schaffen, die auch für nachfolgende Generationen erfahrbar bleiben soll«. Daher war von Anfang an der Informationsanteil am zukünftigen Gedenkort von großer Bedeutung. Vermittelt werden sollen die grundlegenden Kenntnisse über Entstehungsgeschichte, Durchführung und Nachwirkungen der NS-»Erbgesundheits«-Politik, der Krankenmorde und der Verbindungen des »Euthanasie«-Mordprogramms zum »Holocaust«. Dabei soll die Darstellung exemplarischer Lebensgeschichten von Opfern einen besonderen Stellenwert erhalten. Dargestellt werden sollen auch die Bezüge zu den zentralen Mordstätten, an denen es heute Gedenkstätten für die »Euthanasie«-Opfer gibt: Grafeneck (Württemberg), Hartheim (Oberösterreich), Pirna-Sonnenstein (Sachsen), Bernburg (Sachsen-Anhalt), Hadamar (Hessen) und Brandenburg an der Havel. In einer ehemaligen Scheune des alten Zuchthauses der westlich von Berlin gelegenen Stadt Brandenburg waren mehr als 9000 Patienten vor allem aus psychiatrischen Anstalten von Berlin, Brandenburg und Sachsen ermordet worden; mit ihrer Einweihung im Sommer 2012 entstand dort die letzte der »Euthanasie«-Gedenkstätten an den sechs zentralen Orten der Massenmorde (siehe GedenkstättenRundbrief 168, 12/2012).
Für die Vermittlung dieser Informationen sah die Ausschreibung für den zukünftigen Gedenk- und Dokumentationsort »T4« zwei Ebenen vor: eine »Sichtbarkeitsebene«, für die ein Gesamtkonzept zur Präsentation dokumentarischen Materials verlangt wurde, und »Vertiefungsebenen« mit Medienstationen. Gefordert wurde ausdrücklich barrierefreier Zugang, nicht nur als physische Zugänglichkeit, sondern auch als barrierefreie Vermittlung der Inhalte über mehrere Sinne. Menschen mit Behinderungen sollen angesichts des Themas »Euthanasie« von dem zukünftigen Erinnerungsort ganz besonders angesprochen werden.
28 Entwürfe wurden eingereicht. Auf unterschiedliche Weise haben sie das schwierige Spannungsverhältnis von emotionalen und sachlichen Aspekten zum Ausdruck gebracht. Wettbewerbsaufgabe war auch, die historische Adresse »T4« kenntlich zu machen beziehungsweise als Entwurfs- und Denk-Ebene in die Konzeption einzubeziehen. Es zeigte sich allerdings, dass die Villa als Ort der Täter in Entwürfen mit einer räumlich wirkenden, über eine Bodenmarkierung hinausgehenden Nachzeichnung der Fläche oder des Umrisses eine allzu dominante Wirkung entfaltete. Manche Teilnehmer entwarfen Naturmetaphern, gärtnerische, skulpturale, labyrinthische Formationen oder begehbare Schriftbilder als Rahmen für die historischen Informationen.
Die Jury bestimmte in mehreren Rundgängen einen ersten, einen zweiten und einen dritten Preis sowie drei gleichrangige Ankäufe. Der zweite Preis ging an Dreier Frenzel Architektur + Kommunikation mit Susanne Muller (visual artist) und Axel Klapka (k1 Landschaftsarchitekten), Berlin/Lausanne. Sie wollten die Opferbiografien und Informationen am Rand des Geländes präsentieren; auf dem »T4«-Areal selbst, auf seinem im jetzigen Zustand belassenen Straßenboden der stillgelegten Bushaltestelle, sollte ein kleiner Roboter mit Kreide den Satz »I love you« schreiben, kontinuierlich, zufallsgesteuert und immer wieder vom Regen weggewaschen. Der dritte Preis ging an Dagmar von Wilken (Ausstellungsgestaltung) mit Henningsen Landschaftsarchitekten, Berlin, für ihren Entwurf einer begehbaren Raumplastik; ihr Grundriss leitet sich aus der abstrakten Chiffre der »T4«-Adresse ab und sollte als Informationsträger für Dokumentation und Medienstationen dienen. Ankäufe erhielten Martin Bennis, Berlin, mit Weidner Händle Atelier Stuttgart und Frank Lohrberg Stadtlandschaftsarchitektur Berlin, Frank Dölle (D + S Architekten GbR) mit Frédéric Guille und Landschaftsarchitektur Birgit Hammer, Berlin sowie Horst Hoheisel mit Andreas Knitz und Christian Feusel (stadt-land-see), Kassel/Lindau.
Für die Realisierung wählte die Jury mit acht von insgesamt neun Stimmen den Entwurf von Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis (bildender Künstler) und Heinz W. Hallmann aus; die Architektin Ursula Wilms hatte gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann das 2010 neu eröffnete Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors gestaltet. Ihr Entwurf für den »T 4«-Erinnerungsort arbeitet mit abstrakten Elementen (»nur Material, Farbe und Form«, so die Verfasser) und verzichtet bewusst auf eine Nachzeichnung des historischen Villengrundrisses. Drei parallele, von der Straße zur Philharmonie verlaufende Elemente auf schwarzem, leicht schrägem Beton-Grund gliedern und prägen den Ort: eine große, blaue Glaswand, ein lang gestrecktes, winkelförmiges Pult als Informationsträger für die Open-Air-Ausstellung und drei Medienstationen sowie eine Sitzbank aus Beton als Ruhebereich und Treffpunkt. Die bronzene Gedenkplatte von 1988 verbleibt an ihrem Standort und wird in das Konzept integriert. Die Glaswand, so die Verfasser, soll Sinnbild sein für die Verbindung des Betrachters zu den »zwar physisch getöteten, aber durch unser Nicht-Vergessen und Erinnern doch weiter lebenden Menschen«. Die dunkle Fläche »steht für die ›Schräglage‹ und den immer bleibenden ›negativen Abdruck‹, den die ›Euthanasie‹ des NS-Staates in der Geschichte unserer Gesellschaft hinterlassen hat«.
Hierzu formulierte die Jury: »Ein fragiler Ort, ein zurückgenommener, zurückgewonnener Ort in der Stadt. Der Gedenk- und Informationsort ... drängt sich nicht auf und ist doch, durch die lange hellblaue Wand, unübersehbar. Wenige starke Elemente prägen das Konzept. Ein dunkler Untergrund, in leichter Schräglage gekippt, mar -kiert das Grundstück. Der Villa wird keine Referenz erwiesen, sie bleibt unsichtbar. In der Mitte des Platzes steht eine große hellblaue Glaswand, auch sie scheinbar zufällig gesetzt. Sie bildet die symbolische Trennung derer, denen Unrecht geschah, von denen, die die Verbrechen begingen ... Trotz der geometrischen Strukturen des Entwurfs werden keine Richtungen aufgebaut, vielmehr treten durch die leichten Verschwenke, durch horizontale wie vertikale Kippungen und vor allem durch die hellblaue Glaswand Irritationen auf, die falsches Pathos nicht aufkommen lassen, aber nachdenklich machen.«
Auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginns, war Hitlers »Euthanasie«-Befehl vom Oktober 1939 vordatiert worden, um die Krankenmorde als kriegswichtig zu legitimieren. Zum Jahrestag am 1. September 2013 sollte der Gedenk- und Informationsort eigentlich schon eingeweiht werden, doch viele inhaltliche, medientechnische und Kosten-Fragen sind noch nicht gelöst. Zum einen ist für ein derart gesellschaftsrelevantes Projekt von »gesamtstaatlicher Verantwortung« die Realisierungssumme mit 500 000 Euro viel zu knapp kalkuliert. Ein Vergleich mit den 2,8 Millionen Euro für das Sinti- und Roma-Denkmal wirft kein gutes Licht auf die Prioritätensetzung des Bundes und zeigt, wie nachlässig mit dem lange verdrängten Thema »Euthanasie«-Erinnerung auch heute noch im politischen Raum umgegangen wird. Zum Zweiten wurden die Produktionskosten der Inhalte und die Unterhaltskosten der Medienstationen bisher weder genau kalkuliert noch haushaltsmäßig gesichert. Zum Dritten konnte die DFG-finanzierte Arbeitsgruppe des Transferprojektes »Erinnern heißt gedenken und informieren: Die nationalsozialistische ›Euthanasie‹ und der historische Ort Berliner Tiergartenstraße 4« – ein Historiker-Team, das in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas die Text- und Bild-Inhalte erarbeiten soll – erst im Frühjahr 2013 die Arbeit aufnehmen. Angestrebt wird nun ein symbolischer erster Spatenstich im Sommer 2013; die Einweihung kann vermutlich 2014 stattfinden.
Zur Einstimmung sei hier auf eine temporäre Ausstellung am Standort der historischen Villa und des zukünftigen Gedenk- und Informationsortes hingewiesen, erarbeitet von einem unabhängigen Autorenteam (Sigrid Falkenstein, Petra Fuchs, Helga Lieser, Alexandra Pohlmeier, Ralf Sroka und die Autorin dieses Beitrags Stefanie Endlich). Sie kam im Rahmen des Themenjahres 2013 »Zerstörte Vielfalt« zustande. Die Open-Air-Ausstellung mit dem Titel »Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes«
verknüpft die bürokratische Organisation der NS-Krankenmorde mit dem Schicksal von Anna Lehnkering. Ein Großteil der Täter, die Annas Lebensweg unmittelbar kreuzten und in unterschiedlichen Funktionen an ihrer Ermordung in der Gaskammer von Grafeneck mitwirkten, stand in Verbindung zur Tiergartenstraße 4 oder hatte hier ihren Dienstsitz. Darüber hinaus wird – auch mit einigen bisher unbekannten Dokumenten und Fotos – die Geschichte der »T4«-Villa mitsamt ihrer Vor- und Nachgeschichte veranschaulicht. Die Eröffnung am 5. Mai wurde begleitet von einem bewegenden Auftritt der Gruppe Ramba Zamba, einem Theaterprojekt von Menschen mit Behinderungen. Die Präsentation ist als Wanderausstellung konzipiert. Sie soll bis zum 17. November auf dem Philharmonie-Vorplatz verbleiben (siehe www.t4-ausstellung.de).

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Kunstpublizistin und Mitglied des »Runden Tisches T 4«: Sie war Jurymitglied beim Gestaltungswettbewerb für den zukünftigen Gedenk- und Informationsort.