Eine Metamorphose der besonderen Art konnte am 21. und 22. Oktober 2006 in Oranienburg gefeiert werden: Nach langjährigen Bemühungen wurde in der ehemaligen Dienstvilla des »Inspekteurs der Konzentrationslager« die Internationale Jugendbegegnungsstätte – Jugendherberge Sachsenhausen »Haus Szczypiorski« eröffnet. »Welch unglaubliche Revanche nehmen wir heute, 61 Jahre nach unserer Befreiung!«, sagte der Präsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, Pierre Gouffault, im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung vor rund 200 Gästen, unter ihnen zahlreiche Überlebende des KZ Sachsenhausen und des sowjetischen Speziallagers sowie die brandenburgischen Minister für Bildung und Kultur, Holger Rupprecht und Prof. Dr. Johanna Wanka. »Niemandem«, so Gouffault weiter, »vertrauen wir die Mission, die historische Erinnerung an Sachsenhausen wach zu halten, mehr an als der Jugend von heute und morgen.«
Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Prof. Dr. Günter Morsch, bekannte sich in seiner Ansprache zu einem modernen Selbstverständnis der Gedenkstätten. Sie seien nicht nur Orte des Gedenkens und des Trauerns und moderne, zeithistorische Museen, sondern auch Einrichtungen politischer Bildung, wo mit zeitgemäßen didaktischen Methoden der Erwerb von Wissen über die Vergangenheit mit der Vermittlung von zentralen Werten der Demokratie verknüpft werde. »Ein kritisches Geschichtsbewusstsein«, so Morsch, »das sich nicht für politische Ziele instrumentalisieren lässt, das kurzschlüssige Vereinfachungen oder Parallelisierungen meidet, vielmehr Differenzierungen heraus arbeitet sowie Widersprüche aushält und immer wieder selbst Fragen über die Vergangenheit an die Gegenwart und die Zukunft hervor bringt, kann ohne Formen intensiver und selbsttätiger Beschäftigung mit der Geschichte nicht wachsen. Soll aber Bildung erfolgreich und nachhaltig sein, dann braucht sie Geduld und Kreativität für das selbsttätige Studium der Quellen und Interpretationen, sie braucht professionelle, qualifizierte Pädagogen, die in der Lage sind, solche Konzepte immer wieder neu zu entwickeln und zu evaluieren, sie braucht vor allem auch Geld für die Lehr- und Lernmittel sowie eine Bildungsstätte, an der man sich wohl fühlen kann und wo Lernen Freude macht.« Zumindest Letzteres sei für Sachsenhausen mit der Eröffnung der Jugendherberge als Internationale Jugendbegegnungsstätte »Haus Szczypiorski« gesichert, trotz der historisch sicherlich belastenden Geschichte des Hauses.
Die von einem Park mit altem Baumbestand umgebene Villa wurde 1938/39 von Häftlingen des KZ Sachsenhausen am Rande des KZ-Komplexes als »Dienstwohnung mit Empfangsräumen« für den »Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfstandarten« Theodor Eicke errichtet. Als Chef aller Konzentrationslager hatte Eicke das Terrorsystem entwickelt und aufgebaut. Seit 1938 residierte die administrative Zentrale des KZ-Systems in einem wenige hundert Meter von der Dienstvilla entfernten Verwaltungsgebäude. 1943 kam Eicke als Kommandeur einer SS-Totenkopfdivision in der Sowjetunion ums Leben. Bis Kriegsende bewohnte seine Ehefrau das Haus.
Nach einer vorübergehenden Präsenz der Roten Armee auf dem früheren SS-Gelände nutzte von 1953 bis 1990 zunächst die Kasernierte Volkspolizei und anschließend die Nationale Volksarmee der DDR das Haus als Krankenstation. 1993 wurde das Gebäude von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten übernommen, die erste Sanierungsmaßnahmen durchführte und Pläne für die Einrichtung einer internationalen Jugendbegegnungsstätte entwickelte. Der 1997 gegründete Initiativkreis zur Errichtung einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen e.V. warb für das Projekt und veranstaltete in Kooperation mit der Gedenkstätte Sachsenhausen zahlreiche Jugendprojekte, bei denen das Haus für eine provisorische Nutzung hergerichtet wurde. Zwischen 2002 und 2004 nahmen mehr als 800 Auszubildende aus der Region, die meisten als Teilnehmer von Maßnahmen in Berufsbildungszentren, an dem Projekt »Wahrnehmen – Auseinandersetzen – Akzeptieren« teil, das berufliche Aus- und Weiterbildung mit historischem Lernen verband. Dieses regionale Projekt gegen Fremdenfeindlichkeit sollte die Teilnehmer dabei unterstützen, ihre fachlichen, sozialen, demokratischen und interkulturellen Kompetenzen zu stärken.
2005 schlossen die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und das Deutsche Jugendherbergswerk/Landesverband Berlin-Brandenburg einen Kooperationsvertrag über den Ausbau und den Betrieb der Internationalen Jugendbegegnungsstätte – Jugendherberge Sachsenhausen ab. Damit wird die 2002 mit der Jugendbegegnungsstätte in Ravensbrück begonnene erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und dem DJH fortgesetzt. Der Ausbau des denkmalgeschützten Hauses erfolgte 2005/06 mit Mitteln des Bundesfamilienministeriums und der brandenburgischen Landesregierung. Namensgeber der Einrichtung ist der bedeutende polnische Schriftsteller und ehemalige Häftling des KZ Sachsenhausen, Andrzej Szczypiorski (1928–2000). Durch sein literarisches Werk und seine politische Arbeit hat er viel zur Verständigung zwischen Polen und Deutschen beigetragen. Die Benennung würdigt nicht nur die Tatsache, dass die Polen eine der größten Häftlingsgruppen im KZ Sachsenhausen stellten, sondern sie hat auch programmatischen Charakter, da das Haus insbesondere Begegnungen zwischen Polen und Deutschen fördern will. Im Haus macht eine Dokumentation die Gäste mit der Lebensgeschichte des Namensgebers bekannt; draußen informiert eine weitere dokumentarische Ausstellung über die Geschichte des Hauses.
In unmittelbarer Nachbarschaft der Gedenkstätte und des Museums Sachenhausen gelegen, ist das »Haus Szczypiorski« als Lernort mit Seminar- und Medienräumen ausgestattet, in denen die Gedenkstätte und ihre Partner ein- und mehrtägige Lernangebote zur vielfältigen Geschichte von Sachsenhausen bereithalten. Ein Bildungsverbund, dem neben dem Initiativkreis, der seine erfolgreiche Arbeit mit Auszubildenden aus der Region fortsetzen will, freie Träger der Jugendbildung angehören, wird eigene Angebote und Projekte einbringen. Das als Selbstversorgerhaus mit einer großzügig eingerichteten Küche ausgestatte Haus bietet 32 Übernachtungsplätze in Zwei- und Vierbettzimmern. Darüber hinaus ist ein behindertengerechtes Zimmer vorhanden.
Im Zentrum der Lernangebote, für die die Gedenkstätte Sachsenhausen verantwortlich ist, steht der historische Ort Sachsenhausen mit seinen unterschiedlichen Phasen und Aspekten sowie den historischen Gebäuden und Relikten, den derzeit zehn Ausstellungen und Museen des dezentralen Gesamtkonzeptes. Die Angebote lassen sich im »Baukastenprinzip« je nach Interesse und Aufenthaltsdauer zusammenstellen. Einbezogen werden auch Aspekte der Demokratie- und Menschenrechtserziehung. Darüber hinaus steht das »Haus Szczypiorski« auch für andere Bildungsveranstaltungen offen, die dem Ort angemessen sind. Zu den besonderen Vorzügen des Hauses gehört die Nähe zu Berlin. Exkursionen zu den Berliner Gedenkstätten und zeithistorischen Museen sowie Freizeitangebote in der Bundeshauptstadt sind Teil des Programmangebots. So können zum Bespiel im Rahmen einer Projektwoche zur Geschichte des KZ Sachsenhausen ein Besuch der Topographie des Terrors oder der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz integriert werden; Gruppen, die sich mit den sowjetischen Speziallager beschäftigen, wird eine Exkursion zur Gedenkstätte Hohenschönhausen angeboten. Zum »Haus Szczypiorski« gehört ein Freizeitbereich mit zahlreichen Sportmöglichkeiten, der Lehnitzsee befindet sich in direkter Nachbarschaft. Oranienburg bietet darüber hinaus zahlreiche Sport- und Freizeitmöglichkeiten.
Anfrage und Buchung von Übernachtung und Programmen:
Telefon (03301) 200200
ijbs@jugendherberge.de | www.ijbs-jh-sachsenhausen.de