In diesen Wochen ist durch das Ulmer »Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg« (DZOK) die erste Autobiographie erschienen aus dem Kreis derjenigen etwa 30 000 bis 40 000 Polen, die nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht als »eindeutschungsfähig« etikettiert worden waren. Autor ist Roman Sobkowiak, geboren als Pole 1923 in der Provinz bzw. Wojwodschaft Posen, in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Deutschland. Sobkowiak wurde mit Teilen seiner Familie 1941 enteignet, rassisch überprüft und eingeordnet und nach Deutschland in ein »SS-Umsiedlungslager« bei Ulm deportiert.
Berichtet wird hier von einem Projekt, das im Kontext einer seit über dreißig Jahren bestehenden KZ-Gedenkstätte entstanden ist, aber mit deren ursprünglicher Thematik, dem einstigen (frühen) Landes-KZ von Württemberg, nur so viel zu tun hat, dass beide historischen Erscheinungen Teile nationalsozialistischer Politik waren.
Das Projekt ist also u.a. ein Beispiel dafür, wie angesichts des zunehmenden Zeitabstandes zur NS-Zeit kleinere Gedenkstätten ihr thematisches Interesse erweitern und somit für die historisch-politische Bildung der Gegenwart attraktiver werden können.
Im Jahr 1995 kam der erste Kontakt zwischen Roman Sobkowiak und dem DZOK zustande. Benannt nach dem frühen württembergischen Konzentrationslager im Ulmer »Fort Oberer Kuhberg« (November 1933 bis Juli 1935), war die Institution bis dahin weitgehend mit Geschichte und Biografien dieses KZ für politische Gegner des NS-Regimes befasst. Sie suchte – und sucht weiterhin – diese Geschichte in Gestalt einer Gedenkstätte am authentischen Tatort pädagogisch zu vermitteln.
Seit den 80er Jahren erweiterte das »Doku-Zentrum« sein Spektrum und machte prinzipiell die gesamte NS-Zeit unter regionalen Voraussetzungen zu seinem Thema.
So entstand 1994 mit einem Aufruf in der Warschauer »Gazeta Wyborcza« das »Zwangsarbeiter-Projekt«. Es ging darum, Kontakt zu solchen polnischen Zwangsarbeiter/innen herzustellen, die im Zweiten Weltkrieg in die Region Ulm verschleppt worden waren. Sie wurden um Berichte und Dokumente gebeten, um diese zu veröffentlichen. Fast 200 Betroffene antworteten. In den Begleitschreiben stand häufig, dass frau/man gerne die Stadt Ulm noch einmal wieder sehen würde. So erweiterte sich das Buchprojekt zu einer Einladung nach Ulm von zwei Gruppen mit je 80 Menschen im Herbst 1996 und im Frühjahr 1997.
In dieser Zeit wurde auch Roman Sobkowiak, der nach dem Krieg in der Region geblieben war, auf die DZOK-Aktivitäten aufmerksam, meldete sich und zeigte dabei ein schon sehr weit gediehenes Manuskript seiner Lebenserinnerungen. Ein Auszug daraus erschien dann in dem im Auftrag des Dokumentationszentrums heraus gegebenen, heute vergriffenen Buch »Schönes, schreckliches Ulm«.[1]
Stammte auch die Mehrzahl der Berichte von ehemaligen Zwangsarbeitern, so waren doch auch – neben Roman Sobkowiak – fünf weitere Berichte von Menschen enthalten, die ebenfalls als »eindeutschungsfähig« etikettiert worden waren und somit einen anderen Status als Zwangsarbeiter hatten.
Roman Sobkowiak hatte bald nach Beginn seines Ruhestandes 1984, also mit 60 Jahren, begonnen, sein in Jahrzehnten gesammeltes Material zu seinem Leben zu sichten. Der Prozess des systematischen Erinnerns begann, er ging bald über in ein gezieltes Schreiben. Dabei half ihm als Erinnerungsstütze ein lebenslanges Hobby, das er als zwölfjähriger Schüler noch in Polen entdeckt hatte, das Fotografieren. Zahllose Fotos, von denen ein großer Teil bis heute erhalten ist, dokumentieren insbesondere sein Leben und illustrieren das vorliegende Buch.
Im zeitlichen Kontext der Zwangsarbeiterprojekte des DZOK tauchte die Idee auf, aus dem Sobkowiak-Manuskript ein Buch zu machen. Ein Redaktionsteam wurde gefunden, allein, es fanden sich keine Geldgeber. So lag das Buch-Projekt über zehn Jahre auf Eis, blieb aber in ständiger Diskussion und Bearbeitung. Im Jahr 2006 konnte es neu angepackt und 2009 zu einem glücklichen Ende geführt werden. Denn nun waren auch Geldgeber gefunden worden: der Bischof von Rottenburg-Stuttgart; die Daimler AG Stuttgart; die Deutsch-polnische Gesellschaft, Landesverband Baden-Württemberg e.V.; die Gedenkstätten-Förderung des Landes Baden-Württemberg; die Sparkasse Neu-Ulm/ Illertissen; die Sparkasse Ulm.
Mitte Mai 1940 verfasste Heinrich Himmler, »Reichsführer-SS« und seit Oktober 1939 auch »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums«, eine geheime Denkschrift. Sie trägt den Titel »Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten«[2] und ist ein Schlüsseldokument für die deutsche Besatzungsherrschaft »im Osten«. Hitler, dem Himmler das Papier am 25. Mai vorlegte, hielt es für »sehr gut und richtig« und ordnete an, es nur ausgewählten Verantwortlichen, u.a. den Gauleitern der Ostgaue sowie dem Chef des Generalgouvernements, Hans Frank, als »Richtlinie« an die Hand zu geben.
In dieser Denkschrift entwirft Himmler für das eroberte Polen, insbesondere das Generalgouvernement, in ungeschminkt rassistischer Wortwahl den Plan, »daß wir diesen ganzen Völkerbrei […] auflösen«. Nur so sei es »uns möglich[…], die rassische Siebung durchzuführen, die das Fundament in unseren Erwägungen sein muß, die rassisch Wertvollen aus diesem Brei herauszufischen, nach Deutschland zu tun, um sie zu assimilieren.«
Für die »rassisch Minderwertigen«, also die »normalen Polen«, beschreibt Himmler als Bildungsziel: »Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot sei, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich.«
Dieses Dokument illustriert beispielhaft die nationalsozialistischen Germanisierungs-Vorstellungen, insbesondere für Osteuropa. Sie enthalten drei zentrale Ziele:
• implizit die Beseitigung bzw. Ermordung der »rassisch Unerwünschten«, wie vor allem der Juden;
• die Versklavung und Arbeitskraft-Ausbeutung der »rassisch Minderwertigen«;
• das »Herausfischen« der »rassisch Wertvollen«, d.h. derjenigen, die entweder nachweislich »volksdeutsch« sind oder in denen »germanisches Blut« vermutet wird, die also »eindeutschungsfähig« sind.
Roman Sobkowiak wurde mit Teilen seiner Familie von den Nazis als »eindeutschungsfähig« aus dem »Völkerbrei« herausgefischt und für die Assimilierung in Deutschland geeignet erachtet.
Da es bisher in der Zeitzeugenliteratur zur nationalsozialistischen Ostpolitik für die Kategorie der »Eindeutschungsfähigen« kein annähernd so ausführliches Zeugnis gibt, kommt dieser Biografie eine einzigartige Bedeutung zu. Letztlich weist die Biografie zum Aspekt der »Eindeutschungsfähigen« hinaus auf Konzept und Umsetzung der gesamten »rassenpolitischen Neuordnung Europas« unter dem nationalsozialistischen Regime.[3]
Betroffen von Ideen und Maßnahmen waren – in unterschiedlicher Ausprägung – alle besetzten Länder Europas, im Mittelpunkt jedoch stand für das »Volk ohne Raum« Osteuropa. Das war prinzipiell niedergelegt im Generalplan Ost, einem Projekt, das seit Mitte der Dreißiger–Jahre theoretisch-akademisch vorbereitet worden war und das ab 1940 weitgehende praktische Geltung bekam.[4] Dabei diente Polen als Experimentierfeld für eine radikale Neuordnung. Und innerhalb des aufgelösten Polen war der »Mustergau Wartheland« am intensivsten betroffen. Bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von 3.56 Millionen Polen (neben 309 000 Deutschen und 323 000 Juden) waren nach der deutschen Besetzung im bereicherten Region Warthegau fast 630 000 Menschen von Vertreibung betroffen[5], unter ihnen die Sobkowiaks. Das Land sollte mit »germanischem Blut« von Volksdeutschen verschiedenster Länder neu besiedelt werden.[6]
Ein Anspruch der rassenpolitischen Neuordnung Polens war es, jeden einzelnen Bewohner des ehemaligen polnischen Staates einer »unauslöschbaren« Kategorie zuzuordnen. Dabei ergaben einerseits 21 pseudomedizinisch-biologistische, in einer »Rassenkarte« festgehaltene Zuordnungen (von der Haar- und Augenfarbe bis zur körperlichen Konstitution) eine »Rassenformel«. Andererseits spielten bei der Zuordnung Kriterien des bisherigen politischen Verhaltens gegenüber den Besatzern sowie die ökonomische Nutzbarkeit jedes Einzelnen eine Rolle.[7]
In zwei Behörden arbeiteten in Polen die Rasseexperten des Rasse- und Siedlungshauptamtes-SS ( RuSHA), das ab 1940 in »Litzmannstadt« (=Lodz) eine Außenstelle hatte: in der Einwandererzentralstelle (EWZ) und in der Umwandererzentralstelle (UWZ).[8] Die EWZ hatte im Warthegau die Auslese und Einbürgerung der Volksdeutschen an Hand der »deutschen Volksliste«[9] zur Aufgabe, die UWZ »die Vertreibung von Polen und Juden« sowie »die politische und rassische Überprüfung der vertriebenen und enteigneten Polen«. In den Sammellagern der UWZ »sichteten die SS-Rasseexperten die zur Deportation ins Generalgouvernement vorgesehenen Polen«. Die Familien, deren ›Rassewert‹ ihnen positiv auffiel, ließen sie in das eigene ›Feinausleselager‹ des RuSHA bringen, es befand sich in einem ehemaligen Klosterkomplex in der Spornastraße 73 in Lodz.[10] Zwischen Sommer 1940, als die Stelle ihre Arbeit aufnahm, bis Ende 1944, als die NS-Herrschaft dort zu Ende ging, sind etwa sieben Prozent der begutachteten Polen, rund 30 000 bis 40 000 Menschen, als »eindeutschungsfähig« klassifiziert worden.[11]
In der »Ulica Sporna«, der Spornastraße 73, entschied sich am 7. November 1941 das Schicksal der Familie Sobkowiak. Unmittelbar davor lag eine zweijährige Zeit sich steigernder Bedrohung, Ungewissheit und Angst. Ein grelles Beispiel für diese Angst vom ersten Tag des Einmarsches der Deutschen an schildert Roman Sobkowiak: seine panikartige Flucht mit dem Fahrrad als gerade Sechzehnjähriger quer durch Polen Richtung Osten; eine Flucht, von der er sechs Wochen später zurückkehrte, da in dieser Zeit Sowjetrussland den Osten Polens besetzt hatte.
Die Sobkowiaks hatten bis zu diesem 7. November 1941 das Gleiche über sich ergehen lassen müssen, wie die etwa 630 000 anderen Polen des Warthegaus: Diskriminierung und Entrechtung, Enteignung des Besitzes, und schließlich die Vertreibung von Haus und Hof, im Morgengrauen, mit 30 Kilo Gepäck. Wie labil die Situation der Familie war, zeigt das von Roman berichtete Schicksal von dreien der Geschwister: Bruder Boleslaw entging 1940 nur haarscharf seiner Hinrichtung; Schwester Jadwiga wurde mit Mann und Kind ins Generalgouvernement deportiert und starb dort 1943; Bruder Stefan durchlitt mehrere Konzentrationslager bis zur Befreiung im Mai 1945.
Für die übrigen fünf Sobkowiaks, die Eltern Jozefa und Stanislaw sowie die Kinder Roman, Seweryna und Stanislaw wurde zwei oder drei Wochen nach der Vertreibung in der Prüfstelle des Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes in Lodz alles anders. Von nun an gehörten sie zur Minderheit der »Eindeutschungsfähigen«. Der Begriff wird gleichbedeutend mit »wiedereindeutschungsfähig« oder auch »rückdeutschungsfähig« verwendet.[12]
Der weitere Umgang mit den »Eindeutschungsfähigen« war bürokratisch geregelt. Sie wurden in ein »Wiedereindeutschungslager« im Deutschen Reich eingewiesen, von dem aus sie nach einer Bewährungszeit in eine private Wohnung umziehen konnten.[13] Im Mittelpunkt stand aber sofort nach der Umsiedlung der Arbeitseinsatz. Je länger der Krieg dauerte, um so mehr verstärkte sich die Jagd nach »gutrassigen Arbeitskräften«.[14]
Wie Himmler in seinen »Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen« vom Mai 1940 beschrieben hatte, ging es nun darum, dass die geprüften Rassegenossen nicht durch Nachbarn, Lagerleiter und Betriebsführer als Menschen zweiter Klasse behandelt würden. Sie sollten nicht mit einem »P« stigmatisiert und unter ein diskriminierendes Sonderrecht gestellt werden, wie etwa die Zwangsarbeiter. Vielmehr gehe es darum, wie Himmler schrieb, sie »bei aller Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, die man ihnen widmen muß«, in das »deutsche Leben vertrauensvoll« einzubauen. »Beschimpfungen wie ›Polacke‹ oder ›Ukrainer‹ oder ähnliches müssen unmöglich sein.«[15] Die »Eindeutschung« konnte dann konsequenter Weise so weit gehen, dass Einzelne aufgefordert wurden, sich der SS anzuschließen, wie das auch bei Roman Sobkowiak – ohne Erfolg – der Fall war.
Aus seinem Bericht geht deutlich hervor: Die Realität war eine völlig andere, als diejenige, die Himmler forderte. Die Erfahrungen extremer Fremdbestimmung und Willkür sowie die strukturelle Fremdenfeindlichkeit der nationalsozialistischen Gesellschaft, die sich nicht nur latent in der Bundesrepublik fortsetzte, schufen ein permanentes Gefühl der Ungleichheit, der Ungewissheit und Angst.
Die Sobkowiaks kamen in das »SS-Umsiedlungslager Schelklingen«, am Rand der Schwäbischen Alb, 25 km westlich von Ulm und über tausend Kilometer westlich von ihrem Heimatdorf gelegen. Das Lager stand unter dem Kommando des Höheren SS- und Polizeiführers Südwest als Beauftragter des Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums, wie auf einem Schild am Eingang zu lesen war. Bei dem Lager handelte es sich um das St.–Konradi–Haus, bis zur Beschlagnahmung durch die SS im Sommer 1941 eine Fürsorgeanstalt für Jugendliche, im Besitz einer Stiftung der Katholischen Kirche.[16] Lebten im Konradihaus ca. 150 Fürsorgezöglinge und Waisenkinder, so waren nunmehr im Umsiedlungslager ca. 500 Personen untergebracht, aus Slowenien, aus Polen, aus dem Baltikum, aus dem Elsass. Innerhalb der etwa 25 durch die SS beschlagnahmten kirchlichen Gebäude in Württemberg besaß Schelklingen den Sonderstatus, Lager für »Eindeutschungsfähige« zu sein, während die anderen Lager für »volksdeutsche Umsiedler« vorgesehen waren.[17] Allerdings, auch in Schelklingen gab es mit den Elsässern eine Gruppe, die einen Sonderstatus hatte. Diese galten zwar als »rasserein«, hatten aber bei der Besetzung des Elsass sich der Kollaboration mit den Nazis widersetzt und waren deportiert worden (auf Nazi-Deutsch »abgesiedelt«). Sie sollten nun vor allem politisch umerzogen werden. Aus dem Kreis dieser Gruppe sind die Erinnerungen der damals 16-jährigen Marie-Louise Zimmermann zugänglich, Tochter eines widerständigen Lehrers aus dem elsässischen Bischwiller, der mit seiner Familie im Oktober 1942 nach Schelklingen verschleppt wurde.[18]
Die ersten Monate – ehe sie privat außerhalb des Heimes notdürftig, aber etwas freizügiger unterkommen konnten – waren für alle Neuankömmlinge deprimierend. Zur extremen Beengtheit der Räume und den schlimmen hygienischen Verhältnissen kam eine unzureichende Versorgung und eine kaum definierte Rechtsstellung. Das wirkte sich einerseits negativ auf das interne Zusammenleben der Heiminsassen aus. Andererseits blieb die eingesessene Bevölkerung infolge Sprachbarrieren und rassistischer Vorurteile höchst misstrauisch. Sie unterschied bei den »Fremdrassigen« kaum zwischen Zwangsarbeitern und »Eindeutschungsfähigen«. Irgendeine Form der Umschulung oder wenigstens des Sprachunterrichts für die Lagerinsassen fand nicht statt.[19]
Der Bericht des Roman Sobkowiak, der 16 Jahre alt war, als die Wehrmacht in Polen einfiel, und 21, als die amerikanischen und später französischen Befreier nach Schelklingen kamen, ist wohl keineswegs typisch für die Mehrheit der Lagerinsassen. Aber er zeigt, dass es Menschen gab, die die gewalttätige Brechung ihrer Lebenslinien zu einem großen Teil überwinden und eine neue Identität finden konnten. Erste Voraussetzung für die neue Identität im fremden Land war ein Glücksfall: die Begegnung mit seiner künftigen Frau Elisabeth im Haus des Schelklinger Kriegsinvaliden und Sozialdemokraten Wilhelm Huber.
Zu diesem Glück kamen wichtige Voraussetzungen seiner Persönlichkeit: Seine behütete Kindheit, sein vital-pfiffiges und nie resignatives Temperament, seine Kontakt- und Durchsetzungsfähigkeit und – dies ganz besonders – seine außerordentliche, beruflich fruchtbar werdende praktische Intelligenz.
In seinem Berufsleben – in Folge der Besatzung ohne Schulabschluss und mit einer notdürftigen Mechanikerlehre – fand er Selbstbestätigung und zäh erkämpfte Wiedergutmachung unter den »Herrenmenschen« von einst. Das gilt von seiner ersten Anstellung als Radiomechaniker 1942 im Ulmer Musikhaus Reisser bis hin zu seinen letzten zehn Berufsjahren als hoch kreativer Angestellter im Entwicklungs- und Forschungslabor von AEG-Telefunken in Ulm. Dass er dort 1951 als Arbeiter angestellt wurde, hing sicher auch damit zusammen, dass das damals boomende Telefunken-Werk in Ulm in der Belegschaft viele »polnische« Wurzeln hatte. Denn 1940 war ein riesiges Zweigwerk des Berliner Telefunken-Mutterhauses in Lodz/Litzmannstadt mit nahezu 5 000 Arbeitern errichtet worden, das dann 1944 angesichts des Näherrückens der Sowjetarmee nach Ulm evakuiert wurde, und zwar in die Wilhelmsburg, die Ulm überragende, fast hundertjährige Hauptkaserne der ehemaligen Bundesfestung Ulm.[20] Bei Telefunken/Ulm – Tarnname »Mechanische Werkstätten G.m.b.H., Ulm/Donau« – waren zur Produktion elektronischer Röhren zwar weitestgehend polnische Zwangsarbeiterinnen eingesetzt, die nach der Befreiung bald repatriiert wurden. Jedoch die Gruppe der kleineren und höheren Angestellten bestand weitgehend aus »Volksdeutschen« mit polnischem Hintergrund, und diese Gruppe blieb nach 1945 in Ulm.
Roman Sobkowiak ergriff all die Chancen der nationalsozialistischen wie bundesdeutschen Arbeitswelt mit beiden Händen. Und wenn es nicht zynisch wäre angesichts der Vorgeschichte aus Gewalt und Zwang, könnte man sagen: Roman Sobkowiak wurde erfolgreich »eingedeutscht«.
Dr. Silvester Lechner leitet seit 1991 das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg e.V. – KZ Gedenkstätte in Ulm.
[1] Silvester Lechner (Hg.), Schönes, schreckliches Ulm. 130 Berichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1940 bis 1945 in die Region Ulm/ Neu-Ulm verschleppt worden waren, Ulm 1996, 2. Aufl. 1997; 315ff.
[2] Erstmals veröffentlicht aus den Akten der Nürnberger Prozesse und kommentiert von Helmut Krausnick, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1957, Heft 2, 194–197.
[3] Wissenschaftlich hervorragend aufgearbeitet in: Isabel Heinemann, »Rasse, Siedlung, deutsches Blut«. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003.
[4] Die neueste Darstellung zum »Generalplan Ost« mit vielen Dokumenten und der weiterführenden Literatur findet sich im Ausstellungskatalog von Isabel Heineman, Willi Oberkrome (u.a.): Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten. Katalog zur Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn 2006.
[5] Heinemann 2003, 225.
[6] Ein prominentes Beispiel ist die Familie von Bundespräsident Horst Köhler. Dieser wurde am 22. Februar 1943 im Dorf Skierbieszow im damaligen »Generalgouvernement« geboren. Skierbieszow war im Kreis Zamosc eines von 300 Dörfern mit insgesamt 110 000 Menschen. Zamosc war eine Musterregion für den »Generalplan Ost«, eine Art »Sonderlaboratorium der SS«. Dort wurde die gesamte polnische und jüdische Bevölkerung enteignet, vertrieben und zum Teil ermordet und durch »Volksdeutsche germanischen Blutes« ersetzt. Dorthin wurden Köhlers Eltern als deutschstämmige Bauern aus dem rumänischen Bessarabien – heute Moldawien – Ende November 1942 umgesiedelt. Quelle: u.a. www.bundespräsident.de, 7/2008.
[7] Heinemann 2003, 12f. Auf Seiten der NS-Besatzer standen sich dabei oft rassische Dogmatiker und politische Pragmatiker gegenüber, was auf den inhumanen Umgang mit den Betroffenen freilich kaum Auswirkungen hatte. Ebd. 270ff.
[8] Ebd. S. 232 ff und 251ff.
[9] Ebd. 260ff.
[10] Ebd. S. 252.
[11] Heinemann 2003, 282ff: »Das ›Wiedereindeutschungsverfahren‹«. Heinemann, ebd. 300, zitiert den Arzt und Rasseprüfer Dr. Grohmann: Neben »der zahlenmäßig geringen Gruppe der Eindeutschungsfähigen« stehe »die Millionenmasse der rassisch und erbbiologisch unerwünschten Fremdschichten«.
[12] Heinemann 2003, 257f.
[13]Ebd. 286.
[14] Ebd. 475ff.
[15] Vgl. Anmerkung 1. Heinemann 2003, 287.
[16] Jörg Martin, Das Umsiedlungslager Schelklingen, 1941–1945; in: Ulm und Oberschwaben. Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Bd. 51, 2000, 232–247.
[17] Ebd. 236.
[18] Marie-Louise Roth-Zimmermann, Denk’ ich an Schelklingen. Erinnerungen einer Elsässerin an die Zeit im SS-Umsiedlungslager (1942–1945), St. Ingbert 2001 (= Annales universitatis saraviensis, Band 16)
[19] Martin 242.
[20] Zur Ansiedlung des Telefunken-Werks in Ulm vgl. Lechner, Schönes, schreckliches Ulm, 51 ff.