Im Gedenkbuch des KZ-Friedhofs Schörzingen vermerkten Besucher bis vor einigen Monaten noch, wie sehr sie die ruhige Lage beeindruckt, wie würdig der Platz gestaltet sei. Dabei kündigten sich schon seit dem Jahr 2000 Veränderungen an. Nach der Abzweigung von der Landstraße zum Friedhof siedelten sich zwei Betriebe an, zwei Wohnhäuser wurden gebaut. Auf der angrenzenden Wiese befanden sich noch Ruinenreste einer Baracke, vermutlich eines Teils der Küchenbaracke des KZ. Das Bürgermeisteramt sicherte zu, die Ruine bleibe erhalten, ein Grüngürtel werde angepflanzt, um die Atmosphäre des KZ-Friedhofs zu schützen. Eines Morgens waren die Mauerreste wegplaniert. Immer noch wurde versichert, das entstehende Gewerbegebiet komme nicht näher an den Begräbnisort heran. Im Sommer wurde dann bekannt, dass das Gewerbe- und Baugebiet bis auf 120 Meter an den Friedhof heran ausgeweitet werden soll (diagonal gemessen!). Baugebiet ist das Gelände des ehemaligen KZ-Lagers. Ein Schuppengebiet soll ebenfalls entstehen. Zurzeit bemüht sich die Initiative Gedenkstätte Eckerwald darum, dass die Pläne so abgeändert werden, dass der KZ-Friedhof geschützt wird.
Zur Geschichte dieses besonderen Ortes: 1944 entstanden im Gebiet zwischen Rottweil und Hechingen sieben Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Mehrere tausend Menschen aus allen Teilen Europas wurden gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen Anlagen zur Schieferölgewinnung zu bauen. Das Projekt trug den Decknamen »Wüste«. Die Arbeitssklaven waren politische Gefangene, so genannte NN-Häftlinge, aussortiert zur »Vernichtung durch Arbeit«. Offiziell starben zwischen Januar 1944 und April 1945 weit über 3000 Menschen in diesen Lagern. Die tatsächliche Todesrate ist mindestens doppelt so hoch, da Schwerkranke und Sterbende im letzten Augenblick nach Vaihingen/Enz, Dachau und Bergen-Belsen verlegt wurden. Eine weitere große Zahl von Opfern forderten die so genannten Evakuierungsmärsche, die von der SS angeordnet wurden, als die Alliierten im April 1945 näher rückten. Die Spuren der KZ sollten verwischt werden. Bald darauf fanden französische Soldaten die Massengräber in Bissingen, Schömberg und Schörzingen. Im Juli 1945 ließ die französische Militärverwaltung die Gräber öffnen und die Toten in Einzelgräbern bestatten.
Nach der Besatzungszeit übernahmen die Landkreise die Pflege der entstandenen Friedhöfe. Sie wurden ausgeschildert mit der Bezeichnung »Ehrenfriedhöfe«. Dadurch wurde die wahre Geschichte für den zufälligen Besucher verschleiert. Man hätte die Anlagen auch für Soldatenfriedhöfe halten können.
Erst Ende der achtziger Jahren brachte der Landkreis Zollernalb auf Anregung von Bürgern Metalltafeln an, die Hinweise gaben auf die Geschichte der Orte. Zuvor hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, die die Entstehung der Wüste-Lager und das Schicksal der Gefangenen erforschte.
1985 wurde ein brisantes Jahr. Der Landkreis Rottweil suchte einen Standort für eine Kreismülldeponie. Die beauftragten Gutachter entdeckten an der Kreisgrenze zwei Plätze, die hervorragend geeignet waren. Erstaunlicher Weise lag der eine ganz in der Nähe des KZ-Friedhofs Schörzingen und der andere zum Teil auf dem Gebiet der Ölschieferanlage, bei deren Bau 1944/1945 viele Häftlinge gestorben waren. Durch internationale Proteste konnte das Vorhaben gestoppt werden. In der Folgezeit verbesserten sich die Bedingungen für die Gedenkstätten- und Versöhnungsarbeit. Der Landkreis Zollernalb und die Städte Schömberg und Rottweil beteiligten sich an Gedenkfeiern, empfingen Überlebende, genehmigten und unterstützen die Entstehung der Gedenkstätte Eckerwald.
In den letzten Monaten engagierte sich die Stadt Schömberg ganz besonders. Sie erschloss das Gelände für einen Lernort zu NS-Geschichte neben dem KZ-Friedhof Schömberg und einen dafür notwendigen Parkplatz. Umso unverständlicher ist es, dass sie gleichzeitig die Erweiterung eines Gewerbegebiets neben dem KZ-Friedhof Schörzingen vorantreibt. Und dass der Bürgermeister alle Bedenken abwehrt, mit der Begründung, dass gegen das Vorhaben in der Teilgemeinde Schörzingen keine Einsprüche erhoben werden sollten, weil sich die Stadt schon so sehr in Schömberg engagiert habe. Außerdem ginge es in Schörzingen um neue Arbeitsplätze.
Er wird unterstützt von jungen Bürgern aus Schörzingen, die investieren wollen. Ihre Argumente sind, es müsste auch mal Schluss sein mit den alten Geschichten, man müsse nach vorne blicken. Wegen einer Gedenkfeier und ein paar Besuchern im Jahr müsste nicht ewig Rücksicht genommen werden. »Die paar Besucher« die sie meinen, sind KZ-Überlebende und Angehörige von Opfern aus ganz Europa, sind Teilnehmer vieler Führungen, vor allem Schulklassen und Jugendgruppen.
Weitere Informationen sind zu finden im Internet:
https://www.gedenkstaettenforum.de/gedenkstaetten/gedenkstaettenuebersicht
Gertrud Graf ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Initiative Gedenkstätte Eckerwald.