Erinnerungskulturen.

Thesen zur Gegenwart der NS-Vergangenheit
06/2003Gedenkstättenrundbrief 113, S. 17-20
Edgar Wolfrum

I. Was sind Erinnerungskulturen?

Grundsätzlich ist Geschichte nur auf den ersten Blick auf die Dimension der vergangenen Wirklichkeit festgelegt. Sie ist auch ein politischer Faktor ersten Ranges. Sie kann als Bindemittel dienen, um nationale, regionale, soziale oder andere Gruppen zu integrieren; sie kann aber auch ausgrenzen, den Gegner diffamieren, das eigene Handeln legitimieren. In pluralistischen Gesellschaften findet also permanent ein Machtkampf, ein Kampf um Deutungen, ein Ringen um Diskurshoheit, ein notwendiger Wettstreit der Erinnerungen statt.

Die Erinnerung an die Vergangenheit, die historische Präsentation, die Sinngebung durch die Geschichte, war dabei niemals ein Monopol der Geschichtswissenschaft. Neben wissenschaftlichen Zugriffen gibt es triviale oder populäre (Literatur und Fernsehen), pädagogische (Museum, Gedenkstätten, Schule), aber auch dezidiert, d.h. im ganz engen Sinne politische Zugriffe auf die Vergangenheit durch die Politiker (erinnert sei an die 68er Debatte vor einiger Zeit).

So weit gespannt das Repertoire, so unterschiedlich sind die Träger des Zugriffs auf Geschichte. Eine Vielzahl an Personen, Gruppen und Institutionen ringen in der Demokratie um die Deutung der Vergangenheit miteinander. Dieser Vielzahl wiederum entsprechen unterschiedliche Motive: wissenschaftliches Ethos, politische Stabilisierung, integrationspolitische Motive, Kompensation, antiquarische Vergangenheitsschwärmerei, kritische Aufklärung und weitere mehr; auch Mischungsverhältnisse treten natürlich auf. Auch die Adressaten bilden keine einheitliche Größe: Es kann die Welt der Universitäten sein, es können Schüler sein, Frauen oder Männer, Bayern oder Berliner, Katholiken oder Protestanten, Alte oder Junge usw. Man muss somit, wenn man von Erinnerungskulturen spricht, vielfältig differenzieren, zunächst nach:

• Wissenschaft, Öffentlichkeit, Alltagskultur

• Medien

• Region, Nation, transnationale Zusammenhänge

• Geschlecht, Generation, Konfession, sozialer Status usw.

Damit nicht genug, weitere Differenzierungen sind notwendig. Bei der Frage, was Erinnerungskulturen im Allgemeinen sind, wie sie zu umreißen sind, muss man sich mindestens folgende Aspekte vergegenwärtigen:

• Wer erinnert sich eigentlich? Mit Blick auf den NS: Sind es die Täter oder die Opfer?

• Was wird (auf Kosten von etwas anderem) erinnert?

• Erinnerung ist zwangsläufig immer fragmentiert, welche Probleme ergeben sich hieraus?

• Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten derselben Medaille. Was wird wann, warum, vom wem und wie erinnert?

• Wie steht es um aktives Vergessen, wie um Verdrängen?

• Gibt es Gegengedächtnisse?

• Warum widersprechen Primärerinnerungen von Zeitgenossen und intergenerationelle Familiengedächtnisse häufig den wissenschaftlichen Ergebnissen?

• Wie verändert sich Erinnern und Vergessen im Zeitverlauf und abhängig von Strukturen (z. B. dem kalten Krieg)?

• In welchem Verhältnis stehen Erinnern und Vergessen zu justitiellen und exekutiven Maßnahmen der Politik (Bestrafung oder Amnestierung von Tätern, Restitution der Opfer usw.)

• Welche Ausformungen hat die offizielle Geschichtspolitik, wer bestimmt sie, kann sie scheitern?

• Wie ist gerade die Erinnerung an den NS abhängig von europäisierenden und globalisierenden Tendenzen?

Oftmals zu wenig beachtet wird die Frage nach dem sozialen Gedächtnis, nach den Stützen der Erinnerung, also nach den Speichermedien (die sich dramatisch verändern, vor allem durch das Internet) und den Orten der Erinnerung, die durch das Internet mehr und mehr auch virtuell werden können.

II. Erinnerung in der Bundesrepublik und in der DDR

Bis zum Ende der Existenz zweier deutscher Staaten oszillierte die Erinnerung an den Nationalsozialismus zwischen den Polen von Moral und Pragmatismus. Beide Staaten versuchten, sich durch eine Teilung der Vergangenheit voneinander abzugrenzen und blieben doch stets aufeinander bezogen. Auf die Umerziehungsmaßnahmen der Alliierten reagierten die Westdeutschen lange Zeit mit dem Pragmatismus des Schweigens, während in der DDR vom Regime eine distinktive Selbstinszenierung verschrieben wurde. Moral und Bekenntnis sollten dominieren, und ein neuer sozialistischer und antifaschistischer Mensch wurde zum Leitbild der Wertorientierung. In der Lesart des Westens waren die Deutschen Opfer .einer skrupellosen NS-Führung und die Ostdeutschen weiterhin Opfer einer kaum weniger skrupellosen SED-Führung. In der Lesart des Ostens waren die Deutschen Opfer des Faschismus und Militarismus, der sich in nur wenig milderen Formen im »imperialistischen Westen« fortsetzte. Die ostdeutsche Vergangenheitskonstruktion blieb fixiert auf den letztlich erfolgreichen Kampf der Antifaschisten - Symbol dafür war der Mythos von der heldenhaften Selbstbefreiung Buchenwalds.

In dieser Deutung waren die Ostdeutschen eigentlich gar keine Opfer, sondern die historischen Sieger, und so konnten in der DDR sämtliche Opferperspektiven nahezu vollständig »entsorgt« werden. Die DDR zog ihre historische Legitimität aus der ökonomischen Verknüpfung von Kapitalismus und nationalsozialistischer Herrschaft. Die bisherige deutsche Geschichte war im wesentlichen die Kontrastfolie des eigenen Selbstverständnisses.

Demgegenüber rechtfertigte die Bundesrepublik ihre neue geopolitische Rolle im westlichen Bündnis aus der Abgrenzung vom Kommunismus und vom Nationalsozialismus bei gleichzeitiger Leugnung von dessen unbewältigter Erbschaft. Symbol dafür war, dass die NS-Gewaltverbrechen bis Mitte der 60er Jahre weitgehend »entortet« blieben. Enttrümmerung und Wiederaufbau führten oft auch zu einer Bereinigung der regionalen und kommunalen Erinnerungslandschaften. Dazu gehörte der Abriss von Synagogen und die Umnutzung ehemaliger NS-Täter-Orte. Erst Mitte der 60er Jahre setzte eine Gedenkstättenpolitik und -pädagogik ein; erst seit den 80er Jahren stieß sie auf größere gesellschaftliche Akzeptanz.

So verfügten beide deutschen Gesellschaften über Entlastungsmechanismen und Sichtblenden, und die vielen Konflikte über die NS-Vergangenheit seit der Wiedervereinigung von 1990 - von der Goldhagen-Debatte bis zur Wehrmachtsausstellung, von der Walser-Bubis Kontroverse bis zum Mahnmalstreit und der Diskussion über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern - zeigen vor allem eines: Erst das Ende des Ost-West-Konflikts setzte eine größere Fähigkeit zur jeweiligen Selbstkritik frei.

III. Gegenwärtige Streitfragen

Wie lassen sich die aktuellen Tendenzen skizzieren? Zunächst einige Stichworte:

• Über zehnjährige Debatte über ein Holocaust-Mahnmal

• NS-Zwangsarbeiterentschädigung.n Daneben aber auch Gegenerinnerungen, beispielsweise die Debatte um ein Dokumentationszentrum gegen Vertreibung; Grass' Buch »Im Krebsgang«; Friedrichs Buch »Der Brand« über den Bombenkrieg in Deutschland

• Alles ist eingebettet in die immerwährende Frage, ob die Deutschen einen normalen Nationalstaat nach der Wiedervereinigung haben und ob sie einen Anspruch auf fortdauernde Anomalie haben sollen oder dürfen.

Zentrale Fragen dabei sind:

1. Wie verändert sich das historische Erinnern durch den wachsenden Zeitabstand?

2. Was kann Trauer um die Ermordeten der NS-Herrschaft heute bedeuten? Man kann die heutigen Tendenzen in sechs Aspekten bündeln:

1. Es herrscht eine Vielfalt der Perspektiven und eine Beständigkeit der Kontroversen. Im Konflikt bildet sich offenbar Identität heraus. Es hat sich nicht bewahrheitet, dass Deutschland wiedervereint, aber ohne Erinnerung sei.

2. Das Deutsche Gedächtnis bleibt nach wie vor auf den Nationalsozialismus gerichtet, er bleibt der primäre, kontrastive Bezugspunkt. Dieser wird auch nicht durch DDR-Vergangenheit relativiert. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus findet nicht mehr nur am Rande der Gesellschaft statt, sondern mittendrin. Historische Schuld wird nicht mehr als Widerspruch einer Identität empfunden, sondern eine nationale Identität wird auch vom Holocaust hergeleitet. Zugleich gibt es aber auch Tendenzen einer Banalsierung, wenn etwa mit Blick auf die BSE-Seuche vom »Rinder-Holocaust« gesprochen wurde.

3. Das Gedächtnis wird immer stärker durchformt von den Instrumenten und Möglichkeiten der Medien. Erinnert wird, was medial präsentabel ist. Es kommt zu einer Massenmedialisierung von Erinnerung. Erinnerung als kommerzialisierter »Event« bricht sich Bahn, es entsteht eine Erinnerungsindustrie und ein Erinnerungstourismus (z. B. auf den Obersalzberg). Geschichte ist somit in der Alltagswelt präsent, aber Kommerz, Werbung, »Events« folgen ganz anderen als nur wissenschaftlichen oder aufklärerischen Interessen und Gesetzen, im Mittelpunkt steht der Profit. Das hat Auswirkungen auf die Formen der Erinnerungskultur.

4. Das deutsche Gedächtnis an den Nationalsozialismus wird internationalisiert. Der Holocaust ist kein exklusiv deutscher Erinnerungsort mehr, man kann von einer Globalisierung der NS-Vergangenheit im Sinne einer Mahnung zur Menschenrechtspolitik sprechen; der Holocaust wird damit dem spezifisch Deutschen entkleidet.

5. Das allgemeine Gedächtnis löst sich gleichsam von innen auf. Eine Epochenschwelle der Gedächtnisgeschichte ist überschritten, wir befinden uns mit Blick auf die NS-Vergangenheit auf dem Weg vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis. Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus, und die Zeitgeschichte verschiebt sich wie sie sich immer verschiebt, daraus ergeben sich neue Anforderungen für eine Erinnerung. Deshalb erleben wir heute vermehrte Erinnerungskämpfe, und es ist wichtig, dass darüber gestritten wird, was in das kulturelle Gedächtnis aufgenommen werden soll und wie die Erinnerungsmodi aussehen sollen.

6. Wir sind zudem mit dem Aufkommen ganz anderer Gedächtnisgeschichten konfrontiert, da wir keine national homogene Gesellschaft sind. Zuwanderer haben ganz andere Erinnerungen, in deren Mittelpunkt nicht der Holocaust und die NS-Vergangenheit stehen. Daraus ergibt sich die Frage, was vermittelt werden soll. Es bestehen mehrere Möglichkeiten: erstens die Kontinuitätswahrung der Nation, damit ist das Problem der »Leitkultur« angesprochen; zweitens der Weg über einen europäischen Wertekosmos, damit ist das Problem einer normativen Überfrachtung benannt; drittens die Frage, ob man auf Nahweltgeschichten ausweichen soll, womit das Problem einer Provinzialisierung auftaucht; viertens der Weg über Mehrfachidentitäten, wobei man sich hier fragen muss, ob dies die Menschen nicht überfordert.

In ganz Europa wird heutzutage über die NS-Vergangenheit, über Verstrickung, Kollaboration, Widerstand und Résistance debattiert, alte Mythen aus dem Zeitalter des kalten Krieges zerbrechen überall, wohin man auch blickt, ob nach Frankreich, in die Benelux-Staaten, nach Skandinavien, in die Schweiz, nach Österreich, nach Spanien, Italien, Ostmitteleuropa oder nach Russland. Man könnte fast meinen, dass das neue Europa auf der Suche nach einem Gründungsmythos ist. Wenn man einen solchen finden möchte, und dies wird wichtig sein für eine transnationale Identität des alten Kontinents, dann läge er da: Die Überwindung von Diktaturen und der Aufbau von Zivilgesellschaften einigt die europäischen Bürgerinnen und Bürger.

1 Das Folgende ist nur thesen- und skizzenhaft; es soll zur Diskussion anregen. Wer sich ausführlicher mit dem Thema befassen und auch die reichhaltige Literatur rezipieren will, den möchte ich auf die Ergebnisse des Gießener DFG-Sonderforschungsbereichs »Erinnerungskulturen« verweisen, daneben auf das Buch von Jan-Holger Kirsch, Nationaler Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales »Holocaust-Mahnmal« für die Berliner Republik, Köln usw. 2003, außerdem auf die leicht zu findenden Arbeiten von Peter Reichel, Jörn Rüsen und Harald Welzer, auf die drei Bände der »Deutschen Erinnerungsorte«, die Etienne François und Hagen Schulze herausgegeben haben, sowie auf meine beiden Bücher: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948.1990, Darmstadt 1999 und Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen 2002.