Frischer Wind und langer Atem. Aktuelle Entwicklungen in der Gedenkstätte Sandbostel

Die »Stiftung Lager Sandbostel« hat ihre Arbeit aufgenommen
10/2005Gedenkstättenrundbrief 127, S. 3-8
Klaus Volland

Am 17. Dezember 2004 fand in der »Lagerkirche« in Sandbostel die Gründungsversammlung der »Stiftung Lager Sandbostel« statt. Damit scheint eine einvernehmliche Lösung in dem langjährigen Konflikt um die Errichtung einer Gedenkstätte für das Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Stalag X B Sandbostel gefunden zu sein.

Im Mannschafts-Stammlager B im Wehrkreis X Sandbostel haben sich zwischen 1939 und 1945 insgesamt über eine Million Kriegsgefangene, Internierte und KZ-Häftlinge aufgehalten. Die Lagergeschichte war durch zwei schauerliche Höhepunkte geprägt – das Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener im Herbst und Winter 1941/42 und das tausendfache Sterben nach Sandbostel »evakuierter« KZ-Häftlinge im April und Mai 1945 (»a minor Belsen«). Nach dem Krieg diente das Lager als britisches Umerziehungslager für ehemalige SS- und NSDAP-Führer und in den fünfziger Jahren als Durchgangslager für männliche jugendliche Flüchtlinge aus der DDR. Seit 1974 wird der noch mit Baracken versehene Teil des historischen Geländes als »Gewerbegebiet Immenhain« genutzt.

1980–2003: Zur Geschichte des Konflikts um eine Gedenkstätte in Sandbostel

Anfang Mai 1980, anlässlich des 35. Jahrestags des Kriegsendes, wurde von einem Aktionskomitee, das zu einer Kundgebung und Demonstration nach Bremervörde und Sandbostel aufgerufen hatte, erstmals öffentlich die Forderung nach der Einrichtung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte auf dem historischen Lagergelände in Sandbostel erhoben.

Nachdem der Verfasser und sein Lehrerkollege Werner Borgsen 1991 ihre Monographie »Stalag X B Sandbostel« veröffentlicht hatten und das Buch auf positive Resonanz nicht nur seitens der Fachkritik gestoßen war, war der im Januar 1992 gegründete Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel zuversichtlich, dass die Forderung nach einer Gedenkstätte auf dem historischen Lagergelände nun umgehend realisiert werden würde. Die Ressentiments gegenüber den Vereinsgründern konnten in dem ländlich-konservativ geprägten regionalen politischen Umfeld jedoch nicht so rasch überwunden werden, so dass sich der Vorstand des Vereins, dem bis heute der Rotenburger Stadtarchivar Dietmar Kohlrausch präsidiert, 1993 entschloss, zunächst eine Wanderausstellung zu schaffen, die im Februar 1994 eröffnet und an zahlreichen Orten im nordwestdeutschen Raum präsentiert wurde. Gemäß der Begleitbroschüre zu dieser Ausstellung verstand sich der Verein ausdrücklich als »Trägerverein« einer Gedenkstätte; tatsächlich aber blieb er ein Förderverein, denn die nur einvernehmlich mögliche Realisierung einer Gedenkstätte in Sandbostel ließ weiter auf sich warten, da zahlreiche vor Ort relevante gesellschaftliche Gruppen aus Staat und Kirche nach wie vor Abstand zum Verein hielten.

Dies änderte sich im Prinzip auch 1997 nicht, als der Verein daran ging, in Bremervörde (Großer Platz 4) in der Wohnung eines Vereinsmitglieds die »Dokumentationsstätte Sandbostel« einzurichten, und damit zum Träger eines Gedenkstättenprovisoriums wurde. Der Verein hat seither eine feste Adresse und feste Bürozeiten und unterhält in den allerdings sehr beengten Verhältnissen seines Domizils ein Archiv und eine Bibliothek, präsentiert Ausstellungen, Filmvorführungen und Vorträge.

Vorübergehend nisteten sich sogar Tendenzen ein, sich auf das »Papenburger Modell« einzulassen, also von der Errichtung einer Gedenkstätte am historischen Ort des Lagers abzurücken. Der Vereinsführung wurde jedoch immer wieder bewusst, dass der authentische Ort des Lagers und die dort noch vorhandenen historischen Überreste die ersten und besten Ausstellungsstücke einer Gedenkstätte sind, und deshalb intensivierte sie seit 2002 auch wieder die satzungsgemäßen Bemühungen, eine Gedenkstätte auf dem historischen Lagergelände einzurichten. Angestoßen durch eine Tagung zum zehnjährigen Bestehen des Gedenkstättenvereins, fanden zunächst erfolgreich erscheinende Beratungen mit Kommunal- und Landesvertretern statt, die der Landrat des Kreises Rotenburg, Hans-Harald Fitschen, moderierte, aber 2003 ohne greifbares Ergebnis abgebrochen wurden . Schließlich lud der Landkreis den Verein dazu ein, an der Formulierung einer auf dem Lagergelände aufzustellenden Informationstafel mitzuwirken, da die Verhandlungen zur Errichtung einer Gedenkstätte an diesem Ort gescheitert seien. Der Verein lehnte ab.

2004: Von der Eskalation des Konflikts zur Kooperation

Nachdem bereits im Oktober 2003 in den Niederlanden die Ausstrahlung eines Fernsehberichts über den dramatischen Verfall der Überreste des Lagers Sandbostel einen Proteststurm hervorgerufen hatte, kam es dann im Frühjahr 2004 zum öffentlich ausgetragenen und bundesweit beobachteten Konflikt um die Gedenkstätte, als sich der Hamburger Weltfriedenspreisträger und Holocaust-Überlebende Ivar Buterfas in die Bemühungen des Vereins um die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem historischen Lagergelände einschaltete.

Durch eine Medienkampagne und eine internationale Konferenz in Hamburg machte Buterfas die Öffentlichkeit auf die weithin noch unbekannte Geschichte des Lagers Sandbostel aufmerksam. Buterfas’ Vorschlag, einen Teil des Straßenmeistereigeländes des Landkreises Rotenburg mit der ehemaligen Kommandantur und einem Lagergefängnis für die Einrichtung der Gedenkstätte zu nutzen, wurde vom Vorstand des Gedenkstättenvereins aufgegriffen, aber vom Landkreis und von der Gemeinde Sandbostel abgelehnt. Diese präsentierte einen bereits aus den 80er Jahren stammenden Gegenvorschlag, nach dem die Gedenkstätte auf dem Lagerfriedhof errichtet werden sollte.

Mitte Juni besuchte der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann Sandbostel, um einen Versuch zur Aufhebung der entstandenen Blockade und zur Beendigung der mitunter sehr polemisch geführten öffentlichen Diskussion um die Gedenkstätte zu unternehmen. Im Anschluss daran setzte Busemanns aus der Region stammender Ministerkollege Hans-Heinrich Ehlen zwei Moderatoren ein, den Superintendenten i.R. Hans-Wilhelm Hastedt aus Sittensen und den ehemaligen Schulamtsdirektor Horst Rademacher aus Bremervörde. Diese führten in der Folge zahlreiche Gespräche mit Interessenvertretern und luden zu mehreren Sitzungen der »Arbeitsgruppe Sandbostel« ein, die von August bis November 2004 im Gemeindehaus der ev. Kirchengemeinde Selsingen tagte.

Dabei einigten sich die beteiligten Gruppen (Land Niedersachsen, Landkreis Rotenburg, Gemeinde Sandbostel, Samtgemeinde Selsingen, Evang.-luth. Kirchengemeinde Selsingen, die Vereine Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel und Geschichtsfreunde Sandbostel, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Vereinigung des ehemaligen französischen Kriegsgefangenen Bernard Le Godais, Pro Europa) grundsätzlich darauf, dass die Gedenkstätte auf dem historischen Lagergelände »in der Nähe der Lagerkirche« eingerichtet werden soll. Außerdem stimmten die beteiligten Parteien dem Vorschlag der Moderatoren zu, für das gemeinsame Vorhaben die Organisationsform einer Stiftung zu wählen.

Nach der Satzung der Stiftung Lager Sandbostel gehören dem Kuratorium die neun oben genannten Gründungsmitglieder an. Dieses wählt einen dreiköpfigen Vorstand. In ihm sollen regelmäßig ein Repräsentant der Gemeinde Sandbostel und des Vereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel vertreten sein. Das Kuratorium wählte am 17. Dezember in seiner konstituierenden Sitzung in der Sandbosteler Gaststätte »Zum Grünen Jäger« den Bürgermeister von Sandbostel Clement Poppe zu seinem Vorsitzenden. In den Vorstand der Stiftung wählte das Kuratorium als ersten Vorsitzenden Hermann Luttmann (Erster Kreisrat des Landkreises Rotenburg und Kreisvorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge), als Stellvertreter Karl-Heinz Buck (stellvertretender Vorsitzender des Vereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel) und Holger Blank (stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Sandbostel) als weiteres Vorstandsmitglied.

2005: Die Arbeit der Stiftung Lager Sandbostel im ersten Jahr

Im Mittelpunkt der ersten Arbeitsphase der Stiftung nach ihrer Gründung stand die Vorbereitung der Veranstaltungen zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers Sandbostel am 29. April 2005. Dem Gedenkstättenverein, der die Kundgebung am Befreiungstag seit 1994 organisiert hatte, oblag nun die Organisation eines achttägigen Besuchsprogramms, an dem ehemalige Lagerinsassen aus Russland, Frankreich, Polen, Großbritannien und Belgien teilnahmen. Der Kuratoriumsvorsitzende Poppe gab während der Kundgebung am 29. April bekannt, dass es der Stiftung gelungen sei, sich mit dem Militaria-Händler Bernhard Edelmann über den Ankauf eines 27 600 qm großen Teiles seines Geländes (Flurstück 61/12, siehe Abbildung) einig zu werden, auf dem sich noch sechs ehemalige Wohnbaracken und drei Funktionsgebäude des Stalag X B befinden.

Am 29. August 2005 sind diese Kaufverhandlungen durch einen notariell besiegelten Vertrag zwischen dem Vorstand der Stiftung Lager Sandbostel und der Firma Edelmann abgeschlossen worden. Bis zum 1. Oktober sollen die Baracken durch den Militaria-Händler leergeräumt sein.

Danach sollen mit Unterstützung eines inzwischen gebildeten Beirats der Stiftung Konzepte für den Umgang mit dem erworbenen Gelände und für die Realisierung eines Dokumentations- und Begegnungszentrums entwickelt werden.

Zunächst ist von den Stiftungsgremien geplant, das Gelände nach dem Kauf durch einen Zaun zu sichern und von dem wildwüchsigen Baumbestand und Strauchwerk zu befreien, Sicherungsmaßnahmen an den einsturzgefährdeten Baudenkmälern und archäologische Untersuchungen durchzuführen und ein Containergebäude als provisorischen Arbeits- und Besucherort aufzustellen.

Für die Einrichtung eines Dokumentationszentrums eignet sich nach dem Bericht eines von der Landesregierung bestellten Gutachters wegen ihres überwiegend miserablen Erhaltungszustands und der enormen Umrüstungskosten keines der vorhandenen Gebäude, er schlägt deshalb wie der Verein einen Neubau auf dem von der Stiftung erworbenen Gelände vor. Welche Rolle Bestrebungen der evangelischen Kirche (Pastor Peter Handrich), in einer der Baracken eine »spirituelle Zelle« als Ort der Begegnung und Meditation einzurichten, bzw. die Gedenkstätte als »ökumenisches Versöhnungszentrum« zu gestalten, im Rahmen des Gesamtprojekts spielen werden, wird die weitere Entwicklung zeigen.

Ausblick: Fünf Leitvorstellungen des Gedenkstättenvereins

Der Gedenkstättenverein ist auch nach der Gründung der Stiftung Lager Sandbostel ein wesentlicher Motor der Arbeit. Wichtige Impulse gehen seit Jahren von Karl-Heinz Buck aus, zugleich stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Verein und Stiftung. Klaus Volland, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender des Vereins, wird auch weiterhin als Fachhistoriker für die Gedenkstätte tätig sein und im Auftrag der niedersächsischen Landesregierung die pädagogische Betreuung von Besuchergruppen in Sandbostel und Bremervörde wahrnehmen. Die vom Verein seit 1998 in Bremervörde unterhaltene »Dokumentationsstätte Sandbostel« mit Ausstellung, Vortragsraum, Büro, Archiv und Bibliothek wird in den nächsten Jahren, voraussichtlich bis zur Fertigstellung des Dokumentationszentrums in Sandbostel, an ihrem Standort verbleiben.

Die zukünftige Gedenkstättenarbeit in Sandbostel sollte sich an folgenden Leitvorstellungen orientieren:

1 • Das Dokumentationszentrum muss der internationalen historischen Bedeutung des Stalag X B und den Anforderungen an einen modern gestalteten Lernort Rechnung tragen. Das bedeutet auch, dass die Personalausstattung der Gedenkstätte wesentlich über die gegenwärtige personelle Ausstattung des Gedenkstättenvereins (10-stündige wöchentliche Freistellung des Verfassers vom Schuldienst und ehrenamtliche Mitarbeit insbesondere des Vorstands) hinausgehen muss.

2 • Für die Arbeit der Gedenkstätte muss gelten: Das Gesamtgelände des ehemaligen Lagers ist ein Gedenkort. Informationstafeln für Besucher sollten an allen relevanten Punkten – nach Absprache mit den verbliebenen Eigentümern des »Gewerbegebiets Immenhain« – aufgestellt werden können. Der Zukauf weiterer Teile des historischen Lagergeländes muss angestrebt werden.

3 • Der seit 1992 bestehende Denkmalschutz für die 25 noch erhaltenen historischen Gebäude des Stalag X B Sandbostel sollte durch den Bodendenkmalschutz für das Gesamtgelände ergänzt werden. Die von verschiedenen Interessenten propagierte Herauslösung von Teilen des Gewerbegebiets aus dem Denkmalschutz und der Abriss historischer Bausubstanz sind zu verhindern.

4 • Die Bemühungen, die in ihrem Ensemblecharakter, ihrer räumlichen Ausdehnung und in ihrer Vielgestaltigkeit einmaligen Überreste eines Stalag-Barackenlagers zu retten und in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufzunehmen, müssen intensiviert werden. Sie werden u. a. von Persönlichkeiten wie dem Publizisten Ralph Giordano und dem Historiker Lutz Niethammer unterstützt. Ein Fachgutachten über die Möglichkeiten der Konservierung insbesondere der Holzbaracken sollte möglichst umgehend in Auftrag gegeben werden.

5 • Unverzichtbar auf der Agenda stehen schließlich auch die archäologische und die baugeschichtliche Untersuchung möglichst des gesamten ehemaligen Lagergeländes und seiner Randbereiche. Durch systematische Grabungen sind dort sicher noch zahlreiche Entdeckungen zu machen, die nicht nur für den Ausstellungsfundus des Dokumentationszentrums von großem Interesse sind.

Informationen

sandbostel.org

dokumentationsstaette-sandbostel.de

stiftung-lager-sandbostel.de