Das eine »Gesicht« ist der ursprüngliche, gut 150 Jahre alte militärische Zweckbau »Fort Oberer Kuhberg«. Das andere Gesicht ist die Nutzung des Forts vor über 70 Jahren als frühes Konzentrationslager des Landes Württemberg.
Im ersten, in diesem Rundbrief abgedruckten Teil werden die historischen Voraussetzungen, die Geschichte des ehemaligen Forts und heutigen Baudenkmals und die Geschichte des Landes-Konzentrationslagers von 1933 bis 1945 dargestellt.
Im zweiten Teil, der im GedenkstättenRundbrief Nr. 134 im Dezember erscheinen wird, ist die Rezeptionsgeschichte bis heute dargelegt. Darüber hinaus wird die heutige Arbeit des »Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg« skizziert, auf der einen Seite eine KZ-Gedenkstätte und Ort gegenwärtiger Menschenrechtserziehung und andererseits ein Informations- und Kompetenzzentrum zur NS-Zeit in der Region Ulm.
Das Fort Oberer Kuhberg in Ulm ist von seiner Intention her und in seiner heutigen äußeren Erscheinung als Baudenkmal ein militärischer Zweckbau, der politisch-historisch im Europa zwischen Französischer Revolution und bürgerlicher Revolte von 1848 wurzelt. Architekturgeschichtlich und militärstrategisch allerdings geht er auf Konzepte der Kriegsführung des 18., ja 17. Jahrhunderts zurück.
Erbaut in den Jahren um 1848, ist das Fort ein kleiner Bestandteil der »Bundesfestung Ulm«, die zwischen 1842 und 1859 entstanden ist. Die Bundesfestung war und ist das umfangreichste und kostspieligste Bauwerk in der Geschichte der Stadt.
Das Haupt- und Zugangsgebäude des Forts Oberer Kuhberg, das so genannte »Reduit«, entspricht in seiner heutigen Erscheinung weitgehend dem Zustand seiner Erbauung um 1848. Das Gebäude wirkt auf die Menschen, die mit ihm zu tun hatten und haben, im Sommer und Winter sehr verschieden. Zum einen die Wirkung als »stolze, strahlende Burg« und damit als Ausdruck von Macht, Herrschaft und Stärke; zum anderen die Wirkung als »düsterer, verwunschener Kerker«, als Ausdruck von Ohnmacht, Schwäche, Angst.
Ein Plan von etwa 1865 zeigt die fertig gestellte »Bundesfestung Ulm«. Zu sehen ist der innere Festungsgürtel rund um die Städte Ulm und Neu-Ulm einerseits und andererseits die vorgelagerten »Werke« bzw. Forts, die die Funktion hatten, den Feind schon im Vorfeld abzuwehren. Das Fort Oberer Kuhberg (Werk XXXII, auf dem Plan Seite 33 unten links) ist dabei nur ein kleines Detail. In dieser Form hatte die »Bundesfestung« allerdings nur bis etwa 1890 Bestand, da nun der Festungsgürtel die gründerzeitliche Entwicklung der Stadt behinderte.
Ein Luftbild zeigt die Südost-Ecke des rechteckigen Forts in einer Luftaufnahme aus den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Mauern dienten der Abwehr von möglichen Angriffen, hatten aber auch die militärische Funktion von Wachgängen und fungierten später als Unterbringungsorte der KZ-Häftlinge.
Eine Informationstafel am Zugang zum Fort aus dem Jahr 2001 benennt die beiden gegenwärtigen Nutzungen und Nutzer der seit 1960 unter Denkmalschutz stehenden Anlage:
»Bundesfestung Ulm - Fort Oberer Kuhberg
Erbaut 1848–1857 auf 3 ha Fläche.
Wichtigste westliche Stellung unter den 15 Außenforts der Bundesfestung Ulm, errichtet 1842–1859 im Auftrag des Deutschen Bundes unter
Leitung des preußischen Majors von Prittwitz.
Seit 1960 unter Denkmalschutz
Eigentümer: Bundesrepublik Deutschland
Kulturgeschichtliches Freilichtmuseum der historischen Festungsanlage
Träger: Förderkreis Bundesfestung Ulm e.V.
Gedenkstätte des 1933–1945 hier errichteten Landes-Konzentrationslagers für Württemberg
Träger: Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg
Ulm e.V. – KZ-Gedenkstätte«
(Hervorhebung im Original.)
Wie schon der Name sagt, war die Bundesfestung kein lokales, sondern ein politisch-militärisches Projekt desjenigen Staatenbundes, der sich bald nach Auflösung des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« »Deutscher Bund« nannte und seinen Sitz in Frankfurt hatte.
Beschlossen worden war die Bundesfestung Ulm 1815 beim Wiener Kongress, dem Treffen der europäischen Souveräne nach den napoleonischen Umwälzungen.
Die Weichenstellungen von 1815 hatten neben der zwischenstaatlichen und innenpolitischen Dimension (Zensurapparat, politische Polizei) auch eine militärische. Um einen künftigen Angriff aus Frankreich abwehren zu können, wurden bald nach 1815 mehrere Festungen den Rhein entlang beschlossen und auch gebaut, wie etwa in Mainz und Rastatt. Und schließlich wurde zur, wie es programmatisch hieß, »Absicherung des süddeutschen Raumes« eine Zentralfestung konzipiert, die eine ganze Stadt, nämlich Ulm – und die Donau überschreitend auch Neu-Ulm – zur Festung machte, zur »Bundesfestung Ulm«. Sie war für den Fall eines Angriffes aus Frankreich als zentraler Sammlungs-, Rückzugs- und Nachschubort für die angegriffenen Truppen der süddeutschen Staaten vorgesehen.
1815 beschlossen, wurde in Ulm fast 30 Jahre später, 1842, mit dem Bau begonnen. Jahrzehntelang mussten Kompetenzen und Konzeptionen zwischen den Großmächten des Deutschen Bundes geklärt und insbesondere musste auch das nötige Geld beschafft werden. Der Festungsbaumeister – zumindest auf dem württembergisch-ulmischen Donauufer – kam schließlich mit dem Major von Prittwitz aus Preußen und das Geld kam in Form von Reparationszahlungen aus Frankreich.
Als das gigantische Bauwerk, an dem zeitweise 5000 Bauarbeiter aus halb Europa beschäftigt waren, 1859 fertiggestellt war, hatten sich nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse verändert, sondern auch die militärischen. Die Festung war bei Fertigstellung ein militärischer Anachronismus, der bis 1906, ja bis in den 1. Weltkrieg hinein, ständig nachgebessert wurde, da sich z.B. Artillerie und Baumaterialien verändert hatten. Aber sie war andererseits ein kolossales Bauwerk, das bis heute die Region prägen sollte.
Ende des 19.Jahrhunderts, im gründerzeitlichen Aufbruch, war der Festungsgürtel endgültig zur Zwangsjacke für die Entwicklung der Stadt geworden, weshalb in diesen Jahren große Teile davon abgerissen wurden, damit sich die Stadt erweitern konnte.
Auch wenn die »Reichsfestung Ulm« – wie sie seit 1871 hieß – im 1. Weltkrieg noch eine gewisse militärische Bedeutung erhielt, war diese endgültig bei Kriegsende 1918 sowie 1920 mit dem Frieden von Versailles erloschen.
Was aber blieb, war zweierlei:
Zum einen viele im Stadtbild bis heute vorhandene Teile des Bauwerks, von denen die einen in alter Funktion weiter genutzt wurden, wie z.B. Kasernen und Lazarette, von denen die anderen aber funktionslos geworden waren und heute vielerlei bürgerschaftlichen Zwecken dienen. Da sie der Expansion der Stadt nicht entgegenstanden, wurden sie nicht geschleift. Ein Beispiel dafür ist das Fort Oberer Kuhberg, das an der westlichen Stadtgrenze auf der Anhöhe »Hochsträss« zwischen Donau- und Blautal thront und deshalb heute das vollständigste erhaltene Exempel des einstigen Bundesfestungs-Forts ist.
Das andere aber, was mit dem Schleifen des Festungsgürtels nicht verloren ging, war Ulms Charakter als Militär- und Soldatenstadt. Diese Prägung bestand sehr dominant seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1945; mehr latent, aber in deutlichen Spuren, bis heute. Die Ökonomie und die Sozialstruktur der Stadt – so z.B. wenig Industrie und eine zahlenmäßig geringe, politisch duldsame Arbeiterschaft – waren davon ebenso betroffen wie Mentalitäten und politische Haltungen. Vom Bau der Festung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs lebten Tausende im und vom Militär und in und von der Militärindustrie. 1914 etwa waren von 60 000 Einwohnern 15 000 »Militärpersonen«, ein Viertel der Bevölkerung. Als dann mit dem Frieden von Versailles das deutsche Heer auf 100 000 Mann reduziert und der Standort Ulm auf 1 500 Soldaten dezimiert wurde, bedeutete das einen elementaren Einschnitt in die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung. Die republikfeindlichen Parolen vom »Schandfrieden« und vom »Dolchstoß« gewannen Konjunktur.
Es entstanden Dutzende von Veteranen- und Traditionsvereinen. Der republikfreundliche »Reichsbund jüdischer Frontsoldaten« hatte in Ulm sein württembergisches Zentrum ebenso wie der republikfeindliche »Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten« und sein spezifisch ulmisches Pendant, das gleichermaßen heimatverbundene wie antisemitische und antirepublikanische »Schwabenbanner«.
Im September 1930 hatten sich »drei Leutnants aus Ulm« in einem die Republik bewegenden Prozess vor dem Reichsgericht in Leipzig wegen »Bildung einer nationalsozialistischen Zelle in der Reichswehr« zu verantworten. Als »Ulmer Reichswehrprozess« ging dieser Prozess in die Geschichte der letzten Weimarer Jahre ein. Hitler trat als Zeuge auf und sagte aus, dass er die Macht in Deutschland mit verfassungsgemäßen Mitteln ergreifen werde.
Diese Bekundung öffnete den Nationalsozialisten den Kreis des konservativen Bürgertums, da sie dessen Vorbehalte gegenüber Putsch und Umsturz vordergründig zerstreute. Genau zu dieser Zeit, bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1932, hatte die NSDAP ihren spektakulären Durchbruch. Sie bekam in Württemberg 9,4, im Reich 18,3, in Ulm 22,2 und in Neu-Ulm sogar 29,7 Prozent der Stimmen. Damit war Ulm zur »Hochburg der Bewegung« geworden, wie mit einem gewissen Recht die NSDAP-Anhänger bis weit in die dreißiger Jahre hinein verkündeten.
Als Truppen- und Rüstungsmetropole gewann Ulm gleich 1933 mit der Machtübernahme neue Bedeutung, von der die Stadt wirtschaftlich und »NS-ideologisch« profitierte, zumindest elfeinhalb Jahre lang. Denn am 17. Dezember 1944 waren es weitgehend diese Faktoren, die den verheerendsten von mehreren Bombenangriffen der Alliierten provozierten und die Zerstörung der über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen der Innenstadt unwiederbringlich zur Folge hatten.
Zurück ins Jahr 1933, zurück zum Fort Oberer Kuhberg. Dieses war militärstrategisch noch im 19. Jahrhundert funktionslos geworden; immerhin diente es in drei Kriegen – 1870/71, 1914/18 und 1940/44 als Kriegsgefangenenlager. Zwischen 1918 und 1933 stand es leer, wurde wohl hin und wieder wie andere Festungsteile von der illegalen »Schwarzen Reichswehr« als Übungsgelände genutzt, ansonsten wurde es aber zum Biotop für Fledermäuse und andere zoologische und botanische Raritäten.
Das änderte sich 1933, genauer am 16. November des Jahres. Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand in Berlin, war der Staatsnotstand ausgerufen und die »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat« erlassen worden, die juristische Grundlage des KZ-Systems. In diesem Kontext waren die frühen Konzentrationslager der Jahre 1933/34 das schärfste Droh- und Verfolgungsinstrument, jenseits justizieller, normativer Strafverfolgung, ein Instrument aus Willkür und Terror.
Drei Wochen nach der Verordnung vom 28. Februar, um den 20. März, wurden überall in Deutschland neue politische Haftstätten errichtet, die, wie das württembergische Lager auf dem Heuberg bei Stetten am kalten Markt, in der Regel Konzentrationslager genannt wurden. Ins KZ Heuberg wurden im März/April 1933 etwa 3000 Männer präventiv verschleppt; prinzipiell alle – so weit man ihrer habhaft wurde – die sich in den Städten und Gemeinden parteipolitisch außerhalb der NSDAP und der Nationalkonservativen engagiert hatten.
Die Räumlichkeiten des KZ Heuberg befanden sich in einer im Ersten Weltkrieg erbauten Kaserne. Da diese Kaserne ab Januar 1934 im Zuge der Wiederaufrüstung in ihrer alten Funktion nutzbar gemacht werden sollte, suchte die Politische Polizei im Stuttgarter Innenministerium ab Sommer 1933 neue Räume für das Landes-KZ und fand sie schließlich im leer stehenden Fort Oberer Kuhberg.
Befehlsstrukturen und Wachmannschaften, Zweckbestimmung und Häftlinge blieben in beiden Lagern prinzipiell gleich; man kann von einem frühen württembergischen Konzentrationslager an zwei Orten sprechen.
Am 16. November 1933 erreichte ein Häftlingskommando, angeführt von der aus SA und Schutzpolizei zusammengestellten württembergischen »Hilfspolizei«, das Fort Oberer Kuhberg. Es räumte den Unrat der vergangenen Jahre beiseite und installierte mit primitivstem Inventar ein Lager mit einer Kapazität von 300 Gefangenen und einigen Dutzend Wachleuten. Weihnachten 1933 war es voll belegt. Im Jahr 1934 wurden in propagandistisch aufgemachten Amnestien, z. B. zu Hitlers Geburtstag, viele Häftlinge entlassen. Im Sommer 1935 waren es noch 31 Häftlinge – ein »harter Kern« von politischen Gegnern, unter ihnen der Sozialdemokrat Kurt Schumacher. Sie wurden am 11. Juli ins KZ Dachau verschleppt. Damit war nach 20 Monaten die Periode, in der das Fort Oberer Kuhberg als Konzentrationslager benutzt wurde, beendet. Etwa 600 Häftlinge waren insgesamt hier.
Historisch zu konstatieren ist: die Nazis hatten ihren Zweck erreicht, die politischen Gegner waren zum Schweigen gebracht oder ins Ausland geflohen, Deutschland war im Sinne der »NS-Volksgemeinschaft« weitgehend »befriedet«.
Fortan, bis Ende des zweiten Weltkriegs, wurde das Fort im Kontext des Luftschutzes durch ausgelagerte Ulmer Rüstungsbetriebe genutzt und dort eingesetzte Kriegsgefangene untergebracht.
Die Parole »Gestern Hunger und Not – heute Arbeit und Brot«, installiert zum 1. Mai 1934 am Eingang zum Reduitgebäude und damit des KZ, war ein Signal nach innen und nach außen. Es sollte den Triumph des Hitlerstaates über seine Gegner, die ja auch die Forderung nach »Arbeit und Brot« verband und für die der 1. Mai der zentrale Feiertag war, demonstrieren. Dieses und ein weiteres Dutzend von Fotos aus der KZ-Zeit entstammen einem familienintern überlieferten Fotoalbum des konsiliarisch tätigen Lagerarztes, der wohl auch der Fotograf war.
Das ungefähr zwei mal drei Meter große Hitlerbild über dem Eingang, von einem kommunistischen Ulmer Häftling nach einer Postkarte »Hitler als SA-Mann« (vom Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann, um 1928) unter Zwang gefertigt, wurde bald am KZ demontiert. Es wurde zum 19. August 1934 – dem Tag der so genannten »Volksabstimmung« zur Zusammenlegung der Ämter von Reichskanzler und Reichspräsident in der Person Hitlers – vor dem Ulmer Münster als »Wallfahrtsort der nationalen Bewegung« installiert und zierte so die Titelseite des »Ulmer Tagblatts« von diesem Tag. Darin und auf einem Schild auf dem Münsterplatz stand: dies Bild habe ein von den »roten Menschheitsbeglückern« Verführter und nun zu Hitler bekehrter Ulmer im »Schutzhaftlager auf dem Kuhberg« gemalt. Dieser keineswegs »Bekehrte« war wenige Jahre später wieder im KZ, diesmal in Buchenwald.
Die erwähnten Präsentationen in der Tageszeitung und im Herzen der Stadt sind ein Beleg dafür, dass eigentlich jeder Ulmer von der Existenz des Lagers wusste oder hätte wissen können. Aber dies wurde noch jahrzehntelang nach dem Krieg bestritten oder als »nicht wirkliches KZ» verharmlost.
Ein Bild von Januar 1934 zeigt fünf Häftlinge, unter ihnen der katholische Pfarrer Alois Dangelmaier (1889-1968) aus Metzingen, beim Hofgang, bewacht von zwei Aufsehern in Polizei- und SA-Uniform. Die Häftlinge sind in ausrangierte Uniformen der Berliner Verkehrsbetriebe gekleidet.
In der Ausstellung präsentieren Portraits exemplarisch die verschiedenen Häftlingsgruppen. Alfred Haag (1904–1982) aus Schwäbisch Gmünd, 1932 in den württembergischen Landtag gewählt, repräsentiert die größte Häftlingsgruppe (etwa 50 Prozent), die Kommunisten. Kurt Schumacher (1895–1952), Reichstagsabgeordneter aus Stuttgart, steht für die zweitgrößte Häftlingsgruppe mit etwa 20 Prozent, die Sozialdemokraten.
Alois Dangelmaier repräsentiert eine kleine, aber für die Nazis politisch bedeutsame Häftlingsgruppe, die katholische Kirche und das »Zentrum«. Er kam zusammen mit zwei resistenten Pfarrerkollegen im Januar 1934 ins Ulmer KZ – ein kalkuliertes politisches Signal an den gleichfalls resistenten Bischof von Rottenburg, ja an die gesamte katholische Kirche in Deutschland.
Der Kommandant des Ulmer KZ Karl Buck (1894–1977). Auf dem Foto einer Weihnachtsfeier von 1934 ist er ganz links zu sehen. Buck war im KZ Heuberg schon Kommandant gewesen, wurde es dann im württembergischen Nachfolgelager in Welzheim, und war schließlich ab 1940 Kommandant des Lagers Schirmeck-Vorbruck im Elsass. Buck ist derjenige deutsche KZ-Kommandant mit der längsten Dienstkarriere. Er war Beamter bei der politischen Polizei im Stuttgarter Innenministerium, der zuständigen Landesbehörde, und dort ab etwa 1935 bis 1945 zuständig für das »Schutzhaftwesen«.
Die Unterbringungsorte der Häftlinge waren während der militärischen Nutzung Wachgänge für Soldaten. Erst den Nazis blieb es vorbehalten, daraus Häftlingsunterkünfte zu machen.
Heute sind die Kasematten dasjenige Dokument zur KZ-Wirklichkeit, das am unmittelbarsten alle Sinne berührt – körperlich und emotional. Es wird von Schülern im Jahr 2006 ähnlich aufgenommen, wie das der kommunistische Häftling Erich Kunter, Schriftsteller aus Heilbronn, in seinem Bericht, »Die Reise nach Dachau« (Wildbad 1947) beschrieben hat:
»Am ersten Weihnachtstag 1933 wurden wir vom Heuberg in den Kuhberg nach Ulm überführt, in die unterirdischen Festungsgänge. (...) Im Halbdunkel tappten wir in den Kasematten die engen Wendeltreppen hinunter, gingen durch die schmalen Gänge (...) standen in den dumpfen, feuchtkalten Verließen eine Weile bedrückt und verlassen umher, wollten es nicht glauben, dass dies unsere Unterkunft sein sollte. (...) Der Aufenthalt in den Festungsgängen war sehr gesundheitsschädlich. Lehmboden, aus dem Grundwasser hervorsickerte, an den Decken Tropfsteingebilde, ein dumpfes und muffiges Gemäuer. (...) Dort also hausten wir Monate und Jahre hindurch, atmeten die stickige, verdorbene Luft in den überfüllten Räumen. Wie oft stand ich an den Einschnitten der Schießscharten, öffnete ein Fensterchen und suchte eine Lunge voll Luft, ein Auge voll Licht zu erhaschen. (...) Die Ungewissheit: komme ich hier wieder heraus und wann, belastete die Moral und die Nerven, dazu die ständige Furcht vor Spitzeln und Belauerung durch die Wachmannschaften, die Enge und Dumpfheit der Räume, das drückende Eingepfercht sein in Massen, (...) Abortanlagen, die jeder Beschreibung spotten, Verschmutzung, Verwahrlosung, Druck, Mißhandlung, Beschimpfung, es war ein qualvolles Dasein. Es gab große, starke Männer, die moralisch zusammenbrachen. Manche wurden streitsüchtig, rauflustig, manche ließen sich als Spitzel kaufen, manche zeigten Anzeichen von Irrsinn und geistiger Verwirrung. Das Gift dieser unwürdigen, unmenschlichen Zustände wirkte sich aus.«
Der Beitrag wird im GedenkstättenRundbrief Nr. 134, Dezember 2006 fortgesetzt.
Silvester Lechner ist promovierter Historiker und leitet seit 1991 das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm.
[1] Die folgende Darstellung ist die überarbeitete Version eines Vortrags bei der Tagung »Erinnern und Gedenken. Paradigmenwechsel 60 Jahre nach Ende der NS-Diktatur«. Sie fand statt im Mai 2006 an der Katholischen Akademie Stuttgart-Hohenheim der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Bad Boll und der Landesgruppe von »Gegen Vergessen – für Demokratie«. Ein Tagungsband ist in Vorbereitung.