Das eine Gesicht ist der ursprüngliche, gut 150 Jahre alte militärische Zweckbau »Fort Oberer Kuhberg«. Das andere Gesicht ist die Nutzung des Forts vor über 70 Jahren als frühes Konzentrationslager des Landes Württemberg.
Im ersten Teil (GedenkstättenRundbrief Nr. 133, Oktober 2006) wurden die historischen Voraussetzungen, die Geschichte des ehemaligen Forts und heutigen Baudenkmals und die Geschichte des Landes-Konzentrationslagers von 1933 bis 1945 dargestellt.
Im zweiten Teil ist die Rezeptionsgeschichte bis heute dargelegt. Darüber hinaus wird die heutige Arbeit des »Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg« skizziert, auf der einen Seite eine KZ-Gedenkstätte und Ort gegenwärtiger Menschenrechtserziehung und andererseits als Informations- und Kompetenzzentrum zur NS-Zeit in der Region Ulm.
Die Beschreibung des KZ-Alltags von Erich Kunter am Ende des ersten Teils im GedenkstättenRundbrief Heft 133 zeigt bezüglich des Typus »Frühe KZ« zweierlei: noch waren Begleiterscheinung oder Ziel der KZ-Haft nicht die physische Vernichtung, sondern »nur« die Verstörung oder Zerstörung der psychischen Identität. Es war ein Eingangs- oder Übergangsstadium in eine Diktatur und ihrer späteren Schrecken. Diese politische Perspektive (»Wie fängt denn eine Diktatur an?«) und gleichzeitig die Perspektive konkreter Menschen, der Opfer, sind heute die wesentlichen historischen Bezugspunkte der Gedenkstätte, die ab 1960 konzipiert wurde und vom 1977 gegründeten Verein »Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg« getragen wird.
Das andere Gesicht dieses doppelgesichtigen Baudenkmals, nämlich das als Militärbauwerk, bearbeitet parallel seit etwa 1960 eine Initiative zur Erhaltung der Reste der Bundesfestung Ulm, die heute als Verein »Förderkreis Bundesfestung Ulm« organisiert ist. Dessen Interesse liegt auf der Erhaltung und Präsentation des Bauwerks in seiner ursprünglichen militärischen Funktion und weniger auf den politischen und sozialen Implikationen oder den Biographien seiner jeweiligen »Nutzer«.
Diese unterschiedlichen Akzentsetzungen koexistieren heute als Vereine, Mieter (Eigentümer ist die Stadt Ulm) und Nachbarn. Das Verhältnis war in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten schwieriger als heute. Die Überlebenden der Häftlinge sahen die andere Seite als militaristisch, nationalistisch. Die Bundesfestungs-Anhänger dagegen – und mit ihnen eine große Zahl der Ulmer und der politischen Institutionen – empfanden das Fort als ein positives Stück lokaler Tradition, die KZ-Zeit als einen nur kurzen historischen Ausrutscher und die Insassen sehr pauschal als Kommunisten oder zumindest zwielichtig-unbürgerliche Gestalten. Rechtsradikal, schwäbisch pointiert hieß es dazu in einem noch 2004 verteilten anonymen Flugblatt u.a.: »Ulm war und ist keine KZ-Stadt«, das Lager sei ein »Schutzhaftlägerle« oder ein »KZle« gewesen, die Häftlinge seien dort komfortabel untergebracht gewesen und hätten manchmal »au gschwitzt«, daher der Name Auschwitz.
Die ehemalige KZ-Kommandantur, in der sich heute die Gedenkstätte befindet, wurde in den Jahren 1947 bis 1956 als äußerst beliebte »Wirtschaft zum Hochsträss« genutzt. In ihr trafen sich – so in einer Zeichnung von 1947 festgehalten (Abb. 1) – heimkehrende Soldaten und andere Ulmerinnen und Ulmer, die beim Swing nur eines wollten: vergessen. Das Bier floss und es hat »a guats Sauerkraut geba«, wie mancher Zeitgenosse sich noch Jahrzehnte später erinnerte.
Wie ein Zeitungsfoto vom September 1957 (Abb. 2) aufzeigt, – da existierte die Gastwirtschaft nicht mehr – fand eine Ulmer Demonstration von Menschen aus dem Umfeld der KPD statt, die der allgemeinen Tendenz zur Verleugnung der KZ-Geschichte ihr politisches Programm des Antifaschismus entgegensetzten und das Ulmer KZ konkret benannten. Die Teilnehmer waren weitgehend Mitglieder der »Lagergemeinschaft Heuberg, Kuhberg, Welzheim«, d.h. ehemalige Häftlinge und deren Angehörige der drei landesspezifischen KZ. Die Vereinigung war 1948 von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gegründet worden. Sie wurde von der SPD und natürlich auch von allen anderen Parteien als kommunistisch gesteuert und als mit den eigenen Zielen unvereinbar zurückgewiesen.
Aus dem Kreis der Lagergemeinschaft kamen zwei wesentliche Impulse. 1955 war das die – letztlich gescheiterte – Initiative um ein Wiederaufnahmeverfahren gegen den aus französischer Gefängnishaft entlassenen KZ-Kommandanten Buck. Er hatte wegen seiner Verbrechen im elsässischen KZ Schirmeck (vgl. GedenkstättenRundbrief 133, Aufsatz von Andreas Pflock über das »Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck«), nicht aber wegen seiner Verbrechen in den KZ Heuberg, Kuhberg, Welzheim vor Gericht gestanden. Der zweite Impuls war die Idee, aus dem vollständig erhaltenen Tatort eine Gedenkstätte für das Land Baden-Württemberg zu machen. Dachau, wo 1964 die erste KZ-Gedenkstätte in der Bundesrepublik entstanden war, diente dabei als Vorbild. Der Geist des Kalten Krieges im geteilten Deutschland machte es den Entscheidungsträgern leicht, diese Forderung als letztlich kommunistisch gesteuert zurückzuweisen. Ein Etikett, das der Gedenkstätte bis vor etwa einem Jahrzehnt anhaftete.
Neben der VVN und der Lagergemeinschaft gab es allerdings eine kleine bürgerliche, schwer zu marginalisierende Ulmer Gruppe, die geringe Berührungsängste zu Kommunisten hatte und nachhaltig das KZ-Erbe auch in Ulm im Bewusstsein hielt: das war der Ulmer Nachkriegs-Weiße-Rose-Kreis um Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl, der ältesten Schwester der Geschwister Scholl. Diese Gruppe verkörperte teils das schlechte Gewissen der Mehrheit, teils war sie nach außen Alibi und Vorzeigeobjekt des offiziellen Ulm. Otl Aicher hatte 1950 die Idee gehabt, das Fort Oberer Kuhberg zu einer »Hochschule für Gestaltung« umzubauen. Auch wenn diese Idee nur kurzfristig bestand, wurde dann doch 1955 nur einen Steinwurf weit vom Fort und bewusst in dessen Nähe die berühmte Ulmer »Hochschule für Gestaltung« eröffnet, die freilich im politischen Klima der Jahre um 1968 wieder schließen musste.
Ohne den Einfluss von Inge Aicher-Scholl – insbesondere auf den Oberbürgermeister der Stadt seit 1948 (bis 1972), Theodor Pfizer – wäre nicht denkbar gewesen, was der Ulmer Gemeinderat 1957 prinzipiell beschloss und was drei Jahre später realisiert wurde: Eine Gedenktafel am Eingang zum Fort Oberer Kuhberg mit dem – und das ist wichtig – von der Lagergemeinschaft der überlebenden Häftlinge formulierten Text: »Dieses Festungswerk war in den Jahren 1933 bis 1935 der Kerker für aufrechte Männer unserer Heimat. Im Glauben an Freiheit und Menschenwürde widerstanden sie Unrecht und Gewalt.«
In der 1946 von Inge Aicher-Scholl gegründeten Volkshochschule sammelten sich seit deren Neubau 1968 die Autoren eines ersten Gedenkstätten-Konzepts. 1971 konstituierte sich dort in Anwesenheit des Ulmer Oberbürgermeisters das »Kuratorium Gedenkstätte KZ Oberer Kuhberg Ulm«, aus dem 1977 der heutige Trägerverein hervorging. Als Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl sich in diesen Jahren aus Ulm zurückzogen, veränderte das das vordergründig positive Stadtklima deutlich. Nun aber traten mehr konfrontativ und kämpferisch die ersten »68er« für die Gedenkstätten-Idee auf, eine Generation mit neuen Motivationen und neuen Argumentationsmustern.
1986, ein Jahr nach der Fertigstellung einer ersten Ausstellung zur KZ-Geschichte im Fort, bekam der Trägerverein einen festen Haushaltstitel bei der Stadt, der ab 1991 mit einer halben Stelle die Professionalisierung der Arbeit einleitete. Zu diesem Zeitpunkt war die Generation der ehemaligen Kuhberg-Häftlinge fast erloschen.
Es wäre unzutreffend zu glauben, dass nun die Gedenkstätte bei mehr als einer Minderheit der Bürger angekommen gewesen wäre. Das zeigte sich exemplarisch Ende der neunziger Jahre, als eine Finanzierung zu einer Neugestaltung der Gedenkstätte gesucht wurde. In zwei aufeinander folgenden Haushaltsjahren verweigerte eine Gemeinderats-Mehrheit einen Zuschuss, den in gleicher Höhe das Land schon zugesagt hatte. Unterstützt von den drei lokalen Zeitungen entstand innerhalb von drei Tagen eine Bürgerinitiative »Ulm ist auch anders«, die innerhalb eines Jahres den verweigerten Betrag sammelte. 2001 wurde dann die neu gestaltete Gedenkstätte eröffnet.
In keinem der vorhandenen Dokumente verdichtet sich Ulmer und deutsche Geschichte – so vielsagend wie in diesem: Im Sommer 1934 wurde die Inschrift »Wir werden hinter Hitler stehn, und sollt es durch die Hölle gehen« am Aufenthaltsraum der Wachmannschaften angebracht (Abb. 3) und zwar von dem Backnanger Häftling Willi Riexinger – unter Zwang auf Veranlassung des Kommandanten Buck. Wohl keiner der Beteiligten ahnte, dass tatsächlich das Ulmer KZ eine »Station zur Hölle« war, woran sich dann 1974 der Titel des ersten Buches über württembergische KZ anlehnte: Stationen zur Hölle, Konzentrationslager in Baden und Württemberg, 1933–1945, Stuttgart 1974. Autor war Julius Schätzle (1905–1988), der zwölf Jahre lang Häftling im NS-Regime gewesen war – unter anderem im KZ Oberer Kuhberg – und der am 3. Mai 1945 als Neuengamme-Häftling zu den wenigen Überlebenden der »Cap Arcona« gehört hatte. Auch nachdem das KZ Oberer Kuhberg 1935 aufgelöst wurde, blieb die Inschrift bis 1969 stehen. Dann verschwand sie in einer Novembernacht, und zwar zu der Zeit als in der Presse darüber berichtet wurde, dass im Fort eine Gedenkstätte entstehen solle. Vermutungen zu möglichen Tätern wurden geäußert, Eingeständnisse gab es nicht.
1992, auf einem Seminar für Lehrer der baden-württembergischen Landeszentrale für politische Bildung zur Ulmer KZ-Geschichte, sagte der 2. Vorsitzende der nunmehr zum Verein gewordenen Bundesfestungsinitiative: »der die Inschrift entfernt hat, war einer von uns«. Diese Aussage publizierte das Dokumentationszentrum in seinen Mitteilungen Nr. 18, 1992, was ohne weitere Resonanz blieb.
Im April 2006 stellten junge Uni-Historiker aus vielen Teilen Europas, die wissenschaftlich am KZ-Thema arbeiten und dazu alle zwei Jahre Kongresse veranstalten, einen Band ihrer Forschungs-Ergebnisse (vgl. Literaturverzeichnis, Akim Jah, u.a.) in Ulm öffentlich vor. Der Band hat die Inschrift aus dem Ulmer KZ auf dem Titel. Und die Ulmer SüdwestPresse schrieb, diese Inschrift habe 1969 ein Mitglied des »Förderkreises Bundesfestung« entfernt. Daraufhin gab es Proteste mit dem Hinweis, dass die heutigen Repräsentanten des Vereins damit nichts zu tun hätten.
Ein Foto zeigt Hans Gasparitsch (1918–2002) (Abb. 4), die Leitfigur der Ulmer Gedenkstätten-Idee und -Praxis in den achtziger und neunziger Jahren und des »Antifaschismus« in Baden-Württemberg, mit einer Besuchergruppe vor der Ulmer Gedenkstätte. Gasparitsch hatte im März 1935 als 16-jähriger mit Freunden an den Sockel des Rossebändiger-Plastik im Stuttgarter Schlosspark »Hitler = Krieg« gepinselt. Wenn es einen gemeinsamen Nenner der Kuhberg-Häftlinge gegeben hatte, so war es diese Parole gewesen. Er und seine jugendlichen Stuttgarter Freunde wurden entdeckt und 1936 vom Oberlandesgericht verurteilt. Gasparitsch war vom Tag seiner Verhaftung bis in den April 1945 Häftling in Gefängnissen und in den KZ Dachau und Buchenwald.
Seine KZ-Erfahrungen und –Prägungen wurden für ihn – von der in seine Identität integrierten »Selbst-Befreiung« in Buchenwald bis zu seinem Lebensende – zum politisch-moralischen Auftrag, zur Botschaft für die Nachgeborenen. Er redete überzeugt und überzeugend-charismatisch vor Hunderten von Gruppen und Klassen, protestierte im Häftlingsanzug bei Dutzenden von Kundgebungen gegen Rechtsradikalismus und andere Demokratie-Gefährdungen, war zehn Jahre Vorsitzender des Trägervereins der Ulmer Gedenkstätte. Dort war er bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der letzte Vermittler der Zeitzeugen-Generation. Zu Beginn der achtziger Jahre kam die Generation der »68er« – Lehrer, Pfarrer, Gewerkschafter – zu Wort, inhaltlich der ersten Generation wohl verbunden, aber doch auch manches neu akzentuierend. Zeitgleich mit Gasparitschs Tod 2002 begann das Engagement der dritten Vermittler-Generation, der Enkel gewissermaßen, wieder mit anderen Motivationen und Akzentuierungen.
Erwin Teufel hielt 1993 als erster Ministerpräsident des Landes und als erster CDU-Exponent eine bedeutende Gedenkrede bei der seit 1972 am Volkstrauertag jährlich durchgeführten Gedenkfeier für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus (Abb. 8).
Teufel sagte u.a.: »Hier vollzog sich ein Umgang mit dem Menschen, der keine Ehrfurcht mehr vor dem anderen und der unverletzlichen Würde seiner Person kennt«.
Das bedeutete damals: Teufel, geboren 1939, schob die Kriterien des Kalten Krieges und der Parteipolitik beiseite und rückte Prinzipien des internationalen Rechts, der Menschenwürde und Menschenrechte in den Mittelpunkt. Teufels zukunftsweisende Rede, die ihm im eigenen Kabinett Kritik einbrachte, war ein wichtiges Signal, ja ein politischer Paradigmen-Wechsel: eine deutliche Abgrenzung zur Filbinger-Zeit, in der der Wunsch der KZ-Überlebenden, eine Landesgedenkstätte am Kuhberg zu installieren, zurückgewiesen worden war. Die Ulmer Landtagsabgeordneten von SPD und CDU lieferten sich damals Gefechte pro und contra Gedenkstätte. Und es wurde der Vorwurf geäußert, man wolle Ulm nachträglich zur KZ-Stadt machen.
Die Eingangssituation der Ulmer Gedenkstätte seit Sommer 2001 verdichtet historische Botschaft und gegenwärtigen Bildungsauftrag (Abb. 6). In ihr ist die historische Authentizität des »Lager-Bunkers«, d.h. der Sonderhaftzelle direkt unter den Eingangs-Planken, kontrastiert mit dem Appell des ersten Satzes von Artikel 1 des Grundgesetzes, »Die Würde des Menschen ist unantastbar«.
Die 2001 neu gestaltete Gedenkstätte besuchen jährlich etwa 7000 Menschen, darunter fast 6000 Schüler aus der Region.
Drei konzeptionelle Hauptunterschiede bestehen zwischen der vorangegangenen, ersten und der gegenwärtigen zweiten Gedenkstättenkonzeption:
– Der bewusst politische, anklagend-entlarvende inhaltliche Gestus der ersten Dauerausstellung von 1985 wich einem mehr historisierenden, materialreichen pädagogischen Ansatz, der die Tür zur Menschenrechtsthematik öffnet.
– Die Tafel-Ausstellung mit Texten und Bildern von 1985 im nüchtern-funktionalen Design der ehemaligen »Hochschule für Gestaltung« wich einer zurückhaltenden Inszenierung, die etwa mit Hilfe von Objekten und Hörstationen versucht, neben dem Verstand auch die anderen Sinne der Besucher anzusprechen.
– Zur Vermittlung der Ausstellung von 1985 gab es in der Regel nur monologisch aufgebaute Führungen, die ihre Faszination darin hatten, dass noch ehemalige Häftlinge sprachen. Da mit der gegenwärtigen Ausstellung von 2001 diese Stimmen verstummt waren, blieb als primäres »Faszinosum« nur die Authentizität des Ortes.
Aus dem zunehmenden zeitlichen Abstand ergibt sich die Notwendigkeit einer differenzierten Pädagogisierung und Didaktisierung, d.h. zu einer verstärkt zielgruppen-orientierten Erschließung von Material und Ort.
Wohl die wichtigste Grundlage dazu ist seit 1995 die hauptamtliche Stelle Gedenkstätten-Pädagogik, zunächst auf ABM-Basis, seit 2003 finanziert aus Mitteln der Landesstiftung Baden-Württemberg. Inhalte der Stelle sind die Erarbeitung pädagogischer Konzepte und Materialien; Gewinnung, Schulung, Koordination ehren- und nebenamtlicher pädagogischer Mitarbeiter; Austausch mit Lehrern und Schülern der Klassen vor und nach einem Gedenkstättenbesuch.
Ein weiterer Bestandteil der pädagogischen Arbeit wird von zwölf Frauen und Männer, die als Begleiter der Gruppen tätig sind, geleistet. Darunter sind drei Lehrer von Ulmer Schulen, die über die Schulbehörde einen Deputatserlass von zwei Stunden wöchentlich zugunsten der pädagogischen Gedenkstättenarbeit bekommen.
Als wichtigste didaktische Hilfe dient die 2004 erschienene Publikation »Informationen und Arbeitshilfen für den Besuch der Ulmer KZ-Gedenkstätte mit Schülern«, erarbeitet von den Mitarbeitern der Gedenkstätte, in enger Kooperation mit der zuständigen Schulbehörde. Eine neue Dimension für die Gedenkstätten-Pädagogik hat der baden-württembergische Landesbildungsplan 2004 in die Arbeit der Hauptamtlichen gebracht, vor allem durch die programmatische »Auslagerung von Lernprozessen von der Schule in die soziale Wirklichkeit«. Für die Gedenkstätte bedeutet das die Einzelbetreuung von Schülerinnen und Schülern, die einen Aspekt der Gedenkstätte zur Bearbeitung gewählt haben – als schriftliche Arbeiten oder auch als Führungen der eigenen Klasse.
Auch wenn das beschriebene personelle Konzept erfolgreich ist, droht doch dessen Ende. Die Finanzierung der Projekt-Stelle läuft definitiv im April 2007 aus, eine Weiterfinanzierung durch den Kultus-Haushalt des Landes wurde abgelehnt. Dies ist nicht nur eine baden-württembergische Erscheinung: der Niedergang des authentischen Tatortes zur – bestenfalls – Gedenkhülle droht.
Neben den klassischen Führungen und Projekttagen werden in der Dokumentationsstätte zunehmend auch künstlerische Formen der Auseinandersetzung mit der KZ-Geschichte angeboten. Die literarische Methode der »Elfchen« bedeutet, dass elf Wörter aus dem KZ-Zusammenhang, verteilt auf fünf Zeilen in einer bestimmten Folge (1+2+3+4+1), gesucht und in der Gruppe diskutiert werden. Diese Form hat sich gleichermaßen in allen Schultypen bewährt. (Abb. 8)
Eine Ulmer Realschulklasse hat sich Begriffsgegensätze der KZ-Welt wie »Macht – Ohnmacht«, »Drinnen – Draußen«, »Triumph – Niederlage« erarbeitet und in einem dreitägigen Tanz-Projekt zum Ausdruck gebracht. (Abb. 7)
Das dritte Beispiel: Eine Kindergruppe der Ulmer Musikschule studierte die von Hans Krasa komponierte und 1943 im Ghetto Theresienstadt aufgeführte Kinderoper »Brundibar« ein und führte sie in der Gedenkstätte auf. Da die Theresienstädter Gebäude wie das Fort Oberer Kuhberg ursprünglich militärische Festungs-Anlagen waren und da aus Ulm 1942 jüdische Menschen nach Theresienstadt deportiert worden waren, bekamen Kinder wie Eltern Zugang zum »KZ vor der Haustür« ebenso wie zum Nationalsozialismus insgesamt. (Abb. 9)
Zwei Studenten der Ulmer »Akademie der darstellenden Künste« lesen in der Gedenkstätte am 60. Jahrestag der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl (22. Febrauar 2003) aus neu entdeckten Briefen von Sophie Scholl und ihrem Ulmer Verlobten Fritz Hartnagel – vor 300 Zuhörern (Abb. 10).
Dieses Beispiel soll deutlich machen: Die Ulmer Gedenkstätte kann sich in Zukunft nicht auf die Thematik »frühes KZ« reduzieren lassen, sie muss die gesamte regionale NS-Thematik bearbeitet haben. Diese wird einerseits in das Angebot für die Hauptnutzer, die Schulen, die im Geschichts-Lehrplan acht oder zehn Stunden für die gesamte NS-Zeit zur Verfügung haben, aufgenommen. Andererseits wird sie im Rahmen der Erwachsenenbildung der Ulmer Volkshochschule der gesamten Bürgerschaft angeboten. So sieht sich in diesen Jahren das Ulmer Dokumentationszentrum auf dem Weg zu einem regionalen Kompetenz- und Informationszentrum mit den Schwerpunkten Judenverfolgung und Rassismus; Geschwister Scholl und Widerstand; Militärstruktur und Zweiter Weltkrieg und natürlich KZ-Geschichte. Auf sehr unsicherer personeller und materieller Grundlage existiert im Dokumentationszentrum ein in den letzten Jahren aufgebautes Archiv mit etwa 40 000 schriftlichen Dokumenten und 4000 Bildern sowie eine Bibliothek mit etwa 5000 Titeln als Grundlage für diese umfassende Bildungsarbeit.
Die »dzokkis«, abgeleitet von DZOK (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, Ulm), eine seit etwa fünf Jahren bestehende Gruppe von 15 bis 20 Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren, repräsentieren am greifbarsten das Prinzip Zukunft (Abb. 11). Sie betreuen die Gedenkstätte während der Öffnungszeiten an den Wochenenden und liefern Beiträge zu Veranstaltungen wie Lesungen, Theater- und Musikaufführungen. Einzelne sind nach einigen Monaten der Einarbeitung in der Lage, Führungen für Jugendgruppen anzubieten. In den letzten Jahren organisierten und veranstalteten sie selbständig ein Bildungsprogramm für Jugendliche mit politischen Themen der Gegenwart; etwa zur »Globalisierung« am Beispiel der internationalen Finanzmärkte, zu Kindersoldaten in Afrika, zum Tibet-Problem.
Neben der Arbeit mit den Schulklassen liegt hier bei den dzokkis der Kern der gegenwärtigen Bemühungen. Die Generation, die heute die Arbeit trägt und dem Rentenalter nahe steht, muss sich jetzt um diese Altersgruppe als künftige Träger und Multiplikatoren der Gedenkstätten kümmern. Andernfalls könnten in ein, zwei Jahrzehnten »Gedenkstätten« als Orte der Vermittlung des »Phänomens Nationalsozialismus in Deutschland« in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent sein.
Einige Thesen zum Schluss, die die Brücke zu schlagen versuchen vom Besonderen des regionalen Beispiels zum Allgemeinen der gegenwärtigen Gedenkkultur in Deutschland.
1 Das Paradigma »Erinnern und Gedenken« hat als Zweckbestimmung von Gedenkstätten durch das Verlöschen der Erlebensgeneration seine vorrangige Bedeutung verloren. So wichtig es als Aufforderung zur Empathie mit den Opfern bleibt – bleiben müsste –, so sehr wird es in der sich nicht mehr betroffen fühlenden Öffentlichkeit vielfach als »Friedhofsstarre mit Betroffenheitsgestus«, d.h. als etwas grundlegend Überholtes, verstanden und abgewertet.
2 Ein neues Paradigma tritt in den Mittelpunkt, das der politisch-historischen Bildung; d.h. der Orientierungshilfe in der gesellschaftlichen nationalen und internationalen Wirklichkeit.
3 Gedenkstätten als lebendige Lernorte vermitteln zwischen der Geschichte ihres Ortes und der Gegenwart ihrer Besucher. Sie stellen also eine Brücke dar zwischen wissenschaftlich fundierter Historizität mit der Aura und Legitimation des Authentischen und einem individualisierten, multikulturellen Gegenwartsverständnis auf der Grundlage unseres Rechtsstaates.
4 Die Determinanten eines nationalsozialistischen Tatortes stellen in vielfacher Beziehung – vom ideologischen Überbau bis zur gebrochenen Würde des Einzelnen – Anknüpfungspunkte dar, um Wert und Werte unserer demokratisch-humanistischen Verbindlichkeiten besser erkennen und verteidigen zu können.
Die genannten Ziele der Gedenkstätten als Stätten politischer Bildung erfordern
– von den Gedenkstätten:
historisch-wissenschaftliche Kompetenz; Kompetenz kognitiver und emotionaler Vermittlung; politisch-gesellschaftliche, gegenwartsbezogene Kompetenz.
– vom Staat und der Gesellschaft:
die programmatische und finanzielle Unterstützung, um deren Grundlagen zu verteidigen und zu stärken. Das sind Aufgaben demokratischer Grundversorgung, die im Marktmechanismus keinen schnellen Gewinn versprechen.
Ein Stück »starker Staat« ist gefordert, sollen Gedenkstätten nicht als billiges Alibi – zum Beispiel dem Ausland und den Resten von eigenem »schlechten Gewissen« gegenüber – dienen, in Wahrheit aber in Bedeutungslosigkeit versinken.
Silvester Lechner ist promovierter Historiker und leitet seit 1991 das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm. www.dzokulm.telebus.de
Literatur