»EARTH CONCEAL NOT THE BLOOD SHED ON THEE« – Erde bedecke nicht ihr Blut – diese Klage aus dem Buch Hiob steht auf dem jüdischen Mahnmal der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Aus dem Konzentrationslager befreite Juden, die in dem nur etwa einen Kilometer vom ehemaligen KZ entfernten DP-Camp lebten, hatten diese Inschrift für das am ersten Jahrestag ihrer Befreiung – dem 15. April 1946 – eingeweihte Mahnmal ausgewählt. In dem Satz spiegelt sich nicht nur der Wille einer bleibenden Erinnerung an die Opfer des Völkermordes an den europäischen Juden wider, sondern auch die Fassungslosigkeit vor dem Geschehen, das sich in Bergen-Belsen im Winter 1945/46 vor ihren Augen abgespielt hatte. Deutsche Arbeitskräfte hatten die wenigen Relikte des Lagers abgerissen, nachdem britische Soldaten aus Gründen der Seuchenhygiene die Häftlingsbaracken bereits kurz nach der Befreiung abgebrannt hatten. Der Krematoriumsofen, die Lagerzäune und die Wachtürme, die bis in den Herbst 1945 die Lagertopografie noch sehr eindeutig markiert hatten, waren weggeschafft und das Lagergelände planiert worden. Nachdem die SS-Wachmannschaften in den Tagen vor der Befreiung sämtliche Lagerakten und Häftlingskarteien verbrannt hatten, betrachteten die Überlebenden den Abriss des Häftlingslagers als eine weitere Aktion zur Verwischung der Spuren der in Bergen-Belsen verübten Verbrechen. Den Abriss begründete der auf Anordnung der britischen Militärbehörden mit der Planung eines Friedhofes beauftragte deutsche Landschaftsarchitekt als notwendige Voraussetzung für die Reali-sierung seines Konzeptes, die auf dem Lagergelände befindlichen Massengräber mit einer parkähnlichen Landschaft zu umgeben. Zurückhaltend formuliert, fehlte dem mit der Friedhofsplanung beauftragten Landschaftsarchitekten die für seine Aufgabe erforderliche Distanz zum Regime und zur Ideologie des Nationalsozialismus. Er hatte bereits zehn Jahre zuvor eine ähnliche Parklandschaft geplant und realisiert, als er 1935 im Auftrag von Heinrich Himmler die SS-Kultstätte Sachsenhain bei Verden nach ästhetischen Vorstellungen der NS-Zeit gestaltete.
Im Sommer 1946 entschied die britische Militärregierung auf Empfehlung eines von ihr berufenen Komitees, das vorrangig mit Vertretern der Nationen besetzt war, die Opfer in Bergen-Belsen zu beklagen hatten, zusätzlich zu dem jüdischen Mahnmal und einem von polnischen Überlebenden errichteten Holzkreuz, einen Obelisken und eine Inschriftenwand zu errichten. Die seinerzeit getroffenen Entscheidungen über die Gestaltung der Gedenkstätte prägen ihr Bild bis heute. Es dauerte fast fünfzig Jahre, bis durch die engagierte Tätigkeit der Mitarbeiter der erst seit 1990 mit wissenschaftlichem und pädagogischem Fachpersonal ausgestatteten Gedenkstätte das 1945/46 entstandene Misstrauen abgebaut und eine langsam wachsende Vertrauensbasis zu den Überlebenden und ihren Verbänden geschaffen werden konnte.
Informationen über die Geschichte des Ortes gab es erst seit 1966 mit der Eröffnung eines kleinen Dokumentenhauses, in der eine auf der Grundlage der 1962 erschienenen und heute noch maßgebenden Monografie zum KZ Bergen-Belsen von Eberhard Kolb erarbeitete Ausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers gezeigt wurde. Eine wesentliche Erweiterung des Dokumentenhauses erfolgte nach einer 1985 einstimmig verabschiedeten Entschließung des Niedersächsischen Landtages, die das Ziel verfolgte, die Arbeit der Gedenkstätte qualitativ zu verbessern und um die Darstellung der Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen zu erweitern. In Folge des Beschlusses wurde eine neue Ausstellungshalle erbaut, eine Bibliothek eingerichtet und Personal für die Besucherbetreuung eingestellt. Das neuerrichtete Dokumentationszentrum mit einer neuen Ausstellung, deren Erarbeitung von einer Historikerkommission unter Leitung von Eberhard Kolb wissenschaftlich begleitet wurde, nahm seine Arbeit 1990 auf. Die positive Resonanz bei den Überlebenden und ihren Verbänden führten zu einer engen Kooperation und zur Öffnung ihrer Archive sowie privater Sammlungen für die Arbeit der Gedenkstätte. Hinzu kam in den neunziger Jahren die Öffnung der Archive in der ehemaligen DDR sowie in Mittel- und Osteuropa, in denen bedeutende Quellen zur Aufklärung der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers und des Konzentrationslagers Bergen-Belsen lagen. Schließlich gaben die Entscheidung des Bundes, die Gedenkstätte wegen ihrer nationalen Bedeutung ab dem Jahr 2000 zu fördern, und ein gleichlautender Beschluss des Landes Niedersachsen den Anstoß zur Fortsetzung des 1990 begonnenen Ausbaus.
Die grundlegenden Probleme der Gedenkstätte – die fehlende Anschauung und die feh-lenden Akten des Konzentrationslagers – erforderten Anstrengungen in zweierlei Richtungen. Einerseits sollten soviel wie möglich Originaldokumente oder Kopien dieser Dokumente gesammelt werden, andererseits war es erforderlich, für den Umgang mit dem historischen Lagergelände und für eine Erweiterung der Ausstellungsfläche Gestaltungspläne zu erarbeiten. Um diese Ziele zu erreichen, wurden mit Projektmitteln des Bundes ab dem Jahr 2000 äußerst umfangreiche, international angelegte Quellenrecherchen durchgeführt. Ab 2001 wurde das Projekt durch die internationale Expertenkommission zur Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen unter der Leitung von Henry Friedlander, Washington, beraten und unterstützt[1]. Im Jahr 2002 wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt. Durch ihn sollten ein Entwurf für die Erweiterung des Informations- und Dokumentationszentrums sowie Gestaltungsideen für den Umgang mit dem historischen Gelände gefunden werden.
Die Quellenrecherchen brachten zahlreiche neue Erkenntnisse. Zur Geschichte des Konzentrationslagers, in dem mehr als fünfzigtausend Häftlinge umgekommen sind, und zur Geschichte des DP-Lagers wurden vor allem in Archiven in den USA, Israel, Frankreich und Polen, aber auch in deutschen Archiven bedeutende Funde gemacht. Zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen, in dem nahezu zwanzigtausend sowjetische Kriegsgefangene umgekommen sind, konnte auf die seit Mitte der neunziger Jahre bekannten und überwiegend im Militärarchiv der Russischen Föderation in Podolsk liegenden, im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen entstandenen Dokumente, darunter Personalkarteikarten und Sterbebücher, zurück gegriffen werden. Als Ergebnis langjähriger Kontakte mit ehemaligen Häftlingen und Gefangenen sind zahlreiche Dokumente – unter anderem Briefe aus dem Konzentrationslager, schriftliche Zeugenaussagen, Zeichnungen sowie dreißig Tagebücher (davon acht Originale) – in die Sammlung der Gedenkstätte aufgenommen worden. Mehr als vierhundert ehemalige KZ-Häftlinge und etwa fünfzig ehemalige Kriegsgefangene haben die neue Ausstellung durch Dokumente oder Zeitzeugeninterviews unterstützt.
Der Ideenwettbewerb zur Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes war mit der Aufgabe ausgeschrieben worden, die Topografie des Geländes wieder sichtbar zu machen und zugleich die Idylle der Parklandschaft aus der Landschaftsgestaltung von 1945/46 zu brechen. Der Gestaltungsentwurf des Wettbewerbgewinners – des Büros »sinai exteriors« aus Berlin – ist zu einem Masterplan weiterentwickelt worden. Er sieht vor, die Massengräber und die in den letzten Jahren freigelegten Barackenfundamente und Wegereste in der historischen Topografie des Lagers zu kennzeichnen und die Hauptlagerstraße als zentrale Achse des Lagers sowie die Lagergrenzen mit zurückhaltenden Mitteln – mit Waldschneisen und erläuternden Markierungen – wieder sichtbar zu machen. Der Masterplan ist bislang nur in ersten Schritten durch das Abholzen des Baum- und Buschbestandes der Hauptlagerstraße umgesetzt worden, die weiteren Arbeitsschritte sollen, nach Klärung der Finanzierung, so bald wie möglich realisiert werden.
Beim Hochbauwettbewerb gab es eine internationale Beteiligung mit 153 Einsendungen. Vom Preisgericht einstimmig an die erste Stelle gesetzt und ab 2005 verwirklicht wurde ein Entwurf des Architekturbüros »KSP Engel und Zimmermann«. Der Neubau eröffnet durch seine Ausrichtung und seine räumliche Gestaltung einen neuen Zugang zum Lagergelände. Das Gebäude liegt außerhalb des ehemaligen Lagers und schiebt sich schwebend wenige Meter über die Lagergrenze hinaus. Der Gang auf das Gelände beginnt als »Steinerner Weg« auf dem Vorplatz der Gedenkstätte, läuft als Teil des Gebäudes durch den Neubau hindurch und führt den Besucher weiter auf das ehemalige Lagergelände und zwar dorthin, wo die Friedhofsplanung von 1945/46 endete und sich die zugeschütteten, vom Wald überwachsenen und mittlerweile freigelegten Lagerreste befinden.
Neben dem »Steinernen Weg«, der das Lagergelände erschließt, bietet das Gebäude einen zweiten Weg, der die Geschichte des Ortes erschließt. Er führt den Besucher vom »Prolog« in die thematische Ausstellung zum Kriegsgefangenenlager mit etwa 300 qm Ausstellungsfläche. Daran schließt sich eine langgestreckte und leicht ansteigende große Ausstellungshalle an, in der die Geschichte des Konzentrationslagers auf etwa 600 qm Ausstellungsfläche dargestellt wird. Das Ende der Ausstellungshalle ist zugleich der Wendepunkt in der Wegführung. Hier ist der Bereich der räumlichen Überlagerung mit dem ehemaligen Lagergelände. Ein großer Einschnitt im Baukörper ermöglicht den Blick hinaus und bezieht das ehemalige Lagergelände in die Ausstellung ein. Im Obergeschoß setzt sich der Gang durch die Ausstellung fort. Hier wird die Zeit nach der Befreiung mit dem Nothospital der Briten, dem jüdischen und dem polnischen DP-Camp auf zusammen etwa 300 qm Ausstellungsfläche thematisiert. Der abschließende Weg zeigt den justiziellen Umgang mit dem Personal des Konzentrationslagers und des Kriegsgefangenenlagers und er führt den Besucher zum »Raum der Namen« sowie zum Epilog.
Als Ausstellungsarchitekt konnte Hans-Dieter Schaal gewonnen werden. Der Entscheidung ging eine Bewertung von Entwürfen mehrerer Architekturbüros voraus. Der Ausstellungsarchitekt hatte in seinem Entwurf die Grundidee des Neubaus als »Archiv der Erinnerung«, zugleich als Archivgebäude wie auch als Ausstellungsgebäude zu dienen, konsequent umgesetzt: Die Ausstellungswände und Vitrinen sind einfach und karg gestaltet. Ihr Erscheinungsbild erinnert bewusst an Archivschränke und bildet eine gedankliche Brücke zu den zehntausenden im Archiv gesammelten und nicht ausgestellten Dokumenten und zu den dort lagernden Objekten. Weil das Gebäude am historischen Ort steht, spielt der Ausblick an seinem Kopfende eine entscheidende Rolle, hier liegt deshalb auch der Ausstellungsteil mit der historisch-topografischen Information. Bevor die Besucher jedoch das Kopfende des Gebäudes erreichen, können sie in der großen Ausstellungshalle in die in den Boden eingelassenen Vitrinen sehen. Dort liegen zahlreiche Gegenstände, die bei Freilegungsarbeiten von baulichen Resten des Lagers gefunden wurden.
Die Ausstellung ist über drei Teilausstellungen zur Geschichte Bergen-Belsen mehrperspektivisch angelegt. Die umfangreiche Sammlung von Tagebüchern, Augenzeugenberichten, Häftlingszeichnungen und Gegenständen aus dem Besitz der ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers und der ehemaligen Gefangenen des Kriegsgefangenenlagers ermöglichte die Entwicklung eines Ausstellungskonzeptes, in dem der Perspektive der Häftlinge eine zentrale Bedeutung zugemessen wurde. Den ehemaligen Häftlingen und Gefangenen ihre Stimme wiederzugeben wird einerseits als ein Akt der Gerechtigkeit verstanden – und als solcher von den Überlebenden auch gewürdigt – und andererseits als ein angemessener Weg um Empathie mit den Opfern der nationalso-zialistischen Verbrechen zu fördern und damit zugleich die Voraussetzungen für Bildungsprozesse zu verbessern. Die Perspektive der ehemaligen Häftlinge dominiert – der Quellenlage entsprechend – vor allem auf der ersten Ebene der Ausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers, während wiederum der Quellenlage entsprechend in der Ausstellung zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers nur wenige Dokumente aus der Gefangenenperspektive vorliegen und daher viel mit quellenkritisch kontextualisierten Dokumenten der Wehrmacht und der Wehrmachtssoldaten gearbeitet wird. In der Ausstellung zur Geschichte des DP-Camps stehen neben den individuellen Perspektiven der DPs die »amtlichen« Perspektiven des Zentralkomitees der befreiten Juden und des polnischen Lagerkomitees mit den entsprechenden Quellen im Vordergrund. Die Perspektive der britischen Armee und ihrer Soldaten spielt in den Ausstellungssequenzen zur Befreiung und zum Nothospital eine zentrale Rolle.
Die Gliederung der Ausstellung wird durch kurze Einführungs- und Thementexte vorgenommen (maximal 1 200 Zeichen), die die Gegenstände sowie die Text- und Fotoquellen in den historischen Kontext bringen. Auf der zweiten Ausstellungsebene berichten Zeitzeugen von ihren Verfolgungserfahrungen vor und während der Lagerzeit sowie ihren Erfahrungen in der DP-Phase. Sie begleiten mit ihren Aussagen den Besucher durch die gesamte Ausstellung. In der Vertiefungsebene, auf Tischen mit Arbeitsplätzen zwischen den Ausstellungsvitrinen, werden Bezüge hergestellt zwischen der Geschichte des Kriegsgefangenen- bzw. Konzentrationslagers Bergen-Belsen und der Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Verbrechen sowie ihrer ideologischen Hintergründe. In formal analoger Weise gilt dies auch für das DP-Camp Bergen-Belsen, wenn es um die Einbettung des DP-Camps in den politischen und gesellschaftlichen Rahmen der Nachkriegszeit geht. Auch in der Vertiefungsebene spielt die Perspektive der ehemaligen Häftlinge bzw. DPs eine zentrale Rolle.
Folgende Grundsätze standen weiterhin im Vordergrund der Gestaltung: Die gezeigten Gegenstände und Dokumente, die die Gewalt in der zivilisierten Welt bezeugen, sollten so präsentiert werden, dass sie die Besucher zum Weiterfragen, zum Weitersuchen und zur Stellungnahme herausfordern. Bereits durch ihre Gestaltung sollte die Ausstellung deutlich machen, dass viele Fragen noch nicht und vielleicht nie mehr beantwortet werden können. Gleichzeitig soll die Ausstellung aber auch signalisieren, dass eine Ergänzung und Erweiterung möglich ist und in diesem Sinne eine beständige Offenheit besteht.
Die Fertigstellung der ersten Ausstellungsebene mit den Dokumenten und Exponaten aus dem Besitz der ehemaligen Häftlinge war äußerst aufwendig und zog sich bis zum Eröffnungstermin hin. Zum einen mussten Exponate oder Dokumente aus anderen Museen ausgeliehen werden, wohin sie die Überlebenden von Bergen-Belsen schon vor Jahren oder Jahrzehnten abgegeben hatten, zum anderen gab es bei vielen der ehemaligen Häftlinge noch bis weit in das Jahr 2007 hinein Vorbehalte, persönliche Dinge nach Bergen-Belsen abzugeben. Beispielsweise traf der Judenstern von Antonie Klar aus einem Museum in Pennsylvania erst einen Tag vor der Eröffnung in Bergen-Belsen ein. Äußerst wichtige Exponate aus dem Besitz des verstorbenen Rabbiners Dr. Zwi Asaria wurden von seiner Witwe erst vier Wochen vor der Eröffnung zur Verfügung gestellt.
Ein anderer, bedeutsamer Quellenbestand der ersten Ausstellungsebene zur Geschichte des Konzentrationslagers sind die Fotos der britischen Soldaten, die ihre systematische Dokumentation der in Bergen-Belsen verübten Verbrechen am 16. April 1945, dem ersten Tag nach der Befreiung, begannen. Sie dokumentieren nicht die Vernichtung selbst, sondern deren Folgen: Leichenberge, Massengräber, befreite Häftlinge. Obwohl diese Fotos im strengen Sinne keine Bilder der Tat sind, lassen sie Rückschlüsse auf die verübten Verbrechen zu und dienen so der Beweisführung.
In der Ausstellung werden die zahlreichen Fotodokumente nicht zur Illustration der in Bergen-Belsen verübten Verbrechen eingesetzt, sondern als eigenständige Quelle gewürdigt, gemäß der von der Kommission zur Überprüfung der Wehrmachtsausstellung erarbeiteten wissenschaftlichen Standards für die Verwendung von Fotografien als historische Quelle. Fotografien werden daher in den Kontext ihrer Herstellung gebracht und behandelt wie die Textdokumente und die Objekte der Ausstellung. Dieses quellenkritische Prinzip wird streng durchgehalten sowohl bei den zahlreichen Fotos der Wachmannschaften des Kriegsgefangenenlagers, deren Fotoaufnahmen als Teil ihrer Verbrechen zu betrachten sind, als auch bei der Präsentation der Fotos der Befreier des Konzentrationslagers. Beispielsweise werden noch vor dem Themenraum zur Befreiung des Konzentrationslagers 75 Fotografien der »Army Film and Photographic Unit« gezeigt, aufgenommen im Zeitraum vom 16. bis zum 20. April 1945. Diese Fotografien dokumentieren die Situation im Konzentrationslager während der Zeit unmittelbar nach der Befreiung und damit die Spuren der in Bergen-Belsen verübten Verbrechen. Die chronologische Anordnung, die Kontextualisierung über Ausstellungstexte und Quellennachweise für jedes einzelne Foto mit der Nennung des Fotografen, des Produktionsdatums und in vielen Fällen auch von zeitnahen Notizen der Fotografen unterstreichen den Quellencharakter. Diese Form der Quellenpräsentation wurde auch für das britische Filmmaterial gewählt, das während der ersten Tage und Wochen nach der Befreiung von Kameraleuten der britischen »Army Film and Photographic Unit« aufgenommen worden ist. In einem in den Ausstellungsverlauf integrierten, jedoch zugleich separierten Filmraum werden die Filmaufnahmen sowie die begleitenden Notizen der Kameraleute auf getrennten Projektionsflächen synchron gezeigt. Damit wird nicht nur der Quellencharakter der Filmaufnahmen unterstrichen, sondern mit den schriftlich festgehaltenen Eindrücken und Kommentaren auch das historische Geschehen eindrucksvoll an die Besucher vermittelt.
Das Medienkonzept der Ausstellung ist sowohl im Hinblick auf das historische Filmmaterial, das in den Ausstellungsabteilungen zur Geschichte des Konzentrations-lagers und des DP-Camps als Quelle verwendet wird, als auch im Hinblick auf die verschiedenen Formen der Präsentation von Zeitzeugen in der Gesamtausstellung von Karin Theilen und Diana Gring erarbeitet und mit Unterstützung des Mediengestalters Jens Schwarzburg realisiert worden.[2]
Überlebende des Kriegsgefangenenlagers und des Konzentrationslagers sowie frühere Bewohner des DP-Camps haben in der Ausstellung als Zeitzeugen eine zentrale Aufgabe bei der Geschichtsvermittlung und Geschichtsdeutung übernommen. Ihre Berichte ergänzen die unvollständigen Aktenüberlieferungen, thematisieren Situationen und Ereignisse der Lagergeschichte sowie die Lebens- bzw. Überlebensbedingungen, über die aus anderen Quellen nichts oder nur sehr wenig bekannt ist. Viele Aspekte der Lagergeschichte sind überhaupt nur durch diese Selbstzeugnisse dokumentierbar. Wobei zwischen den Überlebenden und den Mitarbeitern des Ausstellungsprojektes stets die Gewissheit bestand, dass Außenstehende nie ganz verstehen können, was es in Wahrheit bedeutete, als Häftling in einem Konzentrationslager oder als sowjetischer Kriegsgefangener den todbringenden Bedingungen eines Lagers ausgesetzt zu sein. In Kenntnis der Grenzen des Vermittelbaren haben die Überlebenden das Ausstellungskonzept unterstützt, damit die verübten Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten, sondern das Wissen um deren Ursachen, Verläufe und Folgen gesichert und weitergegeben werden kann.
Die Zeitzeugenaussagen begleiten die Besucher durch die gesamte Ausstellung und werden in verschiedenen Formen und Funktionen präsentiert. Für die Ausstellung kann die Gedenkstätte auf 340 lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers und ehemaligen Kriegsgefangenen zurückgreifen, von denen der überwiegende Teil im Verlauf des vom Bund finanzierten Projektes entstanden ist. Darin ist ein qualitativ hochwertiger Grundstock von Interviews enthalten, die aus einem in den 1990er Jahren von der Stiftung Niedersachsen finanzierten Zeitzeugenprojekt stammen. Für das Zeitzeugenprojekt zur DP-Phase hat es eine enge Kooperation mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies der Yale Universität gegeben.[3] Alle in die Ausstellung integrierten Zeitzeugenaussagen sind nach wissenschaftlichen Kriterien überprüft worden.
• Im Prolog der Ausstellung erzählen die Zeitzeugen über ihre Kindheit und Jugend, ihre Familie und Heimatstadt, über das Leben »davor« – und wie es sich durch Krieg, Besatzung, Ausgrenzung und Verfolgung veränderte
• Im Epilog sprechen die Überlebenden über das »Leben danach« – die Folgen der Verfolgung für ihr Leben – bis heute. In kurzen Einzelsequenzen berichten sie beispielsweise über psychische und physische Spätfolgen, schildern Belastungen, Albträume und immer wiederkehrende Ängste.
• Die biografischen Medienstationen (insgesamt 12) befinden sich in den drei Teilausstellungen Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager und DP-Camp. Die Themen der Zeitzeugen sind auf die Inhalte der Basisausstellung abgestimmt. Im Ausstellungsbereich »KZ Bergen-Belsen« schildert beispielsweise eine polnische Jüdin, wie sie als 12-jähriges Mädchen die Selektionen und die Liquidierung des Ghettos Zduńska-Wola überstand. Eine Überlebende beschreibt einen Todesmarsch aus einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, der im Winter 1944/45 nach mehreren qualvollen Wochen in Bergen-Belsen endete.
• Thematische Medienstationen (insgesamt 16) befinden sich in allen drei Teilausstellungen und sind direkt in die Ausstellungsvitrinen und damit in den Erzählduktus der Ausstellung integriert. Im Ausstellungsteil »KZ Bergen-Belsen« berichten Überlebende über einzelne Aspekte ihres Lebens und Leidens im Konzentrationslager. In einer dieser Medienstationen schildern beispielsweise Zeitzeugen, die als Kinder in Bergen-Belsen waren, ihre spezifische Situation. In anderen Stationen stehen Formen von Gewalt im Männer- und im Frauenlager oder das Massensterben in der Endphase des Lagers im Mittelpunkt der Aussagen. Überlebende sowjetische Kriegsgefangene berichten beispielsweise über das Massensterben ihrer Kameraden im Winter 1941/1942.
In technischer Hinsicht musste im Verlauf der Ausstellungsentwicklung ein Problem gelöst werden, das sich in nahezu jeder Ausstellung stellt, wo mit audiovisuellen Zeugnissen gearbeitet wird: Die Ausfallquote der eingesetzten Medientechnik ist häufig hoch, die Tonübertragung nicht selten mangelhaft oder die Bildqualität liegt unterhalb der normalen Fernsehqualität. Wenn jedoch die Zeitzeugen in einer Ausstellung eine so zentrale Bedeutung bei der Vermittlung ihrer Verfolgungsgeschichte haben, wie das in Bergen-Belsen der Fall ist, sollte ein hoher technischer Standard die Abspielsicherheit und die Abspielqualität gewährleisten.
Für die in der neuen Dauerausstellung präsentierten Filme wurde ein eigenes inhaltliches und technisches Format entwickelt, das sich vom gängigen Fernsehformat unterscheidet. Wesentliches Unterscheidungskriterium ist dabei eine Untertitelung in deutscher und englischer Sprache, die nach Gesprächen mit dem Goethe-Institut in Frankfurt als sachlich angemessen festgelegt wurde. Eine Synchronisation findet nicht statt. Dies ermöglicht eine authentische Darstellung der Interviewten in ihren eigenen Sprachen sowie im jeweiligen Erzählduktus. Darüber hinaus wird auch eine barrierefreie Medienrezeption in der Ausstellung ermöglicht. Die Untertitel unterscheiden sich von den gängigen Fernsehuntertiteln inhaltlich durch eine enge Anlehnung an den Originalton.
Die Ausstellungsabteilungen zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen, des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und des DP-Lagers Bergen-Belsen sind mit Vertiefungsbereichen ausgestattet, in denen PC-Stationen und thematische Ordner für die Besucher bereitstehen. Hier wird ihnen die Möglichkeit geboten, sich anhand von Medien- und Vertiefungsangeboten intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Eigene Informationsmodule sind den Juden, den Sinti und Roma, den Zeugen Jehovas, den Homosexuellen und den politischen Gegnern aus Deutschland und anderen Nationen sowie den sehr unterschiedlich behandelten Gruppen unter den Kriegsgefangenen gewidmet. Ein weiterer Ausbau der Informationsmodule im Vertiefungsbereich soll kontinuierlich stattfinden. Vor allem Jugendliche erhalten mit den auf ihre Rezeptions-gewohnheiten abgestimmten Informationsprogrammen im Vertiefungsbereich die Möglichkeit, das Geschehen von Bergen-Belsen in den historisch-politischen Kontext einzuordnen und sich mit den Auswirkungen der rassistischen und antisemitischen Ideologie sowie mit dem Schicksal der Verfolgten näher zu befassen.
Das neue Dokumentenhaus und somit die neue Dauerausstellung sind von den Überlebenden und Vertretern ihrer Verbände sehr positiv gewürdigt worden. Inhalte und Formen der Präsentation der Geschichte Bergen-Belsens wurden als »sehr respektvoll« bezeichnet. Die Presseveröffentlichungen enthalten, von einer Ausnahme abgesehen (Frankfurter Rundschau vom 29. Oktober 2007), ausschließlich positive Bewertungen der in Bergen-Belsen geleisteten Arbeit und damit zugleich des Engagements aller am Neugestaltungsprojekt beteiligten Mitarbeiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten sowie nicht zuletzt des politischen und finanziellen Engagements des Bundes und des Landes Niedersachsen. Jedoch sind die Arbeiten in Bergen-Belsen bei Weitem nicht abgeschlossen. Wie schon erwähnt, ist der Masterplan zur Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes bislang nur in geringem Umfang umgesetzt worden. Es mangelt auch noch an einem Konzept, um die in den Massengräbern liegenden mehr als siebzigtausend Toten des Konzentrationslagers und des Kriegsgefangenenlagers auf den Friedhöfen durch Nennung ihrer Namen zu würdigen. Des Weiteren sind Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, um die Bahnrampe sowie die Wege von der Bahnrampe ins Lager zu markieren und durch Informationstafeln inhaltlich zu erschließen. Völlig offen ist noch die Frage des Umgangs mit dem Kasernengelände, das in der Schlussphase des NS-Regimes teilweise mit KZ-Häftlingen belegt war, bis 1950 als DP-Camp diente und auf dem bis in die Gegenwart britische Militäreinheiten untergebracht sind.
Wilfried Wiedemann, Leiter des Projektes der Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen und des Ausstellungsprojektes; von 1986 bis 2004, Leiter des Gedenkstättenreferates in der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, von 2004 bis Ende 2007 Gründungsgeschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.
In Zusammenarbeit mit Albrecht Pohle, von 1999 bis Ende 2007 für die Gedenkstätten in Niedersachsen zuständiger Referatsleiter im Kultusministerium.
[1] Neben Henry Friedlander arbeiteten in der Kommission: David Bankier, Jerusalem; Hagit Lavsky, Jerusalem; Elisabeth Morawek, Wien; Herbert Obenaus, Hannover; Krystina Oleksy, Auschwitz; Joachim Perels, Hannover; Jan Rydel, Krakau; Rainer Schulze, Colchester; Irmgard Wilharm, Hannover; Joachim Wolschke-Bulmahn, Hannover
[2] Zum Medienkonzept der Ausstellung: Diana Gring und Karin Theilen, Fragmente der Erinnerung, in: AugenZeugen – Fotos, Filme und Zeitzeugenberichte in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Hintergrund und Kontext, Herausgegeben von Rainer Schulze und Wilfried Wiedemann, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten 2007, S. 153 ff.
[3] Vgl. dazu Joanne Weiner Rudoff, Die Geschichte der Displaced Persons Camps: Forschungsprobleme und der Beitrag von Zeitzeugen-Interviews, in: AugenZeugen, a.a.O., S. 133 ff.