Frank Dingel – eine Gedenkrede

08/2005Gedenkstättenrundbrief 126, S. 3-10
Reinhard Rürup

Ich möchte zunächst einmal der Stiftung Topographie des Terrors – und hier vor allem Andreas Nachama und Andreas Sander – herzlich dafür danken, daß sie zu dieser Gedenkveranstaltung eingeladen hat. Da Frank Dingel in Schalksmühle, der kleinen sauerländischen Gemeinde, in der er aufgewachsen ist, beerdigt worden ist, wird uns, seinen Berliner Freunden, Kollegen, Mitstreitern mit dieser Einladung die Möglichkeit gegeben, gemeinsam von ihm Abschied zu nehmen. Wir wollen, so verstehe ich den Sinn dieser Stunde, Erinnerungen an ihn austauschen, von ihm Geleistetes würdigen, uns seine Person, seine Arbeit, sein Leben vergegenwärtigen.

Dabei ist zu bedenken, daß er mit Mitteilungen über Persönliches und Familiäres, über sein politisches und pädagogisches Engagement, auch über seine wissenschaftlichen Interessen und Arbeit sehr zurückhaltend war. Die Informationen, über die ich aus eigener Erinnerung, der Lektüre seiner Veröffentlichungen und manchen Gesprächen mit seinen Kollegen und Freunden verfüge, sind deshalb durchaus ungleichmäßig und lückenhaft. Wenn ich dennoch den Versuch einer zusammenfassenden biographischen Skizze und Würdigung unternehme, ist mir bewußt, daß es sich nur um Annäherungen an seine Person handeln kann, deren Zweck schon dann erfüllt ist, wenn sie Anstöße zum gemeinsamen Nachdenken über Frank Dingel geben.

Am 17. August dieses Jahres wäre Frank Dingel sechzig Jahre alt geworden. Die ersten zwanzig Jahre seines Lebens hat er, der als einziges Kind bei seiner Mutter aufwuchs, in Schalksmühle und in Lüdenscheid verbracht, wo er im Februar 1965 sein Abitur machte. Dann folgten zwanzig Jahre des Studiums und der wissenschaftlichen Arbeit an der Freien Universität, ehe 1986 die letzten Jahrzehnte begannen, die der »Topographie des Terrors« gewidmet waren.

Über die ersten zwanzig Jahre wissen wir sehr wenig. Das Reifezeugnis des Lüdenscheider Zeppelin-Gymnasiums weist ihn als einen überdurchschnittlich begabten und erfolgreichen Schüler aus, dessen Schwächen sich auf die Fächer Mathematik und Sport beschränkten, während ihm in allen Sprachen und den Naturwissenschaften, aber auch in Kunst und Religion gute, in »Gemeinschaftskunde« (die Geschichte einschloß) sogar sehr gute Kenntnisse bescheinigt wurden. Als Wahlpflichtfach hatte er bezeichnenderweise Philosophie gewählt. Angesichts dieses Befundes kann es kaum überraschen, daß er sich für ein geistes- und sozialwissenschaftliches Studium entschied, und zwar in der damals neuen, als besonders interessant und aussichtsreich geltenden Kombination von Geschichte und Politikwissenschaft. Mit dem zum Sommersemester 1965 erfolgten Ortswechsel nach Berlin – den er nie bereut und auch nicht mehr korrigiert hat – war zugleich entschieden, daß er keinen Bundeswehrdienst leisten mußte (was man sich bei ihm ohnehin schlecht vorstellen konnte).

Als ich im Herbst 1967 aus Karlsruhe an das Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität kam, hatte Frank Dingel bereits sein 5. Semester hinter sich. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann ich ihn das erste Mal gesehen habe. Da er zu den fachlich und hochschulpolitisch besonders stark engagierten Studenten der »68er Generation« gehörte, muß es schon im Winter 1967, spätestens im Frühjahr 1968 gewesen sein. Mich beeindruckte er schon damals durch seine Fähigkeit, politisch zu denken, klar zu argumentieren und präzise zu formulieren. Er vertrat radikal-demokratische, auch sozialistisch-revolutionäre Positionen, war aber zugleich pragmatisch genug, die jeweiligen Konfliktsituationen und die bestehenden Kräfteverhältnisse nüchtern einzuschätzen. Er war dabei alles andere als opportunistisch, auch nicht innerhalb des linken studentischen Lagers, ließ sich nicht durch revolutionäre Moden beeindrucken und trat äußerlich, mit Aktentasche, eher bieder auf. Zum Tutor am Friedrich-Meinecke-Institut für den Bereich der Neueren Geschichte gewählt, bot er eine Veranstaltung zur Geschichtsdidaktik, deren Einführung damals noch eine revolutionäre Forderung war, am Beispiel der Revolution von 1918/19 an.

Im Sommersemester 1968 muß bereits die Entscheidung gefallen sein, als Studienabschluß nicht mehr das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, sondern das Diplom in Politikwissenschaft anzustreben, denn im Herbst dieses Jahres verabschiedete er sich für ein halbes Jahr aus Berlin, um an einer Heimvolkshochschule in der Pfalz das für den Diplomabschluß notwendige große Praktikum zu absolvieren. Die Hinwendung zum Otto-Suhr-Institut bedeutete allerdings keine Abwendung von der Geschichte, weil er seinen Schwerpunkt in den »Historischen Grundlagen der Politik« wählte und seine Diplomarbeit im Jahre 1971 bei Georg Kotowski über »Die Demokratisierungsvorstellungen der Linkskommunisten« schrieb. Für den im Rahmen der Diplomprüfung geforderten »freien Vortrag« wählte er das Thema »Die soziologischen Bedingungen der Gewaltenteilung bei Montesquieu«.

Als er sofort nach der Prüfung bei Kotowski, dem profilierten Berliner CDU-Politiker, der wegen seiner ausgeprägten Liberalität auch von der universitären Linken respektiert wurde, eine Assistentenstelle erhielt (Teilzeit, wie das zu der Zeit üblich wurde), schien einer wissenschaftlichen Karriere kaum noch etwas im Wege zu stehen. 1971 erschienen seine ersten wissenschaftlichen Rezensionen, denen bald weitere folgten, auch Sammelrezensionen und Forschungsberichte. Im Mittelpunkt eines wissenschaftlichen Interesses standen die Arbeiterbewegung und die sozialistischen Theorien, die Geschichte des Ersten Weltkrieges, der Revolution von 1918/19 und der frühen Weimarer Republik. Er war ungewöhnlich belesen, zupackend und sicher im Urteil, originell in den Fragestellungen, einfallsreich in den Formulierungen. Während seiner Assistentenzeit beteiligte er sich auch an den Forschungscolloquien zur Geschichte der Arbeiterbewegung, die ich zuerst an der Freien Universität, später auch an der Technischen Universität abhielt, berichtete über seine eigenen Forschungen und kritisierte die Beiträge anderer Teilnehmer ebenso scharfsinnig wie solidarisch und konstruktiv. Ein Höhepunkt dieser neuen Begegnungen mit Frank Dingel war für mich das Colloquium, das ich im Sommersemester 1975, meinem letzten Semester an der Freien Universität, mit Georges Haupt von der Pariser Sorbonne, dem großen, allzu früh gestorbenen Historiker der Zweiten Internationale veranstalten konnte, in dem viele Projekte vorgestellt wurden, aus denen später große und wichtige Bücher zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung geworden sind.

Es gab viel Gründe, weshalb Frank Dingel seine bereits weit gediehene Dissertation über die Geschichte des Rätekommunismus nicht zum Abschluß gebracht hat und am Ende seiner Assistentenzeit kein zusammenfassendes Manuskript vorlegen konnte. Er investierte sehr viel Zeit und Kraft in seine Lehrveranstaltungen und in die Betreuung der Studenten, beteiligte sich überdurchschnittlich stark an Fragen der akademischen Selbstverwaltung und der Institutspolitik, war ein aktives Mitglied der »SAZ«, der »Sozialistischen Assistentenzelle« am Otto-Suhr-Institut, gehörte auch zu den Mitgründern des eingetragenen »Vereins zur Förderung gesellschaftskritischer Sozialwissenschaft«, dessen Mitglieder – von Elmar Altvater bis Bodo Zeuner – sich verpflichteten, einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Einkünfte zur Unterstützung linker Wissenschaftler, die von einem Berufsverbot betroffen waren (später wurden auch Arbeitslose einbezogen), zur Verfügung zu stellen. In späteren Jahren war er sogar Vorsitzender dieses Vereins, der bis vor wenigen Jahren bestanden hat. Über alle diese politischen Aktivitäten wird Matthias Pfüller mehr und authentischer berichten können als ich.

Ich fühle mich nicht legitimiert, über Frank Dingels private, familiäre Verhältnisse zu sprechen. Ich hatte dazu keinen persönlichen Zugang und habe auch von anderen wenig darüber gehört. Zumindest zwei Dinge dürfen jedoch nicht unerwähnt bleiben, wenn man seine persönliche Entwicklung seit der Mitte der siebziger Jahre verstehen will. 1975 wurde er Vater, wurde seine Tochter, Daniela Pohl, geboren. Obwohl die Eltern nicht heirateten, hatte er seitdem eine Familie, für die er sich uneingeschränkt verantwortlich fühlte. Dabei ist zu bedenken, daß seine Lebensgefährtin, die Diplom-Politologin Gisela Pohl, die er während ihres Studiums kennengelernt hatte, blind war (und ist), dessen ungeachtet aber jahrzehntelang an einer Berliner Fachhochschule voll berufstätig war. Ich war mir immer dessen bewußt, daß es von außen nicht möglich ist, die Belastungen, aber auch die Bereicherungen und Chancen, die mit einer solchen familiären Konstellation verbunden sind, angemessen einzuschätzen. Dennoch habe ich – und ich weiß, daß es vielen anderen ähnlich ging – immer bewundert, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unbeirrbarkeit er sich den damit verbundenen Aufgaben gestellt hat.

Übereinstimmend berichtet wird, daß Frank Dingel sich in den Jahren seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in vielen Bereichen durch eine auffällig große Hilfsbereitschaft auszeichnete, daß ihm die Sache und die Personen, die ihm etwas bedeuteten, immer wichtiger waren als die eigene Karriere. Er, der sicher zögerlich war, wenn es darum ging, eigene wissenschaftliche Texte drucken zu lassen, konnte, sobald er von einer Sache und ihrer Dringlichkeit überzeugt war, sogar ausgesprochen journalistische Fähigkeit demonstrieren. Als er beispielsweise im Kampf gegen Berufsverbote darum gebeten wurde, binnen 24 Stunden einen halbseitigen Artikel für eine führende norwegische Tageszeitung (»Dagbladet«) zu schreiben, tat er das nicht nur ohne jedes Zögern, sondern auch mit beachtlichem Erfolg.

Auf die Assistentenzeit folgte die Mitarbeit an zwei größeren Forschungsobjekten im Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung, dem zu der Zeit hoch angesehenen »ZI6« der Freien Universität. Aus dem Projekt »Partei und Parteiensystem in der Bundesrepublik Deutschland« ist das von Richard Stöss herausgegebene zweibändige »Partei-Handbuch. Die politischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980« hervorgegangen, zu dem Frank Dingel vier Artikel über die »Saar-Parteien«, die politischen Parteien im Saarland, in einem Gesamtumfang von fast 150 Druckseiten beigesteuert hat. Weitgehend unveröffentlicht blieben dagegen die Ergebnisse des seit Herbst 1979 von ihm gemeinsam mit Andreas Sander durchgeführten Forschungsprojekts »Ursachen und Ausmaß der NS-Renaissance unter Jugendlichen in Berlin (West) und bildungspolitische Maßnahmen zu ihrer Bewältigung«. Der unter anderem in der Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors einzusehende Abschlußbericht von fast 300 Seiten läßt jedoch sehr gut erkennen, mit welchem Engagement und welcher Intensität diese Thematik bearbeitet worden ist. Es erscheint auch heute noch bedauerlich, daß das methodische Instrumentarium, das damals zur Erfassung und Überwindung des jugendlichen Rechtsradikalismus entwickelt wurde, nicht für größere empirische Studien genutzt worden ist.

Es folgten mehrere Jahre der Arbeitslosigkeit, während derer Frank Dingel die Arbeit an seinen früheren wissenschaftlichen Projekten wiederaufnahm. Sein besonderes Interesse galt in diesen Jahren Karl Korsch und der Geschichte der Weimarer Republik, insbesondere ihrer revolutionären Gründungsphase. Vor allem in der IWK, der »Internationalen Wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« sind von ihm in den achtziger Jahren zahlreiche kleinere Arbeiten erschienen. Hervorhebung verdient darüber hinaus sein fast 60-seitiger, pointiert argumentierender Beitrag »Die Revolution 1918/19 in Deutschland« in dem von Diethart Kerbs herausgegebenen Buch »Revolution und Fotografie in Berlin 1918/19«. Ich war und bin in wichtigen Fragen der Interpretation anderer Meinung, habe diese Punkte im Laufe der Jahre auch immer mal wieder mit ihm kritisch diskutiert, ohne daß wir dabei eine volle Übereinstimmung erzielt hätten. Dennoch habe ich keinen Zweifel, daß die Lektüre auch heute noch lohnt, gerade weil der Text zum Widerspruch reizt – und nicht zuletzt, weil er souverän formuliert ist.

Ich zitiere, gleichsam als Beleg, die ersten drei Sätze, die der Geschichte des Ersten Weltkrieges gelten: »›Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen‹, auf diese Formel brachte Rosa Luxemburg den Weltkrieg. In ihm wurde der Konkurrenzkampf der imperialistischen Mächte nicht mehr allein in Werkshallen und auf diplomatischem Parkett, durch Mehrwertauspressung und Errichtung von Einflußsphären ausgetragen, sondern durch unmittelbare blutige Konfrontation auf den Schlachtfeldern. Insofern war der Erste Weltkrieg die letzte und logische Konsequenz des bürgerlichen Zeitalters, das mit der Entfaltung der Produktivkräfte auch die Mittel der Zerstörung vervollkommnete, den Kampf um Absatzmärkte und Kolonien mit Wettrüsten betrieb, die Auswirkungen der sich immer schärfer herausbildenden kapitalistischen Klassengesellschaft mit nationalistischem Gift betäubte«. Auch der vermutlich letzte größere historiographische Beitrag Frank Dingels ist in einem von Kerbs im Herbst 2004 herausgegebenen Band über den Fotografen Willy Römer erschienen. Es handelt sich um eine knappe Skizze der Geschichte der Weimarer Republik, die ebenfalls durch ebenso eigenwillige wie entschiedene Urteile geprägt ist. Daß es ihm nie um eine antiquarische Geschichtsschreibung, sondern immer um eine auf die Gegenwart bezogene Reflexion über die Geschichte ging, wird auch hier schon in den ersten beiden Sätzen unübersehbar deutlich. Dort heißt es: »Der zweite Versuch der Deutschen, im 20. Jahrhundert eine parlamentarische Republik aufzubauen, wurde in den ersten Jahren von der halb triumphierenden, halb ängstlichen Behauptung begleitet, ›Bonn‹ sei nicht ›Weimar‹. Mit der ersten Republik, geboren in einer Revolution, verschluckt von einer Diktatur, wollte die Bundesrepublik Deutschland nicht viel zu tun haben.« Auch wenn sich das Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zur Weimarer Republik später grundlegend geändert hat, bleibt die hier formulierte Einsicht für die langen Jahre der »Adenauer-Zeit« zutreffend.

Damit komme ich zum dritten Teil der Biographie, der in beruflicher Hinsicht durch die »Topographie des Terrors« bestimmt ist. Da dieser Lebensabschnitt den meisten der hier Versammelten am besten vertraut ist, dazu auch noch ein anderer Redner auf dem Programm steht, will ich mich verhältnismäßig kurz fassen und in erster Linie einige Akzentuierungen vornehmen.

Es dürfte allgemein bekannt sein, daß Frank Dingel der dienstälteste Mitarbeiter der »Topographie des Terrors« war. In der Personalakte der Stiftung findet sich der Hinweis, daß der Beginn seiner »Beschäftigungszeit« auf den 1.1.1988, der Beginn seiner »Dienstzeit« auf den 1.6.1986 »festgesetzt« worden sei. Zum 1. Juni 1986 erhielt er, gemeinsam mit Thomas Friedrich, einen Werkvertrag zur Vorbereitung einer Dokumentation über das »Gestapo-Gelände« im Rahmen der Vorbereitungen zur 750 Jahr-Feier der Stadt Berlin. Gedacht war bei dem Projekt zunächst an ein kleines Sondervorhaben innerhalb der im Martin-Gropius-Bau geplanten Großausstellung zur Geschichte der Stadt, wobei wir an eine Präsentation von Fotos und Dokumenten in einem der ebenerdigen Eckräume des Gropius-Baus dachten. Sehr bald veränderte sich jedoch das Projekt durch die im Sommer 1986 durchgeführten Grabungen auf dem Gelände (Stichwort »Spurensicherung«), durch die wachsende Einsicht in die Bedeutung des historischen Ortes und nicht zuletzt auch durch die Ergebnisse der von Frank Dingel und Thomas Friedrich durchgeführten Recherchen. Aus einem kleinen Nebenprojekt wurde so ein Vorhaben von kaum zu überschätzender historisch-politischer Bedeutung, das neben der kulturgeschichtlichen Ausstellung im Gropius-Bau selbständig in Erscheinung treten und deshalb auch deutlich vor dieser Ausstellung eröffnet werden sollte.

Damit stieg der Druck auf alle Beteiligten, und es scheint mir gerade heute nötig, daran zu erinnern, daß die wissenschaftlichen Arbeiten für die historische Kommentierung des gesamten Geländes, für die Ausstellung und die Begleitpublikation der »Topographie des Terrors« von einem Team geleistet wurden, das – von dem wissenschaftlichen Leiter abgesehen, der zugleich für die Berlin-Ausstellung zuständig war – aus nicht mehr als zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern für insgesamt dreizehn Monate bestand, zu denen ab Januar 1987 noch Klaus Hesse kam. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß in den letzten Monaten der Produktion auch die wissenschaftlichen Berater, Wolfgang Scheffler und Gerhard Schönberner, eine sehr aktive Rolle spielten. Es bleibt aber eine Tatsache, daß das damals geschaffene Unternehmen »Topographie des Terrors« mit nur geringfügigen Überarbeitungen und Ergänzungen seit nunmehr achtzehn Jahren besteht, daß die Ausstellung Millionen von Besucher angezogen und im Laufe der Jahre an Attraktivität gewonnen und nicht verloren hat und daß es von dem Begleitband inzwischen über dreißig Auflagen in vier Sprachen gibt.

Das ist ein Erfolg, an dem Frank Dingel nicht nur in der Gründungsphase maßgeblich beteiligt war. Es war deshalb selbstverständlich für ihn und alle anderen Beteiligten, daß er weiter mitarbeitete, als aus dem für sechs Monate geplanten Projekt ein zeitlich unbefristetes Vorhaben und schließlich eine Stiftung wurde. Aus einem zunächst eindeutig befristeten Engagement wurde auf diese Weise so etwas wie eine Lebensaufgabe. Ich hatte ihn damals gefragt, weil ich ihn als unabhängigen Kopf und qualifizierten Historiker schätzte und weil ich wußte, daß er seit etwa 1982 an einem Buch zu dem Thema »Die Opfer des Faschismus und ihre Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin« gearbeitet hatte. Ich hatte im Zusammenhang seiner Bemühungen um ein Stipendium ein größeres Teilmanuskript gelesen und fand sowohl das Projekt als auch die bis dahin geleistete Arbeit wichtig und förderungswürdig. Leider hat er sich auch in diesem Falle nicht entschließen können, die Manuskripte, die sich in seinem Nachlaß befinden müssen, zu veröffentlichen.

Es ist mir in dem gegebenen Rahmen nicht möglich, dem Wirken Frank Dingels in der »Topographie des Terrors« in der gebotenen Komplexität gerecht zu werden. Ich muß es deshalb hier bei einigen wenigen Schlaglichtern bewenden lassen. Zu erwähnen ist zuerst und vor allem, daß wir ihm den Titel »Topographie des Terrors« verdanken. Ich fürchtete damals, daß dieser Titel zu akademisch und im Hinblick auf eine breitere Öffentlichkeit geradezu unverständlich sein würde und habe deshalb nur sehr zögernd zugestimmt. Er ist jedoch nicht nur zu einer Art »Markenzeichen« für unser eigenes Unternehmen geworden, sondern hat auch, vor allem in den letzten Jahren, sehr viele Nachahmer an anderen Orten und in anderen Zusammenhängen gefunden. Kaum bemerkt worden ist von den meisten, daß Frank Dingel im Rahmen der »Topographie des Terrors« auch sehr erfolgreich Personalpolitik betrieben hat: Klaus Hesse und Andreas Sander, später auch Gabi Jonelat-Krüschet sind von ihm zur Einstellung vorgeschlagen worden, und auch auf die Zusammensetzung der Gruppe derjenigen, die regelmäßig Führungen für die Stiftung Topographie des Terrors durchführen, hat er erheblichen Einfluß ausgeübt. Im Blick auf die inhaltliche Arbeit verdient festgehalten zu werden, daß er früh und hartnäckig auf die »vergessenen Opfer« hingewiesen hat, wobei uns das anfangs im Hinblick auf unsere Darstellung der als »Zigeuner« verfolgten Roma und Sinti nicht geringen Ärger eingebracht hat. Später hat er sich unter anderem bei der Ausstellung »Der Krieg gegen die Sowjetunion« besonders intensiv mit dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und der Fremd- und Zwangsarbeiter in Deutschland befaßt.

 Viele haben ihn auch in Erinnerung, wie er 1990/91 mit großem persönlichen Einsatz die auf Wunsch der »Topographie des Terrors« nicht abgerissenen Teile der Berliner Mauer an der Niederkirchnerstraße gegen kleine und große »Mauerspechte« verteidigte. Es gibt noch heute in der Stiftung eine beachtliche Sammlung von Werkzeugen solcher »Spechte«, die er in besonderen Fällen »konfiszierte« und sicherstellte. Vor allem in den frühen Jahren des Projekts hat Frank Dingel mit zahlreichen schriftlichen und mündlichen Beiträgen die Sache der »Topographie des Terrors« in der Öffentlichkeit vertreten. Er war ein begabter und wirkungsvoller Redner in kontroversen Debatten, der ausgleichen, aber auch zuspitzen konnte, immer jedoch beneidenswert klar argumentierte und flüssig formulierte. Er, der sonst zu den ausgesprochen verträglichen Menschen gehörte, konnte eine große polemische Schärfe entwickeln, wenn er den Eindruck gewann, daß die »Topographie des Terrors« zu Unrecht angegriffen oder gar verleumdet wurde. So stellte er Anfang 1989 seiner Auseinandersetzung mit einer Journalistin, die ihre Kritik zunächst in der »Frankfurter Allgemeinen« und dann in den »Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik« veröffentlicht hatte, den 13. Vers aus dem 13. Kapitel des Matthäus voran (»Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht.«), um der Autorin dann ,«eine intellektuelle Geisterfahrt« zu bescheinigen, bei der »die Kritik Totalschaden« erlitten habe. Da die Journalistin der Ausstellung unter anderem vorgeworfen hatte, sie vermittle den Eindruck einer »essentiellen Abstraktheit der Gestapo«, konterte er mit der Feststellung einer »essentiellen Blindheit der Kritikerin«. Der Aussage der Kritikerin, daß es in der Ausstellung an Erläuterungen fehle und die Besucher nicht hinreichend an die Hand genommen würden, hielt er entgegen, daß sich hier »der Gouvernanten-Approach in der politischen Bildung [verrate], erklärbar allein durch ihre grenzenlose Verachtung der Besucher, die sie sich nur sensationsgeil, dumm und verstockt vorstellen kann«. Sein Fazit war schließlich: »Ihre Kritik bleibt unter dem Niveau der Dokumentation, was, wie schon dargelegt, kein Grund zur Freude ist. So wie die ›Topographie des Terrors‹ nicht das letzte Wort auf dem Prinz-Albrecht-Gelände sein kann, darf sich die Auseinandersetzung mit ihr nicht länger nur in unkritischem Lob oder gehässiger Denunziation erschöpfen.«

Frank Dingel war, auch das wird hier deutlich, stets der Meinung, daß das, was 1987 geschaffen wurde, nur ein Anfang sein könne. Er hat selber immer wieder aufs neue über die Aufgaben und Möglichkeiten der »Topographie des Terrors« nachgedacht, hat neue Entwicklungen in der Forschung ebenso wie in der öffentlichen Diskussion in seine konzeptionellen Überlegungen einbezogen. Allzu schnelle Festschreibungen waren ihm stets zuwider, seinem Temperament und seinen Überzeugungen nach setzte er auf das Unabgeschlossene, Experimentelle. Besonders wichtig war ihm von Anfang an die pädagogische Arbeit – die Bildungs- und Aufklärungsarbeit, die er selber leistete, und die pädagogische Arbeit, die er anderen ermöglichte, bei der er helfend und unterstützend zur Seite stand. Bei genauerem Hinsehen zeichnet sich in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Kontinuität in seiner Biographie ab: von der studentischen Tutorentätigkeit und dem frühen Interesse für die Geschichtsdidaktik über die halbjährige Tätigkeit in einer Heimvolkshochschule, die intensive Lehrtätigkeit am Otto-Suhr-Institut (vielleicht darf man hier sogar die sich über lange Zeiten erstreckende gemeinsame »Kapital«-Lektüre in einer kleinen Arbeitsgruppe mitrechnen), die Forschungen über bildungspolitische Maßnahmen zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus unter Jugendlichen bis hin zu vielen Vorträgen und Diskussionen und der Verantwortung für die Bildungsarbeit – hier vor allem die Führungen durch die Ausstellung – in der Stiftung, wobei die intensive Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten nicht vergessen werden sollte. Es ist auch daran zu erinnern, daß er an den Seminaren für Gedenkstättenmitarbeiter, die das »Gedenkstättenreferat« seit den frühen achtziger Jahren veranstaltet, bereits aktiv mitarbeitete, bevor er mit seiner Tätigkeit für das Projekt der »Topographie des Terrors« begann. Auch in späteren Jahren hat er sich durch Vorträge und Berichte in erheblichem Umfang und mit großer Intensität an der Arbeit des »Gedenkstättenreferats« beteiligt. Seit der Mitte der achtziger Jahre wurde der »GedenkstättenRundbrief« neben der IWK, der »Internationalen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, gewissermaßen zu seinem zweiten »Hausorgan«.

Seine schönsten Jahre mit der »Topographie des Terrors« hat er vermutlich in der Zeit zwischen der Eröffnung im Sommer 1987 und dem Umzug der Mitarbeiter in die Budapester Straße im Jahre 1991 erlebt, als er seinen Arbeitsplatz in den beiden Eckräumen des Martin-Gropius-Baus hatte, den Erfolg der Projektarbeit genießen, das Vorhaben vor Ort als eine Art »primus inter pares« vertreten und die anstehenden Entscheidungsprozesse durch eigene Beiträge mit vorantreiben konnte. Es scheint mir nicht übertrieben, zu sagen, daß er sich auch in den letzten Jahren noch auf dem »Topographie«-Gelände, im Gespräch mit Menschen, die an dem historischen Ort und der mit ihm verbundenen Geschichte interessiert sind, wohler fühlte als in seinem mit Büchern und Materialien aller Art vollgestopften Büro in der Budapester Straße. Nicht zuletzt litt er zunehmend unter den durch die Bauprobleme verursachten Verzögerungen auch bei der inhaltlichen Arbeit.

In den letzten Jahren wurden schließlich seine gesundheitlichen Probleme immer größer, wurden die Phasen, in denen er im vollen Besitz seiner Kräfte war, immer kürzer. Alle, die in dieser Zeit mit ihm zu tun hatten, werden immer wieder erschrocken über seinen Zustand gewesen sein, obwohl es manchmal besser ging und die Hoffnung auf seine volle gesundheitliche Wiederherstellung neue Nahrung erhielt. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt, am Ende versagte sein Herz. Wir wollen ihn deshalb so in Erinnerung behalten, wie er in seinen besten Jahren war: als einen Intellektuellen, mit dem man gern diskutierte, als einen Demokraten, der bereit war, sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen, als einen Kollegen, der zuverlässig und absolut integer war, als einen warmherzigen Menschen, der immer zuerst an andere und zuletzt an sich selber dachte.

1    Die Rede wurde am 2. Juli 2005 in einer Gedenkveranstaltung gehalten, zu der die Stiftung Topographie des Terrors in den Berliner Martin-Gropius-Bau eingeladen hatte. Des weiteren haben während der Gedenkfeier in folgender Reihenfolge gesprochen: Andreas Nachama, Matthias Pfüller, Stefanie Endlich, Sebastian Gerhard und Christiane Hoss.