Digitale Spurensuche und mobiles Lernen im öffentlichen Raum

Die Zeitzeugen-App zur NS-Zwangsarbeit in Berlin[1]
06/2014Gedenkstättenrundbrief 174, S. 11-15
Ewa Czerwiakowski, Thomas Irmer und Cord Pagenstecher

»Ich war 13, als ich in Berlin war, aber ich kann mich an alles erinnern«, schreibt die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin Alina Przybyła in ihrem Erinnerungsbericht. »Doch wiedererkennen kann ich heute kaum etwas, so hat sich die Stadt geändert. Nur das Brandenburger Tor habe ich wiedererkannt, an dem ich damals gestanden und an eine Säule gekratzt hatte: ›Pferdchen, bringt mich von hier weg, zurück zu meiner Mama!‹«[2]

Alina Przybyła ist eine der 36 Zeitzeugen, auf deren Erinnerungen die Smartphone-Anwendung »Zwangsarbeit. Die Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt« basiert. Die App wurde von einer (aus den Beitragsautoren bestehenden) Projektgruppe der Berliner Geschichtswerkstatt konzipiert und von einem Team der jungen Berliner Firma Mobile Melting[3] technisch umgesetzt. Die von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« und vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Smartphone-­Anwendung war der Beitrag der Berliner Geschichtswerkstatt zum Themen­jahr ­»Zerstörte Vielfalt« (2013), in dessen Rahmen zahlreiche Projekte an Berlins nationalsozialistische Vergangenheit erinnerten.[4]

Die App ist kostenlos verfügbar auf deutsch und englisch für iOS-Geräte (iPhone, iPad etc.) und für Android-Geräte (Samsung, HTC etc.).[5]

Aufbau der App

Die Applikation der Berliner Geschichtswerkstatt verbindet zwei zentrale methodische Aspekte der Geschichtsvermittlung: die Begegnung mit Zeitzeugen und Spurensuche. Anders als die lediglich aus illustrierten Textkommentaren bestehenden herkömmlichen Stadtführungs-Apps setzt die Zeitzeugen-App zu jedem Ort narrative und kontextualisierende historische Quellen in Beziehung. Auf fünf Touren durch das Stadtgebiet erzählen Zeitzeugen aus Ost- und Westeuropa über ihr erzwungenes Leben in Berlin, berichten über die Arbeit in verschiedenen Wirtschaftszweigen sowie ihre dürftige Unterkunft in Lagern, deren dichtes Netz die ganze Stadt überzog. Am historischen Ort lassen die Zeitzeugen die App-Nutzer an ihren Erlebnissen teilhaben, indem sie von Demütigung und Hoffnung, Verzweiflung und Auflehnung, aber auch von Freundschaft und Liebe erzählen.

Jede der fünf Touren hat ihren Schwerpunkt: Die Tour »Ein Pole in Berlin« führt auf den persönlichen Spuren eines Zeitzeugen durch das Berliner Arbeiterviertel Gesundbrunnen. Die Tour »Opfer und Täter« thematisiert die Auswirkungen der rassistischen NS-Bevölkerungspolitik auf die nach Berlin verschleppten Menschen an Orten nationalsozialistischer Schreibtischtäter rund um die Wilhelmstraße. Die dritte, »In der Fabrik« betitelte Tour konzentriert sich auf die Zwangsarbeit in zwei Werken des Elektrokonzerns AEG im Bezirk Wedding. Neben diesen drei Spaziergängen gibt es eine Fahrradtour durch Kreuzberg und Tempelhof, die unter dem Titel »Zwangsarbeit war überall« die Allgegenwart der Zwangsarbeit dokumentiert. Die fünfte Tour schließlich, die mit der S-Bahn »Durch die Stadt der Lager« führt, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unterkünfte und Wege der Zwangsarbeiter in der Stadt.

Im Mittelpunkt jeder Tour stehen Selbstzeugnisse ehemaliger Zwangsarbeiter: Kurze Ausschnitte aus Video- und Audiointerviews oder niedergeschriebenen und von einem Sprecher vorgetragenen Berichten, ergänzt um persönliche Bilder, Dokumente und Erinnerungsstücke. Über alle Zeitzeugen informieren zusätzlich Kurz­biografien, die über ihre Berliner Zeit hinausgehen. Zu jeder Station der App wird eine kurze Zusammenfassung der geschichtlichen Hintergründe in Textform angeboten. Und nicht zuletzt: Alle App-Inhalte stehen auch in englischer ­Sprache zur Verfügung, was den Kreis der potenziellen Nutzer erheblich erweitert. Fassungen in weiteren Sprachen sind vorgesehen.

Alle Touren sind sowohl über eine Liste wie auch über eine Berlin-Karte navigierbar. Wählt man eine bestimmte Tour aus, erscheinen auf dem Screen die nötigsten technischen Informationen sowie die Namen der zu begehenden Stationen, weiter unten erfährt man in einem kurzen Text Allgemeines zum Inhalt der Tour. Auf der Startseite einer jeden Station wird zuerst der Standort durch ein entsprechendes Bild und einen Hinweis angegeben. Durch Scrollen nach unten kann man verschiedene Medien (Videos, Audios, Slideshows und einzelne Bilder) aussuchen und einzeln abrufen, alle zusammen verbinden sich zu einer ortsbezogenen Geschichte.

Spurensuche im Zentrum der NS-Zwangsarbeit

Die ganze Stadt ist ein Museum, und der Berliner Stadtraum eignet sich ganz besonders für eine ortsbezogene Geschichtsvermittlung: Das historische Geschehen scheint hier dicht und Schicht auf Schicht abgelagert zu sein und kann sowohl an geschichtsträchtigen Orten wie am Brandenburger Tor oder in der Wilhelmstraße als auch an vermeintlich unscheinbaren Gebäuden, alten Fabrikhallen oder Bahnhöfen neu entdeckt und abgelesen werden. Die App macht aufmerksam auf die offen sichtbaren und auf die zunächst unsichtbaren Spuren in dieser vielfach überbauten Stadt.

Das nationalsozialistische Berlin war ein Zentrum der Zwangsarbeit: Zwischen 1938 und 1945 mussten eine halbe Million Menschen – Männer, Frauen und Kinder – in Berliner Fabriken, Dienststellen und Privathaushalten unter Zwang arbeiten, so viele wie in keiner anderen Stadt Europas. Die Berliner Jüdinnen und Juden waren die Ersten, die im Zuge der sich verschärfenden Diskriminierung Zwangsarbeit leisten mussten – für öffentliche Arbeiten bereits vor dem Krieg, nach 1940 in den Berliner Rüstungsbetrieben. Im Laufe des Krieges setzte der national­sozialistische Machtapparat immer mehr Menschen aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit in der damaligen Reichshauptstadt ein, sowohl verschleppte Zivilisten als auch Kriegsgefangene und zuletzt Häftlinge der Konzentrationslager. Aus der deutschen »Volksgemeinschaft« ausgegrenzt, lebten die Entrechteten in über 3000 Lagern, direkt vor der Haustür der Deutschen. Die Erinnerungen jener unfreiwilligen Berliner stellen ein wichtiges Kapitel der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus dar und vermitteln einen für viele vermutlich eher ungewohnten Blick auf die deutsche Hauptstadt, deren Einwohner und Geschichte.

Zeitzeugen und Archive

Den inhaltlichen Kern der App bildet die von den Menschen erlebte und in individuellen Narrativen wiedergegebene Geschichte. Im Zentrum standen also von Anfang an die Zeitzeugen, Frauen und Männer aus mehreren Ländern Ost- und Westeuropas. Das Einzige, was ihre im Detail sehr ungleichen Schicksale verbindet, ist ihr Zwangsarbeitseinsatz in der einstigen Reichshauptstadt. Ihre in mehreren Archiven aufbewahrten Erinnerungen stehen in unterschiedlicher Form zur Verfügung. Die meisten der in der App präsentierten Berichte gehören zur Spezialsammlung der Berliner Geschichtswerkstatt, die zwischen 1997 und 2010 als erste Einrichtung in Berlin die Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiter, Frauen und Männer, gesammelt und deren Schicksale dokumentiert hat.[6] In der App liegt der Schwerpunkt auf Zeitzeugen aus Osteuropa, unter denen jene aus Polen besonders zahlreich vertreten sind; 16 werden in der App zitiert.

Einem von ihnen, Józef Przedpełski, wird in der App eine eigene Tour gewidmet. Przedpełski wurde 1944 aus Warschau zusammen mit seiner schwangeren Frau nach Berlin verschleppt und bei der Deutschen Reichsbahn eingesetzt; in einem Lager erlebte er die Geburt seines Sohnes mit. Sein schriftlicher Bericht, zahlreiche ­private Fotografien und Dokumente, zwei Interviews von 2004 sowie die Dokumentation einer Vor-Ort-Begegnung von 2010 fügen sich als reichhaltiges Material zu einem biografischen Rundgang zusammen. Andere Erinnerungsberichte stammen von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus Tschechien: Josef Kroupa etwa arbeitete in einem Postamt am Anhalter Bahnhof und kommt vor dem noch erhaltenen Gebäude, heute ein Hotel, zu Wort. Sein Baracken­lager lag im Wohnviertel Lichtenrade, im Garten nebenan feierten die deutschen Nachbarn ihre Familienfeste – das zeigt in der App ein zeitgenössischer Schnappschuss.

In diese vielstimmige Erzählung werden zudem Interviews aus dem Online-Archiv »Zwangsarbeit 1939–1945. Erinnerungen und Geschichte« einbezogen.[7] Olga S. aus der ehemaligen Sowjetunion erzählt in einem Video-Interview von 2005, wie sie wegen eines Fluchtversuchs im Polizeigefängnis am Alexanderplatz (heute steht dort das Kaufhaus Alexa) eingesperrt wurde. Janina Halina G. aus Polen äußert sich zu den Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter; ihr Statement aus einem Video-Interview kann man sich direkt vor dem heutigen Sitz der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« anhören.

Auch jüdische Berliner von damals berichten über ihr Schicksal: Vor der Deportation – oder seltener: vor dem Untertauchen – wurden sie zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ihre vollständigen Interviews sind im Visual History Archive der Shoah Foundation[8] sowie im Online-Archiv »Zeugen der Shoah«[9] einsehbar.

Um die Erfahrung der westeuropäischen Zwangsarbeiter in Berlin zu vermitteln, wurden zusätzliche Quellen recherchiert. Der französische Arzt François Besson betreute in der »Absonderungsstation« des Urban-Krankenhauses in einer Kreuzberger Schule Tuberkulose-Kranke. Am heutigen Schultor wird ein Ausschnitt aus dem 2011 geführten Interview[10] präsentiert.

Bereits publiziert ist die Erinnerung eines anderen Franzosen: Der spätere Journalist, Karikaturist und Schriftsteller François Cavanna war bei einer Treptower Firma eingesetzt, fuhr öfter mit der S-Bahn durch die Stadt und beobachtete ihren Alltag. Die Zeit seiner Zwangsarbeit in Berlin thematisierte er in seinem autobiografischen Roman »Les Russkoffs«, auf Deutsch: »Das Lied der Baba«.[11] Am »Führerbunker« wird das Lied »Tanzen auf dem Obersalzberg«[12] gespielt, gewidmet ist es dem holländischen Zwangsarbeiter Rinus van Galen. Auch italienische Militärinternierte fehlen nicht in der App: Zu Wort kommen Mario Maturi[13] und Cesarino Taccioli[14], die in Berlin als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden und in Lagern in Kreuzberg und auf dem Flughafen Tempelhof untergebracht waren.

Der thematischen Differenzierung der Zeitzeugenberichte entspricht die Unterschiedlichkeit der besuchten Orte: Von berühmten Sehenswürdigkeiten wandert der App-Nutzer zu scheinbar unspektakulären Stadtvierteln, wo er vergessene Geschichten erfährt. Die friedliche Gegenwart wird eindrucksvoll mit der dramatischen Vergangenheit konfrontiert: Inmitten des touristischen Trubels am Alexanderplatz erzählt eine Zeitzeugenstimme von den letzten Kriegstagen in Berlin, von Chaos, Hunger und Artilleriebeschuss. Die Erinnerungen fördern Verborgenes zutage, wecken die Neugier und verleihen vertrauten Orten eine neue Bedeutung.

Eine Tour endet am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, der zentralen Gedenkstätte zur NS-Zwangsarbeit in Deutschland. Dieser Vernetzungspunkt zu einem betreuten Erinnerungsort ist bewusst gewählt: Hier kann der App-Nutzer die neue, im Mai 2013 eröffnete Dauerausstellung »Alltag Zwangsarbeit 1938–1945« besuchen.

Zeitgemäße Geschichtsvermittlung

Für die Quellen der Oral History schuf die Digitalisierung eine breite Palette von Auswertungs-, Dokumentations- und Anwendungsmöglichkeiten auf Websites, in sozialen Netzwerken, DVDs und Online-Archiven. Die Smartphone-Applikation stellt die Digitalisate in eine neue Beziehung zum öffentlichen Raum: Im kleinen Format ermöglicht sie einen medial unterstützten Umgang mit historischen Spuren in der Stadt und zugleich eine anschauliche Verortung von Zeitzeugen-Erinnerungen. Gerade auch für Schüler eignet sich die Zeitzeugen-App für eigenständige Erkundungen, nicht zuletzt auf Klassenfahrten und Kursreisen nach Berlin.

Die Möglichkeit von Updates mit Korrekturen, Aktualisierungen oder auch Erweiterungen um zusätzliche Touren macht Apps zu einem dauerhaft bearbeitbaren Bildungsmedium. Recherchen, Medienproduktion und Programmierung sind allerdings noch teuer. Bei der Konzeption müssen Probleme wie verschiedene Softwareplattformen und Bildschirmgrößen, unterschiedlich gute Netzabdeckungen, Download-Geschwindigkeiten und Roamingkosten der Nutzer berücksichtigt werden. Angesichts der auf einige Minuten begrenzten Aufmerksamkeitsspanne macht nur eine strikte Auswahl die zu vermittelnden Inhalte überhaupt rezipierbar.

Als unerwartetes Problem gestaltete sich bei der Publikation die Aufnahmeprozedur der Zeitzeugen-App in den von der Firma Apple kontrollierten App Store, die in diesem Fall fast drei Monate dauerte. Der Auskunft eines Developers zufolge war Apple besorgt, dass einige historische Bilder mit Hakenkreuzfahnen gegen deutsches Recht verstoßen könnten. Erst nach langwierigen Verhandlungen und dem Austausch einiger Bilder konnte die App im August 2013 online gehen. Seit März 2014 ist die Android-Version im Google Play Store verfügbar.

Nicht zuletzt hat das neue Medium mit einigen Vorbehalten zu kämpfen, insbesondere seitens der über 40-Jährigen, die sich nicht zu den Digital Natives rechnen. Für die jüngeren Nutzer bietet die Zeitzeugen-App dagegen einen zeitgemäßen Zugang zur Geschichte der Zwangsarbeit, zu den Erinnerungen der Zeitzeugen und zur fremden – oder auch eigenen – Stadt.
 

Thomas Irmer, Historiker, Ausstellungskurator (zuletzt: »Alltag Zwangsarbeit 1938–1945«)

Ewa Czerwiakowski, MA, freiberufliche Publizistin und Übersetzerin. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit den Berichten von Zeitzeugen, vor allem zur Zwangsarbeit.

Dr. Cord Pagenstecher, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität Berlin (Online-Archiv »Zwangsarbeit 1939–1945«) und der Berliner Geschichtswerkstatt.

Die drei AutorInnen haben die Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt konzipiert und erarbeitet.
 

[1] Dieser Artikel erschien leicht verändert zuerst in dem 2013 veröffentlichten Sammelband: Nicolas Apostolopoulos , Cord Pagenstecher (Hrsg.), Erinnern an Zwangsarbeit. Zeitzeugen-Interviews in der digitalen Welt, Berlin: Metropol 2013, S. 223–230.

[2] Erinnerungsbericht von Alina Przybya, Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide, Sig. BGW.

[3] mobile-melting.de/category/app-programmierung.

[4] www.berlin.de/2013.

[5] www.berliner-geschichtswerkstatt.de/app.html.

[6] 2012 wurde diese Sammlung dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide als Depositum übergeben.

[7] www.zwangsarbeit-archiv.de.

[8] sfi.usc.edu.

[9] www.zeugendershoah.de.

[10] Interview mit François Besson, 2011, Privatarchiv Weiß.

[11] François Cavanna, Das Lied der Baba, Berlin 1988.

[12] Johann Meijer, Von der Maas bis an die Memel. Lieder für Überlebende, 2003.

[13] Erinnerungsbericht von Mario Maturi, 2004, Slg. BGW.

[14] Erinnerungsbericht von Cesarino Taccioli, in: Tagesspiegel, 19. 10. 1999.