Ein vielschichtiger Ort gemeinsamen Erinnerns

Zur Neueröffnung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst
03/2014Gedenkstättenrundbrief 173, S. 3-15
Julia Franke, Andrea Kamp, Jörg Morré und Babette Quinkert

Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst ist ein vielschichtiger historischer Ort. In dem Ende der 1930er-Jahre erbauten früheren Offizierskasino der Festungspionierschule I fand im Frühjahr 1945 ein Akt von welthistorischer Bedeutung statt: Hier endete der Zweite Weltkrieg in Europa. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichneten die Spitzen der deutschen Wehrmacht vor Vertretern der Sowjetunion, Großbritanniens, der USA und Frankreichs kurz nach Mitternacht die bedingungslose Kapitulation. Der historische Saal bildet heute das Herzstück des Museums. Und am 8. Mai veranstaltet das Haus jährlich ein Fest, dessen Höhepunkt um 22 Uhr der in Anwesenheit von Botschaftern der Alliierten im Kapitulationssaal ausgesprochene »Toast auf den Frieden« ist.

Der 8./9. Mai 1945 ist zweifellos das wichtigste historische Datum, an welches das Museum erinnert; allerdings prägten auch andere Nutzungsphasen den historischen Ort. Als die Rote Armee im April 1945 Berlin eroberte, schlug zunächst die 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front unter Generalleutnant Nikolaj Bersarin ihr Hauptquartier in dem Offizierskasino der Wehrmacht auf. Nach der Kapitulation im Mai 1945 diente das Gebäude bis 1949 als Sitz der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Seit Ende der 1960er Jahre beherbergt das Haus ein Museum: 1967 eröffnete die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland das »Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945«. Es entstand zu einer Zeit, als die Sowjetunion mit dem Aufbau neuer Gedenkstätten im In- und Ausland ihre Traditionspflege zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg erheblich intensivierte. Die Eröffnung fand am 5. November 1967, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, statt. Die Ausstellung, die sich vornehmlich an sowjetische Truppenangehörige richtete, zeichnete den militärischen Weg der Roten Armee bis Berlin nach und stellte die Eroberung der deutschen Hauptstadt und den damit verbundenen Triumph über den Faschismus in den Mittelpunkt. Neben Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte öffnete sich das Museum zunehmend auch anderen Besuchergruppen aus dem In- und Ausland.

Mit dem im Oktober 1990 geschlossenen deutsch-sowjetischen Vertrag über den Abzug sowjetischer Truppen aus Deutschland stand auch die Zukunft des Museums auf der Agenda. Im sogenannten Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsvertrag vom 9. November 1990 verpflichteten sich beide Seiten, »sich für die Erhaltung der in ihrem Gebiet befindlichen Kulturgüter der anderen Seite einzusetzen«. Gemäß einem Notenaustausch zwischen den Regierungen vom September 1991 und Juni 1992 zählte hierzu auch das Museum in Karlshorst. Bereits im Vorfeld der Verhandlungen hatte eine paritätisch besetzte deutsch-sowjetische Expertenkommission darüber beraten, unter welchen Bedingungen das Museum fortgeführt werden könnte. Die Experten gelangten zu dem Ergebnis, dass das historische Gebäude mit seinen Gedenkräumen erhalten, die Ausstellung zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges aber grundlegend überarbeitet werden sollte. Mit der Neukonzeption der Ausstellung wurde ein Arbeitsstab beauftragt, der im Frühjahr 1992 seine Arbeit aufnahm.[1] Dieser erarbeitete ein Ausstellungskonzept, das von einer dualen Sichtweise getragen wurde: Neben der sowjetischen sollte nun auch die deutsche Perspektive auf den Krieg 1941–1945 vermittelt werden. Mit der Neueröffnung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst am 10. Mai 1995 beschritten erstmals zwei ehemalige Kriegsgegner den Weg der gemeinsamen Erinnerung an den Krieg.

Die vormals stark heroisierende Darstellung des sowjetischen Siegeszuges wich einer um Objektivität bemühten Schilderung des Kriegsverlaufs und Soldatenalltags auf beiden Seiten. Der Fokus der 1995 neu eröffneten Dauerausstellung lag aber deutlich auf dem verbrecherischen Charakter des von Deutschland gegen die Sowjetunion geführten Vernichtungskrieges. Hier stand das Deutsch-Russische Museum Karlshorst in der Tradition der von Reinhard Rürup und anderen 1991 konzipierten Wanderausstellung »Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945«.[2] Der grundlegende Unterschied zu dieser wie auch den beiden späteren Ausstellungen über Wehrmachtsverbrechen des Hamburger Instituts für Sozialforschung[3] bestand in dem Ansatz, museal, also mit Originalexponaten zu erzählen. Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst erhielt somit einen anderen Vermittlungscharakter als die genannten Dokumentationen.

Die Basis der musealen Sammlung bildeten zunächst Objekte aus dem Zentralmuseum der Streitkräfte in Moskau, die nach der Auflösung des sowjetischen »Kapitulationsmuseums« als Dauerleihgabe in Berlin-Karlshorst verblieben. Hierbei handelte es sich vor allem um Waffen, Uniformen und militärische Auszeichnungen. Ergänzt wurden diese durch Leihgaben aus anderen Partnereinrichtungen in der Russischen Föderation, der Ukraine, Belarus und Deutschland sowie zahlreiche Schenkungen und Ankäufe.

Besonders profiliert hat sich das Museum mit seiner fotografischen Sammlung. Dem früheren Leiter Peter Jahn und seinem Team ist es gelungen, die fotografischen Nachlässe einiger sehr bekannter sowjetischer Fotokorrespondenten zu erwerben und in viel beachteten Sonderausstellungen zu präsentieren.[4] Ergänzt wird dieser Bestand durch eine umfangreiche Sammlung an Amateurfotografien von Angehörigen der deutschen Wehrmacht.[5] Ein besonderes Verdienst des Museums lag darin, mit verschiedenen Sonderausstellungen wichtige Impulse zu erinnerungspolitischen Debatten beigesteuert zu haben. So lieferte eine Ausstellung über den ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins, Nikolaj Bersarin, 1999 einen wichtigen Beitrag zum Streit um dessen Berliner Ehrenbürgerschaft.[6] Im Ergebnis trug die Karlshorster Ausstellung dazu bei, dass Bersarin 2003 die Ehrenbürgerschaft erneut zuerkannt wurde. Eine Ausstellung über Frauen in der Roten Armee zur Jahreswende 2002/2003 gab Einsichten in einen bis dahin von der Militärgeschichte weitgehend unterbelichteten Bereich und stellte weitverbreiteten Klischees den vielschichtigen Alltag weiblicher Armeeangehöriger während des Zweiten Weltkriegs gegenüber.[7]

Seit 1995 besuchten mehr als eine halbe Million Besucher das Museum. Der histo­rische Ort der Kapitulation liegt ebenso auf der Route touristischer Gruppen und Einzelbesucher wie auch von Gruppen der politischen Bildung und Schulklassen. Englischsprachige Führungen werden mittlerweile wesentlich häufiger verlangt als russischsprachige. Wie andere Einrichtungen auch, sieht sich das Museum zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass die Zahl der Besucher aus der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkriegs abnimmt. Dafür steigt die Zahl jüngerer Besucher, die eine größere Distanz zum historischen Geschehen haben und oftmals ohne spezifische Kenntnisse zum Ende des Zweiten Weltkrieges oder zum deutsch-sowjetischen Krieg 1941–1945 ins Museum kommen.

Neben diesen Veränderungen in der Besucherstruktur führte der allgemein in der Museumsbranche geltende Grundsatz, wonach eine Dauerausstellung nach zehn Jahren einer technischen und inhaltlichen Überarbeitung bedarf, dazu, dass sich das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst, seit 2009 unter der Leitung von Jörg Morré zur Aufgabe machte, die vorhandene Ausstellung grundlegend zu überarbeiten. Dieser Prozess konnte nach Zusage finanzieller Sondermittel des Beauftragten der Bundes­regierung für Kultur und Medien im Jahr 2010 beginnen. Zum Ausstellungsteam gehörten Jörg Morré (Projektleitung), Andrea Kamp, Babette Quinkert (Kuratorinnen), Julia Franke (Didaktik, Mediencontent), Margot Blank (Bildredaktion) und Svetlana Andreeva (Sammlungsmanagement). Wissenschaftlich begleitet wurde das Ausstellungsteam durch eine deutsch-russische Arbeitsgruppe, die sich aus Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats des Museums zusammensetzte. Hierzu gehörten Reinhard Rürup, Rolf-Dieter Müller, Anna Morozowa und Igor Maximytschew.

Im Zuge des 2010 durchgeführten Gestalterwettbewerbs reichten acht Ausstellungsbüros ihre Entwürfe ein. Von den drei in die engere Auswahl gekommenen fiel die Entscheidung einstimmig auf das Leipziger Gestalterbüro KOCMOC.NET GmbH. Der Entwurf des Büros überzeugte nicht zuletzt deshalb, weil es den Wunsch des Museums, die Besucher stärker auf die Geschichte des Hauses hinzuweisen und insbesondere das historische Datum 8./9. Mai 1945 deutlicher ins Blickfeld zu rücken, am kreativsten und überzeugendsten umsetzte. Das vorgelegte Gestaltungskonzept zielte darauf, die verschiedenen historischen Zeitschichten des Gebäudes für die Besucher deutlicher sichtbar zu machen und dafür die historischen Räume im Erdgeschoss weitgehend von Ausstellungsmobiliar zu beräumen und aus dem Ausstellungsrundgang herauszulösen. Damit entstand sowohl eine deutliche Trennung als auch eine räumliche Klammer zwischen der Dauerausstellung »Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941–1945« im Ober- und Untergeschoss und den historischen Räumen im Erdgeschoss.

Der historische Ort

Um den Besucher stärker als bisher auf die unterschiedlichen Phasen in der Nutzungsgeschichte des Hauses hinzuweisen und damit für die Authentizität des historischen Ortes zu sensibilisieren, wurden die einzelnen Zeitschichten erkennbarer herausgearbeitet. Dies gelang zum einen durch die schon angesprochene Beräumung, die im Sinne einer »Freilegung« die ursprüngliche Architektur und das Interieur nun stärker zur Geltung bringt. Zum anderen erhielten jene baulichen und dekorativen Elemente, die als Relikte des sowjetischen »Kapitulationsmuseums« für diese Nutzungsphase stehen, eine konsequente Kommentierung und zeitliche Einordnung. Bereits beim Betreten des Hauses wird der Besucher mit den unterschiedlichen Zeitschichten konfrontiert: 1938–1945: Offizierskasino der Pionierschule I; April 1945: sowjetisches Hauptquartier; 8. Mai 1945: Kapitulation; 1945–1949: Sitz des Chefs der SMAD; 1967–1994: Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945; 1995: Deutsch-Russisches Museum. Nicht zuletzt verdeutlicht dieser Umgang mit der Architektur des Museumsgebäudes auch eine Prozesshaftigkeit von Geschichte. Die duale – deutsche und russische – Erzählperspektive ist grundlegendes Charakteristikum des Museums. Dass die jeweiligen Perspektiven auf Krieg und Kriegsende sich unterscheiden, manifestiert sich nicht zuletzt in der unterschiedlichen Deutung des 8./9. Mai 1945. Um diese Differenz sichtbar zu machen, griffen die Gestalter zu einer visuellen Markierung, einem typografischen Element, welches im Foyerbereich des Museums den Blick des Besuchers auf die Dualität des Hauses lenkt – »8. Mai/9 Mая«.[8] Dieses Element taucht als eine Art Landmarke an zwei weiteren Stellen im Haus auf und markiert den Bezug des historischen Datums zum Ort.

Um den Besucher auf den historischen Kapitulationssaal einzustimmen, entwickelte das Gestalterbüro zusammen mit dem Museumsteam einen Raum, der sich in einer multi­perspektivischen Annäherung der globalgeschichtlichen Bedeutung des Ereignisses widmet. Hierzu werden in einer Collage aus Exponaten, grafischen Elementen, einer Audioinstallation und Fotografien die unterschiedlichen Sichtweisen auf das histori­sche Datum des Kriegsendes in der Bundesrepublik, der DDR, der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten sowie in Großbritannien, den USA und Frankreich vorgestellt.

Betritt der Besucher den Kapitulationssaal, so mag er von der vermeintlichen Authentizität des Interieurs beeindruckt sein, doch handelt es sich hierbei eigentlich um eine Rekonstruktion für das »Kapitulationsmuseum« von 1967. Das Sitzungsmobiliar, welches der originalen Anordnung am 8. Mai 1945 nachempfunden ist, stammt teilweise aus dem Requisitenbestand der DEFA. Da der Saal nach dem 8. Mai 1945 für verschiedene Zwecke genutzt wurde – während der Zeit der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) als Fest- und Sitzungssaal, später vermutlich auch als Lagerraum – war das historische Mobiliar bei Einrichtung des Museums 1967 nicht mehr erhalten. Original erhalten ist hingegen die Innenausstattung aus den 1930er-Jahren: Parkettboden, Wand- und Deckengestaltung, Deckenleuchter sowie der kleine Orchesterbalkon. Die großen Marmortafeln an der rückwärtigen Saalwand, die jene sowjetischen Einheiten und Verbände aufzählen, welche für ihre Beteiligung an der Eroberung Berlins besonders geehrt wurden, stammen ebenfalls von 1967.

Drei weitere historische Räume wurden von der Beräumung des Erdgeschosses ausgenommen und behutsam in das neue Gestaltungskonzept eingegliedert: das Arbeitszimmer des Chefs der SMAD, der Raum zum Gedenken an die in der Schlacht um Berlin umgekommenen Rotarmisten und das Diorama »Schlacht um den Reichstag«. Das Diorama wurde 1967 von Michail Ananjew, einem Maler des Moskauer Grekow-Studios für Militärkünstler geschaffen. Zu den Relikten des »Kapitulationsmuseums« gehören außerdem zwei bunte Glasfenster, die im vorderen und hinteren Treppenhaus des Gebäudes angebracht sind. Sie zeigen den »Treptower Helden«, die zentrale Monumentalskulptur des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park in Berlin und eine Darstellung des Siegesfeuerwerks auf dem Roten Platz in Moskau am 9. Mai 1945.

Die grundlegende Neugestaltung des Erdgeschosses ermöglicht es dem Besucher, die wechselvolle Nutzungsgeschichte des Gebäudes zu erkennen und die einzelnen Zeitschichten des Hauses historisch einzuordnen. Zugleich nimmt die Gestaltung im Erdgeschoss schon klar Bezug auf die duale Erzählweise des Museums, die sich in der Dauerausstellung fortsetzt.

Die Dauerausstellung

Die neue Dauerausstellung des Museums »Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941–1945« befindet sich in neun Räumen im Obergeschoss des Hauses (Zeit bis 1945) und in einem Raum im Untergeschoss, der sich thematisch mit der Zeit nach 1945 befasst – sie umrahmt damit gewissermaßen das historische Datum des Kriegsendes am 8./9. Mai 1945.

Bei der Überarbeitung der Dauerausstellung diente die bisherige Ausstellung »Erinnerung an einen Krieg« als Orientierung.[9] Ziel war es aber nicht nur, das äußere Erscheinungsbild der Ausstellung zu modernisieren und aktuellen Sehgewohnheiten anzupassen sowie den aktuellen Forschungsstand einzuarbeiten. Der mittlerweile veränderten Besucherstruktur mit einem jüngeren und internationaleren Publikum sollte auch dadurch Rechnung getragen werden, dass es einerseits eine klarere Trennung und Zuspitzung von Themen und anderseits deren punktuelle Einbettung in einen breiteren Kontext geben sollte. Im Zusammenspiel mit der Entscheidung, das Erdgeschoss nicht mehr als Ausstellungsfläche für die Dauerausstellung zu nutzen und dem Prinzip »ein Raum = ein Kapitel« führte dies zu einer Straffung der Ausstellung (zehn statt zuvor 16 Kapitel) und einer teilweisen inhaltlichen Schwerpunktverschiebung. So ist zum Beispiel der Chronologie des Krieges deutlich größere Aufmerksamkeit zuteilgeworden, weil dieses Rahmenwissen bei jüngeren Besuchern zunehmend nicht mehr vorhanden ist. Auch wird jetzt dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam ein eigenes Kapital gewidmet, um diese Opfergruppe stärker in Erinnerung zu rufen. Nicht zuletzt wird die duale Erzählweise durch thematisch zugespitzte oder neu eingefügte Kapitel deutlicher hervorgehoben, wie die Kapitel 5 und 9 »Die Sowjetunion im Krieg« und »Der Weg nach Berlin«, die die sowjetische Erzählperspektive einnehmen oder das neu eingefügte Kapitel 8 »Der Krieg im Osten und die deutsche Gesellschaft«.

Das erste Kapitel spannt einen zeitlichen Bogen von 1914 bis 1941 und behandelt die wechselvolle Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und Russland in diesem Zeitraum. Nachdem die beiden Länder im Ersten Weltkrieg Kriegsgegner waren, entwickelten sich ihre Beziehungen nach 1918 durchaus nicht einheitlich. Sie reichten von einvernehmlicher Kooperation bis hin zu offener Feindschaft. Thematisiert werden unter anderem die wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit in den 1920er-­Jahren, die vielschichtigen Freund- und Feindbilder, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und ihre Kriegsvorbereitungen ab Mitte der 1930er-Jahre, der Hitler-­Stalin-Pakt, der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und die Besetzung Polens durch die Wehrmacht und die Rote Armee. In die Erzählung eingeschoben ist auch ein Exkurs, der die Sowjetunion als Gesellschaft zwischen revolutionärem Elan, Hungerkatastrophen und Terror vorstellt. Einen zentralen Stellenwert hat die 1940/41 auf deutscher Seite begonnene konkrete Planung des Krieges gegen die Sowjetunion, die von Beginn an einen verbrecherischen Charakter hatte: Millionen Hungertote wurden einkalkuliert und der systematische Mord an hunderttausenden von als »jüdisch-bolschewistisch« diffamierten sowjetischen Funktionären und Angehörigen der Intelligenz vorbereitet.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Chronik des Krieges vom Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bis zur Kapitulation am 8./9. Mai 1945. Ausgewählte Offensiven und Schlachten werden auf einem zentralen Riegel in der Raummitte chronologisch dargestellt und durch zwei große Themenkomplexe ergänzt: den Alltag der Männer und Frauen, die als Angehörige der Wehrmacht und der Roten Armee am Krieg teilnahmen, sowie einen Exkurs über die Rolle der Fotografie im Krieg. In diesem Raum geht es einerseits darum, die großen militärischen Abläufe zu vermitteln und zugleich Einblicke in den Alltag der einfachen Angehörigen der jeweiligen Armeen zu gewähren. Andererseits ermöglicht der Exkurs zur Fotografie im Krieg dem Besucher einen quellenkritischen Zugang zu den Fotografien, die in der Ausstellung gezeigt werden, indem drei unterschiedliche Bildproduzenten vorgestellt werden.

Das dritte Kapitel ist den etwa 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam gewidmet, von denen mehr als 3 Millionen starben. Die Ermordung oder die zum Tode führende gezielte Vernachlässigung dieser Menschen gehört zu den größten deutschen Kriegsverbrechen. Dem Besucher soll verdeutlicht werden, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen nach den europäischen Juden die zweitgrößte Opfergruppe nationalsozialistischer Verbrechen waren. Thematisiert werden unter anderem das völkerrechtswidrige Vorgehen der Wehrmacht, die Morde an Politoffizieren der Roten Armee, an Offizieren, von den Deutschen als jüdisch oder asiatisch eingeordneten Gefangenen und weiblichen Armeeangehörigen, das Massensterben in den Kriegsgefangenenlagern, Zwangsarbeit und Kollaboration.

Das vierte Kapitel konzentriert sich auf die zivilen Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft, die im Allgemeinen in der deutschen Erinnerung bis heute kaum präsent sind: die jüdische Bevölkerung, die ab Ende Juli 1941 systematisch ermordet wurde, die sowjetischen Roma, Patienten in Heil- und Pflegeanstalten, Opfer der deutschen Partisanenbekämpfung unter der Landbevölkerung, Hungertote und Opfer deutscher Rückzugsverbrechen.

Das fünfte Kapitel nimmt einen Perspektivwechsel vor: Es springt zeitlich auf den Tag des Überfalls am 22. Juni 1941 zurück und erzählt Krieg und Besatzung aus sowjetischer Sicht: die Kriegsmobilisierung der Bevölkerung im nicht besetzten Hinterland der Sowjetunion, den Verteidigungs- und Überlebenskampf im belagerten Leningrad und die Partisanen- und Widerstandsbewegung in den besetzten Gebieten.

Das sechste Kapitel nimmt mit der Thematisierung der Anti-Hitler-Koalition eine Perspektiverweiterung vor. Obwohl die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den westlichen Alliierten USA und Großbritannien spannungsreich waren, gingen die drei Mächte ein Bündnis ein, dessen Ziel die gemeinsame Zerschlagung der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa war.

Im siebten Kapitel wird die Kriegsgefangenschaft der etwa 2,6 Millionen Wehrmachtsoldaten thematisiert, von denen der größte Teil erst gegen Ende des Krieges in Gefangenschaft geriet. Auch wenn die Sowjetunion internationale Kontrollen nicht zuließ und die Bedingungen in den Lagern von Hunger und schwerer Arbeit geprägt waren, entsprach ihre Behandlung grundsätzlich dem Völkerrecht.

Das achte Kapitel behandelt die Auswirkungen des Krieges gegen die Sowjetunion auf die deutsche Gesellschaft. Die propagandistische Mobilisierung der deutschen Bevölkerung wird ebenso thematisiert wie deren vielfältige direkte Kontakte mit sowjetischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern. Kenntnisse über deutsche Verbrechen, in der unmittelbaren Nachbarschaft oder in den weit entfernten besetzten sowjetischen Gebieten, waren weit verbreitet. Dennoch – oder gerade deshalb – gelang es dem nationalsozialistischen Regime, den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung bis zum Ende aufrechtzuerhalten.

Das neunte Kapitel erzählt die Endphase des Krieges aus der Sicht der Angehörigen der Roten Armee. Im Januar 1944 überschritten sowjetische Truppen auf breiter Front die Grenze des Deutschen Reiches. Der Kampf um Berlin wurde zur letzten großen Schlacht des Krieges in Europa. Die Perspektive der sowjetischen Soldaten war von der sowjetischen Propaganda, aber auch durch die Konfrontation mit deutschen Verbrechen in Ost- und Südosteuropa geprägt, auf deren Spuren die Rote Armee bei ihrem Vormarsch stieß. Rachegefühle waren daher in den sowjetischen Truppen weit verbreitet und manifestierten sich vielfach in Gewalttaten gegen Deutsche. Die sowjetische Militärführung versuchte dies einzugrenzen und bemühte sich schon bald nach Beendigung der Kämpfe um die Versorgung der Bevölkerung und den Wiederaufbau eines zivilen Lebens. Mit der Schilderung der ersten Wochen der sowjetischen Militärverwaltung in Berlin endet der Rundgang im Obergeschoss. Zugleich wird der Besucher thematisch zurückgeführt an den historischen Ort, an dem er sich befindet.

Über das Treppenhaus gelangt er ins Untergeschoss und in das letzte Kapitel der Ausstellung, welches sich mit den Kriegsfolgen und der Erinnerung an den Krieg befasst. Dieses Kapitel ist grundlegend anders konzipiert als die neun vorangegangenen. Um der Frage nachzugehen, welche Folgen der Zweite Weltkrieg für die Gesellschaften und Individuen hatte und welche nachhaltigen Auswirkungen er bis in unsere Gegenwart hinein hat, werden einzelne Aspekte angerissen, die, weder chronologisch noch thematisch geordnet, Anreize zum Weiterdenken geben sollen.

Das Themenspektrum reicht von den unmittelbaren Kriegsfolgen, wie Menschenverluste und Zerstörungen, Verlust der Heimat und Rückkehr über die politische Teilung Europas und die juristische Aufarbeitung von Verbrechen hin zu Fragen von Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit. Ein besonderer Fokus wird auf die unterschiedlichen Erinnerungskulturen in der Sowjetunion, der DDR und der BRD bis zur Wiedervereinigung gelegt sowie auf die Diskrepanz zwischen öffentlicher und privater Erinnerung. Die Erzählung erfolgt an Einzelobjekten, die stellvertretend für ein Thema stehen und vom Besucher je nach Interesse ausgewählt werden können. Eine Hörstation in der Raummitte bringt russische, ukrainische und deutsche Stimmen zu Gehör, die darüber reflektieren, was der Krieg ihnen persönlich heute bedeutet. Das Vermittlungsziel dieses Schlusskapitels besteht darin aufzuzeigen, dass die tief greifenden Folgen des Zweiten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart hineinreichen – in politischer, gesellschaftlicher, familiärer oder individueller Hinsicht – und die kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit deshalb auch für jüngere Besucher durchaus aktuell und lohnenswert sein kann.

Die neue Ausstellung hat den Anspruch, verständlich und voraussetzungslos zu erzählen, Ereignisse, Grundbegriffe und Kontexte sowie historische Akteure zu erklären. Das äußere Erscheinungsbild wurde entsprechend zeitgemäßer Sehgewohnheiten von Grund auf erneuert und modernisiert. Die Textstruktur – jeweils ein Kapitel-/Raumtext, Unterkapiteltexte, thematische Zwischenüberschriften, Exponatbeschriftungen – soll dem Besucher eine schnelle Orientierung in der Ausstellung erleichtern und selektives Lesen unterstützen. Die zehn Raumtexte sind so verfasst, dass auch ihre alleinige Lektüre einen Überblick über die Ausstellungsinhalte erlaubt.

Besondere Erzählelemente strukturieren die Ausstellung und unterstützen die inhaltliche Vermittlung. So spricht in jedem Raum ein sogenanntes Leitexponat den Besucher emotional an und vermittelt ein starkes, erstes »Bild«, das auch nach dem Ausstellungsbesuch in der Erinnerung haften und mit dem jeweiligen Thema verknüpfbar bleibt. Diese Leitexponate nutzen visuelle und auditive Eindrücke – es sind dreidimensionale Exponate, Fotografien, Audioeinspielungen oder auch eine auffällige Raumarchitektur.

Ein weiteres Erzählelement sind »Biografische Schlaglichter«. Auf 15 Monitoren, die in der Ausstellung verteilt sind, werden in kurzen Filmen Einzelpersonen vorgestellt, deren Leben mit den geschilderten Ereignissen verknüpft sind: Der zwanzigjährige Dmitrij Konstantinowitsch Lewinskij (Kapitel 3) geriet im August 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er gehörte zu der Minderheit der Gefangenen, die das massenhafte Hungersterben im Herbst und Winter 1941/42 überlebte. 1943 wurde er in das berüchtigte Konzentrationslager Mauthausen verschleppt, wo er am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Die gesamte Gefangenschaft über war es ihm gelungen, das Bild seiner Freundin, die er vor dem Krieg kennengelernt hatte, bei sich zu bewahren. Sie trafen sich nach dem Krieg in ihrer Heimatstadt Leningrad wieder und gründeten eine Familie.

Die Sanitäterin Nina Pawlowna Baranowa (Kapitel 3) war ebenfalls 20 Jahre alt, als sie 1943 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Zusammen mit anderen Rotarmistinnen weigerte sie sich, ihren militärischen Status abzulegen und kam in KZ-Haft. Im April 1945 wurde sie auf dem Todesmarsch der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück von der Roten Armee befreit. Nach dem Krieg berichtete sie in Schulen über ihre Erlebnisse und engagierte sich in der internationalen Friedensbewegung.

Der 56jährige Rom Villem-Vilep Indus (Kapitel 4) lebte beim deutschen Einmarsch mit seiner Frau und den gemeinsamen sechs Kindern im estnischen Narwa. Ende 1941 wurde er verhaftet und trotz der Gnadengesuche seiner Frau Anfang 1943 hingerichtet. Wie tausend anderer Roma fiel er der systematischen Verfolgungs- und Mordpolitik der deutschen Besatzungsmacht gegen die Minderheit zum Opfer.

Anna Dawidowna Krasnoperko (Kapitel 4) war 16 Jahre alt, als die Deutschen sie zusammen mit anderen Familienangehörigen im Sommer 1941 ins Minsker Ghetto sperrten. Ihr, ihrer Schwester und ihrer Mutter gelang es, zu fliehen und sich den sowjetischen Partisanen anzuschließen. Nach dem Krieg studierte sie Journalistik und arbeitete 30 Jahre lang als Redakteurin.

Die Ukrainerin Anna Josefowna Komar-­Kolomiez (Kapitel 4) wurde im Februar 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die junge Frau musste in Iggelheim/Pfalz als »Haushalts- und Landwirtschaftshelferin« bei einer Familie arbeiten und wurde, anders als viele andere sogenannte Ostarbeiterinnen, freundlich aufgenommen. Insbesondere zu den Kindern entwickelte sich eine persönliche Beziehung, die den Sohn der Familie mehr als 50 Jahre nach dem Krieg dazu veranlasste, in die Ukraine zu reisen und Anna Komar-Kolomiez wiederzutreffen.

Der Wehrmachtsoldat Fritz Schmenkel (Kapitel 4) verließ im Herbst 1941 unerlaubt seine Einheit und schloss sich den sowjetischen Partisanen im Smolensker Gebiet an. Ende 1943 wurde der überzeugte Kommunist gefasst, vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt und am 22. Februar 1944 in Minsk hingerichtet. In der DDR wurden Straßen, Schulen und andere Einrichtungen nach ihm benannt, doch nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 verschwand sein Name vielerorts aus dem öffentlichen Raum.

Iwan Stepanowitsch Wsewolodow (Kapitel 5) wurde 1941 zur Roten Armee eingezogen und kam 1942 bei Smolensk um. Sein Sohn lernte ihn nie kennen. Erst der Enkel Wsewolodows erfuhr 2001, wo der Großvater begraben liegt.

Der Russlanddeutsche Wilhelm Biedlingmeier (Kapitel 5), dessen Familie seit Generationen im Kaukasus lebte, wurde 1941 mit seiner Frau und den Kindern nach Kasachstan deportiert. Sie kehrten nie an ihren Heimatort zurück.

Der Schriftsteller und Journalist Ilja Grigorjewitsch Erenburg (Kapitel 5) schrieb während des Krieges für zahlreiche sowjetische und internationale Printmedien. Seine Artikel, in denen er offen zum Hass gegen die Deutschen aufrief, genossen insbesondere bei sowjetischen Soldaten große Popularität. Erenburg stellte zudem die erste Dokumentation über den Massenmord an den sowjetischen Juden zusammen, die jedoch in der Sowjetunion nicht erscheinen durfte.

Olga Dmitrijewna Rschewskaja (Kapitel 5) war Kundschafterin eines Partisanenregiments. Die 20jährige geriet 1943 in deutsche Gefangenschaft. Nachdem sie mehrere Gefangenenlager überlebt hatte, wurde sie erschossen. Vor ihrer Hinrichtung schrieb sie ihrer Mutter einen Abschiedsbrief auf ein Kopftuch, welches aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnte.

Abba Kowner (Kapitel 5) war Kommandeur der jüdischen Vereinigten Partisanen Organisation in Litauen. Er rief im Ghetto Wilna zum bewaffneten Widerstand auf. Nach dem Krieg lebte er als Schriftsteller in Israel und sagte 1961 als Zeuge im Eichmann-Prozess aus.

Der jüdische Kommunist Herbert Baum (Kapitel 8) organisierte zusammen mit Gleichgesinnten im Mai 1942 einen Brandanschlag auf eine antisowjetische Ausstellung im Berliner Lustgarten. Die Gruppe flog auf. Herbert Baum wurde verhaftet und starb am 11. Juni 1942 im Gefängnis im Berlin-Moabit – nach Aussage der Gestapo beging er Suizid. Mindestens 34 weitere Mitglieder der Untergrundgruppe wurden verhaftet und hingerichtet. Meta Klibansky (Kapitel 8) und ihre Angehörigen wurden im Juli 1942 zusammen mit anderen jüdischen Familien von Köln aus »in den Osten« deportiert. Die Klibanskys warfen eine Postkarte aus dem Zug, in der sie einer nichtjüdischen Familie für deren Unterstützung dankten – dies war ihr letztes Lebenszeichen. Die Eheleute Klibansky, ihre drei Söhne und Meta Klibanskys Mutter wurden nach ihrer Ankunft in Minsk im nahe gelegenen Maly Trostenez ermordet. Nikolaj Erastowitsch Bersarin (Kapitel 9) war der erste sowjetische Stadtkommandant von Berlin. In dieser Funktion setzte er sich bis zu seinem Unfalltod im Juni 1945 für die Wiederherstellung der Ordnung in der zerstörten Stadt ein.

Wladimir Natanowitsch Gelfand (Kapitel 9) war Offizier der Roten Armee und erlebte das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit in Berlin. In seinem Tagebuch notierte er seine Erlebnisse und Eindrücke von Deutschland und den Deutschen.

Die biografischen Schlaglichter sind ein wichtiger Ansatzpunkt für die Museumspädagogik und historisch-politische Bildungsarbeit. Sie erhellen jeweils einen bestimmten Aspekt und schaffen einen anderen, einen individuellen Zugang zum Thema. Zugleich ergänzen sie die eher dokumentarisch gehaltene Ausstellung um eine narrative Form der Vermittlung. Sie zeigen, dass Geschichte immer multiperspektivisch ist und dass es individuell unterschiedliche Erfahrungen und Umgangsweisen (»Handlungsspielräume«) gibt. Hierin besteht ein wichtiger Vermittlungsansatz gerade für jüngere Museumsbesucher. Ein zusätzliches Vermittlungs- und Vertiefungsangebot sind ausziehbare Tableaus, auf denen Personen der politischen und militärischen Führung mit knappen biografischen Angaben vorgestellt und in ihrer Funktion erklärt werden. Diese Kurzbiografien richten sich ebenfalls an Besucher mit wenig spezifischen Kenntnissen. Alle Texte sind paritätisch deutsch und russisch, zusätzlich bietet die Ausstellung internationalen Besuchern eine um 40 Prozent gekürzte englische Textversion an.

Erzählt wird an Exponaten – dreidimensionalen Objekten, »Flachware« (Dokumenten) sowie Fotografien, die zu kleineren Erzähleinheiten zusammengefasst sind. Dabei werden die Objekte nicht illustrativ eingesetzt, sondern es wird an ihnen erzählt. Dies gilt auch für die zahlreichen Fotografien, die etwa die Hälfte der rund 850 gezeigten Exponate ausmachen. Sie sind – bis auf wenige Ausnahmen – in einem einheitlichen Format reproduziert, um ihren Charakter als Quelle zu betonen. Sie dienen nicht illustrativen Zwecken, sondern erzählen als eigenständige Exponate jeweils spezifische Aspekte. Angaben zum Fotografen, soweit bekannt, und seinem Kontext – Fotograf der Propagandakompanien der Wehrmacht, sowjetischer Fotokorrespondent, Amateurfotograf – knüpfen an den Exkurs zur »Fotografie im Krieg« im zweiten Kapitel an. Die Besucher werden so angeregt, sich quellenkritisch mit den Fotografien zu beschäftigen, die immer nur eine interpretierte, durch den Akt des Fotografierens und unsere Rezeption beeinflusste Realität abbilden.

Musealisierung des Außenbereichs

Der Außenbereich des Museums wurde ebenfalls in die Neukonzeption des Hauses einbezogen. Ziel war es, die 1967 im Museumsgarten aufgestellten sowjetischen Großwaffen stärker zu kontextualisieren und in die Erzählung des Ausstellungsrundgangs einzubetten. Hierzu erhielten die Waffen analog zur Gestaltung im Erdgeschoss des Hauses neue Kommentierungen. Eine zusätzlich konzipierte Hörstation im Außenbereich bietet dem Besucher einen erfahrungsgeschichtlichen Zugang zu den ausgestellten Großwaffen: Eingesprochene Texte geben Einblick in die Alltagserfahrungen von Soldaten und Sanitäterinnen im Umgang mit Militärtechnik.[10]

Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst ist ein wichtiger Erinnerungsort von nationaler und internationaler Bedeutung. Als einziges Museum in Deutschland stellt es mit seiner Dauerausstellung den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion in den Mittelpunkt und ruft auch solche Opfergruppen in Erinnerung, die bis heute in der Öffentlichkeit wenig präsent sind. Das Museum stellt somit eine wichtige Ergänzung zu anderen Einrichtungen der historisch-politischen Aufarbeitung innerhalb der Berliner Gedenkstätten- und Museumslandschaft dar. Das aber wohl augenfälligste Alleinstellungsmerkmal des Museums liegt in seinem besonderen Profil: An diesem Ort erinnern zwei ehemalige Gegner gemeinsam an den Krieg.
 

Julia Franke ist seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst (DRM).

Andrea Kamp war bis März 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DRM.

Dr. Jörg Morré ist seit 2009 Leiter des DRM.

Dr. Babette Quinkert war bis Juni 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DRM.
 

Das Begleitbuch zur Ausstellung erscheint voraussichtlich im März 2014.

[1] Vgl. Magazin. Mitteilungen des Deutschen Historischen Museums. Heft 9, 3. Jahrgang, Sommer 1993: Berlin-Karlshorst 8. Mai 1945.

[2] Vgl. Reinhard Rürup (Hrsg.), Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945. Eine Dokumentation, Berlin 1991.

[3] Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1996; Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Hamburg 2002.

[4] Vgl. u.a. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Nach Berlin! Timojej Melnik, Kriegsfotografie 1941–1945, Berlin 1998; Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Heimat-Front. Iwan Schagin, Kriegsfotografie 1941–1945, Berlin 1999; Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Diesseits – Jenseits der Front. Michail Trachman, Kriegsfotografie 1941–1945, Berlin 2002.

[5] Vgl. hierzu u.a. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1939–1945, Berlin 2000.

[6] Vgl. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Nikolaj Bersarin. Generaloberst – Stadtkommandant (Berlin), Berlin 1999.

[7] Vgl. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941–1945, Berlin 2002.

[8] Da die deutsche Kapitulation in Moskau erst nach der Unterzeichnung in Karlshorst, also am 9. Mai 1945 verkündet wurde, wird in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion an diesem Datum der »Tag des Sieges« gefeiert. Zum Verlauf siehe auch Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Die deutsche Kapitulation im Mai 1945, (Museumshefte, 1), Berlin 2010.

[9] Vgl. Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Erinnerung an einen Krieg. Ausstellungskatalog, Berlin 1995.

[10] Die Überarbeitung der Open-Air-Ausstellung wie auch die aufwendige Restaurierung der Großwaffen wurde durch die Russische Föderation unterstützt.