Dokumentation der Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven- und Zwangsarbeiter

Ein Förderprogramm des Fonds »Erinnerung und Zukunft« in Trägerschaft des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen
06/2006Gedenkstättenrundbrief 131, S. 20-22
Christoph Thonfeld

Aufgaben des Projekts

Im Rahmen dieses Projekts, das am Institut für Geschichte und Biographie unter der Leitung von Alexander von Plato koordiniert wird, entsteht in Kooperation mit 33 Interviewteams in 24 europäischen Ländern sowie in Israel, den USA und Südafrika ein Bestand von annähernd 600 Interviews . Das in Lüdenscheid beheimatete Institut führt dabei selbst neun Interviews in Deutschland und sechs in England mit dorthin ausgewanderten ehemaligen Zwangsarbeiter/inne/n durch. Im Mittelpunkt der Interviews steht die jeweils individuelle Erfahrung der Sklaven- und Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland. Die Zeitzeugen sollen aber auch darüber berichten, wie sie nach 1945 mit dieser Erfahrung gelebt bzw. wie sie diese verarbeitet haben. Die Einbeziehung der Nachkriegsgeschichte war anfangs im Kuratorium der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«, zu der der Fonds organisatorisch gehört, nicht unumstritten, da ein Verlust des Fokus auf die NS-Zwangsarbeit befürchtet wurde. Schließlich konnten aber alle Beteiligten von der besonderen Aussagefähigkeit der lebensgeschichtlichen Perspektive überzeugt werden. In halboffenen Interviews, die aus einem freilaufenden Erzähl- und einem mehrstufigen Nachfrageteil bestehen, können die Interviewpartner/innen möglichst uneingeschränkt ihre biographischen Erzählungen entwickeln

Auswahl der Interviewpartner/innen

Neben den betroffenen nationalen Gruppen werden auch jüdische Sklavenarbeiter/ innen, die von KZ oder Ghettos aus zur Arbeit gezwungen wurden, und Roma besonders berücksichtigt. Die gezielte Befragung dieser beiden Gruppen wurde von einigen Vertretern osteuropäischer Länder kritisch gesehen, da sie in der Vergangenheit angeblich bereits unverhältnismäßig viel »westliche Aufmerksamkeit« genossen hätten. Interviewt werden ebenfalls Personen, die von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« für ihre Zwangsarbeit keine finanzielle Zuwendung erhalten haben, wie Kriegsgefangene und Italienische Militärinternierte. Allerdings wurde bei der Auswahl nicht – wie ursprünglich angedacht – strikt nach dem Zufallsprinzip verfahren, sondern eine Mischung aus Annäherung an die damaligen Größenordnungen der aus den jeweiligen Ländern verschleppten Zwangsarbeiter/inne/n und in schwierigen gremienpolitischen Verhandlungen austarierten Kontingenten festgelegt. So ergaben sich folgende Befragungsgrößen: Ukraine und Polen je 80, Russland 60, Belarus und Tschechien je 40 Personen; ca. 30% der gesamten Interviews sollten mit – zumeist jüdischen – Sklavenarbeiter/inne/n geführt werden, etas 5 % mit Roma. Die auf die übrigen 22 Länder verteilten Kontingente sollten einerseits die Einbeziehung der zahlenmäßig bedeutsamsten Herkunftsländer ehemaliger Zwangsarbeiter/innen sicherstellen, zum anderen möglichst breit gefächert deren Vorkriegssituation sowie spätere Wanderungs- und Lebenswege repräsentieren.

Weitere Bearbeitung der Interviews

Die Nachbearbeitung der Interviews umfasst zunächst einen Datenbogen mit sozialstatistischen und den konkreten historischen Inhalt betreffenden Angaben zu allen Interviewpartner/inne/n, die in einer Datenbank zusammengetragen werden. Diese Datenbank wird es ermöglichen, z.B. anhand der Herkunfts- und Arbeitsorte, Einsatzarten, Trägerorganisationen etc. geographisch oder thematisch spezifische Auswertungen des Materials vorzunehmen. Eine Kurzbiographie der interviewten Person, ein Protokoll des Gesprächsverlaufs, eine vollständige Transskription des Interviews in der verwendeten Sprache, die Übersetzung der ca. 175 Videointerviews ins Deutsche sowie Photos der Interviewgebenden bzw. persönlicher Photographien und Dokumente von ihnen, die mit einer kurzen Bildlegende versehen werden, vervollständigen das Begleitmaterial. Auch wenn sich vereinzelt Ereignisse anhand von Erinnerungen überraschend präzise rekonstruieren lassen, kann mehr als 60 Jahre nach den Erlebnissen selbst die Ereignisgeschichte nur bedingt im Vordergrund stehen. Dafür ist in der Regel der zeitliche Abstand zu groß, die Erinnerungen werden durch spätere Eindrücke, Verdrängungsleistungen, spätere Neuinterpretationen, die Einbettung von Erzählungen und Deutungen in soziale Gruppen sowie nationale und/oder ethnische oder religiöse Erinnerungskulturen überlagert. Und nicht zuletzt macht sich auch die besondere Kommunikationskonstellation des Interviews bemerkbar. Demgegenüber liegt in diesem Projekt der Schwerpunkt auf der Verarbeitung von Erfahrungen, d.h. wie die Betroffenen die Zeit der Zwangsarbeit für Deutschland in ihre Biographie integrieren und welche Sicht sie darauf sowie auf ihr vorheriges und nachfolgendes Leben entwickelt haben. Dabei werden die Interviewten als Opfer und Überlebende respektiert und gewürdigt, aber nicht auf diesen Status reduziert, sondern über die Gesamtheit ihres Lebenslaufs hinweg als handelnde Subjekte ernst genommen. Ein besonderes Erkenntnispotential liegt in den vielen Dimensionen des Vergleichs, die dieses große internationale Projekt ermöglicht. Neben größeren Kategorien wie dem Vergleich individueller Verarbeitungsweisen und kollektiver Deutungsangebote zwischen West- und Osteuropa können die Erinnerungslandschaften inzwischen untergegangener Staatsverbände wie z.B. Jugoslawiens aus der Perspektive der Nachfolgestaaten Serbien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Mazedonien rekonstruiert werden. Die besondere Spannungssituation des Erinnerns in umkämpften Grenzgebieten wie z.B. Galizien (Polen, Sowjetunion, Ukraine) kann nachvollzogen, oder eine jüdisch geprägte einer nicht-jüdisch geprägten Erinnerung gegenüber gestellt werden.

Ziele des Projekts

Das Projekt versteht sich, nachdem die Zwangsarbeit für das Deutsche Reich und seine Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang von vielen Staaten ignoriert, von den meisten Gesellschaften beschwiegen oder als Kollaboration verurteilt und von den Betroffenen vielfach als unauslöschliches Stigma empfunden wurde bzw. wird, als ein »Denkmal anderer Art«, das durch die Bewahrung und Veröffentlichung der Lebensgeschichten der Betroffenen einen kleinen Beitrag zu ihrer Rehabilitierung leisten will.

Um diesen nach Größe und Zusammensetzung einzigartigen Bestand möglichst vielfältigen Nutzungen zugänglich zu machen, arbeitet das Institut parallel zur Prüfung und ersten Auswertung der derzeit ständig eingehenden Interviews und ihrer zugehörigen Dokumente mit möglichen Kooperationspartnern an Empfehlungen für die Verwendung der Interviews in Ausstellungen, für Unterrichtsmaterialien in Schule und Universität, den Einsatz in der politischen Erwachsenenbildung sowie für weitergehende Publikationen o. ä. Eine eigene Veröffentlichung mit historisch kontextualisierenden und erste Interpretationen vorschlagenden Berichten der Interviewteams sowie bilanzierenden und die Vergleichsperspektiven auslotenden Beiträgen der Lüdenscheider Projektgruppe ist ebenfalls in Vorbereitung. Neben den neu geführten Interviews dieses Projekts hat das Institut für Geschichte und Biographie zusätzlich eine internationale Erfassung von bereits vorhandenen lebensgeschichtlichen Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiter/inne/n in Deutschland und, wo möglich, darüber hinaus, durchgeführt und in einer für Forschung und Bildung offen stehenden Datenbank zusammengeführt. Die entstehenden Dokumentationen und Datensammlungen sollen sowohl in Deutschland als auch in den Ländern der geförderten Interviewgruppen weiteren wissenschaftlichen Analysen zur Verfügung stehen und Zwecken der historisch-politischen Bildung in Form von Ausstellungsmaterialien oder als digitalisierte Medien dienen, um die Erinnerung an die Lebenswege ehemaliger Sklaven- und Zwangsarbeiter wach zu halten.

Dr. Christoph Thonfeld arbeitet als Historiker am Institut für Geschichte und Biographie in Lüdenscheid.