Im Herbst 1997 fand eine wissenschaftliche Fachtagung statt, zu der sich auf Initiative der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Stiftung Topographie des Terrors etwa 25 Historiker, Vertreter von Gedenkstätten, Architekten, Denkmalpfleger, Kunsthistoriker, Architekturhistoriker und Journalisten zusammenfanden, um über die Zukunft des Geländes des SS-Truppenlagers des ehemaligen KZ Sachsenhausen zu debattieren.
Diese Tagung muß vor dem Hintergrund der jahrelangen Bemühungen der Stadt gesehen werden, das Areal auf irgendeine Weise in ihre Planungen miteinzubeziehen, nachdem es seit 1990 von der Nationalen Volksarmee nicht mehr genutzt wurde. Das verlassene Kasernengelände sollte wieder in die Stadt integriert werden, ohne daß seine Belastung in der NS-Zeit erneut verdeckt oder verdrängt werden sollte. In diesem Zusammenhang wurde 1992 ein städtebaulicher Wettbewerb zur Urbanisierung des Geländes ausgeschrieben, dessen prämierter Entwurf allerdings nie realisiert wurde. Einen Sonderrang erhielt damals der Architekt Daniel Libeskind. Libeskind verweigerte in seinem Entwurf die formulierte Aufgabe ausdrücklich und erklärte dieses Gelände zu einem »Unort«, den er unter Wasser setzen wollte, nachdem die Gebäude bis auf die Grundmauern abgerissen worden seien. Wie schon erwähnt, wurde der prämierte städtebauliche Entwurf des Wiener Architekten Herrmann Czech nicht realisiert. Statt dessen näherte sich die Stadt im Verlaufe eines schwierigen und widerspruchsvollen Prozesses einerseits der Grundidee des Libeskind-Entwurfes an, während andererseits ganz pragmatisch bestimmte interessante Gebäude auf dem Gelände, wie das T-Gebäude (die ehemalige Inspektion aller Konzentrationslager) und das ehemalige Lazarett renoviert und von Finanzamt bzw. Polizei genutzt wurden.
Die inzwischen gegründete Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, insbesondere der neuberufene Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Günter Morsch, konnten – aufgrund der Konstituierungsphase – erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in die Diskussion eingreifen. Seither wird die Debatte um die Zukunft des Geländes von der Kontroverse zwischen der Stiftung, hier vor allem in der Person von Günter Morsch, und Daniel Libeskind beherrscht. Dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, inzwischen auch Direktor der Stiftung, geht es vor allem um die öffentliche Wahrnehmung des SS-Geländes als integraler Bestandteil des Konzentrationslagers. Im Bewußtsein der meisten Menschen wird bisher nur das zur Gedenkstätte ausgebaute Dreieck des Häftlingslagers mit der KZ-Vergangenheit identifiziert. Die Stiftung engagiert sich vehement für die Erhaltung dieses – in Deutschland inzwischen einmaligen – architektonischen Ensembles, das auch heute noch etwas über die Verschränkung von KZ und Umfeld und über das elitäre Selbstverständnis der SS sowie deren Gesellschaftsbild aussagen kann. Im Verlaufe dieser Auseinandersetzung modifizierte Daniel Libeskind seine radikale Position der Überflutung des Geländes und sprach sich für die Erhaltung einzelner, ausgewählter Gebäude des SS-Areals aus. Zum Zeitpunkt der Tagung gab es jedoch noch genügend kontroverse Punkte in der Position beider Seiten und auch eine Denkmalsatzung für das Gelände war von der Stadt bisher nicht beschlossen.
Als ausgesprochen günstig und fruchtbar erwies es sich, daß an der Tagung sowohl Daniel Libeskind und sein Mitarbeiter, der Leiter des Sachsenhausen-Projekts Matthias Reese, als auch der Leiter des Planungsamtes der Stadt, Christian Kilczynski sowie der Vertreter der Denkmalbehörde, Herr Hübner, teilnahmen. Auf diese Weise konnte die Diskussion in dem relativ kleinen Rahmen nicht nur theoretisch das Thema abstecken und vertiefen, sondern auch ganz praktische Gesichtspunkte enthalten. Weiterhin erwies es sich für den Verlauf der Tagung als günstig, daß auf Referate weitgehend verzichtet wurde und daß nach kurzen pointierten Einführungen, die häufig kontroverse Positionen gegeneinander stellten, das Hauptgewicht auf der Diskussion der Teilnehmer lag, die sich deshalb auch zu einer echten Auseinandersetzung entwickeln konnte, in der einander zugehört, aufeinander eingegangen werden konnte und in deren Verlauf die verschiedenen Positionen sich schließlich auch aufeinander zubewegten.
Die Tagung bestand aus drei Diskussionsrunden:
1. Die erste Runde beschäftigte sich mit der Frage, welche Merkmale die NS-Architektur aufweist und ob sie überhaupt denkmalwürdig sei.
2. Die zweite Runde nahm Bezug auf das Gelände selbst, seine Struktur, seine Gebäude und stellte die verschiedenen Konzeptionen des Umgangs gegeneinander.
3. Die dritte Runde schließlich konzentrierte sich auf den bisherigen Umgang mit den Orten der Täter und verwies allgemein auf die Rezeption der Tätergeschichte in Ost- und Westdeutschland.
1. NS-Architektur und Denkmalschutz
Zu Beginn dieser Diskussionsrunde hielt der Architekturhistoriker Ulrich Hartung, der bisher unter anderem die Bauten auf dem Gelände des SS-Truppenlagers und die architektonische Entwicklung der Stadt Oranienburg in der NS-Zeit untersucht hat, eine bildgesättigte Einführung zu den charakteristischen Merkmalen der NS-Architektur. Seiner Meinung nach handelt es sich hierbei – und zwar sowohl bei Profan- oder Repräsentionsbauten – um einen eigenen Stil, bei dem in einer ganz bestimmten Art und Weise und in ganz bestimmter Absicht Elemente aus anderen Epochen verwendet und kombiniert wurden. Hartung verwies vor allem auf das immer wiederkehrende Prinzip der Überhöhung, wobei im Extremfall aus zwei Schornsteinen eines Heizhauses mit Hilfe einer Freitreppe und einer Verbindungsmauer so etwas wie ein ägyptischer Tempeleingang inszeniert wurde. Dies, so Hartung, verdeutliche in hohem Maße das Selbstverständnis der Erbauer, die ihre eigene Herrschaft als Höhepunkt, wenn nicht sogar als Endpunkt der Geschichte darstellen wollten.
Dr. Jürgen Rostock, der bisher zum Thema vor allem mit einer Publikation über das KdF-Bad Prora auf Rügen (Titel: »Die Paradiesruine«) hervorgetreten ist, verwarf dagegen einen genauen Blick auf die NS-Architektur und ihre Stilelemente. Seiner Meinung nach ergebe sich eine Denkmalwürdigkeit ausschließlich aus der historischen Bedeutung des jeweiligen Bauwerkes oder Ensembles. Denkmalschutz sei für ihn keine Frage der Ästhetik.
Dieser Auffassung wurde aus dem Kreis der Teilnehmer widersprochen. Wenn man die Bauten als Geschichtszeugen ernstnehmen wollte, so sinngemäß Ernst Mittig, dann müsse man sie auch ernsthaft untersuchen. Es wurde weiterhin die Frage geäußert, ob eine Abwehr dieser genauen und ernsthaften – auch ästhetischen – Untersuchung nicht auch eine gewisse Furcht vor dieser Architektur widerspiegelt, die ihre Wirkung, die sie zweifellos damals gezeitigt hatte, bis heute noch nicht eingebüßt habe.
Sehr schnell spitzte sich die Diskussion auf die Frage zu, warum wir heute über die Erhaltung bestimmter Bauten und Ensembles aus der NS-Zeit nachdenken. Denkmalschutz sei schließlich eine ganz pragmatische Angelegenheit. Nach 1945 wurden die Kasernen-, Garagen- und Werkstattgebäude des SS-Truppenlagers jahrzehntelang unhinterfragt von der Sowjetarmee und später der Nationalen Volksarmee genutzt und damit auch erhalten. Erst nachdem diese Nutzung ihr Ende gefunden hat, steht die Gesellschaft vor der Entscheidung, ob, wie und warum sie die Gebäude weiter erhalten will.
Matthias Reese vertrat die These, daß Denkmalwürdigkeit kein Wert an sich sei. Man müsse sich zuallererst darüber klarwerden, was man eigentlich erzählen wolle. Er ging davon aus, daß diese Gebäude und Ensembles für sich genommen eher banal wirken und ohne einen heutigen, interpretierenden Eingriff nichts von dem menschenfeindlichen Wesen und den Taten ihrer Erbauer preisgeben würden. An dieser Stelle entspann sich dann die deutliche Kontroverse mit Günter Morsch, der vor interpretierenden Eingriffen warnte (die ja schließlich auch im Abriß oder Teilabriß der Gebäude bestehen könnten). Er verwies auf die kurze Halbwertzeit jeglicher Interpretationen, die den historischen Spuren vor allem den Stempel der heutigen Zeit aufprägen und die Quellen selbst damit nicht mehr ernstnehmen würden.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Diskussion viele wichtige Probleme, die dann in den darauffolgenden Diskussionsrunden noch vertieft werden sollten, zunächst einmal anriß. Es wurden im Wesentlichen die beiden Alternativen – entweder Erhalt und Eingriff, um den Blick von heute zu verdeutlichen oder Erhalt, pragmatische Weiternutzung und damit Überformung und Hineinnahme in den heutigen Alltag – einander gegenübergestellt und diskutiert. Offensichtlich, so wurde festgestellt, bestehe ein deutliches Bedürfnis nach Interpretation der NS-Bauten, die man nicht so »pur« stehenlassen wolle. Dies hänge mit der jahrzehntelangen Tabuisierung des Themas NS-Täter und der betreffenden Orte zusammen. Plädiert wurde auch für eine Störung im Alltag des Umgangs mit diesen Orten.
Wie die Bauten und Gebäude-Ensembles aber heute zum Sprechen gebracht werden können – ob es ratsam ist, sie lediglich zu markieren, ob sachliche Informationen, etwa in einer Ausstellung, eine Lösung darstellen oder ob gar die ursprüngliche Wirkung der Architektur mit Hilfe direkter Eingriffe gebrochen werden sollte – darüber muß man sich eigentlich erst in einem späteren Schritt Gedanken machen. Alle die Überlegungen werden schließlich obsolet, wenn die Gebäude – die Spuren der Geschichte, die Quellen – verfallen oder abgerissen werden. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Interessen und Gefühle der ansässigen Bevölkerung hingewiesen, auf deren Akzeptanz letztlich jedes der Konzepte angewiesen wäre.
Gerade der letzte Aspekt wurde durch die Präsentation des Films des ORB »Es ist schwer, hier zu leben« und durch die Diskussion mit der Regisseurin Frau Susanne Reumschüssel noch vertieft.
2. Das Gelände – Belastung und Bedeutung
Im Rahmen dieser Diskussionsrunde hatten der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Günter Morsch, und die Architekten Daniel Libeskind sowie Matthias Reese Gelegenheit, ihre unterschiedlichen Positionen zum Umgang mit dem Gelände ausführlich darzulegen und sich der Diskussion mit den Teilnehmern der Tagung zu stellen. Günter Morsch verwies auf die Bedeutung des KZ Sachsenhausen als Modell-Lager im Rahmen des KZ-Systems des Dritten Reiches, er verwies auch auf die große Bedeutung, die das KZ und die SS-Garnison für die Stadt Oranienburg hatten. Anhand von Grundrissen zeigte er den engen Zusammenhang von Häftlingslager und SS-Truppenlager als Teile eines Ganzen, umrahmt von einem Kordon hübscher Einfamilienhäuser im Heimatstil für die SS-Offiziere. Mit dem Erhalt des gesamten Ensembles könne man seiner Meinung nach die enge Verflechtung der Orte der Opfer und der Täter sowie die Verbindung zur Stadt dokumentieren. Anhand von Dias einzelner Gebäude demonstrierte der Gedenkstättenleiter von Sachsenhausen, was diese Spuren der Geschichte uns heute erzählen können: Sie zeigen uns das KZ als Teil des Alltags von Oranienburg, sie demonstrieren das Sendungsbewußtsein der SS und ihr streng hierarchisches Denken, das sich sogar in der entsprechenden Bauweise und symmetrischen Anordnung der Wohnhäuser für die einzelnen Dienstgrade widerspiegelte. Günter Morsch betonte, daß es ihm vor allem auf das Ensemble ankomme. Die einzelnen Teile für sich genommen sagen seiner Meinung nach nicht viel. Aber das Ganze in seiner Struktur und Form könne uns eine Auskunft darüber geben, auf welche Weise hier Mörder systematisch geschult und auf ihre Verbrechen vorbereitet wurden.
Daniel Libeskind und Matthias Reese dagegen bestritten im Grunde, daß ein solches Ensemble noch vorhanden ist. Sie stellten ihren aktuellen Entwurf vor, der auf das Fluten des Geländes verzichtet hat. Ihre entscheidende Idee jedoch, die darin besteht, die bisherige Achsensymmetrie zu brechen und mit einem Gebäudekomplex, der sich Hope Incision (Einschnitt der Hoffnung) nennt, eine diagonale Achse anzulegen, ist beibehalten worden. Nach Libeskind und Reese sollen die Spuren der Vergangenheit vor allem mit landschaftsgärtnerischen Mitteln (Wald und Park) sichtbar gemacht werden und ein Wegesystem kreuz und quer auf dem Gelände angelegt werden. In Abwandlung ihrer bisherigen Vorstellungen wollen sie nunmehr einige Gebäude des Ensembles stellvertretend erhalten, während die anderen nur noch als Spuren der Grundflächenstruktur vorkommen.
Im Laufe der sehr lebhaften und intensiven Diskussion zu diesen beiden Standpunkten äußerte u.a. Volkhard Knigge einige wesentliche Vorbehalte gegenüber dem Libeskind-Konzept. Minimierung der Relikte, um Sinnbildung zu erzeugen, das bedeute seiner Meinung nach, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, das bedeute, eine künstlerische Überhöhung der Spuren, bevor man überhaupt begonnen habe, sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen. Man müsse auch wissen, so Knigge, in welcher Tradition man sich damit bewege: Im Westen wurden die Orte der Täter vernachlässigt und mißachtet – im Osten verdrängt und geleugnet. Man müsse danach fragen: Was soll heute dort sichtbar gemacht werden, was nicht sichtbar ist? Und was wollte man nach 1945 nicht sehen, nicht wahrnehmen? Seiner Meinung nach werden diese Relikte schwer ausgehalten, weil sie »corpus delicti« sind und bis in die Normalität des Alltags hineinragen.
Günter Morsch betonte, daß der »konfrontative« Ansatz der Gestalter der Gedenkstätte von Sachsenhausen, der seinerzeit darin bestanden habe, die Struktur des Lagers zu zerstören und einige ausgewählte Relikte in einen neuen Zusammenhang, eine neue Struktur, zu stellen, hundertprozentig gescheitert sei. Er warf Libeskind und Reese vor, sich in dieser Tradition zu bewegen, was von den beiden so nicht akzeptiert wurde.
Das Bemerkenswerte an dieser Diskussion war allerdings, daß die Debatte, so heftig sie auch war, immer mehr von der Konfrontation zum Dialog geriet. Tagungsteilnehmer, die durchaus kritisch mit dem Konzept von Libeskind und Reese umgingen, anerkannten gleichzeitig seine künstlerische Potenz und seinen Mut. Die Positionen des Gedenkstättenleiters und des Architekten seien in mancher Hinsicht nicht so gegensätzlich, wie es auf den ersten Blick scheine, so wurde geäußert, weil beide den Ort gleichermaßen ernstnehmen würden – als Mörderschule bzw. als Unort – und ihn vor Verharmlosung und erneutem Vergessen bewahren wollten.
Auch am Ende dieser Diskussionsrunde wurde das Verhältnis der Bürger der Stadt zur Vergangenheit und zu dem betreffenden Gelände thematisiert. Das SS-Truppenlager, einschließlich der Siedlungshäuser für die Führer und Unterführer, war von 1937 bis 1945 integraler Teil des Konzentrationslagers. Heute ist es im öffentlichen Bewußtsein davon abgetrennt und wird nur langsam wieder in seiner ursprünglichen Rolle wahrgenommen werden. Eine wichtige Frage ist dabei, wie die Stadt heute und morgen damit leben soll. Die Sichtbarmachung der bisher verdrängten und verleugneten Geschichte zerstört alle Sicherheits- und Abwehrhaltungen gegenüber dem Thema und wird natürlich deshalb auf Widerstand stoßen. So haben sich in Oranienburg die Bewohner der ehemaligen SS-Siedlungshäuser vor etwa zwei Jahren in einer Bürgerinitiative zusammengefunden, um u.a. eine Denkmalsatzung für das Gebiet zu verhindern. Sie bringen dabei ihre Ängste zum Ausdruck, künftig in einer Art Freilichtmuseum zu wohnen oder persönlich mit der NS-Vergangenheit identifiziert zu werden. Diese Vorbehalte sollten ernstgenommen werden. Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer der Diskussion, daß die Last der NS-Vergangenheit nicht allein von den Bewohnern der SS-Siedlungshäuser und den Bürgern der Stadt Oranienburg getragen werden darf. Hier ist die ganze Gesellschaft gefordert, die den Leuten am Ort Hilfe und Schutz geben muß, damit sie ihrer spezifischen Verantwortung gerecht werden können. Wulff Brebeck prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des »angestellten Geschichtsdeuters«, in dessen Rolle Anwohner nach seiner Erfahrung – im Idealfall – schlüpfen könnten. Hierzu erforderlich sei allerdings ein Prozeß der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses, der Straße, des Viertels, in dem man lebt, der es erst ermöglicht, sich ein Stück weit wieder davon zu distanzieren, um schließlich auch interessierten Besuchern und Passanten darüber Auskunft geben zu können.
3. Stadtbrache - Kaserne - Wallfahrtsort
In dieser Diskussionsrunde ging es um die Rezeption der Geschichte der Täter in Ost- und Westdeutschland und um den bisherigen Umgang mit den Orten der Täter. Drei Vertreter von Gedenkstätten – Volkhard Knigge (Buchenwald), Wulff E. Brebeck (Wewelsburg) und Detlef Garbe (Neuengamme) – sprachen zu Beginn über ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Überlegungen zu dem Thema.
Volkhard Knigge unterschied in seinen Ausführungen zwischen »Opferländern« und »Täterländern« und ihrem jeweils unterschiedlichen Umgang mit den historischen Spuren der KZ. Während in einem »Opferland« wie Polen nur die »Täterorte« zerstört oder nachgenutzt wurden, die Häftlingslager jedoch weitgehend erhalten blieben, wurden in Ost- und Westdeutschland auch die Orte der Opfer – die Häftlingslager – weitgehend zerstört bzw. die Relikte radikal minimiert und Denkmale an ihre Stelle gesetzt.
Eine gewisse Zwischenstellung nahm in den Ausführungen Knigges die DDR ein (die sich ja, entsprechend ihrer Antifaschismus-Perspektive nicht als »Täterland« begriff, sondern als Wahrerin der Tradition des Widerstandes). In der DDR galten die Lager, wie auch in Polen, als Denkmale an die Verfolgten und an den Widerstand. Die Täter waren hier nur negativ einbezogen. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand das Häftlingslager. Aus dem Tatort wurde ein Friedhof, eine Martyriumsstätte. Aus dem Unort wurde geheiligter Boden. Es ging, so Volkhard Knigge, um die Nobilitierung der Opfer und gleichzeitig um das Vergessen der Täter.
Allerdings habe nur das ganz zeremonielle Totengedenken die Täter völlig ausgeschlossen. Im Rahmen der historischen Erzählung waren sie vonnöten. In diesem Zusammenhang überlieferte man jedoch nicht die Strukturen sondern die Mordwerkzeuge, die Wachtürme usw. – als Ausweise des Martyriums. Im Häftlingslager wurde gerade soviel an Relikten erhalten, wie man zur Beglaubigung der Denkmals- und Dokumentationsabsichten brauchte.
Die Unterscheidung zwischen Häftlingslager und Täterort kam nach Meinung Volkhard Knigges nicht aus der Geschichte heraus, sondern von der Interpretation her. In Ost- und Westdeutschland könne man den gleichen Prozeß der »Verharmlosung durch Entkontextualisierung« und der Weiternutzung der Täterorte erkennen. Dafür gab es nur jeweils andere Begründungen. Im Osten war dies vor allem der Bruch mit der Vergangenheit und ihre demonstrative Überwindung. Täter-Orte galten dort als »Beute« und zugleich als legitimes Erbe.
Zum Abschluß seiner Ausführungen betonte Volkhard Knigge noch einmal, daß die KZ in der NS-Perspektive keine Schandflecken darstellten sondern die »Stadtkrone« und daß sie für die Ewigkeit gedacht waren. Dies sei im öffentlichen Bewußtsein beider deutscher Staaten keineswegs verankert. Heute jedoch werde erstmals das Gelände als historisches Zeugnis ernstgenommen. Dabei erhebe sich natürlich die Frage, wo das Denkmal anfange, und wo es aufhöre. Die Grenzen seien fließend. Ein Spezifikum dieses Denkmals sei seine gewaltige Größe, die drohe, das Leben ringsum abzutöten.
Wulff Brebeck, der Leiter der Gedenkstätte Wewelsburg, einer SS-Kultstätte, zu der bis 1943 auch ein Häftlingslager gehörte, sprach in seinen Ausführungen von einer »geschichtsvergessenen Erhaltung« der Täterorte. Der Täterort auf der Wewelsburg ist bis heute vorhanden, die Spuren des Häftlingslagers sind jedoch verschwunden. Der sogenannte »Obergruppenführersaal«, in dem wichtige nationalsozialistische Rituale zelebriert wurden, sei jedoch nach 1945 wieder zur Kapelle umgestaltet (verharmlost) worden. Seit den achtziger Jahren ist die Wewelsburg als Gedenkstätte für die Öffentlichkeit zugänglich. Während sich die Besucher über das Schicksal der Häftlinge »nur« in einer Ausstellung informieren können, ist in Bezug auf den SS-Kultort auch eine direkte Auseinandersetzung mit den historischen Relikten möglich. Brebeck sprach in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit der »Spurensuche« an diesem Ort. Das pädagogische Konzept, das er vor allem mit jugendlichen Gruppen praktiziere, nannte er »Entzauberung durch Einordnung«.
Detlef Garbe sprach in seiner kurzen Einführung davon, daß die Täter bisher in den Gedenkstätten ausschließlich aus der Häftlingsperspektive dargestellt worden seien. Eine Einbeziehung der Täterorte in die Gedenkstätten stelle diese vor ganz neue Aufgaben. Garbe äußerte in dieser Hinsicht vor allem Zweifel und Skepsis. Er sprach in diesem Zusammenhang von den »Grenzen der Täterschaft«. Er gab seiner Befürchtung Ausdruck, daß die Darstellung der Befehlsempfänger in den KZ den Blick auf die eigentlichen Befehlsgeber, auf das System, verstellen würden. Weiterhin stellte er die Frage, ob die Kenntnis der Biographie einzelner Täterpersonen mehr an Erkenntnis über den Nationalsozialismus als eine Strukturanalyse vermitteln würden. Nach seiner Auffassung ließe sich bei der Darstellung der Biographien kaum vermeiden, daß dabei die Täter auch als Opfer der Verhältnisse erscheinen würden.
Seine Meinung stieß in der Runde der Teilnehmer auf Widerspruch und Zustimmung. Während einige die Auffassung äußerten, daß bei der Darstellung der Täterproblematik vor allem die Strukturen sichtbar gemacht werden sollten, damit sich Schuld und Verantwortung nicht ins »allzu Menschliche« auflösen, gab es den Einwand, daß auch diese Seite zur Täterproblematik gehöre und nicht aus Angst vor unerwünschten Wirkungen tabuisiert werden sollte.
Die Kontroverse wurde aber in der Diskussion nicht weiter vertieft. Statt dessen wurde versucht, eine Art Resümee der Tagung zu formulieren, das man auf der anschließenden Podiumsdiskussion der Öffentlichkeit vortragen könne. Dieses Resümee ließe sich folgendermaßen formulieren:
1. Das Problem ist für den Ort Oranienburg zu groß. Hier muß die Gesellschaft als Ganzes sich verantwortlich fühlen. Nur wenn den Menschen dort geholfen wird, sich von ihrem Ort, von ihrem Haus zu distanzieren, können sie das eigene Leben in Beziehung zur Geschichte setzen.
2. Das Prinzip der Schulung von Mördern wird nur anhand der Strukturen des SS-Truppenlagers und in seiner Verbindung zum Häftlingslager deutlich.
3. Historiker und Künstler können nur zusammen – nicht gegeneinander – zu einer befriedigenden Lösung gelangen. Hier könne es zu einem »Synergie-Effekt« kommen.
4. Insgesamt sollte die außerordentlich komplizierte Problemlage vor allem als Chance begriffen werden: Ein Stiftungsdirektor, der jedes historische Relikt mit Leidenschaft verteidigt, ein intelligenter und mutiger Architekt, eine engagierte Bürgerinitiative, deren Mitglieder (zwar widerwillig aber immerhin) begonnen haben, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, an dem sie leben und eine Stadt, die bereit ist, sich der Vergangenheit zu stellen.
5. Die Diskussion hat eigentlich erst angefangen und wird so schnell nicht zu einem Ergebnis kommen. Kurzfristig sind jedoch dringend Maßnahmen zur Erhaltung der leerstehenden Gebäude notwendig, damit sie nicht dem Verfall preisgegeben werden.