Konzentrationslager und SS-Kultstätte. Ein monumentales Schloss, zahlreiche Zeugnisse der SS-Architektur, aber keine Spuren mehr von Häftlingsbaracken und Lagerstraßen. Die Wewelsburg stellt Historiker und Ausstellungsmacher vor eine schwierige Aufgabe: Wie können Gedenken und Informationen an einem Ort vermittelt und gestaltet werden, an dem es keine authentischen Spuren der NS-Zeit mehr gibt, außer denen der Täter? Wie kann man hier in einer Ausstellung den Besuchern einen zeitgemäßen Eindruck der nationalsozialistischen Vergangenheit vermitteln? Und wie kann die bestehende sehr dokumentarische Ausstellung neu konzipiert werden?
Diesen Fragen ging eine Werkstattausstellung im Kreismuseum Wewelsburg nach. Ihr Titel: »Erinnerung braucht einen Ort. Werkstattausstellung zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Dokumentation ›Wewelsburg 1933–1945‹«.
Seit März 1982 gibt es die Dauerausstellung »Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS« zur Geschichte des Konzentrationslagers und der SS-Kultstätte im Kreismuseum Wewelsburg. Sie ist jedoch, trotz mehrmaliger Überarbeitung in Teilbereichen, in Inhalt und Form nicht mehr auf dem Stand neuester Erkenntnisse. Sie stellt hohe Anforderungen an die Lesebereitschaft der Besucher, denn den Hauptteil der Ausstellung bilden Texte, Fotos und Dokumente – quasi ein »Buch an der Wand«. Daher soll die Ausstellung in den kommenden Jahren grundlegend neukonzipiert werden. In der Werkstattausstellung wurden nun im Auftrag des Kreismuseums Wewelsburg erste Vorarbeiten gezeigt: der gegenwärtige Zustand der Ausstellung und mögliche Wege zu einer Neugestaltung. Entwickelt hat diese sehr sehenswerte und zu Diskussionen anregende Ausstellung der Projektleiter für die Neugestaltung der Gedenkstätte, der Hannoveraner Historiker Andreas Pflock. Sie gewährt einen Einblick in die Ideenwerkstatt von Ausstellungsmachern und war vom 20. August bis zum 1. Oktober 2000 im Burgsaal des Kreismuseums Wewelsburg zu sehen. In den kommenden Monaten soll sie, in veränderter Form, an weiteren Orten in Ostwestfalen-Lippe gezeigt werden.
Ein rotes Warndreieck empfängt den Besucher am Eingang zur Ausstellung: »Achtung Baustelle«. Ein Hinweis darauf, dass hier noch etwas im Entstehen ist. Dahinter sind Stellwände aus rohen Kiefernholzbalken und rostigen Stahlmatten zu sehen. Sie gliedern den Raum in die vier Teilbereiche: gegenwärtiger Zustand der bestehenden Ausstellung, ein Blick auf die Gestaltung anderer Gedenkstätten, neue Forschungen zur Wewelsburg und Vorschläge für die Neukonzeption der Ausstellung.
Die bestehende Ausstellung: An der ersten Stellwand kann man Ausschnitte aus den Besucherbüchern der Dauerausstellung lesen. Hier erfährt der Betrachter erste Gründe für die Neukonzeption der vorhandenen Ausstellung und den Anlass der Werkstattausstellung. Kritik an der Textlastigkeit wird laut, aber auch Betroffenheit über das Schicksal der Häftlinge. Diese erste Stellwand verstellt, einem Bauzaun ähnlich, zunächst den Blick auf den Hauptteil. Vorbei an einigen einleitenden Worten und Danksagungen gelangt man zum ersten Abschnitt der Ausstellung. In kurzen Texten, Bildern und Zeitungsausschnitten wird der historische Ort erklärt: Das Gebäude, in dem die bestehende Ausstellung zu sehen ist, ist das ehemalige SS-Wachgebäude. Es beherbergt heute auch die Verwaltungsräume und das Magazin des Kreismuseums. Sofort erkennt man den problematischen Zusammenhang zwischen »Täterbau« und »Ort der Erinnerung an die Opfer des Konzentrationslagers«. Nach einem kurzen Exkurs über die Entstehung der Ausstellung und einer Dokumentation der bisherigen Aktivitäten und Sonderausstellungen wird ein Blick auf die Einweihung des Mahnmals auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Niederhagen geworfen. Der wohl beeindruckendste Teil dieses Abschnittes der Werkstattausstellung eröffnet sich dem Besucher dann auf den folgenden Wänden: große schwarz-weiß Portraits von Überlebenden des Konzentrationslagers. Ernst blicken sie auf den Besucher herab und sind mehr als Mahnung und Aufruf zum Gedenken. In ihrer schlichten Form, ohne jegliche Kommentierung (allein der Name ist vermerkt), bieten sie dem Betrachter viele Möglichkeiten zur Assoziation. Wer ist dieser Mensch auf dem Foto? Wie lebte er damals, wie lebt er heute? Was muss er erlebt haben? Der Bielefelder Fotograf Christoph Gödan fotografierte die alten Herren zum 55. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers am 2. April 2000.
Einblicke in andere Gedenkstätten: Der Blick »über den Tellerrand« auf die Konzeptionen in vier weiteren Gedenkstätten gibt Anregungen für neue Ideen. Farbfotos zeigen, wie unterschiedlich Geschichte präsentiert werden kann: Als »Kunstwerk« und eher themenorientiert (Breitenau), in den historischen Gebäuden mit zahlreichen authentischen Gegenständen als in erster Linie informierende Ausstellung (Buchenwald), in einer Baracke mit Relikten der Lagerzeit in einer fast künstlerischen Präsentation (Mittelbau-Dora) und in einem nicht mehr sofort als authentisch zu erkennenden Raum auf dem ehemaligen Lagergelände mit Häftlingsbetten, einer Lore und Text-, Bild- und Tondokumenten (Neuengamme). So kann sich auch der Besucher ein, wenn auch grobes Bild von der möglichen Gestaltung solcher Ausstellungen machen.
Gegenwärtige Forschungen: Der dritte Abschnitt der Werkstattausstellung hält kurze Texte und Fotos über die laufenden Forschungen zur Wewelsburg bereit. Bisher standen dem Kreismuseum keine Mittel für solche weiterführenden Untersuchungen zur Verfügung. Doch anlässlich der EXPO in Hannover wurde die Planungswerkstatt »Geschichte in Ostwestfalen Lippe 1933–1945. Wege der Erinnerung« als Zweijahresprojekt ins Leben gerufen (finanziell getragen von den Kreisen Gütersloh und Paderborn, gefördert durch das Land Nordrhein-Westfalen). Im Rahmen dieses Projektes konnten nun Wissenschaftler mit neuen Forschungsaufgaben beauftragt werden. Die Werkstattausstellung bietet einen Einblick in die Schwerpunktthemen »Häftlingsbiographien«, »Historischer und gegenwärtiger Nazi-Okkultismus«, »Nutzung des Lagers Niederhagen nach 1943«, »SS-Biographien und SS-Kultur« und deutet damit in groben Zügen die gegenwärtigen Forschungen an. Nationalsozialistische »nordische« Ornamente, die sich an vielen Stellen innerhalb der Wewelsburg finden lassen, sollen in den richtigen historischen Kontext gerückt werden. Auch Produktionen aus einer SS-Manufaktur sollen ausgestellt werden, allerdings ohne sie als »Kunstwerke« zu exponieren. Beispielhaft zeigt die Werkstattausstellung einen solchen Porzellan-Schäferhund aus der SS-eigenen Porzellan-Manufaktur Allach, in der auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau arbeiten mussten: Der Schäferhund wird in einer Glasvitrine unkommentiert ausgestellt. Daneben finden sich jedoch Bilder einer SS-Aufseherin mit Schäferhund, der Bericht über die Tötung eines Häftlings durch einen Wachhund im Konzentrationslager Niederhagen und – bizarr genug – ein Auszug aus der Satzung des deutschen Schäferhund-Vereines. Eine interessante Sichtweise auf ein doch etwas riskant darzustellendes Objekt und ein guter Ansatz für die neue Ausstellung. Als Ergänzung zur Behandlung der Täterseite sollen in der späteren Dauerausstellung auch die Biographien von SS-Männern gezeigt werden. Ein bisher eher selten thematisierter Bereich in Gedenkstätten, gerade in Wewelsburg aber unverzichtbar. Und auch die Nachnutzung des Lagers Niederhagen nach 1943 soll später ausführlich präsentiert werden. Ein nicht uninteressantes Kapitel in der Geschichte des Lagers Niederhagen: In den leerstehenden Baracken der SS-Wachmannschaften, später in den Baracken des Häftlingslagers, waren bis 1945 so genannte »Volksdeutsche« aus Osteuropa untergebracht. Ab 1944 wurde ein »Wehrertüchtigungslager« für Jugendliche in den Baracken der SS-Wachmannschaften eingerichtet. Nach Kriegsende dienten sie als »DP-Camp« für osteuropäische Zwangsarbeiter und Flüchtlingslager, bis die Lagergebäude in den 1950er Jahren nach und nach abgerissen wurden. Einen größeren Raum der Werkstattausstellung nehmen Häftlingsbiographien ein. Auf dreieckigen Holzstelen kann man die Biographien der ehemaligen Häftlinge Gerrit Visser (Niederlande) und Nikolai Beltschenko (Ukraine) verfolgen. Dabei wird auch die spätere Kontaktaufnahme der Angehörigen mit der Gedenkstätte dokumentiert. Ein Blick in Vergangenheit und Gegenwart, der die Persönlichkeiten der ehemaligen Häftlinge in den Vordergrund rückt.
Vorschläge für eine Neukonzeption: Ein Beispiel für neue Präsentationsformen ist eine »interaktive« Station ein paar Schritte weiter. Sie zeigt ein Objekt des Nazi-Okkultismus: den »Julleuchter«. Der »Kerzenständer« aus rotem Ton war bei den »Julfeiern« der SS am 22. Dezember jeden Jahres ein wichtiger Gegenstand. Dass auch diese Leuchter von KZ-Häftlingen gefertigt wurden, zeigt eine Computeranimation. Zunächst ist nur der Julleuchter in Großaufnahme zu sehen, dann rückt der Zoom des Betrachters in der Animation langsam vom Leuchter ab und stellt ihn in seine historische Umgebung: eine »Julfeier« der SS. Im Anschluss sind Produktionslisten aus der Fertigung in den Konzentrationslagern Dachau und Neuengamme zu sehen.
Ein weiteres »multimediales Anschauungsobjekt« ist die 3-D Aufbereitung des KZ Niederhagen. An einer PC-Station kann der Besucher einen virtuellen Rundgang durch die Topographie des Lagers antreten. Von einem orientierenden Überblick aus können einzelne Bereiche angewählt werden, z.B. Häftlingsküche, Feuerlöschbecken, Häftlingsbaracken und Wachgebäude. Schwarz-weiß Aufnahmen aus der Zeit unmittelbar nach der Befreiung veranschaulichen an dieser Stelle den ursprünglichen Zustand des Lagers. Für die neue Ausstellung sind ergänzende Häftlingsberichte zu den einzelnen Stationen des Lagermodells geplant. Auch an einen großen Touchscreen-Monitor ist gedacht, um bei Führungen die Neuen Medien miteinbeziehen zu können. Solche multimedialen Darstellungen werden in Ausstellungen heute zunehmend wichtiger. Die Besucher wollen konkretes Anschauungsmaterial sehen, um sich die Verhältnisse in Konzentrationslagern besser vorstellen zu können. Außerdem wird auf die Internetseite aller nordrhein-westfälischen NS-Gedenkstätten hingewiesen. Denn angesichts der zahlreichen Internetseiten neonazistischer Gruppierungen ist die Präsentation der Gedenkstätten im Internet unverzichtbar.
Seit Januar 2000 kann man sich über die Geschichte der Wewelsburg im Internet informieren, Anfragen per E-Mail stellen und Bücher bestellen. An der PC-Station der Werkstattausstellung kann man sich die Seiten in Ruhe ansehen. Im Internet sind sie unter der Adresse www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/ zu finden.
Im Zuge der Neukonzeption der Ausstellung haben sich die Ausstellungsmacher auch Gedanken über eine künstlerische Gestaltung schwer vermittelbarer Themen wie Enge, Hunger und Zeit gemacht. Allein durch wissenschaftliche Texte und Dokumente lassen sich solche Empfindungen des Lageralltags nur schwer verdeutlichen. Deshalb wird als Beispiel für eine gelungene künstlerische Umsetzung des »Appells« die Installation der hannoverschen Künstlerin Renate Deuter gezeigt. Die Installation gehörte ursprünglich zur Ausstellung »Bergen-Belsen. Frauen im Konzentrationslager«. Elf lackierte Sperrholzplatten in Fünferreihe, 60x60 cm jede, liegen auf dem Boden. Schwarze Zahlen auf jeder der Platten zeigen die Monotonie und Entindividualisierung im Lager beim Appell. Häftlingsberichte an einer Stellwand ergänzen die Installation. Speziell für die Wewelsburg hat Renate Deuter einen Entwurf für die Neugestaltung des Treppenhauses im Ausstellungsgebäude erstellt, das zukünftig die Überleitung zwischen den Themen »SS« und »Konzentrationslager« bilden könnte. In ihrem Entwurf wurden die Wände mit Stoffstreifen verkleidet, die auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiß sind. Auf der weißen Seite sind Begriffe und Schlagworte aus dem nationalsozialistischen Alltag aufgenäht und aufgestempelt. Sie sollen den gesellschaftlichen Kontext andeuten, in dem Verfolgung, Inhaftierung und Mord stattfanden. Auf einem Treppenabsatz soll viermal der Satz »Verhalte dich ruhig« zu lesen sein – eine Formel zur Beruhigung, die gleichzeitig verstörend wirkt, da etwas Bedrohliches nahe zu sein scheint. Mit diesem Gestaltungsvorschlag endet die Ausstellung. Analog zum Beginn kann der Besucher an einer Meinungswand einen Zettel mit einem Kommentar zu dem Gesehenen anheften. Dieses »öffentliche Besucherbuch« ist den Ausstellungsmachern sehr wichtig, denn es soll wichtige Hinweise für die Neugestaltung der zukünftigen Ausstellung geben.
Man verlässt die Ausstellung nachdenklich, aber nicht »erschlagen«. Vor allem aber mit vielen Anknüpfungspunkten für weitere Überlegungen zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Bis zum Frühjahr 2002 sollen die vorbereitenden Planungen für die neugestaltete Dauerausstellung beendet sein. Die Ideen, die in der Werkstattausstellung gezeigt werden, machen neugierig auf die endgültige Präsentationsform der gespaltenen Geschichte der Wewelsburg.
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