Ein Mahnmal für die Opfer der »Euthanasie«-Verbrechen in Pirna-Sonnenstein

Ergebnisse des künstlerischen Wettbewerbs
10/2000Gedenkstättenrundbrief 97, S. 26-31
Stefanie Endlich

Im Juni 2000 wurde auf dem Schloßberg Sonnenstein im sächsischen Pirna südlich von Dresden eine Gedenkstätte eröffnet, die am authentischen Ort an die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde erinnert. Pirna Sonnenstein war – neben Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Bernburg und Hadamar – eine der sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich, in denen mehr als 70000 Menschen ermordet wurden, deren Dasein von den Nationalsozialisten als »lebensunwert« angesehen wurde.

In der historischen Schloßanlage oberhalb des Renaissance- und Barockstädtchens Pirna, hoch über der Elbe, war seit 1811 eine der ersten deutschen Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke untergebracht. Sie entwickelte sich zu einer international beachteten Einrichtung mit Modellcharakter und galt als wegweisend für die Psychiatrie-Reform in Deutschland. 1939 wurde die Anstalt aufgelöst. Stattdessen wurde eines der Krankengebäude in eine Tötungsanstalt umgewandelt. Zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden hier im Rahmen der »Aktion T4« 13720 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen durch Kohlenmonoxyd-Gas vergiftet. Ermordet wurden hier 1941 im Rahmen der »Aktion 14f 13« auch mehr als tausend meist geschwächte und dadurch arbeitsunfähige jüdische, polnische und deutsche KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Sachsenhausen und Auschwitz.

Im Sommer 1942 löste man die Mordstätte auf, baute die Gaskammer und das Krematorium ab und versuchte, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Nach einer kurzen Nachkriegs-Phase der Ermittlungen und Strafverfolgungen wurde das Thema »Euthanasie«-Verbrechen lange Zeit verdrängt und verschwiegen, sowohl in der offiziellen Gedenkkultur der DDR wie auch, von einigen Ausnahmen abgesehen, in der konkreten Regional- und Lokalpolitik. Erst durch Bürgerengagement in den späten achtziger Jahren und durch die Arbeit des »Kuratoriums Gedenkstätte Sonnenstein e. V.« seit 1991 wurde ein öffentliches Bewußtsein für die Notwendigkeit des Erinnerns an diesem historischen Ort geschaffen.

Die neue Gedenkstätte im Haus 14 der ehemaligen Anstalt umfaßt den historischen Keller mit der ehemaligen Gaskammer und dem Krematorium, eine Dauerausstellung im Dachgeschoß und weitere Räumlichkeiten für Erinnerungsarbeit. Sie wird seit 1999 von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten betreut. Über die Restaurierung des authentischen Gebäudes und die Konzeption der neuen Dokumentations-Ausstellung soll in einem der folgenden Hefte des Gedenkstättenrundbriefs berichtet werden. In diesem Beitrag geht es um den vor kurzem entschiedenen künstlerischen Wettbewerb für ein Mahnmal auf dem Sonnenstein.

Standort und Wettbewerbsaufgabe

Der Beschluß, ein Mahnmal zu errichten, kam im Zusammenhang mit dem Umbau des Hauses 14 (ehemals Haus 16) zustande. Dieses Haus wird nicht nur, wie zuvor beschrieben, im Keller- und im Dachgeschoß sowie im kleineren Teil des ersten und zweiten Geschosses von der Gedenkstätte genutzt, sondern auch von der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die in mehreren kürzlich restaurierten Gebäuden auf dem Sonnenstein eine Einrichtung mit Ausbildungs-, Förderungs- und Therapiemaßnahmen für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreibt. Die AWO Sonnenstein ist zwar, institutionell gesehen, keine Nachfolge-Einrichtung der historischen Heil- und Pflegeanstalt Pirna Sonnenstein, knüpft jedoch in ihrem Selbstverständnis bewußt an die humanistische Tradition dieser Anstalt an.

Ihre neue Behinderten-Werkstatt ist im östlich angrenzenden Haus 13 untergebracht und nutzt über eine Glasgang-Verbindung die größeren Teile der beiden Hauptgeschosse des Hauses 14 für Gemeinschaftseinrichtungen. Gedenkstätte und Behindertenwerkstatt haben im Haus 14 jeweils getrennte Eingänge, benutzen jedoch einige der Räume sowie den vorgelagerten, gärtnerisch gestalteten Außenbereich gemeinsam. Dieser Außenbereich wurde zum Standort für das geplante Mahnmal bestimmt. Die historischen Kellerräume waren bereits im Rahmen der denkmalpflegerischen Restaurierung mit einigen eher zurückhaltenden Gestaltungselementen versehen worden, um die Orte des Mordens besser kenntlich zu machen, und sollten daher von weiteren künstlerischen Eingriffen freigehalten werden.

Aus dieser räumlichen Nachbarschaft und gemeinsamen Nutzung ergaben sich für den Kunstwettbewerb die Möglichkeit der Kooperation, aber auch ein Zielkonflikt. Aufgrund einer politischen Entscheidung wurden die Kunst-am-Bau Mittel des Umbauvorhabens für ein Mahnmal bereitgestellt. Die AWO brachte dabei den in der Ausschreibung explizit formulierten Wunsch ein, daß dieses Mahnmal nicht nur »am historischen Ort dem Gedenken an die Opfer einen würdigen Ausdruck verleihen«, sondern »zugleich der Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderungen auf dem Platz zwischen den Gebäuden beider Einrichtungen – Gedenkstätte und Werkstatt für Behinderte – förderlich sein« sollte.

In welcher Weise – und ob überhaupt – diese beiden unterschiedlichen Ziele sich in einem Mahnmals-Entwurf vereinbaren lassen, mußten die Künstler jeweils für sich entscheiden. Wie noch zu zeigen ist, versuchten zwei der Teilnehmer, beiden Aspekten gerecht zu werden, die anderen konzentrierten sich auf die Schaffung eines Gedenkortes. Tatsächlich wurde die Problematik der in der Ausschreibung noch hoffnungsvoll formulierten Doppelfunktion anhand der konkreten Entwürfe augenscheinlich. Insgesamt war die Aufgabenstellung jedoch offen und nicht restriktiv.

So war es zum einen möglich, neben dem speziellen für das Kunstwerk zur Verfügung gestellten Freiraum-Areal weitere Standorte in den Außenbereichen des Hauses 14 einzubeziehen. Dies betraf vor allem die Mauer hinter dem Haus, den Elbhang (»Elbleite«) und dem dazwischen entlangführenden »Canalettoweg«, benannt nach dem berühmten Dresdner Hofmaler, der mehrfach Pirna und den Sonnenstein mit der Schloßanlage auf seinen Gemälden verewigt hat. Die Mauer war errichtet worden, um die Gebäude der Tötungsaktionen zur Elb- und Parkseite hin abzuschirmen. Durch ein Mauertor hindurch und über den Canalettoweg hinweg wurde die Asche der Ermordeten aus dem Krematorium über den Elbhang verschüttet. Der Elbhang ist daher – neben dem historischen Gebäude – nicht nur ein Zeugnis der Morde, sondern auch ein Friedhof. Die in den siebziger Jahren vorgenommene Zumauerung dieses Tors ist auf eindrückliche Weise sichtbar und sollte in jedem Fall im Rahmen der Markierung des historischen Geländes kenntlich gemacht und erläutert werden. Zum zweiten war auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, weitere Orte bis in den Stadtkern von Pirna hinein in das Mahnmalsprojekt einzubeziehen, vielleicht sogar grundsätzlich von einem dezentralen Konzept auszugehen. Drei der Wettbewerbsbeiträge nehmen folglich auch das als noch höchst unbefriedigend empfundene Verhältnis von Stadt und Gedenkstätte zum Ausgangspunkt.

Darüber hinaus hatten die Künstler die Chance, sich bei der Mahnmalsgestaltung auf denjenigen Aspekt zu konzentrieren, der ihnen am wichtigsten erschien. Erwartet wurde nicht – wie bei manchen anderen Mahnmalsprojekten –, daß die Kunst den Ort mit seiner höchst komplexen Geschichte überhaupt erst »zum Sprechen bringen« oder fehlende Erinnerungsarbeit kompensieren sollte. Die Gedenkstätte im restaurierten authentischen Haus beinhaltet umfassende Informationen und Vermittlungsarbeit. So waren die Wettbewerbsteilnehmer von übersteigerten thematischen Erwartungen entlastet.

Das Wettbewerbsverfahren

Zur Teilnahme eingeladen wurden zehn Künstlerinnen und Künstler beziehungsweise Künstlergruppen, deren Namen auf Vorschlag der verschiedenen Verfahrensbeteiligten bestimmt wurden. Neun Beiträge wurden zur Beurteilung zugelassen, der zehnte (von Hans Brockhage aus Chemnitz) wegen stark verspäteter Abgabe zurückgewiesen.

Das siebenköpfige Preisgericht, ergänzt durch Fachberater, tagte am 12. September. Es setzte sich folgendermaßen zusammen:

• Dr. Jörg Düsterhöft, Architekt, in Vertretung des Bildhauers.Prof. Detlef Reinemer von der Kunsthochschule Dresden

• Dr. Stefanie Endlich, Kunstsachverständige, .im Auftrag der Stiftung Sächsische Gedenkstätten beteiligt an der Erarbeitung der Ausschreibung; Vorsitzende des Preisgerichts

• Hans-Jürgen Hörner für die AWO Sonnenstein

• Regina Humbert für die AWO Sonnenstein

• Dr. Salomon Korn, Architekt und Vorstandsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland

• Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent der Stiftung Topographie des Terrors

• Otmar Mauritius für die Oberfinanzdirektion Chemnitz

Für die Ausführung des Mahnmals – Material-, Herstellungs- und Honorarkosten – stehen 100000 DM zur Verfügung.

Im anonymen Verfahren ermittelte die Jury – wie in der Ausschreibung vorgesehen – drei Preisträger und empfahl in einer einstimmigen Entscheidung den Ersten Preis zur Realisierung. Bevor dieser und die beiden weiteren prämierten Beiträge beschrieben werden, sollen zuvor die anderen sechs in ihren jeweils unterschiedlichen Ansätzen kurz skizziert werden.

Das Team Hauswald & Krauskopf aus Meißen schlägt vor, im Rasen seitlich des Hauses 14 ein ruhiges, spiegelndes Wasserbecken anzulegen, dessen Boden beim näheren Hinschauen in die Tiefe wegzukippen scheint – Sinnbild für den Widerspruch zwischen den damaligen Verbrechen und der heutigen Alltäglichkeit an diesem Ort.

Via Lewandowski aus Berlin gestaltet einen durch eine Tür begehbaren, assoziationsreichen gläsernen Kunstraum, auf dessen weiß gekacheltem Boden Blumen liegen, die ausgetauscht werden können, wenn sie verwelkt sind, und somit ein Indiz darstellen für die Bereitschaft, sich um diesen Gedenkort zu kümmern. Die schwarze Außenseite der Tür trägt die Inschrift: »Niemand wird unseres Namens gedenken«.

Herbert Volz aus Ulm schlägt ein geometrisches Bodenrelief aus Platten und steinernen Sitzquadern vor, in dessen Mitte ein »Schlußstein« die Inschrift trägt: »Für 13720 Menschen endet der Weg – für uns beginnt er«. Als Erinnerungs-, aber auch Sitzlandschaft vor dem Haus 14 soll es zugleich der Begegnung zwischen den Besuchern und Nutzern der beiden Einrichtungen dienen.

Auch Susanne Ahner aus Berlin hat einen Ort entworfen, der zum Verweilen, zu Begegnungen und Gedankenaustausch anregt. Dafür sieht sie keine starre Konstellation vor, sondern 40 einfache hölzerne Hocker, die locker und ständig neu im Freiraum verteilt sind. Jeder von ihnen ist mit einem »Wort des Lebens« perforiert, so daß ihre Gesamtheit einen »Denkraum« mit vielfältigen Bezügen bildet.

Renata Stih und Frieder Schnock aus Berlin konzipieren den Canalettoweg als Bindeglied zwischen dem Canalettohaus im Stadtkern von Pirna und dem Sonnenstein. Stadtpläne, Wegzeichen, Bilder von Canaletto, ein Lageplan der »Euthanasie«-Anstalt und Faltblätter begleiten den Besucher bei seinem langsamen Aufstieg zur Gedenkstätte.

Jörg Herold aus Berlin entwickelt die großdimensionierte Installation eines Schriftzugs, der nördlich vom Haus 14 angebracht wird und dessen zwei erste Worte dank einer Einkerbung in den Baumbestand des Elbhangs weithin bis in die Stadt am Fuße des Sonnensteins und ins Elbtal hinein zu lesen sind: »Du wußtest, wer hier mordete und wer gemordet wurde«.

Das Wettbewerbsergebnis

Der dritte Preis wurde an Arend Zwicker aus Dresden vergeben. Er schlägt vor, im Hof eine große, halbtransparente Glasscheibe aufzustellen, die den Besucher mit seinem Spiegelbild konfrontiert und zugleich einen verdunkelten Blick auf das Haus der Mordaktionen ermöglicht. Aus dem Keller heraus soll ein Text auf die Scheibe projiziert werden, dessen Leuchtschrift auf die Körper derer übergeleitet wird, die zwischen die Scheibe und das Haus treten: »Das Echo des Schweigens ist unüberhörbar«. Die Jury würdigte die »gelungene Vereinigung von Statischem und Dynamischem« und die durch die Schriftverlagerung zu erwartenden Irritationen. Sie befürchtete jedoch, daß die dunkle Scheibe allzu stark als trennendes Element zwischen den beiden Einrichtungen wirken könnte.

Der zweite Preis ging an Heike Ponwitz aus Berlin. Sie will den Besucher von der Altstadt hinauf zur Gedenkstätte mit Hilfe von Erinnerungstafeln führen, die die kunsthistorisch bedeutende und allseits hochgeschätzte Geschichtsetappe der Stadt, die durch Canalettos Malerei geprägt ist, mit der dunklen Seite ihrer Geschichte verbindet. Dabei wird jeweils ein Stadtportrait Canalettos (Siebdruck auf Glas), das die Fernwirkung dominiert, mit einer zweiten Scheibe verbunden, die Begriffe des NS-»Euthanasie«-Programms beinhaltet und die Schönheit des Portraitbildes konterkariert. Zwei größere Tafeln gibt es an der zugemauerten Pforte (mit der Inschrift »Asche Tor«) und vor dem Eingang zur Gedenkstätte (mit der Inschrift »Vergangenheit ist Gegenwart«). Die Jury lobte den Grundansatz der Arbeit und die »eindrucksvolle und ästhetische Wirkung der Tafel am Asche-Tor, die den authentischen Ort sichtbar macht«, empfand jedoch die Tafel vor dem Eingang, also am eigentlich vorgesehen Haupt-Standort, als weniger überzeugend.

Die Gruppe Andrea Wandel/Andreas Hoefer/Wolfgang Lorch/Nikolaus Hirsch aus Saarbrücken erhielt den Ersten Preis und die Ausführungsempfehlung. Ihr Entwurf sieht vor, einen mit Kohlenmonoxyd gefüllten Glaskörper vor dem Haus 14 aufzustellen, dessen Dimension und Kantenlängen dem heute restaurierten Raum der ehemaligen Gaskammer im Keller des Gebäudes entsprechen. Dazu bemerkte die Jury:

»Die Idee, diese Gaskammer ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, wird als besondere Qualität des Entwurfs gesehen. Der Glaskubus ordnet sich so in die Umgebung ein, daß er einerseits Aufmerksamkeit fordert, andererseits auch die vielfältigen Aktivitäten der angrenzenden Einrichtung zuläßt. Die Arbeit zeichnet sich durch ihre formale Zurückhaltung, durch Vermeidung jeglicher Ästhetisierung des Schreckens aus. Sie bleibt in ihrer symbolhaften Aussage mehrdeutig und vermeidet so jede plakative Assoziation. Es bleibt dem Betrachter überlassen, ob er im Glaskubus die nach außen gekehrte, ans Tageslicht geholte Gaskammer der Tötungsanstalt sieht oder ihn als Ort empfindet, den er nicht betreten wird… Das Preisgericht war sich über die hohe künstlerische Qualität des Entwurfes einig.«

Damit wurde eine Arbeit prämiert, die in ihrer Mehrdeutigkeit vom schnellen Blick nicht voll erfaßt werden kann und sich einer eindeutigen interpretatorischen Festlegung entzieht. Gerade darin sahen die Mitglieder der Jury den besonderen Stellenwert dieses Entwurfs, zumal sie selbst die Erfahrung machten, daß sie sich ihm immer mehr annäherten, je stärker sie sich mit ihm auseinandersetzten. Bemerkenswert ist auch, daß die ästhetische Form des Objekts einen neuen, weil in vergleichbarer Weise noch nicht realisierten Aspekt in der Gedenkkunst-Landschaft darstellen wird.

Nach einem Entwurf der Gruppe Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch wird derzeit auch der Neubau der Dresdener Synagoge errichtet. Bekannt wurde sie zuvor durch die künstlerische Gestaltung des Börneplatzes in Frankfurt am Main, wo der alte jüdische Friedhof von einer Gedenkmauer mit den Namen der ermordeten Frankfurter Juden eingerahmt wird, und durch die Installation »Gleis 17« auf dem ehemaligen Deportationsbahnhof Berlin-Grunewald, wo das historische überwachsene Bahngleis durch ein Stahlguß-Band mit Inschriften eingefaßt wird. Zu hoffen ist, daß ihr Mahnmalsentwurf für Pirna zügig und – wie der Wettbewerb – im Einvernehmen aller Beteiligten realisiert wird.

Dr. Stefanie Endlich ist als freiberufliche Publizistin mit Schwerpunkt Kunst und Architektur in Berlin tätig. Zusammenarbeit mit Gedenkstätten bei zahlreichen Projekten und durch Vertretung in Gremien.