Erfassung der Rosa-Winkel-Häftlinge und ihres Schicksals

Zwischenbericht zum Datenbankprojekt
01/2000Gedenkstättenrundbrief 93, S. 16-23
Rainer Hoffschildt

In den 70er Jahren forschten Rüdiger Lautmann u.a. nach dem Schicksal der homosexuellen KZ-Häftlinge im ITS Arolsen und ermittelten 1 572 Personen. Seitdem sind sehr viel mehr Quellen und Material zugänglich geworden und immer mehr Gedenkstätten beginnen, ihre ehemaligen Häftlinge systematisch zu erfassen (z.B. für Gedenkbücher), so daß die zur Verfügung stehende Datenbasis immer breiter wird. Ziel dieses Projektes ist es, das Schicksal der Rosa-Winkel-Häftlinge so umfassend wie möglich sowohl in ihrer Gesamtheit als auch bezogen auf Einzelschicksale aufzuklären.

Seit 1987 bemühe ich mich darum, weitere Quellen nach homosexuellen Häftlingen zu sichten. Bisher hatte ich mit folgenden Archiven/Gedenkstätten/Quellen Kontakt und konnte sie ganz, meist aber nur teilweise ausgewerten: Bundesarchiv, Außenstelle Berlin-Zehlendorf (ehemals BDC); Dokumentationsstelle zur Geschichte des Nationalsozialismus in Hannover; Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Papenburg); Gedenkstätte Auschwitz; Gedenkstätte Bergen-Belsen (Lohheide); Gedenkstätte Buchenwald (Wolfgang Röll); Gedenkstätte Dachau (Albert Knoll); Gedenkstätte Majdanek; Gedenkstätte Mittelbau-Dora (Nordhausen); Gedenkstätte Ravensbrück; Gedenkstätte Sachsenhausen (Fred Brade, Joachim Müller); Hessisches Hauptstaatsarchiv (Wiesbaden); Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ-Moringen e.V.; Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover; Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück; Stadtarchiv Hannover; Universität Bremen (Prof. Lautmann); Yad Vashem: The Central Archives for the Desaster and the Heroism (Jerusalem); Zentrales Staatsarchiv Prag; Zentralnachweis zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung 1933–1945 auf dem Gebiet des Landes Niedersachsen (ZNW, Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover).

Nach Möglichkeit erfasse ich folgende Merkmale: Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf, letzter Wohnort, Nationalität, Religion, Familienstand, einliefernde Stelle, Haftkategorie, Vorereignisse (Verhaftung, Urteil, Vorhaft (jeweils Ort und Datum), erster Zugang/erste Anwesenheit im KZ (Ort und Datum), Zwischenereignisse (wie Transporte – jeweils Ort und Datum), Endereignisse (Tod, Entlassung, Überleben – jeweils Ort und Datum).

Mittlerweile sind mir 2 377 Rosa-Winkel-Häftlinge namentlich bekannt (Stand: Januar 1998) und von vielen auch ihr Schicksal. Das Bild, das wir haben, verdichtet sich zusehends. Einschränkend muß gesagt werden, daß etliche Quellen schwer lesbar/ schlecht erhalten/unvollständig und fehlerhaft waren, so daß auch in dieser Arbeit Fehler enthalten sein können. Eine Kompletterhebung ist schon deshalb nicht möglich, weil die Nazis gezielt Akten vernichteten, um ihre Verbrechen zu verschleiern und weil einige Akten noch unzugänglich sind. Auch in der Nachkriegszeit wurden Akten vernichtet. Viele Informationen werden erst jetzt systematisch per Computer erfaßt, so daß ein schneller Abgleich möglich wird. Es wird noch Jahre dauern bis das Gros der überlieferten Informationen ausgewertet sein wird.

Dieser Zwischenbericht soll erste vorläufige Ergebnisse darstellen. Dabei muß immer bewußt bleiben, daß hier nur über die bisher namentlich bekannten Rosa-Winkel-Häftlinge etwas gesagt wird und nichts zu den vielen unbekannten Häftlingen. Für eine tiefergehende Analyse ist es noch zu früh; es besteht immer noch ein großes Forschungsdefizit. Viele Einzelaussagen ließen sich noch wesentlich verbessern und präzisieren. Wesentliche Veränderungen von Gesamtaussagen (Todes- , Entlassungs- und Überlebensraten) haben sich im Vergleich zu den Angaben von Rüdiger Lautmann u.a. aber noch nicht ergeben, außer daß ich die Gesamtzahl der Rosa-Winkel-Häftlinge eher am unteren Ende seiner Schätzung bei etwa 5000 Häftlingen ansiedeln würde, aber auch das ist noch unsicher.

Gleichzeitig soll dieser Zwischenbericht ein Appell sein, dieses Projekt mit Informationen und Hinweisen zu unterstützen. Ich bedanke mich schon jetzt bei allen, die mir geholfen haben und mir noch helfen werden. Schon beim Erscheinen des Zwischenberichts werden die einzelnen Werte veraltet sein, denn schon beim Schreiben des Berichts gehen laufend weitere Daten ein, die in diesem Bericht nicht mehr berücksichtigt werden.

Seit dem Stand Januar 1998 haben sich folgende Verbesserungen ergeben: Zum KZ Sachsenhausen hat sich eine erhebliche Verdichtung der Daten durch zusätzliche Daten zu den bereits bekannten Häftlingen ergeben. Zum KZ Mauthausen konnten sehr viele zusätzliche Daten ermittelt werden (dank des dortigen Erfassungsprojektes). Für das KZ Neuengamme laufen umfangreiche Forschungen. Mit einer spürbaren Vermehrung der Daten ist zu rechnen. Alle diese Verbesserungen sind noch in der Bearbeitungsphase und werden im jetzigen Zwischenbericht noch nicht berücksichtigt.

Erstnachweis im KZ-System bedeutet, daß in diesen KZs der Häftling erstmals einem KZ zuging bzw. erstmals seine Anwesenheit belegt ist. Manchmal ist aber auch nur ein Haftschluß (Tod/Entlassung/Überleben) bekannt. Daß jemand vorher schon in einem anderen KZ war, ist dann nicht bekannt, könnte sich aber in etlichen Fällen im Laufe des Forschungsprojektes noch ergeben. Von 1984 Häftlingen ist das Jahr des Erstnachweises im KZ-System bekannt, von 393 Häftlingen nicht, darunter 350 Erstnachweise im KZ Sachsenhausen. Zum Zeitpunkt des Erstnachweises im KZ-System ist nach heutigem Wissensstand festzustellen, daß 317 Häftlinge (16%) ihren Erstnachweis in den Jahren 1933 bis 1939 hatten. Diese Zeit der sogenannten frühen Lager ist mit Ausnahme des KZ Dachau aber auch besonders schlecht erforscht und belegt. Die frühen Lager waren z.B. Columbiahaus, Esterwegen, Fuhlsbüttel, Lichtenburg, Oranienburg, Sachsenburg (Spalte Sonstige KZ) und Dachau. Trotzdem kann man davon ausgehen, daß das Gros der homosexuellen KZ-Häftlinge, nämlich 1667 (84%) in den Kriegsjahren 1940–1945 seinen Erstnachweis im KZ-System fand. Für das Jahr 1942 wird mit 453 namentlich bekannten Häftlingen (23%) das Maximum erreicht. Dies ist als Gesamtaussage nicht neu, völlig neu ist es aber im Hinblick auf die Differenzierung nach den einzelnen Lagern.

Die Gesamtzahlen für einzelne KZ stellen nicht die Gesamtzahlen der Homosexuellen in diesem KZ dar, sondern nur die, die hier ihren Erstnachweis im KZ-System fanden. 1 414 Häftlinge (59%) fanden ihren Erstnachweis in den KZ Buchenwald (541), Sachsenhausen (531) und Dachau (342). Dabei muß berücksichtigt werden, daß die Quellen zu den KZ Buchenwald, Dachau und Ravensbrück wahrscheinlich ziemlich komplett ausgewertet sind, hingegen zu den anderen Lagern nicht. Die späten Lager (z.B. Bergen-Belsen oder Mittelbau Dora) sind in dieser Übersicht kaum vertreten, weil sie ihre Häftlinge i.d.R. aus anderen KZs erhielten.

183 Entlassungen sind bisher bekannt, darunter bei 179 Häftlingen auch das Jahr. Es ist anzunehmen, daß es sehr viel mehr Entlassungen gegeben hat, insbesondere in den frühen KZ. Nach heutigem Wissensstand haben die Entlassungen aber nur einen Anteil von 13% an den Häftlingen, deren Haftschicksal bekannt ist. Die Chance der Entlassung war nicht die Regel, sondern die seltene Ausnahme. Etwa je die Hälfte der bekannten Entlassungen liegen in der Vorkriegs- und der Kriegszeit. Gemessen an der Masse der Zugänge in der Kriegszeit spielen die wenigen Entlassungen in diesem Zeitraum keine nennenswerte Rolle mehr. 53% der bekannten Entlassungen finden in Dachau statt, und in Dachau werden 78% der Entlassungen in der Vorkriegszeit und 22% in der Kriegszeit durchgeführt. Es könnte sein, daß diese Relation tendenziell verallgemeinert werden kann.

Für 823 Häftlinge ist bekannt, daß sie im KZ starben, das sind 59,5% aller bekannten Haftschlüsse. Für diesen Massenmord an den Homosexuellen benötigten die Nazis keine Gaskammern. Das Leben im KZ war so strukturiert, daß ein Durchschnittsmensch zu Tode kam. In etlichen Fällen sind aber auch gezielte Mordaktionen (Sachsenhausen-Klinkerwerk) oder sogenannte »Invalidentransporte« (Dachau, Ravensbrück) zur Vergasung bekannt. 805 Todesfälle von Häftlingen (98% aller Todesfälle) liegen in der Kriegszeit 1940–1945, 314 allein im Jahre 1942 (38% aller Todesfälle), also noch weit entfernt vom Zusammenbruch 1945, als die Versorgung der Häftlinge nicht einmal mehr organisiert wurde. 193 Tote sind bisher allein in Buchenwald nachzuweisen, das sind 69% aller bekannten Haftschlüsse in Buchenwald, und das, obwohl die Anteile der Homosexuellen an den Transporten von Buchenwald weg häufig überdurchschnittlich waren.

Ein Überleben bzw. die Befreiung im KZ durch die Alliierten ist von 372 Homosexuellen belegt, das sind 27% der bisher bekannten Haftschlüsse. 143 Homosexuelle (38% aller Überlebenden) wurden in Dachau befreit.

In der Übersicht »Erstnachweise in den einzelnen KZ« wird dargestellt, in welchem Jahr wieviele Rosa-Winkel-Häftlinge in den einzelnen KZ nachgewiesen werden können. Es sind überwiegend Zugangsdaten, aber auch (Ab-)Transportdaten. Falls nur die Daten von Endereignissen bekannt waren, wurden diese in der Zeile »Unbekannt« vermerkt. Nach heutigem Kenntnisstand waren 697 Häftlinge in Buchenwald und 634 in Sachsenhausen. Für Sachsenhausen ist mein Kenntnisstand aber noch besonders schlecht (380 unbekannt!), dort erwarte ich noch sehr viel mehr Angaben. Die Spalte »Gesamtnachweise« enthält keine Personenzahl, sondern eine Fallzahl der Erstnachweise, denn die Häftlinge kamen häufig in mehrere KZ. 2377 namentlich bekannte Häftlinge hatten 3726 Erstnachweise. Das heißt, der einzelne Häftling war durchschnittlich in mindestens 1,6 KZ. Die Spalte »Gesamtnachweise« ist also eher ein Bewegungsmesser, der anzeigt, wann viele Transporte zur Umorganisation der Produktion in den KZ abliefen. 1942 gab es 708 Erstnachweise in einzelnen KZ, dies erklärt sich durch das Maximum der Erstnachweise im KZ-System in diesem Jahr. Dann sinkt die Zahl, um 1944 wieder auf 674 anzusteigen, was nur durch die Umorganisation der KZ zu erklären ist.

Die Daten erlauben es auch, die Rosa-Winkel-Häftlinge nach ihrem Schicksal differenziert nach dem Jahr des Erstnachweises zu untersuchen. In dieser Untergruppe liegen Daten von 1 363 Häftlingen vor, von denen ein Haftschluß bekannt ist, gleich wann dieser Haftschluß geschah. Es wird also das Schicksal von Zugangsjahrgängen im KZ betrachtet.

Schon bei den Häftlingen, die in der frühen NS-Zeit in ein KZ kamen, lag die Todesrate bei rund einem Viertel. Dann stieg die Todesrate ziemlich kontinuierlich auf 72% in den Jahren 1941 und 1942. Etwa ab Kriegsbeginn war der Tod der Regelhaftschluß. Etwa ab da hieß es entweder durchhalten oder sterben. Ab 1943 erhöht sich die Todesrate nur wegen der Nähe zur Befreiung nicht mehr. Zu Anfang der NS-Zeit beträgt die Entlassungsquote der Zugangsjahrgänge noch gut zwei Drittel, schon im Jahr 1937 sinkt sie aber unter die Hälfte , um dann kontinuierlich weiter abzusinken. Schon ab 1941 ist sie nicht mehr nennenswert und erreicht schon 1944 0%.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Überlebensquote eines Zugangsjahrganges mit der Nähe zum Zeitpunkt der Befreiung wächst. Nach heutigem Wissensstand überlebten 27% dieser Untergruppe. Darunter befinden sich aber auch einige, von denen lediglich die Tatsache des Überlebens bekannt ist. Möglicherweise sind einige auch entlassen worden.

Anteil der Homosexuellen an den KZ-Häftlingen

Die folgenden Aussagen sind noch mit großen Unsicherheiten behaftet, da sowohl der Kenntnisstand über die Rosa-Winkel-Häftlinge noch unvollkommen ist, als auch über Gesamthäftlingszahlen nur grobe gerundete Werte vorliegen. Die Berechnungen sollen nur andeuten, in welchen Größenordnungen wir denken sollten.

Für drei KZ scheint mir die Erfassung der homosexuellen Häftlinge schon ziemlich komplett zu sein:

L KZ Buchenwald, rund 250000 Häftlinge, darunter 697 Homosexuelle (0,28%)

L KZ Dachau, rund 206000 Häftlinge, darunter 595 Homosexuelle (0,29%)

L KZ Ravensbrück, Männerlager, rund 20000 Häftlinge, darunter 172 Homosexuelle (0,86%)

Alle drei KZ, 476000 Häftlinge, darunter 1464 Homosexuelle (0,31%).

Möglicherweise waren also nur 3 von 1000 KZ-Häftlingen wegen ihrer Homosexualität im KZ. Homosexuelle waren von ihrer Menge her im KZ kaum wahrnehmbar. Selbst wenn ich berücksichtige, daß Homosexuelle fast ausschließlich nur unter den »Reichsdeutschen« zu finden waren (Buchenwald rund 50000, Dachau etwa 30000, Ravensbrück ca. 3700) komme ich für diese Lager auch nur auf 1,75% Homosexuelle unter den Reichsdeutschen.

Zum Vergleich: Unter den 23836 auswertbaren Karteikarten der Emslandlager habe ich 620 von Homosexuellen gefunden (2,6%). Vom Zuchthaus Hameln waren 9057 Häftlingsangaben auswertbar. Darunter fand ich 208 Zugänge von Homosexuellen (2,3%). Und vom Zuchthaus Celle waren 6500 Häftlingskarteikarten auswertbar, unter denen ich 162 von Homosexuellen fand (2,49%).

Nie sonst sind bisher so viele soziologische Daten über Homosexuelle (z.B. Beruf/ Religion/Familienstand) zusammengetragen worden, wie von den Nazis, denn nie sonst wurden überhaupt so viele Homosexuelle amtlich erfaßt und quasi zwangsbefragt. Trotz der großen Menge an Daten stellen sie sicher keinen repräsentativen Querschnitt der Homosexuellen dar, sondern nur den Ausschnitt der ertappten Homosexuellen. Kriminalisiert wurde aber wie auch sonst tendenziell eher die Unterschicht.

Berufe

Von 1145 Häftlingen habe ich Berufsangaben: 54% waren Arbeiter bzw. Handwerker. 38% waren Angestellte, Kaufleute bzw. im Öffentlichen Dienst, Künstler und Akademiker.

Zum Vergleich die männliche Bevölkerung im Jahr 1933: Ca. 65% Berufe in der Landwirtschaft, Industrie und Handwerk. Ca. 25% Berufe in Handel, Verkehr, Öffentlicher Verwaltung und Freie Berufe.

Auch wenn ein direkter Vergleich der Gruppen wegen unterschiedlicher berufsstatistischer Einteilungen sicher nicht möglich ist, zeigt sich doch, daß Arbeiter und Handwerker unter den homosexuellen Häftlingen unterrepräsentiert, und Angestellte usw. überdurchschnittlich vorhanden sind. Zum Vergleich 9227 Verurteilte wegen §§175, 175a, 175b StGB 1933–36: 54% Berufe in der Landwirtschaft, Industrie und Handwerk. 37% Berufe in Handel, Verkehr, Öffentliche Verwaltung, Freie Berufe. Hier zeigt sich eine ziemlich exakte Übereinstimmung mit den KZ-Häftlingen.

Religion

Von 873 Häftlingen habe ich Religionsangaben: 48% waren evangelisch, 43% katholisch. Zum Vergleich die Bevölkerung des Großdeutsches Reiches im Jahre 1939: 54% evangelisch, 40% katholisch. Daß die Katholiken unter den Häftlingen überrepräsentiert und die evangelischen Christen unterrepräsentiert sind, liegt vermutlich daran, daß das KZ Dachau mit seinem überwiegend süddeutschen Einzugsgebiet besonders gut erforscht und belegt ist. 25 Personen traf das doppelte Stigma, homosexuell und jüdischen Glaubens zu sein.

Familienstand

Von 904 Häftlingen liegen Daten über den Familienstand vor. Nur 77% waren ledig, hingegen 23% verheiratet, geschieden oder verwitwet.

Nationalität

Von 939 Häftlingen ist ihre Nationalität bekannt. Nicht nur Reichsdeutsche (Deutsche und Österreicher) kamen als Rosa-Winkel-Häftlinge ins KZ, sondern auch 24 Tschechoslowaken, 10 Polen, 4 Jugoslawen, 2 Niederländer, 2 Staatenlose und je ein Belgier, Däne, Ungar und »Zigeuner«. Geburtsorte sind von 1307 Häftlingen bekannt und letzte Wohnorte von 699. Einige Orte, für die bereits besonders intensiv geforscht wurde, sind überrepräsentiert (Hannover, Köln und München). Dieser Hinweis wird besonders für die interessant sein, die regionale Geschichtsforschung betreiben.

Altersstruktur

Von 1942 Häftlingen ist das Alter des Erstnachweises im KZ-System bekannt. Ihr Durchschnittsalter war mit 38,4 Jahren ziemlich hoch, denn in ihrer Masse hatten die Häftlinge vor der KZ-Haft eine Strafhaft verbüßt und wurden von der Kripo in die befristete Vorbeugehaft genommen.

Zum Vergleich die Durchschnittsalter von anderen von mir untersuchten Gruppen von Opfern des § 175 StGB: 160 Gestapo-Verhaftungen in Bayern/Pfalz 1936: 29,0 Jahre. Zugangsalter von 774 Häftlingen in den Emslandlagern 1933–1945: 31,7 Jahre. Zugangsalter von 200 Zuchthaushäftlingen in Hameln 1933–1945: 38,2 Jahre.

Das Durchschnittsalter aller Haftschlüsse im KZ liegt bei 40,9 Jahren. Die älteren Häftlinge waren den Strapazen der KZ-Haft am wenigsten gewachsen, das durchschnittliche Todesalter (807 Häftlinge) lag bei 43,3 Jahren, eigentlich immer noch im Bereich des besten Mannesalters in dem der Tod normalerweise noch nicht eintritt.

Das Durchschnittsalter von 174 Entlassenen lag bei 33 Jahren. Daß die Entlassenen im Durchschnitt so jung waren, mag vielleicht auch daran liegen, daß Jüngere noch eher in der Wehrmacht dienen konnten.

Zur Befreiung hatten 348 Überlebende ein Durchschnittsalter von 39,6 Jahren (im Frühjahr 1998 wären sie, wenn sie noch lebten im Schnitt über 92 Jahre alt). Über das Schicksal im KZ nach Alter beim Erstnachweis liegen mir 1337 Datensätze von Häftlingen vor. Eine nennenswerte Rolle spielten mit 33% die Entlassungen nur bei den unter 30jährigen. Schon bei der Gruppe, die ihren Erstnachweis im Alter zwischen 30 und 39 Jahren hatte, war der Tod mit 57% der Regelhaftschluß. Bei den mindestens 60jährigen liegt die Todesrate schon bei 89%.

Zuständigkeit für die KZ-Einweisung

KZ-Haft war Polizeihaft. Für die KZ-Einweisung war entweder die Gestapo (politische Polizei) oder die Kriminalpolizei zuständig. Da die Nazis Homosexualität als eine Gefahr für die »Rasse« ansahen, verfolgten sie die Homosexuellen zunächst mit Hilfe der Gestapo. Erst als die Hauptarbeit der Erfassung und Verurteilung der Homosexuellen geleistet worden war, ging die Zuständigkeit wieder über zur Kriminalpolizei. Während der Kriegszeit befaßte sich die Gestapo nur noch in Ausnahmefällen von herausragender politischer Bedeutung (z.B. wenn das Opfer ein hohes Amt hatte oder Ausländer war) mit Homosexuellen. Während des Krieges wurde die KZ-Einweisung zur Routine bei der Kriminalpolizei, die dafür u.a. Kriminalpolizei-(leit-)stellen einrichtete. Die vorliegenden Zahlen werden durch diese Erlaßlage bestätigt. Im Extremfall konnte ein Homosexueller zunächst in Schutzhaft durch die Gestapo genommen worden und in ein frühes KZ gekommen sein, dann in Untersuchungshaft überstellt, verurteilt und in Justizhaft (Gefängnis, Zuchthaus auch Justizlager) genommen worden sein, um zum Schluß in einem späten KZ in Vorbeugungshaft zu kommen.

Von 453 Häftlingen ist bekannt, welche Stelle für die KZ-Einweisung zuständig war: zu 20% die Gestapo und zu 80% die Kripo. In der Vorkriegszeit überwogen die KZ-Einweisungen mit 69% durch die Gestapo und zur Kriegszeit mit 87% durch die Kripo.

Entsprechend dieser unterschiedlichen Zuständigkeit wurden i.d.R. auch verschiedene sogenannte Rechtsquellen zur KZ-Einweisung verwendet und Häftlingskategorien gebildet, die neben der Homosexuellen-Eigenschaft Bedeutung haben konnte. Die Gestapo verhängte i.d.R. die Schutzhaft, was zur Häftlingskategorie »Sch175« in den KZ-Akten führte. Die Kripo verhängte i.d.R. die befristete Vorbeugungshaft, was zur Häftlingskategorie »BV175« in den KZ-Akten führte (fälschlich wird die Abkürzung BV häufig auch als »Berufsverbrecher« interpretiert).

Hinzu kommt noch eine weitere Häftlingskategorie; die »SV175«, Sicherungsverwahrte. Die Sicherungsverwahrung wurde von der Justiz ausgesprochen und bedeutete unbegrenzte Justizhaft. Durch eine Vereinbarung zwischen Reichsjustizminister Thierack und Himmler vom 18.09.1942 wurden alle Sicherungsverwahrten und alle mit über acht Jahren Zuchthaus Bestraften von der Justiz der Polizei zur KZ-Haft übergeben. Thierack: Sie sollen »durch einen Einsatz dort, wo sie zugrunde gingen, vernichtet werden.«

Bei 474 Häftlingen war eine dieser Zusatzkategorien erkennbar. Für die Vorkriegszeit 90% Schutzhaft, für die Kriegszeit 55% befristete Vorbeugungshaft und 15% SV. Obwohl die Relationen durch die Erlaßlage bestätigt werden, sind die Teilmengen jetzt schon so gering, daß vor einer tiefergehenden Analyse noch weitere Forschung stehen muß.

Was geschah im Zeitablauf der Haftdauer mit den Rosa-Winkel-Häftlingen?

Für diese Untersuchung stehen mir die Daten von 739 Häftlingen zur Verfügung, von denen sowohl ein Zugangsdatum als auch ein Datum eines Endereignisses vorliegt. Es wird nur diese Untergruppe untersucht. Diese wird aber schon im 5. Haftjahr so gering, daß Prozent-Angaben problematisch erscheinen.

Am Beginn des ersten Haftjahres sind 739 Häftlinge anwesend, von denen 378 (51%) im ersten Haftjahr ihren Haftschluß finden. 301 Häftlinge sterben; das sind 77% aller Todesfälle in dieser Gruppe, 80% aller Haftschlüsse im ersten Jahr und 41% aller Häftlinge im 1. Jahr.

39 Häftlinge werden im ersten Jahr entlassen. Das sind 38% aller Entlassungen, 10% der Haftschlüsse im ersten Jahr und 5% aller Häftlinge im 1. Jahr.

38 Häftlinge überleben durch den Zusammenbruch des Naziregimes und die Befreiung der KZ. Sie sind erst sehr spät in ein KZ gekommen. Das sind 16% aller Überlebenden, 10% der Haftschlüsse im ersten Jahr und 5% aller Häftlinge im ersten Jahr.

Im zweiten Haftjahr sind nur noch 361 Häftlinge vorhanden, von denen nun 144 ihren Haftschluß finden. Im zweiten Jahr sinken die Todesraten erheblich, die Entlassungs- und Überlebensraten steigen.

Modellrechnungen zur Schätzung der Gesamtzahl der Rosa-Winkel-Häftlinge

Die Daten des Erstnachweises von Häftlingen im KZ helfen mir bei einer Modellrechnung zur Schätzung der Anzahl der Rosa-Winkel-Häftlinge.

Am 12.07.1940 trat der Himmler-Erlaß zur KZ-Einweisung aller Homosexueller, die aus der Strafhaft entlassen werden und mehr als einen Sexualpartner hatten, in Kraft. Rund 32 Monate später am 24. 02. 1943 berichtet Professor Wuth in einem »Aide-Mémoire«, daß aufgrund dieses Erlasses mittlerweile mindestens 2284 Homosexuelle in ein KZ eingewiesen worden seien. Für diesen Zeitraum war dieser Erlaß die entscheidende »Rechtsgrundlage« für eine KZ-Einweisung. Wuth war als Leiter des Instituts für Allgemeine Psychiatrie und Wehrpsychologie der beratende Psychiater beim Heeres-Sanitätsinspekteur. Er war der oberste Gutachter der Wehrmachtsführung bei der Beurteilung homosexueller Fälle.

Wuth gab noch sehr viel mehr Daten über Homosexuelle an, die mit anderen Veröffentlichungen abgeglichen werden konnten. Dabei zeigte sich, daß die Angaben von Wuth fast fehlerfrei waren, weshalb diese Quelle von mir als glaubwürdig eingeschätzt wird.

Für diesen Zeitraum sind mir 915 Zugänge bzw. Erstnachweise Homosexueller im KZ bekannt. Das sind 46% aller mir bekannten 1984 ersten Nachweise. Von weiteren 393 Häftlingen ist mir zwar der Name, nicht aber der Zeitpunkt des Erstnachweises im KZ bekannt. Unter der Annahme, daß der Zugang dieser Häftlinge zeitlich in etwa so verlief, wie bei den 1984 Häftlingen bekannten Zugangs, komme ich auf 182 weitere Zugänge (46% von 393) in diesem Zeitraum, und somit insgesamt auf 1097 vermutete Gesamtzugänge von namentlich bekannten Häftlingen in diesen 32 Monaten.

Dies wiederum sind 48% der 2284 von Wuth angegebenen Gesamtzahl, d.h. 48% der Häftlinge sind mir möglicherweise namentlich bekannt. Unter der Annahme, daß diese Bekanntheit des Zugangs sich auf den Gesamtzeitraum 1933–1945 ausdehnen läßt, daß also die mir bekannten 2377 Häftlinge 48% der Gesamthäftlingszahl betragen, komme ich auf eine Gesamthäftlingszahl von 4952 Rosa-Winkel-Häftlingen, also rund 5000.

Schon Wuth sprach bei seinen Angaben von einer »Mindestzahl«. Folglich vermute ich, daß die so von mir ermittelte Zahl eher eine Untergrenze darstellt. Hinzu kommt, daß mir über die Zugänge zu den frühen KZ 1935–1938 besonders wenig Häftlinge namentlich bekannt sind.

Dies könnte bedeuten, daß die Zugangsverteilung 1933–1945 nur teilweise die Realität abbildet (Überlieferungszufall) und die Gesamthäftlingszahl höher ausfiele. Zwar sprechen die hohe Zahl vorliegender Erstnachweise im KZ und Parallelabläufe (z.B. Abgänge aus den untersuchten Emslandlagern und Zuchthäusern) für diese Zugangsverteilung, als exakte Verlaufsform kann sie aber nicht gelten. Vielmehr ist die zugrundeliegende Zugangsverteilung eine Hilfskonstruktion, die nur solange gilt, bis weitere Daten vorliegen.

Im Rahmen dieses Zwischenberichtes konnte nur ein kleiner Teil der statistischen Übersichten veröffentlicht werden. Weitere Übersichten – auch zu einzelnen KZ – können beim Autor angefragt werden.