Die geschichtliche Erforschung des Nationalsozialismus hat sich in den letzten Jahren verstärkt auch dem Alltag unter faschistischer Diktatur zugewandt; gleichzeitig wurde die regionalgeschichtliche Forschung zur NS-Zeit weiter vertieft bis hin zu umfangreichen Studien zu einzelnen Städten.
Für das heutige Rheinland-Pfalz liegt bisher neben zahlreichen Detailstudien die Sammlung »Die Pfalz unter dem Hakenkreuz«, herausgegeben von Gerhard Nestler und Hannes Ziegler (Landau 1993) vor; diese wird nun ergänzt und wesentlich erweitert durch die dreibändige Sammlung von Aufsätzen, erschienen im Verlag Hermann Schmidt in Mainz unter dem Titel »Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz«, herausgegeben von Hans-Georg Meyer und Hans Berkessel und mit einem Vorwort des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck versehen.
Mittlerweile liegen die drei Bände, »Eine nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit«, »Für die Außenwelt seid ihr tot« sowie «Unser Ziel, die Ewigkeit Deutschlands«, vor.
In einer Fülle von Aufsätzen zu den unterschiedlichsten Themen der nationalsozialistischen Herrschaft in Rheinland-Pfalz werden alle relevanten Aspekte exemplarisch und detailliert ausgebreitet und in fundierten Betrachtungen sehr gut lesbar dargeboten. Wegen der großen Anzahl der Beiträge kann hier nur ein erster informativer Überblick gegeben werden.
Die Zielsetzung der »fakten- und quellengesicherten Bearbeitung und Erschließung der NS-Geschichte vor Ort« (Band I, S. 13) wird im ersten Band in vier Hauptkapiteln verfolgt, die jeweils von einem einleitenden Aufsatz eröffnet werden. Diese Aufsätze stellen die Bezüge der exemplarisch behandelten Themen und Ereignisse in den Zusammenhang zur allgemeinen Geschichte des Deutschen Reiches im Nationalsozialismus her, die folgenden Aufsätze untersuchen dann deren Auswirkungen für das heutige Rheinland-Pfalz anhand lokaler und biographischer Studien. Diese Strukturierung, die leider im Inhaltsverzeichnis nicht unmittelbar kenntlich gemacht wurde, ist in allen Bänden durchgängig eingehalten:
So eröffnet im ersten Band der Beitrag »Demokratie ohne Demokraten« von Hedwig Brüchert den ersten Abschnitt über die Krise und Zerstörung der Weimarer Republik und die Auswirkungen auf das heutige Rheinland-Pfalz, der dann durch die Detailstudien zu den Reaktionen im Raum Mainz auf die internationale Rheinpolitik (Günter Neliba) und zum rheinischen Separatismus (Gerhard Gräber/Matthias Spindler) sowie durch die biographischen Studien zu dem alldeutschen Politiker Dr. Heinrich Glaß (Ralph Erbar) und zu dem religiösen Sozialisten und Pazifisten Oswald Damian (Karlheinz Lipp) ergänzt werden.
Die zweite Abteilung über die frühen Jahre des Nationalsozialismus (Angelika Arenz-Morch) behandelt die Nazifizierung der Industriezentren (Michael Schepua über Ludwigshafen und Oppau) und ländlichen Regionen (Uli Jungbluth über den Westerwald) sowie einzelner Städte (Friedrich Schütz über die so genannte Machtergreifung in Mainz). Ergänzend zeigen zwei biographische Beiträge über das NS-Opfer Julius Frank (Wolfgang Kemp) und den Gauleiter Josef Bürckel (Hans Fenske) exemplarische Lebensläufe von NS-Gegnern und hohen Funktionären der NSDAP.
In der dritten Abteilung steht die Betrachtung und Dokumentation des zivilen Alltagslebens unter der nationalsozialistischen Herrschaft in der Frühphase des Dritten Reiches im Vordergrund. Nach Hans Berkessels konzentriertem Beitrag über die Inszenierung der Volksgemeinschaft als wichtigem Herrschaftsinstrument im Alltag zeichnet Gerhard Heck die Schulwirklichkeit eines Mainzer Gymnasiums in den Jahren 1935 bis 1937 nach. Anhand einer sehr detaillierten Betrachtung der Veranstaltungen und Neuerungen in der Schule (Schullandheimaufenthalt, Einrichtung eines »Ehrenhains« für die »Gefallenen der Bewegung«, Einrichtung eines Schießplatzes im Keller der Schule) zeigt Heck eindringlich auf, wie die schleichende Integration der Jugendlichen in die NS-Strukturen über veränderte Bildungsziele und Erfahrungsfelder und so eine ziemlich rasche »ideologische Subjektivierung« (Band I, S. 166) erfolgte, da viele Jugendliche sehr schnell zunächst außengeleitete, an nationalsozialistischen Idealbildern orientierte Wertvorstellungen übernahmen und internalisierten, was sich an der Vielzahl der freiwillig übernommenen Aufgaben und der dokumentierten Berufsziele der Jugendlichen (Offiziere und Staatsbeamte) ablesen lässt. Hecks Darstellung belegt allerdings auch die durch die einzelnen Lehrer individuell unterschiedliche Ideologisierung der Schüler, die eine teilweise Resistenz gegenüber der NS-Ideologie nahelegt: »In der Unterprima 2, die der Mathematik-Studienrat August Lambinet, und in der Oberprima 2, die Studienrat Karl Anstoß mit den Fächern Deutsch und Französisch zum Abitur führten, entschlossen sich nur jeweils 2 von 10 bzw. 14 für die Offizierslaufbahn.« (Band I, S. 167) Heck macht aber auch deutlich, wie gering die Möglichkeiten einer von der NS-Ideologie unbeeinflussten Sozialisierung der Jugendlichen waren, wenn die Eltern den scheinbar unpolitischen Rückzug ins Privatleben pflegten und so den Heranwachsenden nur eine diffuse Basis für deren kritisch-eigenständige gesellschaftliche und politische Bewusstwerdung boten. Zudem zeigt sich der Umstand, dass ein Teil der Elternvertretung offensichtlich sehr früh eine rasche Umsetzung der neuen nationalpolitischen Erziehungsziele einforderte, worauf der Jahresbericht 1935/36 mit dem ausdrücklichen Hinweis auf bereits wirksame Veränderungen (Schulungen im nationalpolitischen Bereich, Höherbewertung der deutschkundlichen Fächer) reagiert.
Nach Bernhard Schwanks Studie zur weltanschaulichen Schulung im Sport (Dietwesen) und Karl Heinz Debus' ausführlicher Darstellung der Situation der Kirchen unter dem NS-Regime im heutigen Rheinland-Pfalz eröffnet der Beitrag »Widerstand und Verfolgung 1933-1945« von Angelika Arenz-Morch und Hans Berkessel die vierte und umfangreichste Abteilung des ersten Bande S. 22 Einzeluntersuchungen zur Verfolgung der Juden und Sinti, zur Haltung des NS gegenüber Körperbehinderten, zum Thema Euthanasie und zur Rolle der politischen Polizei liegen vor, davon sind neun Aufsätze dem Widerstand aus der Arbeiterbewegung, dem Militär und der Kirche gewidmet, darunter sehr lesenswerte Portraits u. a. zu dem Gewerkschaftsführer Wilhelm Leuschner (Gerhard Beier), zu Ludwig Schwamb (Anton Maria Keim) und zum Gründer der »Schönstattbewegung«, Pater Josef Kentenich (Dieter Gube).
Der den ersten Band beschließende Artikel von Roland Paul über die Emigration und Deportation nach Frankreich leitet thematisch zugleich über zum zweiten Band, der den Schwerpunkt auf die Geschichte der nationalsozialistischen Lager im heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz setzt. Dieser Band ist in zwei große Abteilungen gegliedert und wird eingeleitet von einem äußerst informativen Einführungsbeitrag von Ursula Krause-Schmitt, Angelika Arenz-Morch und Hans Berkessel über das NS-Lagersystem der frühen Phase, das sich hinsichtlich der Grausamkeit und Unmenschlichkeit bei der Behandlung der Inhaftierten nur in der Dimension von den späteren Vernichtungslagern unterscheidet. Die Autoren verweisen mit Recht auf den noch unzureichenden Forschungsstand zu den KZ- und »Schutzhaft«-Lagern der Jahre 1933/34, von denen viele kaum erforscht sind, weil sie teilweise in andere Institutionen eingebettet waren, so zum Beispiel in die Polizeikasernen und die Justizvollzugsanstalten.
Der Beitrag bietet einen sehr guten Überblick über die weitere Entwicklung des Lagersystems im Dritten Reich von der administrativen Reorganisation der Lager nach 1934 bis zu den Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern sowie zum SS-Sonderlager/
KZ Hinzert, das eine besondere Stellung in der Hierarchie der nationalsozialistischen Lager einnimmt.
Die folgenden Beiträge gliedern sich in zwei große Themenkomplexe: Die Dokumentationen über das heute recht gut erforschte KZ Osthofen, seine Insassen und deren Bewacher, und die Forschungen zum KZ Hinzert mit seinen Außenlagern.
Nach Angelika Arenz-Morchs einleitendem Beitrag, der den aktuellen Forschungsstand über das KZ Osthofen dokumentiert, zeichnet Günter Neliba das Portrait von Dr. Werner Best, dem Verfasser der berüchtigten »Boxheimer Dokumente«, der später unmittelbar Heinrich Himmler unterstellt war und zeitweise das Amt des Stellvertreters von Heydrich im Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin innehatte. Neliba zeigt eine zugleich exemplarische und singuläre Karriere im Organisationsapparat des NS auf, die nach dem Ende des Dritten Reichs ihre Fortsetzung in hohen Kreisen der Industrie fand; so war Best seit den fünfziger Jahren als Justitiar und Mitglied des Direktoriums des Hugo-Stinnes-Konzerns tätig.
Darauf folgt Volker Gallés Portrait des Lagerleiters des KZ Osthofen, Karl d'Angelo. Dessen Werdegang reflektiert auch die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Nationalsozialismus mit d'Angelos Ausrichtung am volkssozialistischen Flügel der NSDAP unter dem Einfluss von Bürckel und Strasser, was nach Berichten von Insassen des KZ Osthofen dazu führte, dass politische Lagerinsassen – mit nur geringem Erfolg – nationalpolitischen Schulungen unterzogen worden sind. Dies schmälert jedoch nicht den überaus gewaltsamen Grundcharakter der Haftbedingungen in Osthofen, wie dann die folgende Darstellung von Heribert Fachinger über das Lagerleben im KZ Osthofen zeigt. In einer konzentrierten Betrachtung der Aspekte der Unterbringung, Verpflegung, medizinischen Versorgung bis hin zu den Foltermaßnahmen zeichnet Fachinger ein facettenreiches Bild des Alltags in diesem KZ aus der Frühphase.
Nach Elke Balzhäusers Beitrag über den Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff, der seit dem 21. Juli 1933 in Osthofen inhaftiert war und dort schwer misshandelt wurde, folgt eine Untersuchung des Germanisten Alexander Stephan über Authentizität und Fiktion in Anna Seghers' Roman »Das siebte Kreuz«, die neben den sonst eher faktenorientierten Beiträgen eine interessante Ergänzung bietet, da Stephan auf die Frage der Realitätsdarstellung des wohl berühmtesten antifaschistischen Romans über Widerstand und Verfolgung im Dritten Reich eingeht. Stephan stellt den Roman allerdings selbst ausdrücklich in den Zusammenhang zur alltags- und regionalgeschichtlichen Forschung, da Seghers aus ähnlichen Quellen (Tageszeitungen, Berichte von Parteifreunden etc.) den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund für die Zeichnung der Charaktere und der Landschaften in ihrem Roman konstruierte. Dabei zeigt Stephan auf, dass Anna Seghers sehr wohl das dörfliche Milieu Osthofens und dessen Alltagsrealität mit den größeren und kleineren Konzessionen der Menschen an die Machthaber wie auch die typischen Werdegänge der KZ-Aufseher recht präzise erfasst hat. Gerade in der knappen Zeichnung der Vorgeschichte der Aufseher trifft Seghers – so Stephan – die milieutypischen Werdegänge der historisch-realen Wachmannschaften, bis hin zum Vorbereitungscharakter der Aufgaben im fiktiven KZ Westhofen für spätere Einsätze in den Vernichtungslagern Dachau und Auschwitz. Stephan macht aber auch deutlich, dass das fiktive KZ des Romans im Unterschied zum realen KZ Osthofen selbst eher dem Typus der Vernichtungslager entspricht und nicht dem des »wilden KZ« aus der Frühphase des Dritten Reichs.
Die nachfolgenden Beiträge widmen sich alle dem SS-Sonderlager/KZ Hinzert und seinen Außenlagern, in dem im Unterschied zu Osthofen Luxemburger Widerstandskämpfer und russische Kriegsgefangene gezielt ermordet worden waren, wie Barbara Weiter-Matysiak in ihrem Basisartikel aufzeigen kann. In Hinzert wurde wegen der Baumaßnahmen am Westwall ab Anfang Oktober 1939 ein Polizeihaftlager zur Disziplinierung der Westwall-Arbeiter eingerichtet, zur gleichen Zeit wurde auch das
SS-Sonderlager Hinzert auf demselben Terrain installiert. Nach 1940 dem Inspekteur der KZ unterstellt, entwickelte sich Hinzert mehr und mehr zu einem Vernichtungslager für Strafgefangene aus der Sowjetunion, die unter den berüchtigten Kommissar-Befehl fielen, und streikende Luxemburger Arbeiter, die zwangsverpflichtet worden waren. Die Häftlinge wurden für schwere Arbeiten ausgeliehen und zu Außenkommandos eingesetzt, vorwiegend auf gefährdeten militärischen Flugplätzen.
Dem Beitrag ist ein detailliertes Verzeichnis der Nebenlager mit Einsatzort, Häftlingszahl, Tätigkeiten und Dauer angehängt, welches das Ausmaß dieser Lagerstruktur eindrucksvoll dokumentiert.
Volker Schneiders Aufsatz über den Kommandanten des Lagers Hinzert, Egon Zill, und den dritten Kommandanten, Paul Sporrenberg, wird ergänzt durch Matthias Alexander Gerstlauers Betrachtung über die Häftlinge des KZ Hinzert.
Neben diesen historisch-biographisch orientierten Untersuchungen, die in fundierter Darbietung den aktuellen Forschungsstand über die Lager im heutigen Rheinland-Pfalz präsentieren, steht die kleine, aber sehr eindringliche Studie von Uwe Bader zu den künstlerischen Zeugnissen der Häftlinge von Hinzert, so zu Jean Darigault und zu den Luxemburgern Lucien Wercollier, Albert Kaiser und Foni Tissen. Die Luxemburger Häftlinge leiten die Betrachtungen dann zum nächsten Aufsatz über, in dem Paul Dostert die bislang von deutscher Seite nur wenig erforschten Folgen der deutschen Besatzung in Luxemburg darstellt. Von der volksdeutschen Bewegung über die scharfen Repressionsmaßnahmen unter der Besatzung bis hin zu Standrecht und Ausnahmezustand nach den Streiks gegen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Luxemburger im August 1942 sowie zur Ermordung der Luxemburger Juden zwischen 1941 und 1943 dokumentiert Dostert die Leiden der Luxemburger Bevölkerung in den Jahren bis zum Ende des Krieges.
Zwei Beiträge zum KZ Außenlager Wittlich (Dieter Burgard), zum Außenlager des KZ Hinzert in Mainz-Finthen (Daniela Brunner und Justus Obermeyer) und zu den Außenlagern des KZ Natzweiler in Cochem/Mosel (Ernst Heimes) runden die Dokumentation und Erforschung der Lager auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz ab.
Der Band schließt mit der umfangreichen Studie von Volker Schneider über Gustav Simon, dem Gauleiter »Moselland«, und dessen Verantwortung für das KZ Hinzert sowie für die Besatzungsmaßnahmen in Luxemburg, bei denen er u. a. die Massenerschießungen von Luxemburger Widerstandskämpfern am 25. Februar 1944 zu verantworten hatte.
Der dritte Band steht im Zeichen der Darstellung des Kriegsalltags der Zivilbevölkerung und der Fremd- und Zwangsarbeiter mit Lebensmittelrationierung, Lohnstopp und staatlicher Repression durch Sondergerichte sowie der Dokumentation der unmittelbaren Nachkriegszeit und ihren zentralen Themen und Problemen (Wohnungs- und Versorgungsnot, Entnazifizierung, Besatzungspolitik) und einem Ausblick auf den Rechtsradikalismus in seinen Erscheinungsformen in unseren Tagen.
Auch in diesem Band bewährt sich die Grundstruktur der Sammlung, die nach einleitenden Beiträgen – hier zur Geschichte der Kriegsjahre 1939 bis 1945 (Barbara Weiter-Matysiak) – konzentrierte und exemplarische Detailbetrachtungen bietet, die in ihrem unmittelbar regionalen oder persönlichen Bezug die Lebenssituation der Bevölkerung in diesen Jahren in vielen Facetten und Aspekten erhellen. So zeigt der Artikel des leider schon 1999 verstorbenen Hans Hess die Kriegsvorbereitungen am Beispiel des Westwallbaus und der Zwangsräumungen im ehemaligen Landkreis Bergzabern auf. Minuziös schildert Hess anhand zahlreicher Dokumente die Vorgänge der Kriegsvorbereitungen an der südlichen Weinstraße von der Ankündigung der Räumungen bis hin zur Verminung des Geländes, teilweise sogar noch unter Anwesenheit der ansässigen Dorfbevölkerung. Berichte über erfolgte Plünderungen und Zerstörungen in den geräumten Siedlungen durch deutsche Soldaten bis zur Rückkehr der Einwohner ergänzen und korrigieren das Bild der damals oft beschworenen Volksgemeinschaft.
Auf Jochen Dollwets Analyse von Feldpostbriefen als Spiegel des Kriegsalltags folgen drei Aufsätze zur Zwangsarbeit im heutigen Rheinland-Pfalz: Christine Hartwig-Thürmer stellt die Lebenssituation der Zwangsarbeiter im MAN-Werk und im VDM-Werk Mainz-Gustavsburg dar. Michael Martin dokumentiert die zahlreichen Einzellager für Zwangsarbeiter in Landau, und Inge Zimmermann schildert das Verfahren der Zwangsarbeiter-Zuweisung im Kreis Kaiserslautern, den »Verkauf« von Arbeitskräften im südpfälzischen Bereich und die extrem unterschiedlichen Lebensbedingungen in den städtischen Lagern und den landwirtschaftlichen Betrieben.
Danach zeigt Eginhard Scharf in einer eindringlichen und mit vielen Dokumenten aus der Neustädter Gestapo-Stelle belegten Studie die Verfolgung pfälzischer Frauen auf, die sich des »verbotenen Umgangs mit Ausländern« schuldig gemacht hatten. Die Konzentration auf verfolgte Frauen ergibt sich dabei aus der Sachlage, dass 76 von 100 Gestapoakten zum Kontakt der Bevölkerung mit »Ausländern« Frauen betrafen, 49 davon mit einer vermuteten oder nachgewiesenen Liebesbeziehung. Die drakonischen Strafmaßnahmen mit Entehrung und mehrjährigem Zuchthaus führten bei Verdächtigen zu teilweise panikartigen Reaktionen bis hin zum Selbstmord. Zugleich zeigen die »Stimmungsberichte« der Gestapo nach öffentlichen Hinrichtungen der angeklagten Zwangsarbeiter, dass die Bevölkerung häufig die gleiche Strafe auch für die Frauen forderte, weshalb von einer Resistenz der Landbevölkerung gegenüber den »volkshygienischen« Ideologemen des Nationalsozialismus nicht gesprochen werden kann, auch wenn die Behandlung der Zwangsarbeiter auf dem Land oft besser war als in städtischen Lagern.
Die folgenden Studien leiten dann in die Spätphase des Krieges über: Uli Jungbluth dokumentiert die Produktionsstätten der V-Waffen in Eifel und Westerwald mit deren Einsatz von KZ-Häftlingen, Hans-Peter Klausch zeigt in zwei Aufsätzen die Geschichte des Wehrmachtsgefängnisses Germersheim und des Truppenübungsplatzes Baumholder auf, der als Aufstellungsort der Bewährungstruppe 999, dem bekannten Strafbataillon 999, diente. Diese Wehrmachtsformation aus »Wehrunwilligen« kann Klauschs Untersuchungen zufolge zum großen Teil dem politischen antifaschistischen Widerstand zugerechnet werden, da viele Angehörige im Laufe des Einsatzes, so in Griechenland, zum gegnerischen Widerstand überliefen.
Manfred Köhler und Sylvia Henninger zeichnen dann das Leben des Wormser Deserteurs Friedrich Bergsträsser nach, ein Beispiel für die immer noch verkannte, humanistisch und politisch motivierte Desertion.
Die dann folgende Studie Wolfgang Hans Steins zu den Standgerichten stellt deren gegenüber der einfachen Bevölkerung rücksichtslose sozialdisziplinierende Funktion in der Vorkriegs- und Kriegszeit dar, die der Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft sowie der Erhaltung der sozialen Herrschaftsordnung diente. Stein macht deutlich, dass die gefällten Urteile auf der Basis der NS-Rechtsverordnungen strikt justizmäßig vorgingen, dass zugleich aber die Straftatbestände in der Bewertung der Fakten den Richtern einen erheblichen Entscheidungsspielraum boten, so dass die Frage nach der Verantwortlichkeit der Richter jenseits der Formalien der Justizmäßigkeit ihrer Urteile bewertet werden muss.
Die Aufsätze von Wolfgang Kemp zu den Morden auf dem Kornsand bei Nierstein und von Hans-Georg Meyer über den Ingelheimer Hermann Berndes, der als NS-Funktionär die Verteidigung von Ingelheim durch den Volkssturm verweigert hatte und deshalb hingerichtet wurde, leiten über zur Betrachtung der Nachkriegszeit. Hedwig Brücherts Einführung zeigt die Vorgänge der alliierten Besatzung von der Entnazifizierung über die Kulturpolitik bis zur Schaffung des Landes Rheinland-Pfalz sowie den Umgang mit der Nazizeit in den Jahren bis 1954 auf.
Alexander Link entfaltet am Beispiel der Landeshauptstadt Mainz die verschiedenen Aspekte der Versorgungsnot in den ersten Nachkriegsjahren, Rainer Möhler dokumentiert die Entnazifizierungspolitik der französischen Besatzungsmächte bis hin zur Auflösung der Säuberungsbehörde am 30. September 1952.
Die Aufsatzsammlung schließt mit Eckard Hankes Darstellung der Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen anhand des Falles des Leutnants von Lehnigk-Emden vom Oktober 1943 in der italienischen Gemeinde Caiazzo, im Dorf San Giovanni e Paolo nahe Neapel. Dort hatte der damals 21-jährige Offizier nach einer Erschießung angeblicher Partisanen die überlebenden Familien, Frauen und Kinder, unter Mithilfe zweier Unteroffiziere getötet; 22 Männer, Frauen und Kinder wurden bestialisch ermordet. Die Tat wurde 1992 zur Anklage gebracht und nach einem Streit über die formale Verjährung 1995 vor dem Bundesgerichtshof als verjährt erklärt.
Der dritte Band bietet neben den üblichen Orts-, Namens- und Sachregistern eine vorzügliche Bibliographie zum Thema, die zudem noch durch ein eigenes thematisches Register ergänzt wird, das den direkten Zugriff auf Themen und Orte über die aufgelisteten Schriften ermöglicht.
Mit der dreibändigen Sammlung liegt jetzt eine Darstellung des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz vor, die in der Breite ihres Betrachtungsansatzes ihresgleichen sucht und mit ihrer fundierten und immer gut lesbaren Darbietungsweise für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit wie auch für interessierte Fachleute und Laien die erste Adresse für Recherchen und Grundinformationen sein wird. Die vorzügliche Bibliographie und die ausgefeilten Register, die einen schnellen Zugriff auf die unterschiedlichsten Themen und Orte bieten, ermöglichen den Leserinnen und Lesern eine intensive und rasche Nutzung der Beiträge wie auch die Suche nach weiterführenden Publikationen.
Die drei Bände werden auf Jahre hinaus das Standardwerk zum Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz bilden und es ist zu wünschen, dass sie auch und gerade den Zugang zu allen Schulbibliotheken des Landes finden. Der immer häufiger wahrzunehmende Überdruss der Schülerinnen und Schüler gegenüber dem Thema Nationalsozialismus kann und muss genau dort überwunden werden, wo das Thema die eigene Heimat und Erfahrungswelt, den Heimatort und die nähere Umgebung berührt, denn besonders dort kann das Vergangene erinnert und in seiner Vergegenwärtigung sichtbar gemacht werden.
Hans-Georg Meyer, Hans Berkessel (Hrsg.)
Die Zeit des Nationalsozialismus
in Rheinland-Pfalz Band 1: »Eine nationalsozialistische Revolution
ist eine gründliche Angelegenheit«.
520 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten,
gebunden, DM 68
Band 2: »Für die Außenwelt seit ihr tot!«
329 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten,
gebunden, DM 49,80
Band 3: »Unser Ziel die Ewigkeit Deutschlands«.
280 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Dokumenten, Bibliographie zur Reihe, gebunden, DM 49,80