Der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz hat in der europäischen Erinnerungslandschaft ein einzigartiges Potenzial. Er zeigt exemplarisch die Verbindung von Industrie und Holocaust und ist damit die einzige historische Stätte, an der an einem ehemaligen Firmensitz die Mittäterschaft der privaten Wirtschaft am Massenmord in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern gezeigt und belegt wird.
Die Feuerbestattungsöfen, die J. A. Topf & Söhne ab 1914 produzierte, ermöglichten eine besonders pietätvolle Einäscherung und waren deshalb besonders erfolgreich. Gleichwohl war dieser Produktionsbereich immer klein und erbrachte nur wenige Prozente des Umsatzes im Gesamtunternehmen. Als die SS ab 1939 Öfen verlangte, mit denen die Leichen der Ermordeten in den Konzentrationslagern beseitigt werden sollten, entwickelte und baute Topf & Söhne auch diese Öfen. Sie widersprachen allen gesetzlichen Vorgaben und waren wie Anlagen für die Kadaververnichtung konstruiert. Topf & Söhne lieferte in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Auschwitz Stammlager, Mauthausen, Gusen und Groß-Rosen. 1942 bauten die Nationalsozialisten Auschwitz-Birkenau zum Zentrum des Völkermordes an den europäischen Juden und an den Sinti und Roma aus. Nun konzipierte die SS die Krematorien wie »Todesfabriken«: Tötung und Leichenbeseitigung wurden unter einem Dach zusammengefasst. Sie sollten ohne Unterbrechung, möglichst schnell, billig und Brennstoff sparend vonstattengehen. Um dies zu bewerkstelligen, war die SS auf zivile Experten angewiesen, die keine Skrupel hatten, sich in die praktischen Probleme der Vernichtung hineinzudenken. Die Erfurter Firma hat bei Aufbau und Betreibung dieser Krematorien eine entscheidende Rolle gespielt. Erst die leistungsstarken Öfen erlaubten der SS, die Spuren ihres Menschheitsverbrechens zu verwischen. Und nur die Lüftungstechnik ermöglichte in den nicht auf natürlichem Wege zu entlüftenden Gaskellern, dass diese im Dauerbetrieb als Mordeinrichtungen betrieben werden konnten. Weit über eine Million Menschen wurden in Auschwitz ermordet: über 960 000 Juden, bis zu 75 000 Polen, 21 000 Sinti und Roma, 15 000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 15 000 Menschen verschiedener Nationalität.
1878 Braumeister Johannes Andreas Topf (1816–1891) gründet ein feuerungstechnisches Baugeschäft in Erfurt.
1889 Die Firma J. A. Topf & Söhne, Spezialgeschäft für Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen, erwirbt ein eigenes Firmengelände am Rande Erfurts.
1914 Die Firma hat über 500 Mitarbeiter. Sie beginnt in einer kleinen Abteilung mit dem Bau von Einäscherungsöfen für Krematorien und wird in den 1920er Jahren zum Marktführer in dieser Branche.
1939 Ludwig und Ernst Wolfgang Topf, Geschäftsführer und Firmeninhaber in dritter Familiengeneration, beginnen damit, die SS mit speziell für die Konzentrationslager entwickelten Leichenverbrennungsöfen zu beliefern. Konstruiert werden sie von dem Ingenieur Kurt Prüfer.
1942 Im Wissen um den Massenmord mit Gas in Auschwitz reicht die Firma auf Initiative des Ingenieurs Fritz Sander einen Patentantrag für einen »kontinuierlich arbeitenden Leichenverbrennungsofen für Massenbetrieb« ein.
1943 Die Großkrematorien im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau werden mit Öfen und Gaskammer-Lüftungstechnik aus Erfurt zu »Todesfabriken« ausgerüstet. Die Lüftungsanlagen entwickelt der Ingenieur Karl Schultze.
1945 Topf & Söhne arbeitet im Februar daran, mit den in Auschwitz-Birkenau demontierten Anlagen der Todesfabriken ein neues Vernichtungszentrum in der Nähe des KZ Mauthausen zu errichten. Im April unterstützt der neu gewählte Betriebsrat aus Kommunisten und Sozialdemokraten die Rechtfertigung der Firmenleitung, dass es sich bei den Ofenlieferungen um eine gewöhnliche Geschäftsbeziehung gehandelt habe. Am 31. Mai begeht Ludwig Topf aus Angst vor seiner Verhaftung durch die US-Armee Selbstmord. Ernst-Wolfgang Topf reist in die westlichen Besatzungszonen und wird nach dem Besatzungswechsel durch die sowjetische Armee an seiner Rückkehr gehindert.
1946 Verhaftung von Kurt Prüfer, Fritz Sander, Karl Schultze und Betriebsdirektor Gustav Braun durch die sowjetische Armee. 1948 Verurteilung in Moskau zu jeweils 25 Jahren Lagerhaft wegen Unterstützung der SS beim Völkermord.
1947 J. A. Topf & Söhne wird landeseigener Betrieb.
1948 Die Firma wird volkseigen und in Topfwerke Erfurt VEB umbenannt. Sie wird der VVB NAGEMA angegliedert (Vereinigung volkseigener Betriebe des Maschinenbaus für Nahrungs- und Genussmittel, Kälte- und chemische Industrie). Das Leitungspersonal ist dasselbe wie vor 1945, abgesehen von den Brüdern Topf und den verhafteten Ingenieuren.
1951 Ernst-Wolfgang Topf gründet in Wiesbaden die Firma J. A. Topf & Söhne neu und spezialisiert sich auf den Bau von Krematoriums- und Abfallvernichtungsöfen. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen ihn werden eingestellt. 1954 verlegt er die Firma nach Mainz.
1952 Umbenennung des Erfurter Betriebs in NAGEMA VEB Maschinenfabrik »Nikos Belojannis« nach einem griechischen Kommunisten, der bis zu seiner Flucht 1943 Häftling in einem deutschen KZ in Griechenland war.
1955 Der Bereich Krematoriumsofenbau bei »Nikos Belojannis« wird aufgelöst.
1957 Umbenennung in VEB Erfurter Mälzerei- und Speicherbau (EMS), die Produktion industrieller Feuerungsanlagen wird ganz aufgegeben.
1963 Konkurs der Firma J. A. Topf & Söhne von Ernst-Wolfgang Topf in Mainz.
1993 Die EMS in Erfurt wird privatisiert. Jean-Claude Pressac, Verfasser eines Buches über die Krematorien von Auschwitz, übernimmt wesentliche Teile des Firmenarchivs und verbringt sie nach Paris.
1996 Konkurs der EMS GmbH
1999 In Erfurt gründet sich der Förderkreis Topf & Söhne. Er fordert ein Forschungsprojekt zur Betriebsgeschichte von J. A. Topf & Söhne und tritt dafür ein, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke sowie pädagogische Angebote zu nutzen.
2001 Ein Teil der Firmenbrache wird besetzt, um ein autonomes Kulturzentrum zu betreiben. Das »Besetzte Haus« führt neben soziokulturellen Projekten auch Veranstaltungen und Führungen zur Geschichte von Topf & Söhne im Nationalsozialismus durch.
2002 An der Gedenkstätte Buchenwald beginnt ein Forschungsprojekt zu Topf & Söhne, finanziert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
2003 Das Thüringische Landesamt für Denkmalschutz weist das Verwaltungsgebäude als Kulturdenkmal aus und schlägt eine Nutzung für die Darstellung und Aufarbeitung der Geschichte vor. Mehrere Produktionsgebäude erhalten ebenfalls Denkmal-Status. Im Falle von Abbruch und Neubebauung ist ihr Ort durch eine Markierung zu kennzeichnen.
2005 Die internationale Wanderausstellung Techniker der »Endlösung«. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wird im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet. Bis 2010 wird die Ausstellung im Stadtmuseum Erfurt, im Ruhrlandmuseum Essen, im LWL-Industriemuseum Ziegeleimuseum in Lage, im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, im Joods Museum van Deportatie en Verzet in Mechelen (Belgien), in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, im Arbejdermuseet Kopenhagen (Dänemark) und im Teknisk Museum Oslo (Norwegen) gezeigt. Der Erfurter Oberbürgermeister Manfred O. Ruge und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Prof. Dr. Volkhard Knigge vereinbaren, die Ausstellung nach ihrer Wanderung als Kern des Erinnerungsortes auf Dauer im ehemaligen Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne in Erfurt zu zeigen. Die Stadt finanziert die Erarbeitung eines Nutzer- und Betreiberkonzeptes und einer pädagogischen Konzeption für den Erinnerungsort. Beides wird von Dr. Annegret Schüle erstellt.
2007 Der Erfurter Stadtrat beschließt einstimmig, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Topf & Söhne einen Erinnerungsort zu schaffen und zu betreiben.
2008 Die Domicil Hausbau GmbH & CO KG in Mühlhausen/Thüringen wird Eigentümerin des ehemaligen Firmengeländes von Topf & Söhne und damit Partnerin für die Stadt Erfurt beim Aufbau des Erinnerungsortes und zukünftige Vermieterin der Räume im Verwaltungsgebäude und der Außenanlagen. Für das Gebiet erstellt die Stadt einen neuen Bebauungsplan, der sowohl die Nutzung des Verwaltungsgebäudes und seines Vorplatzes als Erinnerungsort festschreibt wie auch die Errichtung eines Fachmarktzentrums und Wohnungen durch den Investor ermöglicht.
Das Kultusministerium des Freistaates Thüringen und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bewilligen eine Fördersumme von insgesamt einer Million Euro für den Aufbau des Erinnerungsortes.
2009 Im Januar scheitern die Verhandlungen zwischen der Stadt Erfurt und dem »Besetzten Haus« über eine räumliche Alternative für das autonome Kulturzentrum. Ein städtisches Ausweichangebot wird vom »Besetzten Haus« nicht akzeptiert. Der Eigentümer, der zunächst durch eine mehrmonatige Fristverlängerung eine einvernehmliche Lösung ermöglichen wollte, erwirkt ein Räumungsurteil beim Landgericht und lässt das »Besetzte Haus« am 16. April durch die Polizei räumen. Das Verwaltungsgebäude wird durch ein neues Dach und neue Fenster vor dem weiteren Verfall geschützt.
2010 Im ehemalige Verwaltungsgebäude beginnt der Innenausbau.
2011 Der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz wird eröffnet.
Der Erinnerungsort Topf & Söhne, der am 27. Januar 2011 und damit 66 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau eröffnet wurde, ist konzipiert als Gedächtnis-, Lern- und Begegnungsort. Selbst erkämpft, regt er die Menschen in Erfurt und weit darüber hinaus an, sich mit einem Aspekt der lokalen Industriegeschichte zu beschäftigten, der in seiner Bedeutung weit über die stadtgeschichtliche Dimensionen hinausgeht. Er entstand aus einem Forschungsprojekt der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und arbeitet mit der Stiftung als dauerhaftem Kooperationspartner zusammen. Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma, in dem heute der Erinnerungsort untergebracht ist, wurde bei der Sanierung durch das Büro Kastner Pichler Architekten aus Köln selbst wie ein Exponat behandelt und in Abstimmung mit der städtischen Denkmalpflege gestaltet. Im Haus sowie auf dem Vorplatz wurden historische Spuren sichtbar gemacht, ein gusseisernes Modell im Maßstab 1 : 50 zeigt das Firmengelände 1944/45.
In der von Hans Dieter Schaal entworfenen Innenausstellung werden Schlüsseldokumente zum Holocaust aus dem Betriebsarchiv sowie aus Auschwitz und Moskau gezeigt. Fotos und Sachzeugnisse dokumentieren die Firmengeschichte. Berichte von Häftlingen bezeugen, was den Menschen in Auschwitz angetan wurde. In Buchenwald 1997 geborgene Aschekapseln und die zu Lumpen zerschlissene letzte Habe von Häftlingen auf den Todesmärschen von Auschwitz-Birkenau nach Buchenwald werden als stumme Zeugnisse gezeigt. Die Ausstellung thematisiert auch die Nachgeschichte der Leugnung, Verdrängung und Strafverschonung sowie die späte und erkämpfte Erinnerung bis zur Eröffnung des Erinnerungsortes.
In der Außenausstellung, die auch das Gelände des hinter dem Verwaltungsgebäude neu errichteten Fachmarktzentrums einbezieht, berichten Stelen von den Produktionsorten der KZ-Öfen und der Lüftungstechnik – mitten im heutigen Geschäftsalltag, so wie auch damals die Verbrechensbeteiligung im betrieblichen Alltag geschah. Die Lage des Erinnerungsortes zwischen Wohnbebauung und Gewerbeansiedlungen zeigt den engen Bezug zur Stadtgeschichte und zur Thüringer Industriegeschichte. Die Qualität der Gestaltung des historischen Ortes und der Umgang mit den baulichen Spuren der Geschichte ist 2011 mit zwei Architekturpreisen gewürdigt worden. Der Erinnerungsort Topf & Söhne war Preisträger in dem vom Bund Deutscher Architekten Thüringen erstmals ausgelobten Wettbewerb »eins zu eins«, mit dem beispielhaft gute Architektur gewürdigt und öffentlich dargestellt wird. Für die Sanierung des Verwaltungsgebäudes erhielten Kastner Pichler Architekten von einer unabhängigen Jury aus namhaften Architekten das Label »best architects 12« in Gold für besonders hohe Qualität. Aus 298 eingereichten Arbeiten wurde das Label insgesamt 74-mal vergeben, davon neun Arbeiten mit dem Label »best architects 12« in Gold. Der best architects Award zeichnet Architekten aus dem deutschsprachigen Raum in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Lichtenstein und Italien aus. Die Auszeichnung gilt als Gütesiegel für herausragende architektonische Leistung.
Der Erinnerungsort zählt durchschnittlich 950 Gäste im Monat. Sie besuchen die Dauerausstellung Techniker der »Endlösung«, die Sonderausstellungen »Arisierung« in Thüringen. Ausgegrenzt. Ausgeplündert. Ausgelöscht. (9. November 2011 bis 13. Januar 2012) und Unersetzbar. Begegnung mit Überlebenden (1. Juni 2012 bis 27. Januar 2013) und nehmen an einer von 23 Führungen, Projekten und Veranstaltungen im Monat teil. Ein Drittel aller Besucher kommen als Gruppe mit einer gebuchten Betreuung ins Haus. Die Hälfte dieser Gruppen sind Schülerinnen, Schüler und andere Jugendliche.
Vor dem Hintergrund eines gut erforschten und dokumentierten historischen Geschehens bietet der Erinnerungsort einen Raum zur Reflexion aktueller gesellschaftlicher Fragen. In zahlreichen Veranstaltungen beschäftigen sich die Besucherinnen und Besucher mit Wirtschaftsethik, Bildungsarbeit gegen Rassismus, Erinnerungskultur, jüdischer Geschichte, dem Schicksal der Sinti und Roma, der »Euthanasie«, dem Völkermord in Ruanda und vielen anderen sensiblen, schwierigen und die Grundfragen einer menschlichen Gesellschaft betreffenden Fragen. Insbesondere der Themenkomplex »Arbeit und Verantwortung« ist ein wichtiger und innovativer Zugang in der von Gedenkstätten angestrebten Menschenrechtsbildung. Indem der Erinnerungsort die Mitwisser- und Mittäterschaft im Alltag des Nationalsozialismus thematisiert, stellt sich für die Besucherinnen und Besucher die oft unbequeme Frage nach dem Handlungsspielraum jedes und jeder Einzelnen im eigenen beruflichen Alltag. Als Berufsgruppen kamen Richter, Banker, Polizisten, Soldaten, städtische Angestellte, Ingenieure, Lehrer und Pfarrer, um sich in der Dauerausstellung Techniker der »Endlösung« auf Spurensuche zu begeben und in den historischen Dokumenten die Motive und Handlungsoptionen der Unternehmer und Techniker zu erforschen. Auch Jugendliche können so ausgehend von ihren Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen mit der Frage nach der eigenen Verantwortung für Demokratie und Mitmenschlichkeit erreicht werden.
Die Angebote des außerschulischen Lernortes richten sich an Jugendliche ab der 9. Klasse und Studierende. Sie reichen vom geführten 120-minütigen Ausstellungsbesuch über Halbtages- und Tagesprojekte bis hin zu Mehrtagesprojekten in Kooperation mit Partnerinstitutionen. Die angeleitete Beschäftigung mit historischen Quellen und das forschende Lernen sind in allen Angebotsformaten zentrale Arbeitsmethoden. Besonderes Anliegen sind Angebote für die in Gedenkstätten unterrepräsentierte Zielgruppe der Berufsschüler/innen. Jugendliche in Berufsausbildung und -vorbereitung haben eigene Erfahrungen mit Unternehmenspraktiken und betrieblichen Abläufen, wie sie auch die Dokumente in der Ausstellung widerspiegeln. In der Ausgestaltung der Bildungsangebote richtet sich der Erinnerungsort nach den in der Gedenkstättenpädagogik vorherrschenden Grundprinzipien. Der Bildungsprozess wird offen und demokratisch gestaltet und den Teilnehmenden ein höchstmögliches Maß an freiwilliger und eigenständiger Arbeit ermöglicht. Während des pädagogischen Prozesses gelten das dialogische Prinzip und das Verbot der Indoktrination. Ziel ist die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins, also die Anregung zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte und die Ermutigung zu eigener Urteilsfindung. Die verschiedenen Bildungsangebote wahren die Balance zwischen inhalts- und prozessorientiertem Arbeiten, das die einzelnen Teilnehmenden und die Gruppendynamik im Blick behält. Die begleitende pädagogische Fachkraft versteht sich im Bildungsprozess als Vermittler/in zwischen dem Inhalt und den Schüler/innen.
Mit den im Folgenden dargestellten, in der Bildungsarbeit am Erinnerungsort gemachten Erfahrungen sollen Material und Anregungen für die weitere Diskussion in der Gedenkstättenpädagogik bereitgestellt werden. Die Praxis von fast zwei Jahren machte deutlich, dass sich die Jugendlichen eine lebendige Form der Erinnerung und eine aktive Auseinandersetzung wünschen und in ihren Fragen und Unsicherheiten ernst genommen werden wollen. Die in der Ausstellung gezeigten historischen Dokumente, die die Mitwisser- und Mittäterschaft von Topf & Söhne bezeugen und dabei auch das Massenverbrechen in Auschwitz an sich belegen, nehmen im pädagogischen Prozess eine Schlüsselstellung ein. Die von der pädagogischen Fachkraft angeregte Spurensuche in den Dokumenten findet im Halbtagesprojekt selbstständig, in der Führung im Dialog der Gruppe statt. Das Potenzial der Quellenarbeit liegt darin, dass die Schüler/innen ermutigt werden, sich über eine passiv-rezeptive Beschäftigung mit der Geschichte hinaus aktiv mit einem historischen Zeugnis auseinanderzusetzen, sich mit dem Werkzeug der klassischen Quellenanalyse ein eigenes Verständnis des historischen Geschehens zu erarbeiten und sich dazu ein eigenes Werturteil zu bilden.
In der Phase der klassischen Quellenanalyse untersuchen die Schüler/innen die Dokumente, um drei Fragen zu beantworten:
1. Welches Wissen hatten die einzelnen Beteiligten bei Topf & Söhne über den Terror und den Massenmord in den Lagern?
2. Welche Motive hatten die Einzelnen, sich an den Geschäften mit der SS zu beteiligen?
3. Was war die konkrete Beteiligung der einzelnen Akteure im Unternehmen?
In der Reflexionsphase werden die Schüler/innen ermutigt, die aus den Dokumenten erschlossenen Inhalte zusammenzutragen, um Argumente zu finden und zu einem eigenen historischen Urteil zu kommen. Dabei bewerten sie die Verantwortung des Einzelnen für die Geschäfte mit der SS unter Berücksichtigung seiner konkreten Beteiligung, seiner Stellung in der Betriebshierarchie und seinen Handlungsoptionen. Diese Bewertungen werden abschließend herangezogen, um ausgehend vom historischen Beispiel ein Gespräch über das Thema »Verantwortung im beruflichen Alltag heute« je nach Erfahrungshintergrund und Interessen der Jugendlichen anzustoßen. Die Spurensuche in den historischen Quellen als Einzelarbeit bzw. in Kleingruppen wird von den Schüler/innen in den Feedbackrunden als wichtig hervorgehoben. Die Quellen sind als hochwertige Scans in Originalgröße und -farbigkeit einzeln in den Vitrinen ausgestellt und können den Jugendlichen auch als Kopie in die Hand gegeben werden. Anders als Schwarz-Weiß-Kopien, Abschriften oder digitale Versionen ermöglichen sie ein intensiveres visuelles und haptisches Erleben. Die Beobachtung ist, dass die Teilnehmer/innen dadurch ein Gefühl der Wichtigkeit ihrer Auseinandersetzung mit diesen Quellen gewinnen.
Die Betrachtung von J. A. Topf & Söhne als »normalem Unternehmen« erleichtert es, die Jugendlichen zu motivieren, in die Auseinandersetzung mit der Geschichte einzusteigen. Oftmals scheinen sie von der Thematik Holocaust übersättigt. Bei der Betrachtung der Firmengeschichte von Topf & Söhne geht es zunächst nicht um das unermessliche Grauen und den Terror in den SS-Lagern, sondern um eine scheinbar vertraute Normalität. Während im Geschichtsunterricht eher Makrogeschichte dominiert, steht bei der Beschäftigung mit der Firmengeschichte von Topf & Söhne die Betrachtung einzelner Personen in ihrem gewöhnlichen Alltag im Zentrum. Diesen akteurszentrierten Zugang zur Thematik bewerten die Teilnehmer/innen besonders positiv. Wenn die Schüler/innen vor einer Arbeitszeitbescheinigung des Lüftungsmonteurs Heinrich Messing stehen, der während der Tätigkeit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in einer Woche 35 Überstunden anhäufte, drängt sich vielen die Feststellung auf, dass 35 zusätzliche Stunden viel Arbeitszeit bedeutet. Von dieser Feststellung ausgehend kann weiteren Fragen nachgegangen werden, wie z.B.: Was waren seine Tätigkeiten in dieser Woche? Was wusste er um die Umstände in dem Lager? Was hat er mit seinem Wissen gemacht?
Die Thematik Topf & Söhne ist besonders geeignet, mitgebrachte Geschichtsbilder, die eine Beteiligung am Holocaust aus der Mitte der Gesellschaft relativieren, exkulpieren oder leugnen, infrage zu stellen und zu dekonstruieren. Aus diesen methodischen Erwägungen heraus steht die Frage nach den Motiven der Firmenchefs und der Beschäftigten bei Topf & Söhne am Beginn jedes Besuchs im Erinnerungsort und sie zieht sich als roter Faden durch die ganze Zeit der Betreuung der Gruppe. Auf diese Frage antworten die Gruppen zunächst zum größten Teil mit drei Vermutungen: Unwissenheit, Zwang und ökonomischer Gewinn. Interessant ist, dass die ersten beiden Argumentationsmuster die zentrale Rechtfertigungs- und Exkulpationsstrategie des Firmenchefs Ernst Wolfgang Topf nach 1945 darstellte.
In der Inhaltsanalyse der Quellen können die Jugendlichen dann in den meisten Fällen benennen, dass die Akteure um das Morden in den Lagern wussten. Sie lesen persönliche Motive wie Streben nach Anerkennung und innerbetriebliche Konkurrenz heraus und sehen die Eigeninitiative. Sie verstehen, dass der Umsatz mit den KZ-Öfen sehr gering war (knapp zwei Prozent), sodass keine ökonomische Notwendigkeit für das Unternehmen bestand, diese Aufträge zu übernehmen. In ihrem Werturteil kommen sie – im Gegensatz zu den zu Beginn geäußerten Vermutungen – zu dem Schluss, dass Firmenchefs und Ingenieure eine hohes Maß an Handlungsoptionen hatten. In einem geführten 120-minütigen Ausstellungsbesuch werden in der Regel fünf in den Vitrinen ausgestellte Quellen für die Spurensuche herangezogen. Exemplarisch soll der Erkenntnisprozess an einer Quelle skizziert werden, der Auftragsbestätigung an die SS-Bauleitung Auschwitz von J. A. Topf & Söhne für fünf Dreimuffel-Öfen für Auschwitz-Birkenau vom 4. November 1941. Darin schreibt die Firma: »Erwähnen möchten wir, daß die Einäscherungskammern in den Öfen jetzt größer gebaut werden als bei den bisherigen Öfen. Hierdurch wollen wir eine größere Leistung erreichen. Aus dem gleichem Grunde haben wir auch statt 2 Saugzug-Anlagen deren 3 vorgesehen, dabei aber auch berücksichtigt, daß gefrorene Leichen zur Einäscherung gelangen, die mehr Heizmaterialaufwand bedingen, […]. Wir sichern Ihnen die Erstellung einer sachgemäßen und gut arbeitenden Anlage zu und empfehlen uns mit Heil Hitler!« Gezeichnet ist das Schreiben von Ernst Wolfgang Topf, einem der beiden Firmenchefs.[1] In der Quellenanalyse benennen die Schüler/innen in den meisten Fällen, dass das Schreiben (1.) am Ausdruck »gefrorene Leichen« deutlich werden lässt, dass den Beteiligten die Umstände in den Lagern bekannt waren, (2.) rein technokratisch klingt und die Firma ihr entwickeltes Produkt werbemäßig anpreist und (3.) zeigt, dass die Firma aus eigener Initiative technologisches Know-how entwickelte, um die Verbrennungsöfen zu effektivieren.
Auffällig ist, dass Jugendliche oftmals mit Unglauben darauf reagieren, dass die Quellen nur die alltäglichen, fast schon banalen Motive als Erklärungsmuster anbieten. Es macht den Eindruck, als suchten sie nach den monströsen Motiven und als hätten sie ein Bedürfnis nach stereotypen Erklärungen der Täter wie »Monster« und »SS‑Schergen«. Aus dieser Spannung entsteht häufig ein Gespräch innerhalb der Gruppe. Wenn es sich also um ganz gewöhnlichen Motive handelte, so die Diskussion, dann hätten sie sich doch auch anders entscheiden können. Daraus wird das allgemeine Ergebnis abgeleitet, dass eigentlich jedes handelnde Subjekt die Möglichkeit hat, Entscheidungen zu treffen. Die Jugendlichen stimmen in ihrer Bewertung weitgehend darin überein, dass der Einzelne immer sein eigenes Gewissen bei seinen Entscheidungen befragen muss. Dabei thematisieren sie oft auch, dass es in einer demokratischen Gesellschaft einfacher ist als unter einem diktatorischen Regime, Verantwortung wahrzunehmen.
Interessant ist, wie dieses allgemeine moralische Urteil problematisiert und relativiert wird, wenn die pädagogische Fachkraft in der Transfer- und Aktualisierungsphase am Ende des Besuchs den Diskussionsimpuls zur Verantwortung des Einzelnen in seinem (beruflichen) Alltag heute gibt. Die Reaktionen der Jugendlichen entsprechen nicht zwingend einer sozialen Erwünschtheit. Jetzt widersprechen sie oftmals der zuvor am historischen Beispiel gewonnenen Erkenntnis, dass Menschen den Handlungsspielraum und damit auch die Verantwortung für ethische Entscheidungen haben. So wehren manche jetzt eine Verantwortung des Einzelnen mit der generellen Frage ab, ob die Menschen im Grunde nicht einfach doch unethisch handelnde Subjekte seien, die nur durch die jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen zu sozialem Handeln gezwungen würden. Zum Zweiten wird angeführt, dass Menschen bequem seien und in Entscheidungssituationen meist den Weg des geringsten Widerstands wählen würden. In einer dritten, ebenfalls häufig vorgebrachten Erklärung wird argumentiert, dass die moderne, funktional-arbeitsteilige, hochkomplexe und beschleunigte Gesellschaft es dem Einzelnen nicht ermöglicht, die Tragweite seiner Handlungen zu ermessen. Somit könne er auch nicht verhindern, unethisch zu handeln. Ein viertes Argument bezieht sich auf den eigenen sozialen Nahraum und die persönlichen Ebene. Die oftmals gestellte Frage lautet, inwieweit der Einzelne das eigene persönliche und familiäre Wohlergehen für andere gefährden sollte.
Als Fazit kann festgestellt werden, dass im geführten 120-minütigen Ausstellungsbesuch oft erreicht wird, dass die Jugendlichen selbst ihre neu gewonnenen historischen Erkenntnisse und Bewertungen auf das Heute übertragen. Der Gewinn liegt darin, dass die dann vorgebrachten »Gegenargumente« von anderen Teilnehmern infrage gestellt werden und eine Diskussion in der Gruppe entsteht. Die pädagogische Fachkraft bezieht in dieser Diskussion Position, ohne zu werten. Das Halbtages-Projekt bietet den Raum, die von den Jugendlichen vorgebrachten Argumente zu hinterfragen und die Reflexion zu vertiefen. Während sich in einer Führung oftmals nur der kleine Teil einer Gruppe zu Wort meldet, werden im Halbtages-Projekt derzeit Formen ausprobiert, die alle Jugendlichen dazu auffordern, Position zu beziehen. Weiter werden Materialien erarbeitet, mit denen Entscheidungssituationen, Handlungen und die zugrunde liegende Haltung multiperspektivisch bearbeitet werden können: Die Perspektive der Beteiligten im Unternehmen J. A. Topf & Söhne kann dabei kontrastiert werden mit jener von Menschen, die im Nationalsozialismus Widerstand leisteten und sie kann auch in Beziehung gesetzt werden zu aktuellen Argumentationsmustern für individuelle, ökonomische und politische Entscheidungen.
Seit seiner Eröffnung verfolgt der Erinnerungsort das Projekt Lebendige Erinnerung. Er möchte den Überlebenden Gehör verschaffen, ihre berührenden und verstörenden Erfahrungen mit der Öffentlichkeit teilen und Begegnungen zwischen diesen letzten Zeitzeugen und den Nachgeborenen, insbesondere der Jugend, ermöglichen.
Zur Eröffnung am 27. Januar 2011 fand eine Gedenkstunde mit Überlebenden aus Belgien, Deutschland, Israel, Frankreich und den Niederlanden statt.[2] Die Gedenkrede hielt Flóreal Barrier, ehemaliger Häftling des KZ Buchenwald. Die Dauerausstellung Techniker der »Endlösung« wurde im Rahmen des 66. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald im April 2011 von 50 Überlebenden und ihren Angehörigen aus Belarus, Frankreich, Israel, Kanada, Kolumbien, Polen, Rumänien, Russland, der Ukraine, Ungarn und den USA besucht.
Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012 war Éva Pusztai aus Budapest zu Gast im Erinnerungsort. Die heute 87-Jährige wurde im Juni 1944, drei Monate nach der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht, mit ihrer Familie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Nur sie überlebte. Am Abend des 27. Januar lasen zwei junge Freiwillige für die 200 Besucherinnen und Besucher aus Éva Pusztais Lebensgeschichte Die Seele der Dinge. Danach kam es zu einer sehr berührenden Aussprache. Eine besondere Stimmung des wachen Interesses und der Anteilnahme entstand auch in zwei weiteren Veranstaltungen, in denen Éva Pusztai zu Jugendlichen aus der Berufsbildenden Schule für Gesundheit und Soziales und zu Schülerinnen und Schülern des Königin-Luise-Gymnasiums in Erfurt sprach.
13 Schülerinnen und Schüler dieses Gymnasiums erarbeiten in den Tagen zuvor die 60-minütige Radiosendung Lebendige Erinnerung, die am Samstag, den 28. Januar, mit den Jugendlichen und in Anwesenheit mehrerer Überlebender im Erinnerungsort vor Publikum produziert wurde. Die Schüler/innen dokumentierten die Zeitzeugengespräche mit Éva Pusztai und anderen ehemaligen Häftlingen, die zum Gedenken im Thüringer Landtag eingeladen waren, erforschten Dokumente der Firma Topf & Söhne in der Ausstellung im ehemaligen Verwaltungsgebäude und befragten Passanten auf Erfurter Straßen, was sie von Topf & Söhne und dem Gedenktag wissen. Basierend auf ihren Recherchen und den Eindrücken verfassten die Jugendlichen eigene Beiträge, sprachen diese ein und stellten sie zu einer Magazinsendung zusammen.
Das Potenzial einer solchen intensiven Auseinandersetzung liegt darin, dass es den Jugendlichen ganz unterschiedliche Zugangsweisen zur Thematik bietet. Neben dem geschichtlichen Zugang spielen die technische und die journalistische Herausforderung eine nicht unbedeutende Rolle sowie das Anwenden von Deutschkenntnissen beim Verfassen der Artikel. Das Führen von Interviews mit Experten und das Gespräch mit Passanten setzt voraus, dass die Jugendlichen das angeeignete Wissen kognitiv verarbeiten und situationsadäquat wiedergeben können. Erforderlich ist weiterhin das Vertrauen in die eigene Leistung und in die eigene Redefertigkeit. Dieses Zusammenspiel der kognitiven, emotionalen und kreativen Herangehensweise an die Thematik ermutigt die Jugendlichen zu einer aktiven Auseinandersetzung. Sie selbst beschrieben das einwöchige Projekt als sehr intensiv und vielschichtig, da sie sich anders als im schulischen Unterricht mit mehreren Aspekten eines Themas beschäftigten und das eigene Wissen und ihre persönliche Sichtweise in einer Radiosendung an Hörer/innen weitergeben konnten. Dieses Radioprojekt wurde 2012 im erstmals ausgelobten Schülerwettbewerb des Thüringer Innenministeriums Klasse gegen Rechtsextremismus mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Wie nachhaltig ermutigend die Begegnung mit den Überlebenden auf die Jugendlichen wirkte, zeigt ein Brief von drei Schülerinnen aus der neunten Klasse, den sie ein halbes Jahr später an Éva Pusztai richteten. Dort schreiben sie: »In diesem Brief wollen wir Ihnen mitteilen, dass das Treffen mit Ihnen uns ein wenig verändert hat. Sie haben eine so positive Einstellung, dass Sie uns zum Nachdenken bewegt haben. Wir gehen nun viel positiver miteinander um und haben unseren Pessimismus weggeschoben.«
Angesichts der Potenziale und Effekte dieses Formats wurde das Radioprojekt als festes Angebot in Kooperation mit dem Erfurter Bürgerradio Radio F.R.E.I. installiert. Unter dem Motto Lebendige Erinnerung erhalten Schulen die Möglichkeit, zu Gedenktagen, wie z.B. an den Beginn der Deportation der Thüringer Juden, an die Novemberpogrome und am 27. Januar, eine Radiosendung analog zur Pilotsendung zu erarbeiten. Unter dem Motto Arbeit und Verantwortung wird ein zweites thematisches Radioprojekt angeboten. Dabei wird die Geschichte der Firma J. A. Topf & Söhne mit der Frage nach dem Verhältnis von Wirtschaft und Ethik verknüpft und das Thema »Verantwortung« unter philosophischen, politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Aspekten beleuchtet.
Das Team des Erinnerungsortes wurde durch die Begegnung mit Éva Pustzai inspiriert, ihr und anderen Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtung die erste eigene Sonderausstellung zu widmen: Unersetzbar. Begegnungen mit Überlebenden. Die Ausstellung porträtiert fünf Überlebende und erinnert an ihre ermordeten Familienmitglieder. Esther Bejarano und Éva Pusztai, eine deutsche und eine ungarische Jüdin, haben das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt. Günter Pappenheim war als Sohn eines ermordeten Sozialisten selbst im KZ Buchenwald inhaftiert. Die Sintiza Waltraud Reinhardt verlor als Kind ihre Eltern. Sie erzählt in der Ausstellung zum ersten Mal ihre Geschichte. Reinhard Schramm, ein deutscher Jude, überlebte als Kleinkind mit seiner Mutter im Versteck. Ihr Leben bezeugt verschiedene Dimensionen der nationalsozialistischen Verfolgung, des Widerstands und der Rettung. Eigens für die Ausstellung geführte Filminterviews, Dokumente, Fotos und Gegenstände aus persönlichem Besitz berichten von Kindheit, Deportation, Lagererfahrungen und dem Schicksal der Familien. In der Ausstellung formulieren die Überlebenden ihr Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen. Der Kern ihrer Botschaft ist die Grundsolidarität des Menschen mit dem Menschen als Substanz für eine weltoffene, menschliche Zukunft.[3]
Bei der Eröffnung der Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Thüringer Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur Christoph Matschie steht, hatten die Schülerinnen und Schüler aus dem Radioprojekt das letzte Wort. Über den Präsentationszeitraum von acht Monaten ist es gelungen, dass diese Schülerinnen und Schüler die monatlich stattfindenden öffentlichen Führungen durch die Sonderausstellung mitgestalten oder sogar vollständig selbst durchführen. Für die Jugendlichen liegt der Hauptgrund für diese langfristige und aktive Beschäftigung darin, dass sie sich selbst als Träger des kollektiven Gedächtnisses begreifen. Sie, die Überlebende getroffen haben und befragen konnten, sehen es als ihre Aufgabe, über die Eindrücke dieser Begegnungen aus erster Hand zu berichten. Es ist festzustellen, dass sich die Schüler/innen hochgradig mit den Vermächtnissen der Überlebenden identifizieren, diese in einer besonderen Intensität interpretieren und den Besucher/innen während der Führung vermitteln. Für die Schüler/innen wie auch für alle Besucher/innen der Sonderausstellung verstärkt sich diese besondere Intensität noch durch den historischen Ort. Er konfrontiert mit einem besonders grausamen Aspekt des Schicksals, von dem die Berichte der Überlebenden zeugen: mit der technischen und wirtschaftlichen Seite der Vernichtung und der Leichenbeseitigung.
Der Erfolg der Sonderausstellung Unersetzbar. Begegnung mit Überlebenden wird auch daran sichtbar, dass sie auf Initiative und finanziert durch das Thüringer Innenministerium zu einer Wanderausstellung wird. Ihre erste Station wird das Bildungszentrum der Thüringer Polizei in Meiningen sein, wo sie am 28. Februar 2013 eröffnet werden wird. Ab Mai 2013 steht sie dann für potenzielle Leihnehmer zur Verfügung. Durch die Ausstellung kam der Erinnerungsort in Kontakt mit weiteren Überlebenden und hat sich entschlossen, das Projekt der lebensgeschichtlichen Interviews fortzuführen, solange diese Möglichkeit der Begegnung noch besteht.
Ebenfalls inspiriert durch die Begegnung mit den Überlebenden erarbeiteten der Erinnerungsort Topf & Söhne und die Alte Synagoge Erfurt das Kooperationsprojekt Deutsch-jüdische Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart in Erfurt. Zahlreiche in der Stadt erhaltene Zeugnisse aus über neun Jahrhunderten stehen exemplarisch für städtisches jüdisches Leben im deutschsprachigen Gebiet. Sie bilden eine gute Basis, um jüdische Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart in ihren unterschiedlichen Facetten kennenzulernen. Im spannungsreichen Gegensatz zu diesem reichen historischen Erbe steht die Mittäterschaft der Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne. Das Kooperationsprojekt vermittelt historische Geschehnisse und Zusammenhänge an den authentischen Orten, ermöglicht die selbstständige historisch-politische Urteilsbildung und regt zum Nachdenken darüber an, wie eine menschliche und demokratische Kultur gefördert und lebendig erhalten werden kann.
In der im 11. Jahrhundert errichteten Alten Synagoge lernen die Teilnehmer/innen die Anfänge jüdischen Lebens in Erfurt kennen, das sich im engen nachbarschaftlichen Kontakt mit Christen entwickelte und durch das Pogrom 1349 zerstört wurde. Hier werden Berufe sowie Berufsverbote, Handel, Geldwirtschaft und christlicher Antijudaismus, vor allem anhand von antijüdischen Darstellungen in christlichen Sakralbauten, beleuchtet. Wenige Jahre nach dem Pogrom siedelten sich wieder Juden in Erfurt an, doch wurde jüdisches Leben dann mit der durch den Rat der Stadt erzwungenen Abwanderung 1453 endgültig für Jahrhunderte aus der Stadt verbannt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften Juden wieder in Erfurt leben. In der 1840 geweihten Kleinen Synagoge werden die jüdische Emanzipation sowie die Anfänge eines rassistischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert thematisiert. Inhaltlich bietet die Kleine Synagoge den idealen Rahmen, um die Haskala, die Gleichstellungsgesetze, Reformjudentum, Identitätsdebatten sowie Reaktionen auf den aufkommenden Antisemitismus und Rassismus zu thematisieren. In diesem Projekt ist die Multiperspektivität allein durch die historischen Orte bereits gegeben. Auch beim Besuch jüdischer Orte wird immer die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft zum Thema gemacht. Die Geschichte der Firma J. A. Topf & Söhne stellt dabei den stärksten Kontrast her. In diesem Spannungsfeld werden die Teilnehmer/innen besonders herausgefordert, sich mit der Frage nach der eigenen und fremden Identität auseinanderzusetzen und ihren eigenen stereotypen Vorurteilen nachzuspüren.
Auf der Website des Erinnerungsortes www.topfundsoehne.de sind umfängliche Informationen über die Ausstellungen und das Bildungsangebot sowie das Veranstaltungsprogramm abrufbar. Dort stehen auch Materialien zum Download bereit.
Eine umfangreiche wissenschaftliche Darstellung liefert die Monographie »Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz« von Annegret Schüle. Auf 464 Seiten ermöglicht der mit 235 Abbildungen versehene, 2010 von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora herausgegebene Band eine intensive, quellenbasierte, exemplarische Auseinandersetzung mit der Mittäterschaft der Industrie. Der Zeithistoriker Lutz Niethammer urteilte über dieses Buch: »Hier liegt eine ungemein eindringliche Untersuchung einer auf beklemmende Weise beispielhaften Mitwirkung am Holocaust vor. Sie wird auf lange Zeit die abschließende Untersuchung zu Topf Söhne und der geeignete Begleitband für den Gedächtnisort in Erfurt werden.« 2012 wurde das Buch als Habilitationsschrift von der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt angenommen.
PD Dr. Annegret Schüle ist Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Arbeitsschwerpunkte: Industrie und Holocaust, Frauenindustriearbeit in der DDR.
Rebekka Schubert ist Gedenkstättenpädagogin des Erinnerungsortes Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Arbeitsschwerpunkte: Akteurszentrierte Zugänge in der Gedenkstättenpädagogik.
[1] Das Dokument ist veröffentlicht in: Schüle, Annegret: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Göttingen 2010, 434–436.
[2] Thüringer Landtag, Stadtverwaltung Erfurt (Hg.): 27. Januar 2011. Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Eröffnung »Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz«. Dokumentation, Erfurt 2011.
[3] Stadtverwaltung Erfurt, Unersetzbar. Begegnung mit Überlebenden 1. Juni 2012 – 27. Januar 2013, Begleitmaterialien zur Ausstellung, Erfurt 2012