»Nie wieder Ravensbrück! Nie wieder Faschismus und Krieg!
(...) Frauen und Mütter der deutschen Bundesrepublik!
Euer mütterliches Herz, das erfüllt ist von Liebe zu Eurer Familie, muß sich auflehnen gegen die Politik des Atomtodes der Adenauer-Partei.
Bereitet dieser Partei bei den Wahlen am 15. September 1957 eine Niederlage! (...)
Wir Frauen der Deutschen Demokratischen Republik stehen an Eurer Seite. Der Staat der Arbeiter und Bauern ist ein zuverlässiger Hort des Friedens und des Glückes für uns und unsere Familien«,
heißt es in einem »Appell«, der im Kontext einer internationalen Gedenkfeier in Ravensbrück und Fürstenberg am 7. September 1957 in Form eines Flugblattes verfaßt wurde.1 Der Ort des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers, in dem mehrere zehntausend Frauen, Männer und Kinder zu Tode kamen, wurde seit Ende der 40er Jahre dazu genutzt, Appelle für den Frieden zu veröffentlichen. Im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland, in der Politiker die Orte ehemaliger Konzentrationslager eher mieden – zumindest bis 1989, nach der Vereinigung änderte sich das – waren die KZ-Gedenkstätten der DDR immer auch Kundgebungsstätten der staatlich legitimierten, antifaschistischen Friedenspolitik. Neben den 1958 eröffneten Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen (1961) kam Ravensbrück – als ehemaligem Frauenkonzentrationslager – eine besondere Bedeutung zu.
Zweck der 1959 fertiggestellten Gedenkstättenanlage Ravensbrück war es unter anderem, den »Frauencharakter« des Lagers hervorzuheben. Auf diesen »Frauencharakter« verweist sowohl ein im Eingangsbereich in eine Gedenkwand gemeißeltes Epigramm der Schriftstellerin Anna Seghers als auch die Skulpturen »Tragende« von Will Lammert und die Müttergruppe »Ravensbrück« von Fritz Cremer. Beide Plastiken wie auch das Seghersche Epigramm arbeiten mit Bildern der Mütterlichkeit; Seghers apostrophiert die Häftlinge Ravensbrücks explizit als »unser aller Mütter und Schwestern«.
Die Frage stellt sich: Warum wird die Lagergeschichte Ravensbrücks nun gerade in Bildern der Mütterlichkeit repräsentiert? Welche Funktion haben diese Bilder einer familiär betonten Weiblichkeit im Kontext der Gedenkstättenanlage?
Nun ist das ästhetische Bildprogramm der Anlage keineswegs nur Ausdruck einer künstlerischen Produktivität, die Autonomie beanspruchen könnte; vielmehr gibt es zwischen der »künstlerischen Produktion und (der) populären Bilderproduktion«, so Silke Wenk, »vielfältige Beziehungen«, die häufig übersehen werden.2 Auch der für die Gedenkstättenanlage Ravensbrück zentrale Topos der Mütterlichkeit und Mutter ist nicht allein Resultat künstlerischer Ausdruckskraft; diese ist immer auch durch gesellschaftliche bzw. gesellschaftspolitische Strukturen bestimmt. So überlagern sich im Begriff der »Mutter« mindestens zwei unterschiedliche Diskurse: Erstens – vermittelt über die Pietà – der einer christlich tradierten Opferbereitschaft und Heilserwartung und zweitens ein Diskurs über die Kontinuität des Nationalen. Nach 1945, als der ›Zivilisationsbruch‹ allen Ortes in der Metapher einer notwendigen »Neugeburt des Volkes« verhandelt wurde, avancierte die »Mutter« zum Inbegriff und Garant einer unbefleckten Nationalität. Vor allem in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR geriet die »Mutter« im Kontext des Kalten Krieges zu einem nationalen Agitationsbegriff. Dieser Umstand, das möchte ich im folgenden zeigen, erwies sich als folgenreich für die Entstehungsgeschichte der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.
I.
Unmittelbar nach der Neugründung der Kommunistischen Partei Deutschlands am
11. Juni 1945 gab ihr Zentralkomitee sogenanntes »Material für politische Schulungstage« heraus. Die »Vortragsdisposition Nr. 21« ist dem Thema »Die Frau im neuen Deutschland« gewidmet. Darin ist von der »nationalistischen und chauvinistischen Verseuchung des deutschen Volkes« die Rede, die über Kino, Rundfunk und Zeitschriften »durchgeführt« wurde. Weiter heißt es:
»Neben der Jugend sind besonders die deutschen Frauen dieser geistigen Seuche erlegen. Da sie weniger erfahren und geschult waren als die Männer, glaubten sie all die Lügen (...) und unterstützten die Nazis.«3
Zu der, auch in Westdeutschland verbreiteten These, Frauen haben Hitler an die Macht gebracht, hat sich bereits Annemarie Tröger 1976 kompetent geäußert.4 Ich zitiere diesen Befund nicht, um ihn zu widerlegen, sondern weil er das Dilemma illustriert, vor das sich die politischen Akteure der Sowjetischen Besatzungszone gestellt sahen: Wie lassen sich die nationalsozialistisch »erlegenen Frauen« für die »antifaschistisch-demokratische Umwälzung« gewinnen?
Das Gegenbild zu der, dem Faschismus »erlegenen« Frau ist das der »guten Mutter«. Beispielsweise wird in den Unterlagen des Demokratischen Frauenbundes Deutschland immer wieder eine Sentenz von Maxim Gorki zitiert, die sich damals offenbar größter Popularität und Beliebtheit erfreute. Sie lautet, etwas schlicht:
»Ohne Sonne blühen keine Blumen, ohne Frauen gibt es kein Leben, ohne Mütter gibt es keine Künstler und Helden.«5
In dieser Reihe ist der Begriff der Mutter in einem scheinbar vor-politischen Raum angesiedelt, er markiert gleichsam einen Punkt im Jenseits der kulturell und politisch zersprengten Ordnung der Nachkriegszeit. Die in der Sowjetischen Besatzungszone schon bald feststehende Begriffskonnotation »Frauen und Mütter« indiziert eine scheinbar heil und intakt gebliebene Privatwelt. Mit dem Regress auf primäre Bindungen, auf die Belange der Familie wird ein idealfiktives Bild von Weiblichkeit entworfen, mit dessen Hilfe Geschichte in Natur zurückgebogen wird. Als Scharnier zwischen gestern und heute, als neue Identitätsfolie, als Passepartout wurde der Begriff »Mutter« in der politischen Publizistik der SBZ dazu genutzt, die nationalsozialistischen Verstrickungen deutscher Frauen ins Abseits des Vergessens zu drängen.6
Westdeutschen Frauenverbänden bereitete die kommunistische Besetzung des Begriffs »Mutter« große Probleme. So hatte die, zunächst auch in den Westzonen verbreitete pathetische Mütterrhetorik dort bald keine Chancen mehr: In der »Gefühlspolitik«, so Irene Stoehr, fürchtete man Anfälligkeiten für eine »kommunistische Infiltration«, mit der Folge, daß sich im Kontext des Kalten Krieges innerhalb der westdeutschen Frauenverbände ein eher »rationales Politikverständnis« durchsetzte.7
Daß »Frauen und Mütter« Objekte, nicht Subjekte von politischen Prozessen sind, sollte sich auch in der Sowjetischen Besatzungszone nicht so schnell ändern. Nunmehr galt es, die Frauen zu »gewinnen« und »einzureihen«.8 Maria Rentmeister, damalige Generalsekretärin des Demokratischen Frauenbundes und Tochter einer Überlebenden Ravensbrücks, formulierte dieses Anliegen auf einer Tagung 1949 folgendermaßen:
Es ist notwendig, »unsere Mütter an das Leben heranzuführen, nicht an die Punktkarten, nicht an den Mittagstisch – davon verstehen sie alle genug – nein, an das gesellschaftliche und politische Leben, an das Leben der großen Reformen, des großen Planes, der neuen Entwicklung, das sich in unserer Zone vollzieht.«9
II.
Frauen an die neue Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone »heranzuführen« bzw. Einfluß zu nehmen auf die »Masse der Frauen« war zentrales Anliegen des Demokratischen Frauenbundes Deutschland (DFD), der am 9. März 1947 in Berlin – zunächst als überparteilicher Verband – gegründet wurde. Die verbindende Zukunftsvision, die nach den Erfahrungen des Krieges die politischen Differenzen zunächst noch in den Hintergrund treten ließ, war der Frieden. Mit dem Begriff Frieden, so Rita Pawlowski in ihrer detailreichen Arbeit über den DFD, ließ sich ein Konsens fast konfliktlos herstellen, er suggerierte Überparteilichkeit.10 Doch bereits Ende der 40er Jahre hatte sich der DFD zu einem SED-nahen Verbund entwickelt; als spätere »Massenorganisation« der DDR kam ihm politische Autonomie nicht mehr zu.
Möglicherweise weil ehemalige politische Häftlinge Ravensbrücks – wie beispielsweise Maria Wiedmaier11 und Margarete Jung12 – leitende Funktionen im DFD übernahmen, vielleicht aber auch, weil es der SED opportun schien: Auf jeden Fall begann sich der DFD bereits kurz nach seiner Gründung für Ravensbrück zu engagieren. Das Frauenkonzentrationslager – vom sowjetischen Militär am 30. April 1945 befreit – wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten von sowjetischen Truppen genutzt. Der Öffentlichkeit war nur ein kleines, ca. drei Hektar großes Areal am Ufer des Schwedt-Sees zugänglich, auf dem sich auch das Krematorium des Lagers befand. Ein Schreiben des Jahres 1948 gibt über den damaligen Zustand dieses Areals die folgende Auskunft:
»Alle außerhalb der Umzäunung liegenden Gebäude verwahrlosen und werden systematisch ausgestohlen. Balken, Fliesen, Instrumente usw. werden von der Bevölkerung gestohlen. Ganz besonders bitter berührte es mich, daß (ich) das Krematorium mit den drei Verbrennungsöfen (...) als Abort vorgefunden habe.«13
Im Mai 1948 bildete sich in Fürstenberg ein Ausschuß mit dem Ziel, dieses Gelände zu pflegen und dort Grabstätten anzulegen.14 In diesem Ausschuß arbeiteten neben Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) auch eine Frau im Auftrag des DFD.
Bereits im September desselben Jahres war das Areal soweit hergerichtet, daß dort eine sogenannte »Gedächtniskundgebung« stattfinden konnte. Diese wurde, wie auch in den folgenden Jahren, vom DFD zusammen mit der VVN organisiert. Am 10. September 1949 veranstaltete der DFD in Fürstenberg eine internationale Delegierten-Konferenz, in deren Kontext – offiziellen Verlautbarungen zufolge – 15000 Frauen für den Frieden demonstrierten. »Die Straße war gesäumt von 10000 Kindern, die die Frauen mit Blumen und Friedensliedern begrüßten.«15 Ein Jahr später waren es bereits 25000 Frauen, die an einer Gedächtniskundgebung teilnahmen.
Durch das Engagement des DFD – im Verbund mit der VVN und der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) – wurde »Ravensbrück« bereits Ende der 40er Jahre eine enorme Publizität zuteil. Zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die ehemaligen politischen Häftlinge Deutschlands noch über die VVN darum bemühten, international als politische Gefangene und als Widerstandskämpfer überhaupt anerkannt zu werden16, mobilisierte – so der zeitgenössische Jargon – der DFD bereits tausende von »Frauen und Müttern« für Kundgebungen am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers. Dementsprechend sind auch die »Losungen« dieser Kundgebungen überwiegend geschlechtsspezifisch formuliert: »Wir Mütter erziehen unsere Kinder zu Friedensfreunden«, ist auf den Transparenten im Jahr 1949 zu lesen und 1950: »Mit den westdeutschen Frauen für Frieden und Völkerverständigung«. Entsprechend lauten auch die »Vorschläge für Losungen« zur Einweihungsfeier der Gedenkstätte 1959: »Mutter, denke an Dein Kind – kämpfe für den Frieden« oder »Mütter, sichert die Zukunft Eurer Kinder!« oder »Mit den Müttern aller Völker für den Frieden«.
In eklatantem Mißverhältnis zu der Prominenz dieser »Gedenkkundgebungen« steht die Tatsache, daß man sich auf Pflege und Erhalt des zugänglichen Areals stets erst wieder besann, wenn die Jahrestage – der Tag der Opfer des Faschismus im September, später auch der Tag der Befreiung im April – näherrückten. Die Geschichte dieses Geländes ist bis zum Bau der Gedenkstättenanlage eine Geschichte vergessener Gräber und vergessener Formen der Ehrung. 1949/50 wurden dort, von einem Pressefotografen dokumentiert, individuelle Grabstätten – mit Gedenkkreuzen versehen – angelegt. Von einem Fahnenappell begleitet, versenkten Frauen 1949 einen Zementsockel mit Asche toter Häftlinge in der Erde – an einer Stelle, die in den folgenden Jahren nicht mehr gekennzeichnet war. Im Kontext der »Gedenkkundgebung« 1950 wurden Kränze an einem »Grab des unbekannten Häftlings« niedergelegt, von dem in den folgenden Jahren nie mehr die Rede ist usw..
Ravensbrück ist in diesen Jahren eine Gedenkkundgebungsstätte nach Bedarf. In der Zwischenzeit ist das Gelände immer wieder dem Vandalismus ausgesetzt: Angehörige der dort stationierten sowjetischen Truppen wie auch die Bevölkerung nutzten das Areal weiterhin als Materialreservoir, weshalb man seit Ende der 40er Jahre dazu überging, sogenannte »Warnungstafeln« zu errichten. Eine undatierte Fotografie zeigt eine solche, aus rohem Holz gefertigte »Warnungstafel«, auf der in deutscher und in russischer Sprache der folgende Text zu lesen ist:
»Gedenkstätte. Für unsere im Konzentrationslager Ravensbrück hingemordeten Brüder und Schwestern. Ehret und achtet dieses Heiligtum.«17
Aufschlußreich an diesem Text ist unter anderem, daß er noch von »Brüdern und Schwestern« spricht. Das ehemalige Konzentrationslager für Männer, welches sich gleichfalls in Ravensbrück befand (etwa 20000 Männer waren dort inhaftiert), geriet in den folgenden Jahren so sehr in Vergessenheit, daß in der 1959 fertiggestellten Anlage nichts mehr an es erinnert.
Im Jahr 1952 wurde an der – von der Außenseite zugänglichen – Lagermauer eine Tafel angebracht, auf der erstmals das eingangs erwähnte Epigramm von Anna Seghers zu lesen ist. Es lautet:
»Sie sind unser aller Mütter und Schwestern. Ihr könntet heute weder frei lernen, noch spielen, ja, ihr wäret vielleicht gar nicht geboren, wenn solche Frauen nicht ihre zarten, schmächtigen Körper wie stählerne Schutzschilde durch die ganze Zeit des faschistischen Terrors vor euch und eure Zukunft gestellt hätten.«
Seit 1959 befindet sich dieser Leitsatz an einer Gedenkmauer im Eingangsbereich der Gedenkstättenanlage. Durch diese Plazierung gerät der Satz zu einer Identitätsanweisung an die Besucher, indem er klar stellt, daß jeder, der diese Stätte betritt, gleichsam im Schutz der Frauen steht bzw. ihnen das eigene Leben verdankt.
Mütterlichkeit wird auch in den Skulpturen von Fritz Cremer und Will Lammert »leibhaftig«: Cremers Müttergruppe »Ravensbrück« (1959–60) wurde nach langer, komplizierter Vorgeschichte 1964 an einer Weggabelung im Außenbereich der Gedenkstätte errichtet: Drei Frauen tragen gemeinsam eine kleine Bahre mit einem toten Kind. In diesem Punkt Cremers Buchenwald-Denkmal vergleichbar, repräsentieren auch diese drei Frauen unterschiedliche Bewußtseinstypen: Die Trauernde, die Klagende sowie die unbeugsam Aufrechte und Vorwärtsschreitende, in deren Rockfalten sich ein Kind hält und verbirgt.18
Lammerts »Tragende« (1957) befindet sich hingegen im Zentralbereich der Gedenkstättenanlage und zwar unmittelbar am Ufer des Sees. Sie steht an dieser Stelle, weil die Gedenkstättenkonzeption diese Plastik als Endpunkt eines für die Gedenkstättenbesucher geplanten Parcours vorsah: Dieser »Erlebnisweg« (sic!) führte zunächst durch das ehemalige Krematorium und das ehemalige Lagergefängnis entlang eines Massengrabes hin zu der »Tragenden« als dem »Symbol der Freiheit«19 – man könnte auch sagen: der Erlösung. Denn die »Tragende« steht in der Tradition der Pietà und ist insofern eine Manifestation christlicher Heilserwartung. Die ostdeutsche Kunsthistorikerin Irma Emmrich sah in der Skulptur 1979 eine »Modifikation« des »uralten Mutter-Kind-Themas«, die Verkörperung einer »humanitären Grundposition«, die sie als Ausdruck einer »sozialistischen Humanitas« zu lesen vorschlug.20
III.
Zurück zur eingangs gestellten Frage: Warum wird die Lagergeschichte Ravensbrücks nun gerade in Bildern der Mütterlichkeit, in einer Konstellation des Familialen, repräsentiert?
1. »Mütter« sind im Rahmen antifaschistischer Denkmalskunst der DDR ein verbreitetes Motiv: Neben der Monumentalplastik »Mutter« von Gerhard Thieme (1973), die an der Route des »Todesmarsches« der Sachsenhausener Häftlinge bei Schwerin errichtet wurde,21 sei hier beispielsweise an die »Anklagende« von Fritz Cremer erinnert: Diese Skulptur schuf er 1948 als Teil des »Denkmals für die Opfer des Faschismus« für den Zentralfriedhof in Wien (1947/51); ein Abguß befindet sich seit 1957 auf dem Schloßplatz von Oranienburg, versehen mit der Inschrift »Schmerz – gebäre Tat!«.22 Ein weiteres Beispiel ist die Bronze »O Deutschland bleiche Mutter«, von Cremer 1964/65 für die KZ-Gedenkstätte Mauthausen geschaffen; ein Zweitguß befindet sich heute im Kolonnaden-Vorgartenbereich der Nationalgalerie.23 Diese Plastiken stehen in der Tradition weiblicher Allegorien, die die Nation repräsentieren – nun nicht mehr als siegreiche Staatsallegorien Germania oder Victoria, sondern als »Allegorien des Volkes«,24 als Verletzte, Duldende, still Protestierende, als Einsame, Trauernde, Anklagende, Sorgende, als »Deutschlands bleiche Mütter«.25
Daß mit ihrer Aufstellung immer auch ein Akt politischer Zeichensetzung verbunden ist, wird deutlich in der Konzeption der »Nationalen Mahn- und Gedenkstätte« Ravensbrück: Repräsentieren Weiblichkeitsbilder im öffentlichen Raum nach Wenk stets ein allgemeines Prinzip, nationale Tugenden und Werte26, so verweisen Cremers Müttergruppe und Lammerts »Tragende« in Ravensbrück zugleich auch ganz konkret auf die Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers. Plötzlich sind die »bleichen Mütter« nicht mehr nur Repräsentantinnen der »geschändeten Nation«, des »ausgebluteten Volkes«, sie verweisen zugleich auf die Häftlinge, aus deren Leid und Opfer die DDR ihre Legitimation bezog. Anders formuliert: Das historisch überlieferte Bild der Mutter wird in Ravensbrück gleichsam wörtlich genommen: Hier sind es die Häftlinge selbst, die nunmehr – monumentalisiert – als Gemeinschaft opferfähiger und opferbereiter Mütter erscheinen. Daß die konfliktfreie Gemeinschaftlichkeit aller Häftlinge Ravensbrück eine Konstruktion ist, die mit der Realgeschichte des Lagers nichts gemein hat, daran sei an dieser Stelle nur kurz erinnert: »Unser aller Mütter und Schwestern« sind eben nur die politischen Häftlinge. Nicht gemeint sind jene in Ravensbrück inhaftierten Frauen, die als Jüdinnen, als Zeugen Jehovas, als Zigeunerinnen, als »Berufsverbrecherinnen« und als »Asoziale« verfolgt wurden. Über ihr Leben und Sterben in Ravensbrück war in der Gedenkstätte bis 1989 so gut wie nichts zu erfahren.
2. Frauen und Mütter – einerseits sind es die Häftlinge von Ravensbrück, andererseits sind es aber auch die »Frauen und Mütter« Deutschlands überhaupt. Die Popularität der Begriffskonnotation »Frauen und Mütter« erfüllte in der Sowjetischen Besatzungszone und DDR drei Funktionen:
Erstens ging es 1945 darum, die soeben noch nationalsozialistisch »erlegenen« Frauen als »Frauen und Mütter« wieder aufzurichten, um sie »heranzuführen« an die »neue Entwicklung« in der SBZ.
Zweitens aber wurde auch die weibliche Bevölkerung Westdeutschlands als »Frauen und Mütter« adressiert, sofern es beispielsweise darum ging, diese zu einer kritischen Haltung gegenüber der Regierung Adenauer zu bewegen. »Mütter«, die als »Trägerinnen des Lebens (...) um des Lebens willen sprechen müssen«27, sind auch in der Rhetorik des Kalten Krieges das schlechthin Gute und Andere des männlich konnotierten Gewaltpotentials. Hier funktioniert der Begriff als deutscher Vereinigungsbegriff par excellance, als Bezugsgröße, mit deren Hilfe die Gespaltenheit der Nation überwunden werden soll.
Drittens aber überlagert das Kollektivsubjekt »Frauen und Mütter« die Differenz zwischen den im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten und jenen Frauen, die bis 1945 der Tätergemeinschaft angehörten. Wie im eingangs zitierten Friedensappell von 1957 deutlich wurde, ist Ravensbrück unversehens zu einem Ort geworden, an dem die »Frauen der Deutschen Demokratischen Republik« gemeinsam ihre Stimme gen Westen erheben. Die Mutter in ihrer Funktion als Sorgende, als Anklagende, als Trauernde kann per se den Anspruch darauf erheben, das Leiden selbst erfahren zu haben.28 Wie nicht zuletzt in der Debatte um die Aufstellung der »Mutter mit totem Sohn« von Käthe Kollwitz in der »Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« 1993 deutlich wurde, eignet sich die nationale Zentralmetapher der Mutter immer wieder dazu, die deutschen Verbrechen mit dem Leiden des deutschen Volkes selbst gleichzusetzen.
Rita Pawlowski danke ich herzlich für die Unterstützung bei der Recherche von Unterlagen des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands.
1 Appell, Ravensbrück, den 7. September 1957. Sammlungen der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (MGR/StBG), ohne Signatur.
2 Silke Wenk, Versteinerte Weiblichkeit. Allegorien in der Skulptur der Moderne. Köln, Weimar, Wien 1996, S. 8, 69, 120.
3 Zentralkomitee der KPD, Vortragsdisposition Nr. 21: Die Frau im neuen Deutschland (Unverkäufliche Referentenausgabe), Berlin o.J., S. 15.
4 Annemarie Tröger, Die Dolchstoßlegende der Linken: »Frauen haben Hitler an die Macht gebracht«. Thesen zur Geschichte am Vorabend des Dritten Reiches. In: Frauen und Wissenschaft.
Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976, Berlin 1977, S. 324–355.
5 Vgl. u.a. Elli Schmidt, Gute Mütter unserer Kinder. Fünf Jahre Demokratischer Frauenbund Deutschlands. Berlin (Ost) 1952, S. 36.
6 Vgl. Insa Eschebach, Zur Umcodierung der eigenen Vergangenheit.
Antifaschismuskonstruktionen in Rehabilitierungsgesuchen ehemaliger Mitglieder der NSDAP, Berlin 1945/56.
In: Alf Lüdtke, Peter Becker (Hg.), Akten. Eingaben. Schaufenster. Die DDR und ihre Texte.
Erkundungen zu Herrschaft und Alltag. Berlin 1997, S. 79–90.
7 Irene Stoehr, Der Mütterkongreß fand nicht statt. Frauenbewegung, Staatsmänner und Kalter Krieg 1950. In: Werkstatt Geschichte 17/1997, S. 66–82.
8 Vgl. Susanne Diemer, Patriarchalismus in der DDR. Strukturelle, kulturelle und subjektive Dimensionen der Geschlechterpolarisierung. Opladen 1994, S. 49.
9 Mutter, Kind und Lehrerin in Deutschland. Protokoll der Tagung des Demokratischen Frauenbundes Deutschland am 2./3. April 1949 in Berlin. Berlin 1949, S. 53.
10 Rita Pawlowski, Der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD). In: Renate Genth u.a. (Hg.), Frauenpolitik und politisches Wirken von Frauen in Berlin der Nachkriegszeit 1945–1949.
Berlin 1996, S. 87.
11 Maria Wiedmaier (1896–1977) 1918 USDP/Spartakusbund, 1921 Frauenleiterin der KPD-BL Kassel, 1929/30 Leninschule in Moskau, 1935 Verhaftung, 1940–45 Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, ab 1945 Leitung des Referates Opfer des Faschismus in Berlin-Charlottenburg, 1948 Mitglied der SED-Kreisleitung in Berlin-Charlottenburg, 1949 Kreisvorstand des DFD, bis 1977 Mitglied des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer und der SED-Leitung Glienicke.
12 Margarete Jung (1898–1979), 1919 Mitglied der KPD, 1936 Verhaftung, 5 Jahre Zuchthaus Jauer und Waldheim, 1942 Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, 1945–47 Mitglied im Hauptausschuß Opfer des Faschismus, Mitglied der SED-Bezirksleitung Berlin, des Bundesvorstandes des DFD sowie des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer als Beauftragte des DFD.
13 Unsigniertes Schreiben an den Polizeichef der Landespolizei Schwerin vom 28.4.1948. MGR/StBG Lag. 46–49.
14 Nach Simone Hannemann wurde der Ausschuß auf einer Sitzung des »Antifaschistischen Blocks« Fürstenberg am 31. Mai 1948 gegründet. Vgl. Simone Hannemann, Die Entstehung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück 1945 bis 1959. Arbeitspapier des Forschungsverbundes SED-Staat Nr. 27/1997 (Typoskript) S. 48.
15 Elli Schmidt, a.a.O. S. 43f.
16 Vgl. Elke Reuter/Detlef Hansel, Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953. Berlin 1997, S. 261.
17 MGR/StBG Fo III/B7-11.
18 Vgl. Diether Schmidt, Fritz Cremer. Leben, Werke, Schriften, Meinungen. Dresden 1973, S. 50.
19 Komitee für die Einweihung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Hg.), Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. MGR/StBG (234) Ag. 207/59, DDR VI/59, S. 1. Vgl. dazu ausführlich: Insa Eschebach, Elemente einer nationalen und religiösen Formensprache im Gedenken. Religionswissenschaftliche Überlegungen zu den Gedenkräumen im »Zellenbau« der Gedenkstätte Ravensbrück. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte Heft 4/1998 (im Erscheinen).
20 Irma Emmrich, Die Bedeutung der christlichen Ikonographie für die sozialistische Kunst der Gegenwart. In: Kunstwissenschaftliche Beiträge. Beilage zur Zeitschrift »Bildende Kunst« 12/1979, S. 1–5.
21 Vgl. Schweriner Volkszeitung 7.9.1973.
22 Stefanie Endlich/Thomas Lutz, Gedenken und Lernen am historischen Ort. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin. Landeszentrale für politische Bildung Berlin, Berlin 1995, S. 124.
23 Ebd.
24 Diether Schmidt formuliert: »Hatte Brecht mit seinem Deutschland-Gedicht die imperialistische Staatsallegorie Germania durch eine realistische Allegorie des Volkes verdrängt, so leistet Cremer, hierauf fußend, deren plastische Versinnlichung.« Diether Schmidt, a.a.O. S. 46.
25 Zur Geschichte weiblicher Personifikationen vgl. Wenk, a.a.O. Eigenständige Denkmalfähigkeit gewann die »Mutter« etwa um 1890. Im Jahr 1986 zählte Wenk 25 Mutter-Bilder in der öffentlichen Plastik Berlins, hinzu kamen fünf Krankenschwestern. Vgl. Wenk a.a.O. S. 90 ff.
26 Wenk, ebd. S. 93.
27 Vgl. Elli Schmidt a.a.O. S. 79.
28 Zur Verherrlichung des Martyriums und der Karriere christlicher Metaphorik nach 1945, die einer Gleichsetzung des Holocaust mit den Leiden des deutschen Volkes Vorschub leisteten,
vgl. Christina von Braun, Das Behagen in der Schuld. In: Lilli Gast/Jürgen Körner (Hg.), Psychoanalytische Anthropologie I. Über die verborgenen anthropologischen Entwürfe der Psychoanalyse. Tübingen 1997, S. 61–94.