Am 18. November 2008 ist in Berlin der Historiker Professor Dr. Wolfgang Scheffler gestorben. Er wurde 79 Jahre alt. Als historischer Sachverständiger in zahlreichen Strafverfahren zum Judenmord während des Zweiten Weltkriegs und als Hochschullehrer an beiden West-Berliner Universitäten genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Er galt als einer der bedeutendsten deutschen Holocaustforscher seiner Zeit.
Am 22. Juli 1929 in Leipzig geboren, wuchs Scheffler in einer evangelischen Familie auf. Durch die Berührung der Eltern mit der Bekennenden Kirche blieb ihm die Hitlerjugend erspart. Als er gegen Kriegsende in Leipzig die ersten Konzentrationslagerhäftlinge sah, waren für ihn – noch unbewusst – die Würfel gefallen. Nach 1945 störte ihn bald die doktrinäre Hochschulausbildung an seinem Heimatort und er wechselte an die Freie Universität Berlin. Bei Ernst Fraenkel wurde er 1956 mit einer Dissertation über Diäten im englischen Parlamentarismus promoviert.
Doch fortan widmete er sein Leben nur noch einem Thema. 1960 legte er nach gründlichen Studien an den historischen Quellen bei Alfred Wiener in London sowie in der »Forschungsgruppe Widerstand« bei Ernst Fraenkel und Hans Herzfeld in Berlin seine knapp gefasste, auch von dem Berliner Innensenator Joachim Lipschitz geförderte Schrift »Judenverfolgung im Dritten Reich« vor. Nicht viele deutsche Autoren publizierten zu jener Zeit zum Thema. Der reduzierte, wie in Stein gemeißelte Stil dieser Darstellung blieb Schefflers Kennzeichen bis zu seiner letzten Zeile: Ein Resultat unerbittlicher und langwieriger Arbeit, denn Scheffler hat es weder sich noch anderen jemals leicht gemacht. Mehrfach erweitert, wurde diese Arbeit für die Anstalten der politischen Bildung in weit mehr als hunderttausend Exemplaren gedruckt. Eine japanische Ausgabe erschien 1961 in Tokio.
Bald darauf wurde Scheffler vom Auswärtigen Amt als wissenschaftlicher Beobachter zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem delegiert. Als 1962 der Frankfurter Auschwitz-Prozess vorbereitet wurde, zog man an ihn als historischen Sachverständigen in Betracht. Weil die Verteidigung daraufhin öffentlich das unglaublich fadenscheinige Argument in Umlauf setzte, sein Doktorvater sei Jude, kam es dort nicht zu seiner Bestellung.
Gleichwohl setzte in den folgenden Jahren die anerkannte Laufbahn Wolfgang Schefflers als historischer Gutachter bei zahlreichen Strafverfahren vor deutschen Gerichten zu den nationalsozialistischen Gewalttaten ein. Im Bielefelder Bialystok-Verfahren, im Düsseldorfer Treblinka-Verfahren sowie im Düsseldorfer Prozess gegen den Reichsbahn-Staatssekretär Albert Ganzenmüller waren seine Kenntnisse gefragt. Insbesondere in dem großen Düsseldorfer Majdanek-Verfahren von 1977 wurde er von Verteidigern mit dem Vorwurf als befangen abgelehnt, er habe jüdische Lehrer gehabt und sei »enger Verflechtung mit dem Kreis der Verfolgten« verdächtig. Wochenlang wurden seine Herkunft und seine Ausbildung – erfolglos – vor den Schranken des Gerichts zerredet. Das Wochenmagazin »Der Spiegel« (Nr. 18/1977 vom 26. April 1977) schrieb damals, Scheffler sei »wegen seiner dokumentarischen Präzision bei Angeklagten und Anwälten gefürchtet« gewesen. In Eberhard Fechners Film »Der Prozeß« von 1981 über das Majdanek-Verfahren kann man ihn als den »Gutachter« sehen, der mit unverwechselbarem Ton und unbeirrbarer Präzision aussprach, was ihm wichtig war: Suche nach den Fakten, Verzicht auf jede Spekulation.
Zuletzt trat er als Gutachter im ersten Demjanjuk-Verfahren auf. Stets widersprach er dem Vorbringen der Täter, sie hätten unter Befehlsnotstand gehandelt. Themen seiner Forschung waren Ghettos, Zwangsarbeitslager und Vernichtungsstätten in Europa. Minutiös berechnete er schon 1963 die Zahlen der in den Vernichtungsstätten Belzec, Sobibor und Treblinka ermordeten Juden. Als vierzig Jahre später, im Jahre 2002, ein geheimer deutscher Funkspruch von 1943 auftauchte, der diese Zahlen exakt darlegte, war das eine späte Genugtuung für seine akribische Arbeitsweise.
Nachdem um 1975 die große »Welle« der Strafprozesse wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen abgeebbt war, begann Wolfgang Schefflers hohe Zeit als Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (Fachbereich Politische Wissenschaft). Dort wurde er 1980 zum Honorarprofessor bestellt. So konnte er in den Arbeitsbereich seines Lehrers zurückkehren, akademische Schüler weiterentwickeln und zudem den Bereich der historischen Grundlagen der Politik stärken, der für die Berliner Politikwissenschaft damals charakteristisch war. Es war die Zeit der dritten Verjährungsdebatte und der Ausstrahlung des Fernsehfilms »Holocaust«. Stets beschäftigte ihn die Brüchigkeit unserer Zivilisation. Als es im politischen Raum darum ging, die »Auschwitzlüge« strafbar zu machen, ergriff Wolfgang Scheffler dafür öffentlich Position.
1986 wurde er von Herbert A. Strauss auch auf eine Professur am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin berufen. Die Zahl seiner Schüler blieb klein; Art und Umfang der von ihm betreuten Dissertationen waren stets außergewöhnlich. Darüber hinaus bereicherten seine Kenntnisse fortan die vorbereitende Arbeit der »Stiftung Topographie des Terrors« wie die Errichtung der »Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz« in Berlin.
Die zahlreichen Verfahrensakten der deutschen Justiz, von denen heute viele in der »Zentralen Stelle der Landesjustizanstalten« in Ludwigsburg liegen, erkannte er schon früh als originäre Quelle der Forschung. So drang er bald auf die Einrichtung einer Forschungsstelle bei der Ludwigsburger Behörde. Der Kernsatz von Schefflers Methode lautete: »Ganz genau hinschauen!« Das bedeutete, die Dokumente mindestens dreimal zu lesen, dabei alle Aktenzeichen und Namen detailliert zu entschlüsseln, danach sämtliche Zahlen selbst nachzurechnen. Besonderen Wert legte er auf den Abgleich von Aussagen Tatbeteiligter mit den Zeugnissen Überlebender, wodurch er sich nicht nur Freunde machte.
Man hätte sich vielleicht mehr Bücher von Wolfgang Scheffler gewünscht, doch er fürchtete lange Zeit in fast traumatischer Weise, als Gerichtsgutachter deshalb nochmals wegen Befangenheit abgelehnt zu werden. Seine späten Aufsätze zum Ghetto Litzmannstadt, zur bedrückenden Lage der deportierten deutschen Juden im Baltikum, besonders Riga, zum Warschauer Ghetto und zur »Aktion Erntefest« als Ende der polnischen Judenheit waren bestechend klar formuliert und sind bis heute aktuell geblieben. Mehrere Dokumentenbände aus der gerichtlichen Arbeit hat er noch gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Helge Grabitz (1934–2003) herausgegeben, die als Oberstaatsanwältin in Hamburg selbst für die Verfolgung von NS-Straftaten zuständig gewesen war.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit hat er sich in der Gedenkstättenpraxis engagiert. In der Anfangsphase des Ausstellungsprojektes »Topographie des Terrors« 1986/1987 war Wolfgang Scheffler mit wichtigem historischem Rat an der Gestaltung von Dokumentation und dazugehörigem Katalog beteiligt. Er gehörte bis 2006 dem Arbeitsausschuss an, der die Topographie in die Rechtsform einer selbständigen Stiftung begleitet sowie bei der konzeptionellen Weiterentwicklung und zahlreichen konkreten Projekten beraten hat.
1994 ist Wolfgang Scheffler in den Ruhestand getreten; bald wurde es still um ihn. Die Bundesrepublik dankte ihm mit dem Bundesverdienstkreuz. Danach war von Streitigkeiten mit Angehörigen von Überlebenden des Rigaer Ghettos zu lesen, bis sie endlich beigelegt waren. Festschriften seiner akademischen Schülerinnen und Schüler sowie der Fachkollegen mit ihren Beiträgen zur Holocaustforschung kamen in den Jahren 1994 und 2004 heraus. Am Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stand im Jahre 2003 noch – gemeinsam mit Diana Schulle – die Herausgabe der zweibändigen Gedenkschrift »Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden« bei K. G. Saur.
Sein weiterhin am frühen Samstagmorgen im »Telefunken-Hochhaus« der Technischen Universität abgehaltenes Kolloquium blieb bis zuletzt ein legendärer Geheimtipp für Spezialisten. Dieter Pohl hat daran in der Berliner »tageszeitung« vom 28. November 2008 mit den Worten erinnert: »Vielen wird Wolfgang Scheffler als Urgestein deutscher Zeitgeschichtsforschung in Erinnerung bleiben, mit seinem imposanten Auftreten, seiner tiefen Stimme und seiner kategorischen Bestimmtheit.« Eine kleine Zahl eingeschworener »Scheffler-Schüler« trägt heute die Fackel weiter und widmet sich mit der von ihm definierten Methode dem steinigen Feld empirischer Holocaustforschung nach seiner Devise: Ganz genau hinschauen!
Alfred Gottwaldt ist seit 1983 Leiter der Abteilung Schienenverkehr im Deutschen Technikmuseum Berlin. Er hat bei Wolfgang Scheffler das Thema der Judendeportationen bearbeitet.