Nach mehrjähriger Schließung, einem aufwendigen Umbau und einer vollständigen Neugestaltung konnte die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf am 14. Mai 2015 wieder eröffnet werden. Der bisherige Ausstellungsort, das historische »Stadthaus« in der Altstadt, konnte beibehalten, die alten Räumlichkeiten aber um die dreifache Größe erweitert werden. Gezeigt wird hier nun die neue Dauerausstellung »Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus«. Die zugrunde liegende Konzeption und die Ausrichtung auf biografische Beispiele Düsseldorfer Kinder und Jugendlicher während der NS-Zeit sind einmalig in der Gedenkstättenlandschaft. Beim Festakt richtete Oberbürgermeister Thomas Geisel anerkennende Worte an die fast 400 Festgäste sowie an den eigens angereisten Düsseldorfer Shoa-Überlebenden Tom Katz, dessen dramatische Kindheit im niederländischen Versteck in der Ausstellung gezeigt wird. Geisel sagte: »Der heutige Tag ist sowohl für die Landeshauptstadt Düsseldorf als auch für die in dieser Stadt seit Jahrzehnten gepflegte Erinnerungskultur ein wichtiger und besonderer Tag. Wenn wir heute unsere Mahn- und Gedenkstätte wieder der Öffentlichkeit übergeben, dann übergeben wir diesem Hause nicht nur die Bedeutung eines städtischen Kulturinstituts, sondern wir wissen um die besondere politische Bedeutung, die damit verbunden ist und uns alle betrifft: Siebzig Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft ist es wichtig, ein solches Haus, in dem aktive und lebendige Erinnerungsarbeit geleistet wird, völlig neu aufzustellen und den modernen Anforderungen an ein solches Museum anzupassen. Wir – Rat, Verwaltung und Bürgerschaft – treffen damit eine ganz bewusste Entscheidung: Das Erinnern an die NS-Verbrechen und ihre vielen Opfer, auch in unserer Stadt, hört nicht auf, sondern es bleibt wichtig, und vielleicht müssen wir sogar feststellen: Es wird immer wichtiger.«
Seit 1987 ist die Mahn- und Gedenkstätte als kommunales Kulturinstitut die zentrale Einrichtung in der Stadt, die sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 beschäftigt; ein Ort des Forschens und Lernens, der Dokumentations- und Erinnerungsarbeit. Die Gedenkstätte ist allen Opfern des Nationalsozialismus in Düsseldorf gewidmet und ist in den 1980er-Jahren im Westflügel des ehemaligen »Stadthauses« eingerichtet worden. In diesem Gebäudekomplex an der Mühlenstraße, der eine über 400-jährige Geschichte hat und in dem im 17. Jahrhundert ein Jesuitenkolleg errichtet worden war, waren seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Verwaltungseinheiten untergebracht. Hier befanden sich nach 1933 unter anderem die Polizei, die Gestapo, städtische Ämter, wie das Liegenschaftsamt, das Zentralarbeiteramt, eine SS-Standarte oder ein Wehrbezirkskommando. Dieser Ort der Bürokratie und Verwaltung war ein Ort, an dem sich Täter- und Opferbiografien kreuzten, was die Gedenkstätte nun auch thematisch aufgreift. Im März 2015 konnte im größten Teil des »Stadthauses« das DERAG Living-Hotel »De Medici« eröffnet werden – eine in dieser Kombination von Hotel und Gedenkstätte bundesweit wohl einmalige Konstellation.
Ab Februar 2011 war das Gebäude aufgrund der zu erwartenden Umbaumaßnahmen des gesamten Stadthauses geschlossen. Im Herbst 2013 begannen die Umbauten schließlich. Die alte Dauerausstellung »Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933–1945« wurde abgebaut und ersetzt. Mit Gesamtmitteln in Höhe von über 3,1 Millionen Euro wurde aus dem Haus somit eine Einrichtung, die den heutigen Wahrnehmungsgewohnheiten der jungen Generation entspricht: Großzügige und helle Räume regen zur aktiven Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte an, moderne Medientechnik erlaubt eine tief gehende Recherche zu den Biografien der damaligen Kinder und Heranwachsenden. Die Einhaltung des Denkmal- und des Brandschutzes sowie die weitgehende Herstellung der Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer und Höreingeschränkte stellten ebenso Herausforderung dar wie auch unvorhergesehene »Überraschungen«, die ein Jahrhunderte altes Gebäudeensemble in sich birgt.
In der neuen ständigen Ausstellung »Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus« wird die Geschichte der NS-Zeit exemplarisch an konkreten Biografien und an lokalen Ereignissen nachvollziehbar: Die Dauerausstellung stellt 16 Kinder und Jugendliche aus Düsseldorf und ihre prägenden Erlebnisse in den Mittelpunkt. Anhand der ausgewählten Biografien von jungen Menschen wird den Fragen nachgegangen, wie diese Kinder und Jugendlichen sich während der Zeit des Nationalsozialismus verhalten, wie sie gehandelt und welche Erfahrungen sie in der Diktatur gemacht haben. Neben Gruppen, die auch in der ehemaligen Dauerausstellung repräsentiert waren, wie etwa die Düsseldorfer Juden, die aus politischen oder religiösen Gründen Verfolgten, die Homosexuellen, die ausländischen Zwangsarbeitskräfte oder die Sinti und Roma, werden auch Kinder und Jugendliche der damaligen Mehrheitsgesellschaft und aus der Hitlerjugend erstmalig in der Ausstellung porträtiert. Diese erfahrungsgeschichtliche Ausstellung richtet sich an alle Besucherinnen und Besucher, besonders aber an Kinder ab zehn Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene, die sich hier mit zentralen menschlichen Werten und Erfahrungen aktiv auseinandersetzen können:
Was bedeuten etwa Mut, Hoffnung, Angst, Liebe und Freundschaft, Hilfe und Verrat, Gewalt und Verzweiflung, Freiheit und Menschenrechte, Toleranz und Vielfalt in Diktatur und Demokratie?
Welche Handlungsspielräume und Optionen hatten die einzelnen Menschen damals? Wie wirkte sich die Politik auf das Individuum mit welchen Folgen aus?
Und wie handele ich heute, wenn die Demokratie gefährdet ist? Jedes Handeln oder Nicht-Handeln hatte und hat Konsequenzen, für den Einzelnen und die Gesellschaft, in der er lebt.
Für die Ausstellungsarchitektur konnte die Aachener Museologin und Innenarchitektin Stefanie Dowidat gewonnen werden. Ein zwölfköpfiger wissenschaftlicher Fachbeirat mit fachkundigen Mitgliedern aus ganz Deutschland unter dem Vorsitz des Geschichtsdidaktikers Prof. Dr. Alfons Kenkmann begleitete das Kuratorenteam zwischen Sommer 2010 und Mai 2014 in der inhaltlichen und gestalterischen Planung in mehreren Sitzungen konstruktiv.
Neben dem Bereich der Dauerausstellung im Hochparterre an der Mühlenstraße, wo sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die allgemeine Stadtgeschichte und ihre soziale Verortung dargestellt werden, ist ein neuer Gebäudeteil in einem alten Innenhof entstanden, der die beiden Bereiche der Gedenkstätte im Vorder- und im Hinterhaus verbindet. Dieses neue »Forum« ist als Versammlungs- und Vortragsort konzipiert und erweitert die Dauerausstellung um Themen aus der Düsseldorfer Nachkriegszeit: Von den großen NS-Strafprozessen (»Treblinka II und III« und »Majdanek«) bis zur Gründung der Gedenkstätte, vom Wiederbeginn des öffentlichen und demokratischen Lebens 1945 bis zum Wandel des Gedenkens durch die Nachkriegsjahrzehnte zeigt dieser Ausstellungsteil erstmalig zentrale Aspekte der Erinnerungskultur und der Geschichtspolitik in der Stadt. Die außergewöhnliche Architektur des »Forums«, ausgeführt nach Plänen der Düsseldorfer Architekten Marie-Céline Schäfer und Karsten Weber, fügt sich spannungsreich in das alte Hofensemble und verbindet die beiden historischen Gebäudetrakte miteinander. Von dort aus sind die Räume im hinteren Teil, der Julo-Levin-Raum, die Bibliothek und das Offene Archiv sowie der historische Luftschutzkeller zu erreichen.
Aus dem »Forum« gelangen die Besucherinnen und Besucher barrierefrei in den Sonderausstellungsbereich im Hinterhaus. In dem nach dem deutsch-jüdischen Künstler Julo Levin (1901–1943) benannten Raum werden Wechselausstellungen präsentiert und Veranstaltungen oder Bildungsangebote durchgeführt. Eine Büste verweist auf den Namensgeber und seine Biografie. Der im Vernichtungslager Auschwitz ermordete Künstler und Kunstpädagoge Julo Levin wirkte in Düsseldorf maßgeblich als Kunsterzieher und Zeichenlehrer an einer Privaten Jüdischen Volksschule. Der Julo-Levin-Raum bietet zahlreiche Möglichkeiten der Nutzung (Filmvorführungen, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Konferenzen, Vorträge, Konzerte), wobei jedoch die Bildungsarbeit im Mittelpunkt steht. Im selben Gebäudeteil sind auch die Präsenzbibliothek mit über 8 000 Titeln und das »Offene Archiv« untergebracht. Dieser Projektraum bietet den Besucherinnen und Besuchern, die Möglichkeit, Ausstellungsinhalte zu vertiefen, die Biografien der dargestellten Kinder und Jugendlichen nachzulesen und weiter zu erforschen, weitere Audio- und Videobeispiele zu nutzen und auch andere Themen zu recherchieren. Dies ist sowohl in vorhandenen Ordnern als auch an PC-Arbeitsplätzen möglich. Das »Offene Archiv« kann auch im Rahmen der Bildungs-angebote, zum Beispiel bei Workshops und Seminaren, von Kleingruppen benutzt werden.
Der historische Luftschutzkeller im Untergeschoss, der seit Eröffnung der Mahn- und Gedenkstätte zu besichtigen war und nahezu unverändert erhalten blieb, vermittelt einen Eindruck der rheinischen Großstadt Düsseldorf während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Themen wie Luftschutz oder Bombenkrieg werden hier durch Tafeln und Objekte dargestellt. Die Luftschutzräume sind während der regulären Öffnungszeiten wieder für das Publikum zugänglich. Im größten Raum des Luftschutzkellers finden zukünftig wieder Lesungen, kleinere Ausstellungen oder Konzerte statt.
»Ich freue mich darauf, dass unser zentrales Dokumentationszentrum zur NS-Vergangenheit jetzt in ganz neuen Räumlichkeiten als moderner Lern- und Gedenkort wieder öffnet«, sagte der Oberbürgermeister anlässlich der Wiedereröffnung. »Den heutigen Anforderungen an ein Museum wird dieses Haus in jeder Hinsicht gerecht. Ich hoffe, dass nun gerade junge Menschen den Weg hierher finden, um sich mit diesem Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen.«
Dem tragen die speziell für die neue Dauerausstellung und die umgebauten Räume entwickelten Vermittlungsangebote Rechnung. Neben Überblicksführungen in der ständigen Ausstellung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die bestimmte inhaltliche Motive hervorheben, wie zum Beispiel »Handeln aus Überzeugung«, gibt es Workshops, die die Biografien von Kindern und Jugendlichen vertiefend vorstellen. Alle Angebote sind dialogisch und finden in Interaktion mit den Besucherinnen und Besuchern statt. Sie sind speziell auf die neue Form der Ausstellung und die neuen Räumen hin konzipiert worden. In Zukunft werden noch erweiternde Workshops, die Themen wie zum Beispiel die Homosexuellen-Verfolgung oder die Patientenmorde behandeln, ausgehend von der Ausstellung entwickelt. Zusätzlich finden auch Führungen durch die Wechselausstellungen statt.
Die neue Dauerausstellung ist sowohl für Individualbesucherinnen und -besucher als auch für Gruppen geeignet. Ein Audio-Guide erschließt sie für ausländische Einzelbesucher auf Englisch. In der Dauerausstellung gibt es eine allgemeine Vermittlungsebene und viele Vertiefungsmöglichkeiten, in Schubladen, hinter Klappen und Schiebetafeln. Audio- und Video-Interviews, Filme, Hörstationen und Touchscreens ermöglichen den Besucherinnen und Besuchern, sich näher mit einem Thema oder einer Person und ihrer Lebensgeschichte zu beschäftigen. Die dargestellten Biografien werden jeweils mit dem dazugehörigen Kontext der Gruppe erzählt, die sie repräsentieren. So wird die Geschichte der in einer »Euthanasie-Aktion« ermordeten Anneliese B. in der Ausstellung zusätzlich flankiert durch einen Touchscreen zum Thema »Zwangssterilisierungen und ›Euthanasie‹«. Weitere Touchscreens erläutern vertiefend die Themen Flucht, Emigration, Zwangsarbeit oder die Deportationen der rheinischen Juden über Düsseldorf. Alle Touchscreens sind konsequent zweisprachig in Deutsch und Englisch angelegt. In vertiefenden Ebenen sind dort Interviewsequenzen abrufbar, Fotos und Dokumente, aber auch Filme und Audioeinheiten.
In den rund sechs Wochen zwischen Mitte Mai und dem Beginn der Sommerferien (Ende Juni 2015) besuchten rund 75 Gruppen und Schulklassen die neu gestaltete Gedenkstätte und nahmen Führungs- und Projektangebote wahr. Daneben kamen mehr als 3 500 Einzelbesucher in das Haus, von denen sich viele im ausliegenden Gästebuch über die lang ersehnte Wiedereröffnung erfreut äußerten und die Präsentationsform, die ästhetische Ausrichtung der neuen Architektur sowie die vermittelten Inhalte lobten. Auch Presse und Öffentlichkeit haben den »Neustart« der Gedenkstätte überaus positiv aufgenommen. In der »Rheinischen Post« war am 16. Mai 2015 zu lesen: »Statt schnödem Geschichtsunterricht bietet die Schau einen greifbaren Einblick in den Alltag während der NS-Diktatur. Eine Umsetzung, die sicher auch Mut ihrer Ideengeber erfordert hat, aber richtungsweisend für die Gestaltung von Gedenken sein sollte.«
Dr. Bastian Fleermann, Historiker, leitet seit 2011 die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.