Am 1. Mai 2016 jährte sich die Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums München als Lern- und Erinnerungsort zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Nachwirkungen des Nationalsozialismus. Die Einrichtung befindet sich auf dem Grundstück der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP, dem sogenannten »Braunen Haus«. Dieser historische Ort steht exemplarisch für den Aufstieg der NSDAP in München sowie deren Macht- und Repräsentationsanspruch. Das gesamte Umfeld des Königsplatzes bildete nach 1933 das Zentrum der Parteiorganisation. Hier entstand mit dem »Führerbau« (heute Hochschule für Musik und Theater), dem »Verwaltungsbau der NSDAP« (heute Haus der Kulturinstitute) sowie den »Ehrentempeln« (1947 auf Direktive der US-Militärregierung gesprengt) das erste Bauensemble des Regimes, das als Vorbild für NS-Repräsentationsbauten in ganz Deutschland diente. Zeitweise arbeiteten rund um den Königsplatz in 68 Gebäuden etwa 6000 Menschen, die das Funktionieren der verschiedenen Parteiorganisationen und deren Aktivitäten bis zum Kriegsende ermöglichten
Die Einbindung des historischen Umfelds nimmt einen wichtigen Stellenwert im Konzept des NS-Dokumentationszentrums ein. »Die authentischen Täterorte sind Teil der Dokumentation und Präsentation. Nur auf der Seite der Täter und ihrer Helfer können die Ursachen, Hintergründe, Motive und Strukturen, die zum rassistischen Vernichtungskrieg und zum Holocaust führten, gefunden und aufgezeigt werden. Darin liegt die ganz besondere Bedeutung einer Dokumentation an einem Täterort«[1], schreibt Gründungsdirektor Professor Winfried Nerdinger. Dabei werden die Täter selbstverständlich nicht isoliert ohne den gesellschaftlichen Kontext ihrer Taten gesehen, »denn an sie wird nicht um ihrer selbst willen erinnert, sondern nur wegen der Verbrechen, die sie begangen haben oder für die sie verantwortlich sind«.[2]
Die Dauerausstellung »München und der Nationalsozialismus« thematisiert auf vier Ebenen Ursprung und Aufstieg der NS-Bewegung; Mitmachen – Ausgrenzen. Zwei Seiten der »Volksgemeinschaft«; München und der Krieg sowie Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nach 1945. So bilden u.a. das besondere gesellschaftliche und politische Milieu der Stadt in der Weimarer Republik, die Rolle Münchens als »Hauptstadt der Bewegung« sowie die Struktur und Funktion des Parteiapparats einen inhaltlichen Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus. Bei der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ausgrenzungsgesellschaft werden Täterinnen und Täter sowie Mitläuferinnen und Mitläufer genauso angesprochen wie diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Auch Resistenz und Widerstand werden thematisiert, um ein differenziertes Bild der propagierten »Volksgemeinschaft« zu vermitteln. Die Besucherinnen und Besucher können sich mit Handlungsspielräumen auseinandersetzen und Empathie mit den Ausgegrenzten, Verfolgten und Ermordeten entwickeln. Der ambivalente Umgang der Stadt München mit der NS-Geschichte bildet einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Unter anderem werden Demokratisierungsprozesse, der justizielle Umgang mit den Tätern und Täterinnen sowie die städtische Erinnerungskultur thematisiert. Der Gegenwartsbezug, die Leitfrage des Hauses »Was hat das mit mir zu tun?«, wird am Ende der Ausstellung noch einmal mit einem Newsticker besonders herausgestellt, an dem auf zwei großen Bildschirmen aktuelle Zeitungsmeldungen zu den Themen Antisemitismus, Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abgerufen werden können.
Im ersten Untergeschoss bietet ein interaktives Lernforum mit vier großen Medientischen, Bibliothek und Seminarräumen den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit zur Vertiefung der Ausstellungsinhalte sowie zur selbstständigen Recherche. Neben einem Medientisch zu den Bausteinen der NS-Ideologie bildet ein zweiter Tisch das völkisch-antisemitische Netzwerk in München ab, aus dem die Deutsche Arbeiterpartei/NSDAP 1919 hervorgegangen ist. Am dritten Medientisch können Lebensgeschichten und die damaligen Wohnorte von etwa 15 000 Personen unterschiedlicher Verfolgtengruppen recherchiert und im Münchner Stadtplan verortet werden. Schließlich zeichnet der vierte Medientisch den Weg Münchens zur »Hauptstadt der Bewegung« nach. An 24 Computertischen ist zudem die gesamte Dauerausstellung abrufbar. Die Ausstellungstexte sind hier mit einem digitalen Lexikon verknüpft, das Hintergrundinformationen zu den behandelten Themen liefert. So bietet das Lernforum vielfältige Möglichkeiten des entdeckenden und selbstbestimmten Lernens.
Als historisch-politischer Lernort möchte das NS-Dokumentationszentrum München dazu beitragen, kritisches historisches Bewusstsein zu wecken und damit auch das kritische Bewusstsein für gesellschaftliche und politische Prozesse der Gegenwart zu schärfen. Grundprinzip des Bildungskonzepts ist das Erkennen, Lernen und Verstehen am historischen Ort. Inhaltlich orientiert sich das Angebot an den 33 Leitthemen der Dauerausstellung. Ein besonderes Anliegen des Hauses ist die Sensibilisierung der Besucherinnen und Besucher für die Bedeutung der behandelten Inhalte für die eigene Lebensrealität. Die historischen Themen sollen nicht als abgekoppelte Lerninhalte verstanden, sondern als für die eigene Person und das eigene Leben relevant wahrgenommen werden. Fragestellungen wie »Warum beschäftigen wir uns mit (dieser) Geschichte?« und »Was hat das mit mir zu tun?« sind zentral für die Ausrichtung des Hauses und werden auf der Grundlage der Vermittlung historischen Wissens thematisiert. Lernen wird dabei als aktiver Prozess verstanden, der zur Diskussion und Meinungsbildung auch über gegenwärtige Gefährdungen und Verletzungen von Grundrechten anregt. Alle Bildungsformate stellen Bezüge zur Gegenwart her und leisten so auch einen Beitrag zur politischen Bildung. Wichtig ist jedoch, dass die Gegenwartsbezüge die historischen Inhalte nicht überlagern.
Ein zentrales Prinzip der Bildungsarbeit ist die Subjektorientierung. Die Berücksichtigung der Interessen und Fragen der Teilnehmenden bilden die Grundlage, um zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den behandelten Themen anzuregen. Zum Beispiel ermöglicht ein vielfältiges Seminarangebot mit zielgruppenorientierten Formaten und Methoden individuelle Zugänge zum jeweiligen Thema. Dabei wird ein partizipativer Ansatz verfolgt, der das Eigenengagement und die Motivation der Teilnehmenden steigert. Sie entscheiden selbst, mit welchen Inhalten sie sich vertiefend auseinandersetzen möchten. Dazu wird ihnen historisches Quellenmaterial zur Verfügung gestellt, das sie erforschen und entdecken können. Große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Begriff der Multiperspektivität zu. Es werden unterschiedliche Positionen vorgestellt und auch sich widersprechende Quellen präsentiert, um zu Diskussionen und zum Nachdenken anzuregen. Das partizipative Konzept ermutigt die Teilnehmenden, eigene Perspektiven zu entwickeln, sodass neben der Vermittlung historischen Wissens vor allem Dialog und Meinungsaustausch im Zentrum der pädagogischen Arbeit stehen.
Das Bildungskonzept wurde bereits vor der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums unterschiedlichen Zielgruppen vorgestellt und mit ihnen diskutiert. Dazu gehörten Lehrkräfte unterschiedlicher Schultypen sowie Vertreterinnen und Vertreter außerschulischer Bildungsträger wie das Pädagogische Institut und das Museumspädagogische Zentrum. Einzelne Formate wurden zudem gemeinsam mit Schulklassen erarbeitet und erprobt.
Das NS-Dokumentationszentrum München bietet ein breit gefächertes Programm der historisch-politischen Bildungsarbeit. Die Angebote richten sich immer an eine bestimmte Zielgruppe. Zum Angebot gehören neben Rundgängen, Seminaren und Fortbildungen auch inklusive Formate in »Leichter Sprache«. Die Entwicklung und Begleitung von Projekten, die von gymnasialen Seminaren bis zu kulturpädagogischen Projekten mit verschiedenen Partnern aus dem Bildungs- und Kulturbereich reichen, gehören ebenso zum vielfältigen Bildungsangebot.
In einem Rechercheworkshop, der Quellenarbeit mit den digitalen Medien des Lernforums kombiniert, haben Schulklassen die Möglichkeit, sich mit ausgewählten Themen der Dauerausstellung vertiefend zu beschäftigen. An den Medientischen und Computerstationen recherchieren sie in Kleingruppen zu den von ihnen selbst gewählten Themen. Die selbstständige und interessengeleitete Auseinandersetzung mit der Dauerausstellung erlaubt ihnen je nach Interesse und Vorwissen in einem individuellen Lerntempo sowohl eine Längsschnittbetrachtung, als auch einen biografischen Zugang zu wählen. So wird die Bereitschaft gefördert, eigene Fragen an das gewählte Thema zu entwickeln. Die Präsentation der Arbeitsergebnisse erfolgt in der Dauerausstellung als wechselseitiger Rundgang. Inhaltlich wichtige Stationen, die nicht von den Schülerinnen und Schülern aufgenommen wurden, werden von der Seminarleitung ergänzt.
Das Seminar »Verwaltung und Verantwortung« richtet sich an Erwachsene aus der Verwaltung. Es bietet Einblicke in die Struktur und Arbeitsweise der Münchner Stadtverwaltung und deren Beteiligung an Verbrechen während der nationalsozialistischen Herrschaft. Den Schwerpunkt des Seminars bildet eine quellenbasierte Gruppenarbeit zur Rolle des damaligen Oberbürgermeisters Karl Fiehler, zur »Arisierung« als arbeitsteiligem Verwaltungsakt am Beispiel der Firma Feuchtwanger, zur Errichtung eines »Judenlagers« und zur Deportation der Münchner Jüdinnen und Juden sowie zur Entnazifizierung nach 1945. Das Seminar geht der Frage nach, wie die Bereitschaft einer großen Anzahl von Angehörigen der öffentlichen Verwaltung zu erklären ist, an den nationalsozialistischen Verbrechen arbeitsteilig mitzuwirken. Dazu werden sowohl ideologische Voraussetzungen, gesellschaftliche Strukturen sowie persönliche Motive thematisiert. Schließlich stellen Fragen nach »Loyalität«, »Verantwortung« und »Handlungsspielräumen« damals und heute einen Gegenwartsbezug her, wobei die strukturellen Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie angesprochen und diskutiert werden.
Methodenvielfalt und Zielgruppenorientierung des Bildungsangebots zeigen sich exemplarisch in einem kulturpädagogischen Projekt, das das NS-Dokumentationszentrum gemeinsam mit dem Verein »Spielen in der Stadt« realisiert hat. Während eines Schuljahres erarbeiteten zwei Kulturpädagoginnen mit einer 8. Klasse einer Mittelschule ein Tanz- und Theaterstück zu dem Schwerpunktthema »Ausgrenzung und Toleranz«. Dabei waren die Jugendlichen inhaltlich und künstlerisch maßgeblich an der Entstehung der einzelnen Sequenzen beteiligt und haben auch den Titel des Stücks, »Always remember, never forget«, selbst bestimmt. Das Stück wurde unter großem Zuspruch im NS-Dokumentationszentrum präsentiert. Die Aufführungen zeigten eindrucksvoll, dass kulturpädagogische Methoden ein fruchtbarer Ansatz für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sein können.
Einzelbesucherinnen und -besuchern stehen acht Mediaguides zur Verfügung. Auch in diesem Angebot ist der zielgruppenorientierte Ansatz berücksichtigt. Der Basisguide für interessierte Erwachsene steht in acht Sprachen zur Verfügung. Er beinhaltet zu jedem der 33 Themenschwerpunkte der Ausstellung ein eigenes Hörstück. So können die Besucherinnen und Besucher selbst entscheiden, zu welchen Themen sie vertiefende Informationen erhalten möchten. Der Basisguide steht zudem als barrierefreies Angebot in »Leichter Sprache« zur Verfügung. Für Jugendliche gibt es einen Mediaguide, der mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Schultypen entwickelt und von diesen selbst eingesprochen wurde. Er beinhaltet zentrale Wünsche aus der Zielgruppe: Ein »roter Faden« leitet durch die Dauerausstellung, es gibt fakultativ eine Frage am Beginn eines jeden Stücks, die das Interesse wecken soll sowie eine Frage zum Weiterdenken am Ende eines jeden Beitrags. Letztere hat einen Gegenwartsbezug und greift so auch die übergeordnete Fragestellung des NS-Dokumentationszentrums auf: »Was hat das mit mir zu tun?«.
Auch Eltern mit jüngeren Kindern besuchen Ausstellungen zur Geschichte des Nationalsozialismus. Darum richtet sich ein weiterer Mediaguide an Kinder ab zwölf Jahren. Kinder haben in der Regel nur geringes historisches Vorwissen, aber ihr durchaus vorhandenes Interesse an Geschichte kann durch eine für sie nachvollziehbare Erzählung gefördert werden. Dafür ist ein biografischer Ansatz besonders gut geeignet. Das Konzept befolgt eines der grundlegenden Prinzipien des Hauses, nicht fiktiv zu arbeiten, also auch keine fiktiven Biografien zu behandeln. Mit dem Mediaguide folgen die Kinder mit ihren Eltern an ausgewählten Stationen der Lebensgeschichte des Münchner Überlebenden Ernst Grube. Geschrieben wurde dieser Rundgang in einer Sprache, die am Alter der Kinder orientiert ist. Eingesprochen wurde es von zwei -Kindern. Außerdem schildert Ernst Grube selbst seine Erinnerungen. Bei Themen, an die er keine eigene Erinnerung hat, die aber zentral für das historische Verständnis sind, wird auf Kindheitserinnerungen anderer Überlebender aus München zurückgegriffen. An den Stationen, an denen eine emotionale Überwältigung der Kinder zu befürchten ist, wie zum Beispiel bei Ernst Grubes Deportation nach Theresienstadt, werden diese Themen zwar kontextualisiert und angesprochen, aber nicht ausführlich geschildert. Der biografische Zugang ermöglicht Kindern Empathie mit einer konkreten Person, weckt über das Interesse an Ernst Grube das Interesse für die Zeitgeschichte und -fördert so ein erstes Verständnis für Geschichte und Strukturen des Nationalsozialismus.
Vier themenspezifische Mediaguides ermöglichen eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Themen »Antisemitismus«, »Ausgrenzungsgesellschaft« sowie »Männer und Frauen – Rollenbilder und Rollenzuschreibungen im Nationalsozialismus«. Der Mediaguide »Bildkritik« betrachtet ausgewählte Fotos der Dauerausstellung quellenkritisch und stellt sie in den jeweiligen historischen Kontext. Es wird aufgezeigt, dass im Nationalsozialismus die meisten öffentlichen Fotografien in den Dienst der Propaganda gestellt wurden. Es gab genaue Vorgaben, welche Bilder die Menschen zu sehen bekamen. Die Besucherinnen und Besucher können ein Verständnis dafür entwickeln, dass Fotos kein genaues Abbild der Realität sind. Vielmehr zeigen sie bestimmte Ereignisse aus einer bestimmten Perspektive mit einer konkreten Intention und geben auch immer nur einen Augenblick aus einer möglicherweise längeren Sequenz von Handlungen bzw. Zuständen wieder.
Der quellenkritische Umgang mit Fotos sowie Dokumenten wird auch in allen Bildungsangeboten für Gruppen durchgängig berücksichtigt. In den geführten Rundgängen sensibilisieren die Guides im Dialog mit der Gruppe dafür, dass Fotos, wenn sie als dokumentarische Zeugnisse genutzt werden, als historische Quelle analysiert und interpretiert werden müssen. Je nach Zielgruppe werden formale Merkmale, Bildinhalt, historischer Kontext, Intention und Verwendung der Fotografien gemeinsam erarbeitet.
Als Erinnerungs- und Lernort ist es für das NS-Dokumentationszentrum München ein besonderes Anliegen, zu einer Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte auch außerhalb der Einrichtung anzuregen. Die im Haus entwickelte App »Orte erinnern« führt an 120 zentrale Orte in München und Umgebung, die für die Geschichte des Nationalsozialismus von besonderer Bedeutung sind. Die Nutzerinnen und Nutzer haben zudem die Möglichkeit, vorgeschlagene Routen im Stadtzentrum abzulaufen. Eine integrierte GPS-Funktion erleichtert die Navigation im Stadtraum.
Bereits im ersten Jahr haben über 220 000 Besucherinnen und Besucher das NS-Dokumentationszentrum München besichtigt und über 1200 Gruppen an den Bildungsangeboten teilgenommen. Nach dieser überaus positiven Resonanz freut sich das NS-Dokumentationszentrum darauf, Kooperationen auch über München und Bayern hinaus zu intensivieren und weiter auszubauen.
Felizitas Raith, Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Bildung und Vermittlung am NS-Dokumentationszentrum München
Dr. Thomas Rink, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter Bildung und Vermittlung am NS-Dokumentationszentrum München
[1] Winfried Nerdinger: Einführung, in: München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Doku-mentationszentrums München, hrsg. von Winfried Nerdinger, München 2015, S. 9–12, S. 11.
[2] Ebenda